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Schlagwort: Jedermann

  • Inklusion versus Exklusion

    Inklusion versus Exklusion

    Zu Programm und Publikum der Salzburger Festspiele

    SARA LEITNER: Assoziieren Sie die Begriffe „Kulturbetrieb“ und „Diversität“ mit den Salzburger Festspielen?

    AMÉLIE NIERMEYER: Nein, überhaupt nicht.

    SARA LEITNER: Wofür stehen die Salzburger Festspiele für Sie im Kontext von Viel­falt, Diversität, Inklusion und Exklusion?

    AMÉLIE NIERMEYER: Meine Studierenden würden sagen, dass die Salzburger Fest­spiele ein Ort sind, an dem alte weiße Männer alte Stücke inszenieren. Das ist vielleicht etwas vereinfacht formuliert, fasst die Tatsache im Großen und Ganzen aber gut zusammen – und zwar mit Blick sowohl auf das Musiktheater als auch auf das Schauspiel.

    SARA LEITNER: Wie begründen Ihre Studierenden diese Außen-Wahrnehmung?

    AMÉLIE NIERMEYER: Sie begründen sie mit der Auswahl der Personen, die Regie führen und deren Stücke gespielt werden. Bei den Salzburger Festspielen wird gespielt, was man kennt, und es inszenieren momentan hauptsächlich Regis­seure, die schon seit 30 Jahren die Bühnen bestimmen. Es gibt weder eine Zu­sammenarbeit mit der jüngeren Generation noch mit Personen, die nicht „weiß“ sind und die im Kulturbetrieb benachteiligt werden. Seit es das Young Directors Project nicht mehr gibt, gibt es auch kaum noch Diversität in der Altersrange. Es gibt keine „People of Color“, kaum Frauen und auch keine Newcomer in der Regie. Es wird all das gezeigt, was im Kulturbetrieb sowieso schon ganz oben ist, obwohl der Gedanke der Festspiele meiner Meinung nach ein anderer ist – näm­lich, dass man neue Strömungen sucht und versucht, innovativ zu denken. Ich finde, dass wenig von dem gezeigt wird, was im deutschsprachigen Raum und international wirklich von Relevanz ist.

    SARA LEITNER: Findet die von Ihnen angesprochene Exklusion Ihrer Meinung nach ausschließlich bei der Auswahl der Mit­wirkenden oder auch bei der Gestal­tung des Programms statt?

    AMÉLIE NIERMEYER: Die Mitwirkenden sowie die Ästhetik einer Inszenierung bestimmen – bis auf wenige Ausnah­men – die Regisseur*innen. 2018 gab es bei der Produktion La clemenza di Tito beispielsweise die Entscheidung, dass nur PoC-Solistinnen auf der Bühne ste­hen. Das war eine beeindruckende Arbeit von Peter Sellars. Abseits von diesem Beispiel ist aber im Musiktheater kein Versuch der Inklusion erkennbar – weder in Besetzungsfragen, noch bei der Auswahl der Autor*innen, Komponist*innen oder Regisseur*innen. Es ist schon ein Glücksfall, wenn die Kostümbildnerin eine Frau ist. Am Ende einer Premiere stehen zumeist Männer auf der Bühne und verbeugen sich. Von anderen – z.B. queeren – Personengruppen ganz zu schwei­gen. Obwohl wir in den letzten fünf Jahren eine Schauspieldirektorin hatten, ist leider auch in diesem Bereich wenig passiert.

    SARA LEITNER: Werden gesellschaftspolitische Themen, die Diversität betreffen, bei den Salzburger Festspielen in irgendeiner Form aufgegriffen?

    AMÉLIE NIERMEYER: Im letzten Projekt von Karin Henkel, Liebe (Amour), hat die Re­gisseurin versucht, Themen anzuspre­chen, die gesellschaftspolitisch relevant sind. Ich habe es noch nicht gesehen, finde aber, dass es nach einem interes­santen Vorgang klingt. Auch ein span­nender Theaterabend war das Projekt von Helgard Haug Der Kaukasische Krei­dekreis, wo Menschen mit Beeinträchti­gungen auf der Bühne standen. Beides tolle Frauen, aber Ausnahmen.

    SARA LEITNER: Sind die Salzburger Fest­spiele überhaupt ein Ort, an dem eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen stattfinden kann?

    AMÉLIE NIERMEYER: Das könnten sie sein. Ich glaube, dass das Publikum in diesem Punkt unterschätzt wird. Es wird immer gesagt, dass das Publikum ausschließ­lich nach „big names“ und einer bestimmten Ästhetik verlangt, wie z.B. nach je­ner von Christof Loy in der Oper. Es soll also alles so wie immer sein, gleichzeitig aber modern aussehen, was dazu führt, dass z.B. die Art und Weise, wie Frauen dargestellt werden, häufig stark veraltet ist. Ich glaube, dass die Zuschauenden sehr wohl offen gegenüber Neuerungen wären, weil sie sich aus kulturinteres­sierten Personen zusammensetzen. Natürlich wollen sie „big names“ im Musik­theater sehen, sie wollen aber auch an einem Festival teilnehmen, das am Puls der Zeit ist. Das sind die Festspiele aber nicht, was im Vergleich zur Ruhrtrien­nale und den Wiener Festwochen auffällt.

    SARA LEITNER: Das Publikum war auch bei dem Gespräch, das ich mit Helgard Haug und Lea Susemichel geführt habe, ein Thema. In diesem hat Lea Susemichel auch Kritik am Publikum geübt.

    AMÉLIE NIERMEYER: Die Intendanz der Festspiele muss den Spagat schaffen zwi­schen der Erwartungshaltung des Publikums, das die hochpreisigen Karten bezahlt, und den Erwartungen des Feuilletons, das das Besondere erhofft. Der jetzige Intendant fährt dadurch den Kurs, die Männer zu engagieren, die momentan überall an den großen Häu­sern zu sehen sind, und das gefällt dem Publikum und fordert es wenig. Die Personen würden aber auch nach Salzburg kommen, wenn sie mehr ge­fordert würden. Das konnte man beim großen Publikumserfolg bei der un­bekannten Oper The Greek Passion er­fahren. Ich glaube nicht, dass man die Zuschauenden verlieren würde, wenn man diverser aufgestellt wäre und ei­nem breiteren Publikum eine Teilnah­me ermöglichen würde. Letzteres ver­unmöglichen die hohen Ticketpreise. Personen, die nicht im künstlerischen Bereich tätig sind und die Möglichkeit haben, mithilfe von Kontakten an Gene­ralproben-Tickets zu gelangen, können sich eine Teilnahme an einer Aufführung der Salzburger Festspiele kaum leisten. Man könnte ein größeres Kontingent an Tickets für junge Menschen einführen oder bezahlbare Tickets, sodass auch die Besucher*innen diverser aufgestellt wären. Immerhin werden die Salzburger Festspiele auch von Staat und Land gefördert.

    SARA LEITNER: Werden im Programm der Salzburger Festspiele Ihrer Meinung nach Themen wie globale Zusammenhänge bzw. Globalität generell, Kolonialismus oder Postkolonialismus aufgegriffen?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ich habe natürlich nicht jede Vorstellung gesehen, aber eine Auseinandersetzung mit diesen Themen ist mir nicht aufgefallen.

    SARA LEITNER: In den Gründungsschriften zu den Festspielen von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal ist ein ganz bestimmter Kunstbegriff erkennbar. Die Kunst, die in Salzburg gezeigt werden soll, wird als etwas durch und durch Schönes und Freudebringendes verstanden. Die Salzburger Festspiele sollen ein Zufluchtsort sein. Denken Sie, dass dieses Kunstverständnis noch heute Einfluss auf den Umgang mit bestimmten Themen hat?

    AMÉLIE NIERMEYER: Es gibt viele Festivals, die vor 100 Jahren anders waren als heu­te. Ihre Funktion ist es aber, das gegenwärtige kulturelle Leben widerzuspiegeln und innovativ zu beeinflussen. Es wäre deshalb überfällig, Postkolonialismus bei den Salzburger Festspielen zu thematisieren, es fehlt eine globale Perspektive, der westliche Kanon wird stetig wiederholt. Ich glaube auch, dass Max Reinhardt die Funktion der Festspiele heute anders definieren würde. Die Festspiele wur­den in einer Zeit gegründet, die von einem anderen Denken geprägt war. Warum sollte man dieses Gedankengut übernehmen? Immerhin hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Wir als Kulturschaffende sind dafür verantwortlich, uns mit der gesellschaftlichen Realität auseinanderzusetzen oder Utopien zu schaffen. Wir sind nicht dazu da, etwas umzusetzen, das Max Reinhardt vor mehr als 100 Jahren gesagt hat. Das ist vor allem in Zeiten wie diesen wichtig, in denen die FPÖ weiter an Macht gewinnt und wir fürchten müssen, dass in vielen Bereichen in Österreich – gerade in der Kunst – ein „Backlash“ stattfindet.

    SARA LEITNER: Helgard Haug hat in unserem Gespräch über das Kunstverständnis der Salzburger Festspiele auf Basis ihrer Erfahrungen nachgedacht und gemeint, dass zwischen den verschiedenen Bereichen – also Schauspiel, Oper und Konzert – differenziert werden muss. Wie nehmen Sie das wahr?

    AMÉLIE NIERMEYER: Die Erwartungshaltung beim Musiktheater ist häufig etwas konservativer, weil die Kompositionen und Libretti immer gleich sind und nicht dekonstruiert werden dürfen. Dadurch kommt dem Schauspiel häufig die Funk­tion zu, verstörend und aufwühlend zu sein. Außerdem werden bei den Salzbur­ger Festspielen wenig zeitgenössische Opern und Uraufführungen gespielt. So muss es aber nicht sein. Es gibt viele Drei-Sparten-Häuser, die im Musiktheater etwas wagen und zumindest zwei zeitgenössische Werke pro Spielzeit auffüh­ren. Denn das Musiktheater kann progressiv sein – auch bei den Festspielen. Es gibt Dirigent*innen, die dazu bereit sind, in Opern einzugreifen und Libretti leicht anzupassen. Es hängt also davon ab, wen man für bestimmte Positionen aussucht. Ich stimme Helgard Haug zu, dass man bei den Festspielen vor allem beim Schauspiel eine progressivere Erzählung erwartet als die, die im Musik­theater anzutreffen ist. Diese Vorstellung entspricht aber nicht dem zeitgenös­sischen Narrativ der Sparten, sondern einer veralteten Erwartungshaltung der Zuschauer*innen.

    SARA LEITNER: Es gibt also hier gewisse Stereotype?

    AMÉLIE NIERMEYER: Auf jeden Fall. Ich kenne aber auch viele ältere Abonnent*innen, die – weil sie schon so viel erlebt haben und regelmäßig in die Oper gehen – sehr weltoffen sind. Älte­re Abonnent*innen wollen nicht immer altes Theater sehen.

    SARA LEITNER: In den Gründungsschrif­ten der Salzburger Festspiele spielt die identitätsstiftende Funktion von Fest­spielen eine große Rolle. Nach Rein­hardt und Hofmannsthal sollen die Festspiele dabei helfen, die österreichi­sche Identitätskrise zu lösen. Folglich ist in diesen Schriften ein starker Eurozentrismus und auch (Deutsch-)Nationalis­mus erkennbar. Welche Funktion haben die Festspiele Ihrer Meinung nach? Geht es nach wie vor um Identitätsstiftung? Wenn ja, spielen Konzepte wie (Deutsch-)Nationalismus und Eurozentrismus auch heute noch eine Rolle?

    AMÉLIE NIERMEYER: Der Fokus liegt klar auf dem, was in Österreich und Deutsch­land als Kunst und Kultur definiert wird. Das hat sicher damit zu tun, dass in diesen Ländern mehr Geld in Kunst und Kultur gesteckt wird als in vielen ande­ren. Gerade in Österreich ist das so. Das kulturelle Leben hat in Österreich einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Dafür bin ich als Künstlerin dankbar, bemerke aber auch, dass diese Priorisierung mit dem Gedanken einhergeht, dass die Österreicher*innen wissen, was Kunst ausmacht. Identitätsstiftend ist oft ein Selbstbestätigungsritual westlicher Hochkultur. Die Festspiele sind meiner Mei­nung nach also kein Festival, das die Welt widerspiegelt und wenn, dann le­diglich den Eurozentrismus. Österreich und Deutschland sind postmigrantische Gesellschaften, und die europäischen Theater hätten die Mammutaufgabe, sich mit dem Kolonialismus auseinanderzusetzen. Für die Zuschauer*innen wäre es interessant, etwas zu erleben, das sie nicht kennen und das nicht unserem Ka­non entspricht. Aber mir scheint, dass zurzeit mehr Menschen ins Theater ge­hen, weil sie die globalen Krisen ausblenden wollen. Die Sehnsucht danach, kurz Ruhe zu haben, spürt man gerade überall. Die Menschen sind vor allem durch den Ausbruch zweier Kriege belastet.

    SARA LEITNER: Helgard Haug hat etwas Ähnliches zur Aktualität von Identitäts­krisen gesagt. Glauben Sie auch, dass unterschiedliche Dinge der Gesellschaft Stabilität nehmen – wie z.B. der Krieg in der Ukraine, aber auch Debatten, die in­nerhalb der Gesellschaft geführt werden – und dazu führen, dass die Salzburger Festspiele tatsächlich die Funktion einnehmen, identitätsstiftend zu sein?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ich sehe das genauso wie Helgard Haug. Das zwingt die Salz­burger Festspiele aber nicht dazu, etwas ästhetisch Abgesichertes zeigen zu müs­sen. Sie könnten dennoch das troststiftende Element von Kunst ab und zu in den Vordergrund rücken und zeigen, dass man darin Ruhe finden kann. Menschen aus Israel haben gesagt, sie finden wieder Zugang zu ihren Gefühlen, weil sie z.B. Igor Levit spielen gehört haben. Das zeigt, welche Funktion Kunst einneh­men kann. Diese Funktion zu erfüllen, ist nicht unbedingt die Hauptaufgabe der Festspiele, sie ist aber ein Teilaspekt. Das haben wir nach Corona erlebt. Bei den Festspielen sollte man aufgewühlt und erschüttert werden, doch hier ärgert man sich höchstens, wenn etwas langweiliger ist, als erwartet. Man unterschätzt die Menschen – selbst in Anbetracht der jetzigen Krisenzeiten. Die Festspielhäuser und die Felsenreitschule sind Orte, die man kennt und an denen man sich wohl­fühlt. Diese Orte könnten dadurch ein Platz sein, wo man Aufwühlendes und Bewegendes erlebt.

    SARA LEITNER: Helgard Haug hat in diesem Kontext den Begriff des Rituals einge­führt. Glauben Sie, dass die Salzburger Festspiele ein Ritual sind?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ja, die Besucher*innen kommen nach Salzburg und schlafen immer wieder in denselben Hotels oder fahren in ihre Wohnungen, die nur während der Festspielzeit genutzt werden. Sie wollen in Salzburg das Fest­spiel-Leben genießen und ihre Kleider ausführen. All diese ritualisierten Dinge sind Teil der Festspiele. Das Ritual können nur die praktizieren, die eingeweiht sind und den Code kennen. Interessant wäre es, neue Rituale einzuführen, wie z.B. den Festival Campus bei der Ruhrtriennale, der andere junge Menschen ansprechen würde. Es gab Intendanten, die mehr gewagt haben, wie zum Bei­spiel Gerard Mortier. Aber divers war es auch damals nicht. Das war es eigent­lich nie.

    SARA LEITNER: Haben die Salzburger Festspiele einen identitätsstiftenden Charak­ter, weil sie in Österreich stattfinden? Ist die Kopplung von nationaler Identität mit Kunst ein österreichisches Spezifikum?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ja, aber diese Kopp­lung ist meiner Meinung nach auch positiv zu bewerten. Den Menschen bedeutet Kunst, das Theater tatsächlich etwas. Das äußert sich in unterschied­lichen Bereichen – beispielsweise bei der Wohnungssuche. Wenn man in Wien sagt, man ist Schauspieler*in oder Regisseur*in, bekommt man sofort ein Angebot. In Deutschland ist das schon lange nicht mehr so. In Salzburg wieder­um – einem Ort, der nicht nur die schöne Altstadt feiern kann, sondern auch das schöne Umland – äußert sich diese positive Kopplung damit, dass das Schöne der Natur gemeinsam mit der Kunst wahrgenommen wird. Das ist genauso ein Markenzeichen von Salzburg wie die Mozartkugeln und die Kulisse der Berge.

    SARA LEITNER: Lea Susemichel hat in diesem Kontext den Umstand beschrieben, dass die Identität in Österreich im Theater immer vom Publikum mitverhandelt wird, was sich mit Blick auf unterschiedliche Theaterskandale äußert. Kann man diese emotionale Involviertheit des Publikums nutzen, oder stellt sie einen Nach­teil dar?

    AMÉLIE NIERMEYER: Die Presse nutzt diesen Umstand gerne aus. Das hat sich vor allem bei den Berichterstattungen um die Darstellerin der Buhlschaft gezeigt. Das war Sexismus pur. Ob die Zuschauer*innen genauso denken, weiß ich nicht. Sie werden jedenfalls stark von der Presse beeinflusst, die wiederum vorgibt, dass eine Buhlschaftsdarstellerin dem Bild entsprechen muss, das von alten Männern vorgegeben wird. Ob das der Realität entspricht, wage ich zu bezweifeln. Dass die Zuschauenden eine Meinung zu Kunst haben und diese auch lautstark äu­ßern, nehme ich positiv wahr. Das zeigt sich auch bei Publikumsdiskussionen. Die Menschen haben oft eine sehr deutliche Meinung und lieben es, diese deut­lich zu kommunizieren.

    SARA LEITNER: Spielen Ausschlussmechanismen – so wie sie vor allem bei der Kons­truktion von Identität auftreten – bei den Salzburger Festspielen eine Rolle?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ja, die Personen, die es sich leisten können, an Veranstaltun­gen der Salzburger Festspiele teilzunehmen, sind die Reichen, die in ihrer eige­nen „bubble“ leben. Das äußert sich beispielsweise anhand von vermeintlichen Dresscodes. Einige meiner Studierenden wurden bei einer Vorstellung sofort ne­gativ beäugt, weil ihr Gewand nicht der Kleiderordnung entsprochen hat.

    SARA LEITNER: Haben diese Ausschlussmechanismen auch Auswirkungen auf die Auswahl derjenigen, die aktiv an den Festspielen mitwirken können? Gibt es Verfahren oder Entscheidungen bei der Auswahl aller Mitwirkenden, die zeigen, dass bestimmte Personengruppen explizit ausgeschlossen werden und nicht mit­machen können?

    AMÉLIE NIERMEYER: Nein. Es ist mittlerweile eine gewisse Weltoffenheit zu sehen, zumindest die Bemühung. Ich glaube, dass eine Bewegung und Versuche erkenn­bar sind, weil man bei den Festspielen weiß, dass es so nicht mehr weitergeht.

    SARA LEITNER: Spielen Dinge wie (Deutsch-)Nationalismus und Eurozentrismus eine Rolle?

    AMÉLIE NIERMEYER: Dass Nationalismus ein Problem ist, sieht man am Erstarken der FPÖ. Ich war erschrocken, dass der jetzige Intendant die Proteste gegen die FPÖ als übliche Erregungsrituale herabstufte. Das zeigt eine bestimmte Denk­weise. Die FPÖ hätte bei dem Programm, das zurzeit läuft, nämlich ohnehin kei­nen Grund, sich zu beschweren. Als ob sich die Gefahr der FPÖ auf die Einmi­schung in künstlerische Programme beschränken würde.

    SARA LEITNER: Gibt es Bemühungen, bei der Auswahl der Mitwirkenden – vor allem mit Blick auf Menschen mit Beeinträchtigungen – inklusiver zu sein?

    AMÉLIE NIERMEYER: Das Projekt von Helgard Haug ist das einzige, das mir be­kannt ist. Bei uns am Mozarteum wurden auch Schauspiel- und Regiestudierende mit Beeinträchtigung aufgenommen. Das gab es vorher nicht. Das Thomas Bernhard Institut am Mozarteum ist insgesamt sehr divers aufgestellt und ist auch dafür sehr bekannt. Anders als die restlichen Theater, die sich bei mir nach Studierenden erkundi­gen, die nicht der Norm entsprechen, haben die Festspiele bisher kein Interesse daran gezeigt, diese zu inkludieren.

    SARA LEITNER: Lea Susemichel hat die Funk­tion der Festspiele wie folgt zusammenge­fasst: „Hier ist die High Society, ihr geht es um Sekt und Selfies. Es handelt sich dabei nicht um Bildungsbürger*innen. Bei diesem Theaterbesuch geht es – um es mit Bourdieu zu sagen – um Distink­tionsgewinn, darum, eine bestimmte kulturelle Elite sein zu wollen, die mit den Salzburger Festspielen eine Geschmacksdistinktion demonstrie­ren will.“

    AMÉLIE NIERMEYER: Das beschreibt ei­nen Teil des Publikums sehr gut. Ich behaupte aber, dass diese Gruppe nur 20 % des Publikums ausmacht. Sie stellt ein Spezifikum von Fest­spielen dar und gibt es überall bei großen Opern-Events. Im Publikum der Festspiele findet sich aber auch ein großer Teil von Menschen, die sich wirk­lich für Kunst interessieren und viel Geld investieren, um zu den Festspielen kommen zu können. Genauso gibt es viele Menschen, die sich gerne etwas anschauen würden, es sich aber einfach nicht leisten können. In den Auffüh­rungen des Jedermann sieht man z.B. andere Zuschauer*innen als in anderen Vorstellungen.

    SARA LEITNER: Lea Susemichel hat in diesem Kontext festgestellt, dass die Salzbur­ger Festspiele eine Eliteveranstaltung sind und man deswegen hingeht. Schlie­ßen Sie sich dieser Aussage an?

    AMÉLIE NIERMEYER: Die Salzburger Festspiele sind ein Ort, an dem man Gleichge­sinnten begegnet und diese jährlich wiedertrifft. Das ist eine bestimmte kulturinteressierte „Rich-people-Blase“. Ob diese beweisen muss, dass sie Geld hat, bezweifle ich. Das hat diese Personengruppe vermutlich nicht nötig. Und Sie fi­nanzieren diese Hochkultur, das schätze ich an ihnen. Diese „very rich people“ gehen dann auch am Nachmittag in bestimmte Galerien, in denen man fast eine Million für ein Bild ausgibt.

    SARA LEITNER: Sind die Salzburger Festspiele nicht nur eine Bühne für die Inszenie­rungen, sondern auch eine Bühne für das Publikum?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ja, aber auch im guten Sinne. Außerdem muss man hier zwi­schen bestimmten Veranstaltungen und Branchen unterscheiden. Bei manchen Opernpremieren kann davon gesprochen werden, dass sie eine Bühne für das Publikum darstellen. Beim Jedermann ist das anders, die Preise sind auch mo­derater. Es gibt also nicht nur die, die von Helgard Haug und Lea Susemichel beschrieben werden, sondern auch eine andere Personengruppe, die an den Fest­spielen teilnimmt, Familien aus dem Umland. Auch bei den Generalproben ist ein anderes Publikum als bei den Vorstellungen oder bei den Premieren zu beob­achten. Und das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ erreicht mit einem viel zu kleinen Etat sogar die Schulklassen. Diese neue Einrichtung sollte man bei den Festspielen deutlich mehr unterstützen.

    SARA LEITNER: Wenn Sie einen Appell an die Salzburger Festspiele richten könnten, in dem es um den gesellschaftlichen Anspruch der Vielfalt bzw. die Inklusion bestimmter Personengruppen geht, wie würde er lauten?

    AMÉLIE NIERMEYER: Da gäbe es viel zu sagen. Die Salzburger Festspiele müss­ten die Themen widerspiegeln, die junge internationale Autor*innen und Komponist*innen beschäftigen. Auch die Altersrange müsste diverser sein und der Frauenanteil auf 50 % erhöht werden. Es müsste in jeder Hinsicht diverser sein – auch, was die Einbindung von quee­ren Personen und People of Color betrifft. Die Stoffe müssten im Bezug zu dem stehen, was gerade in dieser Welt passiert, und sich dazu deutlich verhalten. Ein Festival, das auf diese großen finanziellen Mittel zurück­greifen kann, die den Festspielen zur Ver­fügung stehen, hat nicht nur die Aufgabe, sondern auch die Verantwortung, auf Strö­mungen zu reagieren, die gerade entstehen und diese künstlerisch zu verarbeiten. Die Festspiele dürfen nicht stagnieren, sondern müssten sich immer wieder neu erfinden.

    SARA LEITNER: Wenn Sie die Möglichkeit hät­ten, eine Veranstaltung bei den Salzburger Festspielen zu gestalten und die einzige Vorgabe wäre, dass das Thema Vielfalt auf­gegriffen wird – welche Veranstaltung würden Sie planen, wer wären die Mit­wirkenden und vor bzw. mit welchem Publikum würde sie stattfinden?

    AMÉLIE NIERMEYER: Ich würde ein Projekt zur Demokratie machen. Am Mozar­teum gab es eine Veranstaltung mit Studierenden und Theaterschaffenden aus Budapest, die wegen Viktor Orbán in Ungarn nicht mehr im Theater tätig sein können und die aufgezeigt haben, was passiert, wenn ein politisches System kei­ne Demokratie mehr zulässt. Da uns diese Entwicklung auch in Österreich be­vorstehen könnte, müssen wir uns klarmachen, was Demokratie sein kann und sein muss. Ich würde deshalb ein Projekt machen, in dem die Frage im Fokus steht, wie wir in Österreich die Demokratie retten können und wie Demokratie anders gelebt werden kann. Das würde ich mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern machen, würde aber vor allem Personen aus Ländern des früheren Ost­blocks einbinden.

    SARA LEITNER: Wer wäre das Publikum?

    AMÉLIE NIERMEYER: Wir alle. Ich würde mir ein Publikum wünschen, das genauso divers ist wie die Geschehnisse auf der Bühne. Deshalb sollten natürlich auch „rich people“ im Publikum vertreten sein. Es ist immer leicht, diese Perso­nengruppe zu kritisieren, sie sind aber diejenigen, die Festspiele finanzieren. Salzburg könnte wieder zu einem spannenden Kulturschauplatz wer­den.

    Ein kurdischer Flüchtling, der sich für einen Studienplatz am Mozarteum be­worben hat, wurde von uns gefragt, warum er in Salzburg studieren will. Er meinte, seine Mutter habe gesagt: „Geh nach Salzburg, da kam Mozart her, der so schöne Musik gemacht hat.“ Ich empfinde es als großes Kompliment, dass sich jemand, der von so weit her­kommt, am Mozarteum bewirbt, weil er in der Geburtsstadt von Mozart studie­ren will. Es ist ein Geschenk, dass wir diese Geschichte haben und auch, dass Max Reinhardt in Salzburg gewirkt hat. Wir haben die Verantwortung, gut da­mit umzugehen, indem wir versuchen, uns stetig weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Ich empfinde es deshalb auch als Ehre, in Salzburg lehren und dort das Thomas Bernhard Institut leiten zu dürfen. Damit geht aber die Verant­wortung einher, Salzburg in der zeitgenössischen Theaterszene zu verankern. Das Ziel, dieser Verantwortung nachzukommen, ist auch der Grund, warum wir Thomas Bernhard als Stifter ausgewählt haben. Er hat Widerstand geleistet. Das müssten die Festspiele auch tun.


    Memorandum Zitate

    Festspiele werden morgen noch mehr als heute als Wissensvermittler und Weltgedächtnis, als Archiv unserer Welt­erkenntnis fungieren müssen. Oder – um es mit Robert Musil zu sagen – dem Wirk­lichkeitssinn einen „Möglichkeitssinn“ zur Seite stellen: den Sinn für das, was sein könnte oder geschehen müsste.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

    Die Salzburger Festspiele wurden vor 100 Jahren nach den entsetzlichen Erfahrun­gen des Ersten Weltkriegs in einer Zeit von Not, bitterer Armut, aber auch politischer Ra­dikalität gegründet, um die Kraft des Geistes und die menschliche Kreativität als das Ver­bindende zwischen Menschen unterschiedli­cher Nationalitäten, Identitäten, Religionen und ethnischer Zugehörigkeit in den Mittel­punkt zu stellen. So stand von Anfang an der Gedanke von Versöhnung und Frieden im Zentrum der Festspiel-Programmatik.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Fest­spiele am 22. August 2020.

    Max Reinhardts und Hugo von Hof­mannsthals Idee eines Festspiels ist noch immer ein Modell für die künstleri­sche Inspiration einer Gesellschaft, die zu­nehmend ratloser ist als sie sich eingesteht und zunehmend empfangsbereiter als ihr zugestanden wird.

    Die Salzburger Festspiele bekennen sich ausdrücklich zu dieser zentralen künst­lerischen und politischen Funktion: ein Friedensprojekt zu sein, das im Geiste der Toleranz und Humanität unterschiedliche Sichtweisen, Interpretationen und Zugän­ge zulässt und fördert und niemanden von der Festspielidee ausschließt.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

    Die Geschichte Europas wurde in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder auch von Leid und Zerstörung ge­prägt, verursacht durch radikales nationa­listisches Denken. Die Salzburger Festspie­le begreifen Kunst als ein Geschenk an die gesamte Menschheit.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

    Salzburg liegt nicht nur geografisch in der Mitte Europas, das heißt: Die Salzburger Festspiele sind in erster Linie ein europäisches Festival und innerhalb Europas — ungeachtet ihrer Weltgel­tung — ein österreichisches, um nicht zu sagen: Salzburger Festspiel. Die Salzbur­ger Festspiele sind aber in ihrer Strahl­kraft und in ihrer Wirkungsmacht welt­weit konkurrenzlos und unbestritten.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

    Die Salzburger Festspiele fühlen sich der Pflege der Werke der europäischen Kultur verpflichtet. Sie sehen eine beson­dere Aufgabe auch darin, der zeitgenössi­schen Kunst, zeitgenössischen Komponis­tinnen und Komponisten sowie Autorinnen und Autoren eine Bühne zu bieten und ihnen beste Aufführungsbedingungen zu ermöglichen.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Fest­spiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salz­burger Festspiele am 22. August 2020.

    Die Salzburger Festspiele fühlen sich in Stadt und Land Salzburg fest ein­gebettet: Neben ihrer primären kulturel­len Aufgabe ist den Salzburger Festspie­len auch ihre wirtschaftliche Bedeutung für Stadt und Land wohl bewusst.

    Die Salzburger Festspiele wollen weiter­hin kultureller und künstlerischer Impuls­geber und bedeutender wirtschaftlicher Motor in Salzburg sein und für Einkom­men und Beschäftigung sorgen.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

    Für den Salzburger Festspielfonds und das Festspiel-Direktorium sind 100 Jahre Salz­burger Festspiele ein freudiges Jubiläum und zugleich Auftrag und Verpflichtung, weiter­hin daran zu arbeiten, dass die Salzburger Festspiele ihre weltweite Bedeutung erhal­ten, ausbauen und vertiefen.

    aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Fest­spiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salz­burger Festspiele am 22. August 2020.


    © Christian Schneider

    AMÉLIE NIERMEYER

    Studium der Regie, Germanistik und Theaterwissenschaften. 1988-90 Regieassistentin am Bayerischen Staatsschauspiel München. 2006-11 Regisseurin und Generalintendantin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit 2011 Regieprofessorin am Mozarteum Salzburg und Leiterin des dortigen Thomas Bernhard Instituts für Schauspiel und Regie. Sie arbeitet parallel als Regisseurin für Oper und Schauspiel, u.a. in München am Residenztheater und an der Bayrischen Staatsoper, am Theater an der Wien und am Theater in der Josefstadt.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Der Körper der Buhlschaft als Schauplatz für die Ausübung von sprachlicher und struktureller Gewalt

    Der Körper der Buhlschaft als Schauplatz für die Ausübung von sprachlicher und struktureller Gewalt

    Über die Medienberichterstattung zu den Salzburger Festspielen

    Gewidmet S. D. L.

    Der wuchtige Auftritt passt zwar zu ihrem Typ, nicht aber zu ihrer Rolle […]. Sex-Appeal, das Flirrende einer jungen Frau – Fehlanzeige […].1

    Die Buhlschaft, dieses Jahr mit kaum Buhlschaftsbusen und noch weniger Haar […].2

    Und bei diesem Dekolleté verloren wahrscheinlich mehrere Herrschaften im Publikum den Bezug zur Handlung.3

    Die Buhlschaft – jene Rolle, die in Hugo von Hofmannsthals Jedermann lediglich 30 Sätze spricht – dominiert die Berichterstattung zur alljährlichen Inszenierung des Mysterienspiels im Rahmen der Salzburger Festspiele. Korrekterweise müsste es allerdings lauten: Das Aussehen der Schauspielerin, die die Buhlschaft darstellt, dominiert die Berichterstattung. Denn es ist nicht die Rolle, geschweige denn eine Auseinandersetzung mit dem Frauenbild, das diese transportiert, das als Leitmo­tiv der Berichterstattung fungiert. Vielmehr ist es die körperliche Erscheinung je­ner Person, die diese Figur im Stück Vom Sterben des reichen Mannes auf der Bühne vor dem Salzburger Dom verkörpert, die ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit rückt. Die Liste von Zitaten, in denen über den Körper der Buhlschaftsdarstellerin­nen diskutiert wird, ließe sich deshalb endlos lange fortsetzen.

    Anders verhält es sich, wenn man auf die Passagen blickt, in denen der Darstel­ler der männlichen Hauptfigur thematisiert wird. Denn abgesehen davon, dass die Suche nach Artikeln, in denen dieser ins Zentrum gerückt wird, vergebens ist, wird von den Schauspielern, die den Jedermann verkörpern, in einer gänzlich anderen Weise gesprochen als von jenen der Buhlschaft. In einem Artikel, der von der Redaktion des Deutschlandfunks am 22.7.2017 publiziert wurde, ist vom damaligen Jeder­mann-Darsteller nämlich beispielsweise wie folgt die Rede: „Zu Recht umjubelt: Der österreichische Film- und Bühnen­star […]. Sein ,Jedermann‘ ist ein Mensch ganz von heute: schwerreich, schlau, a bisserl schlimm.“4 Bei diesem Beitrag handelt es sich übrigens um denselben, aus dem das erste Zitat stammt.

    Die Gegenüberstellung dieser beiden Aussagen lässt erahnen, was mit Blick auf wei­tere Äußerungen gefestigt werden kann: Im Rahmen der Berichterstattung zur In­szenierung des Jedermann bei den Salzburger Festspielen werden Geschlechterbilder konstruiert, die eine eindeutige Hierarchisierung erkennen lassen – ein Umstand, der in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Warum, sollen die folgenden Seiten zeigen.

    Die Buhlschaft im Fokus. Zwischen Objektivierung und Diskriminierung

    In der Berichterstattung über die Salzburger Festspiele im Rahmen von digital zu­gänglichen Artikeln steht vor allem eines im Zentrum: Hugo von Hofmannsthals, mittlerweile zum Identitätsstück erklärtes Mysterienspiel Jedermann. Diesem Stück widmen sich unzählige Artikel, in denen über unterschiedliche Themen diskutiert wird – nicht zuletzt über die Kleider der Buhlschaft. Sie sind es, die etwa in einem Beitrag der Oberösterreichischen Nachrichten, der Presse und der Salzburger Nachrich­ten zum Hauptthema erklärt werden. Bei all diesen Artikeln werden aber nicht nur die Kleider, sondern vor allem auch die Darstellerinnen der Buhlschaft kommen­tiert. Und zwar beispielsweise wie folgt:

    SOPHIE ROIS war eine atypische Buhlschaft ohne sonst üblichem üppigen Dekoletté (sic!). Sie begeisterte jedoch mit ihrem ungezügelten Temperament, ihrer rauhen (sic!) Stimme und dem kindlichen, fast lolitahaften Umgang mit dem Jedermann. Das kunstvolle Kleid übernahm die Rolle des Dekolletés, üppig, ausladend und voller Überraschungen.5

    Ein wallendes Gewand für das „Superweib“. Die ef­fektvolle Drappierung der Stoffe setzte, im Erschei­nungsbild der „Buhlschaft“, den Akzent auf die statt­lichen Hüften.6

    Veronica Ferres war wohl die mit Abstand aufrei­zendste Buhlschaft nach Senta Berger. Sie war ein üppiges und barockes Vollweib, das ihre Reize ge­konnt einsetzte.7

    Eine Leichtgewichtsliebe, die bloß einen Sommer lang hielt: Miriam Fussenegger an der Seite von Cor­nelius Obonya.8

    Nur leider sieht auch das pfirsichfarbene Kleid der neuen Buhlschaft Stefanie Reinsperger aus wie ein zerrupftes rosafarbenes Eisbärfell. Der wuchtige Auftritt passt zwar zu ihrem Typ, nicht aber zu ihrer Rolle […].9

    Eine genauere Betrachtung dieser Passagen zeigt, dass weniger eine Darstellung der Kleider als vielmehr eine Beschreibung und Bewertung der Buhlschaftsdar­stellerinnen im Zentrum steht. Bei dieser wird aber nicht auf eine Charakterisie­rung der schauspielerischen Leistung eingegangen, sondern auf die körperliche Erscheinung.

    Dass es dabei keinesfalls bei einer bloßen Beschreibung bleibt, sondern eine tat­sächliche Beurteilung vollzogen wird, lässt vor allem die Kommentierung von So­phie Rois‘ Körper erkennen. Indem dieser als der einer „atypische[n] Buhlschaft“10 bezeichnet wird, tritt klar hervor, dass die Verfasserin ihre Vorstellung eines be­stimmten Geschlechterkörpers,11 den sie mit der Figur der Buhlschaft verbindet, auf den Körper von Sophie Rois projiziert. Dieses (Ideal-)Bild dient anschließend als Basis zur Beurteilung der Leibesbeschaffenheit der Schauspielerin, die letzt­lich zur Erkenntnis führt, dass der reale Körper nicht der Vorstellung des idealen Geschlechterkörpers entspricht. Letzteres findet seinen Ausdruck in der Negati­on des Adjektivs „typisch“. Diese Verneinung wird anschließend auch begründet, und zwar mit Blick auf ein einziges Körper­teil – die weibliche Brust. Sie ist es, die auch im letzten Satz erneut aufgegriffen und aber­mals als vermeintlicher Mangel dargestellt wird, den es – hier mithilfe des Kleides – zu kompensieren gilt.

    Die Thematisierung eines – vor allem den weiblichen Geschlechterkörper als charakte­risierend geltenden – Körperteils zeigt sich auch bei dem Zitat, in dem VERONICA FERRES als Buhlschaft im Zentrum steht. Auch hier spielt das Kostüm der Darstellerin eine Rol­le, allerdings wird es in diesem Fall nicht als Mittel zur Kompensation, sondern zur Betonung bestimmter körperlicher Eigen­schaften beschrieben. So ist davon die Rede, dass mithilfe der Kleidung sowohl die „stattlichen Hüften“12 als auch „ihre [Veronica Ferres‘] Reize“13 in Szene gesetzt werden. Veronica Ferres wird damit ebenfalls auf Basis ihres Körpers beurteilt. Dass dieser sehrwohl der Idealvorstellung eines Buhlschafts-Körpers entsprechen dürfte, zeigt sich darin, dass er nicht als „atypisch“ bezeichnet, sondern sexuali­siert wird. Diese Sexualisierung äußert sich auch in der Benennung der Schauspie­lerin als „Superweib“14 bzw. „Vollweib“15. Denn während der Begriff „Weib“ im Althochdeutschen als Bezeichnung für eine Braut oder Ehefrau verwendet wurde, tritt er im heutigen Gebrauch als negativ konnotiert auf. Er wird nämlich mit der sprachlichen Objektifizierung von Frauen assoziiert.16

    Die Fokussierung auf den weiblich gelesenen Körper bei der Beschreibung von Buhlschaftsdarstellerinnen findet auch bei der Bewertung von MIRIAM FUSSENEGGER und STEFANIE REINSPERGER statt. Erneut werden gesellschaftliche Vorstellungen und Ideale herangezogen, die sich in den obig zitierten Absätzen vor allem auf das Gewicht der Schauspielerinnen konzentrieren. Dieses wird im Falle von Stefanie Reinsperger nicht nur zur Bewertung ihres Körpers herangezogen, sondern auch, um ihre schauspielerische Kompetenz infrage zu stellen.17 Dass es dabei keinesfalls um Reinspergers darstellerische Fähigkeit geht, sondern ausschließlich darum, ei­nen Körper auf Basis seiner Diskrepanz zu gesellschaftlichen Idealvorstellungen zu beurteilen, muss an dieser Stelle wohl kaum eigens erwähnt werden.

