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  • Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Über Rosenkavalier-Inszenierungen bei den Salzburger Festspielen

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Salzburger Festspiele generell in Hinblick auf Gender-Aspekte – siehst du hier ein besonderes Bewusstsein für solche Fragen oder eher nicht?

    ANKE CHARTON: Das ist eine große Frage gleich zum Einstieg, und meiner Antwort muss ich ein doppeltes Caveat vorausschicken: Einerseits ist meine Perspektive auf die Salzburger Festspiele die einer Besucherin und nicht die einer mitarbeitenden Person. Festspielpublikum zu sein, ist (leider) keine Profession, im Gegensatz zur Musiktheater- und Geschlechterforschung, in der ich unterwegs bin. Andererseits sind die „Gender-Aspekte“ über die lange Geschichte der Salzburger Festspiele hinweg immer wieder andere gewesen, sind also nicht gut zu verallgemeinern.

    Mit einer Oper wie dem Rosenkavalier können wir über konventionelle binäre Geschlechterrollen sprechen, über die Cross-Casting-Praxis innerhalb eines solchen Referenzrahmens, aber auch über Zwischenräume, Übergänge und bewusste Unschärfen, die sich einer binären Logik potenziell verweigern. Die Debatte um Geschlechterrollen war zur Zeit der Uraufführung 1911 und der Festivalgründung 1920 nicht weniger intensiv als jetzt, hatte aber andere inhaltliche Akzente – einfach, weil der gesellschaftliche Kontext inzwischen ein anderer ist. Vor 100 Jahren hätte man z.B. nicht an einem Sommer-Wochenende auf einer der vielen europäischen Pride Parades sein können und am Wochenende darauf bei den Salzburger Festspielen. Die Emanzipationskämpfe im Bereich von Geschlechterrollen spielen sich inzwischen woanders ab, etwa in Bezug auf Intersektionalität oder auf Teilhabe von Trans*personen.

    Dass sich die Salzburger Festspiele hier explizit am Diskurs beteiligen, sehe ich als Besucherin so nicht, zumindest nicht im Bereich Musiktheater. Das finde ich allerdings auch nicht überraschend für einen solchen „Festspiel-Tanker“, der auf ein breites internationales Publikum hin ausgerichtet ist und eher mit einem konservativen Selbstnarrativ in Verbindung gebracht wird.

    PIA JANKE: Mir kommt vor, dass sich bei den Salzburger Festspielen im Bereich des Schauspiels in den letzten Jahren einiges in Hinblick auf die Problematisierung tradierter Geschlechterbilder getan hat, im Bereich der Oper aber kaum. Wieso ist das so, sind die Sphären der klassischen Musik und des Musiktheaters generell Bereiche, die konservativer sind und in denen patriarchale, autoritäre Strukturen immer noch dominant sind, oder ist das ein Salzburger Spezifikum?

    ANKE CHARTON: Für das Schauspiel würde ich dir zustimmen, da gibt es eine größere Offenheit sowohl in den Inszenierungen als auch im Repertoire, übrigens auch in den Early-Career-Formaten, den Outreach-Programmen und alledem, was oft Einzel-Veranstaltungen jenseits der Repertoire-Blockbuster sind. Da sind sehr innovative, tagesaktuelle Formate dabei. Dass sich im Musiktheater weniger bewegt, mag eine bewusste Marketing-Entscheidung der Salzburger Festspiele sein, liegt für mich aber zentral im Repertoire begründet. Die Opernstandards insbesondere des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts, die das Salzburger Profil prägen, bringen Geschlechterbilder mit, die im 21. Jahrhundert so nicht mehr gelten. Diese Bilder kann man weiter tradieren oder dezent umschiffen, oder man kann sie herausfordern.

    Dieses Herausfordern, als Arbeit an gesellschaftlichen Reibungsflächen, kann eine Festival-Identität prägen, wie das z.B. gegenwärtig bei den Wiener Festwochen oder auch in Aix-en-Provence sichtbar wird, aber so haben sich die Salzburger Festspiele nicht positioniert. Natürlich gibt es auch in Salzburg Raum etwa für die klassische Moderne (was jetzt kein Herausfordern patriarchaler, autoritärer Strukturen ist) – 2024 gibt es Schönberg, Weinberg, Prokofjew, aber neben Mozart, Offenbach und Strauss. Dass am Rande auch Olga Neuwirth gespielt wird (mit ihrer Filmmusik zu Stadt ohne Juden), macht vor allem die Abwesenheit weiblicher Kompositionshandschriften im Hauptprogramm sichtbar.

    Ähnlich ist das Geschlechterverhältnis in der Regie: Den neuen Don Giovanni verantwortet Castellucci szenisch, aber auch das ist keine Regiesprache, in der Geschlechterbilder zentral hinterfragt würden. Dazu Carsen, Sellars und Warlikowski: alles sehr etablierte Regisseure. Dazu immerhin MARIAME CLÉMENT, allerdings auch keine Unbekannte mehr, für Les Contes d’Hoffmann. Vielleicht ist auch in Salzburg klar, dass „All Male Panels“ – wie das im Wissenschaftsbetrieb auf Konferenzen heißt, wenn alle Vorträge einer Sektion von Männern gehalten werden –, eben nur eine eingeschränkte Perspektive auf den Zustand, die Wünsche und die Herausforderungen einer ganzen Gesellschaft liefern können.

    PIA JANKE: Herbert von Karajan hat fast ein Drittel der Salzburger Festspielgeschichte dominiert, seine Zeit scheint mir wenig aufgearbeitet zu sein. Kritische Stimmen sehen in Karajan den typisch männlichen „Diktator“, er steht für sie für das männliche Genie, das alles bestimmen und kontrollieren wollte und bei dem Frauen, vorrangig Sängerinnen, auf ihre traditionelle Rolle festgelegt waren. Wie siehst du das?

    ANKE CHARTON: Ganz kurz: Ja, ja und ja, obwohl auch da natürlich der gesellschaftliche Kontext ein anderer war und im Zusammenhang damit auch die sozial akzeptierte Vorstellung eines Dirigenten oder Festspielleiters. Sicherlich wäre es an der Zeit für ein größeres, interdisziplinäres Forschungsprojekt, das hier Bühnenästhetik und Festspielpolitik als ein Kontinuum befragt. Zu all den Anekdoten zu Karajans Führungsstil kommt beispielsweise hinzu, dass genau dieser Stil durch einen Zeitgeschmack gestützt und gewollt wurde und Sehnsüchte bestimmter gesellschaftlicher Gruppierungen bedient hat. Und Karajans idiosynkratisches Casting hat auch dazu geführt, dass Sängerinnen, die sich in der internationalen Logik bestimmte Repertoires sonst nicht hätten erarbeiten können, hier Rollen ausprobieren konnten – so wie z.B. AGNES BALTSA als Octavian, aber auch ANNA TOMOWA-SINTOW als Marschallin.

    PIA JANKE: Entspricht Karajans musikalische und szenische Ästhetik, also die, die er vorrangig in Salzburg realisiert hat, einem Weltbild mit herkömmlichen Rollenverteilungen?

    ANKE CHARTON: Das im Jahr 2024 als Frau aus der Distanz mit „ja“ zu beantworten, ist leicht, sicherlich zu leicht, da es die Verschiebung gesellschaftlicher Normvorstellungen nur in der Retrospektive wahrnimmt. Genau hierfür würde ein Forschungsprojekt den Rahmen bieten, um das historisch präzise aufzuarbeiten, z. B. über Zeitzeuginnen und ehemalige Mitarbeiterinnen, deren (teils chiffrierte) Möglichkeiten, Rollenverteilungen auch in Frage zu stellen, die sich aus einer unbeteiligten Gegenwartsperspektive nur eingeschränkt darstellen lassen.

    Die sogenannte „Karajan-Ästhetik“ gehört aber in einen zeitgeschichtlichen Kontext, der das Glatte, Monumentale, vermeintlich Apolitische und Universale favorisierte, ganz in der Verdrängungslogik der Nachkriegsgeschichte. Stephan Mösch von der HfM Karlsruhe hat das vor ein paar Jahren in einem Vortrag hervorragend analysiert anhand des Wiener Mozart-Stils der 1950er unter Karl Böhm.

    PIA JANKE: Die Salzburger Festspiele waren immer auch ein Ort, an dem Diven „kreiert“ wurden, man denke nur, in neuester Zeit, an Anna Netrebko oder ASMIK GRIGORIAN. Auch CECILIA BARTOLI ist hier tätig, nicht nur als Sängerin, sondern auch als Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele. Welche alten oder aber neuen Frauenbilder werden mit solchen Diven mitgeprägt?

    ANKE CHARTON: Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Die Leitungsposition von BARTOLI bietet sicherlich mehr Entscheidungsspielraum als ein Bühnenengagement, das aber die größere Strahlkraft haben kann in Bezug auf medienwirksame Frauenbilder. Frauen in Führungspositionen bedeuten aber auch nicht grundsätzlich ein Engagement für Gleichberechtigung, für feministische Themen oder für weibliche Regiehandschriften. Ein Festspielbetrieb mit der Größe und der Geschichte Salzburgs ist auch nochmal eine eigene Herausforderung, jenseits aller Intentionen. Das braucht Zeit und hängt auch von kulturpolitischen Entscheidungen ab. (Eine Randnotiz: An dem Tag, an dem wir dieses Gespräch führen, wird Markus Hinterhäuser für fünf weitere Jahre als Festspielleiter bestätigt. Ich bin gespannt, was er in dieser längeren Laufzeit nun für Akzente setzen kann.)

    Die Figur der „Diva“ ist hingegen immer eine Chiffre von Emanzipation innerhalb eines klar etablierten Geschlechterbildes, wo die Überschreitung dann positiv als mondän gelesen wird, ohne wirklich die Grundkonstellation zu verändern (es gibt einen schönen Sammelband zur Sängerin als Diva zu dieser Dynamik).1 Sicherlich prägen individuelle Künstlerinnen auch Geschlechterbilder, die in eine bestimmte Zeit passen, aber Künstlerinnen werden umgekehrt auch passend gemacht. Bei NETREBKO erinnere ich mich an die M22-Ausgabe von den Festspielen 2006, da gab es auf dem DVD-Set zur stilbildend wirkenden Guth-Inszenierung von Le nozze di Figaro Interviews als Extras.2 Netrebko, damals als Susanna, wurde im Freien interviewt, bei launiger Sommerstimmung, und dann fanden sich beiläufige Aussagen, die – würde ich vermuten – ganz bewusst so zusammengeschnitten waren, dass sie einem Diva-Bild entsprachen, das den Erfolg der Traviata 2005 über die Persona Netrebko wesentlich mitbegründet hatte. Und GRIGORIAN, um auf dein anderes Beispiel zu sprechen zu kommen, wird seit dem Pferdekopf in der Salome auch gern auf eine Dualität von unterkühlt und unbedingter szenischer Verausgabung reduziert, die dem Ausdrucksspektrum der Sängerin nicht gerecht wird und die vermutlich nur bedingt selbstgewählt ist.