    Die Analyse der zitierten Passagen aus Artikeln, in denen die Kleider der Buhl­schaft, sowie die Darstellerinnen im Zentrum stehen, zeigt also deutlich, dass diese einer ständigen Bewertung ausgesetzt sind. Diese Beurteilung basiert aber nicht auf ihrer schauspielerischen Leistung, sondern auf ihrer körperlichen Erscheinung. Entspricht diese nicht dem gesellschaftlichen Ideal, wird sie als mangelhaft darge­stellt. Hier bedarf es allerdings einer Differenzierung. Denn während ein Körper, der zwar auf Basis von bestimmten Körperteilen kritisiert wird, insgesamt aber dem Schönheitsideal entspricht, immer noch für die Rolle der Buhlschaft akzep­tiert wird, findet ein Körper, der aufgrund seines Gewichtes nicht dem Schönheits­ideal entspricht, keine Akzeptanz.

    Anders als der weibliche Körper, der omnipräsent ist, sobald von der Buhlschaft die Rede ist, wird jener der Schauspieler, die auf der Bühne vor dem Salzburger Dom als Jedermänner auftreten, nicht thematisiert. Genauso wenig wie ihre Klei­dung.18 Weder die Kleidung noch die Körper der Schauspieler scheinen der Rede wert zu sein. Während sich also unterschiedliche Artikel zur Buhlschaft finden lassen, in denen über die physische Erscheinung der Darstellerinnen diskutiert wird,19 findet sich kein Beitrag, in dem die Kostüme des Jedermann geschweige denn sein Körper ins Zentrum gerückt werden.

    Der Körper der Buhlschaftsdarstellerinnen wird aber keinesfalls nur in Texten kommentiert, in denen die Kostüme thematisiert werden. Auch in Berichterstat­tungen, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten mit der aktuellen Inszenie­rung auseinandersetzen, finden sich Kommentare zur physischen Erscheinung der Schauspielerinnen, die jene Figur verkörpern, die scheinbar nur im Stück eine Ne­benrolle einnimmt. So schreibt z.B. Manuel Brug in seinem Artikel Blutige Jederfrau vs. müdem Jedermann: „Die Buhlschaft, dieses Jahr mit kaum Buhlschaftsbusen und noch weniger Haar, hat diesmal im teuersten Laienspiel der Welt ganz entschieden die Hosen an. Das war ein schleichender Prozess, über Jahre hinweg schon. Lange her, die Tage der üppig flamboyanten Senta Berger als Jedermanns Prachtweib.“20

    Erneut wird der Körperteil aufgegriffen, der bereits bei Sophie Rois thematisiert wurde. Erneut wird er als mangelhaft dargestellt. Er ist aber nicht das einzige Kör­permerkmal, das negativ hervorgehoben wird. Denn neben diesem Aspekt ist es auch die Frisur der Darstellerin, die heran­gezogen wird, um auszudrücken, dass der Körper von VERENA ALTENBERGER nicht Ma­nuel Brugs Vorstellung entspricht, die die­ser mit der Figur der Buhlschaft verbindet. Das wird im letzten Satz mit dem Verweis auf Senta Berger als Schauspielerin, die die­se Idealvorstellung sehrwohl verkörperte, noch einmal aufgegriffen. Manuel Brug ist jedoch keinesfalls der einzige, der Vere­na Altenbergers Frisur im Kontext ihrer Buhlschafts-Darstellung als erwähnenswert bzw. kritikwürdig empfindet. Es bedarf kei­ner tiefgehenden Recherche, um Beiträge zu finden, in denen von ihr als der „erste[n] Buhlschaft mit Stoppelfrisur“,21 die „Glatze statt Mähne“22 trägt, die Rede ist. Geschmacklos und unpassend erscheint die Berichterstattung, in der (ideale) Weiblichkeit offensichtlich mit langen Haaren gleichgesetzt wird, nicht erst, wenn man bedenkt, warum Verena Altenberger die Buhlschaft 2021 mit einem Buzz Cut verkörperte: Die Schauspielerin hatte sich für einen Film, dessen Dreharbeiten erst kurz vor der Premiere des Jedermann endeten, die Haare abrasiert, weil sie darin in die Rolle einer krebskranken Frau schlüpfte.

    Doch Manuel Brug äußert nicht nur Kritik an der Buhlschaftsdarstellerin, sondern auch am Schauspieler des Jedermanns. Lars Eidinger wird von ihm als „Weichling aus Berlin“23, „Softie in hohen Absatzschühchen“24 und „Weichei“25 bezeichnet. Diese Benennungen sind im Kontext der Vorstellungen von Geschlechterkörpern vor allem deshalb interessant, weil sie Konzepte und Eigenschaften ansprechen, die dem gesellschaftlichen Bild von Weiblichkeit entsprechen bzw. mit weiblich gelesenen Körpern assoziiert werden. Die Aspekte, die Manuel Brug als kritikwür­dig ansieht, lassen also darauf schließen, dass die Basis seiner Missbilligung die Unvereinbarkeit des männlich gelesenen Schauspielers mit dem gesellschaftlich konstruierten Bild von Männlichkeit ist.

    Dass er im Zuge seines Kommentars vor allem Ideale und Geschlechterbilder the­matisiert, fasst Brug bereits zu Beginn seines Artikels zusammen – allerdings ohne Bewusstsein dafür, dass es sich bei den kritisierten Aspteken um gesellschaftlich konstruierte und damit veränderbare Produkte eines Diskurses handelt: „Die bur­schikose Dame ist also der Herr im Haus, besonders weil ein greinender Weichling aus Berlin in goldener Schlagerfuzzi-Schlaghose sich anschickt, in die Ahnenreihe der Moisis, Hörbigers, Jürgens, Schells, Morettis und anderer als Numero Zwanzig einzutreten.“26

    All das zeigt, dass sich die Medienberichterstattung zum Jedermann bei den Salz­burger Festspielen vor allem um eines dreht: Geschlechterbilder. Sie bestimmen die Maßstäbe, anhand derer Schauspieler*innen bewertet werden.

    Die sprachliche Degradierung, die im Rahmen dieser Bewertung vollzogen wird, findet ihren Höhepunkt dort, wo die schauspielerische Kompetenz einer Darstel­lerin aufgrund ihres Körpers infrage gestellt wird. Die sprachliche Gewalt, der die Darstellerinnen der Buhlschaft in den analysierten Artikeln ausgesetzt sind, be­schränkt sich aber nicht nur darauf, dass sie auf ihre körperliche Erscheinung redu­ziert werden und diese wiederum auf ihre Kompatibilität mit Weiblichkeits- und Schönheitsidealen. Sie lässt auch eine klare Geschlechterordnung erkennen. Denn kein Jedermann-Darsteller wird in den analysierten Beiträgen auf seinen Körper reduziert. Keiner wird als atypisch bezeichnet, keiner wird sexualisiert, und nie­mandes schauspielerische Kompetenz wird infrage gestellt – außer die des Darstel­lers, der Eigenschaften aufweist, die im Diskurs als weiblich gelesen werden. Die Medienberichterstattung zum Jedermann bei den Salzburger Festspielen ist damit nicht nur ein Schauplatz für die Konstruktion und Reproduktion von Geschlech­terbildern und weiblichen Schönheitsidealen, sondern auch für die Ausübung von sprachlicher und struktureller Gewalt.

    Die Macht der Bilder

    „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wis­sen wir durch die Massenmedien.“27 Denn Massenmedien ermöglichen Massen­kommunikation und damit jene Form des Informationsaustauschs, bei der Welt- und Wirklichkeitsvorstellungen an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden. Bei diesen Vorstellungen handelt es sich aber keinesfalls um neutrale Abbildungen der Realität, sondern um Produkte von Diskursen. Diese bestimmen, was zu einer bestimmten Zeit gemacht, gedacht und/oder gesagt werden kann. Es ist aber nicht ausschließlich der Diskurs, der entscheidet, was in den Bereich des Mach-, Denk- und Sagbaren fällt. Es sind vor allem auch jene Mitglieder einer Gesellschaft, die die Macht besitzen, aktiv am Diskurs teilzunehmen und ihn verändern können, die Einfluss darauf haben, welche Denkmuster und Vorstellungen sich in einer Gesellschaft verbreiten.

    Im Falle der Massenkommunikation ist das die Gruppe der Sender*innen. Sie ist es, die mitbestimmt, welche Wirklichkeitsvorstellungen konstruiert und kommu­niziert werden. Diese Gruppe prägt also u.a. die Vorstellung davon, was im Dis­kurs als Wissen und Wahrheit gilt – und zwar auch, wenn es um Geschlechterbil­der geht. Wird in Massenmedien ein Geschlechterbild reproduziert, das von einer Hierarchisierung zwischen männlichen und weiblichen Geschlechterkörpern ge­prägt ist, hat das somit Auswirkungen darauf, welche Geschlechterordnung denk- und sagbar ist. Es ist also nicht folgenlos, wenn weibliche Geschlechterkörper in Massenmedien sowohl sprachlicher als auch struktureller Gewalt ausgesetzt sind. Ganz im Gegenteil: Es hat Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Lebensrea­lität ihrer Mitglieder. Das zeigt nicht zuletzt ein Exkurs in die sozialen Medien, in denen u.a. die Beiträge von Verena Altenberger, in denen sie einen an sie adressier­ten Brief sowie Kommentare veröffentlicht, ein klares Bild davon zeichnen, dass ein Diskurs, in dem das Bewerten und Degradieren von weiblichen Körpern täg­lich praktiziert wird, dazu führt, dass Frauen tatsächlichen Hassnachrichten aus­gesetzt sind. Genau aus diesem Grund ist es in mehrfacher Hinsicht problematisch, wenn im Rahmen der Medienberichterstattung zur Inszenierung des Jedermann bei den Salzburger Festspielen Geschlechterbilder konstruiert und reproduziert wer­den, die vor allem eines sind: diskriminierend.


    Reinsperger Zitate

    Ich habe einmal gewagt, eine Rolle anzunehmen, von der eine ganze Nation das Gefühl hatte, genau zu wissen, wie sie auszusehen hat. Was sie anha­ben soll. Was sie alles sein soll…

    Ich habe gewagt, diesen Vorstel­lungen nicht zu entsprechen. Ich habe gewagt, auch nichts dafür zu tun, diesen anderen Vorstel­lungen zu entsprechen.

    Ich habe gewagt, bei mir zu blei­ben.

    Ich habe gewagt, den Text und die Figur, die ich zu spielen hat­te, ernst zu nehmen.

    aus: Stefanie Reinsperger. Ganz schön wütend. Wien: Molden 2022, S. 169.

    Ich wurde attackiert und beleidigt. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich jede Privatsphäre abgegeben. Als wären mein Körper und ich nationales Eigen­tum, über das alle schreiben, bestim­men und verfügen können. Es ging so gut wie nie um meine eigentliche Auf­gabe – die des Schauspielens.

    aus: Stefanie Reinsperger: Ganz schön wü­tend. Wien: Molden 2022, S. 170.

    Ich wurde in einem Lokal in Salzburg beschimpft und mir wurde nachge­schrien, ich sollte mich schämen, dafür, dass ich die Rolle überhaupt angenom­men habe. Ich habe einen Drohbrief be­kommen, in dem stand, dass ich, falls ich es wage, noch mal auf die Bühne zu ge­hen, mit Konsequenzen rechnen müsste, weil nicht ertragen wird, so einen häss­lichen, dicken Körper zu sehen. Und ich bin trotzdem auf die Bühne gegangen.

    aus: Stefanie Reinsperger: Ganz schön wü­tend. Wien: Molden 2022, S. 26.


    Altenberger Interview

    Diese Woche machte Verena Altenberger einen Brief eines Mannes öffentlich, der sie sexistisch für ihre Stoppelfrisur als Buhlschaft in Salzburg kritisiert. In den sozialen Medien bekommt die Schauspielerin seither viel Unterstützung. Dort fordert sie auch „stop sexualizing women“.

    MICHAEL WURMITZER: War dieser Angriff neu für Sie?

    VERENA ALTENBERGER: Als Frau wird man immer noch einen Tick mehr sexualisiert, als es Männern passiert. Ich kannte sexualisierende und sexistische Kommentare. Aber durch Salzburg verstärken sich die Reaktionen, positive wie negative, denn das Stück erhält so viel Aufmerksamkeit. Im echten Leben erfahre ich übrigens nur Zuspruch. Als ich mir für den Kinofilm Unter der Haut der Stadt die Glatze rasiert habe, hatte ich dafür drei Gründe. Einmal, weil ich mich als Schauspielerin nicht einschränken lassen möchte, eine unpraktische Silikonglatze das aber getan hätte. Dann aus Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen und Schicksalen, die meine Rollen repräsentieren. Drittens ist meine Mutter an Krebs gestorben, auch sie hatte durch die Chemo eine Glatze. Als ich das erste Mal ein Foto mit Glatze gepostet habe, hat eine Frau mir gemailt, ihre Tochter habe Krebs und hätte Angst gehabt, dass sie ohne Haare nicht mehr schön wäre, verstehe jetzt aber, dass sie auch mit Glatze schön sein kann. Das ist die viel wichtigere Debatte! Das war mein Antrieb, und er hat sich eingelöst, weil die Glatze ein Statement ist, das Mut ma­chen kann.

    MICHAEL WURMITZER: Verletzen Sie Kommentare wie die Kritik über „kaum Buhl­schaftsbusen“?

    VERENA ALTENBERGER: Wenn ich so etwas öffentlich mache, geht es mir nie um mich, sondern darum, dass man daran gesellschaftliche Phänomene erkennen kann. Wie mit und über Frauen gesprochen wird, muss sich ändern!

    aus: Michael Wurmitzer: Buhlschaft Altenberger zur Glatze: „Im echten Leben nur Zuspruch“. In: Der Standard, 1.8.2021.


    Anmerkungen

    1. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. In: Deutschlandfunk, 22.7.2017. ↩︎
    2. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. In: Welt, 29.7.2021. ↩︎
    3. N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. In: Die Presse, 15.7.2022. ↩︎
    4. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
    5. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. In: Oberösterreichische Nachrichten, o. D. ↩︎
    6. N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. ↩︎
    7. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. ↩︎
    8. N. N.: Die Frauen des Jedermann. Kleider und Geschichte der Buhlschaft. In: Salzburger Nachrichten, 30.11.2022. ↩︎
    9. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
    10. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. ↩︎
    11. Der Begriff Geschlechterkörper wird in diesem Kontext in klarer Abgrenzung zur Geschlechteridentität verwendet und als Produkt der Konstruktion eines geschlechtlichen Körpers durch Institutionen und Medien verstanden. Der Begriff beinhaltet folglich alle Stereotype, die auf einen Körper projiziert werden, der als einem bestimmten Geschlecht zugehörig gelesen wird. Vgl.: Lünenburg, Margreth / Maier, Tanja: Gender Media Studies, München: UVK 2013, S. 14. ↩︎
    12. Ebd., S. 14. ↩︎
    13. Ebd., S. 14. ↩︎
    14. Ebd., S. 14. ↩︎
    15. Ebd., S. 14. ↩︎
    16. Vgl.: Kotthoff, Helga / Nübling, Damaris: Genderlinguistik. Eine Einführung in Sprache, Geschlecht und Gespräch. Tübingen: Narr Studienbücher 2018, S. 167. ↩︎
    17. Vgl.: Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
    18. Vgl.: Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist; Affenzeller, Margarete: Jetzt mit kurzen Haaren: Die sich wandelnde Rolle der Buhlschaft. In: Der Standard, 17.7.2021. ↩︎
    19. Vgl.: Mosch, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich; N. N.: Die Frauen des Jedermann. Kleider und Geschichte der Buhlschaft; N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. ↩︎
    20. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. ↩︎
    21. N. N.: Glatze bleibt – erste Buhlschaft mit Stoppelfrisur. In: Kronen Zeitung, 18.6.2021. ↩︎
    22. N. N.: Haare abrasiert: Buhlschaft trägt Glatze statt Mähne. In: OE24, 7.5.2021. ↩︎
    23. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. ↩︎
    24. Ebd. ↩︎
    25. Ebd. ↩︎
    26. Ebd. ↩︎
    27. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S. 9. ↩︎

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Die Buhlschaft im Aufstand

    Die Buhlschaft im Aufstand

    Heimführung des Jedermann jenseits der Festspielbühne

    ANDREA HEINZ: Wie wurde die Überschreibung der Buhlschaft-Repliken in eurer Umsetzung Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung vorgenommen? Wie seid ihr mit dem traditionellen, konservativen Frauenbild in Hofmannsthals Jedermann umgegangen?

    LYDIA HAIDER: Der Text des Jedermann sperrt sich extrem, es ist im Grunde ein schlechter Text. Also haben wir darüber nachgedacht, ihn an einen Ort zu bringen, an dem es viel schlimmer ist als dort, wo er ist. Wir betten ihn in einen schlimmeren Text ein, er wird „heimgeführt“ wie ein Kind, das eigentlich entführt wird. Es kommt endlich nach Hause, dieser neue Ort wird damit zum Über-Schlimmsten.

    JENNIFER WEISS: Es war reizvoll, sich am Anfang damit auseinanderzusetzen, wie der Jedermann umgeschrieben werden kann. Ich mag es, wenn ein Klassiker hergenommen und in etwas anderes gebracht wird, wenn man sich mit dem Text auseinandersetzt und etwas Eigenes darin findet. Bei diesem Text war das aber überhaupt nicht interessant. Den Jedermann kann man nur anzünden und wegwerfen. Mit diesem Text ist nichts mehr möglich, es ist nichts in ihm angelegt, das man sich nehmen und aneignen könnte. Was ist diese Person der Buhlschaft darin? Sie hat nicht mehr als 50 Zeilen. Es sind „Männerreime“, da kann man auch ins Bayerische Forum für schlechte Männerwitze gehen. Was ich aber schon spannend finde, ist, wie der Text sich mit einer Gewaltstruktur beschäftigt. Das ist auch das Thema von Lydias Stück Du, Herbert. Es geht um die Sprache, die in diesen Strukturen verankert ist und Gewalttaten aufnimmt. Wir haben die Figur der Buhlschaft in diesen Kreislauf aufgenommen, diese unterdrückte Frauenstimme, die nichts zu sagen hat und uninteressant ist, gleich welche Schau­spielerin sie verkörpert. Wir wollten uns auch intermedial damit beschäftigen. Es stellte sich die Frage: Wie funktioniert dieser Kreislauf im Video? Wie funkti­oniert dieser Kreislauf in der Performanz?

    Ein weiterer Anhaltspunkt war, sich mit Tradition und Ritualen auseinanderzusetzen, zu denen auch die jährlich wiederkehrende Aufführungstradition des Jedermann gehört. Damit ist esauch eine Art Aneignung, die immer wiederkehrend ist. Die Sätze gehen in der Wiederholung auf, und eine sich immer wiederholende Gewaltstruktur wird gezeigt.

    ANDREA HEINZ: Zentral ist auch das katholische Moment, das in dem Stück steckt. Lydia, du beschäftigst dich in deinen Werken mit dem litaneihaften Sprechen: Wie bist du in deiner Überarbeitung hier mit dem Text umgegangen?

    LYDIA HAIDER: Wir haben den Text zuerst hunderte Male gesprochen. Nach unzähligen Leseproben mit ganz unterschiedlichen Schauspieler*innen und Laien ist uns klar geworden, dass der Text nicht von einer einzelnen Person gesprochen werden kann. Es müssen alle gleichzeitig sprechen wie bei einem Rosenkranz. Es stellte sich auch die Frage, wie das bei der Inszenierung gelöst werden kann. Gleichzeitig gab es einen sprachkritischen Ansatz, den ich von Anfang an verfolgt habe. Ich hätte am liebsten aufgegeben, da ich dieses „nît“ nicht ertrage, das sich durch den Jedermann-Text zieht. Das ist furchtbar pseudodialektal. Aber niemand wehrt sich dagegen, auch nicht die Schauspieler*innen. Die mögen das „nît“ sogar. Ich habe mich an der Universität sehr viel mit Hofmannsthal und dem Jedermann auseinandergesetzt. Damals wurde uns nahegelegt, sich nicht gegen Hofmannsthal auszusprechen. Ich wollte aber auch nicht direkt in den Hofmannsthal-Text eingreifen. Die Lösung war, das „nît“ so oft wie möglich und auch an unpassenden Stellen zu verwenden, damit es nicht mehr hörbar ist. Das „nît“ verschwindet sozusagen im anderen Dreck. Wir geben noch mehr Dreck dazu, damit das „nît“ nicht mehr auffällt.

    ANDREA HEINZ: In welchem Zusammenhang steht Herbert zum Text? Herbert taucht offensichtlich auf, ist Jedermann dann Herbert?

    JENNIFER WEISS: Den Jedermann haben wir komplett rausgestrichen. Es sind ausschließlich die Sätze der Buhlschaft, die in Herbert einfließen.

    ANDREA HEINZ: Könnte man trotzdem sagen, dass Herbert auf eine Art ein „Jedermann“ ist und den Jedermann vielleicht auf eine Art ersetzt?

    JENNIFER WEISS: Wir haben über Beerdigen nachgedacht, also Herbert und Jedermann zu Grabe zu tragen. Das geht aber nicht. Es ist wie die katholische Tradition, gegen die feministisch angekämpft werden kann, die sich aber immer wiederholt. Herbert ist auch ein wiederkehrendes Motiv eines „Jedermanns“, also sich wiederholender patriarchaler Gewaltstrukturen.

    LYDIA HAIDER: Uns ging es in unserer Performance um die Rückführung, die Inthronisierung und die rituelle Einbindung der Buhlschaft. Wir haben uns damit auf die Buhlschaft bezogen und nicht auf den Jedermann.

    JENNIFER WEISS: Ich bin im Theaterbetrieb dafür, die Klassiker einer weiblichen Regie zu geben, die das Stück dann umdeutet. Bis jetzt waren es ausschließlich Männer, die den Jedermann inszeniert haben. Mit Claudia Bossards Unterstützung habe ich eine Die Physiker-Cross-Gender-Inszenierung gemacht. Das war fruchtbar, weil es um die Aneignung eines Geniebilds ging. Beim Jedermann finde ich es jedoch spannend, dass das nicht funktioniert. Es lässt sich nicht einfach Cross-Gender machen. Im Jedermann haben wir den alten weißen Mann, der Frauen als Projektionsfläche benutzt. Die Umkehrung davon ist wieder das Leid eines Mannes, dem alle zuschauen. Es wäre vielleicht interessant, wenn Jedermann von einer Frau gespielt wird. Doch eigentlich müsste das Stück an sich abgeschafft werden. Der Text ist bloß eine Tradition, an der festgehalten und anhand der „gewusst“ wird, wie Dinge zu tun sind. Es funktioniert nicht, die Tradition zu erhalten und sie nur an etwas Modernes anzunähern, sie muss zerstückelt und zerschlagen werden.

    ANDREA HEINZ: Es scheint trotzdem ein mächtiger Text zu sein, der sich vielem widersetzt, wenn man mit ihm arbeitet. Wie ist in der Video-Realisierung das chorische Sprechen entstanden?

    LYDIA HAIDER: Eigentlich gefällt mir das chorische Sprechen nicht, aber hier hat es sich aus der Erfahrung der vielen Versuche ergeben. Entweder wird der Text nicht gesprochen, oder alle sprechen ihn. Vielleicht kann eine Person den Gesamttext sprechen ohne Wechsel, aber den Text bestimmten Personen zuzuordnen, funktioniert nicht. Wir haben versucht, Wechsel zu etablieren, und das hat auch nur eingebettet in ein gemeinsames Sprechen funktioniert.

    JENNIFER WEISS: Mir gefällt chorisches Sprechen auch nicht, und deshalb möchte ich betonen, dass es eigentlich kein chorisches Sprechen ist. Wir haben es auch nicht als solches geübt und geprobt. Wir hatten andere Ziele. Wir sind im Schmauswaberl zusammengekommen und haben uns in einen Modus hineinbegeben. Es war wie einen Rosenkranz zu beten in einer Gruppe. Wir haben uns in keinem gemeinsamen Rhythmus befunden, sondern eher in einer gemeinsamen Stimmung und nicht versucht, eine Perfektion hinzubekommen.

    LYDIA HAIDER: Zentral war eine gemeinsame Stimmung.

    JENNIFER WEISS: Es ging darum, in diese kreisenden Wiederholungen zu gehen. Wiederholung hat immer mit Tradition und Strukturen zu tun. Rituale sind deshalb spannend, weil sie auch auf der körperlichen Ebene etwas mit einem machen. Das merkt man, wenn man es selbst ausprobiert: Man setzt sich selbst einer gewissen meditativen Stimmung aus. Das hat Auswirkung auf die Gruppe und die Konzentration im Raum.

    LYDIA HAIDER: Das Video funktioniert nicht ohne ein Live-Sprechen. Das Video allein kann man sich nicht anschauen. Es gehört beides zusammen.

    ANDREA HEINZ: Für mich hat das Video katholische Assoziationen wachgerufen. Wollt ihr noch über das Ritualhafte in der Live-Performance sprechen?

    LYDIA HAIDER: Das Video hat etwas Statisches. Es ist wie ein schönes Bild, das sich spontan ergeben hat. Es war der Versuch, das Video als Bild zu gestalten. Damit ist das Video aber auch unbeweglich, es braucht zusätzlich die Bewegung durch die Sprache. Das Litaneihafte ist nur über die Sprache vorhanden und nicht über den Körper. Es braucht etwas, das aus dem Video hinauskommt. Die Aufgabe ist, das zu transportieren.

    JENNIFER WEISS: Das Rituelle hat immer auch etwas Rauschhaftes. Ich bin selbst katholisch aufgewachsen, und die katholischen Rituale sind für mich gleichzeitig etwas Unsinniges und etwas Sinnstiftendes. Wiederholungen, die immer wieder gemacht werden, schreiben sich in den Körper ein. Ein Habitus wird generiert, der wiederum Tradition schafft.

    LYDIA HAIDER: Tradition kann durch Wiederholung aber auch unterwandert werden. Wir haben es oft und schnell wiederholt, das war wie Sport.

    JENNIFER WEISS: Ich finde den Befund interessant, dass der Jedermann kapitalismuskritisch oder antikapitalistisch ist. Das finde ich nicht. Die katholische Kirche, die als Lösung angeboten wird, ist an sich kapitalistisch. Beim Jedermann wird der weibliche Körper als Projektionsfläche verwendet. Der weibliche Körper wird kapitalisiert, das ist – man muss nur an Frauenhandel denken – der Beginn des Kapitalismus. Silvia Federici schreibt, dass die katholische Kirche ein patriarchales Regime ist, das sich darüber erfunden hat, Frauen unterzuordnen. Das passiert auch im Jedermann. Die katholische Moral im Jedermann ist purer Kapitalismus.

    ANDREA HEINZ: Selbst wenn das Stück antikapitalistisch wäre, würde es wieder zu Kunstkapital werden. Im Zuge der Produktion wird es von den Festspielen kapitalisiert.

    Wir setzen uns wissenschaftlich mit struktureller Gewalt auseinander, mit Ausbeutung von Marginalisierungsmechanismen in unserer Gesellschaft. Welche Zusammenhänge könnt ihr da ausmachen?

    LYDIA HAIDER: Ich habe mich viel mit der Theorie von Sybille Krämer beschäftigt, die besagt, dass Sprache per se Gewalt ist. Wenn dieser Gedanke weitergedacht wird, ist die sich daraus ergebende Lebensnotwendigkeit Gewalt. Das ist sehr verkürzt wiedergegeben, aber ohne Sprache gibt es keine Denkkraft. Inwiefern gehen wir mit dieser Gewaltnotwendigkeit also unterschiedlich um? Einer Frau werden andere Vorschriften gemacht als einem Mann. Es wird vorgeschrieben, wie man mit der Gewaltnotwendigkeit umzugehen hat. Ich finde es aber noch spannender, dass sich diese Vorschriften auch über die Zeit ändern. Etwas wie Fräulein Else könnte heute kein junger Schriftsteller mehr schreiben, weil es in und von allen Institutionen sofort gecancelt würde. Es ist wichtig, die Sprache auch immer im Kontext der Zeit zu sehen: Was darfst du mit der Sprache, was wird dir zugeschrieben und wie kannst du dich dagegen wehren?

    PUBLIKUM: Ich habe eine Anmerkung zur Litanei: Ich habe den Text des Videos nicht verstanden. In der Litanei zu sprechen oder Teil der Litanei-Betenden zu sein, ist eine Stütze. Es ist eine Möglichkeit, etwas zur Sprache zu bringen. Das könnte eine besondere Form der Dialektik sein: Ein Sowohl-Als-Auch, gleichzeitig sinnlos und sinnhaft.

    LYDIA HAIDER: Die Frage ist, ob es nur Sinn generiert, wenn man den Inhalt versteht. Da bin ich total dagegen. Ich finde, dass es auch sinnhaft sein kann, wenn man den Inhalt nicht versteht.

    PUBLIKUM: Das führt in diese Richtung: Ich generiere Sinn durch mein Handeln. Ich tue etwas und weiß es noch nicht. Das ist unter Umständen auch Teil des künstlerischen Prozesses: mich auf etwas einzulassen, bevor ich es festlegen oder benennen kann. Dann kann eventuell auch etwas zur Sprache gebracht werden, das ich vorher nicht benennen konnte.

    LYDIA HAIDER: Diese Frage stellt man sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Der Betrieb würde wollen, dass wir uns die Warum-Frage immer zuerst stellen: Man braucht immer klare Konzepte und Ideen. Man sollte sich aber viel mehr dagegen wehren, wir sollten handeln und erst mal schauen, was passiert.

    PUBLIKUM: Man könnte hier auch einen Querverweis zur Trauma-Verarbeitung ziehen. Ein Trauma kann damit bearbeitet werden, dass darüber gesprochen wird. Es kommt also zu einer gewissen Dialektik: Man versucht darüber zu sprechen, aber es gibt auch Dinge, die sich einfach nicht benennen lassen. Es ist ein endloses Wechselspiel. Das kann auch auf Du, Herbert angewendet werden. Sobald ich etwas nennen, benennen kann, hilft es. Ich möchte aber betonen, dass es nicht die Notwendigkeit gibt.

    LYDIA HAIDER: Bezüglich Dialektik möchte ich sagen, dass dieser Begriff obsolet ist. Gibt es etwas, das nicht dialektisch ist? Die Dialektik schwingt zwischen Dringlichkeit und Notwendigkeit ohnehin mit.

    ANDREA HEINZ: Noch eine abschließende Frage: Wie beurteilt ihr die Salzburger Festspiele in Hinblick auf Gender-Aspekte? Findet hier eine Auseinandersetzung mit solchen Fragestellungen statt, bzw. was wäre hier zu tun, was wäre hier zu verändern?

    LYDIA HAIDER: Leider habe ich auf diese Frage absolut keine Antwort, ich weiß es schlicht nicht. Aber ich möchte hier auch betonen, dass es mich nicht interessiert – warum sollte ich wissen wollen, wo in einem Scheißhaufen der weniger große Scheiß ist. Lieber überlege ich, wie aus einem Scheißhaufen herauszutreten und diesen zu überwinden oder gar nicht erst in diesen hineinzugeraten. Das ist aber erneut sehr übermütig und fast arrogant und vermessen von mir, denn diese Haufen sind halt da – lieber überlege ich, wie wir alle sein können, was wir sind. Scheißhaufen hin oder her.


    LYDIA HAIDER

    Studium der Germanistik und Philosophie. Freie Schriftstellerin. 2017 Gründung der Musikkapelle gebenedeit, deren Chefpredigerin sie ist. Seit 2021 Hausautorin am Wiener Volkstheater und an der Volksbühne in Berlin. Mitorganisatorin der Lesereihe Blumenmontag sowie des Kunstfestival Perspektiven Attersee. Zahlreiche Publikationen, wie Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit (2019), Oh Wien siehe die Sau (dein Land) (2023) und Du Herbert (2023) gemeinsam mit Judith Goetz und Marina Weitgasser.

    JENNIFER WEISS

    Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Romanistik (Französisch) an der Universität Wien sowie an der Université libre de Bruxelles. Forschungspraktika im Kulturbereich, u.a. im Filmarchiv Austria und im Institut Français d’Autriche. Mitarbeit u.a. bei den Wiener Festwochen. 2015-20 Dramaturgin am Schauspielhaus Graz. 2020-23 Dramaturgin am Volkstheater Wien. Sie ist Teil des Kollektivs Institut für Medien, Politik und Theater, das interdisziplinär an der Schnittstelle zwischen Theater und Journalismus arbeitet.

    ANDREA HEINZ

    Studium der Deutschen Philologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Skandinavistik in Passau und Wien. Diplomarbeit über Logozentrismuskritik in Ingeborg Bachmanns Todesarten-Projekt. Seit 2010 Autorin und zeitweise Redakteurin für Print- und Online-Medien. 2015-17 Pressereferentin am Volkstheater Wien. Dissertation über Ingeborg Bachmann am Institut für Germanistik der Universität Wien. 2019-23 Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsverbunds Elfriede Jelinek.

  • „Du Hofmannsthal“

    „Du Hofmannsthal“

    Die Zurichtung der Buhlschaft, oder: Jeder Mann ist ein Herbert oder Herbert als Jedermann

    Mit Die Buhlschaft in Herbert verbindet Lydia Haider Themen des klassischen Thea­ters bzw. der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts mit aktuellen Gewalttaten von Männern. Durch diese Verknüpfung gelingt es der Autorin einerseits, Hugo von Hofmannsthals Jedermann innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts zu situieren und andererseits auch die dem Werk immanenten stereotypisierten Geschlechter­bilder und patriarchalen Denkformen offen zu legen.

    Von Herbert zu Hofmannsthal und zurück

    Lydia Haiders Text Die Buhlschaft in Herbert geht ursprünglich auf ein 2023 im Haymon-Verlag veröffentlichtes Projekt zurück, in dem sich die Schriftstellerin gemeinsam mit Marina Weitgasser und mir, Judith Goetz, mit verschiedensten Gewalttaten von Männern in Österreich auseinandersetzte. Für Du Herbert hat­te Marina Weitgasser 2020 ein Jahr lang Screenshots aller Meldungen der orf.at-Startpage gesammelt, die männliche Gewalttaten dokumentieren. Diese rund 450 Taten fungierten als Ausgangspunkt des von Haider verfassten literarischen Texts, in dem Herbert als Inbegriff eines männlichen Gewalttäters im Rahmen ei­nes kaum aushaltbaren Inneren Monologs von all diesen – seinen – Taten erzählt. Mein Beitrag wiederum war es, den „Einblick in die Grausamkeit“ – so der Unter­titel des hybriden Textformats – durch eine einführende Einleitung sowie die Fülle von Taten durch erklärende Fußnoten zu kontextualisieren und dadurch auch mit gängigen Mythen aufzuräumen, die Gewalt immer noch vorrangig bei den „ande­ren“ orten. Als durchwegs facettenreich erwiesen sich in unserer intensiven Aus­einandersetzung mit dem Jahr 2020 folglich nicht nur die Tatwaffen, mit denen Männer anderen Menschen – Frauen wie Männern – Gewalt antun, sondern auch die Berufe der Täter, wie ein Abschnitt aus der Einleitung zusammenfasst:

    Wenngleich die häufigsten Mittel der männlichen Gewaltan­wendung 2020 (Küchen-)Messer und Schusswaffen sowie kör­perliche Gewalt darstellten, reichten sie von einem Fondue-Spieß, einem Sparstrumpf über Schwerter, Schnitzelklopfer, Golfschläger, Pfefferspray, Schraubenzieher, Macheten bis hin zu Schuhlöffeln, Lattenroststangen oder Äxten und Hundeleinen. Ebenso unterschiedlich sind die beruflichen und sozialen Hintergründe der Täter, zu denen neben (hochrangigen) Polizisten oder (Polizei-)Ärzten u.a. auch Gastwirte, Köche, Lehrer, Bankmanager, Feuerwehrmänner, Politiker, Busfahrer oder (einfache) Jugendliche zählten. Entgegen hegemonialer Vorstellungen findet männliche Gewalt in allen Berufsgruppen statt und wird mit allen möglichen und vorhandenen Mitteln von Männern ausgeübt.1

    So weit, so grausam. Doch für Lydia Haider, die sich vor allem mit ihren kon­troversen und provokativen Werken einen Namen gemacht hat, offensichtlich noch nicht genug. Mit Die Buhlschaft in Herbert nimmt sich die Autorin erneut der skizzierten Gewaltthematik an und verflicht ihre Bearbeitung der ersten 57 Taten in Du Herbert mit den spärlichen Textpassagen des einzig relevanten weiblichen Charakters aus Hugo von Hofmannsthals Theaterstück Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes – der Buhlschaft. Durch die Situierung einer seit jeher viel diskutierten dramatischen Figur innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts bearbeitet Haider nicht nur die patriarchalen Fundamente von Hofmannsthals Werk, sondern widmet sich auch den begrenzten Handlungsoptionen kleingehal­tener weiblicher Charaktere. Ohne den Blick auf die in die Werke eingeschriebenen Geschlechterverhältnisse, Vorstellungen von Weiblich- und Männlichkeiten sowie patriarchalen Denkmuster kann folglich keiner der Texte verstanden werden.

    Jedermannsfrauen

    In der Darstellung der Frauen in Hofmannsthals Stück Jedermann spiegeln sich die geschlechtsspezifischen Stereotype wider, die sowohl die Gesellschaft als auch die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und somit auch das Werk des österreichischen Schriftstellers prägten. Sei es Jedermanns Mutter, des Schuldknechts Weib, die etli­chen jungen Fräulein oder die Buhlschaft – sie alle bleiben ohne Namen, Geschichte, Tiefgang und Persönlichkeit und werden in erster Linie über ihre Beziehung zu den bedeutsameren Männern als „Mutter von“, „Weib von“ oder „Buhlschaft von“ in ein auf Männer fokussiertes Geschehen eingeführt. Auch die für Hofmannsthals Werk typischen, dichotomen und stereotypisierten Weiblichkeitsvorstellungen fin­den sich in Jedermann wieder. So lassen sich die wenigen weiblichen Charaktere in die einander gegenübergestellten Extreme Mutter oder Verführerin bzw. Heilige oder Dirne/Hure einordnen. Die Aufspaltung in scheinbar tugendhafte und heilige Frauentypen auf der einen Seite und verführerische und sündhafte weibliche Fi­guren auf der anderen Seite dient letztlich auch der Bewertung zulässiger (weil im Einklang mit bestehenden Moralvorstellungen) und weniger zulässiger Lebensent­würfe. Die Reduktion auf zwei vereindeutigte Identifikationspositionen für Frauen begrenzt zudem weibliche Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen.

    Zu einer Verstärkung dieser Beschränkung trägt darüber hinaus auch die geringe Bühnenpräsenz von Frauen in Hofmannsthals Jedermann bei, sodass selbige nicht nur selten zu Wort kommen, sondern auch ihre Möglichkeiten zu handeln und auf das Geschehen Einfluss zu nehmen eingeschränkt bleiben. Ihre Charaktere blei­ben oberflächlich, da dem Publikum verwehrt bleibt, Einblicke in ihre Emotionen, individuellen Bedürfnisse oder Sichtweisen zu erlangen. Obgleich es sich bei der Buhlschaft um die wichtigste weibliche Figur des Stücks handelt, stellt sie keine Ausnahme dar. Im Gegenteil lassen sich an der Präsentation und Beschreibung der Figur ebenfalls zahlreiche Aspekte feministischer Kritik an der oberflächlichen und stereotypen Darstellung weiblicher Charaktere in der Literatur festmachen. Auch die Buhlschaft bleibt auf ihre Beziehung zu Jedermann reduziert und dadurch weitgehend in ihrer passiven und untergeordneten Rolle als eindimensionales Ob­jekt seiner Begierde verhaftet. Der auffällige Altersunterschied zwischen der Buhl­schaft und dem Jedermann, die emotionale Arbeit, die sie für ihn übernimmt, und der Fokus auf ihre verführende und lustvolle Körperlichkeit dienen letztlich der Reproduktion stereotyper und antiquierter Weiblichkeitsvorstellungen – und das zumeist bis heute, wie das weitgehende Fehlen feministischer Auseinandersetzun­gen mit dem Werk in seinen aktuellen Inszenierungen untermauert.2 Gerade die skizzierten Einschränkungen verwehren der Buhlschaft nicht nur die Möglichkeit zu einer eigenständigen Entfaltung, sondern auch eine Subjektwerdung. So mag es auch nicht verwundern, dass die Buhlschaft in der zweiten Hälfte des Stücks ohne weitere Erläuterungen einfach verschwindet. Weder wird ihr Abgang thematisiert noch werden Einblicke in den weiteren Verlauf ihrer Geschichte gegeben. Angesi­chts des skizzierten patriarchalen Gesamttrauerspiels kann die Ergänzung einer Szene bei den Salzburger Festspielen 2022, in der sich die Buhlschaft aus dem Stück verabschieden darf, nicht mal als Tropfen auf den heißen Stein bewertet werden. Der vermeintlich respektvollere Umgang mit der Figur verschleiert und beschönigt letztlich nur den Gesamtzusammenhang und vermag nicht, an den Fundamenten der Problematik zu rütteln.

    Die Buhlschaft zwischen Selbstbestimmung und Domestizierung

    Als zentraler Charakter fungiert die Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals Jeder­mann weniger aufgrund ihrer Person, sondern vielmehr aufgrund der Projektio­nen, die auf sie übertragen werden. Wie bereits erwähnt, erhält sie keinen eigenen Namen und dadurch auch kaum Persönlichkeit, sondern bleibt somit lediglich ein Prototyp eines bestimmten Frauenbilds und dadurch letztlich austauschbar. Sie soll weltliche Lust, Leidenschaft und Genuss repräsentieren und somit auch die Verlockungen der weltlichen Freuden verkörpern. Bereits ihrer Bezeichnung bzw. der Reduktion auf ihre Rolle als Buhlschaft wohnt etwas Abwertendes und Mora­lisierendes inne. Gängigen Interpretationen zufolge würde sie mit ihren Handlun­gen versuchen, Jedermann von seinen moralischen Pflichten abzulenken und ihn dazu verleiten, sich nur auf die lustvollen Momente des Lebens zu konzentrieren. Problematisiert wird dabei jedoch nicht etwa Jedermanns Willensschwäche oder seine Unfähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich weder von Tod oder Gott noch von einer Liebschaft unter Druck setzen oder leiten zu lassen. Im Gegensatz zum fremdbestimmten und unsicheren Jedermann erweckt die Buhl­schaft einen geradezu selbstbestimmten Eindruck, schließlich scheint sie sich von religiösen Zwängen befreit und für die weltlichen Freuden entschieden zu haben und weiß auch – so wird in ihrem spärlichen Text deutlich –, dass sie auch die Be­ziehung mit Jedermann möchte: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“3 Bedeutung gewinnt die Figur jedoch weniger durch eigene Handlungsmacht, sondern dadurch, was auf sie projiziert wird bzw. was sie für und in männlichen Fantasien verkörpert: unheilsame Verführung und teuflische Gelüste. So zeigt sich bei Hofmannsthal nicht nur die Reduktion der Buhlschaft auf ein Objekt der Begierde und damit auf ihre sexualisierte Körperlichkeit, sondern auch die Konstruktion weiblicher Körper und ihrer Sexualität als Bedrohung für den gottgewollten Weg der Männer. Insofern lässt gerade dieser Ausbruch aus den gesellschaftlich zugewiesenen Rollenbildern die Buhlschaft der patriarchalen Logik des Stücks folgend zur verkörperten Gefahr werden.

    Für Jedermanns moralische Konflikte und Ängste, die von ihm erlebten Wider­sprüche und Ambivalenzen sowie sein Versagen, das von ihm gewünschte mo­ralische Leben zu führen, wird jedoch nicht der Protagonist selbst verantwortlich gemacht, sondern seine vermeintliche Verführerin. Um Rechenschaft vor Gott ab­legen zu können, muss Jedermann widerstehen und sich der verkörperten weib­lichen Versuchung entledigen. Einzig die Bezwingung, Domestizierung oder Ent­sagung von Weiblichkeit ermöglicht es Jedermann, die Gefahr zu bändigen und wieder zu einem vollwertigen Mann und Gottes Sohn zu werden. Gleichzeitig lässt die als dringlich präsentierte Notwendigkeit seiner Befreiung (um Gottes Willen) jedes Mittel recht erscheinen, um das ehrbare Leben wieder aufzunehmen.

    So finden sich in Hofmannsthals Jedermann im Grunde genommen unterschiedli­che Facetten einer Erzählung, die wir bis heute nur allzu gut aus dem Umgang mit geschlechtsbasierter Gewalt kennen: Auf der einen Seite der Fokus auf und die Übernahme von männlichen Perspektiven, die Empathie mit den Tätern, auf der anderen Seite Frauen, die aus den für sie vorgesehenen Rollen ausbrechen und daher eine Bedrohung darstellen, also Frauen, die den Männern angeblich keine andere Wahl gelassen hätten.

    Die Herausforderungen patriarchaler Gewalt

    Letztlich tragen die Darstellungen von Frauen in Hofmannsthals Jedermann zur Re­produktion von Geschlechterstereotypen und zur Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterverhältnisse bei. Sie stellen letztlich bestehende Geschlechterrollen und patriarchale Normen nicht in Frage, sondern bestätigen sie eher. Genau hier setzt Lydia Haider an. Wo im ursprünglichen Text erklärende Fußnoten standen, die die Hintergründe und Problematiken der Gewalttaten beleuchteten, begleiten in Haiders Adaption nun die spärlichen Äußerungen der Buhlschaft Herberts Ge­waltexzess. Durch die Verflechtung der Textpassagen der Buhlschaft mit Herberts Monolog gibt Haider der Buhlschaft eine neue Stimme, wenn auch keine gänzlich neue, da der Wortlaut – abgesehen von minimalen Adaptionen der Interpunkti­on – unverändert bleibt. Vielmehr situiert Haider diese Stimme neu, stellt sie in Zusammenhang mit männlicher Gewalt und macht dadurch die Hofmannsthals Stück immanenten patriarchalen Strukturen über den Transfer der Stimme in den Herberttext explizit. Da wie dort hat sie kaum etwas zu sagen, darf selten mitre­den und muss sich in der neuen Bearbeitung Haiders sogar immer wieder wieder­holen, da ihr Sprechtext nicht ausreicht, um Herbert auch nur bei einem kleinen Bruchteil all seiner Gewalttaten zur Seite zu stehen.

    Die Buhlschaft avanciert in Haiders Text also zur Wegbereiterin, Beobachterin und Kommentatorin von Herberts Gewalttaten. Ihr Auftritt in Du Herbert erweist sich als ambivalent und widersprüchlich, furchtbar und hoffnungsvoll zugleich. Bei­nahe unsichtbar begleitet sie Herbert durch die ersten Monate seiner unbeherrscht brutalen, menschenverachtend blutigen und ungehemmt mörderischen Reise durch das Jahr 2020, kontrastiert kaum hörbar seine Gefühle und setzt zumindest Versuche, in das Geschehen einzugreifen. Gleichzeitig lässt die weitgehend unge­brochene Verschränkung der beiden Stimmen die Buhlschaft auch zur Mittäterin werden, schließlich ist von ihr kaum bis kein Widerstand zu vernehmen. Sie setzt der Gewalt kein Ende, lässt den Monolog des Mehrfachtäters weder verstummen noch versucht sie, zu irritieren, zu stören, moralischen oder gar belehrenden Ein­fluss zu nehmen. Sie bleibt versteckt, leise, kaum hör- oder wahrnehmbar und fügt sich unauffällig und unbemerkt in den brutalen Gesamtzusammenhang ein. Letzt­lich geht mit der Integration dieser sanften und unscheinbaren weiblichen Stimme in den deutlich lauteren, rausgebrüllten Monolog Herberts erneut ihre Unterwer­fung im Dienste der Aufrechterhaltung gewaltvoller Normalitäten einher.

    Und doch bleiben die Aussagen der Buhlschaft gewaltig. Als „der wertest aller Gäst“ heißt sie im Herberttext etwa den Täter des ersten Femizids in Österreich im Jahr 2020 willkommen. Nicht nur müsse man diesen „mit Zimbeln und Wind­licht abholen“, sondern auch „führen zu seiner Pflicht“4 und ungebrochen wird die von ihr beschworene Pflicht zu Herberts Pflicht, zur Pflicht, Frauen zu ermorden: „[…] und führen zu seiner Pflicht und folglich muss sie sterben, ist eh klar wie das Klarste in meinem Leben in ihrem sicher nicht länger, dass sie sterben muss und alle mit dazu und alle sterben sie und sie zuerst […]“5. Bei einem weiteren „wertest aller Gäst“, den die Buhlschaft im Herberttext zu seiner Pflicht führt, handelt es sich um einen 38-Jährigen, der eine Zwölfjährige in einem öffentlichen Wiener Bad „unsittlich“ berührte und zu seiner Verteidigung angab, dass er das Mädchen für älter gehalten habe:

    […] wandle ich durch ein Bade hindurch und sehen meine Augen ein junges Geschöpf, das mir gefallet, nun dann muss ich es haben, auch wenn es sich wehret und ich greife wie ich greifen will und greife alles ab, Sitten gibt es somit nicht und daher auch keine Sittenwidrigkeit und hat das Mädchen erst der Jahre zwölfe nun was sehe ich denn ein Alter und was schert dich denn das Alter oder bist du kom­plett vermessen […]6.

    Als Pflicht gilt es der Buhlschaft auch, eine dem Täter unbekannte 33-jährige Frau auf der Straße mit einem Messer lebensgefährlich zu attackieren, unter dem Vor­wand, Cannabis zu verkaufen einen 31-Jährigen zu verprügeln und auszurauben,7 aus einem Auto heraus mit einer Waffe auf Menschen zu schießen sowie ein Ver­trauensverhältnis auszunutzen, um eine Pensionistin in ihrem Einfamilienhaus zuerst mit einem stumpfen Gegenstand zu schlagen und sie dann mit einer Plas­tikfolie zu ersticken.8 Die Stimme der Buhlschaft begleitet die Taten, sie bereitet sie mit auf und legitimiert sie. Dadurch rückt sie in Haiders Text in den Kreis jener vor, die sich durch ihr macht- und herrschaftsstabilisierendes Tun auf der richtigen moralischen Seite zu wissen glauben. Was der Buhlschaft in Hofmannsthals Werk verwehrt blieb und ihr als Mangel ausgelegt wurde, wird ihr in Haiders Text er­möglicht: Zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft zu werden, indem auch die Buhlschaft für Recht und Ordnung sorgt und die Erfüllung vermeintlicher Pflichten einfordert. Gerade in der patriarchal geprägten Gesellschaft erweist sich deren Durchsetzung in letzter Konsequenz immer auch mit Gewalt verbunden. So erfüllt die Buhlschaft als Herberts Begleiterin letztlich ihren Beitrag zur Aufrecht­erhaltung der gewaltvollen Normalität.

    An anderer Stelle lässt die Buhlschaft durch den Verweis auf einen von ihr ver­spürten Schmerz kurz aufhorchen, wenn sie etwa einen Femizid oder einen An­griff auf eine Passantin und zwei Betrunkene mit einem Baseballschläger mit den Worten kommentiert: „[…] mit dieser Red geschieht mir weh, dess ich zu dir mich nicht verseh“. Gleich im nächsten Satz lässt sie jedoch wissen, dass sie weiterhin an Herberts Seite bleiben werde: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“9 Die transportierte Doppelbotschaft beinhaltet das Eingeständnis ei­ner Verletzung durch Herberts Taten und Worte bei gleichzeitiger Bestätigung sei­ner Anziehungskraft, auch wenn er seinen Gewaltexzess fortführt und beispiels­weise durchdreht, weil jemand seinen Pitbull als süß bezeichnet hat oder er selbst eine Frau mit einem Messer bedroht. Obgleich die Buhlschaft weitgehend treu an Herberts Seite zu bleiben scheint, stellt sie mehrfach seine Unbekümmertheit in Frage. So meint sie beispielsweise zu erkennen, dass Herberts Taten auch an ihm nicht gänzlich sorglos vorbei gehen: „Und wär dein helle Stirn und Wangen, Von einer Trübnis überhangen“10. Herbert hingegen reagiert immer wieder mit Abwehr und schreitet indes zu seinen nächsten Taten weiter, beispielsweise zum nächsten Femizid: „[…] wenn ich solches höre, dann sage ich als Herbert dazu, dass ich da die Luft wegbekomme solange, bis es das Bewusstsein nimmt, denn schnell ist ein solches Bewusstsein genommen, wenn man nur würget und würget recht fest und nicht ablässt da von dieser meiner Frau, okay es ist meine Ex-Frau […]“11. Auch der Umstand, dass die Buhlschaft ihre Ängste vor dem Tod anspricht und diesen als „die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt“12 beschreibt, vermag Herbert nicht aus der Bahn zu werfen oder ihn zu stoppen. Im Gegenteil, er führt seine Taten fort und tut, was seiner Auffassung nach getan werden müsse.

    Familie hin oder her daneben deppert schauend, ich habe schon gesagt, dass der Tod über und über kommen muss und soll und wenn ich es spreche, hat es zu sein also auch sage ich es, wie es sein soll und ist, nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss […].13

    Letztlich sind selbst die vagen Versuche der Buhlschaft zu intervenieren, auf Ver­letzungen und Ängste aufmerksam zu machen oder Unrechtsbewusstsein zu we­cken, von Beginn an zum Scheitern verurteilt und bleiben daher im Text sowie auch für Herberts Gewalttaten bedeutungs- und konsequenzenlos.

    Mittäterinnen und die begrenzten Möglichkeiten des Widerstands

    In Haiders Text fungiert die Buhlschaft jedoch nicht ausschließlich als eine weibli­che Mittäterin, die sich durch ihr Tun an der Aufrechterhaltung patriarchaler Struk­turen und Normen beteiligt, vielmehr muss sie selbst als patriarchale Konstruktion gesehen werden, an der nicht nur deutlich wird, was das Patriarchat mit Frauen macht, sondern auch wozu das Patriarchat Frauen macht. In diesem Sinne muss sie als Mittäterin und Opfer zugleich gesehen werden – als Täterin, weil sie der Gewalt nichts entgegenzusetzen hat und durch ihre mangelnde Gegenwehr letzt­lich zu ihrer Aufrechterhaltung beiträgt; als Opfer, weil ihre Handlungsspielräume durch die normativen patriarchalen Weiblichkeitsvorstellungen begrenzt bleiben. In diesem Sinn stellt sich die Frage, ob und inwieweit eine klein und charakterlos gehaltene und wenig handlungsfähige Figur wie die Buhlschaft in Hofmannsthals Stück überhaupt etwas gegen die Vielzahl von Gewalttaten ausrichten kann. In dieser Hinsicht macht die Figur vielmehr die Konsequenzen und Widersprüche der Zurichtung von weiblichen Charakteren im Theater und darüber hinaus sicht­bar. Wie bereits ausgeführt, wird sie für Jedermann (und auch Herbert) nicht etwa aufgrund ihrer Eigenständigkeit oder Infragestellung bestehender männlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen zur Bedrohung, sondern aufgrund der auf ihre Sexualität und Verführungskunst projizierten Gefahren für Männer, von ihrem an­geblich gottgewollten Weg abzukommen. Insofern erfolgt auch die Bearbeitung der dadurch hervorgerufenen männlichen Ängste und Bedrohungsfantasien in erster Linie über die Zähmung, Zurichtung und Abwendung von Weiblichkeit. Gerade Herbert exemplifiziert mit jedem einzelnen Wort und jeder verrichteten Tat, wie männliche Vorherrschaft über Gewaltanwendung aufrechterhalten bzw. wieder hergestellt werden kann.

    Die Buhlschaft führt Jedermann aber auch die Möglichkeit vor Augen, im Hier und Jetzt den eigenen Wünschen nachzugehen und eine selbstbestimmte Sexualität un­abhängig von moralischen Zwängen zu leben. Letztlich gehen aber alle Potentiale, die der Figur der Buhlschaft innewohnen, und somit auch sie selbst an und in der patriarchalen Erzählung zugrunde. Ohne Stärkung ihres Charakters und unterstüt­zende Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, zu der ihr auch Haider nicht verhilft oder nicht verhelfen will, bleibt sie machtlos und wird nichts gegen den Strom patriarchaler Gewalttaten ausrichten können. Entsprechend kann eine solche Abrechnung im Grunde genommen von ihr auch nicht verlangt werden.

    Die Heimführungen, Heimbringungen und Heimdrehungen der Lydia Haider

    Lydia Haiders Adaption Die Buhlschaft in Herbert ist nicht nur eine Intervention in das festgefahrene Treiben der Salzburger Festspiele, sondern auch in die Literatur und die Hofmannsthal-Verehrung. Sie dekonstruiert die (Schein-)Heiligkeit des Je­dermann und kritisiert dabei auch ein patriarchal geprägtes Symbol österreichischer Kulturgeschichte. Damit setzt die Schriftstellerin ihre bereits in vorangegangenen Werken umgesetzte Beschäftigung mit gesellschaftlichen Normen, Geschlechter­verhältnissen und Gewalt fort, indem sie die Brutalität des Patriarchats, verge­schlechtlichte Konventionen der Gesellschaft und veraltete Kulturgüter selbst zum Thema macht und grundlegend infrage stellt. Die Untertitelung von Haiders Werk Eine Heimführung kann als symbolische Handlung für die Verlagerung der Stimme der Buhlschaft in die Erzählung des Herbert gedeutet werden. Dieser Akt ähnelt einem patriarchalen Brauch, bei dem die Braut symbolisch von ihrem Elternhaus in das Haus ihres zukünftigen Ehemannes und dessen Familie geführt wird, indem das brave Mädchen ebenso wie die naive Dirne zur vollwertigen Frau in der Ge­sellschaft werden soll und ihr vorheriges Leben hinter sich lässt. Es steht für den Übergang der Braut in ihre neue Familie und Heimat. So lenkt Haider die Buhl­schaft metaphorisch nach Hause, in einen Ort, der als ihre angemessene Umge­bung erscheinen soll, jedoch wie eine Bestrafung für ihr als unmoralisch erachtetes Leben in Hofmannsthals Werk wirkt. Die Buhlschaft wird heimgebracht an den Ort ihres vermeintlichen Ursprungs, an den symbolischen Ort ihrer eigentlichen Zugehörigkeit: die gewaltvolle Realität des Patriarchats. Nun muss sie an der Seite Herberts in einem noch gewalttätigeren Umfeld verharren. Letztlich erweist sich Herbert jedoch als Jedermann, da Herbert in dem Sinne wie jeder Mann ist, als dass jeder Mann das Potential in sich birgt, ein Herbert zu sein oder zu werden. Auch umgekehrt wird deutlich, dass Jedermann im Grunde genommen ein Herbert ist, da sie im Sinne einer Männerseilschaft ähnliche Ziele verfolgen und beide von der Zurichtung der Buhlschaft profitieren. Insofern bringt Lydia Haider in ihrem Text zusammen, was zusammengehört.

    Ihr außergewöhnlicher und provokanter Zugang ermöglicht neue Sichtweisen auf das tief verankerte, selten jedoch aus einer geschlechterkritischen Perspektive re­flektierte Spektakel des Jedermann und seiner Inszenierungen. Sie zeigt, dass vor allem renommierte Events wie die Salzburger Festspiele nicht nur einer grundle­genden Erneuerung bedürfen, sondern patriarchale Strukturen und Traditionen angreifbar sind. Mit Die Buhlschaft in Herbert legt Haider den Finger in eine Wunde der österreichischen Kulturgeschichte und rückt vernachlässigte Geschlechterthe­men, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind, an die Oberfläche. Mit der „Heimdrehung“ fordert die Schriftstellerin nicht zuletzt dazu auf, Hofmannsthals Jedermann nicht noch 100 weitere Male zu inszenieren, sondern endlich eine Wendung einzuleiten, also den bisherigen Jedermann „ham­zudran“. Es ist an der Zeit, sich von verstaubten Traditionen zu lösen und neue Perspektiven auf ein Stück österreichischer Kultur zu ermöglichen.

    Ein allgemein gültiges Märchen?

    In der Einleitung zu seinem Theaterstück betont Hofmannsthal die Wurzeln der „Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl“ als eine mündlich überlieferte Erzählung. Sie wurde von verschiedenen Intellektuellen niederge­schrieben, breiten Gesellschaftsschichten blieb sie jedoch weiterhin unzugänglich. „Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen“14. Jedermann ist jedoch weit mehr als nur ein allgemeingültiges Märchen. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Märchen mit vergeschlechtlichten moralischen Botschaften und Lehren, die allgemeingültig bleiben sollen, um ja nicht an den bestehenden patriarchalen Ge­schlechterverhältnissen zu rütteln. Das Verdienst von Lydia Haider liegt folglich insbesondere darin, ihm diese vermeintliche allgemeine und universelle Gültigkeit zu entziehen.


    Anmerkungen

    1. Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert. Innsbruck: Haymon Verlag 2023, S. 4. ↩︎
    2. Der vorliegende Sammelband stellt in diesem Zusammenhang freilich eine Ausnahme dar. ↩︎
    3. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes. https://www.pro
      jekt-gutenberg.org/hofmanns/jederman/jederma2.html (2.1.2023). ↩︎
    4. Ebd. ↩︎
    5. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung oder: Wie die Buhlschaft als Buhlgas in Herbert lieb Herbert vergast. Eine Heimbringung/Heimdrehung. In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024, S. 202-209, S. 202. ↩︎
    6. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
    7. Vgl.: Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert, S. 20-22. ↩︎
    8. Vgl.: Ebd., S. 30-31. ↩︎
    9. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎
    10. Ebd. ↩︎
    11. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
    12. Ebd., S. 202. ↩︎
    13. Ebd., S. 202. ↩︎
    14. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎

    JUDITH GOETZ

    Studium der Literatur- und Politikwissenschaft. Mitarbeiterin des Fachbereichs Politische Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Innsbruck. Lehrbeauftragte an unterschiedlichen Universitäten sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und des Autor*innenkollektivs Feministische Interventionen. Seit 2020 engagiert sie sich bei der offenen feministischen Vernetzung Claim the Space. 2023 erschien das von ihr mitverfasste Buch Femi(ni)zide. Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen.

  • Die Buhlschaft in Herbert

    Die Buhlschaft in Herbert

    Eine Heimführung

    Einführungstext

    Der Text Die Buhlschaft in Herbert war ein Auftragswerk des Interuniversitären Forschungsverbunds Elfriede Jelinek der Universität Wien und der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien für das vom 12.-14.8.2022 stattgefun­dene Symposium Kapital.Geschlecht in Kooperation mit den Salzburger Festspielen und dem Literaturarchiv Salzburg. Ausgangspunkt war Hugo von Hofmannsthals Jedermann.

    Der Interuniversitäre Forschungsverbund Elfriede Jelinek bat die österreichische Autorin Lydia Haider um eine feministisch-subversive Überschreibung der Rep­liken der Buhlschaft. Der Auftrag war, konkret mit Hofmannsthals Text der Buhl­schaft zu arbeiten und dabei seinen katholisch geprägten, „liturgischen“ Sprach­duktus und Rhythmus aufzugreifen, also auch sprachkritisch damit zu arbeiten und den Text der Buhlschaft auf diese Weise zu befragen.

    Lydia Haider hatte die Idee, diese Überschreibung in den Kontext ihres gerade im Entstehen begriffenen Romanprojektes Du Herbert zu stellen.

    In Kooperation mit dem Volkstheater Wien und mit Unterstützung des Wiener Lokals Schmauswaberl wurde zusammen mit Volkstheater-Dramaturgin Jennifer Weiss aus dem fertigen Text für das Salzburger Symposium sowie für die Veran­staltung GESCHLECHT UND GEWALT Lesen & Tschechern #Jelinek royal (9.12.2022) in der Roten Bar des Volkstheaters eine performative Video-Version entwickelt, an der gut 20 Schauspieler*innen und Laien beteiligt waren.


    Und es tut auf wie es aufgeht in eines Leben und geht hin dazu wie es geht in eines Leben und es geht los mit nun wo ich bin heißt es Hand oder Mund geben, dass ich lebe und mich lebend weiß es diese junge Fut nicht ehrerbietend und anstands- wie standesgemäß, wer alls lang auf sich warten lässt und ist der wertest aller Gäst, den muss man mit Zimbeln und Windlicht abholen und führen zu seiner Pflicht folg­lich muss sie sterben, ist eh klar wie das Klarste in meinem Leben in ihrem sicher nicht länger, dass sie sterben muss und alle mit dazu und alle sterben sie und sie zuerst, das sag ich ihr und benenne die Sache, wie sie nicht geschieht, dann ist es nicht so, weil das nicht immer ein solches zu sagen hey war mir doch, eh ich zu dir trat, als ob dir jemand nahe tat und wär dein helle Stirn und Wangen von einer Trübnis überhangen was ist denn los ich will und bin was ich bin und eine andre läuft mir da rein und es läuft jetzt doch ein Wasser möchtest du es Blut nennen, dann nenne es Blut, Laufen ist da Laufen, gestochen hierzu und aufzu und ohne Betulichkeit, die ich nicht brauch, weil eine Notwendigkeit mit dieser Red ge­schieht mir weh dess ich zu dir mich nicht verseh, steh nicht auf grüne Buben an, du bist mein Buhl und lieber Mann und ich gehe weiter wenn der Tag kurz ist lang macht er sich mir nicht dir ebenso da kann ich sagen was ich will und wenn wer zu meinem Pitbull süß sagt, dann streckt sich naturgemäß die Faust bei mir oder bei wem denn nicht oder was soll so ein süßer Hund von wem da sein, der mir das andichtet, dichte ich ihm was an auf lange Zeit wird der sehen, dass da einst das Wort des süßen Hundes sein Gesicht geziert und mehr ein Bub liebt frech und ohne Art, ein Mann ist großmütig und zart, hat milde Händ und steten Sinn, das zieht zu ihm die Frauen hin da zu fressen hat er nichts und ich in solchem zu tun mit sol­chem Kasperl hello Bello da rennt mir der nächste rein mit seiner Pizza, denn fres­sen muss der Mensch doch und ich ein solcher muss fressen wie der Mensch das tut, nun wenns nicht passt, passts halt nicht, da flack ich ihm mein Feidl ins Fleisch rein pronto aber noch sowas geht auf keine Kuhhaut, das Wort allein macht mir schon bang, der Tod ist wie die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt, Familie hin oder her daneben deppert schauend, ich habe schon gesagt, dass der Tod über und über kommen muss und soll und wenn ich es spreche, hat es zu sein also auch sage ich es, wie es sein soll und ist, nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss und sammle mir dir Waf­fen, damit ich Waffen habe zu schützen und zu richten, denn ich bin der Richter dieser Welt, wozu ich viele Waffen brauche, über 100 sollen mein sein und sind also auch meine lieben Babys, um meiner schwangeren Freundin zu zeigen, wo der Hammer hängt, das tue ich für sie und uns und der Unsegen fährt aus meinem Mund hin sehr geschickt und was ist dir, was schafft dir Verdruss normal es ist kalt und es ist Jänner und das ist die Natur und so ich auch der Koch bin und weiß, was zu kochen, so wissen es meine dummen Lehrlinge nicht da sie zu Verstand zu brin­gen und ihnen zurückzugeben, was fehl, da ist kein Wort mehr fehl, denn hier ist meine Rede und meine Tat und sie geht über die gebückten Auszubildenden hin­weg, zu lehren sie die Wahrheit, worin sie hernach sind, nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz, ihr Buben, reicht Handwasser jetzt, was stehst du da und siehst so fremd und ist alles schwarz such ich meine Gruppe mir und dreh mit ihr eine Run­de, zuerst schlagen und treten wir und entstellen ein paar Widersacher schwer, damit sie es sich merken, wer ist und wer nicht, was ficht dich an, bist du mir krank hernach fahr ich mit meinem Bus herum und transportiere ein paar Leute für den Staat und ich weiß schon, wie man wirklich grüßt und das ist in dieser jetzigen kalten Zeit allein der wahre Wolfsgruß, mein Schatz, denn so grüßt der wahre Wolf, der ich bin, ist die Zeit auch finster und kalt, das wärmt dann gewaltig, und wer mir das nicht glaubt, dem muss geholfen werden mit Verweigerung und Schlägen, und sei es die Polizei du Gelse du hello da helfen mir auch die Meinen, und sei es anders, so sei es nicht, denn ich tue es, sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort ein Weib dabei hinweggefegt, die das nicht glaubt, ich verberge ihren Leich­nam und bewache ihn, was ja zu stinken anfängt, eine Mistgstättn ein Parfum da­gegen, da zieh ich meinen Hut und zieh weiter Freund, Waffen hab ich dabei kla­rerweise und zeig sie auch und zieh sie auch und zieh nicht lauwarm, sondern sehr bestimmt und nehme auch das Wort dazu her, nun, geht die Red gleicherweis auf mich wenn ich gehe und später auf meinem Balkon einige Schüsse davon abgeben muss, so verstehen die Nachbarsschwammerl den Zusammenhang nicht, der da nur verstanden wird, der echt ist und sieht das Werk eines, der werkt, weil hier jemand ganz gewaltig werken muss, dein Blick ist starr und fürchterlich, für was willst du mich strafen, sprich damit sich einmal etwas tut, überall nur Dillos und Sandler und Nackerte, selbst meine Mutter muss davon befreit werden, von dieser Dummheit und Einfalt muss ich ihr geben, was ihr zusteht und sie ist erlöst von dieser Einfalt, dieser Sache, wie sie ist wie ein peinlicher Harmonienwechsel, den sie mir ständig verkaufen wollen in allen Geschäften, da zeig ich der Mutter, die mich, ihre Erlösung, herausgelassen in mein Leben, wie es sich anfühlt, zu leben, und gebe ihr, was ihr gebührt und wie es zu sein hat, was das Leben ist, und das ist Schmerz und Blut und Not und Qual samt Pein und Dreck um Christi Willen, was ficht dich an, mein Buhle traut, mein lieber Mann ich bin bei dir, sieh doch auf mich, dein bin ich heut und ewiglich und flüstern braucht da niemand mit mir, denn ich bin sehr laut, oder hörst du noch etwas anderes als mich hier, ich bin die ungefilterte Wahrheit dieses Lebens, dieses Jahres, ich bin Herbert und mein Leib ist dein Leib, den ich dir gebe und du nimmst ihn gefälligst auch oder hör auf, über mein Sein zu lesen, du Scheißhaufen von Bildung, ihr lieben Vettern und Leut, mein Liebster ist besonders heut, weiß nicht, wes ich mich soll versehn, könnt ihr mit Rat mir nicht beistehn das kann ich auch zugeben, dass ich manchmal mich verirre, denn ich bin verständig und verstehe meine Tat, die ich echten Kiwaran nicht Haweran auch sage, wenn sie es denn wissen wollen, diese lustigen Bolde, meine Fresse, er sitzt nicht fröhlich und gepaart und redt von Dingen aus der Art, hab nie zuvor ihn so gesehn, weiß nicht was ihm mag sein beschehn das ist ja ganz einfach, denn ich habe nichts zu verbergen, ich sitze auch nichts, denn ich sitze nicht auf, ich bin kein tiefergelegter Golf, den die kleinste Bodenschwelle schon langsam macht, nein ich bin sehr schnell und stehe dazu, hab meine Waffe eh da­bei, immer geschickt und parat, um meinem Wort Nachdruck zu verleihen zu je­dem Tag und jeder Nacht schläft sie in meiner Hand nicht und ist meine Verlänge­rung und ich bin ihre Sprache und diese Sprache sprichst du nicht, ich bitt euch lasst das Singen nicht stocken du verstehst diese Sprache nicht, die ich spreche und das sei dir auch gesagt und die schneller in der Grube, als du Bap sagen kannst, mein Freund, das ist so und daher ist es auch allein wirklich und korrekt, das muss ich dem sagen, freilich, lasst euch im Singen doch nicht stören und auch wenn ich im Häfn bin und meine Zelle mich bedrückt, ich beuge diese Zelle nicht allein und betätige auch hier meine leichte Sprache, zu geben meinem Messer die Kraft, ge­führt durch andere Händ, sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell, denn auch solche sind wie meine Händ, sie sind das A und O und bis zum Z kommen wir gar nicht, weil ihr da alle bereits hin seid, ich hör keinen Laut wenn ich es sage und wenn ich aufstehe und einmal fest aushole, seid ihr alle nackt, das könnt ihr glau­ben, denn der Glaube allein hält euch noch, wenn ich spreche und ihr euer Gebet, womöglich das letzte, ungefilterte Gebete sollen es sein aus den tiefsten Brüsten eurer Seelen, die gerettet werden durch mich und auf meinem Rücken trage ich euch heraus und so wer dies Wiederbetätigung nennt musst mirs versprechen, lie­ber Mann, müsst ja vor Angst und Sorg vergehn, sollt ich dich öftern also sehn dann kann ich nur lachen und so ich das Messer erneut durch meine eignen Händ führen muss in den Leib meiner eignen Frau hinein, dann sei es so, wenn zu tuen ist, was zu tuen ist, und ist das Messer in den Leib einer x-beliebigen Frau zu füh­ren, dann ist es gleichermaßen so, wie es eben ist, wer alls lang auf sich warten lässt und ist der wertest aller Gäst, den muss man mit Zimbeln und Windlicht abholen und führen zu seiner Pflicht und es wird die Klinge geführt und es wird schon geschaut, wo denn der Bartel den Most holt da der Most geholt werden muss braucht es auch Geld dazu, das ich jenen abnehme, die mir meine Substanzen ab­kaufen wollen, nehme also das an mich, was mir zusteht in und auf dieser Welt steht mir zu, was andren zu Gesichte steht, war mir doch, eh ich zu dir trat, als ob dir jemand nahe tat und wär dein helle Stirn und Wangen von einer Trübnis überhangen und ich fahre und gehe und bewege mich dahin, da passiert es, dass mir jemand meine Bahn kreuzt und ich ziehe den Baseballschläger dieses Mal muss es der Baseballschläger sein, da wie gesagt manchen etwas zu Gesichte steht und da­rin gezeichnet werden muss, wo ja schon etwas steht und wo es nur logisch ist, dort weiter zu zeichnen und weiter zu schreiben, wo schon etwas geschrieben steht in eines Fresse da, und ist es nicht genug, nehme ich mit meinem Fahrgestell auch noch einen Fuß mit diesen zu überrollen und platt zu walzen nun denn mit dieser Red geschieht mir weh, dess ich zu dir mich nicht verseh, steh nicht auf grüne Bu­ben an, du bist mein Buhl und lieber Mann und treffe ich dann erneut auf eine dieser jungen Frauen, wie sie heute so zigfach herumwandeln auf diesem Erdball, sei wieder das Messer heranzuziehen, es bereit zu halten und es an den Hals dieser zu legen und ihr zu zeigen, dass das Messer auch in ihrem Hals stecken kann, dass das Messer auch durch ihren Hals durchgehen oder diesen zu öffnen von allen Seiten nun Umsetzung folgt in diesem Falle nicht denn ich tue es in diesem Fall nicht und so jemand die Frage stellt, warum ich es nicht tue, gibt es diese Frage einfach nicht, denn die Frage gibt es nicht was tatsächlich so ist das Messer auch listig und lau, an den eignen Hals kann ich es mir natürlich gleichermaßen halten und zack ein Bub liebt frech und ohne Art, ein Mann ist großmütig und zart, hat milde Händ und steten Sinn, das zieht zu ihm die Frauen hin, ich bin schon wieder einen Schritt weiter wenn es darum geht, meinen Kontrahenten im Streite zu besie­gen gehe ich siegreich aus diesem hervor und zeige hierzu meine Pistole und zeige hierzu meine ganze Kraft und Entschlossenheit ja das Wort allein macht mir schon bang, der Tod ist wie die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf nie­mals werden aufgeweckt genau so ist das möglich und so wirds also getan denn warum auch nicht meine Güte ich bin nicht Teil der Exekutive, kein Polizist, kein Kiwara und Hawera bin ich auch keiner von dir schon gar nicht hörst du das eh nun kann ich mich aber dazu machen und geschickt und gleich all diesen jungen Buben da, diesen Jugendlichen, wie sie sich nennen, ein bisschen etwas von ihrem Taschengeld abknöpfen, von dem diese jungen, wie wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt, Fratzen eh meist viel zu viel haben und überge­hen davon und es nur für Blödsinnigkeiten ausgeben und ich geh da also hin und nehme ihnen gleich alles ab, was sie denn da so haben, ihre Handys, ihre Uhren, all ihre Wertigkeiten an ihren Körper werden von mir kurzerhand beschlagnahmt und das ist gar nicht wenig, wenn der Sehende dahingeht und sieht, was es zu se­hen gibt, und so man zu wenig sieht, kann es schon sein, dass man mit seinem Wagen einem anderen Wagen auffährt in einer Seheinschränkung die kann sich ergeben aus Hochprozentigem ins Inwendig geleert und inwendig also das Sehen gekehrt was ist dir, was schafft dir Verdruss wo viel ich sehe und sehe auch nichts, ob viel oder wenig, erneut muss ich es tun und jene, wie sie mich geboren und in das Leben geworfen, jene muss ich aus dem Leben hinauswerfen aus dem solchen und aus dem Dasein dem hiesigen und dem meinen allein entfernen und wo sol­ches geschieht und wo die Mutter sitzt nicht mehr zur Rechten, da hörst du schon noch viel mehr ist da hinauszuwerfen aus dem Leben und dem Fristen auf Erden da diesem vermessenen und billigen egal nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz, ihr Buben, reicht Handwasser jetzt was stehst du da und siehst so fremd welches Alter da vor mir steht denn solches ist nicht zu beachten vor dem Sein, auch wenn sie versuchen, es in sogenannten Gutachten zu beschreiben nun und auch früher schon und in der Zukunft werden sie was ficht dich an, bist du mir krank es ebenso tun und wenn da gleich die ganze Sippschaft zu erschießen ist, dann erschieße ich die ganze Sippschaft welche da ist ein Bruder, ein Vater und eine Stiefmutter in einer Hinrichtung, wie ich sie mir vorstelle, und wird da verhandelt in Berufungs­dingen dazuhierigst sage ich Sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort, erneut, dass sie es früher so taten und heute und auch morgen tun werden diese Dinge und weiter ziehe ich, Herbert, mit meiner Art und meinem Sein hier in meinem Österreich samt dem bodenständigen Wesen und der ehrlichen Sprach in dieser guten Luft in meinen guten Bergen so hoh und weit geht die Red gleicherweis auf mich, nehme dann die Luft meiner Frau weg und schaue, dass sie nicht mehr atmet durch die Kraft einer Schnur und natürlich stehe ich dazu und gebe es auch zu ja warum denn nicht ich sage es ja auch hier zu dir zu euch zu allen da finde ich meine Frau mit einem anderen zusammen, so lasse ich ihre Körper spüren, was es heißt, sol­ches zu tun, dein Blick ist starr und fürchterlich, für was willst du mich strafen, sprich und muss es auch wieder der Baseballschläger sein, nun es reut mich nicht, diesen heranzuziehen, oder was glaubst du so etwas zu tun da gehe ich zum Bahn­hof und steige in den nächsten Zug hin und sehe das Büblein mit seinen vielleicht 12 Jahren und nehme ihm ab, was es abzunehmen gilt und halte ihm mein Messer an den Bauch und schon gibt der alles her und es ist geschehen und auch schon wieder vorbei und wo ich mich auch um solche kümmere, sie zu betreuen und zu leiten und zu führen um Christi Willen was ficht dich an mein Buhle traut mein lieber Mann ich bin bei dir sieh doch auf mich, dein bin ich heut und ewiglich so lassen sich diese nicht immer zu allem hinführen und auch nicht gleich überreden nun auch nicht zum Verkehr der Geschlechte mein Liebster ist besonders heut weiß nicht wes ich mich soll versehn, könnt ihr mit Rat mir nicht beistehn unser macht sich manch einer Gedanken zu viele über zu vieles das da geschieht und das Geschehen in Abhandlungen und all jenen Weltlichkeiten wird versucht, die Ge­walt zu verstehen wie sie ist und wie sie geschieht und für eines Leben wegzuneh­men ergo abzukürzen ergo abzuschneiden vom Faden des Lebens, ja er sitzt nicht fröhlich und gepaart und redt von Dingen aus der Art hab nie zuvor ihn so gesehn, weiß nicht was ihm mag sein beschehn dafür stehen die Strafen besonders hoch und sie klagen und klagen zu nennen das Anklage wo wir uns auch gegenseitig zu sehr anklagen diese meine liebe Mutter und ich da kann es schon mal wild zuge­hen und sie schicken dir gleich die Cobra her diese Wahnsinnigen dabei gäbe es da sicher Relevanteres zu tun als wenn ich da mit meiner lieben Mutter ein bisschen herumstreite und herumschreie und sowas ich bitt euch lasst das Singen nicht sto­cken da gibt es Pädagogen in diesem Land, die vermessen sich komplett und ständig hört man, dass die sich dann sogar an den ganz Jungen vergehen und ich hab ja auch einmal unterrichtet und so ein junges Hascherl geküsst und das war gleich ein Aufschrei meine Güte lasst euch im Singen doch nicht stören ja wie ich schon sagte und niemand wiederholt sich gern, nicht wahr, dass die Menschen bei weg­genommenen Leben zu anklagen beginnen und klagen das an und versammeln sich dazu und tragen all ihre Meinungen hierzu zusammen wie das der Mensch eben tut und jeder kennt das und nun ist es erneut ein solches, da ich eine Tat mit Blut begangen, wie sie es nennen sieh Jedermann doch dein lieber Gesell und wenn mir wer deppert kommt, obwohl mir sicher nicht deppert zu kommen ist, sei es ein Normaler oder zu sonst was Berufener, mit Lizenz zur Gewaltausübung oder ohne, mit Wissen und Recht auf etwas oder ohne ja da nehme zur Hand, was sich grad in meiner Hand befindet in dem Moment und gehe an, was anzugehen ist und verwehre mich gegen so Ansagen von Wachposten oder sonstwem und sei es auch mit einem dünnen Fonduespießerl ja das sage ich dir, mit sowas kannst du genauso anrichten und richten und wen zurichten wie ein geschmücktes Ross vor dem Kriegesmarsch in den Tod jawohl ich hör keinen Laut und auch wenn ich noch jung bin und auch wenn ich alt bin, mein Alter tut nichts zur Sache wenn ich mich an meiner Kollegin vergehe nun dann vergehe ich mich an ihr denn ich will dass sich die Geschlechter, ihres und meines, zusammenfinden und wenn sie das nicht will, dann muss ich es erzwingen und einfach tun und sie vergewaltigen mit Gewalt mir das Geschlecht holen in der Folge musst mirs versprechen lieber Mann, müsst ja vor Angst und Sorg vergehn sollt ich dich öftern also sehn wie ein Cow­boy fühle ich mich schon und ziehe meine Puffen und schieße in die Luft ganz lustig und luftig und frei so Schüsse wie sie eben frei zu sein haben da heraus aus dem Lauf ganz natürlich und gerecht ist es bei einem Umzug sowieso so einem Herumgeziehe von uns Leuten und noch viel gerechter ist solches auf einem Um­zug wie er sich ganz unsrem alten Wissen und den alten Bräuchen und den alten Gesetzen hier annehmend durch die Wege und Straßen ziehend das Volk darin dies preisend und ich bin dabei und ich springe auf meinen Absätzen und werfe die Füße in die Luft und ich ziehe meinen Langen und ich feuere daraus, dass es sie freue dabei gleichermaßen wie mich, denn das Leben ist zur Freude gedacht an sich wer alls lang auf sich warten lässt und ist der wertest aller Gäst, den muss man mit Zimbeln und Windlicht abholen und führen zu seiner Pflicht und als ich ein­mal im Bankeswesen zu tun hatte, da war es so, dass ich das Leben einer alten Frau genommen und jetzt lautet die Anklage darauf auf Mord, so sagen sie es und ich höre es mit Ohren zu hören und war mir doch, eh ich zu dir trat, als ob dir jemand nahe tat und wär dein helle Stirn und Wangen von einer Trübnis überhangen, ich kann natürlich so wie überall auch des Schießens fröhnen wie ich will zu einem Umzug hin oder Jux und Tollerei oder zum Streite dar in einem Auto oder sonst wo, da ich die Freiheit mir nehme, das zu tun, wie ich es will und für angemessen befinde und mir als Basis dies Geschieße gebe für mich als Schreckschuss oder echt zur Relevanze nur bedingt und dann kommt es schon daraufhin, dass meine Frau ich erschieße mit meiner Pistole und bin ich zwar nicht mehr ihr Manne, sondern, wie sie es nennen, Ex, ja so schieße und erschieße ich sie dennoch, egal wie uns Beziehungsverhältnisse bezeichnen das Zeichen ist nun mal das Zeichen und wer alls lang auf sich warten läßt und ist der wertest aller Gäst, den muss man mit Zim­beln und Windlicht abholen und führen zu seiner Pflicht, wandle ich durch ein Bade hindurch und sehen meine Augen ein junges Geschöpf, das mir gefallet, nun dann muss ich es haben, auch wenn es sich wehret und ich greife wie ich greifen will und greife alles ab, Sitten gibt es somit nicht und daher auch keine Sittenwid­rigkeit und hat das Mädchen erst der Jahre zwölfe nun was sehe ich denn ein Alter und was schert dich denn das Alter oder bist du komplett vermessen jetzt war mir doch, eh ich zu dir trat, als ob dir jemand nahe tat und wär dein helle Stirn und Wangen von einer Trübnis überhangen wenn ich solches höre, dann sage ich als Herbert dazu, dass ich da die Luft wegbekomme solange, bis es das Bewusstsein nimmt, denn schnell ist ein solches Bewusstsein genommen, wenn man nur würget und würget recht fest und nicht ablässt da von dieser meiner Frau, okay es ist mei­ne Ex-Frau, ich gebs ja zu, aber musst mirs versprechen, lieber Mann, müsst ja vor Angst und Sorg vergehn, sollt ich dich öftern also sehn es tut doch nichts zur Sache, nicht wahr, denn die Luft nehm ich ihr und ich nehme ihr die Luft, wo auch immer sie ist, ist sie zuhause oder an ihrem Arbeitsplatz oder mit ihren Leuten wo unter­wegs, ich nehme ihr die Luft, bis sie nicht mehr atmet so lang wie das ist, das musst mirs versprechen, lieber Mann, müsst ja vor Angst und Sorg vergehn, sollt ich dich öftern also sehn weiß niemand nun es ist sehr lang und überlang hinaus bis ich in die Wohnung von dem Typen da komme und ihm einfach alles ausräume und an mich nehme vielmehr an uns nehmen denn ich hab meine Leute mit dabei und schnell ist das Messer gezogen und des Messers Wille hält den in Schach, während wir ihm Hab und Gut nehmen kann der Mensch einiges und wenn uns mit den Worten duellieren wie die Hähne im Kampfe darin ich hör keinen Laut bin ich schon schnell aus meinem Auto springe ich hin und zurücke und diesen Fußgän­ger mit seinen Füßen und einen Hund hat der auch noch den fahre ich zamm und ziele genau und versuch, diesen zu überfahren und fahre ihn zumindest an und er sitzt nicht fröhlich und gepaart und redt von Dingen aus der Art hab nie zuvor ihn so gesehn, weiß nicht was ihm mag sein beschehn so ein Anfahren wie du dir das vorstellst, das ist nicht immer gleich nicht wahr da gibt es Strafen für solches und Strafen für solches und weil ich da einst meine Eisenstange geschwungen und ge­brochen eines Körpers damit oft und schwer, da urteilt nun die Versammlung hier­zu Sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort, soll ich meinen Vater getötet also ich töte meinen Vater als nächstes und sie wissen nicht, ob ich es war, oder nicht, ja Sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort soll ich es sagen, oder soll ich es nicht sagen, oder hab ich es bereits gesagt oder weiß ich selbst es überhaupt wer weiß denn über­haupt etwas in dieser dämlichen Geschichte hier das ist doch nicht normal wird vieles nicht einfach Sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort von selbst und ich muss etwas tun gegen das alles und steige in meinen kleinen Laster der ist klein und doch groß ja und fahre los und visiere an und schau dass ich was erwisch hier in diesem Wien von Leuten und egal was auch immer ich sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort, tue da an einem meiner Schüler, wo ich da ein Lehrer war in einer Schule zum Zwecke des Skifahrens, da sprechen sie aus, was zu tun sei nun da ich dem Schüler angetan Schweres und Schwerstes an seinem Körper und ich hör kei­nen Laut an seiner Seele und ich hör keinen Laut an seinem Geist und ich hör kei­nen Laut an ihm gesamt und an all seiner Umgebung und Familie und Freunden ja das ist der Missbrauch und sieh Jedermann, doch dein lieber Gesell ich als Lehrer soll in eine Haft tue ich das was ich tue als Ex meiner Freundin in der Schule an wo ich auch hingehe ich sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort, gehe in eine Schule ich bin ja ein Schüler und ich ziehe mein Messer vor dieser Frau meiner Freundin mei­ner ehemaligen Freundin und schlage auf sie ein mit meiner Faust und nehme das Messer und steche auf sie ein damit ihr Leben aus ist und was ficht dich an, bist du mir krank, will auch auf sie einstechen und will sie verletzen schwer, was mir ge­lingt und laufe davon und alle laufen mir nach und sie suchen mich und ich hör keinen Laut, ich steige also in ein Auto, es ist bereits finster, wie viel finster ist es eigentlich bei dir, dass du das nicht siehst was hier geschieht, das frage ich dich und du weißt es natürlich nicht ja was weißt du denn überhaupt, du Beifahrer da neben meiner Frau da du Beifahrer warum sitzt du neben meiner Frau sitz, red zu ihnen ein freundlich Wort im Auto das frage ich dich und bevor ich überhaupt et­was frage da nehme ich meine Faust ziehe meine Faust heran und schlage dir ins Gesicht so oft ich will und es ist oft, das sage ich dir um Christi Willen, was ficht dich an, mein Buhle traut mein lieber Mann, ich bin bei dir, sieh doch auf mich, dein bin ich heut und ewiglich.