    Dass ich hier gleich Beispiele parat habe, zeigt aber auch, dass bei den Festspielen tatsächlich Frauenbilder geprägt werden – durch Sängerinnen, aber eben auch durch das Marketing. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Musiktheater. Man denke nur, kurzer Exkurs ins Schauspiel, an die übergriffige Skandalisierung von VERENA ALTENBERGERS Kurzhaarfrisur im Zusammenhang mit ihrer Besetzung als Buhlschaft im Jedermann – da wurde ein reaktionäres Frauenbild herausgefordert und im Schnappreflex verteidigt in der Presse wie auch in den sozialen Medien. (Nächste Randnotiz: Das Jelinek-Forschungsnetzwerk hat 2022 für sein Kapital.Geschlecht-Symposium ein Szenenfoto aus diesem Jedermann verwendet für das Veranstaltungsposter. Es hängt heute bei mir im Büro.)

    PIA JANKE: Hofmannsthals und Strauss‘ Der Rosenkavalier ist eines der „Identitätsstücke“ der Salzburger Festspiele. Welche tradierten oder aber neuen Gender-Entwürfe siehst du in dieser Oper? Immerhin gibt es hier eine Hosenrolle, die komplex angelegt ist: eine Frau singt einen Mann, der sich wiederum als Frau verkleidet und zwischen den Geschlechtern zu changieren scheint.

    ANKE CHARTON: Was der Rosenkavalier, in Salzburg und auch anderswo, auf jeden Fall hat, ist eine Fähigkeit, wechselnde Geschlechterdiskussionen zu tragen und mit einprägsamen Bildern mitzugestalten. Chamberlain hat z.B. 1912 für die englische Erstaufführung das Bett aus dem ersten Akt entfernen lassen, nicht aber das Bett im Beisl im dritten Akt.3 Grund waren offenbar Sorgen um die offene Darstellung von Ehebruch, vor allen Dingen aber um die Sichtbarkeit von weiblicher Homosexualität; beide Bedenken entzündeten sich an der von dir angesprochenen Figur des Octavian. Und beide Aspekte waren Teil gesellschaftlicher Debatten, die bereits Hofmannsthal und Strauss zur Entstehungszeit der Oper umgaben.

    Wissen und Intention seitens dieser Autoren ist ein Aspekt, die vielseitige Lesbarkeit seitdem ist ein anderer, das lässt sich auch gut an den Formulierungen in der Forschungsliteratur ablesen. Eine „Hosenrolle“ – über das Thema habe ich anderswo ausführlich geschrieben4 – ist bereits eine Konstruktion, ab etwa dem späten 18. Jahrhundert, die daran hängt, dass eine jugendliche Männer-Partie von einer Frau gesungen werden soll, im Gegensatz zur früheren Praxis, bei der das Geschlecht jenseits der Bühne meistens kein Kriterium für die Besetzung war. Auch das bewusste Unterlaufen von Zuschreibungen, das du beschreibst – die Sängerin als junger Mann, der dann im Plot als Frau verkleidet wird –, verlässt sich auf genau diese Konvention und ist ein etabliertes Muster im Opernrepertoire, von Cherubino über Octavian bis Fatinitza. Das spielt mit tradierten Geschlechterbildern, fordert sie aber nicht nachhaltig heraus.

    Gleichzeitig schaffen solche Partien aber auch eine – chiffrierte – Sichtbarkeit für Menschen, die sich in diesen durchgespielten Möglichkeiten wiedererkennen und durch sie verständigen; das zeigt sich insbesondere auch beim Rosenkavalier. Insofern liegt in der ursprünglichen Arbeit von Hofmannsthal und Strauss schon das Potenzial, Gender-Entwürfe herauszufordern – und ich würde argumentieren, dass sie dieses Potenzial bewusst einkalkuliert haben und es bewusst mainstream-fähig gehalten haben –, aber es ist eine Frage von Inszenierung, Interpretation und Rezeption, ob dieses Potenzial weitergehend ausgespielt wird. In fast allem anderen ist der Rosenkavalier aus heutiger Perspektive erzkonservativ: in der nostalgischen Klasseninszenierung; in den spätkolonialen Auswüchsen in der Figur des schwarzen5 minderjährigen Dieners der Marschallin oder des Lokalkolorits der „Kronländer“ beim Lever und beim Aufmarsch zur Rosenüberreichung; in der abwertenden Charakterisierung Sophies als ignoranter junger Aufsteigerin; in der misogynen Ungleichbehandlung der sexuellen Selbstbestimmung von Männern und Frauen (zwar hat die Marschallin ihre Affäre, aber die Stigmatisierung durch das Alter folgt auf dem Fuße, verbrämt mit einer Dosis katholischer Bußfertigkeit, während Ochs seine sexualisierten Gewaltfantasien gegenüber sozial unter ihm stehenden Frauen offen darlegen darf – ob das Ende diese Gewichtung aufhebt, wäre zu diskutieren). Ein Fanal für Geschlechtergleichheit oder transgressive Genderentwürfe ist der Rosenkavalier nicht, zumindest nicht jenseits der Figur des Octavian, die aber ebenfalls auf ein traditionelles, binäres Geschlechtermodell rekurriert und nur in ihm funktioniert.

    PIA JANKE: Siehst du am Ende des Rosenkavalier eine Rekonstituierung von alten Geschlechter-Ordnungen? Octavian wendet sich, nun als Mann definiert, Sophie zu und verlässt offensichtlich die Phase der geschlechtlichen Unbestimmtheit und Freiheit.

    ANKE CHARTON: Das ist sicherlich eine plausible Lesart. Übrigens durchaus kompatibel mit Konwitschnys Hamburger Inszenierung von 2002, in der Octavian, die Marschallin und Sophie mit dem Schlussterzett genau dieses finale Einfrieren in Konventionen vollzogen: als Schaufensterpuppen, mit der silbernen Rose, die eine echte – rote – war, die dann in flüssigen Stickstoff getaucht wurde und schließlich auf dem Bühnenboden zerschellte. Ein spektakuläres Bild.

    Ich selbst habe 1999 bei einer Inszenierung von Rosamund Gilmore am Bremer Theater hospitiert, da war der Kammerknabe der Marschallin eine junge weiße Frau,6 eine Art zweites Mariandl. Da war die Botschaft ganz am Ende: Octavian wird „wie alle Männer“. Und zwar kam Octavian dort noch einmal zurück auf die Bühne nach dem traumwandlerischen Abgang ganz am Schluss, um das Taschentuch selbst einzusammeln, das Sophie hatte fallen lassen. Er nahm das Taschentuch dem zweiten Mariandl ab, das es gefunden hatte – und schaute ihr dann suggestiv hinterher.

    Ich denke, der Rosenkavalier bietet sich als Folie für Umbruchserzählungen an. Diese können auch utopisch sein – es gibt Inszenierungen, in denen am Schluss Octavian und Sophie in eine freie, unbestimmte Zukunft entlassen werden, indem beispielsweise das Bühnenbild, und mit ihm die Alters- und Standeskonventionen, vielleicht auch die Geschlechterrollen, in den Bühnenhimmel entschwinden. Auch Koskys neuere Inszenierung für München (2021) finde ich an dieser Stelle utopischer und fluider in den Geschlechterbildern. Die lang tradierte Vorgänger-Inszenierung von Schenk und Rose war stark geprägt von der Logik der Roller-Entwürfe.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Aufführungsgeschichte des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen anschaut, fällt auf, dass die Ästhetik, die Alfred Roller geprägt hat, bis in die 1950er Jahre bestimmend war. Denkst du, dass damit auch eine Weitertradierung von bereits in den 1910er und 1920er Jahren geprägten Geschlechterbildern verbunden war?

    ANKE CHARTON: Auf jeden Fall, vor allen Dingen in einem Regieverständnis, das noch stark der Idee eines Arrangements im Raum verhaftet war. Die Bühne und die Kostüme von Roller waren im Wesentlichen die Inszenierung, zusammen mit Hofmannsthals detaillierten Szenenangaben, und bis heute müssen Inszenierungen weltweit mit diesem so emblematischen Erbe irgendwie umgehen. Und es gibt auch immer noch Produktionen, die das im Kern relativ unverändert reproduzieren. Die Roller-Bühne hat ähnlich – und ähnlich lange – funktioniert wie die ebenfalls stark an ihr orientierte Schenk/Rose-Inszenierung in München 1972 oder wie die noch immer laufende Wiener Schenk-Produktion von 1968, die alle Jahre wieder für ein paar Vorstellungen ausgepackt wird – durchaus auch mit mir im Publikum, je nach Cast, ich nehme mich da nicht aus. Und in einer ererbten, nicht bewusst hinterfragten Ästhetik werden natürlich auch misogyne und rassistische Stereotype, Alters- und Klassendiskriminierungen in einer Weise weiterkolportiert, die in einer Neuproduktion so heute hoffentlich nicht mehr möglich wäre. Andererseits täte man den 1910er und 1920er Jahren unrecht, wenn man ihre engagierten geschlechterpolitischen Debatten einfach unter den Tisch kehren würde. Und die spiegeln sich natürlich auch in den Entwürfen Rollers.

    PIA JANKE: Wenn du nun die drei Neuinszenierungen des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen betrachtest, mit denen wir uns genauer beschäftigen wollen, nämlich die von Rudolf Hartmann für Herbert von Karajan 19607 (erneut 1983 in Karajans Inszenierung)8, mit der auch das Große Festspielhaus eröffnet wurde, die Neuinszenierung von Robert Carsen 20049 und die von Harry Kupfer 2014:10 Wie gehen sie unterschiedlich mit den von uns angesprochenen GenderAspekten dieser Oper um?

    ANKE CHARTON: Alle diese Produktionen bilden, zumal aus heutiger Sicht, immer auch einen Zeitgeist ab, auch wenn die Inszenierungen der Salzburger Festspiele – mit der Ausnahme von Carsen 2004 – schon eine Gemeinsamkeit darin haben, ihre jeweiligen Gegenwartsdebatten nicht explizit anzusprechen.

    Ich möchte zunächst auf weitere Gemeinsamkeiten zu sprechen kommen. Die lange Repertoireposition der Hartmann/Karajan-Deutung hat dazu geführt, dass die Salzburger Rosenkavalier-Produktionen tendenziell einen zeitversetzten, hermetischen Umgang mit Geschlechterdebatten gepflegt haben. Wir werden gleich vor allen Dingen auf die Octavian-Figur zu sprechen kommen, da fällt in Salzburg auf, dass der Roller-Entwurf für Eva von der Osten viel länger wirkmächtig geblieben ist: die sogenannte Hourglass Figure, das Amoretten-Gesicht, die voluminösen, längeren Haare. Die Salzburger Octavian-Interpretationen, mit Ausnahme Kirchschlagers, waren tendenziell immer weniger jungenhaft und stärker androgyn im Sinne einer immer auch als weiblich lesbaren Verkörperung. Das gilt interessanterweise auch noch zu Zeiten, als selbst konservative Produktionen international mit einer athletischeren, jungenhafteren Silhouette und ihr entsprechenden Sängerinnen gearbeitet haben; ein Beispiel wäre die Neueinstudierung der Wiener Schenk-Produktion 1994 mit Anne Sofie von Otter als Octavian. Diese Entwicklungslinie hin zu einem Androgynen, das immer auch als männlich lesbar ist, ist z.B. sehr deutlich in der Inszenierung von 2017 an der Metropolitan Opera, übrigens auch von Carsen, in der ELĪNA GARANČA als Octavian ganz bewusst an den Leonardo di Caprio der mittleren 1990er Jahre angelehnt wurde.