    LYDIA HAIDER

    Studium der Germanistik und Philosophie. Freie Schriftstellerin. 2017 Gründung der Musikkapelle gebenedeit, deren Chefpredigerin sie ist. Seit 2021 Hausautorin am Wiener Volkstheater und an der Volksbühne in Berlin. Mitorganisatorin der Lesereihe Blumenmontag sowie des Kunstfestival Perspektiven Attersee. Zahlreiche Publikationen, wie Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit (2019), Oh Wien siehe die Sau (dein Land) (2023) und Du Herbert (2023) gemeinsam mit Judith Goetz und Marina Weitgasser.

  • Eine patriarchal strukturierte Welt

    Eine patriarchal strukturierte Welt

    Zur Inszenierung des Jedermann bei den Salzburger Festspielen

    EDITH DRAXL: Zunächst möchte ich den Blick auf die lange Aufführungstradition des Jedermann lenken, weil sich damit jede neue Inszenierung in Beziehung setzt.

    MICHAEL STURMINGER: Dieses Stück wird bereits seit über 100 Jahren gespielt. Das ist einzigartig. Diese Unternehmung ist wie ein Zug, der immer weiterfährt. Jeder steigt irgendwo ein und irgendwo wieder aus. Manche Leute fahren über weite Strecken mit, manche nur kurz. Klar ist, dass sich jeder auch wieder davon ver­abschieden muss. Es geht immer weiter. So etwas gibt es im Theater kein zweites Mal. Manche Menschen kehren wieder, so etwa NICOLE HEESTERS, die vor 50 Jah­ren die Buhlschaft gespielt hat und somit schon einmal mitgefahren ist. 50 Jahre später steigt sie als Jedermanns Mutter wieder ein – und zwar in einer komplett anderen Zeit und in einer anderen Realität. Das ist ein interessanter Vorgang und macht möglich, auf spezielle Weise zu erfahren, wie und was sich am Theater än­dert. Ich glaube, dabei handelt es sich um einen beispiellosen Vorgang. Wir sind auf offener Strecke aus dem fahrenden Zug hinausgeworfen worden. Wir haben niemals infrage gestellt, dass die künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele das Leitungsteam neu wählen kann, es ist aber alles eine Frage des Zeitpunkts. Man wechselt die Pferde nicht mitten im Fluss.

    EDITH DRAXL: Bleiben wir zunächst beim Thema Tradition: Ich finde interessant, wie sehr sich die Inszenierungen des Jedermanns über viele Jahrzehnte hinweg glei­chen. In der Dokumentation Jedermann remixed – Eine Zeitreise durch 100 Jahre des ORF zeigt sich deutlich, dass sich z.B. die Satzmelodie und die Körpersprache der unterschiedlichen Schauspieler*innen so stark gleichen, dass der Eindruck entsteht, es wären dieselben Personen.

    MICHAEL STURMINGER: Der Jedermann wurde in der Aufführungsgeschichte der Salzburger Festspiele zu-nehmend als Museum verwendet. Nach dem Krieg und nach dem Tod von Max Reinhardt stell­te sich die Frage, wie es weitergehen soll. Man entschied sich dafür, die Max-Reinhardt-Inszenie­rung am Leben zu erhalten. Folglich spielte Attila Hörbiger wieder den Jedermann – nach dem Krieg also genauso wie vor dem Krieg. Man versuchte, eine Kontinuität herzustellen, an etwas festzuhalten und dadurch etwas anderes zu verdrängen. Dieses Unter­fangen hat jedoch zunehmend absurdere Auswirkungen angenommen.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Davon war Nicole Heesters als Buhlschaft eine Zeitzeugin. Ernst Haeusserman, ein Assistent von Max Reinhardt, war 1973 neuer Schau­spieldirektor der Festspiele und seine Mission war die Bewahrung von Max Rein­hardts Handschrift. Das Team arbeitete deshalb mit dem originalen Regiebuch von Max Reinhardt und wollte seine Inszenierung wiederbeleben. Es hieß dann: „Auftritt von links“, „Jetzt bleibst Du stehen“, „Jetzt drehst Du Dich nach vorne“, „Bei dem Satz drehst Du Dich nach hinten“, „Jetzt kommt die große Armbewe­gung über den ganzen Zuschauerraum“, „Nimm das Publikum mit“. Es gab also den Versuch, eine Rekonstruktion anzufertigen. Nicole Heesters hat betont, dass es Haeusserman nicht um eine eigene inszenatorische Arbeit, sondern um das „Werk des Meisters“ ging. Im Programmheft stand daher „Nach einer Inszenie­rung von Max Reinhardt“. Haeusserman übergab die Aufgabe anschließend an seinen Assistenten Gernot Friedel, der die Verwaltung des Jedermann-Erbes bis einschließlich 2001 übernahm. Nicole Heesters meinte, dass sie und das Ensem­ble sich vor 50 Jahren durchaus mit Ehrgeiz und Freude bemüht haben, die Auf­gabe zu erfüllen, auf den Spuren von Max Reinhardt zu sein, dass es aber keine lebendige und dementsprechend auch keine zeitgemäße Arbeit war. Sie gehört zu den Buhlschaften, die den „Wirbel“ – wie sie es genannt hat – nur einen Fest­spielsommer lang mitgemacht haben.

    MICHAEL STURMINGER: Genau aus diesem Grund wollte sie es nicht noch einmal machen. Ich kann mir vorstellen, dass es gar nicht möglich ist, frei zu spielen, wenn man etwas rekonstruieren soll, anstatt es selbst zu entwickeln. Das muss ein enges, äußerliches Geflecht von Aufgaben gewesen sein, die keinen Inhalt mehr hatten.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Sie hat auch erzählt, dass man ihr damals nachgesagt hätte: „Sehr intellektuell, Ihre Buhlschaft, Frau Heesters“. Das hätte als Kompliment gemeint sein können, war aber eine Kritik. Ihr wurde vorgeworfen, dass sie nicht den Erwartungen von „Sinnlichkeit“ entsprach, die man in der damaligen Zeit auf diese Frauenrolle projiziert hat. Auf privaten Fotos aus der Probenzeit sieht man Nicole Heesters mit dunklen Haaren und einem modischen Kurzhaar­schnitt, als Buhlschaft musste sie eine blonde, wallende Lockentracht tragen.

    EDITH DRAXL: Auch aus SOPHIE ROIS hat man versucht, eine „richtige“ Buhlschaft zu machen. Davon zeugen die Fotos.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Sophie Rois hat 1998 – 25 Jahre nach Heesters –, ihrer Erfah­rung nach, den Ausdruck des österreichischen „Titten-Fetischismus“ geprägt und Salzburg ebenfalls nach nur einem Sommer – sowie mit einem ausgestreck­ten Mittelfinger – den Rücken gekehrt.

    EDITH DRAXL: Wann kam eine Änderung in der Herangehensweise?

    MICHAEL STURMINGER: 2002 kam es zum ersten Mal zur längst fälligen Erneuerung. Christian Stückl versuchte, eine Inszenierung zu machen, die das Stück neu denkt. Das Museum wurde vorsichtig erneuert. Das war 15 Jahre, bevor wir nach Salzburg gekommen sind.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Die Inszenierung von Stückl lief auch zehn Jahre lang.

    MICHAEL STURMINGER: Seine Inszenierung wurde mit Varianten – denn es macht einen Unterschied, ob BIRGIT MINICHMAYR oder VERONICA FERRES die Buhlschaft spielt – zehn Jahre lang gespielt. Auch Alexandra Althoff war zu dieser Zeit in die Inszenierung involviert.

    ALEXANDRA ALTHOFF: 2005-06, also in den zwei Jahren, in denen Martin Kušej Schau­spieldirektor war, war ich als Dramaturgin im Team. Der Tod wurde während dieser Zeit erstmals mit einer Schauspielerin besetzt – und zwar mit ULRIKE FOLKERTS. Eine queere Frau spielte eine der zentralen Rollen des Jedermann. Anmer­ken möchte ich: Spielen Schauspieler den Tod, führen hautenge Bodysuits nicht dazu, dass ihr Geschlecht, also ihr Mannsein oder ihr Körper, kommentiert wird. Wenn ein Mann den Tod spielt, scheint das „keine Rolle“ zu spielen. Ulrike Fol­kerts Tod wurde auch im Kostüm als Frau markiert, sie trug ein Korsett und ei­nen Ansatz zum Reifrock. Nach Folkerts gaben erneut ausschließlich Schauspie­ler den Tod, bis Michael Sturminger 2021 und 2022 EDITH CLEVER mit dieser Rolle betraut hat. 2023 spielte VALERIE PACHNER in der Doppelbesetzung die Buhlschaft und den Tod. Aber noch einmal zurück: 2005 und 2006 war NINA HOSS die neue Buhlschaft und löste Veronica Ferres ab. Hoss spielte im Gegensatz zu Ferres keine femme fatale – ein Typus, der die Rolle über Jahrzehnte geprägt hatte. Im Zentrum standen erstmals nicht mehr Verführung und unbekümmerter Sex-Ap­peal –, es gab sogar die zuvor geäußerte Annahme, es könnte sich bei der Buhl­schaft um eine Prostituierte handeln. Nina Hoss legte die Rolle selbstbewusst, feinfühlig und mit großer Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit in ihren Entscheidungen und Handlungen an. Das war eine neue Lesart, sowie ein emanzipiertes Frauenbild. Trotzdem wurde vor allem über Dekolletés und Sexi­ness diskutiert. Etwas, das sich regelmäßig anlässlich der Jedermann-Premieren wiederholt. Wenn das Aussehen der Buhlschafts-Darstellerin nicht der Vorstel­lung entspricht, wird die Schauspielerin angegriffen. Die Diskussionen über den Körper der Buhlschaft sind immer ein Spiegel der Erwartung der Gesellschaft an Weiblichkeit oder Frausein. Die Buhlschaften, die Michael Sturminger in seinen Inszenierungen gemeinsam mit Bettina Hering besetzt hat, sind exzellente und schöne Schauspielerinnen: 2017-20 STEFANIE REINSPERGER, VALERY TSCHEPLANOWA und CAROLINE PETERS, 2021-22 VERENA ALTENBERGER und 2023 VALERIE PACHNER. In gewissen Bereichen haben sie aber nicht dem Diktat der Norm und der Erwar­tungshaltung entsprochen, weshalb einige von ihnen massiv attackiert wurden. In den Herabsetzungen ging es um Körperbilder, Haartracht und Busengrößen. Starken, renommierten Schauspielerinnenpersönlichkeiten wurde explizit ihre Weiblichkeit abgesprochen.

    EDITH DRAXL: Es ist entsetzlich, wie wenig reicht, um als Frau nicht den gesellschaft­lichen Erwartungen zu entsprechen.

    MICHAEL STURMINGER: Verena Altenberger und ich hätten nie gedacht, dass abra­sierte Haare im Jahr 2021 noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Aber weit gefehlt! Verena hatte sich die Haare für eine Filmrolle als krebskranke Frau abrasiert. Renate Martin und ich wussten sofort, dass wir keine Perücke wollten. Wir waren sehr glücklich über die kurzen Haare unserer Buhlschaft und fanden das Zeichen genau richtig. Das Ausmaß an Empörung hat uns völlig überrascht.

    EDITH DRAXL: Es spiegelt eine gesellschaftliche Realität wider, die noch immer exis­tiert.

    MICHAEL STURMINGER: Genau darum muss man es thematisieren.

    ALEXANDRA ALTHOFF:Die Schauspielerinnen, die auf diese Reaktionen durchaus vorbereitet werden, können gar nicht fassen, was z. B. in der Presse ausbricht. Darüber hinaus gibt es einen Shitstorm in den sozialen Medien, hunderte hand­geschriebener Hassbriefe usw.

    EDITH DRAXL: Ich bin froh, wenn „andere“ Frauenbilder zum Zug kommen, weil ich die Rollenvorstellungen, die in den angesprochenen klassischen Inszenierun­gen zu sehen sind, befremdlich finde. Die männlichen Gesten, die mich über die filmischen Ausschnitte in der Dokumentation Jedermann remixed – Eine Zeitreise durch 100 Jahre erreicht haben, haben bei mir eine Abwehr erzeugt. Die Weiblich­keit, die verhandelt wurde, zeugt von einem sehr veralteten Bild. Ich habe das Gefühl, es gab in den Inszenierungen einen indirekten Lehrplan, was Männlich­keit, Genderbeziehungen und hierarchisches Denken betrifft.

    MICHAEL STURMINGER: Die historisierenden Inszenierungen vermittelten ein rück­schrittliches Bild der Gesellschaft, was mir bei meiner ersten Begegnung mit dem Jedermann in den frühen 90er Jahren sehr anachronistisch erschien. Ich hatte ge­rade meinen ersten abendfüllenden Spielfilm abgedreht, war bei Freunden in der Nähe von Salzburg und jemand hatte zufällig eine übergebliebene Karte für den Jedermann. Es wurde der schlechteste Theaterabend meines Lebens, der über die Gegenwart nichts gesagt und nichts über mich gewusst hat. Die Bühne war voller deklamierender Pappfiguren, die keinen Funken von Leben in sich hatten. Beeindruckend, wie tot Theater sein kann. Dieses „tote“ Theater war ein Produkt des Versuchs, nichts neu zu inszenieren, sondern alles so zu lassen, wie es ist. So eine Haltung tötet alles auf der Welt, besonders aber die Kunst. Ab und an gab es in den Bereichen Kostüm und Musik Ansätze einer Veränderung. Es wurden fantastische Künstler*innen und Schauspieler*innen engagiert, aber eine Erneu­erung konnte nicht gelingen, weil die Arbeit im Kern rückwärtsgewandt blieb. Auffällig ist auch, dass sich niemand der „interessanten“ Theatermacher*innen mit dem Stück auseinandersetzen wollte. Selbst Peter Stein als Schauspieldirek­tor hat es nicht angegriffen… Unter Gottfried von Einem als führendem Direk­toriumsmitglied der Salzburger Festspiele gab es den Versuch, etwas Zeitgenös­sisches und Gegenwärtiges zu machen. Er wollte Brecht nach Salzburg holen, was zu Beginn gut funktioniert hat. Brecht war – im Rahmen der Vorbereitung – bereits österreichischer Staatsbürger geworden. Es gab die Idee, dass Brecht diesen „Totentanz“ neu schreibt, weshalb man mit ihm ein zeitgenössisches, also ein zeitgemäßes Stück verhandelt hat. Dieses Unterfangen wurde von der kon­servativen Seite allerdings plötzlich brutal abgedreht. Gottfried von Einem wur­de hinausgeekelt und Brecht ist nicht gekommen. Die aktuelle Aufkündigung unserer Arbeitsbeziehung zeigt, dass es damals Auseinandersetzungen gab, die sich auch im Jahr 2023 erkennen lassen.

    EDITH DRAXL: Brian Mertes und Julian Crouch, die vor dir die Inszenierung ver­antworteten, beendeten die Zusammenarbeit mit den Festspielen vorzeitig. Sie lösten – einvernehmlich – einen bestehenden Vertrag auf. Beide haben ebenfalls eine Neuinterpretation versucht. Sie entwickelten eine andere Ästhetik, sie ver­wendeten Masken…

    MICHAEL STURMINGER: Es gab eine Referenz auf frühbarockes Straßentheater. Das war ein sehr interessanter Ansatz. Der Zug durch die Stadt muss wunderbar funktioniert haben. Auch die Personen, die die Vorstellung selbst nicht besuchen konnten, hatten die Möglichkeit, so daran teilzunehmen.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Die Inszenierung war somit auch das Stadtgespräch bei denen, die nicht auf dem Domplatz saßen. Die Puppentheater- und Maskenspiel-Spezi­alisten Mertes und Crouch haben Grand-Guignol-Effekte und barocke Vanitas in die Entstehungszeit der Festspiele in den 1920er Jahren transportiert. Die Insze­nierung wurde also zum ersten Mal nicht im Mittelalter verortet. Mit der ersten Inszenierung von Michael Sturminger ist das Stück anschließend endgültig in der Gegenwart angekommen.

    EDITH DRAXL: Wie ist es dazu gekommen, dass du eingestiegen bist?

    MICHAEL STURMINGER: Im Jahr 2017 wäre der Start der Intendanz von Markus Hin­terhäuser beinahe schiefgegangen, als das Regieteam von Brian Mertes und Juli­an Crouch Ende März 2017 die Zusammenarbeit beendet hat, weil es die gefor­derten Änderungen an seiner bestehenden Inszenierung nicht realisieren wollte.

    EDITH DRAXL: Was machte diese Änderungen notwendig?

    MICHAEL STURMINGER: Tobias Moretti hatte als neuer Jedermann selbst eine Fassung erarbeitet, die er umsetzen wollte. Außerdem wollte Markus Hinterhäuser eine andere Musik. Hinzu kommt, dass die von Bettina Hering verantwortete Neu­besetzung der Schauspieler*innen – z.B. von Stefanie Reinsperger als Buhlschaft oder MAVIE HÖRBIGER als Werke – ebenfalls Änderungen verlangte. Vielleicht hatten die beiden Regisseure schlussendlich das Gefühl: Man kann das gerne alles neu machen, wir sind aber nicht dabei. Ende März gab es jedenfalls kein Regieteam mehr. Renate Martin, Andreas Donhauser und ich waren gerade mit einer Oper von Salvatore Sciarrino bei den Osterfestspielen tätig, weshalb wir eingeladen wurden, den Jedermann zu erneuern. Wir hatten vier Wochen, um alles zu konzipieren. Zu diesem Zeitpunkt war uns noch nicht klar, dass wir mit unserem Zugang möglicherweise an Tabus rütteln würden. Wir hatten die Möglichkeit, frei künstlerisch zu entscheiden, weil es keine Zeit gab, etwas zu diskutieren. Dass wir die erste zeitgenössische Inszenierung realisierten, war uns zu dem Zeitpunkt nicht wirklich klar.

    EDITH DRAXL: Die Zeitgenossenschaft in eurer Inszenierung kann man deutlich sehen. Zum hundertjährigen Jubiläum der Festspiele spielt Tobias Moretti zwar noch immer den Lebemann, aber Caroline Peters ist eine andere Buhl­schaft. Der Altersunterschied zwischen den beiden ist nicht so groß und ihre Beziehung zueinander passiert auf Augenhöhe. Ich habe bei dieser Inszenie­rung zum ersten Mal wahrgenommen, dass sich die Dinge zu bewegen be­ginnen.

    ALEXANDRA ALTHOFF: 2021 kam eine komplett neue Setzung, in der erstmals auch fluide Geschlechterbilder und der Rollencharakter von Geschlechtern zum The­ma wurden.

    MICHAEL STURMINGER: Lars Eidinger sollte der Jedermann sein. Dadurch war mir klar, dass die Inszenierung weiter in die Gegenwart gebracht werden muss. Wir wollten den Jedermann mit der gesamten Ästhetik unübersehbar ins The­ater des 21. Jahrhunderts holen. Das Publikum hatte damit kein Problem. Oft ist es nur vorauseilender Gehorsam einer Leitung, die davon ausgeht, dass das Publikum das Theater so haben will, wie es immer war. Mit der Besetzung von Verena Altenberger und Lars Eidinger lag der Fokus auf ihnen als Paar. In der Beschäftigung mit dem Text wurde uns klar, dass wir mit dieser Besetzung die Möglichkeit haben, relevant und pointiert über das Verhältnis zwischen den Ge­schlechtern zu sprechen. Das war vor allem deshalb spannend, weil wir vieles, das in früheren Inszenierungen als gesetzt galt, infrage gestellt haben. Es war ungewöhnlich, Lars in seiner roten Unterhose als Super-Jeder-Mann auf die Büh­ne zu stellen und damit die Figur des Alpha-Jeder-Mannes an Verenas in sich ruhendem Selbstbewusstsein als Buhlschaft zu messen.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Als die ersten Sätze des Jedermanns ertönten, saß die Buhl­schaft auf seinen Schultern, verdeckte ihn mit ihrem Kleid, und sprach lippen­synchron sowie mit großen Gesten mit. Der Jedermann könnte also auch von einer Schauspielerin gespielt werden. Diese Szene war eine augenzwinkernde Vorwegnahme dieses Tabubruchs.

    MICHAEL STURMINGER: Auch Mavie Hörbiger als Teufel und Gott sowie Edith Cle­ver als Tod aktualisierten diese Rollen. Edith hat den Text, also die Sprache, ins Zentrum ihrer Darstellung gerückt, die von atemberaubender Intensität war. Ihr Tod war gänzlich unbeeindruckt von Jedermanns Tricks und hatte eine unglaub­liche Härte und Autorität. Ein großartiges Team. Wir hatten eine wunderschöne Generalprobe und direkt nach der Generalprobe gingen wir vom Domplatz ins Lokal Triangel. Auf dem Weg dorthin begegneten wir drei älteren Damen, die gerade das Lokal im Festtagsdirndl verlassen hatten und auf mich zu gingen. Eine Dame, die so um die 70 Jahre alt war: „Darf ich Ihnen meine Mama vorstel­len? Die Mama hat seit Ende des Krieges jeden Jedermann gesehen.“ Ihre Mutter, die Mitte 90 war, sagte daraufhin: „Ja, aber ob’s schon einmal so schön gewesen ist, kann ich gar nicht sagen.“

    Man muss seine Vorurteile immer wieder revidieren, wie ich beim Dirndl vom Jedermann. Die Dirndlträgerinnen hier waren offen und interessiert. Sie hatten überhaupt keine festgefahrene Meinung, sondern haben sich auf die Inszenie­rung eingelassen. Das Publikum beim Jedermann ist kein elitäres Publikum. Das sind 33.000 Menschen pro Saison, soviel Elite gibt es nicht.

    EDITH DRAXL: Den Jedermann zu inszenieren bedeutet, drei Inszenierungen abzuliefern.

    MICHAEL STURMINGER: Die Arbeitsbedingungen für den Jedermann sind wirklich schwierig. Man muss drei Aufführungen vorbereiten: Eine für den Domplatz in der Nacht, eine Indoor und eine, die bei Tageslicht funktioniert. Tageslicht bedeutet, man kann keinen Auftritt oder keine Szene durch einen Lichtwechsel beenden, nie etwas verschwinden lassen. Das hat dieses Stück über viele Jahr­zehnte auch so bleiern gemacht, weil die Auftritte dadurch sehr viel Zeit um­fassen. Man konnte nur von der Seite kommen und geht oft 25 Meter. Zu lange also. Hinzu kommt die Premiere, die immer ein Lotteriespiel ist. Wenn sie indoor stattfindet – wie unsere Premiere 2023 –, hat man einfach Pech gehabt. Die Be­dingungen im Festspielhaus sind alles andere als ideal. Man hat im Festspielhaus nur eineinhalb Tage Probezeit und keine Generalprobe. Die wäre aber unbedingt notwendig. Es ist unglaublich schwierig, im Festspielhaus den Ton zu verstär­ken. Die Bühne ist 30 Meter breit, wodurch die großen Lautsprecher 30 Meter auseinanderhängen. Man hört also unterschiedlich, je nachdem wo man sitzt. An manchen Plätzen hört man sehr schlecht. Eine Premiere im Festspielhaus ist also immer ein Problem. Draußen proben wir über zwei Wochen, man versteht jedes Wort und die Mischung zwischen Musik und Sprache funktioniert wunderbar. Indoor ist das ganz anders. Auch die Premiere im Jahr 2023, die indoor stattfand, war nicht so, wie sie hätte sein sollen. Die ausverkaufte Generalprobe auf dem Domplatz war perfekt, und als ich Anfang August noch mal dort war, war es ein eingespielter gelungener Abend. Es war ein riesiger Erfolg und alle waren glücklich.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Die neue Schauspielchefin Marina Davydova hat uns bereits bei den Proben besucht und die Inszenierung als „ihren“ Jedermann begrüßt. Im August hat sie auch eine Vorstellung besucht.

    MICHAEL STURMINGER: Danach wurde Michael Maertens in ihrem Auftrag offiziell von den Festspielen angefragt, ob er 2025 und 2026 den Jedermann spielen will.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Sie hat Michael Maertens und Michael Sturminger also nicht nur für das eine, anfangs mit allen verabredete Jahr, sondern für ihre gesamte Zeit als Schauspieldirektorin angefragt. Bei Michael Maertens lag diese Anfrage der Salzburger Festspiele auch schon bei der Agentur.

    EDITH DRAXL: Ich finde bemerkenswert, wie eure Inszenierung 2023 dringliche Fra­gen der Gegenwart spiegelte. Es würde mich interessieren, wie ihr zu eurer Les­art gekommen seid.

    MICHAEL STURMINGER: Ich habe mich schon sehr früh gefragt: Wenn ich das Stück nochmals inszenieren sollte, was kann dann der Fokus sein? Es lief zunächst auf die Frage hinaus: Wie geht unsere Gesellschaft mit dem Tod um? Zufällig bin ich zu dieser Zeit über einen Artikel in The Guardian über das Buch The Survival of the Richest von Douglas Rashkoff gestolpert. Er schreibt darüber, dass wir in einer Zeit leben, in der die superreichen Menschen nicht mehr ver­suchen, zu verhindern, dass die Welt untergeht, sondern schauen, wie sie im Fall einer apokalyptischen Wendung – aus welcher Richtung auch immer sie kommt – ihre privaten Schäfchen ins Trockene bringen können. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass die erfolgreichsten Geschäftsmenschen dieser Welt so unfassbar blöd sind, zu glauben, dass das funktionieren kann. Man lebt hinter Stacheldrahtzäunen, umgeben von Sicherheitspersonal, abgeschottet von allen anderen. Douglas Rushkoff erzählt in seinem Buch, wie er als Medientheoreti­ker und Gesellschaftsanalytiker von einem dieser hyperreichen Menschen zu einem Vortrag eingeladen wurde. Er wusste nicht, wer der Gastgeber ist, aber die Gage entsprach seinem halben Jahresgehalt als Universitätsprofessor. Er kam dann in ein Haus, das am Rand der Wüste gebaut war und ein unter­irdisches, riesiges Areal bildete. Dann hat sich herausgestellt, dass er keinen Vortrag halten soll, sondern ihm fünf Gäste einige Fragen stellen wollen. Die erste Frage, die sie ihm stellten, war: „Alaska oder Neuseeland?“ Er antwortete, er wisse nicht, ob er wirklich der Richtige sei, um die Fragen zu beantworten. Auch, wenn er verstehe, was sie meinen. Da kam die zweite Frage: „Wie kön­nen wir sicherstellen, dass unser Personal uns nach dem Ereignis – das sie auf Englisch „The Event“ nennen – noch freundlich behandelt?“ Douglas Rushkoff hat ihnen gesagt, dass das einzige, das ihm dazu einfallen würde und zu dem er ihnen raten würde, wäre, diese Leute schon jetzt wie Freunde zu behandeln. Ab heute. Und – so erzählt er – da haben ihn diese fünf Leute fassungslos ange­schaut. Wie soll das gehen? Also wie sollen sie alle ihre hunderten Angestellten als Freunde behandeln? Es ist traurig, dass sie sich nicht fragen: „Wenn ich über mehrere hundert Milliarden Dollar verfüge, warum versuche ich nicht, die Welt gerechter zu machen, sodass wir alle gut leben können?“ Ich glaube, für eine reiche Person wäre das die einzige Möglichkeit, um gut auf der Erde leben zu können. Wenn man schon nicht aus Altruismus handelt, dann zu­mindest aus der Erkenntnis, dass das das einzig Mögliche ist. Ein gutes Leben braucht eine gute Umgebung.

    Das war für mich die Ausgangssituation für die Inszenierung des Jedermann. Hinter einer prunkvollen Fassade wohnt der reiche Mann, der niemanden rein­lässt. Aber er merkt natürlich, dass er mit den Menschen, die draußen sind, ir­gendwie klarkommen muss. Er ahnt, dass ihn weder die dicken Mauern noch die Wachposten schützen können. So geht es den Superreichen und so geht es unserer Gesellschaft, die sich fragt, wie mit der Not in den Ländern des globalen Südens umzugehen ist. Wir können natürlich versuchen, das ganze Mittelmeer mit Stacheldrahtzäunen zuzumachen. Es wird aber nichts helfen. Der einzig funktionierende Weg ist, danach zu trachten, dass alle Menschen lebenswert leben können.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Michael Maertens war deine Wunschbesetzung für diese Kon­zeption, weil er die Tragik des heutigen, westlichen, privilegierten Menschen auf die Bühne bringen kann. Er hat die Fähigkeit, brüchig zu sein und die Sprache authentisch einzusetzen. Ich habe noch nie eine so moderne Sprachbehandlung eines Jedermann erlebt – und das noch dazu auf dem Domplatz.

    MICHAEL STURMINGER: Der Jedermann war lange von einer männlichen „Donnerrhetorik“ geprägt. Jener, der am lautesten brüllte, hatte die Macht und setzte sich durch.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Maertens bringt das Publikum in seiner Auseinandersetzung mit dem Text, mit vielen Zwischentönen und seiner feinen Selbstironie immer wieder zum Schmunzeln. Dieser Jedermann ist es gewöhnt, dass die Dinge für ihn einen guten Ausgang nehmen, egal wie er sich aufführt. Daher steht er auch zunächst ungläubig vor dem Einbruch des Todes und kann mit dieser Fallhöhe einen großen Bogen spannen. Die Inszenierung war auch ein Spiegel für unsere Hilflosigkeit in der jetzigen Situation. Maertens spielt einen reichen alten weißen Mann und stellt somit westliche Privilegien sowie patriarchale Macht dar. Er tut das aber nicht so wie es oftmals stattgefunden hat – mit polternder, lauter, toxi­scher Männlichkeit. Er greift sich an den Rücken, um sein Alter im Spannungs­verhältnis zu der viel jüngeren Buhlschaft zu kommentieren. Immer wieder hat er auch etwas Bübisches und komische, im Existenziellen und in der Verzweif­lung wurzelnde Momente. Er stellt eine sympathische, humorvolle und mensch­liche Interpretation des westlichen Jedermanns dar und zeigt sein Scheitern. Das macht die Figur zeitgenössisch.

    MICHAEL STURMINGER: Das Spiel des Jedermanns war eher zurückgenommen und brüchiger, der Gestus war nicht so herrschaftlich. Es wirkt sich auch auf die Figurenzeichnung des Jedermann aus, dass wir den Tod und die Buhlschaft von derselben Schauspielerin haben spielen lassen. Dadurch wird die Beziehung von Jedermann und Tod auf eine persönliche Ebene gehoben. Die Begegnung wird zu einer intimen Szene. Es gibt damit in der Inszenierung eine zweite fast gleich große, gleich wichtige Person. Auch das macht etwas mit dem Je­dermann.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Hinzu kommt, dass der Tod alle Fäden zieht. Am Anfang der Inszenierung ist die gesamte Bühne in einen schwarzen Stoff gehüllt, der mit dem Abgang vom Tod verschwindet, und schlussendlich den Blick auf die Büh­ne freigibt. Der Theatervorhang wird somit zum Gewand des Todes. Wenn der Tod dem Jedermann erscheint, bildet der Vorhang zwei riesige, die ganze Büh­nenbreite ausfüllende Schwingen.

    MICHAEL STURMINGER: Eine weitere Setzung von uns hat sich ebenfalls auf die Figu­renzeichnung des Jedermanns ausgewirkt: Bis zu dieser ersten Begegnung mit dem Tod bewegt sich Jedermann in der Realität. Dann stirbt er und wir sehen, was in der Sekunde seines Todes mit ihm passiert. Das ist quasi die zweite Hälf­te. Dadurch kann auch die Buhlschaft einfach verschwinden und als Tod wieder­kehren.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Interessanterweise hat Hofmannsthal der Buhlschaft nämlich keine Abschiedsszene geschrieben.

    MICHAEL STURMINGER: Valerie Pacher hat den Tod kompromisslos und klar, zu­gleich aber zärtlich und liebevoll gespielt. Im Tod begegnet sie Jedermann sehr persönlich und kommt ihm sehr nahe.

    EDITH DRAXL: Ich habe das auch so erlebt. Plötzlich gibt es eine Qualität in der Be­ziehung der beiden, eine ganz spezielle Nähe, die nur in diesem Moment des Sterbens möglich ist.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Diese Begegnung hat auch etwas Versöhnendes und Trost­spendendes. Der Tod wird zu einer positiven Figur.

    EDITH DRAXL: Zuvor, in der ersten Begegnung der beiden, buhlt dieser ältere Mann um die mädchenhafte junge Frau. Vielleicht hofft er, dass er durch sie wieder unbeschwert, unschuldig werden kann. Mich hat auch seine Unbeholfenheit in dieser Szene berührt.

    MICHAEL STURMINGER: Er hat es fantastisch gespielt und eine Figur gezeigt, die im Prinzip sehr menschlich agiert und Herrschaftsstrukturen nicht zeigen muss, aber gleichzeitig darüber verfügt.

    EDITH DRAXL: Wenn man die Struktur auf seiner Seite hat, braucht es den individu­ellen Gestus nicht. So habe ich das gelesen. Im Kapitalismus ist ganz klar, wer oben und wer unten ist.

    MICHAEL STURMINGER: Es braucht keine großen Herrschaftsgesten, wenn man ge­nug Geld hat. Man exponiert sich auch nicht als Gegner der Leute, die kein Geld haben, sondern man hat es halt.

    ALEXANDRA ALTHOFF: In der Inszenierung gibt es viele Momente, die uns unsere ei­gene Unfähigkeit im Umgang mit der komplexen Gegenwart aufzeigen. Was be­deutet es, richtig zu handeln? Es gibt eben nicht nur den einen armen Nachbarn, sondern eine ganze Nachbarschaft, die arm ist und die gerne etwas vom Reich­tum des Jedermann hätte. Hofmannsthals Text passt plötzlich in die heutige Zeit, wenn gesagt wird: „Aber wenn wir jetzt jedem was geben würden, dann würde unser ganzer Reichtum ja nirgendwo hin reichen.“

    EDITH DRAXL: Wenn wir jeden reinlassen, wo soll das hinführen?

    ALEXANDRA ALTHOFF: Der Jedermann wird zum „Door Keeper“. Vielleicht ist das Event, das alles verändert hat, auch schon eingetreten. Vor dem Dom liegt eine von der Sonne verbrannte Landschaft. Somit übersetzt sich die Situati­on in eine andere Dimension. Privilegierte Menschen verschanzen sich hin­ter der Fassade ihres Wohlstands vor der Realität der armen Nachbarn, die ausgesetzt sind in der Ungastlichkeit. Durch die Doppelbesetzungen wurde die Perspektive der Privilegierten konsequent weiterverfolgt, wenn die armen Nachbarn als die Werke wiederkehren, der Schuldknecht als Mammon. Am Anfang tritt nicht ein Spielansager auf, sondern Anja Plaschg im Kostüm des Glaubens. Sie gibt das Thema des Abends vor und sagt dem Publikum, dass es seine Aufgabe sei, aus dem Inhalt die Lehre aufzuspüren. Das Publikum bekommt dadurch einen konkreten Auftrag. Anja Plaschg ist als Spielansa­gerin und später als Glaube in guter Hoffnung, also schwanger. Der Glaube wurde in der Aufführungstradition als Schwester, also als Nonne, oder im Kostüm mit Anklang an die Jungfrau Maria gezeichnet – als unberührte, hei­lige Figur.

    MICHAEL STURMINGER: Anja hat dieser schwangeren Figur mit dem Zauber ihrer Stimme ihre sanfte Tiefe verliehen. Der Glaube war die einzige Figurine, die wir aus der letzten Inszenierung übernommen haben. In der neuen Inszenierung mit der Spielansage wurde daraus eine abstrakte, spirituelle Figur der Hoffnung – ohne religiöse Symbolik und somit ohne religiöse Zuschreibung.

    EDITH DRAXL: Für mich stellt ihre Schwangerschaft den einzigen Moment der Hoff­nung dar. Er zeigt, dass vielleicht irgendeine Chance besteht. Vieles andere wirkt hoffnungslos. So lese ich auch euer Bühnenbild. Ich sehe darin einen geschlosse­nen Raum, der sich nicht mehr hin zur Transzendenz öffnet, wofür die Domfas­sade steht. Der Weg zur Erlösung scheint versperrt.

    MICHAEL STURMINGER: Genau. Es war unser Ziel, durch die Gestaltung der Figur zu sagen, dass wir zwar in einer scheinbar ausweglosen Situation leben, es aber diesen anderen Moment auch noch gibt.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Du hast immer gesagt, es ist auch eine Art Glaube an die Menschlichkeit oder an eine Zukunft, die gemeinsam beschritten werden müss­te. Das wäre ein Ausweg aus dem, was sich gerade abzeichnet. Nach dem Auf­tritt der Spielansagerin hatten wir erstmals in der Aufführungsgeschichte eine weiblich gelesene Göttin in der Rolle von „Gott, dem Herrn“, wie es im Rollen­verzeichnis bei Hofmannsthal steht. Das war Jahrzehnte lang eine körperlose, männliche Stimme, die dann bei Stückl das erste Mal – männlich besetzt – auf die Bühne kam und bei Michael Sturminger erstmals von einer Schauspielerin, Mavie Hörbiger, als Theatergott mit Rauschebart als Karikatur dargestellt wur­de. Den Auftritt des Teufels spielte Mavie Hörbiger virtuos als Hanswurstiade und so wurden beide Rollen – Gott und Teufel – zu einem grellen Theaterfigu­renpaar, zu zwei Seiten einer Medaille, wie du es genannt hast. In der aktuellen Inszenierung hatten wir zuletzt eine weiblich gelesene, erdverbundene Göttin. Man kann sich also fragen: Ist das die Natur? Ist das Mutter Erde? Eine moderne Gaia? Auf jeden Fall lag diese sehr entkräftete Gottheit auf dem Bühnenboden mit einem Kostüm, das mit verschiedenen Bildern bedruckt war und sich über den ganzen Erdboden ausgebreitet hat. In Hofmannsthals Text geht es um die gesamte Menschheit, die den Bund vergessen hat. Es geht bei Hofmannsthal da­rum, jedermann zu richten. Es geht zunächst also noch nicht um eine männlich gelesene Hauptfigur, sondern um eine Ansprache an die Menschheit, die den Bund vergessen hat. Was bedeutet Gottvergessenheit in so einem Kontext? Diese Frage stellen wir mit dieser Setzung. Darüber hinaus gibt es den Tod, die Tödin, dargestellt von Valerie Pachner, die von Gott gerufen wird und zusichert, sie „will die ganze Welt abbrennen und sie heimsuchen, Groß und Klein“. Der gött­liche Auftrag verlangt also, die gesamte Menschheit zu richten. Das setzt sich bis ans Ende fort. Die Journalistin Sonja Harter hat das gut beschrieben: Am Ende liegt die ganze Szenerie unter einem schwarzen Schleier – hier stirbt nicht nur Jedermann, sondern die Zivilisation.

    EDITH DRAXL: In eurem Jedermann findet also nicht nur eine existentielle, individuel­le, sondern auch eine gesellschaftliche Auseinandersetzung statt.

    MICHAEL STURMINGER: Diese Auseinandersetzung führt dazu, dass am Schluss alle unter dem Tuch des Todes verschwinden. Es ist der Tod, der am Schluss aus­nahmslos alle mitnimmt. Dadurch wird fast Intimität vermittelt und jede Hie­rarchie aufgelöst. Wir haben versucht zu zeigen, dass die Begegnung mit dem Tod ein Ereignis ist, das alle gleich eint. Es gibt keine Hierarchien mehr. Wir alle sterben – vielleicht durch den Klimawandel.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Es bleibt die Frage: Was können wir tun? Da kommt auch die letzte Generation ins Spiel, die bei unserer Premiere anwesend war – im Publi­kum und auf der Bühne. Auf der Bühne gab es einen Auftritt von jungen Men­schen, die in Warnwesten mit einem Feuerlöscher die Bühne stürmten und einen orangenen Fleck auf die weiße Domfassade sprühten. Das war eine Setzung in unserer Inszenierung. Es sollte für einen Moment offenbleiben, ob es eine echte Aktion war, wurde dann aber als Inszenierung entlarvt. Der große Fleck blieb als Mahnmal präsent. Die echte Letzte Generation war bei unserer Premiere im Publikum und hatte ebenfalls ihren Auftritt. Während die Tischgesellschaft auf der Bühne erschien, riefen sie „Wir sind alle die letzte Generation“ in den Saal. Hätte ich mir dramaturgisch einen Zeitpunkt für den Auftritt der Aktivisten aus­suchen können, hätte ich diesen gewählt. Das Publikum hat diese Intervention nicht als Störung, sondern als Teil der Aufführung interpretiert. Mit dem Thema Klimawandel hätten sich die Festspiele weiter auseinandersetzen müssen, wenn man diese Inszenierung in einer zweiten Saison gezeigt hätte. Es wurde auch in der Presse gespiegelt, dass an diesem Abend Inszenierung und Aktivismus wie orchestriert zusammengefunden haben. Die Letzte Generation hätte sich sicher wieder gemeldet und gebeten, oder vielleicht auch gefordert, ins Gespräch zu kommen.

    MICHAEL STURMINGER: Das ist ein ziemlicher Coup, der uns da gelungen ist. Man­chen war es aber offenbar zu viel, dass der „Zwischenfall“ für diese Inszenierung fast ein Glücksfall gewesen ist. Jede andere Inszenierung hätte man mit so einem Auftritt zum Erliegen gebracht.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Haben wir genug getan? Das wird auch die Frage sein, der wir uns einmal stellen müssen – genau wie Jedermann, der nur ein bisschen was getan hat, nämlich einem Nachbarn einen Schein in die Hand gedrückt und der Schuldknechtsfrau und ihren Kindern notgedrungen eine Unter­kunft gewährt. Das sind seine sehr schwachen guten Werke, die in der Dop­pelbesetzung wieder auftauchen. Dann ist da noch der Teufel – auch darge­stellt von Sarah Viktoria Frick, die zuvor Gott gespielt hat. Eine Parodie auf die Amtskirche, die in früheren Inszenierungen dem Glauben zugeordnet wurde.

    MICHAEL STURMINGER: Es geht um das Umdrehen der Verhältnisse. Es ist höchs­te Zeit, dass der Teufel einmal aus dem Dom kommt als wäre er der Fürsterzbischof. Das ist die Szene für das Volkstheater, für Kasperl und Krokodil, denn bisher wollte der Teufel in die Kirche und wurde vom Glauben dar­an gehindert. Es ist an der Zeit, das in dieser komödiantischen Brechung zu spiegeln.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Mit Gott, Teufel, Tod und Glaube ist der Kosmos des Jedermann weiblich. Diese ikonischen Rollen, die Paraderollen, die spielerisch wirklich was auf den Rippen haben, wurden von Frauen gespielt. Es gab noch nie so viele Schauspielerinnen im Jedermann-Ensemble. Das ist sicherlich eine Setzung, mit der diese Inszenierung sehr weit gegangen ist. Ja, in der Mitte ist in all seiner Überforderung immer noch der männliche Protagonist, der mit den Insignien der Macht ausgestattet ist. Aber eigentlich weiß er spätestens seit dem Gespräch mit seiner Mutter um seine Endlichkeit.

    EDITH DRAXL: Für mich hat die Besetzung mit Michael Maertens eine Wirklichkeit widergespiegelt – nämlich die einer patriarchal strukturierten Welt. Wir leben in einer Welt, die von Männern geprägt ist, und auch wenn man manchmal Frau­en an die Machthebeln lässt, passiert das meistens nur, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise einfügen. Das ist die Vorgabe. Daher finde ich es richtig, dass der Jedermann in dieser Inszenierung nochmals ein Mann ist, aber einer der ir­gendwie weiß…

    ALEXANDRA ALTHOFF: …, dass er endlich ist und dass seine Tage gezählt sind.

    EDITH DRAXL: Er weiß auch, dass es nicht ganz richtig ist, was da passiert und wofür er steht. Sein Jedermann zeigt jemanden, der an den Schalthebeln der Macht sitzt. Ich glaube aber, dadurch, dass Michael Maertens einen Jedermann mit all diesen Brüchen gespielt hat, lässt man – auch als Frau – die Figur näher an sich heran. Man hat das Gefühl, das hat auch viel mit mir zu tun.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Genau.

    EDITH DRAXL: Eure Interpretation stellt also die unangenehme Frage: Was, wenn wir alle wie Jedermann sind? Ist jetzt der letzte Moment gekommen? Nun ja, vielleicht habe ich zweimal etwas nicht gekauft oder dort und da verzichtet, aber das ist alles zu wenig. Bedeutet das das endgültige Aus? Also die Verdammnis, aus der wir nicht mehr rauskommen? Ist es dann einfach aus? Es ist ein bedrän­gendes Thema. Soll man das Leuten im Theater zumuten? Ich habe in letzter Zeit sehr oft gehört, dass das Theater Leute unterhalten muss. Wie viel politischer Anspruch ist erlaubt?

    MICHAEL STURMINGER: Ich glaube, dass dieser Abend beides macht: Er unterhält, er zeigt aber auch auf, wo wir uns gerade befinden. Vielleicht macht er auch Mut, sich diesen komplexen Fragen zu stellen.

    EDITH DRAXL: Was haben die Sponsoren und die Politik – in Salzburg Schwarz/Blau – von dieser Inszenierung gehalten? Immerhin steht das spätkapitalistische System in der Kritik. Es geht um den Zusammenhang zwischen sozialer Frage und Klimafrage. Politik und Wirtschaft sind in diesem Spannungsfeld wesentli­che Akteure. Ich persönlich bin mir nicht sicher, wieviel Rückgrat der Salzburger Landeshauptmann und auch der Intendant besitzen.

    MICHAEL STURMINGER: Es gab eine Diskussion im Sommer, bei der Markus Hin­terhäuser flapsig behauptet hat, dass er über alledem drüberstehe und dass das überhaupt keine Rolle spielt. Auch ich habe gesagt, dass uns keiner irgendwel­che Vorschriften macht oder sagt, was wir tun dürfen und was nicht. Wir sind völlig frei. Scheinbar hat sich nun herausgestellt, dass wir zwar völlig frei sind, uns aber eine künstlerische Leitung im Hintergrund gefehlt hat, die in der Lage ist, diesen Druck auszuhalten. Was dann passiert ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Meiner Meinung nach wirkt es wie vorauseilender Gehorsam – viel­leicht auch vor dem Hintergrund, dass sich Markus Hinterhäuser 2024 um eine Vertragsverlängerung bewerben muss.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Es gab in keiner Weise irgendeine Auseinandersetzung mit uns oder irgendein Feedback der Leitung bis zu der völlig überraschenden Mail mit der Absage Mitte Oktober, in der auch noch stand, dass wir diesen unpro­fessionellen und respektlosen Vorgang „keinesfalls als Kritik“ verstehen sollen. Die Verhandlungen mit dem Ensemble liefen noch im September. Bettina Hering wurde nach sieben Jahren als Schauspielchefin noch nicht mal von der Abset­zung in Kenntnis gesetzt, geschweige denn von den Gründen, die dazu geführt hatten.

    MICHAEL STURMINGER: Vermutlich werde ich nie erfahren, warum die Inszenierung abgesetzt wurde. Für mich löst das einen großen Schmerz aus. Hinzu kommt, dass es von dieser Inszenierung keine richtige Aufzeichnung gibt. Jahrzehnte lang sind alle Inszenierungen dokumentiert, aber diese nicht, was historisch be­trachtet sehr schade ist.

    EDITH DRAXL: Vielleicht ist die Inszenierung so etwas wie ein Ritual. Auch wenn es sich entleert hat, sind gewisse Änderungen ein Tabubruch, weil sich manche Personen davon bedroht fühlen.

    MICHAEL STURMINGER: Klar, das hat ganz starken Ritualcharakter. Es ist ein letztes Ritual. Umso wichtiger ist es, das Ritual lebendig zu halten und nicht in einer Form erstarren zu lassen. Aber offenbar werden auch in unserem Land die re­aktionären Kräfte immer stärker, die ihren Jedermann schön, entrückt und mög­lichst schmerzlos wollen.

    EDITH DRAXL: Diese inhaltliche Positionierung, die Spannung erzeugt, trifft auf Machtstrukturen, die denen im Jedermann ähneln. Die Mächtigen sind frei zu entscheiden, wem sie was zukommen lassen. Ähnliche Strukturen habt ihr in eu­rem Arbeitsumfeld vorgefunden. Man braucht kein Gespräch, man braucht nicht zu argumentieren, man muss sich nicht an Verträge halten, man hat die Macht, willkürliche Entscheidungen zu treffen und auf eine sehr willkürliche Weise eine Arbeitsbeziehung zu beenden.

    MICHAEL STURMINGER: Markus Hinterhäuser habe ich ähnlich erlebt wie den Je­dermann, den Michael Maertens zeichnet. Er scheint sehr zugänglich, wirkt, als würde er seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen. Er tritt als Freund der Künstler*innen auf, ist selber Künstler und tut so als wären alle eine große Fami­lie. So ist es ja auch ein bisschen. Sein Finanzdirektor ist wirklich sein Patenkind und die Entscheidung über die Absetzung des Jedermann-Ensembles wurde im Direktorium in Abwesenheit der Präsidentin getroffen.1 Er konnte in ungeheurer Brutalität drüberfahren, weil niemand mehr da war, der ihm sagte, dass das so nicht geht, wie es BETTINA HERING und HELGA RABL-STADLER getan hätten. Diese Haltung beschädigt in erster Linie die Festspiele, fügt darüber hinaus aber uns allen Schaden zu.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Bis heute hat sich kein Kontrollorgan zu Wort gemeldet. Es sind angeblich unantastbare künstlerische Entscheidungen und die nimmt das Kuratorium der Festspiele „wertfrei zur Kenntnis“. Wenn dieses ganze Desas­ter wenigstens für eine historische Erneuerung angerichtet worden wäre. An­genommen die Schauspieldirektorin hätte eine Regisseurin gefunden, deren Konzeption sie für den Jedermann zwingend findet, die aber nur im ersten Jahr ihrer Intendanz stattfinden kann, weil die Regisseurin dann nicht mehr zur Verfügung stünde. Endlich und erstmals eine Regisseurin, die den Jedermann inszeniert… Aber auch dann wäre es natürlich notwendig und unerlässlich gewesen, dass sie auf das bereits verpflichtete Team und Ensemble zugegan­gen wäre, die Situation erklärt sowie eine Lösung anstrebt, die für alle akzep­tabel ist.

    MICHAEL STURMINGER: Einen künstlerisch zwingenden Grund gab es nicht.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Im Ringen Salzburgs um irgendwelche Begründungen wurde auch die Wirtschaftlichkeit herangezogen. Wir haben Bettina Her­ing gefragt, ob es ihrer Einschätzung nach wirklich Auslastungsprobleme geben könnte: Sie hat laut gelacht und meinte, selbstverständlich nicht. Sie hat auch gesagt, dass sie als Schauspieldirektorin noch bis Ende September an allen Sitzungen teilgenommen hat und es nie Gesprächsthema gewesen sei, dass der Jedermann 2024 vielleicht nicht wieder ausverkauft sein könnte. Er war auch 2023 ausverkauft. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur hof­fen, dass es zu fairen Entschädigungszahlungen kommen wird. Die Abset­zung einer Neuproduktion nach einem Jahr ist jedenfalls alles andere als wirtschaftlich.

    EDITH DRAXL: Es gibt nicht nur die Diskussion um „Fair Pay“, sondern auch um „Fair Play“. Wenn eine Institution wie die Salzburger Festspiele kein Fair Play machen – im Sinne eines respektvollen Umgangs mit den Künstler*innen, Mitarbeiter*innen und so weiter –, wer soll es sonst tun?

    MICHAEL STURMINGER: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich will jetzt noch einen Schritt weitergehen. Die Genese dieser Inszenierung beginnt damit, dass Markus Hinter­häuser zu mir kommt und mich für eine weitere Inszenierung anfragt. Ich wollte es gar nicht noch einmal machen, und er musste mich wirklich überreden. Es gab aber einen ganz klaren Punkt in unserer Abmachung: Wenn wir es machen, dann läuft die Inszenierung zwei Jahre. Wir wussten also beide, dass es über die In­tendanz von Bettina Hering hinausgehen würde. Wir haben eine klare, hundert­prozentige Abmachung getroffen. Was geschehen ist, ist ein glatter Wortbruch. Das hat viele Journalist*innen und auch die verantwortlichen Politiker*innen überhaupt nicht gestört. Wenn der Intendant der Salzburger Festspiele sein Wort 50 Leuten gegenüber brechen kann, ohne dass es Konsequenzen nach sich zieht, frage ich mich, was das zu bedeuten hat.

    ALEXANDRA ALTHOFF: Es ist nicht nur Wortbruch, sondern auch ein Vertragsbruch.

    MICHAEL STURMINGER: Natürlich, aber ich finde, der Wortbruch allein genügt be­reits. Wer sollte Markus Hinterhäuser noch irgendetwas glauben?

    EDITH DRAXL: Ich finde interessant, dass das Thema Macht und Machtmissbrauch in diesem Zusammenhang überhaupt nicht benannt wurde. Macht bzw. Macht­missbrauch zeigt sich nicht nur im Herumbrüllen oder durch erniedrigende Wortwahl, sondern auch im Umgang mit Verträgen, in der Form, wie Gespräche geführt werden bzw. nicht geführt werden, sowie dadurch, dass Entscheidungs­strukturen intransparent gestaltet werden. Das finde ich umso bemerkenswerter, da doch das Thema Machtmissbrauch in seinen vielen Spielarten ein wichtiges Thema auf der Bühne und im Theaterbetrieb ist.

    MICHAEL STURMINGER: Das stimmt. Auf unsere Frage, warum man das Jedermann-Ensemble abgesetzt hat, haben wir keine Antwort bekommen, weil es keine gibt, außer dass Markus Hinterhäuser plötzlich verstanden hat, dass er das einfach machen kann, weil niemand mehr da ist, der es ihm verbietet. Er hat auch gesagt, dass er nach sieben Jahren wohl Verträge brechen könne. Später war er ungehal­ten, wenn ihn Journalist*innen nach dem Warum gefragt haben. Diese Art von Selbstherrlichkeit ist unglaublich. Er hat wohl verschlafen, dass er nicht Kara­jan ist und man mittlerweile anders miteinander umgeht. Anmerken möchte ich noch, dass Markus Hinterhäuser – soweit ich informiert bin – unsere Inszenie­rung nie gesehen hat.

    EDITH DRAXL: Eine wirklich skandalöse Situation. Aber man denke an Brecht und Einem. Es geht, scheint mir, noch immer um die gleiche Auseinandersetzung: Wer bestimmt, wie der Jedermann gedacht werden darf und wieviel Gesell­schaftskritik sich darin finden darf? Eure Leistung war es, zu zeigen, dass dieser Text mehr Interpretationsspielraum bietet, als es viele Jahre schien. Ich las den Jedermann als ein Stück, das von jemandem erzählt, der sehr unsolidarisch, sehr unangenehm ist. Er ist reich, er ist geizig und am Ende hat seine Seele Glück. Es wird ihm alles verziehen. Nun sehe ich andere Möglichkeiten, den Text zu ver­stehen. Das halte ich für eine große Leistung. In deiner Regie ist ein Aufbruch passiert, den es vorher nicht gegeben hat. Bettina Hering hat das ermöglicht. Ich bin mir sicher, es wird der Zeitpunkt kommen, an dem man das deutlich erkennen wird.


    Anmerkung

    1. Das Direktorium der Salzburger Festspiele besteht aus dem Intendanten, dem kaufmännischen Direktor und der Präsidentin. ↩︎

    © Heinz Holzmann

    ALEXANDRA ALTHOFF

    Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen sowie der Dramaturgie in Leipzig und des Films in Amsterdam. Engagements als feste Dramaturgin am Schauspielhaus Köln, am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Frankfurt. 2009 Gründung des Kunstkollektivs RAUM+ZEIT mit Bernhard Mikeska und Lothar Kittsein. 2019-22 stellvertretende Künstlerische Direktorin am Burgtheater. Seit der Spielzeit 2022/23 Vorsitzende der Jury für den Nestroy-Preis, seit 2024 Leiterin des Max Reinhardt Seminars.

    © Ingo Pertramer

    MICHAEL STURMINGER

    Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Autor und Regisseur für Film, Schauspiel und Oper. Tätigkeiten u.a. für das Mariinsky Theater in St. Petersburg, das Staatstheater am Gärtnerplatz München, das Theater an der Wien, das Opernhaus Zürich, die Salzburger Festspiele und die Wiener Staatsoper. 2014-22 Intendant der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Seit 2018 Lehrtätigkeit für Musiktheaterregie und Dramatische Darstellung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

    © Wolfgang Rappel

    EDITH DRAXL

    Studium der Germanistik, Psychologie und Theologie. Regieassistentin und Theaterpädagogin. 2000 Gründung von uniT – Verein für Kultur an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seit 2002 Leitung von uniT und dem dazugehörigen DRAMAFORUM, das den Retzhofer Dramapreis vergibt und gemeinsam mit dem Schauspielhaus Graz das Internationale Dramatikerinnenfestival Graz ausrichtet. 2006 Gründung des Künstlerinnennetzwerks KUNSTLABOR GRAZ. Seit 2024 Vorsitzende des Steirischen Kulturkuratoriums.

  • Eine modehistorische Analyse ausgewählter Kostüme der Buhlschaft im Jedermann der Salzburger Festspiele

    Eine modehistorische Analyse ausgewählter Kostüme der Buhlschaft im Jedermann der Salzburger Festspiele

    Der Jedermann ist für die Salzburger Festspiele seit seiner Uraufführung am 22.8.1920 wirtschaftlich ein wichtiger Umsatzbringer und im Festspielkalender seit 103 Jahren eine programmatische Konstante. Die Präsentation der Buhlschaft und ihres Outfits ist dabei jedes Mal ein wichtiges Medienereignis: Es geht um die Farbe, den Schnitt, das Kleid und seit 2017 auch um die Hose! Die Buhlschaft wird gefragt, welches Kleid sie tragen werde oder etwas subtiler: Welche Rolle denn das Kleid spiele? Fast scheint es, als ob dem im Anachronismus emergie­renden Stück eine spezifische Folklore mitschwingt, die jährlich (und vergeb­lich?) wie bei dem Orakel von Delphi die alte Frage nach dem Neuen in der Frau­enmode stellt.

    Der Mode wohnt seit dem 19. Jahrhundert die Ästhetik der permanenten Erneue­rung inne – jede Saison machte zuverlässig die Kleider des Vorjahres obsolet. Weil in Paris zuverlässig Neues sichtbar und schnellstmöglich auf die Alltagspraxis übertragen wurde, galt die Mode dieser Stadt über ein Jahrhundert als das Ora­kel der Welt. Über lange Zeit war jeder Pariser Trend gesellschaftspolitisch rele­vant, weil mit diesen Trends Tabus beseitigt wurden, die erst durch ihr plötzli­ches Fehlen sichtbar gemacht wurden. Diese Zukunftsschmiede ist allerdings seit den 1990er Jahren in eine generelle Unübersichtlichkeit abgedriftet, und IT sowie neuerdings KI stellen nun die Orakelplätze des Neuen in den Medien dar. Die klassische Berichterstattung über Trends (und Tabubrüche) hat ihre Vorreiterrolle verloren. Nicht so in Salzburg, wo die Sehnsucht nach dem Neuen im Kleid der Buhlschaft ungebrochen scheint.

    Es fühlt sich wie narzisstische Kränkung an, wenn die Fra­gen der Frisur und der Rocksaumlänge aufmerksamkeits­ökonomisch oft entscheidender sind als die Beschreibung von Charakterzeichnungen, Spielkompetenz oder persön­liche Raffinesse der Schauspielerinnen. In Zeiten, in denen jeder ein Star ist oder sein will, kommt dem modischen Dis­tinktionsgewinn umso größere Bedeutung zu – wenn schon nicht durch die Menge des Textes, dann soll die Buhlschaft wenigsten durch ihr Kostüm und ihre erotische Ausstrah­lung zum Garanten der „Cash Cow“ Jedermann werden.

    Buhlschaft und Jedermann

    Im Laufe der letzten 103 Jahre der Aufführung des Jedermann hat sich die Rolle der Buhlschaft wenig gewandelt – Stereotype männlicher und weiblicher Kleidungs­normen wurden erst in den letzten Jahren aufgebrochen und zum Teil wieder ver­worfen. Meist nach der Kritik eines zahlenden Publikums. Was sind die Hinter­gründe?

    Betrachtet man die Mode des bürgerlichen Zeitalters, lässt sich erkennen, dass meist der männliche Geist gegen den weiblichen Körper oder, anders gesagt, das weibliche Kleid gegen den tiefen männlichen Charakter steht. Der Mann gilt als Sinnbild des Seins, während die Frau meist nichts als den schönen Schein verkör­pert. Auch bei den Salzburger Festspielen wird dieser Dualismus genutzt: Plakativ gesprochen sind die Reize der Buhlschaft jährlich ein Garant für ein ausverkauftes Haus. Eine Geschichte der Reduktion von Frauen zu Objekten der Begierde, so will es das Stück – oder besser das, was daraus gemacht wird. Die Zurschaustellung des weiblichen Körpers kann dabei – je nach Regieentscheidung – sowohl zum Pri­vileg (SENTA BERGER) als auch zur Bürde (STEFANIE REINSPERGER, VERENA ALTENBERGER) für die Schauspielerinnen werden. Eine Reduktion auf das Körperliche bleibt sie dabei jedoch allemal.

    Die Art und Weise, wie über die Buhlschaft berichtet wird, spiegelt sich auch im Blick der Zuschauer*innen, die wieder meist mit dem männlichen Blick auf die Buhlschaft schauen (wollen). Die Wahl des Kostüms spielt dabei eine große Rolle. Damit sich Schauspielerinnen neben der Objektifizierung ihrer Person nicht auch noch mit einer ungünstigen Wahl des Kostüms zufriedengeben müssen, darf die Buhlschaft manchmal einen Wunsch äußern. Trotzdem behalten die Werkstätten der Salzburger Festspiele ihre wesentliche Position beim Realisierungsvorgang. Dort wird gekämpft und entschieden, wie das Kostüm das Licht der Bühne er­blickt. So ist das Kostüm der Buhlschaft in jedem Jahr aufs Neue auch eine beson­ders geschätzte heilige Aufgabe der Werkstättenmitarbeiter*innen.

    Bühnenkostüm und zeitmodische Trends

    Im Historismus kam zum ersten Mal in der Theatergeschichte die Forderung nach historischer Echtheit des Kostüms auf. Dabei konnten die Kostüme anfänglich gar nicht authentisch genug sein, was sich auch im Jedermann spiegelt. Hier wurde das Kostüm in der Vergangenheit mit derart vielen historischen Details aufgeladen, dass es so wirkte, als wollte man sie als Achtungszeichen permanent aufleuchten lassen.

    Gleichzeitig ist das Bühnenkostüm grundsätzlich in das Geschehen im Theater ein­gebunden und muss sich technisch wie optisch den Aktionen der Schauspieler*innen anpassen. Es wird nach den Anforderungen entworfen und produziert, die die Inszenierung an dieses stellt, wenn die Schauspieler*innen z.B. die Bühnenstufen hochlaufen oder mit dem Fahrrad bzw. auf dem Heuwagen fahren müssen. Diese zu erfüllenden Ansprüche müssen bei der Interpretation der Kostüme betrachtet werden, statt sich fälschlich als selbständige modische Erscheinungen zu bewer­ten. Betrachtet man die Kostüme als Abbild von künstlerischen Alleingängen der Kostümbildner*innen, kommt es häufig zu verkürzten und verfälschten Rückschlüs­sen oder Interpretationen. Ein künstlerischer Alleingang der Kostümbildner*innen ist nur in Ausnahmefällen möglich – nämlich dort, wo explizit Modedesigner*innen am Werk sind, wie etwa im Ballett des Neujahrskonzerts mit seinen Ausstatter*innen (Vivienne Westwood, Christian Lacroix, Arthur Arbesser etc.).

    Seit den 1980er Jahren können Ausstatter*innen und Publikum bei aktuellen Pro­duktionen mit Zeitmode rechnen – allerdings nicht im Jedermann. Hier wird die Tradition weiterhin beibehalten, dass die Kostümbildner*innen die Figurinen oft­mals mit eindeutigen Merkmalen ausstatten, die zeitmodisch nicht vorkommen (z.B. Wahl des Stoffmusters, Stoffqualität, Frisur, Schuhe, Körperform).

    Beim Jedermann werden die Berührungspunkte zwischen Mode und Kostüm ge­leugnet, während man bei anderen Produktionen durchaus beobachten kann, wie sich die zeitmodische Silhouette prägend auf das Bühnenkostüm, die Frisur und die Accessoires auswirkt. Oftmals erkennt man diese zeitmodische Silhouette und ihre Codes erst in der späteren Betrachtung. So ist beispielsweise das Schnürmie­der für die Frau mit einem Zeitabschnitt – der Renaissance – verbunden, in der der Frauenkörper jahrhundertelang nur im eng geschnürten Körper und im großen Rockvolumen denkbar war. Dies erweist sich allerdings im Kostüm der Buhlschaft bis zur Inszenierung von 2013 als unverzichtbar.

    Obwohl die Garçonnemode der 1920er Jahre mit in Mieder geschnürten Frauen­körpern nichts mehr anzufangen wusste, fiel die Wahl des Kleides der Buhlschaft der Zeit dennoch historisierend aus. Genauso in den 1960er Jahren, einem taillenlo­sen Jahrzehnt, das durch „Mini-Mode“ und verhungerte Models geprägt war. Die Vorliebe geometrischer Muster zur Überzeichnung der weiblichen Formen fand sich allerdings auch hier nicht im Kostüm der Buhlschaft, das stattdessen in der historischen Miedersilhouette verhaftet blieb.

    Dem entgegen kamen die 1950er Jahre, die von Diors „New Look“ geprägt waren. In dieser Zeit schwelgen auch die Kostüme im Film- und Bühnenkostüm in eng geschnürten Taillen. Auch wenn Dior keine Wiederkehr des Korsetts gebracht hat, sondern eine sehr schlanke technisch gefertigte Silhouettierung der Taille, die noch durch verbreiterte Schultern und den Sprung zur breiten Hüfte betont ist.

    Die Unsicherheit, die im Modesystem seit den 1990er Jahren kenntlich ist und mit dem Motto „everything is possible“ bzw. einer generellen Freiheit von allen Nor­men begann, kennzeichnet seit dieser Zeit die Mode und auch das Bühnenkostüm. Seither findet sich eine verwirrende Vielfalt und Techniken, wie Zitieren, Mischen, Körperverformungen und Hässlichkeit, Destruktion und Missachtung der anato­mischen Gegebenheiten. Selbiges findet sich auch auf der Bühne wieder.

    1920

    Die schwarz-weiß Fotografien von JOHANNA TERWIN im Buhlschafts-Kostüm von 1920 sind Posen­fotos, die außerhalb der Vorstellung aufgenom­men wurden und die die Schauspielerin in einem bodenlangen, schulterfreien und langärmeligen Kostüm zeigen. Der Oberkörper ist mit einem kur­zen Mieder bekleidet, an den der Rock, der sich durch großes Stoffvolumen auszeichnet, und eine voluminöse Schleppe ohne Krinolinen-Verstär­kung anschließt. Das Muster ist auffällig als großes florales Ornament über das Kleid verteilt, als Ma­terial verwendete man dunkelroten Samt. Diese Art des Stoffes erinnert an italienische Samte der Renaissance (Ghirlandaio). Im Kontrast dazu setzt das Dekolleté (das das tiefste der Buhlschaft über­haupt war) knapp oberhalb der Brust an und lässt die Schultern bis zum Oberarm frei.

    Eingefasst ist das gesamte Dekolleté durch ei­nen halbovalen weißen Brusteinsatz. Ebenfalls in weißer Farbe quillt der weiße Hemdstoff an den Oberärmelschlitzen wulstartig heraus. Die Gestaltung des Ärmels über den Wuls­ten ist mit einem schräg verlaufenden Perlenornament auf Bändern verziert und verstärkt den Eindruck des von der Schulter gerutschten Ärmels und damit des Entblößt-Seins der ersten Salzburger Buhlschaft.

    Sie trägt schweren Schmuck in Form einer grobgegliederten Kette mit einem Medail­lon um den Hals. Zudem ist ein charakteristischer Ring mit einem großen Schmuck­stein an ihrer linken Hand zu sehen. Außerdem trägt sie ihre Haare auf manchen Fotografien in einem perlengeschmückten Haarnetz, auf anderen Abbildungen sind sie zu zwei seitlichen mit Blüten geschmückten Knoten zusammengefasst.

    In der Gesamtsilhouette erinnert das Kleid an Vorlagen der Frührenaissance. Im Theatermuseum Wien ist der Kostümentwurf von Alfred Roller für die Berliner Erstaufführung von 1916 zu sehen. Hier ist erkennbar, wie sehr sich Roller in sei­nem Entwurf an einem Gemälde von Domenico Ghirlandaio orientiert hat. Der Entwurf entspricht in der Wahl des Gewandes und der Gestaltung des Ausschnitts einer der Frauen aus der Geburt Mariens in der Capella Tournabouni. Es handelt sich dabei um modische Darstellungen von Frauen der Florentiner Patrizierschicht.

    Auch das Blütenornament des Stoffes ist mit seinen schwungvollen Kurven, die gradlinig und großflächig gestaltet sind, noch dem Jugendstil verhaftet. Kräfti­ge Ornamente im neuen Stil ziehen den Blick an und bilden auf diese Weise den Schwerpunkt der Entwürfe. Es zeigt sich der Kampf gegen das Korsett.

    Die Kostüme von Buhlschaft und Jedermann sind zwar unterschiedlich gestaltet, aber trotzdem beide feudal modisch. In den Kostümen von Alfred Roller sind Klas­se, Stand und Geschlecht die Parameter für Buhlschaft und Jedermann.

    1974

    Auch das Kostüm der Buhlschaft von 1974 bleibt der Idee historischer Echtheit verhaftet.

    Senta Berger trägt ein tief dekolletiertes rubinro­tes Kleid im Stil der deutschen Renaissance.

    Charakteristisch ist die dreidimensionale Ge­staltung der Oberfläche des Mieders und der an­schließenden Schmuckärmel. Der Ärmel ist durch zahlreiche, aufwendig gestaltete Schlitze unterbro­chen. Diese zeigen Öffnungen, aus denen ein fei­ner goldener Stoff hervorquillt. Die Schlitze sind mit goldenen Perlen und Pailletten verziert. Die Ärmel nehmen Anlehnung an malerische Vorbil­der wie Adelsporträts von Lucas Cranach oder Hans Holbein. Der Rock besteht aus einer breiteren Samtpartie und ab Knielänge aus drei eingesetzten roten Seidenstreifen mit unterschiedlicher Breite. Der Hals ist mit einem Kropfband verziert. Dazu trägt Senta Berger Ohrringe in Tropfenform, die an Schmucksteinen befestigt sind. Ihre tizianroten Haare sind offen, nur eine Spange hält das Haupthaar am Hinterkopf zusammen. Von dort fällt das Haar fast in Taillenlän­ge in voluminösen Wellen. In der Wahl der wilden gelösten Frisur spiegelt sich der Zeitgeist der 1970er Jahre wider. Es ist die Zeit der Flower-Power-Bewegung, in der Yves Saint Laurent den Einteiler für die Frau in seinen Kollektionen aufnimmt. Und trotzdem: Buhlschaft und Jedermann prunken in der feudalen Kleiderordnung der Renaissance. Der Jedermann Curd Jürgens trägt ein geschlitztes Samtwams. Dieses Kleidungsstück symbolisiert aristokratische Männermode der Renaissance und findet sich in Porträts wie denen von Hans Holbein wieder. Diese Mode der Herrschenden trennte die Menschen nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrem Stand.