    Genau diese Konzeption einer souveränen Männlichkeitsperformance an einem als weiblich gelesenen Körper ist aus der Hartmann/Karajan-Produktion dezidiert wegpoliert. Das lässt sich nicht nur als Konsequenz historischer Geschlechterbilder fassen: Zu Beginn der 1960er Jahre waren andere Bildlichkeiten sozial bereits präsent, auch jenseits spezifischer Subkulturen. Ich würde daher argumentieren, dass die 1960er-Produktion bewusst entschieden hat, Octavian nicht zu souverän und maskulin auftreten zu lassen, was aber im Gegenzug dazu geführt hat, dass die Figur stärker weiblich kodiert wurde. Davon abgesehen sind die Geschlechterbilder hier auch im Zusammenspiel mit den Darstellungskonventionen der Zeit sehr glatt und statisch, was insgesamt eine stärkere Stilisierung zur Folge hatte.

    In der Wiederaufnahme 1983 ist in den ersten beiden Akten diese Stilisierung überwiegend aufgelöst, was auch an einer großen Salzburger Festspiel-Qualität liegt: an individuell großartigen Sängerinnen, die in den 1980er Jahren natürlich bereits ein anderes Spielen gewohnt waren und diese Kompetenzen auch in die Zeitkapsel der 1960-Inszenierung hineingetragen haben. Wenn wir uns den Octavian von Agnes Baltsa anschauen, in der zurückgenommenen, sehr kindhaften – eben nicht männlichen – Körpersprache, gibt es aber auch Kontinuitäten in den Geschlechterbildern: viele statisch wirkende Posen und Weiblichkeit als Projektionsfläche mit Artefaktstatus, gerade bei der Marschallin.

    Die Carsen-Produktion markiert 2004 eine Zeitenwende in diesen Geschlechterbildern, sicherlich auch im zeithistorischen Zusammenhang von feministischen und queeren Errungenschaften. Ich würde Carsen hier einen intentionalen Bruch mit der Vorgängerinszenierung und den alten Roller‘schen Zöpfen attestieren. ANGELIKA KIRCHSCHLAGER gibt einen ungestümen, aufbrausenden und selbstbestimmten Octavian, der eben nicht mehr der sehr junge, folgsame „Bub“ der Hartmann/Karajan-Inszenierung ist, dessen Körper schon im Kostüm immer auch als weiblich lesbar war. Und ADRIANNE PIECZONKAS Marschallin ist zumindest im ersten Akt sehr viel nahbarer angelegt, mit einem viel offeneren Körpereinsatz, der die stilisierte Weiblichkeit einer Schwarzkopf aushebelt – aber Schwarzkopfs bewusste Verfremdung damit auch als Interpretationswerkzeug ausklammert. Wenn man Carsens Produktion für die Metropolitan Opera 2017 danebenlegt, gibt es größere Überschneidungen, auch in der stärkeren Problematisierung der Figur des Ochs, der weniger täppisch und harmlos-lustig angelegt ist – sicherlich ebenfalls ein Reflex zeitgenössischer Debatten von Geschlechterverhältnissen.

    Die Geschlechterbilder in der Inszenierung von 2014 schließlich – mit der eine Produktion, die weibliche Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmtheit in Bezug auf Gender und Alter deutlich thematisiert hatte, nach nur zehn Jahren durch eine in dieser Hinsicht unverbindlichere Neuinszenierung ersetzt wurde – sind unbestimmter, aber auch entspannter, da sich der gesellschaftliche Kontext noch einmal verändert hatte. SOPHIE KOCHS Octavian wirkt älter, gleichzeitig elegischer. Da gibt es keine pausbäckige Niedlichkeit mehr wie 1960 und 1983, doch auch das jugendlich Trotzige von 2004 ist kein zentraler Punkt mehr.

    Was sich von 1960 bis 2014 gesellschaftlich in Bezug auf Geschlechterbilder verändert hat, lässt sich anhand dieser vier Produktionen gut in Momentaufnahmen fassen. Das Altersstigma für Frauen geht zurück; die 1968er Bewegung baut Hierarchien von Gender und Klasse ab und verändert den Umgang mit Sexualität. In der Opernästhetik setzt sich in diesen 54 Jahren eine Alltagskörpersprache durch, die immer stärker auch schauspielerische und athletische Ansprüche an Opernsänger*innen stellt, unter dem Primat eines vermeintlichen Realismus.

    PIA JANKE: Siehst du bei diesen Inszenierungen eine Entwicklung hin zu einem immer größeren Bewusstsein für Gender-Ambivalenzen und Genderfluides?

    ANKE CHARTON: Aus heutiger Perspektive sehe ich das sicherlich, aber das ist immer auch eine Frage sozialer Kontexte, die von 1960 über 2004 bis 2014 eine Tendenz hin zu mehr Ambivalenz und Fluidität bedeuten. Dass sich das in den Salzburger Produktionen zumindest implizit niederschlägt, ist naheliegend, bedeutet aber keine Vorreiterrolle innerhalb des jeweiligen Momentes. Wenn wir in den internationalen Vergleich gehen: Konwitschnys bereits angesprochene Interpretation für Hamburg, in der er Octavian als Frau inszeniert hat und die Marschallin als suizidal in einem ausgestoßenen Begehren, war gerade nicht fluide in der Geschlechterdeutung. Sie war aber dichter dran an einer tagesaktuellen Debatte, in der gerade ein Konstrukt wie das Gesetz zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft (2001) die soziale Akzeptanz von nonkonformem Begehren in Deutschland zum Streitpunkt gemacht hatte. Eine weitere Produktion, die dicht an aktuellen Geschlechterdebatten war, wäre die bildlich eher konventionelle Produktion der Den Norske Opera in Oslo 2019 mit dem Mezzosopran Adrian Angelico in der Rolle des Octavian.11 Dieser Octavian war in der Anfangsszene mit weit geöffnetem Hemd inszeniert – so weit, dass man bei jeder Mezzosopranistin den meist für Hosenrollen eingesetzten Binder gesehen hätte, mit dem die Brust flachgeschnürt wird, um eine weibliche Körpersilhouette der Sängerin zu minimieren. Bei Angelico waren hingegen die Operationsnarben auf seiner Brust erkennbar. Das war ein Moment von Trans*-Sichtbarkeit, der Sehgewohnheiten – auch meine eigenen – herausgefordert hat und deutlich gemacht hat, wie sehr die Rezeptions- und Inszenierungsgeschichte hier immer implizit von zwei Frauen ausgegangen ist.

    Im Vergleich dazu sind die Salzburger Inszenierungen weniger Herausforderungen für die Sehgewohnheiten, auch wenn die Octaviane hier die Tradition eines ambivalenten Bildes fortführen, das immer noch mehr an die Skizzen Rollers – insbesondere an jene für die Rosenüberreichung – und an Eva van der Osten erinnert, und weniger an Garančas di Caprio-Mimikry. Die Salzburger Ästhetik trifft sich in dieser Ambivalenz aber mit Debatten zur Fluidität von Geschlecht ab den 1990er Jahren. Das ist eine interessante Koinzidenz, die ich so nur aus den Salzburger Produktionen kenne.

    Von heute aus wirkt die Hartmann/Karajan-Produktion – sowohl 1962 als auch 1983 – in dieser Hinsicht ambivalenter auf mich, weil die Männlichkeits-Performances, die Sängerinnen dort zugestanden wurden, weitaus jüngere und weniger selbstbewusste Figuren geschaffen haben als die Produktionen von 2004 oder 2014. Da erscheinen Koch und Kirchschlager in der Körpersprache dann schnell eindeutig männlich im Vergleich zur weniger eindeutigen Kodierung bei JURINAC oder Baltsa, wobei man die Historizität auch der Wahrnehmungskonventionen bedenken muss. Vielleicht können wir von heute aus eine historische „female masculinity“12 einfach nicht mehr hinreichend nuanciert erkennen.

    PIA JANKE: Wie bewertest du es, dass Herbert von Karajan 1983 die Inszenierung von 1960 quasi „wiederaufgenommen“ hat (nun mit Agnes Baltsa als Octavian)? Bedeutet so eine „Rekonstruktion“ zugleich unweigerlich auch eine Konservierung von Rollenbildern von vor 23 Jahren?

    ANKE CHARTON: Das ist eine Art Vexierspiegel. Auch wenn eine Konservierung intendiert gewesen ist, lässt sich das bei einer Generation Unterschied nicht hundertprozentig umsetzen. Aber ebenso wenig kann man diesem traditionellen Zopf – bis hin zum Zopf an der Octavian-Frisur – entkommen, wenn man ihn so wieder auf die Bühne stellt, selbst dann, wenn man das wollte. Ich würde die Wiederaufnahme 1983 als einen Versuch sehen, eine Idealversion – aus Karajans Perspektive – fortzuschreiben, die als Universal- und Musterproduktion gelten sollte wie davor die Roller-Ausstattung. Und die Rosenkavalier-Ausstattung ist traditionell eine sehr spezifische, in all ihrer Nostalgie; wirkliche Brüche mit dieser Tradition setzen in der Breite eigentlich erst mit den 1990er Jahren ein – sicherlich nicht mit der Hartmann/Karajan-Produktion.

    PIA JANKE: Wie hat sich deiner Meinung nach der Sängerinnen-Typus bei den Rosenkavalier-Aufführungen verändert, stimmlich, aber auch vom Aussehen und von der szenischen Präsenz her? Ich meine die Sängerinnen, die in diesen Inszenierungen den Octavian interpretiert haben, also Sena Jurinac, Agnes Baltsa, Angelika Kirchschlager und Sophie Koch.

    ANKE CHARTON: Das wäre schon Thema genug für einen eigenen Aufsatz, allein schon zu den Stimmen! Was die Geschlechterbilder betrifft, haben wir das bereits in Teilen diskutiert. Ich fange auch hier an mit den Gemeinsamkeiten: Was stimmlich auffällt, ist, dass Salzburg tendenziell etwas dunklere, schwerere oder dramatischere Stimmen eingesetzt hat – auch dann, als anderswo leichtere lyrische Mezzi für die Partie gecastet wurden.