    1999-2001

    Das bodenlange, renaissanceartige Kostümkleid der Buhlschaft DÖRTE LYSSEWSKI ist aus rot-golden changierendem Seidenstoff hergestellt. Das Oberteil zeigt eine gerade Ausschnittkante, die Schultern sind bedeckt und münden in diaphanen Schmuckärmeln aus Ananasfaserstoff, der mit einem goldenen Granatapfelmuster bedruckt ist und den Handrücken bedecken. Das Rot des Kleides ist vornehm und nimmt sich zurück.

    Die Schuhe sind rot-gold und weisen einen Ba­rockabsatz auf. Die Haare sind in Renaissance­manier fächerartig am Vorderkopf geteilt und toupiert – hierfür finden sich zahlreiche Beispiele bei Tizians Frauenporträts. Dörte Lyssewski trägt keinen Schmuck, das Kleid fällt glatt und ohne Unterrock. In zahlreichen Szenen stemmt der Je­dermann die Buhlschaft in die Höhe, wodurch Bein und Schuhe sichtbar werden.

    Ulrich Turkur tritt als Jedermann im kurzen ro­ten Seidenwams auf. Die Ärmel weisen Reste von Scheinärmeln auf. Dazu trägt er keine Weste, sondern ein weißes Bauernhemd und knöchel­lange Hosen. Beides durchbricht die historische Echtheit des Renaissancekostüms, da sich die lange Hose für den Mann erst mit der französischen Revolution durchsetzt und die Boots zeitgenössisch sind.

    2002-04

    Das Kleid von VERONICA FERRES ist erstmals gänz­lich zartrosa gehalten und durchbricht damit die Palette der Buhlschaftsrottöne. Es passt farblich perfekt zum Hautton und den Haaren der Schau­spielerin. Das Kleid besteht aus einer Kombinati­on von Mieder und voluminösen Doppelrock mit seitlich aufgebauschten Polstern. Das Mieder ist aus Baumwollsatin gearbeitet und sitzt figurbe­tont durch die Schnürung am Rücken. Das Mie­der wird technisch wie eine zweite Haut an den Oberkörper angepasst und mit Miederstäbchen verstärkt. Der bodenlange Rock aus Seidentaft ist zweifach geschlitzt und läuft rückwärts in eine große Schleppe aus. Oberteil und Rock sind mit applizierten Blütenranken aus Silberspitze ver­ziert. Die Oberarme sind im Lingerie Look knapp mit einer breiten Silberspitze bedeckt.

    Ferres tritt schmucklos auf. Ihr Schmuck sind ihre langen blonden Haare, die in wallenden Locken lose improvisiert am Kopf gesteckt sind. Ihre lebendige Locken­mähne fällt über Dekolleté und Rücken. Im Spiel zeigen sich die Ausdrucksmög­lichkeiten dieses Boudoir-Looks. Die Doppelrockgestaltung und zwei eingearbei­tete Schlitze ermöglichten es der Schauspielerin, ihre nackten Beine zu zeigen. Der Unterrock, der dann hervorblickt, besteht aus knöchellangen silbernen Schnüren. Durch ihren Glanz umspielen sie das Zeigen von Haut und Bein effektvoll und er­innern an die Charleston Kleider der 1920er Jahre – eine Idee ohne historische Vor­lage. Beim seitlichen Raffen des Rockes im Spiel blitzen diese Schnüre hervor und bilden einen Blickfang. Besonders reizvoll ist eine Pose, die an Marylin Monroes ikonisches Rockraffen erinnert sowie die effektvolle Bedeckung des Schambereichs durch nur eine sehr schmale Rockbahn. Ohne Komplexe zeigt sich der weibliche Körper in seiner Sinnlichkeit anstatt schamhaft verhüllt. Diese Elemente stilisieren Veronica Ferres‘ Darstellung der Buhlschaft als Kokotte, die ihre ideale Weiblich­keit und weibliche Rundungen in der begehrten Uhrglasform zeigt.

    2007

    Eine weitere Variante des rosa Buhlschaftskos­tüms trägt MARIE BÄUMER 2007 an der Seite von Peter Simonischek. Das Kostüm besteht aus zahl­reichen körperbedeckenden fließenden Stoffbah­nen in einer völlig neuen Silhouette. Hier wird erstmals auf das Mieder verzichtet. Die Empi­rebüste ist doppelt gearbeitet, der große V-Aus­schnitt zeigt im Spiel effektvoll den Ansatz der Brüste. Unter der Brust ist die Büste mit einer Schleife und einem bodenlangen Band verziert.

    Das duftige Kostüm in blassrosa erinnert an die Silhouette der Empiremode um 1800. Der Mus­seline fällt weich über den Körper, und ähnlich wie im Doppelrockkostüm von Veronica Ferres aus den Jahren davor lässt sich der Rock an den Seiten zweiteilen. Bäumer zeigt im Spiel umso häufiger ihre nackten Beine. Im Kontrast dazu sind die Ärmel handflächenbedeckt in typischer Renaissancemanier gearbeitet. Die Ärmel mit ei­nem gesmokten Einsatz sind eine Reminiszenz an die Schmuckärmel der Renais­sance. Marie Bäumer trägt ihre schulterlangen Haare offen und keinen Schmuck.

    Mit diesem Kostüm sind die historischen Fesseln der vergangenen Buhlschaftklei­der abgeworfen, das Korsett ist zugunsten einer bewegungsfreudigen und farblich zarten Empiresilhouette gesprengt. Dadurch ist eine neue Freiheit erobert, die un­gezwungen, sehr beweglich und spielfreundlich ist.

    2009

    Mit dem blauen Kleid von SOPHIE VON KESSEL leisten sich die Salzburger Festspiele nach 89 Jahren einen ersten farblichen Traditionsbruch, denn das Miederkleid ist aus einem stark leuchtenden kobaltblauen Seidentaft gearbeitet. Das Corps-Pique-Mieder ist vierfach geschlitzt (vor­ne hinten und an den Seiten schräg zulaufend) und hat Träger. Unter dem voluminösen und geschlitzten Rock blitzen dünne Organzabahnen hervor und bilden ein verstärkendes Element des Darunter. Das Mieder endet vorne in einer spitzen Miederschneppe, die – wie in der spani­schen Mode des Barock – bis knapp oberhalb der Scham die Miederspitze verlängert. Der Rock ist doppelt und voluminös gearbeitet.

    Unter dem Rock befinden sich seitlich jeweils „Demi-paniers“ (Hüftpolster), die die Silhouette ab der Taille im modischen Stil des Rokoko ver­breitern. Der Doppelrock läuft von der vorde­ren Mitte hüftbreit nach hinten und endet am Rücken in einer Rose. Bis auf blaue Ohrringe und den Blütenkranz ist Sophie von Kessel schmucklos. Ihre Haare sind streng zurückgenommen und im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst.

    Mieder und Paniers formen die weiblichen Rundungen künstlich, sie überzeichnen Brüste und Hüfte. Hier werden die Formen und Normen vollkommener Weiblich­keit nicht naturalisiert, sondern künstlich ausgestellt.

    Im historischen Recycling ist hier ein Kleid entworfen worden, das aus den Zi­taten der aristokratischen Mode anderer Epochen schöpft. Die Buhlschaft stellt ihre erotischen Reize in den Vordergrund. Krinolinenkleider mit aufwendigen Unterkonstruktionen sind per se raumgreifend. Hüfte, Po und Dekolleté sind in diesem Entwurf ausgestellt. Das Blau schafft Distanz, gilt als die Himmels-oder Marienfarbe, wurde bis vor 100 Jahren hauptsächlich für kleine Mädchen verwendet und ist die Farbe des Mantels der heiligen Jungfrau. Rot dagegen war bis vor 100 Jahren die Farbe, die mit Blut und über die Verwandtschaft mit Purpur auch mit Macht und Herrschaft verknüpft war – also die Modefarbe der Herren.

    Der Jedermann ist wie ein Bauer der Renaissance gekleidet. In Kniebundhosen mit losem Hemd und Weste in ungefärbtem Braunton tritt er mit den charakteristi­schen Kleidungsstücken des dritten Standes auf.

    2010-12

    Das sienarote Bustierkleid ist für BIRGIT MINICHMAYR passend zu ihrer Haarfarbe aus einem kräf­tig schimmernden Seidenduchesse gearbeitet. Es besteht aus einem sehr schmal gearbeiteten Mie­der, das die Brustwölbung aufnimmt und diese puschend freigibt. Das Mieder läuft in einer tiefen Schleppe aus, an der ein voluminöser Rock aus mehreren Bahnen ansetzt. Ihre Haare sind locker zu einer Steckfrisur am Kopf drapiert, einzelne Fransen lösen sich aus der Frisur. Am Oberkopf sitzt eine große sternförmige Strassbrosche paral­lel zur Mousselinschleife, die die Miederkante ver­ziert. Die Tanzpumps sind mit Stoffrosen besetzt. Mit diesem strengen Miederkleid ist man wieder um historische Echtheit bemüht. Die Wirkung der Buhlschaft ist spielfreudig und durch die Wahl des tizianroten Seidenstoffes umwerfend elegant.

    2013-15

    2013 und 2014 verlassen die Festspiele mit den Kostümentwürfen von Olivera Gajic die jahr­hundertewährende Tradition der historisie­renden großen Roben der Buhlschaft und der feudalen Kleidung des Jedermann. Modernität kommt auf. Zum eigentlichen Fest erscheint die Buhlschaft in einem hautfarbenen Miederkleid, das mit glitzernden Swarovskisteinen bestickt ist und in einem voluminösen roten Rock aus­läuft. Man sieht die Schauspielerin von weitem mit zwei roten Punkten aus Kristallen auf den Brustspitzen – als wäre sie nackt. Die Kante des Ausschnitts ist mit einem schmalen hautfarbi­gen Streifen besetzt, um den Übergang von Stoff zu Haut möglichst unauffällig zu gestalten. Das Kleid ist bodenlang mit einer Schleppe aus weich fließenden Seidenmousseline, der Umfang des Bahnenrockes beträgt 32 m – darunter trägt sie schwarze Strümp­fe. Der Rock ist im schrägen Fadenlauf mit einem voluminösen Saum auslaufend gestaltet. Diesen Rock wirbelt BRIGITTE HOBMEIER so effektvoll um sich und erzeugt Strudelsilhouetten, die an den Schlangentanz von Loie Fuller im Jahr 1896 erin­nern. Sie ist tatsächlich vom Korsett befreit, denn unter dem zarten Oberteil des Kleides ist sie nackt – kein Unterbau gibt Sicherheit. Sie habe sich unwohl gefühlt in diesem Kostüm, wird von der Leitung der Kostümwerkstätten berichtet.

    Um den Hals trägt sie zahlreiche goldene Gliederketten aus silbergrauen Perlen und grauen Kristallsteinen. Die eigene Haarfülle fällt in großen Locken bis zur Brust. Die Farbe des Rockes, ein warmes Sienarot, ist auf die Haarfarbe der Schau­spielerin abgestimmt. Sie trägt schwarze flache Tanzsandalen.

    In der korsettbefreiten Silhouette – einer Mischung aus 1920er Jahren und dem Ausdruckstanz – zeigt sich der weibliche Körper der Buhlschaft in den Jahren 2013 und 2014 auf der Bühne: Sportlich, beweglich, dynamisch und zeitgemäß. Da das Oberteil die Modefarbe trägt, wirkt sie fast nackt. Es gibt einen Unterschied zwi­schen dem bloßen natürlichen Nackten und dem gemachten Nackten, und dieser wird im Kostüm deutlich. Ab jetzt wird der Körper anders inszeniert. Die Scham wird zurückgelassen zugunsten einer fortschreitenden Entblößung oder raffinier­ten Kostümierung, was nun zu einer immer ostentativeren Erotisierung der Buhl­schaft führt.

    2015 tritt Brigitte Hobmeier mit dem bisher kürzesten Kleid der Buhlschaft vor den Dom, in Kombination mit schwarzen „Stay-ups“ und Strapsbändern fährt sie vortrefflich balancierend Rad oder treibt andere Kapriolen um den Jedermann, der von Cornelius Obonya gespielt wird. Ihr Körper ist in seiner Fleisch- und Leiblich­keit sichtbar. In schwarzen Seidenstrümpfen und hautfarbenen Strapsen tritt die Buhlschaft wie eine Kokotte der 1920er Jahre in das Spiel ein. Ihre Inszenierung ist voller Allüre – sie will anlocken, faszinieren, den Jedermann verführen und erzielt damit prompt negative Presse.

    Der Jedermann tritt in einem neutralen schwarzen Sakkoanzug auf – in diesem Kostüm ist er wie nie zuvor befreit von Mode und Zeit. Es gibt keine historisch-feudale Prachtentfaltung mehr, vielmehr spielt er von nun an für einige Jahre in der männlichen „Antimode“. Der schwarze Anzug der modernen Gesellschaft ist beim Jedermann angekommen, der für die große männliche Entsagung seit der französischen Revolution steht, weil mit ihm alles Farbige, Verspielte, „Weibliche“ in der Männermode abgelegt wurde. Dagegen prunken die Frauen fortan ostenta­tiv mit ihren Reizen. Hier zeigen sich ästhetische Trends der Neuen Sachlichkeit, deren Vertreter (Friedrich Nietzsche, Adolf Loos, Le Corbusier) die Frauenmode als anachronistisch unvernünftig, absurd hässlich, übertrieben und „oversexed“ kritisieren. Diese bürgerliche Männlichkeit kleidet sich unspektakulär. Der Anzug ist das Zeichen des Fortschritts, denn er neutralisiert den erotischen Körper des Mannes.

    2017-18

    2017 war die Prämisse, die an das Team des Je­dermann gerichtet wurde, ein anderes Salzburg in ihrer Produktion zu zeigen. In kurzer Probenzeit wurde ein entschlackter und zeitgenössischer Jedermann inszeniert. Menschen sollten erschaf­fen werden, die zeitgenössisch das Publikum an­sprechen. Das ist schlussendlich nicht gelungen.

    Wieder fällt die Wahl auf ein Miederkleid für die Buhlschaft, obwohl auch der Hosengedan­ke im Raum stand. Das Kleid im Couture Stil der 1950er Jahre besteht aus einem voluminö­sen Rock, dessen dreidimensionale Oberfläche aus gerafften Bändern von Rüschen besteht, die jeweils mit Perlen gesmokt werden und in Rei­hen übereinander gesteppt sind. Der Rock ist vorne knielang und läuft nach hinten boden­lang in einer Schleppe aus. Unter dem üppigen Rockvolumen trägt Stefanie Reinsperger einen Unterrock, der vorne sichtbar aus zahlreichen Chiffonlagen in zartrosa besteht. Das Trägermieder ist bustierförmig geschnitten, das Dekolleté wird von einer Doppelreihe von Rüschen verziert. Zum Kleid wird eine weiße Seidenchiffonbluse mit tiefem V-Ausschnitt getragen, das die Oberarme bedeckt. Die langen Haare trägt die Buhlschaft offen, das Oberhaar lose zusammengebunden.

    Stefanie Reinsperger wurde 2016 zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Im glei­chen Jahr entstand für Der Standard eine Modekampagne mit der Fotografin Maria Ziegelböck mit Kleidern von Vivienne Westwood Couture, Dior, Dries van No­ten und anderen. Die Schauspielerin wird in dieser Kampagne in romantischen Natursettings des 19. Jahrhunderts in heiter leichter Stimmung inszeniert. Ganz ähnlich fällt das Kostüm der Buhlschaft aus, allerdings entsteht aus dem üppigen weiblichen Körper und der zart-romantischen Kostümierung ein gewollter Kont­rast – es wirkt unbeschreiblich weiblich. Der Körper im Kostüm ist bedeckter als der der Buhlschaften vor ihr. Dadurch kann sie sich geschickt der Reduktion ihrer Person als Objekt der Begierde entziehen und agiert selbstständig, was wiederum in Salzburg einen Skandal auslöst. Bei der Schauspielerin steht Persönlichkeit und Spielfreude im Vordergrund, statt Selbstentfremdung durch den Objektcharakter der Rolle. Doch die Mehrheit des Publikums ist sich einig, dass ihre Figur nicht der Rolle der Buhlschaft entspricht. In zahlreichen Interviews und in einer Biografie mit dem Titel Ganz schön wütend hat Stefanie Reinsperger diese Zeit der heftigen Angriffe auf ihren Körper und das Thema des Bodyshaming offen diskutiert.

    Tobias Moretti als Jedermann trägt den elegant glänzenden schwarzen Abendanzug mit weißem Hemd. Ein Kleidungsstück der männlichen Entsagung, da dieses alle Körperformen neutralisiert. Er stellt im Anzug seinen Körper nicht zur Schau – im Gegenteil, er ist korrekt gekleidet. In der Festszene wechselt er das Sakko und trägt zum Dinner ein dunkelrotes Samtjackett mit schwarzer Hose.

    2018 wird diese Inszenierung mit Änderungen wiederholt. Die Änderungen be­treffen das Kostüm der Buhlschaft. Das rosa Couturekleid wird durch ein dun­kelrotes Skulpturenkleid ersetzt, das den Körper gänzlich negiert. Als weiteres Kostüm trägt Stefanie Reinsperger ein schwarzes knielanges Nachthemd, das die Ärmel bis zum Ellenbogen bedeckt, darüber einen schwarzen Morgenmantel aus Spitze. Sie trägt keine Schuhe.

    2019

    Die zweite Jedermann-Inszenierung des Regis­seurs Michael Sturminger zielt auf eine zeitge­nössische Lesart. Sturminger will die Menschen der Gegenwart mit der aktuellen Interpretation der Frage berühren, was passiert, wenn der Tod ins Leben tritt.

    Das Kostüm der Buhlschaft, das dem modischen Overall entspricht, ist ein elastischer, weißer, transparenter Tüll-Jumpsuit, der mit Maraboufedern und Glasperlen bestickt ist. Ganz im Di­ven-Stil der späten 1920er oder 1930er Jahre, die im Negligekleid die Medienwelt erobert haben, zeigt sich Valery Tscheplanowa in ihrem ersten Auftritt modisch und ohne Komplexe.

    Das Korsett darunter hat sie nun endgültig abge­worfen und den Betrachter*innen zeigt sich der weiblich sportlich schlanke Körper. Der Einteiler war ursprünglich ein Arbeitsanzug für Männer, bis ihn Yves Saint Laurent in den 1970er Jahren auch für Frauen adaptiert hat. Das Dekolleté dieses festlichen Einteilers reicht knapp bis zum Nabel, darunter ist die Schauspielerin nackt. Um die Taille gebunden ist ein silberfarbener Gürtel mit acht dezent blinkenden Kristallen. Beim ersten Auftritt singt die Schauspielerin in die­sem Kostüm für den Jedermann. Es betont die Rockstarqualität der Buhlschaft. In diesem Kostüm tritt der geschlechtlich weibliche Körper der Buhlschaft in den Vor­dergrund – sie selbst bildet primär den Schmuck, allerdings selbstbewusst durch die Hosenform. Im offenen Haar trägt sie Schmuck, der aus Kristallen besteht.

    Bei der Tischgesellschaft kommt das rote Buhlschaftskleid wieder zurück. Das Kleid verfügt über einen raffinierten Schnitt, der Rock lässt sich an Schlitzen öffnen und wieder wird Körper gezeigt. Der Seidenchiffon des Rockes besteht aus drei Schichten und ist eingefärbt im Buhlschaftsrot (kein Toskarot, kein Carmenrot). Die Tanzschuhe mit 10 bis 11 cm Absatz sind handgemacht und aus Samt.

    Tobias Moretti – im klassischen Smoking bekleidet – ist der moderne Bürger. Sie ist das Schmuckstück des Mannes – er stellt sie stellvertretend aus, indem er sich in der Kleidung zurücknimmt. Im Jahr 2020 wird VALERY TSCHEPLANOWA durch CAROLINE PETERS ersetzt. Die Overalls bleiben, statt des roten Kleides trägt Caroline Peters bei ihrem zweiten Auftritt einen roten paillentenbestickten Einteiler mit Chiffoncape.

    2021-22

    Verena Altenberger und Lars Eidinger sind das neue Paar für die Jahre 2021 und 2022. Schon im Vorfeld dringt viel über die Neuinszenierung in die Öffentlichkeit. Es soll eine Befreiung werden, neue Wege sollen ausgelotet werden, und gender­fluide Kostüme werden angekündigt. Verspro­chen werden kein typisches Kostüm und keine allegorischen Attribute. Die Rollen werden neu gedacht, und erstmals spielte mit MAVIE HÖRBIGER eine Frau den Tod.

    Die Buhlschaft 2021, Verena Altenberger, über­rascht mit einem kurzgeschorenen Bubikopf und ohne Schmuck. Mit der Kurzhaarfrisur, die als Igelfrisur in den Medien kritisiert und heftig an­gegriffen wird, unterbricht Verena Altenberger die Tradition der gewellten Mähne als Inbegriff der Feminität. Ein von der Regie und der Kostüm­bildnerin durchgestylter Rollentausch. Der rote Jumpsuit – nun zum vierten Mal als das Hosen-Kleid der Buhlschaft gewählt – wird mit einem kreisrunden bodenlangen buhl­schaftsroten Cape kombiniert, mit dem er in der Schlussszene effektvoll in den Tod geht.

    Bei ihrem zweiten Auftritt trägt die Buhlschaft ein rosafarbiges bodenlanges Trä­gerkleid aus einem glänzend beschichteten Jersey-Material, darunter ein einfaches rotes T-Shirt. Der Kontrast beider Rottöne ist gewollt unharmonisch. Der Look erinnert an Kleider des belgischen Avantgardedesigners Martin Margiela in den 1990er Jahren. Charakteristisch ist die bewusste Kombination von Unpassendem und Unharmonisches zu einem Lingerie-Look.

    Das überraschend Neue betrifft besonders die Bekleidung des Jedermann – hier wird im Kostüm Männlichkeit neu ausgelotet. Nun ist er es, der, nur mit einer roten Frotteeunterhose bekleidet, mehr Haut zeigt als sie. Die erotische Besetzung wird daher in dieser Inszenierung auf sein Geschlecht fokussiert. In einer Szene trägt der Jedermann die Buhlschaft auf seinen Schultern. Sie lüftet den Rock – er ist ab dem Bauchnabel abwärts nackt, bis auf die rote Unterhose. So erscheint bildlich ihr Unterkörper als seiner – beide verschmelzen zu einer Person. Im Spiel über­nimmt sie seinen Text und trägt die langen Hosen – sie ist es nun, die die Bezie­hung führt und auslotet, wie weit man mit einem Partner geht. Der Einteiler der Buhlschaft bleibt dennoch ein fauler Kompromiss, da trotz der Emanzipation der Rollen auf die Eindeutigkeit einer Hose verzichtet wird.

    Mit Lars Eidingers Kostüm tritt ein völlig neuer, zeitgemäßer, weil genderfluid kostümierter Jedermann auf. Der klassische Herrenanzug ist aufgegeben, was neue Räume der Interpretation auftut. In der Festszene trägt Lars Eidinger eine goldgelbe Hüfthose, dazu eine kurze gelbe Lederjacke im Jeansstil. Dazu hat er Absatzschuhe an, wie im Ancien Regime zur Zeit von Ludwig XIV. Er ist hier ab­seits des männlichen Mainstreams wie ein Dandy gekleidet – ähnliches findet sich in den Kollektionen von Gucci, Dior oder Louis Vuitton.

    Crossdressing ist aber nicht nur auf der Bühne zu sehen. Beide Schauspieler*innen treten bei der Premierenfeier genderfluid elegant auf: Er im kleinen Schwarzen und sie im glänzenden Satinanzug. In dieser künstlerischen Posture des „Selffashi­oning“ entsprechen beide der produktionsästhetischen Dimension des Jedermann in Salzburg.

    Im Moment passiert in der Männermode mehr als in der Frauenmode, denn übersetzt wird immer häufiger das Weibliche (Dandyeske, Transvestitische) ins Männliche. Dem männlichen Code wird das Weibliche eingeschrieben bzw.: „gen­derfluidity is it“. Ob es tiefe Dekolletés, lackierte Fingernägel, schöne Beine oder hautenge Anzüge sind – immer mehr erobern sich Männer die modischen Codie­rungen und erotisch besetzten Zonen aus der neuzeitlichen Frauenmode. Ikonen des coolen Stylings sind der Sänger Harry Styles oder der Schauspieler Timothee Chalamet, wie jüngst beim Filmfest in Venedig – dort trat er gänzlich in Rot und mit Rückendekolleté auf.


    Die Darsteller des Jedermann bei den Salzburger Festspielen 1920-2025

    1920-1921 Alexander Moissi

    1926-1931 Alexander Moissi

    1932-1934 Paul Hartmann

    1935-1937 Attila Hörbiger

    1946 Ewald Balser

    1947-1951 Attila Hörbiger

    1952-1959 Will Quadflieg

    1960-1968 Walther Reyer

    1969-1972 Ernst Schröder

    1973-1977 Curd Jürgens

    1978-1982 Maximilian Schell

    1983-1989 Klaus Maria Brandauer

    1990-1994 Helmuth Lohner

    1995-1998 Gert Voss

    1999-2001 Ulrich Tukur

    2002-2009 Peter Simonischek

    2010-2012 Nicholas Ofczarek

    2013-2016 Cornelius Obonya

    2017-2020 Tobias Moretti

    2021-2022 Lars Eidinger

    2023 Michael Maertens

    2024-2025 Philipp Hochmair


    Die Darstellerinnen der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen 1920-2025

    1920-1921 Johanna Terwin

    1926-1937 Dagny Servaes

    1946 Grete Zimmer

    1947 Elfe Gerhart

    1948-1949 Maria Becker

    1950-1951 Judith Holzmeister

    1952 Lola Müthel

    1953-1955 Heidemarie Hatheyer

    1956-1959 Martha Wallner

    1960 Sigrid Marquardt

    1961-1962 Ellen Schwiers

    1963 Maria Emo

    1964 Anna Smolik

    1965-1966 Eva Kerbler

    1967-1968 Nadja Tiller

    1969-1972 Christiane Hörbiger (1974 eingesprungen)

    1973 Nicole Heesters

    1974-1978 Senta Berger

    1979 Christine Buchegger

    1980-1982 Senta Berger

    1983-1986 Marthe Keller

    1987-1989 Elisabeth Trissenaar

    1990-1993 Sunnyi Melles

    1994-1997 Maddalena Crippa

    1998 Sophie Rois

    1999-2001 Dörte Lyssewski

    2002-2004 Veronica Ferres

    2005-2006 Nina Hoss

    2007 Marie Bäumer

    2008-2009 Sophie von Kessel

    2010-2012 Birgit Minichmayr

    2013-2015 Brigitte Hobmeier

    2016 Miriam Fussenegger

    2017-2018 Stefanie Reinsperger

    2019 Valery Tscheplanowa

    2020 Caroline Peters

    2021-2022 Verena Altenberger

    2023 Valerie Pachner

    2024-2025 Deleila Piasko


    © Elsa Okazaki

    SILKE BIRTE GEPPERT

    Studium der Mode- und Kunstgeschichte in Wien. Universitätsdozentin, Autorin sowie Kuratorin für Mode und Textil. 2000-04 Direktorin des Museum Schloss Ahrensburg. 2014-18 Mitglied im Salzburger Landeskulturbeirat. 2015-20 Mitglied im Leitungsteam des Kooperationsschwerpunkts für Wissenschaft und Kunst an der Universität Mozarteum Salzburg für den Programmbereich „Kunstpolemik-Polemikkunst“. Mitglied des Forschungsprojekts Austrian Center for Fashion Research sowie kooperierendes Mitglied der Michelangelo Foundation.

  • Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    UTA DEGNER: Den Bechdel-Test würde Hugo von Hofmannsthals Jedermann nicht bestehen. Der Test wurde 1983 von der Comic-Zeichnerin Alison Bechdel er­dacht, um die stereotype Darstellung von Frauen in Spielfilmen herauszustellen und besteht aus drei simplen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Die­se Frage lässt sich mit „ja“ beantworten: Mutter und Buhlschaft. Zweite Frage: Sprechen sie miteinander? Die Antwort lautet „nein“. Dritte Frage: Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Auch „nein“. Bereits in ihrer Per­sonenbezeichnung erweisen sich Mutter und Buhlschaft allein auf den Jeder­mann hin bestimmt, dies schlägt sich auch in ihren Wortbeiträgen nieder: Die einzige Herzensangelegenheit der Mutter richtet sich auf ihren Sohn. Ihre Sorge besteht darin, ob die „Seel“ ihres Sohnes „[z]u Gott gekehrt ist, ihrem Herrn“1. Ihr Wunsch, der Sohn möge heiraten, hängt damit unmittelbar zusammen, ver­möchte die Eheschließung es doch, seinem sinnenfreudigen Lebenswandel ein hehreres Vorzeichen zu geben:

    […]

    was also dich ergezt,

    Verwandelt wird und kehret sich um

    Aus Wollust in ein Heiligtum!2

    Die Buhlschaft wiederum ist besorgt um die aktuelle Bangigkeit ihres Partners und versichert ihm ihre ewige Verbundenheit:

    Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,

    Dein bin ich heut und ewiglich.3

    Es ist müßig, dem Stück die fehlende Auf­merksamkeit auf die Frau zum Vorwurf zu machen. Es spiegelt die patriarchale Kultur, in der es entstanden ist und die es zur Dar­stellung bringt. In der Tat ist es aufgrund der Fiktionalität literarischer Texte grundsätzlich nicht leicht, zu entscheiden, welche Darstel­lungsintentionen sie mit ihren Frauenrollen verfolgen: Geht es darum, die Diskriminie­rung von Frauen zu affirmieren und zu naturalisieren? Oder wird diese durch die Darstellung per se nicht vielmehr expo­niert und damit kritikfähig gemacht?

    Es ist auffällig, dass Hofmannsthal und seine Zeit in ihren Texten eine Vielzahl von Frauenrollen entwerfen, die sich nicht auf ein Bild reduzieren lassen.4 Schon frühere Epochen haben die sozialen Ge­waltverhältnisse, denen Frauen ausge­setzt sind, auf die Bühne gebracht – sehr konzentriert etwa im bürgerlichen Trau­erspiel. Wir möchten uns auf die Darstel­lung von Frauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts konzen­trieren und anhand konkreter Beispiele ausloten, wie der Konnex von Geschlecht und Gewalt gestaltet wird. Gewalt ist da­bei nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch das, was bei Pierre Bourdieu sym­bolische Gewalt heißt: Das Ensemble „un­sichtbarer“ gesellschaftlicher Strukturen, das zu Ungleichheit zwischen den Ge­schlechtern führt, die sich ganz eminent auch in ökonomischer Hinsicht äußert: in der ungleichen Verteilung von Vermögen bei Frauen und Männern, wobei hier na­türlich auch intersektionale Aspekte wie Klasse oder Ethnie zu berücksichtigen sind.

    MANFRED MITTERMAYER: Einer der Autoren, die wir unstrittig einer österreichischen Tradition zurechnen können, nicht zu­letzt, weil er auch in den Grenzen des heutigen Österreich geboren wurde, ist Arthur Schnitzler. Im Kontext seines Werks stößt man, wenn man sich mit dem Thema unseres Gesprächs beschäftigt, rasch auf seine Erzählung Fräulein Else. Es ist ein Text, dem ich selbst eigentlich zunächst über eine Verfilmung begegnet bin, noch zu meiner Gymnasialzeit, eine Filmfassung, die mich damals sehr be­eindruckt hat, obwohl sicherlich nicht alle literarischen Qualitäten, die ich später bei der Lektüre des Textes wahrgenommen habe, darin wiedergegeben waren. Aber sie fällt mir gerade im Zusammenhang unseres Gesprächs ein, weil sie je­nen Schauspieler als Darsteller der männlichen Hauptrolle hatte, den man histo­risch wohl als einen der bedeutendsten Darsteller des Jedermann ansehen kann: Curd Jürgens.

    Es geht in dem Text darum, dass eine junge Frau von ihrer Familie unter Druck gesetzt wird, von einem reichen Herrn namens Dorsday viel Geld zu erbitten, weil der Vater dieser Familie Mündelgelder ver­untreut hat und deshalb schwer verschuldet ist. Schnitzler hat diese Handlung aus der Sicht seiner Heldin erzählt, in einer der be­rühmtesten Inneren Monologe der neueren deutschsprachigen Literatur – einer Dar­stellungstechnik, die er früher bereits in sei­ner Erzählung Leutnant Gustl eingesetzt hat. In diesem Monolog des Fräulein Else sind alle Themen, über die wir sprechen wollen, eingewoben: strukturelle Inhalte bezüglich der Organisation des menschlichen Zusam­menlebens, soziologische Aspekte, ökono­mische Fragen, aber auch genderspezifische Probleme. Die unterschiedlichen Diskurse, in denen sich dies ausdrückt, verschrän­ken sich auf komplexe Weise in Schnitzlers Text, werden im Bewusstsein des Fräulein Else zusammengeführt. Sie muss darüber nachdenken, wie sie sich buchstäblich verkauft, denn sie bekommt die Geldsumme von Herrn von Dorsday – allerdings nur, wenn sie sich ihm nackt zeigt.

    Man muss dabei den damaligen gesellschaftlichen Rahmen mitdenken, in dem sich das Ganze vollzieht. Else ist eingesperrt zwischen den Ansprüchen ihrer Familie, ihres Vaters und ihrer Mutter, und ihrer eigenen Position innerhalb der Gesellschaft. Die Frage, ob sie sich angesichts dessen nun verkaufen soll, ob sie sich in einer gewissen Weise prostituieren soll, ist in abgewandelter Weise in vielen der Texte, die man im Zusammenhang mit unserem Thema zitieren könn­te, präsent: Immer wieder werden Töchter dazu erpresst, ihren Körper für die Zwecke anderer zur Verfügung zu stellen und sich damit in ihrer Integrität aufs äußerste zu schädigen:

    Paul, wenn du mir die dreißigtausend verschaffst, kannst du von mir haben, was du willst. Das ist ja schon wieder aus einem Roman. Die edle Tochter verkauft sich für den geliebten Vater, und hat am End noch ein Vergnügen davon. Pfui Teufel! Nein, Paul, auch für dreißigtausend kannst du von mir nichts haben. Niemand. Aber für eine Million? – Für ein Palais? Für eine Perlenschnur? Wenn ich einmal heirate, werde ich es wahrscheinlich billiger tun. Ist es denn gar so schlimm? Die Fanny hat sich am Ende auch verkauft. Sie hat mir selber gesagt, daß sie sich vor ih­rem Manne graust. Nun, wie wär’s, Papa, wenn ich mich heute abend versteigerte? Um dich vor dem Zuchthaus zu retten.5

    Eine Tochter sieht sich hier dem Zwang gegenübergestellt, sich für den Vater (und damit für die von ihm verkörperte gesellschaftlich-ökonomische Welt) auf den Markt zu werfen, sich buchstäblich zu versteigern. Man sieht deutlich, wie ökonomische Notwendigkeiten, familiäre Erwartungen und ihre Integrität als Frau miteinander in Konflikt geraten, sodass sie sich aus diesem widersprüchli­chen Mehrfach-Anspruch nicht mehr befreien kann – in Schnitzlers Text nimmt sie sich am Ende das Leben.

    Wenn wir noch kurz bei Schnitzler bleiben, so sollte man in Bezug auf sein Werk unbedingt auch noch einen Roman erwähnen, zu dem übrigens keine Geringere als die Autorin und Germanistin Ruth Klüger ein überaus hellsichtiges Nach­wort geschrieben hat: Therese, ein Buch, das vielleicht weniger bekannt ist als die beiden berühmten Erzählungen, die ich genannt habe, in dem der Autor aber mit geradezu neusachlichen Mitteln die Chronik eines Frauenlebens schildert, in der ebenfalls unser Themenkomplex illustriert wird: die Zwänge des Kapitals in­nerhalb der durch ihre Geschlechterrolle bestimmten Situation der Frau, die sich von einer Beziehung zur nächsten bewegt, um sich ökonomisch zu retten, wobei das auch hier letztlich mit letalem Ausgang durchgespielt wird.

    UTA DEGNER: Wir erleben hier, wie Frauen für ökonomische Interessen instrumen­talisiert werden. Wie schätzt du diese Texte in Hinblick auf die oben gestellte Frage nach Affirmation oder Kritik ein?

    MANFRED MITTERMAYER: Bei Schnitzler ist im Text keine externe Erzählstimme ent­halten, die das ganze Geschehen von außen kommentieren würde. Wir erleben die Handlung im Rahmen eines Bewusstseinsstroms, in dem sehr eindringlich und deutlich die maßgeblichen Diskurse, die in ihren Folgen gezeigt werden, ineinander gewoben sind, sodass man erkennen kann, was hier wirkt. Natürlich liefert der Ausgang ein unmissverständliches Signal, indem nämlich ein Mensch zugrunde gerichtet wird, gewissermaßen im Auftrag dieser nicht lösbaren Kon­flikte, die in der Handlung des Textes ablaufen.

    Als zweiten exemplarischen Text habe ich einen Roman von Stefan Zweig aus­gesucht: Rausch der Verwandlung, einen Text, der zu Lebzeiten des Autors nie vollständig erschienen ist und erst aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Ich habe ihn auch darum gewählt, weil die überlieferten Passagen im Literatur­archiv Salzburg zugänglich sind. Dieses Archiv ist ja einer der wichtigsten Orte, an denen Teile des Nachlasses aufbe­wahrt werden – neben der Universität in Fredonia im Staat New York und der National Library of Israel in Jerusalem.

    Stefan Zweig hat an diesem Roman in der letzten Phase seines Lebens immer wieder gearbeitet, hat den Text zwischen­durch weggelegt und sich erneut damit beschäftigt, ohne zu einem Abschluss zu gelangen. Entstanden ist dabei aber auch der Entwurf zu einem Film mit dem Titel Das gestohlene Jahr, der mit Oskar Werner in der Hauptrolle nach dem Zwei­ten Weltkrieg gedreht wurde. Es ist ein Stoff, den Zweig selbst gerne als „Post­fräuleingeschichte“6 bezeichnet hat – denn er handelt von einer jungen Frau aus kleinbürgerlichem Milieu, die zunächst in einem Postamt arbeitet, dann aber in eine Handlung hineingezogen wird, die sie dieser gesellschaftlichen Umgebung entfremdet und sie gewissermaßen entwurzelt. Dabei geht es erneut um Geld, das man eigentlich nicht auf „korrekte“ Weise bekommen kann, das man aber investieren möchte – gegen die Regeln der Gesellschaft.

    Im Film verhilft die Heldin einem außerordentlich begabten Komponisten zur Aufführung seiner Symphonie, indem sie Geld, das ihr nicht gehört, veruntreut. Das wird am Ende des Films in einer eindrucksvollen Parallelmontage vorge­führt: Die junge Frau wird wegen ihres Delikts selber angeklagt, während er aufgrund des großen Erfolgs der dadurch ermöglichten Aufführung seiner Sym­phonie seine große Karriere als Komponist beginnt.