    In dieses leichtere Klangbild passt am ehesten noch Kirschschlager 2004. Jurinac lässt sich sicher ähnlich fassen vom Stimmtyp, aber ihr dunkleres Timbre, das auch einen Zeitgeschmack abbildet, lässt aufhorchen. Koch hatte 2014 parallel bereits Schwereres wie etwa die Werther-Charlotte gesungen: auch lyrisch, aber mit etwas mehr dramatischem Gewicht. Das bemerkenswerteste Casting war sicherlich Baltsa, die Mitte der 1980er die Carmen einer ganzen Generation war. Also ebenfalls etwas schwerer und dramatischer im Klang, wobei Baltsa ihr Material im Rosenkavalier sehr klug und überzeugend einsetzt. Als ich die Aufnahme von 1983 das erste Mal gehört habe, hatte auch ich ihre Carmen im Ohr, und ich habe gestaunt, wie man sie diesem Octavian nicht anhört. Aber Carmen war natürlich nicht nur die Stimme, das war auch die Darstellung, für die Baltsa bekannt war: nah am Veristischen, auch exotisiert als Griechin in einem Opernbetrieb, der sich immer stärker an Westeuropa orientiert hat. 1984 hat Baltsa in Wien eine legendäre Carmen-Reihe gesungen, einige Monate nach diesem Rosenkavalier. Das Casting muss so gewirkt haben, als würde man heute Anita Rachvelishvili als Octavian casten: eine Sängerin, die mit dramatischem Repertoire und mit einer Performance exotisierter Weiblichkeit assoziiert wird. Dass das Image einer solchen Sängerin – wie damals Baltsa – keinen primär männlich gelesenen Octavian ergeben würde, wird Karajan klar gewesen sein.

    Alle Sängerinnen sind bei Karajan 1962 wie auch 1983 tendenziell statisch inszeniert. Die Octavian-Porträts haben wenig Maskulines. Auch die Marschallin und Sophie bleiben zurückgenommen und erobern sich Freiräume am ehesten in den individuellen sängerischen Qualitäten. Der Kontrast zu Kirchschlagers agilem, draufgängerischem Octavian 2004, der den Frauenkörper einfach überschreibt, könnte kaum größer sein. Sicherlich spielt dabei auch die Betonung des Militaristischen, mit Carsens Versetzung der Oper in den Ersten Weltkrieg, eine Rolle. 2014 ist der Octavian bei Koch dann einerseits maskuliner, aber andererseits auch femininer als frühere Interpretationen. Vor allen Dingen wirkt er älter. Das lässt sich sicher auch als Reflex auf die Genderdebatten seit den 1990er Jahren lesen, die eine größere Sichtbarkeit queerer, gender-nonkonformer und nicht-binärer Lebensentwürfe mit sich gebracht haben, die nun kein Novum mehr waren. Gender ist in der Inszenierung von 2014 für mich stärker verknüpft mit dem Abbau von Altersschranken und Altershierarchien und mir fällt bei Kupfer insgesamt eher die Klassenmarkierung auf: Octavian und die Marschallin sind eingesessene Upper Class, Sophie nicht. Das ist zentral.

    Gender ist dort nicht das entscheidende Thema, was zur gesellschaftlichen Entwicklung passt. Den Frauenkörper einer Sängerin auszustellen in einer Hosenrolle funktioniert nur, solange dies als Transgression wahrgenommen wird. Und eine solche Transgression ist Octavian doppelt: in Bezug auf Geschlechtsidentität und in Bezug auf Begehren, die sich mit Judith Butlers heterosexueller Matrix wechselseitig bedingen.13 Geschlechtszuweisung bedingt demnach ein genderspezifisches Begehren, dieses Begehren affirmiert im Zirkelschluss und Gegenzug das angewiesene Geschlecht. Und Octavian durchkreuzt diese Matrix, weil die Figur widersprüchlich kodiert ist. Sobald der zugrundeliegende Körper in seiner Geschlechtszugehörigkeit aber egal ist für die Interpretation, ist Octavian keine Chiffre für Transgression mehr.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Kostüme des Octavian in diesen Inszenierungen – wird hier und wenn, in welcher Inszenierung wie, bewusst mit Ambivalenzen gespielt?

    ANKE CHARTON: Wie bewusst hier Ambivalenzen gesetzt wurden, lässt sich schwer überprüfen. Nehmen wir das Auftrittskostüm im Film von 1962 bei Jurinac, mit Seidenstrümpfen, schmal geschnittenem Pop-Over Hemd und Pumps: Das ist noch dicht an Roller. Die Seidenstrümpfe und die Pumps werden dann nahtlos in das Mariandl-Kostüm integriert, das ist schon eine bewusst gesetzte Überschneidung, die Jurinac als Frau ausstellt. Auffällig ist aus heutiger Sicht insgesamt die Flächigkeit der Kostüme, die stark entsexualisierend wirkt; die Körper sind Ausstellungsstücke, keine Akteure. Der Reitanzug am Ende des ersten Aktes ist hochgeschlossen und sehr steif, es gibt keine Unordnung, keine Falten. Der Gehrock für die Rosenüberreichung mit seinen ausgestellten Schößen erinnert in seiner Geometrik an Schlemmers Triadisches Ballett; das Mariandl-Kostüm in dritten Akt ist adrett und maßgeschneidert auf die Sängerin hinter dem Octavian. Geschlechter-Ambivalenzen entstehen hier nur durch ihre versuchte Vermeidung.

    1983 ist der interessante Versuch, etwas als universales Erbe zu setzen, was natürlich aus der Zeit gefallen war, auch in den Kostümen. Sie sind weniger steif, haben weniger Rüschen, weniger Schulterpolster, aber sind immer noch der Ausstattung von 1960 verpflichtet. Der weichere Fall der Stoffe erlaubt natürlichere Bewegungen und stellt diese entsprechend auch mehr aus, weswegen die Körper der Sängerinnen wahrnehmbarer werden. Tomowa-Sintow, bei aller inszenierten Statik, agiert viel flüssiger als Schwarzkopf zu Beginn, was sicherlich auch an den Kostümen liegt.

    2004 gibt es im Vergleich dazu sehr viel mehr Haut. Trotzdem ist Octavian dort nicht mehr automatisch als Frauenkörper lesbar. Mit Carsen kommt die derzeit typische „Octavian-Uniform“ für die erste Szene der Oper in Salzburg an: Boxershorts, offenes Hemd oder Unterhemd, bloße Beine und sicherlich keine Pumps. Das ist eine Bewegung weg von der früheren Stilisierung und hin zu einem gegenwärtigen Filmrealismus im Schauspielen, auch in der Oper. Die Octavian-Inszenierung ist 2004 insgesamt bewusst männlich; ab dem Ende des ersten Aktes tritt Octavian beispielsweise nur noch in Militäruniform auf, die auf eine maskuline Silhouette hin geschnitten ist.

    2014 sieht das wieder anders aus, dezidiert nicht militaristisch und auch nicht bewusst maskulin. Zwar gibt es für Octavian eine Rocker-Lederhose, das offene Hemd und sogar hingekämmte Koteletten, aber zum Beispiel keine Perücke – übrigens auch nicht für Sophie, die hier in schmalen, dünnen Kleidern auftritt. Einzig die Marschallin bewahrt, trotz fließender Stoffe, eine mondäne Distanz. Das zeigt sich schön in den pelzbesetzten Ärmeln des Morgenrocks gleich zu Anfang. Kupfers Produktion geht insgesamt weg aus dem Rokoko, aber auch weg aus den 1910er Jahren der Vorgänger-Inszenierung. Die Kostüme passen zur Freiheit der fast leeren Bühne, die lediglich über Großfotografien Räume skizziert, Imaginationen eines nicht näher datierten, nostalgischen Wien. Am stärksten wirken diese weichen Kostüme für mich bei der Rosenüberreichung, die so wie eine englische Gartenparty ganz in Weiß wirkt. Das ist ein sehr fluides Bild, und es lässt auch den Octavian sehr nonchalant changieren zwischen möglichen Zuschreibungen von Gender.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen ähnlich oder unterschiedlich mit dem Beginn der Oper um, hier befinden sich ja, könnte man sagen, zwei „Frauen“ nach einer gemeinsamen Liebesnacht im bzw. vor dem Bett?

    ANKE CHARTON: Da komme ich für den breiteren Kontext noch einmal auf Chamberlains Verbot des Betts im ersten Akt zurück. Chamberlain hatte die zwei „Frauen“ ohne die von dir gesetzten Anführungszeichen wahrgenommen und wollte keine Homosexualität auf der Bühne – selbstredend auch keine männliche, was sich im dritten Akt nur mit einer Frau als Octavian lösen lässt. Die Beisl-Szene wirkt z.B. mit einem Sänger wie Adrian Angelico ganz anders, weil das Publikum nicht auf einen sichtbar darunterliegenden Frauenkörper rekurrieren kann; wir sehen also zwei Männer in einem intimen Setting. Auch Otto Hödels Argumentation, dass ein Sänger als Octavian mit Blick auf die Szenen mit der Marschallin im ersten Akt und mit Ochs im dritten Akt „geschmacklos“14 wäre, verweist auf diesen Punkt, macht aber darüber hinaus erneut klar, dass die Hosenrolle als sexuell unbedrohlich und passiv an einen Frauenkörper gebunden war.

    Darstellungen weiblicher Homosexualität taugen im westlichen Kulturbetrieb inzwischen nicht mehr als Aufreger – zumindest nicht in dieser Weise, in der etwas Verbotenes sichtbar gemacht wurde. Insofern haben die Produktionen von 2004 und 2014 keine szenischen Antworten auf ein gesellschaftliches Stigma finden müssen. Hier ist wiederum die Verfilmung der Hartmann/KarajanProduktion von 1962 interessant, die durch die Nähe der Kamera schon in der Eingangsszene zwei Frauenkörper mittleren Alters gemeinsam im Bett zeigt15; Make-Up und Frisuren tragen hierzu bei (als ich den Film um 2000 herum zum ersten Mal sah, musste ich an Lisa Kokins Sexual Deviations denken, die Edward Lucie-Smith zitiert: als dezidiert nicht queer kodierte Frauenfiguren im Stil der 1950er, die durch die Anordnung in einem Näheverhältnis plötzlich umkodierbar werden).16 Ich vermute, dass diese Sichtbarkeit in keiner Weise beabsichtigt war, die Übersetzung einer Opernbühnensprache in eine Kamerasprache findet an dieser Stelle einfach nicht statt;17 die Distanz zur Bühne im Großen Haus in Salzburg war vor der Studiokamera nicht gegeben. Die Dokumentation der „Universalproduktion“ von Hartmann/Karajan – die einleitenden Untertitel betonen die Wichtigkeit dieser Aufzeichnung für die Nachwelt – enthält somit ein Einsprengsel queer lesbarer Frauen- und Geschlechterdarstellung, das für stigmatisierte queere Frauen der 1960er und 1970er ein rarer Moment sozial akzeptierter Sichtbarkeit im Mainstream gewesen sein wird.

    Für queere Frauen ist der Rosenkavalier aber bereits seit der Uraufführung eine häufige Chiffre der Verständigung, die in der New Musicology ab den 1990er Jahren in der wissenschaftlichen Debatte offen thematisiert wurde, so z. B. bei Koestenbaum, Reynolds, Castle oder Pearl.18 Das war ein spezifisches Einschreiben in eine Wissenschaftstradition, bei dem sich gut beobachten lässt, wie eine stigmatisierte Perspektive zur Forschungsperspektive wird. Margaret Reynolds stellt etwa ihrem Aufsatz zur Hosenrolle von 1995 z.B. eine kurze, nicht weiter kontextualisierte Anekdote voraus, die folgendermaßen beginnt: „Some time since I knew a woman I desired. We were friends. We were polite.“ In ihrem Bestreben, das eigene, queere Begehren zu artikulieren – „to make her understand“ – ist Reynolds’ Lösung folgende: „[…] so I invited her to Der Rosenkavalier.“19 Monica Pearl, die sich auf Reynolds bezieht, erzählt eine ähnliche Anekdote: „I also once attended a production of Der Rosenkavalier with someone by whom I was beguiled.“ Diese Person – Pearl beschreibt „her glamour and allure: her dress, her mastery of the heels she was in, her décolletage, her magnificent lipsticked mouth, her noble carriage” – antwortet in der Pause auf Pearls Frage, warum alle anderen sie beide anschauen würden, mit „because we are the alternative ending“. Sie meint damit, so Pearl, einen Ausgang, in dem Octavian sich gegen die heteronormative Reproduktionslogik der Ehe mit Sophie und für den von dir angesprochenen „fluiden Zustand“ in der damals noch als transgressiv verstandenen Beziehung mit der Marschallin entscheidet.20

    Ein Bewusstsein für diesen queeren Subtext ist Teil der Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier, von Mary Gardens früher Weigerung, die Partie des Octavian zu übernehmen,21 bis hin zu Kiri Te Kanawas (zu deren Paraderollen die Marschallin gehörte) Urteil in den frühen 1990ern, dass die Rolle der Marschallin dann annehmbar sei, wenn die ersten fünf Minuten, die man mit einer anderen Frau im Bett verbringe, überstanden seien.22

    Wenn man die Salzburger Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier in Bezug auf diesen Subtext in den Blick nimmt, ist die 1962er-Verfilmung ein schiefer Vergleich, weil es sich nicht um eine Bühnenabfilmung, sondern um einen nachproduzierten Film unter Studiobedingungen handelt. Wenn Terry Castle etwa ein „fleeting physical embarrassment that mars Sena Jurinac’s otherwise perceptive performance“23 in der Eingangsszene bemängelt, stellt sich die Frage, ob sie das im Großen Festspielhaus im Zuschauerraum ähnlich wahrgenommen hätte. Wegen des Blockings für die Kamera wirkt diese erste Szene in der Verfilmung ohnehin sehr statisch, mit wenig Bewegung. Wir sehen zwar zwei Frauen mittleren Alters in einem Bett für den ganzen ersten Dialog, aber ihre Körper werden gegenüber ihren Stimmen ausgeblendet. Schwarzkopfs Marschallin bleibt nahezu regungslos, die Close-Up-Einstellung behält nur die Oberkörper im Bild, beide Sängerinnen sind vollständig bekleidet und frisiert. Die Regiesprache der Zeit mit ihrer Orientierung an der Rampe (das sogenannte „Park and Bark“) und die typisch manierierte Spielweise Schwarzkopfs verstärken diesen Eindruck noch. Eine flüssigere Interaktion findet eigentlich erst dann statt, wenn beide Protagonistinnen das Bett verlassen haben – und auch das sieht dann aus heutiger Perspektive eher aus wie zwei Bekannte beim Nachmittagskaffee als wie, mit Žižek, ein „Morgen danach“24.

    Der Bruch in den Darstellungs- und vor allem in den Wahrnehmungskonventionen zwischen 1962 und 1983 – dazwischen liegen u.a. die 1968er-Revolution und die zweite Frauenbewegung – ist interessant in Hinblick auf diesen Subtext, der 1983 offensichtlich vermieden werden sollte. Ob das aufgeht, ist eine andere Frage. Es gibt ein Bett auf der Bühne, aber die Marschallin sitzt, wenn der Vorhang sich nach der Programmmusik des Vorspiels hebt, auf einer neu eingefügten Chaiselongue. Octavian kniet davor, erneut in Strümpfen und Pumps zum hochgeschlossenen Hemd mit Kniehose. Das Video von 1983 ist eine Bühnenabfilmung, die gerade bei Karajan stets deutlichen Blicke zum Dirigentenpult dominieren die Bewegungen, aber trotzdem ist ihr Radius größer, weniger stilisiert und insgesamt energetischer, was bei Baltsa allgemein ins darstellerische Profil passt genauso wie die größere Ruhe bei Tomowa-Sintow. Was mir sehr auffiel beim erneuten Sichten der Produktion für dieses Gespräch, sind Baltsas feminin manikürte Fingernägel, die sie in den Close-Ups als weiblich markieren; da würden inzwischen andere Konventionen greifen.

    Die als sehr jung und der Marschallin klar untergeben gezeichnete Octavian-Figur, die sparsamen Bewegungen, die ausgeblendeten Körper und das 1983 gar nicht bespielte Bett werden dann 2004 mit viel Verve ins Gegenteil verkehrt. Auf der zunächst dunklen Bühne ist nur das große, mittig platzierte Bett beleuchtet, in dem die Marschallin und Octavian sitzen – die Marschallin mit bloßen Schultern, bis zur Frühstücksszene nur mit einem Bettlaken bekleidet. Daneben Octavian mit offenem Hemd überm Unterhemd, Boxershorts und bloßen Beinen, eine „Zigarette danach“ rauchend. Auch auf eine Perücke verzichtet die Ausstattung bei Octavian; stattdessen sind die längeren Haare der Sängerin mit Seitenscheitel zu einer Kurzhaarfrisur gesteckt. Ob wir hier zwei Frauen sehen oder eine Frau und eine zweite Person, ist eine Frage an unsere Wahrnehmung.

    In der Darstellung gibt es 2004 insgesamt eine viel größere Freiheit, was auch einen Wechsel im Regie- und Dirigierverständnis illustriert. Die Interaktion zwischen beiden Sängerinnen ist an eine gegenwärtige Alltagkörpersprache angepasst. Die erste Szene ist intim, verspielt und leidenschaftlich gestaltet; sie funktioniert nicht mehr über Posen und stilisierte Gesten, sondern über Berührung und Kommunikation. Es gibt keine Intention seitens der Regie, das Bett auszublenden oder die Sängerinnen möglichst rasch daraus zu entfernen, im Gegenteil: das Bett ist – dann auch im dritten Akt wieder – zentraler Schauplatz der Handlung. Hinzu kommt, dass die Körperlichkeit der Sängerinnen bewusst ausgestellt und bejaht wird. So tauscht die Marschallin auf offener Bühne, hinter einem von Octavian als Paravent hingehaltenen Hausmantel, das Bettlaken mit dem Morgenrock; die Szene ist nicht gegen, sondern für diese Körper angelegt, die für die Erzählung wichtig werden.

    Diese Haltung wird 2014 wieder revidiert, hin zu mehr Distanz. Der Eingangsmoment bei Kupfer zeigt linksseitig im Zimmer ein Bett, während die Marschallin rechtsseitig auf dem Flur in einen Spiegel schaut, in einen Morgenrock gekleidet, dessen schon erwähnte Pelzmanschetten den Eindruck eines Straßenmantels erwecken. Octavian steht vor dem Bett, gerade dabei, sich die Hose zuzuknöpfen, um dann sein Hemd zu greifen. Im Bett befindet sich hier niemand. Trotzdem ist auch hier, auf der sparsam dekorierten Bühne, eine Alltagskörpersprache präsent. Die Figuren wechseln häufig die Positionen, sie laufen mit Ungezwungenheit umher, setzen und legen sich auf den Boden. Trotz der anfrisierten Koteletten wirkt der Octavian von Sophie Koch, bei dem die Ausstattung wie 2004 ebenfalls auf eine Perücke verzichtet hat, wie eine Frau mittleren Alters, die weder dieses Alter noch ihre Geschlechtszugehörigkeit durch eine aufgesetzte Männlichkeitsperformance übertünchen muss, um als Octavian zu funktionieren. Ob hier zwei Frauen sichtbar sind oder eine Frau und ein Mann oder eine Frau und eine nicht festgelegte zweite Person, hängt erneut von unseren eigenen Wahrnehmungskonventionen ab.

    PIA JANKE: Wie wird die Verkleidung von Octavian zur Kammerzofe Mariandl, also des von einer Sängerin dargestellten Mannes in eine Frau (und wieder zurück) gelöst?

    ANKE CHARTON: In der Verfilmung von 1962 sehen wir diesen Umzug nicht. Ein vollständig bekleideter Octavian verschwindet im Wandschrank und kommt in einem vollständigen Kammerzofen-Dirndl wieder heraus. Die Bewegungen von Sena Jurinac sind danach nicht aufgesetzt männlich: sie spielt zwar ein Unbehagen gegenüber Ochs, aber sie spielt dieses Unbehagen nicht als Mann. Es gibt keine unvollständige Schichtung einer Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance, die sichtbar bleiben würde. Dasselbe gilt für den dritten Akt, für den Octavian bereits im Kleid auftritt, das auf den Körper der Sängerin maßgeschneidert ist und dementsprechend Sena Jurinac als Frau ins Bewusstsein rückt.

    1983 wiederholt sich diese Verschiebung: Das Mariandl-Kleid betont die Sängerin mit Dekolleté und Haube auf den Haaren – und man muss sich nochmal in Erinnerung rufen, dass das Publikum Baltsa 1983 vor allen Dingen mit einer körperbetonten Carmen-Darstellung assoziiert hat – und ist keine brüchige Performance von Weiblichkeit. Mariandl ist hübsch, sehr mädchenhaft, sie wird nicht lächerlich gemacht, auch nicht mit Ochs in der Beisl-Szene. Baltsa spielt im ersten Akt keinen Mann unter der Verkleidung, im dritten Akt hingegen schon, zumindest in Ansätzen. Diese Verschiebung in der Körpersprache würde deine Eingangsthese der Bewegung vom Fluiden in die Eindeutigkeit stützen.

    2004 markiert auch Mariandl einen deutlichen Bruch, allerdings sind Verkleidungen generell ein Thema der Inszenierung. Das fängt damit an, dass sich Octavian noch in der ersten Szene zum Spaß als Feldmarschall verkleidet – ein Rollenspiel, auf das die Marschallin nicht einsteigen mag – und setzt sich im Umzug der Marschallin vom Bettlaken in den Morgenmantel, der ihre soziale Stellung markiert, fort. Das Mariandl-Kostüm ist hier offensichtlich von Octavian rasch im Kleiderschrank improvisiert worden: ein umgebundenes Hemd als Schürze, ein BH als Häubchen. Kirchschlager spielt hier deutlich einen Mann unter einer instabilen Performance von Weiblichkeit, z. B. indem ausgestellt wird, dass Octavian auf den Absätzen der schicken Pantoffeln, die er sich aus dem Kleiderschrank geholt hat, nicht laufen kann.