    Im Roman Rausch der Verwandlung sieht diese Konstellation anders aus: Hier wird die weibliche Hauptfigur, die ausdrücklich nicht zur begüterten Schicht, zu den Kapitalinhabern der Gesellschaft gehört, von Verwandten in ein vornehmes Hotel in Karlsbad eingeladen. Sie wechselt dabei auf radikale Weise die soziale Schicht, denn sie wird dort als Verwandte einer wohlhabenden Person wahrge­nommen, die somit zur ökonomisch bevorzugten Klasse gehört. Dadurch ent­wickelt sie zunächst ein ganz anderes Selbstwertgefühl, sie lernt mit einem Mal völlig anders aufzutreten, alles läuft gewissermaßen ganz von selbst:

    Wer bin ich denn eigentlich, schauert es ihr unter der Haut, was ist denn mit mir? Wieso kann ich dies alles mit einem Mal? Wie gut, wie locker ich mich bewege und war doch sonst, der Tanzlehrer hat’s gesagt, so hölzern und ungeschickt, und jetzt führe ich doch eher ihn als er mich? […] Hat mich das Kleid, hat mich die Welt hier so anders gemacht, oder war dies alles schon in mir und ich bin nur immer zu mut­los gewesen, zu verschüchtert, zu verschreckt, die Mutter hat es ja immer gesagt. Vielleicht ist das alles gar nicht so schwer, vielleicht das ganze Leben unendlich leichter, als ich es glaubte, nur Mut muss man haben, nur sich selber fühlen und spüren, dann kommt von unvermuteten Himmeln die Kraft.7

    Doch diese neue Situation, in der die junge Frau plötzlich ganz andere Mög­lichkeiten für sich sieht, in der sie völlig anders wahrgenommen wird als zu­vor, wird brutal zerstört: Durch eine Indiskretion wird ihre eigentliche Herkunft aufgedeckt, sie wird von den anderen schlagartig ausgegrenzt und muss die ihr sozusagen nicht zustehende Umgebung wieder verlassen. Sie findet sich aber nun auch zu Hause, in ihrem angestammten Milieu, nicht mehr zurecht. Im Ver­lauf des Romans alliiert sie sich mit einem frustrierten Kriegsheimkehrer, einem „Wutbürger“, wie man in heutiger Terminologie sagen könnte, der gegen den Staat opponiert, von dem er sich betrogen und geschädigt fühlt. Die beiden pla­nen einen Raub, also die gewaltsame Aneignung der ökonomischen Mittel, die ihnen nicht zugänglich sind, und wollen sich dann umbringen. Zweig hat diesen Schlussteil nicht mehr literarisch ausgeführt. Es gibt allerdings eine spätere Ver­filmung des mittlerweile aus dem Nachlass erschienenen Romans von Édouard Molinaro, wo dieser fatale Ablauf bis zum Ende fortgeführt wird.

    UTA DEGNER: Eine klassische Innenperspektive ist bei Ingeborg Bachmann und dann erst recht bei ELFRIEDE JELINEK nicht mehr möglich. Eine besondere Rolle spielt bei beiden Autorinnen die Reflexion darauf, dass die Frauen meist gar nicht wahrnehmen, dass sie Opfer sind, da die Art und Weise, wie mit ihnen umgesprungen wird, gesellschaftlich nor­malisiert ist – und wenn sie es merken, fin­den sie kein Gehör, weil ihre Sicht der Dinge von vornherein delegitimiert ist. Viele Wer­ke Jelineks haben ihren Ursprung in unge­sühnten Frauenmorden, und sie beruft sich wiederholt auf Bachmann. Bereits in ihrem Essay zu Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1983 Der Krieg mit anderen Mitteln schreibt sie: „Ingeborg Bachmann ist die erste Frau der Nachkriegsliteratur des deutschsprachi­gen Raumes, die mit radikalen poetischen Mitteln das Weiterwirken des Krieges, der Folter, der Vernichtung in der Gesellschaft, in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen beschrieben hat.“8 In beider Werk geht es nicht nur darum, dass Frauen Gewalt angetan wird, sondern primär darum, dass diese Gewalt in der bzw. von der Gesellschaft unsichtbar gemacht wird. Denken wir an Das Buch Franza im Todesartenprojekt. Franza wird von ihrem Mann als Forschungsobjekt für seine psychologischen Studien benutzt und systematisch unterjocht. Sie lässt es sich selbst sehr lange gefallen, genau wie viele Jelinek‘sche Protagonistinnen. Das Interessante an der Anlage des Todesarten-Projektes be­steht darin, dass nicht sie selbst berichtet, was ihr widerfahren ist, sondern dass es von der Anlage her die Autorfigur Malina gibt, die es aus der objektiven Di­stanz wahrnimmt und dann literarisch zu Papier bringt. In dem gleichnamigen Roman wird das eigentlich nur angedeutet, aber aus den nachgelassenen Frag­menten wird deutlich, dass er dann zur Autorfigur aller Todesarten-Bände wird. In Das Buch Goldmann wird dieses Unsichtbarmachen auf fast ironische Weise verhandelt. Die Schwester von Malina, Maria Malina, ist auf seltsame Weise ums Leben gekommen:

    Und das nächste war die Nachricht von ihrem Tod. Und das war so. Die Malina war mit jemand nach Griechenland gefahren und mit dem Jemand mit einem Boot vor einer Insel herumgefahren, und dann war sie aus dem Boot gesprungen, denn sie schwamm sehr gut, so stand es in den Zeitungen, und dann drehte der Jemand sich um, und da war sie nicht mehr, und dann war auf dem Wasser etwas Blut, eine Blutwasserlache, und die Malina war von einem Haifisch gefressen worden, und sie war gefressen worden, ehe sie nachgelassen hatte, sie war vierunddreißig Jahre alt und von einem Hai. Und in Wien, das alle seine Toten verscharrt, schweigend, aber nicht seine Schauspieler, hatte Malina das größte Begräbnis.9

    Es kommen Gerüchte auf, ob das mit dem Haifisch so seine Richtigkeit hat, nie­mand geht ihnen jedoch nach: „Aber es blieb der Hai“10. Der Mord – den man wohl annehmen muss – bleibt ungesühnt, da es – so wird Jelinek formulieren – dem „Wesen“ der Frau entspricht, „zu dienen und dann wieder möglichst geräuschlos zu verschwinden“11. Dieses The­ma treibt auch Jelinek um – nicht nur, dass es Gewalt gibt, sondern mehr noch, dass diese unsichtbar gemacht wird. Auch wir, die Ge­sellschaft, sind dabei Komplizen. Diese Un­sichtbarkeit sichtbar zu machen und ihr etwas entgegenzusetzen, ist ein zentrales Ethos von Jelineks Autorschaft. Nicht von ungefähr be­ruft sie sich dabei auf Bachmann, so anlässlich des gerade zitierten Essays über den bis heute unaufgeklärten Mordfall der aus der Slowakei stammenden Pflegerin Denisa Šoltísová, deren Leiche bei Vöcklabruck in einem Fluss gefun­den wurde: „‚Es war Mord‘, schreibt Ingeborg Bachmann als letzten Satz in Malina. Es ist im­mer Mord, aber Mord braucht ein Opfer und einen Täter, und beide sind sie der Polizei in Oberösterreich offensichtlich ziemlich egal.“12 Jelinek benutzt in vielen ihrer Texte Darstel­lungsmittel des Grotesken als Ent-Naturalisie­rung des Normalen.

    MANFRED MITTERMAYER: In diesem Zusammen­hang ist es mit dem Blick auf die frühere Literatur, lang vor Bachmann oder Jelinek, faszinierend, wie sehr sich viele Texte, die zwischenzeitlich fast verges­sen waren und mittlerweile wieder entdeckt worden sind, anschließen lassen. Ein Beispiel dafür ist der Roman Die freudlose Gasse von Hugo Bettauer, in dem sich jene gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen gestaltet finden, von denen wir gesprochen haben: Darin kommt etwa eine Frau Greifer vor, die in der im Titel genannten Gasse ein Bordell führt, in dem junge Frauen in ihrer Abhängigkeit von ihr gezeigt werden. Sie sind in diese missliche Situation geraten, weil sie kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen zur Prostitution gezwungen wurden. In diesem Zusam­menhang passiert tatsächlich ein Mord; das Buch wird somit zum Kriminalro­man, den übrigens der österreichische Regisseur G. W. Pabst mit bedeutenden Schauspielerinnen, etwa Asta Nielsen und Greta Garbo in einer frühen Rolle, in einem filmhistorisch bedeutenden Werk fürs Kino adaptiert hat. Der Mord, die ultimative Ausübung physischer Gewalt, wird dabei zu einer vielschichtigen Meta­pher für die Beschädigung der beteiligten Menschen unter dem Einfluss der Struk­turen, die im Hintergrund wirken – Me­chanismen, die bei einer oberflächlichen Darstellung der Handlung vielleicht zunächst nicht so sehr wahrgenommen werden, aber den Rahmen für das Geschehen bilden, das somit nicht nur psy­chologisch oder aus individuellen Besonderheiten zu erklären ist, sondern aus überindividuellen Gesetzmäßigkeiten. Auch hier spricht am Ende des Buches eine weibliche Figur davon, wie junge Frauen sich verkaufen müssen – weil es die über sie herrschenden wirtschaftlichen Abläufe erzwingen:

    Wäre ich schlechter als ich es heute bin, wenn ich, in Not und Elend verstrickt, um meine Geschwister zu schützen, um meine arme Mutter und den alten Großvater nicht hungern zu lassen, meinen Körper verkauft hätte? Vielleicht, daß die Männer, die für schmutziges, elendes Geld Seelen kaufen, schlecht sind, die armen, dum­men, törichten Mädeln, die sich kaufen lassen, sind es sicher nicht. Nach und nach erst werden sie schlecht durch die Schlechtigkeit der anderen Menschen.13

    Ich möchte die aufgrund des zeitlichen Rahmens nur bruchstückhafte Vorstel­lung exemplarischer Texte aus der österreichischen Literatur mit einem Buch ab­runden, auf das ich nicht zuletzt deshalb aufmerksam geworden bin, weil seine Neuausgabe ein aufschlussreiches Vorwort von Marlene Streeruwitz enthält – einer Gegenwartsautorin, deren Werk man mit unserer Thematik nicht weniger assoziiert als das von Elfriede Jelinek. Der Roman stammt von Gina Kaus, deren literarisches Werk, wie das so vieler schreibender Frauen aus der Vergangenheit, lange Zeit nicht zugänglich war, aber jetzt glücklicherweise wieder aufgelegt wird. Er heißt Die Front des Lebens. Ähnlich wie bei Bettauer haben wir es auch hier mit einer recht komplexen Handlung zu tun, die in vielen Aspekten durch die Folgen von Inflation und ökonomischer Not geprägt ist. Sie handelt von einer Zeit, in der sich tra­ditionelle Werte verkehren, in der alles stabil Geglaubte plötzlich auseinanderbricht.

    Das Zitat, das ich hier vorstellen möchte, enthält allerdings eine positive Reaktion auf diese Zeitumstände. Wir begegnen einer Re­präsentantin für jene Menschen, die der pro­blematisch gewordenen Lebenssituation kon­krete Konzepte entgegensetzen wollten. In dem Buch steht die männliche Hauptfigur, ein Arzt, zwischen zwei Frauen und kann sich, wie so oft in dieser Motivkonstellation, nicht entscheiden. Die eine von beiden stammt aus einer verarmten aristokratischen Familie, die andere ist Ärztin, ist also eine Berufskollegin von ihm, und sie bemüht sich darum, Vor­schläge zur Veränderung der vorgefundenen Gesellschaft zu entwickeln. Als sich der Pro­tagonist nicht für sie entscheiden kann, geht sie nach Russland, um dort konkrete Arbeit zu leisten, vor allem, um Kindern zu helfen.

    In der Stelle, die ich zitieren werde, kommt die sogenannte „Versorgungsehe“ zur Sprache, einer der großen gesellschaftlichen Kampfplätze, wie sie hier darge­stellt werden. Dabei wird darüber gesprochen, ob diese Ehe abgeschafft werden sollte – oder ob man vielmehr die Umstände abschaffen sollte, unter denen sol­che Verbindungen zustande kommen:

    Die Frau ist vorläufig außerstande, sich und ihre Kinder allein zu ernähren, und der Staat tut wenig, sie dabei zu unterstützen. So ist die Ehe derzeit die einzige Form, unter der eine Liebesbeziehung sie nicht in schwerste materielle Bedrängnis bringt. […] Die Ehe ist für den allergrößten Teil der Frauen eine soziale Notwendigkeit. Ich weiß, wie oft diese Notwendigkeit zur Hölle wird.14

    Dieser misslichen Situation setzt die Romanfigur Martha, aus deren Rede diese Passage stammt, eine bemerkenswert moderne Vision entgegen:

    Was wir erstreben, ist doch gerade das Ende jeder Herrschaft, jeder privaten Haus­tyrannei. Dieses Vorurteil einer naturgewollten Ueberlegenheit des Mannes ist es ja gerade, was aus den meisten Ehen Höllen macht, aus den Frauen Hexen und aus den unschuldsvoll gebornen Kindern Schüler eines endlosen, qualvollen Kleinkrieges um das häusliche Prestige. […] Da ist ja gerade der Punkt, wo wir den Frauen das Rückgrat stärken wollen, indem wir ihnen eine andre Gemeinschaft zeigen: Eine solche zwischen wirtschaftlich selbständigen Wesen, in der einzigen Berech­nung geschlossen, einander gegenseitig zu fördern. Eine Gemeinschaft, in der kei­ner herrschen, keiner siegen will, wo jeder Kampf nach außen gerichtet ist, auf die Ueberwindung der Schwierigkeiten des Lebens.15

    UTA DEGNER: Zum Thema Ehe fallen mir von den Jelinek-Romanen natürlich Die Liebhaberinnen ein. Dort wird das Eheleben ja von beiden jungen Protagonistin­nen erstrebt, von Brigitte gerade mit der von dir zitierten Idee einer Versorger­ehe. Sie will Heinz, da sie erst durch die Hochzeit mit ihm aus der ihr verhassten Nähfabrik aussteigen kann. Aus ökonomi­schem Kalkül heiratet sie einen Mann, vor dem sie sich insgeheim ekelt. Paula hinge­gen frönt ganz der romantischen Idee ei­ner Liebesheirat – sie ignoriert das Ökono­mische und scheitert: Während ihr Partner das ganze Geld, das er verdient, versäuft, muss sie irgendwie schauen, wie sie ihre Familie ernähren kann. Ohne Ausbildung bleibt ihr nur die Prostitution. Als sie auf­fliegt, verliert sie nicht nur Erich, sondern auch ihre Kinder. Die Erzählstimme hat großen Genuss daran zu zeigen, wie die vermeintlich persönlichen Wünsche und Sehnsüchte der beiden jungen Frauen ge­sellschaftlich determiniert sind und ihnen letztlich selbst schaden – dass es für sie aber unmöglich ist, aus dem gesellschaftli­chen System auszusteigen, was sie allerdings auch gar nicht anstreben.

    Man kann aber auch an Jelineks Lust denken, wo Gerti in einer privilegierten Position ist, weil ihr Mann der Arbeitgeber der ganzen Region ist; die Familie ist sehr gut situiert, aber Gerti ist ökonomisch auch komplett abhängig von die­sem Mann – eine klassische Konstellation, nicht unähnlich jener von Buhlschaft und Jedermann. Auch Gertis Hermann ist ein Jedermann – also einer, der die Verfügungsgewalt über verschiedene Figuren hat. Womöglich ist die Einsicht in das Weiterwirken der patriarchalen Ordnung ein besonderes Thema gerade der österreichischen Literatur.


    Streeruwitz Zitate

    Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer dop­pelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auf­tritt im Jedermann. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text folgend, kann sie auf Seite 40 abtreten, wenn es heißt „Es flüchten viele“. Sie kann sich bis Seite 52 Zeit lassen und mit den letzten davonlaufen, die sich noch an der Tafel gütlich tun. Sie könnte auch bis zum Schluss bleiben und dem Jeder­mann zusehen, wie er so freundlich von zwei anderen Frauen begleitet ins Grab steigt. Sexarbeiterinnen können nämlich keine Antworten auf die „endgültigen Fragen“ geben.

    Sexarbeiterinnen erfüllen ihre Aufgabe, und dann können sie vergessen werden. Das ist der Deal. Denn. Das Ganze ist ein Deal.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft bekommt gerade so viel Raum in diesem Stück, dass das Publikum ihrer gewahr werden kann. Sie ist das blühende Leben gegen die Blässe des Tods. Es ist ja ihr Fest. Sie bringt die Musiker mit und die Begleitung. Wie jede geübte Hostess beruhigt sie den, ob des Altersunterschieds unsicheren Jedermann und lobt seine „milden Hände und seinen steten Sinn“. Immerhin kann sie sich nicht auf seine feurigen Lenden beziehen. Das fiel dem Autor nicht ein. Es ist ein eher laues Getändel, das da abläuft. Aber es geht ja nicht um eine leidenschaftliche Wirklichkeit. Es geht ja eigentlich nur da­rum, dass Jedermann nicht verheiratet ist.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft ist so eine Art Dekora­tion von Jedermanns Burschenleben, der sich trotz Hab und Gut nicht in die Ge­sellschaft einordnet. Sie wird von Jeder­mann beim Bankett gefragt, ob sie ihn bis ins Grab hinein begleiten würde, und die Buhlschaft gibt sehr vernünftige Antwor­ten. Was der Autor als ihre Minderwertig­keit beschreiben will. Als die Oberfläch­lichkeit einer minderen und dazu noch weiblich minderen Person, das lesen wir heute als sehr vernünftiges Verhalten in einer schlimmen Abhängigkeitssituation. Die Sexarbeiterin hat ihr Honorar zu be­kommen.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Und die arme Buhlschaft. Sie wird durch die weiblichen Objekte ei­nes spirituellen Begehrens ersetzt. Die Werke und der Glaube. Beide Begriffe werden durch Frauen verkörpert. Die Personifikation der Werke werden durch Jedermann zum Leben erweckt. Die Werke sind ein spiritueller Filter, und es bleiben nur gute Werke im Sinn der ankatholisierten Spiritualität dieses Stücks hängen. Die weibliche Hässlichkeit und Schwäche der Perso­nifizierung der Werke auf der Bühne ist ein Spiegel Jedermanns.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Wir müssen daraus schließen, dass Moralität weiblich ist und die Buhlschaft der amoralische Kon­trapunkt dazu. Die alte Geschichte von der Heiligen und der Hure wird da nachvollzogen. Oder besser. Diese alte Geschichte wird vorausvollzogen. Denn. Durch die Anlage in einem un­gefähren Mittelalter wird ja alles, was da so gesagt wird, als in sehr viel früheren Zeiten Gesagtes behauptet. Ein geschlechterstiftender Mythos, wie der von der Hure und der Hei­ligen. Der wird damit neuerlich als vergeschichtlicht behauptet und be­kommt so eine nette und neuerliche Erfrischung aus dieser behaupteten Geschichtlichkeit.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Je­dermanns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Der Kapitalist Jedermann bleibt dem folgend auch in seinem Tod allen ka­pitalistischen Prinzipien treu. Darin na­türlich kümmert ihn die Buhlschaft nicht mehr. Die Buhlschaft findet nicht einmal mehr in den Bühnenanweisungen Platz genug, von der Bühne geholt zu werden. Jedermann versucht es erst konventio­nell und verlangt von seinen Abhängi­gen die Begleitung ins Grab hinein. Die Idee, dass diese Frau wie eine indische Witwe mit ihm ins Grab soll, diese Idee scheitert an der Verachtung von dieser Frau. Oder besser. Diese Idee scheitert an der Selbstverachtung des Männlichen, das die Verstärkung durch Männliches zu seiner Sicherheit benötigt.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft. Eine Schauspiele­rin wird immer nach ihrem Kör­per gemessen. Diese Messung wird sexistisch sein. Es gibt ja keine ande­re Sichtweise des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit als die Messung von attraktiv und nicht attraktiv. At­traktivität setzt voraus, dass Begehren aufgerufen werden kann. Sexuelles Begehren wird durch die jugendlichen sekundären Geschlechtsmerkmale an­geregt. Deshalb muss die Buhlschaft ihren Busen so weit wie möglich ent­blößen. Und sie muss jung sein. Die Buhlschaft muss nämlich fotografiert werden und mit dem Bild der jeweili­gen Schauspielerin als Darstellerin der Buhlschaft die Verbreitung der Bilder von einem solchen Stück betrieben werden.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Wahrheit ist, dass Karrieren wahrscheinlich nur sexistisch zu ma­chen sind. Je nach Geschlecht und der damit verbundenen, kulturell fixierten Attraktivität. Deshalb hoffe ich, dass die Buhlschaft eine höhere Gage bekommt als der Darsteller des Jedermann. Die Buhlschaft muss sich schließlich in ei­ner ganz anderen Weise zu Verfügung stellen. Das kann sie nur eine begrenz­te Zeit. Die Darstellung von Geschlecht ist auf Jugendlichkeit beschränkt. Ich hoffe auch, dass die Buhlschaft so früh wie möglich von der Bühne kann und in aller Ruhe ein kühles Bier trinken. Oder was immer.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.


    Anmerkungen

    1. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. In: Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Bd. 3: Dramen III. 1893-1927. Hg. v. Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt am Main: Fischer 1979, S. 9-72, S. 25. ↩︎
    2. Ebd., S. 27. ↩︎
    3. Ebd., S. 33. ↩︎
    4. Vgl.: Dürhammer, Ilija / Janke, Pia (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal. Frauenbilder. Wien: Praesens 2001. ↩︎
    5. Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Hg. v. Johannes Pankau. Stuttgart: Reclam 2002, S. 17-18. ↩︎
    6. Zit. n.: Prater, Donald: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen. München: Hanser 1981, S. 275. ↩︎
    7. Zweig, Stefan: Rausch der Verwandlung. Ein Roman aus dem Nachlass. In: Zweig, Stefan: Das erzählerische Werk. Salzburger Ausgabe. Bd. 5. Hg. v. Herwig Gottwald und Arturo Larcati unter Mitarbeit von Peter Bruckner. Wien: Zsolnay 2023, S. 80. ↩︎
    8. Jelinek, Elfriede: Der Krieg mit anderen Mitteln. Über Ingeborg Bachmann. Zit. n.: Bachmann, Ingeborg: Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013, S. 465-579, S. 466-467. ↩︎
    9. Bachmann, Ingeborg: Das Buch Goldmann. Hg. v. Marie Luise Wandruszka. Berlin: Suhrkamp 2020, S. 145-146. ↩︎
    10. Ebd., S. 146. ↩︎
    11. Jelinek, Elfriede: Keiner weiß mehr, keiner weiß es mehr. https://original.elfriedejelinek.com (29.5. 2024). ↩︎
    12. Ebd. ↩︎
    13. Bettauer, Hugo: Die freudlose Gasse [1924]. Wien: Milena 2011, S. 187. ↩︎
    14. Kaus, Gina: Die Front des Lebens [1928]. Mit einem Vorwort von Marlene Streeruwitz. Hg. und mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder. o. O.: Metroverlag 2014, S. 260. ↩︎
    15. Ebd., S. 261-262. ↩︎

    UTA DEGNER

    Studium der Neueren Deutschen Literatur, Philosophie und Italianistik in Konstanz, Bologna und Berlin. Seit 2019 assoziierte Professorin an der Paris Lodron Universität Salzburg. 2016 Gast-Dozentur an der Universität Verona. 2019 Erasmus Gast-Dozentin an der Universität L’Orientale in Neapel. 2022 Gastprofessur an der Universität Wien. 2023 Publikation Ingeborg Bachmann. Spiegelungen eines Lebens und 2024 wissenschaftliche Beratung bei der Ausstellung Ingeborg Bachmann „Ich bin es nicht. Ich bin‘s“

    MANFRED MITTERMAYER

    Studium der Germanistik und Anglistik. Seit 1984 Lehrtätigkeit u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2012 Leiter des Literaturarchivs Salzburg. Seit 2013 Co-Intendanz der Rauriser Literaturtage. Forscht zur österreichischen Literatur nach 1945, Thomas Bernhard, Literatur und Film, Biographie und Film, Literaturvermittlung. Gestaltung mehrerer Ausstellungen. Zahlreiche Publikationen, darunter Rauris 1971–2021. Ein halbes Jahrhundert Literaturtage innergebirg (2021) und Hermann Bahr und Salzburg (2023).

  • Männlicher Mythos „Jedermann“, männlicher Mythos Salzburger Festspiele?

    Männlicher Mythos „Jedermann“, männlicher Mythos Salzburger Festspiele?

    PIA JANKE: Wir wollen uns aus einer Gender-Perspektive mit dem „Identitätsstück“ der Salzburger Festspiele, mit Hugo von Hofmannsthals Jedermann, befassen und fragen, inwiefern die Institution der Festspiele und das Stück männliche My­then darstellen, inwieweit sie patriarchalen Denkmustern entsprechen. In den Medien, aber auch von den Verantwortlichen der Festspiele selbst wird immer wieder aus den Gründungsschriften von Hofmannsthal und Reinhardt zitiert. Diese Gründungschriften weisen aber nicht unbedingt Gedanken eines völker­verbindenden europäischen Friedenswerks auf, sondern intendieren vor allem eine Re-Etablierung von Ordnung und Tradition. Die Festspiele waren vor al­lem ausgerichtet auf die Schaffung und Bewahrung von Identität, und damit war auch ein bestimmtes Kunstverständnis verbunden: Reinhardt schrieb von einem Ort der Heilung und Erlösung. Hofmannsthal forderte in seinen Grün­dungsmanifesten dazu auf, den „Urtrieb des bayrisch-österreichischen Stammes gewähren“ zu lassen und bezog sich dabei dezidiert auf Josef Nadler, den Autor einer Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. Wie ist das heute, fungieren die Festspiele auch heute noch als konservatives, patriarchales Konstrukt? Wirkt das Gesellschaftsbild, das mit dieser Art der Traditionsstiftung einherging, immer noch nach? Wie beurteilen Sie diese Ursprünge aus einer Gen­der-Perspektive?

    ROBERT HOFFMANN: Ich denke, dass fast alles, was zu jener Zeit institutionell begrün­det wurde, als patriarchales Konstrukt zu werten ist – schlicht deswegen, weil Frauen ausgeklammert waren. Das trifft auch auf die Festspiele zu. Eine alleinige Bezugnahme auf Hofmannsthal und Reinhardt in der Gründungszeit ist aber nicht angebracht, denn in Salzburg gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg Mu­sikfeste, vor allem im Kontext der Mozartpflege. Sie fanden allerdings in mehr­jährigen Abständen statt, wurden aber durchaus Festspiel-ähnlich durchgeführt. Diese Tradition wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Während des Krieges kam es zu einer Situation, in der zwei Initiativen, die einander eigentlich fernstanden, parallele Ziele verfolgten. Ei­nerseits gab es die vom Mozarteums-Funktio­när Friedrich Gehma­cher und dem Wiener Musikjournalisten Heinrich Damisch gegründete Festspielhaus-Gemeinde, eine bürgerliche Initiative zur Errichtung eines Festspielhauses. Ein Desiderat dieser Gruppe, die man mit gutem Gewissen als ein männerbündisches Netzwerk be­zeichnen kann und dessen Mitglieder teils deutschnationaler Gesinnung waren, war die Nachahmung des Vorbilds von Bayreuth. Das Mozarteum war zwar 1914 in einen großzügigen Neubau umgezogen und verfügte nun über einen großen Konzertsaal, jedoch über keine für Opernaufführungen geeignete Bühne, wie es sie in Bayreuth gab.

    Eine entschiedene Gegnerin des Festspielhaus-Projekts war allerdings die Opernsängerin LILLI LEHMANN, die als eine der wenigen Frauen zu dieser Zeit im künstlerischen Bereich eine machtvolle Position innehatte, auch Opern in­szenierte und großen Einfluss in der Stiftung Mozarteum besaß. Lehmann war Vertreterin eines intimen und puristischen Mozartstils, der sich nicht mit der Aufführung seiner Werke auf großen Festspielbühnen vereinbaren ließ. Sie hatte daher insofern großen Einfluss auf die Gründung der Festspiele, als sie ein insti­tutionelles Zusammenwirken von Festspielhaus-Gemeinde und Mozarteum bei den Festspielen verhinderte. Hier haben wir also eine Frau, die langfristig ent­scheidende Weichen gestellt hat, und zwar insofern als die Festspiele nicht durch das Mozarteum, sondern außerhalb des Mozarteums etabliert wurden.

    Auch Max Reinhardt hatte schon vor dem Krieg eine vage Vorstellung, im Ver­bund mit Hermann Bahr in Salzburg während des Sommers festspielähnliche Veranstaltungen auszurichten. Obwohl die Quellenlage zum Beginn von Rein­hardts Zusammenarbeit mit Hofmannsthal spärlich ist, so steht doch fest, dass beider Vorstellungen von Festspielen in Salzburg gegen Ende des Weltkriegs bereits in ihren Grundzügen ausgereift waren. Reinhardt wollte weg aus Berlin, wo er engagiert war. Er hatte bereits mehrmals versucht, in Salzburg Fuß zu fassen, etwa 1917 mit dem Vorschlag von Freilichtaufführungen im Park von Hellbrunn. Aber erst 1918 bewegte sich wirklich etwas: Auf der einen Seite gab es die schon gegründete Festspielhaus-Gemeinde, auf der anderen Seite erwarb Reinhardt im März 1918 Schloss Leopoldskron in Salzburg. Im selben Jahr ge­lang es Hofmannsthal, seinen Freund Leopold Freiherr von Andrian-Werburg in das Amt des Generalintendanten der Österreichischen Hofbühnen zu hie­ven, was Reinhardts und Hofmannsthals Ambitionen, Festspiele in Salzburg zu gründen, entscheidend zu befördern schien. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie im Herbst 1918 verschwand allerdings das Amt des Generalinten­danten zusammen mit dem bis dahin wichtigsten Förderer der Festspielidee in der Versenkung.

    Im Jahr 1919 standen sich also zwei Männernetzwerke gegenüber: Hier die Festspielhaus-Gemeinde, die auf ein paar 100 Mitglieder angewachsen war, dort Reinhardt und Hofmannsthal, die weder über Geld noch über eine Organisati­onsstruktur verfügten, dafür aber bekannte Namen hatten. Diese beiden Grup­pen fanden allerdings nicht aus Neigung, sondern aus Notwendigkeit zusammen. Wie kommt es also nun dazu, dass ausgerechnet der Jedermann im Folgejahr 1920 als erstes Stück in die­ser Konstellation aufgeführt wurde? Darüber gibt es seltsamerweise so gut wie keine Quellen. Man kann nur annehmen, dass sich diese Koope­ration der Festspielhaus-Gemeinde mit Reinhardt im Frühsommer 1920 durchaus spontan herausgebildet hat. Der Jedermann wurde erst retro­spektiv als Beginn der Festspieltradi­tion gewertet – seine Aufführung am Domplatz im August 1920 war das Ergebnis einer kurzfristig umgesetz­ten Idee. Es gab kein Konzept, auch stand keine besondere Symbolik da­hinter. Das Ziel war vielmehr, man­gels anderer Möglichkeiten mit einer Freiluftaufführung für den Festspiel­gedanken Propaganda zu machen. Die große Wirkung und der anhaltende Er­folg dieser Aufführung, sind also erst retrospektiv sichtbar geworden.

    PIA JANKE: Die Festspiele, so wie sie Hofmannsthal in seinen Schriften entworfen hat, waren ein ländlich-bäuerliches Konstrukt, er hat bewusst versucht, Ver­bindungslinien mit Mysterienspielen herzustellen. Vor der Entscheidung für den Jedermann hat man mit dem Gedanken gespielt, ein Werk des nationalkon­servativen Autoren Max Mell aufzuführen. Die Einpassung des Jedermann in den Domplatz wurde durchaus als Opposition bzw. Gegengewicht zum Roten Wien, zum Großstädtischen, zur Moderne inszeniert. Sie haben Bayreuth an­gesprochen – meiner Lektüre nach war aber das eigentliche Vorbild Oberam­mergau.

    RUTH BECKERMANN: Man sagt, Schnitzler und Freud hätten die Wiener Seele in ihrer Bedürfnisstruktur erkannt. Ich denke, Max Goldmann, wie Max Reinhardt früher hieß, und Hugo von Hofmannsthal erkannten instinktiv das Begehren Salzburgs nach Festspielen, die so katholisch und so kommerziell wie die Stadt selbst waren, und bedienten es sehr geschickt. Dieses Ethos findet sich auch im Jedermann. Was sagt denn das Stück dem Publikum? Es sagt: Kauft hier ein, verprasst möglichst viel Geld, und danach geht in möglichst viele Kirchen, dann kann euch nichts passieren. Das ist Salzburg. Das funktioniert bis heute fantastisch, da der Jedermann gewissermaßen die „Signature“ dieser Stadt ist. Wenn mich jemand fragen würde, den Jedermann zu inszenieren, würde ich ihn vermutlich ganz konservativ inszenieren. Ich finde, der alljährliche Trubel um Besetzung und Kostüme ist eine schändliche Ablenkung von der Grundbotschaft. Es ist eine mini­male Konzession an die moderne Welt, wenn die Buhlschaft Hosen und kurze Haare trägt, und das scheint der einzige Weg zu sein, das Stück heute noch in die Schlag­zeilen zu bringen. Ich gebe dir völ­lig recht: Salzburg – oder zumin­dest ein Teil der Festspiele, ich will dem heutigen Salzburg nicht Un­recht tun – ist ein Gegenpol zum Modernen und Urbanen, ob dieses nun in Wien oder Berlin zu veror­ten ist. Und das sollten die Leute auch in den Inszenierungen sehen.

    PIA JANKE: Die Pointe dazu ist, dass der Jedermann nicht in Salzburg urauf­geführt wurde, wie viele Menschen glauben, sondern als Massenspektakel im Zirkus Schumann in Berlin, und zwar weitgehend erfolglos. Aber er passt offensichtlich viel besser in den katholischen Kontext, in den er nachträglich eingefügt wurde. Das Stück ist auch selbst ein Akt der Wiederverpflichtung auf Gott. Gott der Herr schickt den Tod in die Welt, um den Jedermann zum Glauben zurückzuführen. Jedermann wird deshalb erlöst, weil er schlussendlich wieder glaubt. Die Buhlschaft und damit die prominenteste weibliche Rolle ist lediglich eine Katalysatorin für diesen Weg des Mannes. In die­sem Jahr, 2022, spielt Mavie Hörbiger sowohl Gott als auch Teufel – diese beiden Rollen sind also bewusst mit einer Frau besetzt. Wir haben Mavie Hörbiger um ein Statement dazu ersucht, das wir nun per Video einspielen wollen.

    MAVIE HÖRBIGER: Ich wurde nach dem konservativen, katholischen, patriarchalen Drama Jedermann gefragt. Das Erste, was ich hervorheben will, ist die großartige Bühne auf dem Domplatz, die quasi in den Dom hinein nach hinten geöffnet wird. Durch diese Öffnung – die Dreidimensionalität der Bühne – haben Rein­hardt und Hofmannsthal einen wichtigen Schritt in die Moderne gemacht. Mit diesem Schritt haben Reinhardt und Hofmannsthal die Zweidimensionalität des klassischen Bühnenbilds gesprengt. Das Stück ist auf seine eigene Weise konser­vativ und katholisch, aber es ist auch antikapitalistisch. Ich denke, dass dieser Antikapitalismus bewusst intendiert war: Es öffnet sich zum Volk hin, zumin­dest sehe ich das als den ursprünglichen Gedanken bei der Gründung vor 100 Jahren. Was sich aus diesem Stück letztlich entwickelt hat, ist für mich ein ande­res Thema. Danach bin ich allerdings nicht gefragt worden.

    Natürlich geht es in diesem Stück um den Mann, den „Jeder-Mann“, ich finde aber, in unserer Inszenierung von Michael Sturminger wird diese Setzung hin­terfragt. Dieses Jahr ist der Jedermann androgyn mit Lars Eidinger besetzt, und Gott, Tod und Teufel werden von Frauen gespielt. Damit stellen Frauen zum ersten Mal mehr als die Hälfte des Ensembles. Dem „Jeder-Mann“ wird damit – zumindest ein Stück weit – die Show gestohlen. Dennoch stellt sich die Frage, warum dieses Stück immer noch erzählt, noch immer aufgeführt wird. Das ist einfach zu erklären: Es hat eine Tradition. Ich selbst glaube und hänge an Tra­ditionen und befürworte sie. Meine Freude ist jedes Mal groß, wenn ich dieses Stück am Domplatz spielen und von Neuem damit brechen kann. Der Text ist toll, der Jedermann ist gut geschrieben. Auch die Dramatik und Dramaturgie sind unglaublich gut. Vielleicht finden Sie Gefallen an meinen Worten, und es stößt den einen oder anderen Gedanken in der Diskussionsrunde an. Wir haben Spaß daran, das Stück weiter zu brechen und dem Jedermann die Show zu stehlen.

    PIA JANKE: Dieses Statement von Mavie Hörbiger ist ambivalent: Sie spricht von einem katholischen, patriarchalen Stück, und sie bezeichnet es als antikapitalis­tisch. Besonders interessant scheint mir auch Hörbigers Anliegen, einen Bruch vorzunehmen und dem Jedermann als Mann die Show zu stehlen, indem Frauen männliche Rollen spielen.

    RUTH BECKERMANN: Was soll sie schon Anderes sagen? Das Stück ist genial, wenn man – und das meine ich nicht als Kritik an den Darsteller*innen wie Mavie Hör­biger, Lars Eidinger und Verena Altenberger – in diesem Land berühmt werden will. Ich denke nicht, dass der Jedermann über die Grenzen Österreichs hinaus­wirkt, aber darin zu spielen genügt, um in Österreich bekannt zu werden. In Österreich gibt es nichts Besseres, als den Jedermann zu spielen. Das liegt daran, dass es zu einem Signature-Stück geworden ist. Es ist egal und stellt definitiv keine Brechung dar, wenn eine Frau den Jedermann spielt oder ein Mann die Buhlschaft, was übrigens auch noch auf uns zukommen wird. Es macht keinen Unterschied, in welcher Rollenverteilung der Jedermann gespielt wird. Dieses Überbetonen patriarchaler Strukturen halte ich für lächerlich. Ich würde noch weiter gehen: Es spielt auch keine Rolle, dass man in diesem Jahr so viele Opern spielt, in denen Frauen die Hauptrolle haben. Verstärkend muss noch hinzu­gefügt werden, dass alle diese Frauen wie Káťa Kabanová, Tosca oder Carmen sterben. Alles, was hier gespielt wird, ist eingemeindet in den Katholizismus die­ser Stadt. Was immer man hier aufführt, wird Teil der Kirchenlandschaft dieser Stadt. Das ist in gewisser Weise faszinierend, weil diese Tradition, Geschichte, Architektur wie auch das Bürgertum dieser Stadt in jedem Fall die Oberhand behalten. Man wagt es heuer sogar, Dimitri Schostakowitsch‘ Babi Jar – Schos­takowitsch‘ Werk über ein Massaker an 33.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern – in der Reihe Sacrificium zu spielen, als handle es sich um ein Opfer christlicher Erlösung. Letztendlich scheint alles bei den Salzburger Festspielen katholisch zu werden.

    PIA JANKE: Ich lese ein Zitat aus einem Interview mit Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1998 vor. Sie wurde dazu befragt, ob der Jedermann je von einer Frau gespielt werden sollte. Sie sagte: „Eine Frau sollte jedenfalls die Titelrolle nie spielen. Ich halte nichts von einer ,Jederfrau‘. Das ist undenkbar. Schließlich ist das Vermö­gen weltweit nur zu drei Prozent in weiblicher Hand.“

    ROBERT HOFFMANN: Ich kann mich dem und allem, was Ruth Beckermann gesagt hat, nur anschließen. Lars Eidinger hat in einem Interview die Beobachtung ge­macht, der Jedermann sei Salzburgs Faschingsprinz: Der Jedermann wird alle paar Jahre neu gewählt und bekommt sogar eine Faschingsprinzessin an seine Seite, wobei der Verschleiß an Buhlschaften größer ist als der an Jedermännern. Der Erfolg des Jedermanns begründet sich in seiner Situierung auf dem Domplatz und ausschließlich darin. Man sollte daher Santino Solari, den Architekten des Doms und damit auch des Schöpfers der Domfassade im Programmheft erwäh­nen, das wäre nur fair. Ohne die Domfassade wäre der Jedermann nur ein kleines Männchen. Die Neuinszenierungen dieses Stücks spielen eigentlich keine Rolle, außer dass sie ein Medienecho generieren. Der Jedermann ist sowieso ausverkauft und finanziert dadurch auch andere Theaterprojekte mit.