    Carsens Produktion nimmt das Mariandl als Performance trotzdem ernster als die Vorgänger-Inszenierung: Octavian hat hier Spaß an der Verkleidung, an der Wirkung auf Ochs, aber auch an der fortgesetzten Wirkung auf die Marschallin, die die Verkleidung als für sie attraktiv anspielt und sich mit Ochs eine kleine Eifersüchtelei liefert um Octavians Aufmerksamkeit und körperliche Verfügbarkeit. Insofern ist Mariandl hier eine Maskerade von vielen, wird aber auch als eine weitere Schicht akzeptiert: alle Geschlechterzuschreibungen, so scheint es hier, sind nur Zuschreibungen, die immer wieder neu überschrieben werden können.

    Im dritten Akt tritt Octavian zunächst in Militäruniform auf. Carsen versetzt den Akt in ein Bordell, in dem alle Prostituierten – zu denen auch der Wirt als Madame zählt – als Frauen auftreten, aber nicht alle cisgeschlechtlich markiert sind. Octavian wird erst in diesem Setting als Prostituierte verkleidet; als er in diesem Kostüm wieder auftaucht – auch hier spielt Kirchschlager den Mann darunter mit –, wird dies bewusst ausgestellt, als Drag mit Perücke, und entsprechend von den anderen Anwesenden kommentiert.

    Das im Kleiderschrank hastig improvisierte Mariandl-Kostüm gibt es auch 2014: Das übergeworfene Kleid sitzt schlecht, Octavian wirkt in ihm männlicher als vorher. Ein Mariandl ist nur momentweise präsent; Koch stellt mehr den Octavian darunter aus. Dies zeigt sich auch in der fortgesetzten Interaktion mit der Marschallin, die den Fokus etwas wegnimmt von Ochs, der nicht mehr so selbstverständlich als Hahn im Korb gesetzt ist.

    Das Mariandl im dritten Akt ist bei Kupfer weniger adrett und wirkt, trotz nun passendem Kleid, abgerissener. Octavian tritt wie bei Hartmann/Karajan bereits in diesem Kleid auf, spielt aber auch hier, wie 2004, die Kostümierung als brüchig mit – es wird weniger eine Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance an einem Sängerinnenkörper gelegt, als dass die Bruchstellen dieser Performances thematisiert werden. Vielleicht ist das eine Fluidität, bei der es eine konsequente und eindeutige Geschlechterinszenierung nicht mehr braucht?

    Am Mariandl kann man den Umgang mit Genderfluidität in Bezug auf Octavian immer recht gut ablesen: ob Mariandl beispielsweise als unbeholfener Drag Act lächerlich gemacht wird, bei dem der Aristokrat Octavian in seinem Roller-Seidenhemd plötzlich geht wie ein Stallknecht, oder ob Mariandl Charme und Anmut zugestanden werden, die den Sängerinnenkörper als weiblich gelesen in den Vordergrund stellen, so wie 1962 und 1983. Und dann ist eine weitere Frage, wie die Marschallin mit diesem Mariandl umgeht – wird die Kostümierung als lächerlich oder als für sie attraktiv inszeniert? Die erste Mariandl-Sequenz kann hier ein sehr binär-normatives oder aber ein sehr queeres, fluides Geschlechterbild etablieren für eine Inszenierung.

    PIA JANKE: Wie wird ähnlich oder unterschiedlich mit der Figur des Octavian bei der Rosenüberreichung umgegangen – erscheint er hier als „geschlechtsloser“ Engel in größter Künstlichkeit oder als Sängerin, die einen Mann spielt, oder als dezidiert männlich konnotierter Brautwerber?

    ANKE CHARTON: Ich würde sagen, dass diese drei Ansätze durchaus kombiniert erscheinen, aber mit einer generellen Tendenz zum Engel. Wenn man den Roller-Entwurf für das Kostüm zur Rosenüberreichung betrachtet, könnte die Figurine in anderer Bekleidung auch als eine Klimt-Judith durchgehen, ganz im Geist der Zeit; eine Ambivalenz ist hier in jedem Fall von Anfang an mitgedacht.

    Die Oskar-Schlemmer-Ästhetik in den steifen Formen der Kostüme von 1962 hatten wir bereits erwähnt, Jurinac kommt dem Bild des geschlechtslosen Engels hier auch in der Statik sehr nahe. Zusammen mit den Rokoko-Perücken ergibt sich eine Spielkartenästhetik, die 1983 sehr exakt wieder aufgenommen wird – allerdings mit größeren Abständen zwischen den Figuren, vielleicht um Berührungen zu vermeiden, weil sich die Statik von 1962 nicht mehr umsetzen ließ angesichts veränderter Bühnensprache.

    2004 gab es dann den Auftritt hoch zu Ross – nicht wie im Libretto angegeben in der Kutsche – mit Octavian in Galauniform auf einem echten Pferd; das ist von den vier hier angesprochenen Interpretationen sicherlich am ehesten der „dezidiert männlich konnotierte Brautwerber“. 2014 hingegen ist Octavian mehr ein Dandy auf der schon erwähnten englischen Gartenparty. Das Rosenkavalier-Kostüm ist nicht steif im Schnitt, die Stoffe sind fließend. Kochs Octavian wirkt hier nicht wie der emblematische Spielkartenpage, wird aber auch nicht als kostümierte Frau ausgestellt wie etwa Liliana Nikiteanu in Hamburg 2002 als Marlene-Dietrich-Hommage mit Zylinder. Der Salzburger Octavian 2014 sieht entspannt aus wie ein Mann und wie eine Frau, gleichzeitig – als stünde hier eine Sängerin, die nicht unsichtbar gemacht werden muss, um einen überzeugenden jungen Mann darzustellen. Das allerdings kann auch einfach ein Reflex meiner eigenen Wahrnehmungskonventionen sein. Sophie Koch hatte die Partie wenige Jahre zuvor mit Herbert Wernicke für Baden-Baden erarbeitet, 2009. Da gab es übrigens den Zylinder zur Rosenüberreichung, aber Kochs Octavian war dort jugendlicher, jungenhafter und impulsiver angelegt als die elegische Figurenzeichnung in Salzburg 2014.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen mit dem Schluss der Oper und mit Octavians Bestimmung als Mann und seinem Abschied von der Marschallin bzw. mit dem Abschied der Marschallin von ihm als ihrem jugendlichen, genderfluiden Liebhaber um?

    ANKE CHARTON: Es gibt diesen klassischen Aufbau für das Schlussterzett: die Marschallin auf der einen Seite, Sophie auf der anderen, Octavian in der Mitte, und er bewegt sich erst etwas zur einen und schließlich gänzlich zur anderen Seite. Dieser Aufbau findet sich auch im Film von 1962 und er ist natürlich auf der Bühne im Großen Festspielhaus sehr wirkungsvoll. Auffällig ist, dass Octavians Interaktion mit Sophie 1962 flüssiger und mit geringeren Abständen geschieht als die mit der Marschallin, was aber sicherlich auch an dem liegt, was die Spielpartnerinnen Jurinac in der Situation jeweils angeboten haben.

    Dieser Abschied von der Marschallin und der Übergang in die Männerrolle an der Seite Sophies, die du ansprichst, wird traditionell im berühmten Handkuss vor dem finalen Abgang der Marschallin kondensiert, bei dem die Marschallin dann laut Regieanweisung die Hand wegziehen muss und Octavian somit auch die Entscheidung abnimmt. Diesen Moment gibt es auch im Film, in einer Bildsprache, deren Vermitteltheit wir inzwischen gar nicht mehr zur Verfügung haben. Wir haben diese Differenz zwischen Alltagskörperlichkeit und einer offen stilisierten Bühnensprache nicht mehr, in der dieser Moment so eine Symbolwirkung entfalten konnte. 1983 hat sich die Körpersprache hier schon verändert, was aber auch an Baltsas schauspielerischer Arbeit liegt, die den Octavian hier weniger sanft und am Ende auch weniger unentschlossen darstellt, auch wenn die Schlussszene insgesamt sehr traumwandlerisch angelegt ist, mit Sophie und Octavian immer noch als Spielkartenpaar: sehr jung und niedlich, sehr entsexualisiert und engelhaft.

    2004 verändert sich dieser Abschied vor allen Dingen dadurch, dass das Altersstigma verschwunden ist, welches den Wechsel Octavians von der älteren zur jüngeren Frau als soziale Erwartung markiert hatte. Es ist kein Stigma mehr, dass die Marschallin älter ist als Octavian oder dass sie verheiratet ist. Es geht auch nicht mehr um eine Machtposition Octavians als Mann gegenüber einer Frau, die er dominieren muss, um einem Männlichkeitsbild zu entsprechen.

    Bei Carsen ist die Marschallin in der Schlussszene eifersüchtig und verletzt (was zur Nähe in der Liebesbeziehung im ersten Akt passt), Sophie ist viel selbstbewusster und eigenständiger. Octavian wirkt in dieser Produktion hier am Ende zum ersten Mal jung und hilflos zwischen den beiden Frauenfiguren, aber trotzdem findet keine symbolische Übergabe statt; der berühmte Handkuss des „sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich“25 ist gestrichen. Octavian ist stattdessen in einen Kuss mit Sophie vertieft und bemerkt die Marschallin nicht einmal mehr, die dann rasch und verletzt abgeht: ein harter Schnitt statt eines schwebenden Abschieds. Dazu passt auch das letzte Bild, in dem der Feldmarschall den Ersten Weltkrieg an das Bett bringt, auf dem Sophie und Octavian miteinander liegen. Vielleicht ist dieser Gegensatz von Liebe und Krieg aber auch ein Appell gegen eine weitere Vermännlichung Octavians? Ob er ihr entkommen könnte, ist eine andere Frage.

    Bei Kupfer 2014 ist Octavian auch am Ende wesentlich erwachsener und gefasster, die Marschallin souverän und amüsiert. Krassimira Stoyanovas Marschallin wirkt nicht so verletzlich wie Pieczonkas 2004, aber keineswegs so ätherischentsagungsvoll wie SCHWARZKOPFS 1962. Der nonchalante Umgang mit Gender eignet sich nicht für finale Fixierungen – die Marschallin steht zum Terzett im Morgennebel unter einem Baum im Prater, Sophie sitzt auf einer Bank, Octavian kniet daneben, noch halb der Marschallin zugewandt. Das Alter der Sängerinnen markiert Octavian und die Marschallin stärker als einander zugehörig, was sich in der Klasseninszenierung spiegelt. Dies löst sich erst nach dem Abgang der Marschallin auf; im Schlussduett wirkt sogar der vorher eher blasierte Octavian jünger und begeisterter als vorher. Die Marschallin, die abschließend im Wagen vom Chauffeur am neuen Paar vorbeigefahren wird, schaut sich auch hier nicht mehr um: „ist halt vorbei“.26

    Insgesamt ist die Inszenierung von 2014 für mich aber ein Rückschritt im Vergleich zu 2004, in ihrer Loslösung aus sozialen Debatten und in ihrer Verlagerung ins Unbestimmte und Nostalgische, was sich aber vielleicht länger im Repertoire halten lässt.

    PIA JANKE: Inwieweit ist die Forschung gefordert, sich mit solchen, bislang kaum beachteten Fragen in Hinblick auf die Salzburger Festspiele und Aufführungen, die hier stattgefunden haben, auseinanderzusetzen? Was wären hier wichtige Desiderate der Forschung?

    ANKE CHARTON: Die Karajan-Ära liegt inzwischen weit genug zurück, hat aber noch so viele Zeitzeug*innen aufzubieten, dass sie gut beforschbar sein sollte. Generell denke ich, dass wir uns in der Forschung von der Hermeneutik der Aufführungsanalyse wegbewegen müssen, wenn es um die Festspiele geht, und dass wir Fragen der Aufführungsanalyse und der Stimmenforschung vor allen Dingen mit historischer Diskursanalyse, Zeitgeschichte und auch einer Geschichte der Emotionen, wie beispielsweise Ute Frevert sie vorschlägt,27 verknüpfen müssen.

    PIA JANKE: Was ist deiner Meinung nach von den Salzburger Festspielen selbst in Hinblick auf unsere Themenstellung zu tun und zu ändern?

    ANKE CHARTON: Pauschal würde ich sagen: eine größere Diversität und flachere Strukturen in Entscheidungsgremien, im Casting, in den eingeladenen Regiehandschriften. Dazu mehr Vielfalt in der Flagship-Programmierung, mehr Neuentwicklungen und Bearbeitungen. Aber ich muss einschränkend hinzufügen, dass ich eine Professur für Theaterwissenschaft habe, nicht für Kulturmanagement. Meine Perspektive ist eine kulturwissenschaftliche, keine betriebswirtschaftliche und auch keine dramaturgische. Wenn ich primär an Auslastung denken müsste, würde ich das vielleicht weicher formulieren, aber ich würde dem Publikum hoffentlich mehr zutrauen, insbesondere im Musiktheater.

    Vor allen Dingen wäre dies aber eine Frage für die Salzburger Festspiele selbst. Der erste prägende Eindruck der Festspiele auf mich waren nicht die Glocken am Domplatz oder die Mozart-Rezeption oder die ganz eigene Rosenkavalier-Tradition, sondern das Drop-Down-Menü im Bestellvorgang, in dem die Liste möglicher Titel, die ich für mich selbst angeben konnte, vermutlich die Titelliste aller Rofranos und Werdenbergs zusammen übertroffen hat. Und das hat natürlich intersektional auch mit Geschlechterbildern zu tun, aber vor allen Dingen mit der Inszenierung sozialer Milieus. Und dann wäre für mich die Frage, wen ich als Publikum haben möchte oder wen ich als Publikum dazugewinnen möchte und wie ich die Selbstinszenierung des Publikums rahmen oder auch herausfordern will. Und da ist die Diskussion von Geschlechterbildern jenseits tradierter Muster sicherlich ein Aspekt, der ein engagiertes Publikum außerhalb imaginierter Marketing-Schienen ansprechen kann – gerade auch im Rosenkavalier.


    Anmerkungen

    1. Vgl.: Grotjahn, Rebecca / Schmidt, Dörte / Seedorf, Thomas (Hg.): Diva – die Inszenierung der übermenschlichen Frau: interdisziplinäre Untersuchungen zu einem kulturellen Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts. Schliengen: Ed. Argus 2011 (= Forum Musikwissenschaft 7). ↩︎
    2. Vgl.: Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro. DVD. Hamburg: Deutsche Grammophon 2007. ↩︎
    3. Vgl.: Kaegi, Gabriela: Non so più, cosa son… In: Rauch, Bruno (Hg.): Welche Wonne, welche Lust. Ein anderes Opernbuch. Zü rich: Verlag Neue Zü rcher Zeitung 2001, S. 87-100, S. 93; Charton, Anke: prima donna, primo uomo, musico. Körper und Stimme: Geschlechterbilder in der Oper. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012 (= Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung 4), S. 302. Zur Bettenpolitik auf der Bühne vgl. Lazardzig, Jan: „Non admittitur“. Betten-Dramatik aus dem Archiv der Wiener Polizei. In: Hulfeld, Stefan (Hg.): Unerhörte Theatergeschichten. Ein Lesebuch. Wien: Hollitzer 2022, S. 153-170. ↩︎
    4. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 235-397. ↩︎
    5. Vgl.: Sow, Noah: weiß. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, S. 190-191. ↩︎
    6. Vgl.: Sow, Noah: Schwarz. Ein kurzer vergleichender Begriffsratgeber für Weiße. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast-Verlag 2015, S. 608-610. ↩︎
    7. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. DVD. GB: Poetic Films 1962. ↩︎
    8. Vgl.: Käch, Hugo: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Sony Classical 1983. ↩︎
    9. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. USA: ORF/ARTE/Salzburger Festspiele/TDK 2004. ↩︎
    10. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Unitel Classica/c major 2014. ↩︎
    11. Vgl.: Charton, Anke: Voicing Challenge: Trans* Singers and the Performance of Vocal Gender. In: Kohl, Marie-Anne (Hg.): Under Construction. Performing Critical Identity. Basel: MDPI 2020 (= State of the Arts. Reflecting Contemporary Culture Expression 1), S. 107-125. ↩︎
    12. Halberstam, Jack (ehem. Judith): Female Masculinity. Durham: Duke University Press 1998. ↩︎
    13. Vgl.: Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 68-122. ↩︎
    14. Zit. n.: Charton, Anke: prima donna, S. 296-300. ↩︎
    15. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. ↩︎
    16. Vgl.: Lucie-Smith, Edward (Hg.): Ars erotica. München: Heyne 1998, S. 121. ↩︎
    17. Bezeichnenderweise besetzt der Stummfilm von 1925 Octavian mit einem Schauspieler, Jacque Catelain (Vgl.: Wiene, Robert: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Pan-Film 1926). ↩︎
    18. Vgl.: Koestenbaum, Wayne: The queen’s throat: opera, homosexuality and the mystery of desire. New York: Poseidon Press 1993; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, Cherubino’s Distractions. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera. New York: Columbia University Press 1995, S. 132-151; Castle, Terry: In Praise of Brigitte Fassbaender. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera, S. 20-58; Pearl, Monica B.: Bliss: Opera’s Untenable Pleasures. In: Stacey, Jackie / Wolff, Janet: Writing Otherwise: Experiments in Cultural Criticism. Manchester: Manchester University Press 2013, S. 153-68. ↩︎
    19. Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S. 132. ↩︎
    20. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164. ↩︎
    21. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 302; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S.144. ↩︎
    22. Vgl.: Matheopoulos, Helena: Diva. Great Sopranos and Mezzos Discuss Their Art. Boston: Northeastern University Press 1992, S. 215. ↩︎
    23. Castle, Terry: In Praise, S. 46. ↩︎
    24. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164-165. ↩︎
    25. Strauss, Richard: Der Rosenkavalier op. 59. Partitur. Akt III, 3 Takte nach Ziffer 244. ↩︎
    26. Ebd., 3 Takte nach Ziffer 289. ↩︎
    27. Vgl.: Frevert, Ute: Gefühle in der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 245). ↩︎

    ANKE CHARTON

    Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in Leipzig, Bologna und Berkeley. Forschungsaufenthalte in Spanien und den USA. Lehrtätigkeiten am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Vorträge und Publikationen, u.a. zu Musiktheater und Gesangsgeschichte, Theaterhistoriographie, kulturhistorischer Geschlechterforschung und intersektionalen sowie dekolonialen Perspektiven. 2020-23 Forschungsprojekt Practices and Projections: New perspectives on Siglo de Oro Theatre.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Play it Again, Herbert

    Play it Again, Herbert

    Die Präsenz von Herbert von Karajan bei den Salzburger Festspielen wird durch zahlreiche, manchmal paradoxale Dualitäten geprägt. Gleichzeitig als Diktator und dennoch geliebt, unverzichtbar aber kontrollierend, war er auch in gewisser Weise der „Jedermann“ des Festivals: Karajan schien überall zu sein, alles zu tun, jede Rolle zu erfüllen, die ganze Zeit.1 Trotz des drohenden Schattens seiner frü­heren NSDAP-Verbindungen, die zu einem Dirigierverbot bis 1947 führten und die seinen internationalen Ruf bis heute trüben, wandte Salzburg mit seiner Rück­kehr ans Dirigentenpult im Jahr 1948 schnell das Blatt.2 Karajan dirigierte nicht nur insgesamt 247 Opern und 90 Konzerte bei den Festspielen – zwischen den Os­terfestspielen und dem Sommerfestival – in seinem Leben, sondern erlangte auch einen Ruf für seine akribische Herangehensweise an jeden Teil seines Handwerks und forderte absolute Autorität in Produktionen.3 Dies, verstärkt durch seine hy­permaskuline Selbstdarstellung, wurde wesentlich für das Branding der Festspiele selbst. Während Karajan zum „Posterboy“ des Jetsets und dessen kulturell codier­ten Symbolen patriarchaler Macht wurde – mit seiner Model-Frau, Vorliebe für Segeln und Fliegen, gestylten Haaren und geliftetem Gesicht –, boten die Festspiele die Kulisse, in der die „richtigen Leute“ den Sommer verbrachten, Mozart-Opern genossen und Sekt schlürften. Karajans Macht wurde immer deutlicher, als er eine Vielzahl von Rollen übernahm, insbesondere nachdem er 1956 zum künstlerischen Leiter ernannt wurde. Von da an übernahm er sofort die Doppelspitze für Schlüs­selproduktionen, beginnend mit den Aufführungen von Beethovens Fidelio und Verdis Falstaff im Jahr 1957, bei denen er sowohl für die musikalische Leitung als auch für die Inszenierung bzw. Regie verantwortlich war. Im Laufe der Jahre insze­nierte er 14 neue Produktionen und war für große Teile der Musik verantwortlich. Sein Tod im Jahr 1989 während der Proben für Verdis Un ballo in maschera markier­te das Ende seines aktiven Einflusses auf das Festival, aber die tiefgreifende Wirkung, die er hatte – sowohl als wesent­liche, treibende Kraft seiner künstlerischen Entwicklung als auch als kontroverse Figur, deren Einfluss jede Facette seines Betriebs durchdrang – ist noch heute spürbar.

    Dieser Beitrag eröffnet mit einer atmosphärischen Analyse darüber, wie die Salzburger Festspiele und Herbert von Ka­rajan im Diskurs gerahmt sind. Dabei werden zwei Doku­mentarfilme, die offizielle Tourismuswebsite von Salzburg und einschlägige Literatur herangezogen, um einen Kontext zu schaffen. Danach werden die Programmgestaltung, Programmatik und die Darstellung innerhalb der Festspiel-Opern während Karajans über vier Jahrzehnte dauernder Beteiligung statistisch dargelegt, basierend auf den von den Festspiel­archiven digitalisierten Programminformationen.4 Als Gesamtdatensatz unter https://zenodo.org/records/10008717 verfügbar gemacht,5 wird dies durch eine kritische, geschlechtsspezifische Perspektive kontextualisiert, wobei kleine Exkur­se folgen, um einige der beeindruckenden Frauen zu besuchen, die es geschafft haben, sich in der von Karajan geleiteten Kulturlandschaft zu behaupten.