    In Bezug auf den Katholizismus der Stadt und des Stücks will ich eine noch schärfere Formulierung einbringen: Thomas Bernhard greift auf einen Begriff zurück, der schon im Barock geläufig war, wenn er Salzburg als ein „deutsches Rom“ bezeichnet. Für Bernhard vereint diese Bezeichnung zwei Perspektiven: Salzburg ist nationalsozialistisch und katholisch. Die Mitglieder der Festspiel­haus-Gemeinde, die katholischer oder deutschnationaler Gesinnung, oft auch beides, waren, stellten sich – nach anfänglichem Zögern – inhaltlich voll hin­ter den Jedermann, auch wenn sie sich 1938 wieder distanzieren mussten, weil Reinhardt Jude war. Vor 100 Jahren (1922) wurde übrigens Hofmannsthals Salzburger Großes Welttheater erstaufgeführt. Anhand des Texts wird einiges überdeutlich: Darin kommen der Jedermann in der Rolle des Reichen und die Buhlschaft in der Rolle der Schönheit gleichsam als Wiedergänger vor. Der Bettler, ein sozialer Störenfried, lässt sich durch die Weisheit, die als zweite Frauenfigur in Nonnenkleidung auftritt, bekehren und endet holzhackend in der Armut.

    PIA JANKE: Die Figur des Bettlers im Salzburger Großen Welttheater ist von Hof­mannsthal als das „Gespenst des Bolschewismus“ bezeichnet worden. Der Bett­ler ist der Revolutionär, der schlussendlich erleuchtet und wie auch der Jeder­mann bekehrt wird: Es kommt in beiden Stücken zu einer Rückführung zu Gott hin. Hofmannsthals Salzburger Großes Welttheater ist inzwischen wahrscheinlich unaufführbar. In einem Gespräch mit Bettina Hering hat sie betont, dass ein sol­ches Vorhaben nicht realisierbar wäre.

    Die Salzburger Festspiele florieren – es gibt sie noch immer nach über 100 Jah­ren. Könnte konzeptuell irgendwo angesetzt werden, um der Kritik, die wir hier äußern, zu begegnen? Was wäre zu ändern, was wäre zu retten? Sind es die Salzburger Festspiele wert, überhaupt gerettet zu werden? Wo liegt ein Erneue­rungspotenzial?

    RUTH BECKERMANN: Ich finde es unglaublich, dass sich die Jedermänner viel besser halten und dass es drei Mal so viele Buhlschaften gab. Ich habe einen Freund, der regelmäßig sagt, dass er alle 30 Jahre eine neue Frau sucht, die immer jünger sein muss. Ich nehme an, dass das auf die Fluktuation der Buhlschaft rekurriert. Män­ner im Allgemeinen, auch die Jedermänner, dürfen altern, während die Buhl­schaft ständig eine neue und jüngere sein muss. Eine einzige Ausnahme war die Besetzung der Buhlschaft mit CAROLINE PETERS.

    Zusätzlich ist es für mich unglaublich, dass die Salzburger Festspiele immer noch die Nazis hochhalten: Man flaniert im Karl-Böhm-Saal, man geht über den Herbert-von-Karajan-Platz. Es gibt in Salzburg 13 Straßen, die noch immer nach Nazis benannt sind. Institutionell ist hier nichts mehr zu retten. Es gibt genügend Menschen, die zu den Salzburger Festspielen anreisen wollen, in diese Stadt, in diese Hotels, die in diesen Sälen sitzen und sich Konzerte, Opern, Theater ansehen wollen. Solange es diese Personen gibt – und die wird es immer geben –, werden die Salzburger Festspiele bestehen bleiben. Dennoch sind es immer alte, weiße Menschen. Andere Menschen sieht man hier nicht. Salzburg ist in Summe eine extrem weiße Stadt. Solange diese Menschen unter sich sein wollen, wird es nichts Anderes geben. Die Ultima Ratio ist, dass wir schlussendlich nicht hier­herfahren müssen. Und der Widerspruch ist, dass ich trotzdem gerne herfahre.

    PIA JANKE: Interessant, dass wir dennoch alle hier sind.

    ROBERT HOFFMANN: Ich habe keine Vorstellung davon, wie sich die Festspiele ide­alerweise weiterentwickeln sollten. Glücklicherweise bin ich nicht Intendant der Salzburger Festspiele, denn es ist fast unmöglich, diese Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit auszuführen. Davon abgesehen sind und bleiben die Salzburger Festspiele ein Wirtschaftsbetrieb: Was bei alledem in der Öffentlichkeit derzeit kaum angesprochen wird, sind die ungemein hohen Kosten, die in den kom­menden Jahren für die geplanten Umbauten aufgewendet werden sollen. Es ver­wundert, dass darüber kaum diskutiert wird, gerade wenn man bedenkt, wo wie restriktiv sonst im Kulturbereich Geld investiert wird. Das sagt auch etwas über den Geist in dieser Stadt aus.

    RUTH BECKERMANN: Einen konstruktiven Vorschlag kann ich doch machen: Unter der Intendanz Gerard Mortiers wurde jedes Jahr eine Uraufführung in Auftrag gegeben, und die Uraufführung einer Oper könnten sich die Salzburger Festspie­le schon leisten. So wie die Salzburger Festspiele mit dem Jedermann gewissen Schauspielern die Bühne bieten, könnten sie etwas in Auftrag geben und da­durch neue Werke aus der Taufe heben. Das fehlt meiner Meinung nach völlig, und man muss festhalten, dass das ausschließlich unter Mortier so war, soweit ich im Bilde bin.

    PIA JANKE: Diese Praxis gab es auch vor Mortier bereits. Mortiers Leistung war es, den Gründungsmythos zu thematisieren, transparent zu machen und in Frage zu stellen. Ich denke, die Aufgabe ist es, wieder zu den Quellen zu gehen, die auch Robert Hoffmann herausgegeben hat, und zu rekonstruieren, wie man sich seit Jahrzehnten über Begriffe wie „Friedenswerk“, „völkerverbindend“ oder „europäisches Projekt“ legitimiert, die dort allesamt in ganz bestimmten ideolo­gischen Kontexten vorkommen.

    ROBERT HOFFMANN: So etwas wie eine auf das Internationale ausgerichtete Fest­spielideologie hat es meines Erachtens nie gegeben – oder nur in dem Sinne, dass man auf das Geld internationaler Gäste angewiesen war. Hofmannsthal hat um 1919 kleine Pamphlete über sein Verständnis der Salzburger Festspiele geschrieben, aber sie wurden in der Presse nie erwähnt oder ansatzweise disku­tiert. Diese Schriften haben erst viel später, und zwar unter Germanist*innen, eine gewisse Bekanntheit erlangt. In Salzburg ist damals eine andere Stimmung präsent gewesen, die katholisch oder national ausgerichtet war. Ein stückweit Internationales war auch dabei – man wollte ein internationales Publikum ha­ben. Dennoch gab es nie eine homogene Linie oder Ideologie wie etwa in Bayreuth. Die Ideologie der Salzburger Festspiele war – sogar im Akt der Gründung – heterogen. Selbst Mozart ist immer etwas untergegangen. Ich stimme darin zu, dass die Intendanz Mortiers in Vielem eine positive Ausnahme darstellte. Es ist vieles möglich hier, theoretisch wäre es auch möglich, jedes Jahr eine neue Oper in Auftrag zu geben.


    Das Festliche, Feiertägliche, Einmalige, das alle Kunst hat, und das auch das Theater zur Zeit der Antike hatte, und auch zur Zeit, da es noch in der Wiege der katholischen Kirche lag, das muß dem Theater wiedergegeben werden.

    aus: Max Reinhardt an die Salzburger Festspielhaus-Ge­meinde, zu Handen Herrn Ferdinand Künzelmann, 21. Juli 1918. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quel­len und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 286-391, S. 390.


    RUTH BECKERMANN

    Studium der Publizistik und Kunstgeschichte in Wien sowie der Fotografie an der School of Visual Arts in New York. Filmschaffende und freie Autorin. Zahlreiche Filmproduktionen, darunter der Dokumentarfilm Waldheims Walzer (2018) und Favoriten (2024). 2019 realisierte sie die Installation Joyful Joyce für die Salzburger Festspiele. Autorin, etwa von Leben! Juden in Wien nach 1945 (2008). 2019 konzipierte sie beim Europäischen Forum Alpbach die Splitscreen-Installation Europamemoria reloaded und die Gesprächsreihe Artists in Discourse: Keine Angst!.

    MAVIE HÖRBIGER

    Schauspielerin in Theater, Film und Fernsehen. 2001 Beginn ihrer Theaterkarriere am Schauspiel Hannover. Schauspielerische Tätigkeiten u.a. am Theater Basel und am Theater in der Josefstadt. Seit der Saison 2011/12 Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. 2021 Auszeichnung als Österreicherin des Jahres in der Kategorie Kulturerbe durch die Zeitung Die Presse. 2017-22 Engagement beim Jedermann bei den Salzburger Festspielen.

    ROBERT HOFFMANN

    Studium der Geschichte in Salzburg und Zürich. Lehrte bis zu seiner Pensionierung neuere und österreichische Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Er forscht und publiziert u.a. zur Gesellschafts-, Kultur- und Zeitgeschichte Salzburgs, Geschichte des Bürgertums in der Habsburgermonarchie, Tourismusgeschichte sowie Geschichte des Wohn- und Siedlungswesens. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses liegt derzeit bei der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne

    Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne

    Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele

    Mit GRETE WIESENTHAL (1885, Wien – 1970, Wien) und TILLY LOSCH (1903, Wien – 1975, New York), vor allem aber MARGARETE WALLMANN (1904, Berlin – 1992, Monaco) haben performende, tanzende, choreografierende und regieführende Frauen die frühe Zeit der Salzburger Festspiele bis 1938 mitgeprägt. Diese Namen stehen hier stellvertretend für etliche weitere Künstlerinnen, die aus heutiger Sicht dem sowohl formal als auch ästhetisch schwer einschlägig definierbarem Feld der „Kunst der modernen kreativen Körper-Bewegung“ zugehörig erscheinen. HEDE NILSON (geb. Hedwig Vetter, verheiratete Nilson, dann Schaffgotsch, aus Altona) war die erste Frau, die 1920 bei den ersten Festspielen in Max Reinhardts Jedermann für tänzerische Bewegung sorgte.

    Einige weitere Künstlerinnen können hier aus Platzgründen nur erwähnt werden, eine genauere Befassung würde jedoch neue spannende Passagen eröffnen. So etwa die schillernde MARIA LEY (aus Wien), die 1923 in Reinhardts Inszenierung des Eingebildeten Kranken als Colombine auftrat, aber auch für die Choreografie verantwortlich war. Viele Jahre später, 1936, lernte sie bei Reinhardt auf Schloss Leopoldskron ihren späteren Gatten Erwin Piscator kennen; oder die „nur“ als Tänzerinnen bzw. in tanzverwandten Partien angeführten Tamara Rauser (aus Kiew, später u.a. als Ballett-Lehrende an der Seite von Rosalia Chladek) und Ruth Landshoff (auch Landshoff-Yorck, aus Schöneberg, auch Autorin u.a. vom Roman einer Tänzerin), beide 1925 in der von Reinhardt inszenierten Grünen Flöte; oder Lily Spitz (später auch Calderon-Spitz, aus Wien, tätig in der freien Szene mit Hilde Holger und Hedy Pfundmayr, Assistentin von Grete Wiesenthal) im Reinhardt‘schen Sommernachtstraum 1927; oder die amerikanische Modern-Dance-Pionierin Helen Tamiris, die im Sommer 1928 im Rahmen ihrer Europa-Tournee auch in Salzburg vorbeischaute. Verwiesen sei hier auf die digital zugängliche Programm- und Besetzungs-Chronologie der Salzburger Festspiele1 sowie u.a. auf die zahlreichen Forschungsarbeiten von Edda Fuhrich und Gisela Prossnitz2 .

    Dass trotzdem vieles nach wie vor im Unklaren ist, nicht nur biografisch, sondern etwa auch zu welchen Bedingungen, Probenbedingungen, aber auch finanzieller Art, die Künstlerinnen engagiert worden sind, versteht sich auf Grund der im Bereich des Tanzes immer schwierigen Dokumentationslage fast von selbst. Darüber hinaus fehlen zur besseren Einschätzung der choreografischen und tänzerischen Sprache oft Fotos, vor allem aber filmische Mitschnitte. Wenn also im Filmarchiv Austria der eine oder andere Filmschnipsel auftaucht, der die Künstlerinnen und den Tanz bei den Festspielen offenbart, erhellt der Fund die Forschungslage. Zuletzt waren im Rahmen des Salzburger Projekts Faust 2023 zwei Minuten einer von Margarete Wallmann choreografierten Gruppen-Szene mit dem Ballett der Wiener Staatsoper, dem sie zu dieser Zeit bereits seit zwei Jahren vorstand, aus der Faust-Inszenierung von Max Reinhardt zu sehen. Wie Wallmann-Forscherin Ulrike Messer-Krol zu den einzigen erhaltenen Aufnahmen der berühmten Produktion anmerkt, war es wohl die vielsprachige Wallmann, die dem amerikanischen Filmteam für den Beitrag Faust-City at the Rock Riding School von 1936 aufgrund ihrer Englisch-Kenntnisse entgegengekommen sein könnte.3 Natürlich war es aber auch technisch einfacher, anstelle einer ins Englische zu übersetzenden, weil deutsch gesprochenen Schauspiel-Szene, etwa mit PAULA WESSELY und Ewald Balser, die mit vielen Tanz-Paaren besetzten, mitreißenden, volkstümlichen Szenen mit Musik von Bernhard Paumgartner aus dem Osterspaziergang nur mit einer englischsprachigen Einleitung zu zeigen. Möglicherweise gab es auch eine andere Verbindung zu Wallmann, die ein Jahr zuvor Tanzszenen in der amerikanischen MGM-Filmproduktion Anna Karenina mit Greta Garbo betreut hatte.

    Das weite ästhetische Feld der Tanzmoderne

    Die Genannten gehörten alle auf unterschiedliche Weise dem weiten Feld der facettenreichen, gestalterisch freien Tanzmoderne an und waren oftmals trotzdem – damals kein Widerspruch – z.B. mit der elitären Wiener Staatsoper auf Du und Du. Es wundert daher nicht, dass die Salzburger Tanz-Liste um Künstler*innen erweiterbar ist, die eindeutig eine modernisierte klassische Ballettform vertraten – also jene theatralische Repräsentationsform, die noch relativ kurze Zeit davor von einer sogenannten kritischen Avantgarde abgelehnt worden war. Das Ballett als ästhetisches Aushängeschild des Adels hatte auf institutionalisierten Bühnen den Geist der politischen Staatsform, den der Monarchie, widergespiegelt.

    Der durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges beförderte künstlerische Facettenreichtum im modernen Tanz, der sich durch Individualität und Eigenkreativität ohne die patriarchalen Muster der klassischen Ballettmeister darbot, bildet sich letztlich auch in den Entscheidungen des künstlerisch mäandernden, wenn auch wieder männlich besetzten direktorialen Leitungsbords der Festspiele ab. „Man“ engagierte jene Künstlerinnen, die bereits dem Netzwerk des Direktoriums bekannt waren, reagierte auch auf Tipps und machte so manchen Zufallstreffer. Gebraucht wurden die gestaltfreudigen, ausdrucksstarken Künstlerinnen – beide Adjektive sind Merkmale der Tanzmoderne – vor allem in Schauspiel- und Opernproduktionen. Selbständige Tanz-Programme waren nicht zentral angesetzt.

    Tatsächlich künstlerisch strategisch geplant wirkt aus heutiger Sicht das nicht zustande gekommene Gastspiel von Serge Diaghilews renommierten Ballets Russes. Das Ensemble stand für hochkarätige Gegenwartskunst, die aus einem reformierten Ballett-Gedanken heraus entwickelt worden war. Das Gastspiel wäre mit Sicherheit ein Höhepunkt gewesen. Im dafür geplanten Jahr 1924 fanden allerdings keine Festspiele statt. Schade, denn Salzburg hätte vermutlich mit der bahnbrechenden Choreografin Bronislawa Nijinska, der Schwester des großen Watzlaw Nijinsky, Bekanntschaft gemacht, die in eben diesem Jahr für den Impresario Diaghilew Werke schuf, die in die Tanzgeschichte eingingen. Reinhardt verpflichtete Nijinska allerdings 1931 für die Offenbach-Oper Hoffmanns Erzählungen in Berlin und 1935 für seine Verfilmung des Sommernachtstraums. Er besetzte selbst die Tänzerin Nini Theilade, die er aus früherer Zusammenarbeit kannte, als Erste Elfe.

    Bereits 1921 war auch die von Richard Strauss verehrte Ballets-Russes-Ballerina Tamara Karsawina mit ihrem Partner Laurent Novikoff in einem exklusiven DuoAbend, der zwei Mal wiederholt wurde, bei den Festspielen aufgetreten. Aber das war ein angeblich kurzfristig zustande gekommener Programmpunkt.4 Strauss war es auch, der Karsawina, die seiner Meinung nach beste Darstellerin der Frau Potiphar, 1923 an die Staatsoper für ein einmaliges Gastspiel in der von ihm komponierten Josephs Legende (Choreografie: Heinrich Kröller) einlud.

    Salzburg: Sprungbrett für Karrieren von Frauen

    Seitens der Festspiele ging es hier nicht um Überlegungen, ob man in der Sparte Tanz eine Frauenquote im Festspiel-Programm bedienen soll – eine Frage, die sich angesichts der im freien modernen Tanz dominierenden Frauen in allen Positionen gar nicht stellte –, sondern eher um die Frage, welche Kräfte aus unterschiedlichen Gründen zum Thema Bewegungskunst der Zeit entsprechend affin wirkten. Insofern war das Gastspiel des Balletts der Wiener Staatsoper 1926 unter dem Reformchoreografen Heinrich Kröller, der in Wien eng mit Operndirektor Richard Strauss zusammengearbeitet hatte, auch ein naheliegendes. Kröller brachte mit seinen in Wien erprobten Choreografien von Mozarts Les petits riens und Glucks Don Juan, die durch den Pergolesi-Opern-Einakter La serva padrona (Regie: Richard Mayr) ergänzt wurden, eine junge Generation an Solistinnen mit. Darunter war die vielgestaltige und aufregende Tilly Losch, die Reinhardt künstlerisch länger begleiten sollte. Als Schäferin bestimmte sie zusammen mit der Charaktertänzerin Hedy Pfundmayr, die als Schäfer auftrat, das Spiel um Eifersucht in Les petits riens ebenso markant wie sie einige der verführerischen Frauen-Figuren in Don Juan in Szene zu setzen wusste. Beide Darstellerinnen fielen weiter in Kröllers Choreografie des Wein, Weib und Gesang-Walzers in der Fledermaus (Regie: Josef Hietz) auf. Die einander als Paar prächtig ergänzenden Tänzerinnen machten sich auch abseits des Wiener Hauses am Ring mit gender-fluiden Partien in selbst entworfenen, kurzen choreografischen Nummern einen Namen.

    Kein Wunder, dass Losch und Pfundmayr bereits 1927 in Salzburg in einem eigenen, selbst zusammengestellten, heftig akklamierten Abend im Stadttheater auftraten, ergänzt durch den damals gern gesehenen, auch von Reinhardt mehrmals eingesetzten modernen Charakter-Tänzer Harald Kreutzberg. Gezeigt wurden neue, modische Ideen, darunter Pink and Blue boy und die zwei neuen Tänze Arabesken und Hände, die ganz auf die Bewegung der Hände ausgerichtet waren. Loschs Beitrag mündete einige Jahre später in einem Tanz-Film.5 Salzburg wird für Losch definitiv zum Sprungbrett in die internationale Karriere nach Übersee, denn 1927 choreografiert und tanzt sie für und in Reinhardts Neufassung des Sommernachtstraums, die noch im selben Jahr in New York gezeigt wird. Ihre ungewöhnlich intensive Bühnenwirkung führte sie nach Auftritten u.a. mit Fred Astaire und dem Ballettstar Anton Dolin, aber auch mit Lotte Lenya in der Uraufführung des Balletts Die sieben Todsünden von Bertolt Brecht, Kurt Weill und George Balanchine im Jahr 1933 nach Hollywood, wo sie sich u.a. in den Filmen The Garden of Allah von 1936 mit Marlene Dietrich und Charles Boyer sowie Duel in the Sun von 1946 mit Jennifer Jones und Gregory Peck spektakulär in Szene setzt. Sie reüssiert auch als Malerin.

    Grete Wiesenthal wiederum ist in den 1920er Jahren bereits die etablierte, zwischen Moskau und New York viel gereiste, zudem einige Jahre in Schweden ansässig gewesene Tanz-Künstlerin der frühen Moderne mit tänzerisch ekstatisch-dionysisch verbrämter Wien-Marke. Man wird sich auch gut 20 Jahre nach ihrem Debüt als freischaffende Künstlerin im Jahr 1907/08 noch erinnert haben, dass Hugo von Hofmannsthals Idee von einer neuen Sprache im Tanz durch Grete Wiesenthal tatsächlich Bühnen-Realität geworden war. Wiesenthal hatte mit ihrem Ausbruch aus dem klassischen Ballett und der Entscheidung, selbständig und unabhängig Karriere zu machen, nicht nur eine Position im Wiener Hofopernballett aufgegeben, sondern sich auf die Suche nach einer natürlichen Bewegungsweise, die keine Einengungen kennt, gemacht. 1928 taucht sie in Salzburg ausgerechnet in einem Gastspiel der Innsbrucker Exl-Bühne in Richard Billingers Perchtenspiel als schöne Perchtin auf. Bekannt werden ihre Fotos im Rollenkostüm mit halbnackter Brust.

    Mit Reinhardt war sie seit 1908 bekannt, zwei Jahre später hatte er sie für die Titelrolle und Gestaltung der Pantomime Sumurûn von Friedrich Freksa mit Musik von Friedrich Hollaender an die Kammerspiele nach Berlin geholt. In ihrem künstlerischen Leben ist sie als Tänzerin und Choreografin sowie als Anführerin ihres Ensembles und als Leiterin der Tanzabteilung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien tätig. In der europäischen Tanzmoderne ist sie die erste Künstlerin, die darüber hinaus eine Tanzweise geschaffen hat, die sich zur Weitergabe eignet – und zwar die Wiesenthal-Tanztechnik. In Salzburg war sie als Choreografin für Schauspiel – u.a. bei Hofmannsthals Jedermann – und Musiktheater bis 1959 immer wieder präsent, allerdings nur mit einem einzigen eigenen Tanz-Abend, gemeinsam mit Toni Birkmeyer im Jahr 1928.

    Max Reinhardts rhythmischer Tanz-Zauber

    Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vision Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur idealen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner Ideen brauchte. Er selber liebte es ja, neue Formate auszuprobieren. Gemeinsam mit Karl Vollmoeller hatte er etwa das sprachlose Stück Tanz-Theater Das Mirakel – damals als Pantomime bezeichnet – mit Musik von Engelbert Humperdinck seit 1911 elf Mal überarbeitet. 1925 lief es mit Tänzen u.a. von Ilse Larsen auch in Salzburg. In den Wiener Aufführungen, zwei Jahre später im Zirkus Renz, lieh sich der Reinhardt-erprobte Choreograf Ernst Matray die Tanzgruppe der expressionistischen Wiener Choreografin Gertrud Bodenwieser aus.

    Mit Hofmannsthal hatte Reinhardt z.B. das Märchenballett Die grüne Flöte entwickelt, das 1916 erfolgreich im Berliner Wintergarten lief und 1925 in Salzburg mit der Internationalen Pantomimen-Gesellschaft von Matray mit Katta Sterna, Maria Solveg und Losch in seiner Regie mit Musik von Mozart neu herauskam.6 Reinhardt benötigte und nutzte sozusagen die kreative moderne Tänzer*innenschaft. Hofmannsthal beschreibt Reinhardts tanzaffine Besonderheit. Mit einem jeweils eigenen Rhythmus versucht er, „zu einer organischen, leidenschaftlich bewegten Einheit“ zu gelangen. Hofmannsthal äußert sich dazu wie folgt: „[…] er [Reinhardt] erfasst mit der tiefsten Seele die fließende Bewegung, die jedem Drama innewohnt, und hat einen genialen Instinkt für die inneren Veränderungen in dieser Bewegung, die man dem Zuschauer fühlbar machen muss, um ihn durch einen rhythmischen Zauber in eine Art Trance zu bringen“7 .

    Nicht nur der Rhythmus, sondern auch weitere künstlerische Merkmale, die Reinhardts Werk auszeichneten und die Erika Fischer-Lichte mit drei konstitutiven Merkmalen benennt, entsprachen im Wesentlichen ebenso der Tanzmoderne: „[…] die Schaffung neuer Räume […], die Schaffung von Atmosphären […] und die Bewegung der Schauspieler als die dynamischer und energetischer Körper“8.

    Ein Blick in seine Regie-Bücher zum Shakespeare‘schen Sommernachtstraum im Theatermuseum Wien bestätigt die Berichte von der Präzision der Reinhardt‘schen Vorgangsweise. Er hatte sehr genaue Vorstellungen davon, welche Wirkung Bewegungsregie und Choreografie erzeugen sollten.9 Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten. Entweder gingen der Niederschrift im Regie-Buch intensive Gespräche mit der Choreografin und Tänzerin voraus, oder seinen Vorstellungen sollte entsprochen werden.

    Der Stellenwert des Tanzes in der Salzburger Festspielprogrammatik

    Insofern gebe ich Gunhild Oberzaucher-Schüller Recht, die in ihrem ausführlichen und reich bebilderten Katalog-Text Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert. Bühnentanz bei den Salzburger Festspielen anlässlich der Ausstellung Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele im Jüdischen Museum in Wien 2021 u.a. die künstlerisch-ästhetischen Formen betrachtet und feststellt, dass vor allem Reinhardt und Hofmannsthal Tanz als Baustein in der Programmatik der Salzburger Festspiele gar nicht erst anführen mussten, weil er ihnen ohnedies logisch erschienen ist.10 Wie sie weiters ausführt, fiel der moderne Tanz nach der Verfemung seiner vorwiegend jüdischen Protagonist*innen durch die NS-Diktatur in der Programmierung der Festspiele anteilmäßig auf ein Minimum zurück. Nur punktuell kam es immer wieder zu größeren Gastspielen.

    Auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Gründung schaffen es die Festspiele nicht, Tanz konsequent zu programmieren und, wenn sie zuletzt 2023 dann doch ein Gastspiel, kein Auftragswerk, ansetzen, erscheint auch dieses Mal die dramaturgische Begründung unklar.

    Stephanie Schroedter, die 2004 in ihrem Beitrag Der Tanz bei den Salzburger Festspielen. Zufälle, Zwischenfälle und glückliche Fügungen u.a. die mediale Rezeption des Tanzes bei den Festspielen erforscht hat, merkt die Nichterwähnung des Tanzes in der Festspielprogrammatik als offensichtlichen Nachteil für die Tanzkunst an.11 Aus der Historie heraus lässt sich, abgesehen von Reinhardts und Hofmannsthals Affinität zu Rhythmus und geformter Körperbewegung, die Nichtprogrammierung bis zu einem gewissen Grad verstehen, da Anfang der 1920er Jahre weder breit anerkannte Lehrmethoden zur Moderne etabliert worden waren – bis dahin dauerte es noch einige Jahre – noch der Moderne Tanz als fixe Größe etabliert war. Es wäre also aus heutiger Sicht wiederum sehr früh gewesen, hätten die Salzburger Festspiele sich bereits Anfang der 1920er Jahre entschieden, künstlerischen Tanz als fixen Bestandteil in ihre Dramaturgie aufzunehmen. Es hätte dafür auch eine Position im Gremium gebraucht. Diese fehlt bis heute. Da wiederum ließe sich spekulieren, ob eine solche dramaturgisch handelnde Persönlichkeit dann auch Namen wie Gertrud Bodenwieser – sie war als Erneuerin im Wiener Theaterleben verankert – oder Mary Wigman – „die“ deutsche Persönlichkeit des Ausdruckstanzes – angefragt hätte, also nach der choreografischen Sprache und nicht vorrangig nach der musikalischen Entsprechung gesucht hätte. Beide Künstlerinnen verfügten über eigene Tanzensembles.

    In allen umgesetzten Fällen aber handelte es sich um künstlerischen Bühnentanz auf hohem Niveau, um Ausdrucksformen, die als anspruchsvoller Zeitgeist und verbürgter Trend gehandelt wurden und nicht einer subversiven, randständigen oder polarisierenden Ästhetik entsprachen. Es ging nicht um ein Konterkarieren des Festspielprogramms durch neue performative Ansätze, leider aber auch nicht um eine erkennbare tanzdramaturgische Hand, sondern vielmehr, wie bereits erwähnt, um ein fast instinktiv wirkendes Be- und Verstärken der Reinhardt‘schen Festspiel-Idee, wobei bei den tanzaffinen Engagements, die von choreografischer Bewegungsregie in Oper und Schauspiel, die nicht nur Tanzende miteinschlossen, bis zu Gastspielen fertiger Produktionen und kleineren Tanzabenden unterschiedliche Formate möglich waren. Große Auftragswerke allerdings finden sich kaum.

    Von der Tanz- zur Opernregie: Margarete Wallmann

    Die meisten Tanz-Künstlerinnen, die oftmals Tänzerin, Choreografin, Regisseurin, Ensembleleiterin und kaufmännische Verantwortliche in einer Person waren, wiesen Merkmale freischaffender Künstlerinnen auf. Wohl werden in den 1930er Jahren in Wien Vereine zum Requirieren von Geldern gegründet, darunter von Bodenwieser und von Wiesenthal, meist aber war es – wie heute – die Kombination aus Unterricht und Studioführung sowie weiterer Kurstätigkeit samt Unterstützung von Familie und Freund*innen, die persönlichkeitsgebundene Kreation und Verbreitung von Kunst finanziell erst ermöglichten. Die Mitglieder der TanzEnsembles waren damals oft Schülerinnen und Absolventinnen aus dem eigenen Studio. Das galt für Wiesenthal ebenso wie für Bodenwieser. Anders als im musikalischen Leben, das Konzertagenturen für Gastspiele, Werbung und Verbreitung aufweist, mühen sich die freien Tanzschaffenden oftmals in Eigenregie mit dem Anleiern und Aushandeln von Gastspielen ab.

    Und dann kommt 1931 die 27-jährige Margarete Wallmann12, später auch wegen ihrer Feminität von Erwin Kerber „Wallfrau“13 genannt, aus Berlin an die Salzach, die Dirigent Bruno Walter auf Empfehlung des Regisseurs Karl Heinz Martin für die Tänze in der Gluck-Oper Orfeo ed Euridice engagiert hat. Walter wird später schreiben: „Wir haben von da an viel miteinander gearbeitet, und mir wurde jede neue gemeinsame Aufgabe durch ihr waches Verständnis und ihre erstaunliche Fähigkeit zu phantasievoller tänzerischer oder pantomimischer Ausdeutung der Musik erleichtert.“14 Zudem bringt Wallmann – die Ballett unter anderem bei Heinrich Kröller in München studiert hatte, ehe sie zur modernen Mary Wigman nach Dresden gewechselt war – eine besondere Truppe flexibler Tänzer*innen mit: Das Tänzer-Kollektiv, das sie 1930 gegründet hat und das bald mehr als 30 Mitglieder zählte. Ein freies, bühnenunabhängiges Ensemble, das in dieser Größe zu dieser Zeit seinesgleichen suchte.

    Zu den Tänzer*innen zählten unter anderem Dorothea Albu, Dodo Brown, Edith Türckheim, Mila Cirul, Andrei Jerschik und Jolas Coutsoudis. Wallmann setzt mit ihrem Verständnis vom „chorischen Bewegungsdrama“, wie Librettist Felix Emmel die neue Form im Programmtext beschreibt, auf die große Gruppe als Gestaltungsmittel für das Mysterienspiel Das jüngste Gericht15 und greift dafür – für Tanz ungewöhnlich – auf Orgelwerke des seit den 1920er Jahren wiederentdeckten Barock-Komponisten zurück.16

    In fünf Bildern Die Reichen und die Armen, Der Zug der Toten, Der Tag des Gerichts, Die Verdammten und Die Erlösten versteht es Wallmann, „Gruppen- und Einzeltanz wirksam zu kontrastieren und zu unerhörten Steigerungen zu führen“17, und tritt darin auch noch selbst auf. Als erste Choreografin bei den Festspielen kann Wallmann ein selbst inszeniertes, handlungsgeleitetes, rund neunzigminütiges Tanz-Werk in fünf Bildern im Festspielhaus zeigen, wenn auch nur in einer einzigen Matinee am 22.8.1931. Salzburg rühmt sich dieser Uraufführung, in der Efrem Kurtz das Mozarteum-Orchester dirigiert. Das Neuigkeits-Weltblatt bezeichnet Emmels und Wallmanns „Experiment“ sogar als „ein Pendant zu Jedermann“ und das Resultat ein „Meisterwerk moderner Choreographie“18. Ulrike Messer-Krol meint dazu, dass diese Produktion komplett in der Berliner Wigman-Schule erarbeitet und geprobt worden war, die Ausstattung mit dem eindrucksvollen großformatigen Treppen-Aufbau musste wohl in Salzburg erstellt werden. Finanzielle Unterstützung für Wallmanns Unternehmungen, auch für die Festspiele, kam von ihren wohlhabenden Eltern und Verwandten, auch aus den USA. 1932 wird das Jüngste Gericht zwei Mal aufgeführt und hat es jeweils auf einen Abendtermin geschafft. Das Salzburger Volksblatt resümiert daraufhin: „Die Tänzergruppe Margarete Wallmann […] hat überzeugend bewiesen, dass sich der Tanz als selbständige Ausdruckskunst neben den gewohnten Kunstgattungen (der Festspiele) durchaus behaupten kann.“19

    Erst 1954 wird Wallmann – nach ihrer Rückkehr aus dem südamerikanischen Exil – bei den Festspielen wieder mit einem Tanzabend vertreten sein. Ihr 1934 angetretenes Engagement als Ballett-Leiterin der Wiener Staatsoper hat Tanz-Kreationen in Wien zur Folge, in Salzburg aber entstehen „nur“ noch Tanzeinlagen und Bewegungsregie in Opern, die allerdings ihr Talent für selbständige große Regie bestärkt haben dürften. Auch wenn sie im Exil in Buenos Aires das Ballett-Ensemble aufbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg jenes an der Mailänder Scala leitet, wird sie eine der ersten international tätigen Opernregisseurinnen mit durchschlagendem Erfolg. Etliche Uraufführungen gehen auf ihr Konto, u.a. Francis Poulencs Les Dialogues des Carmélites an der Mailänder Scala im Jahr 1957. Ihre Tosca-Inszenierung ist seit 1958 im Repertoire der Wiener Staatsoper. 2020 wurde in Salzburg am Max-Reinhardt-Platz im Rahmen des Kunstprojektes von Gunter Demnig ein Stolperstein in Erinnerung an Margarete Wallmann verlegt.20 Auch Hedwig Schaffgotsch wurde mit einem Stolperstein bedacht.21


    Anmerkungen

    1. Vgl.: N. N.: Salzburger Festspiele Archiv. https://archive.salzburgerfestspiele.at/ (16.10.2023); Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte in Daten, Zeitzeugnissen und Bildern. Band I: 1920-1945. Salzburg: Residenz Verlag 1990. ↩︎
    2. Vgl.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele. ↩︎
    3. Vgl.: Messer-Krol, Ulrike / Messer, Erwin: Margarethe Wallmann. Eine Frau mit vielen Talenten: Tänzerin, Choreografin, Regisseurin. In: Der Neue Merker 4/2018, S. 2-7. Danke für die Einschätzung an Ulrike Messer-Krol sowie an Margarethe Lasinger (Archiv der Salzburger Festspiele); Filmarchiv Austria: Filmausschnitt aus Reinhardts „Faust“-Inszenierung. In: N. N.: Mozarts Footsteps. Ohio: Bell & Howell Filmosound Library 1936, ca. 2 Minuten, schwarz-weiß. ↩︎
    4. Vgl.: Schroedter, Stephanie: Der Tanz bei den Salzburger Festspielen. Zufälle, Zwischenfälle und glückliche Fügungen. In: Oberzaucher-Schüller, Gunhild / Brandenburg, Daniel / Woitas, Monika (Hg.): Prima la danza! Festschrift für Sybille Dahms. Würzburg: Könighausen & Neumann 2004, S 425-474, S. 426. ↩︎
    5. Vgl.: Bel Geddes, Norman: Miss Tilly Losch in her Dance of the Hands, USA 1930-1933, ca. 7 Minuten, schwarz-weiß; Faber, Monika / Vukovic, Magdalena (Hg.): Tanz der Hände. Tilly Losch und Hedy Pfundmayr in Fotografien 1920-1935. Wien: new academic press 2013. (Begleitbuch zur gleichnamigen Fotoausstellung im Photoinstitut Bonartes Wien, in deren Rahmen Andrea Amort in Kooperation mit Virginie Roy eine Performance zum Thema Hände mit drei TänzerInnen des Studiengangs Tanz der MUK Wien kuratierte). ↩︎
    6. Vgl.: Schmid, Gisela B.: Die grüne Flöte. In: Mayer, Mathias / Werlitz, Julian (Hg.): Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler Verlag 2016, S. 270; Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert. Bühnentanz bei den Salzburger Festspielen. In: Patka, Marcus G. / Fellner, Sabine (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Residenz Verlag 2021, S. 160-179, S. 165-167. ↩︎
    7. Hofmannsthal, Hugo von: Reinhardt bei der Arbeit. In: Schoeller, Bernd (Hg.): Hugo von Hofmannsthal. Gesammelte Werke. Reden und Aufsätze II, 1913-1924. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1979. Zit. n.: Koberg, Roland / Stegemann, Bernd / Thomsen, Henrike (Hg.): Max Reinhardt und das deutsche Theater. Texte und Bilder aus Anlass des 100jährigen Jubiläums seiner Direktion. Berlin: Henschel Verlag 2005, S. 99. ↩︎
    8. Fischer-Lichte, Erika: Sinne und Sensationen. Wie Max Reinhardt Theater neu erfand. In: Koberg, Roland / Stegemann, Bernd / Thomsen, Henrike (Hg.): Max Reinhardt und das deutsche Theater, S. 14. ↩︎
    9. Vgl.: Reinhardt, Max: Regie-Bücher zum Sommernachtstraum. https://www.theatermuseum.at/online-sammlung/detail/578727/ (31.10.2023). ↩︎
    10. Vgl.: Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert, S. 161-162. ↩︎
    11. Vgl.: Schroedter, Stephanie: Der Tanz bei den Salzburger Festspielen, S. 427. ↩︎
    12. Vgl.: Amort, Andrea: Margarethe Wallmann. Jewish Women’s Archive. https://jwa.org/encyclopedia/article/wallmann-margarete (20.10.2023). ↩︎
    13. Wallmann, Margarita: Les balcons du ciel. Paris: Editions Robert Laffont 1976, S. 29. ↩︎
    14. Walter, Bruno: Thema und Variationen. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1967, S. 455. Zit. n.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele, S. 115. ↩︎
    15. Vgl.: Amort, Andrea: Margarethe Wallmann. Das jüngste Gericht. In: Dahlhaus, Carl (Hg.): Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Oper – Operette – Musical – Ballett. München: Piper Verlag 1997, S. 639-641. ↩︎
    16. Vgl.: Emmel, Felix: Das jüngste Gericht. Bewegungsdrama. Berlin: Verlag der Merkur-Buchhandlung 1931, S. 33; Wallmann, Margarita: Les balcons du ciel, S. 36-37. ↩︎
    17. Salzburger Volksblatt, 9.8.1932. ↩︎
    18. Neuigkeits-Weltblatt, 29.8.1931. ↩︎
    19. Salzburger Volksblatt, 9.8.1932. ↩︎
    20. Vgl.: N. N.: Margarete Wallmann. https://www.stolpersteine-salzburg.at/stolperstein/wallmann_margarete/ (20.10.2023). ↩︎
    21. Vgl.: N. N.: Hedwig Schaffgotsch. https://www.stolpersteinesalzburg.at/stolperstein/schaffgotsch_hed
      wig/ (20.10.2023). ↩︎

    ANDREA AMORT

    Studium des Klassischen Balletts und des Modernen Tanzes sowie der Theaterwissenschaft. Tanzkritikerin, Tanzhistorikerin, Dramaturgin und Kuratorin. 2019-20 Kuratorin der Ausstellung Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne im Theatermuseum Wien. Herausgeberin zahlreicher Publikationen und künstlerische Leiterin von Aufführungsprojekten, darunter Glückselig. War gestern, oder? Eine Aneignung. Tanzproduktion um Grete Wiesenthals Tanzweise als Ausgangspunkt individueller Neudefinition (2023) am Theater brut nordwest.