    Michael P. Steinberg hat ausführlich über die Salzburger Festspiele geschrieben und beschreibt sie – meiner Meinung nach treffend – als Theater, das größere sozi­ale und politische Strömungen widerspiegelt, die in Österreich als Ganzes angelegt sind. Für Steinberg präsentiert das Festspiel genau die Paradoxien, die im Kern des österreichischen politischen Körpers liegen, einschließlich „der Verbindung von Katholizismus und Nationalsozialismus, die im Kern der österreichischen faschistischen Vergangenheit liegt“6. Er nennt u.a. politische Momente, die über das Festival inszeniert werden, wie Kurt Waldheims kontroverse Eröffnung des Festivals 1987, die mitten in einem internationalen Skandal stattfand, sein damit verbundener Besuch der größten Veranstaltungen des Festspielprogramms – wie die Premiere von Die Zauberflöte, bei der Herbert von Karajan dirigierte – sowie die Fotowidmung an den Mitbegründer des Festivals, Max Reinhardt. Auf diese Weise legt Steinberg geschickt dar, wie innerhalb des Festivals die Grenzen zwi­schen scheinbar gegensätzlichen Kräften – wie Modernismus und Konservatismus – oder zumindest getrennten – wie Konservatismus und Faschismus – regelmäßig verschwimmen.7

    Diese scheinbaren Unstimmigkeiten in im Wesentlichen kleineren künstlerischen Aufführungen innerhalb einer größeren kulturellen Aufführung sind mit zwei zen­tralen Säulen des Festivals verbunden, die eng mit Salzburg verknüpft sind und als Bühnenkulisse dienen. Auf der einen Seite haben wir Hugo von Hofmanns­thals Moralitätsspiel Jedermann, das in der städtischen Werbung 2023 als „fester Bestandteil der Salzburger Festspiele“ beschrieben wird. „Vor der einzigartigen Kulisse des Salzburger Doms wird das ‚Spiel vom Sterben des reichen Mannes‘ je­des Jahr aufgeführt. Im Zentrum der Tragödie steht der ‚Jedermann‘, der kurz vor seinem Tod sein ausschweifendes Leben bereut und daraufhin von Gott begnadigt wird.“8 Hugo von Hofmannsthals Stück greift auf das englische Mysterienspiel des 16. Jahrhunderts Everyman zurück. Unter der Regie von Max Reinhardt war es Teil der allerersten Salzburger Festspiele am 22.8.1920, wo es vor dem Dom auf­geführt wurde, und es war – mit wenigen Ausnahmen – das jährliche Zentrum der Festspiele. Das Stück ist jetzt so eng mit der Stadt Salzburg verbunden, dass der Forscher Hermann Doswald, der seine Rezeption über die Jahrzehnte hinweg untersucht hat, 1967 schrieb: „Jetzt schien er in Salzburg den natürlichen Ort dafür gefunden zu haben und das erreicht zu haben, was der österreichische Theaterhis­toriker Joseph Gregor ‚die größte regieliche Tat seit den Tagen der Renaissance‘ nannte. Hofmannsthal selbst fand, dass die von Reinhardt verwirklichte Idee im­mer schon ein Teil des Ortes zu sein schien.“9 Dieses Moralitätsspiel, das die Be­deutung spiritueller Werte und die Abrechnung, der sich der Einzelne im Jenseits für seine Taten während seines irdischen Daseins stellen muss, betont, hat religiöse Themen wie die Vergänglichkeit des Lebens, die Konsequenzen des eigenen Han­delns und die Suche nach Sinn und Erlösung durch eine höhere Macht. Es könnte keine klarere Verurteilung der kapitalistischen Obsession mit Materiellem geben, steht aber gleichzeitig Hand in Hand mit der Feier der kapitalistischen, patriarcha­len Moderne, die ebenfalls zentral für das Branding der Festspiele ist. Die Jetset-Ideologie wurde nie deutlicher im Zusammenhang mit den Festspielen gefeiert als während der vier Jahrzehnte, in denen Herbert von Karajan das Ruder führte. Aber wie ich hier zeigen möchte, waren kulturelles Kapital und (religiös-patriarchale) Vermarktung im Festspiel-Diskurs lange vor Karajans Direktion explizit miteinan­der verbunden. Karajan bot jedoch einen äußerst wirkmächtigen Katalysator, um sie untrennbar zu verweben.

    Für einen Einblick in das allgegenwärtige Bild von Karajan und ein wunderbares Beispiel für noch mehr kognitive Dissonanz werfen wir einen Blick auf Inside Ka­rajan, eine englischsprachige Dokumentation aus dem Jahr 2009, die vom ORF und dem ARD koproduziert und von Otto Schwarz inszeniert wurde.10 Der Film fällt hartnäckig in Karajans kuratierte Erzählfallen, gibt jedoch auch Kenntnis von den umfangreichen Maßnahmen, die der Dirigent ergriff, um seine mediale Inszenierung zu beeinflussen. Obwohl die Authentizität seines Jetset-Medienlebensstils in Frage gestellt wird und sogar Karajans eigene umfangreiche (und kostspielige) Bemühun­gen zur Sicherung seines Vermächtnisses nach seinen Bedingungen thematisiert werden, die bis zur Gründung 1982 von Telemondial reichen, seiner TV-Firma mit Sitz in Monaco, kehrt die Dokumentation immer wieder zu den gleichen verführeri­schen Handlungssträngen zurück und verstärkt sie kontinuierlich.11 Der Vorspann und der komplette Abspann zeigen ausschließlich Aufnahmen des Dirigenten beim Fahren neuer Autos, im Cockpit von Flugzeugen und beim Dirigieren vor Wolken, durchsetzt mit Bildern von Champagnergläsern und Außenaufnahmen von noch mehr Flugzeugen. „Herbert von Karajan schien aus einer anderen Welt zu kommen. Karajan über den Wolken, ein Playboy und ein Genie“, donnert die erste Zeile des Voiceovers und eröffnet den Film über die epischen Streicher, Gesang und das drän­gende Schlagzeug von Terry Devine-Kings Chor-Fusion-Nummer Diva’s Dream.12

    Der Film verstärkt die patriarchale Weltanschauung auch auf andere Weise. Ob­wohl Karajan drei Ehefrauen und zwei Töchter hatte, die er „anbetete“, bestätigt das Voiceover offen, dass „er nicht alles haben konnte“, denn „sein größter Wunsch war es, einen Sohn zu haben, dem er all die guten Dinge weitergeben könnte, die ihm das Leben gebracht hatte“13. Ein solides Drittel der Dokumentation konzent­riert sich entweder explizit oder implizit durch Bildsprache auf als männlich ko­difizierte Aktivitäten, angefangen von Flugzeugflügen, dem Steuern seiner Yacht, dem Paddeln eines Kajaks, Schwimmen, dem Fahren glänzender Autos – manch­mal sogar Rennwagen – bis hin zum Skifahren in St. Moritz. Die umfangreichste Interviewzeit wird seinem Personal gewährt, insbesondere seinem Butler, der Frau des Managers seiner Filmfirma und seinem persönlichen Fahrer: Symbole für die soziale Kontrolle, die Karajan ausübt. An einer Stelle sagt der Fahrer, dass Karajan eine Waffe besaß, um sich zu schützen, und sie sogar einmal im Urlaub benutzte. Immer wieder wird deutlich, dass die Filmemacher unbewusst Karajans eigene Ängste und hypermaskuline Selbstdarstellung übernommen haben, eine der Stra­tegien der „Vergeltung“ („retaliation“), die Susan McClary bereits vor Jahrzehnten erkannte und mit der männliche Musiker versuchen, der weit verbreiteten „An­klage, dass Musiker oder Musikbegeisterte ‚weiblich‘ seien [, die] bis zu den ersten Aufzeichnungen über Musik zurückreicht“14 zu begegnen.

    Wenn er nicht gerade trainiert, mit „boys’ toys“ spielt oder gelegentlich dirigiert, wird Karajan dargestellt, wie er Zeit mit seiner Familie verbringt oder sich mit Geistlichen trifft. Familie wird hier fast ausschließlich als seine dritte Frau, das ehemalige Dior-Model Eliette Mouret, verstanden, beinhaltet jedoch auch mehrere inszenierte Clips von ihm im Anzug am Strand mit seinen Kindern. Seine 16-jäh­rige Ehe mit Anna Maria Sauest wird nie diskutiert. Ihr werden weniger als 30 Se­kunden Bildschirmzeit gewährt. Ihrer ersten Behauptung, dass Karajan im Grunde genommen einsam war, wird sofort widersprochen, und ihre zweite, dass er ein miserabler Beurteiler des menschlichen Charakters war, wird kommentarlos hin­genommen.15 Die Handlung kehrt stattdessen zum Thema „Kontrolle“ zurück, das allem zugrunde liegt: Karajan am Steuer seines Familienlebens, seiner Zeit, seines Aussehens und seines Medienimages, ebenso wie in den Cockpits von Booten und Flugzeugen.

    Inside Karajan ist keine Ausnahme, sondern Teil einer allgegenwärtigen diskursi­ven Tradition, die sowohl in die Vergangenheit zurückreicht als auch heute noch fortbesteht. Am 13.8.2020 veröffentlichte das Eliette und Herbert von Karajan Insti­tut einen Teil eines Films von 1963 mit dem Titel Karajan at the Salzburg Festival als dritten Teil ihrer Serie Schätze aus dem Archiv neu.16 Die ersten 20 Sekunden zeigen ihr aktuelles Markenlogo, das durch Vignetten von Karajan in großer Schnellig­keit präsent wird, der sich in einer Vielzahl von männlichen Aktivitäten engagiert, darunter Dirigieren, aber auch das Schwingen eines Götterhammers, das Insze­nieren auf der Bühne, das intensive Umfassen einer jungen Sängerin, Posen vor einem dramatischen Filmhintergrund und das Einsteigen in ein schickes Auto. Diese Vignetten werden mit englischen Titeln durchsetzt: „Stage Director“, „Film Producer“, „Century Conductor“,17 „Mentor“, „Tech Enthusiast“ und „Style Icon“, die alle über den Bildschirm flackern, bevor der Titel The Life and Works of Herbert von Karajan gezeigt wird, zusammen mit Karajans ausladender Unterschrift – ein Hinweis darauf, dass er immer noch mit seiner persönlichen Zustimmung doku­mentiert, ja geradezu seine eigene Dokumentation aus dem Grab heraus dirigiert.

    Der Übergang zu den Dokumentaraufnahmen von 1963 fühlt sich danach ver­wirrend, aber gleichzeitig unheimlich vertraut an, wie sie die Festspiele sowohl durch idyllische Szenen und klassische Musik als auch durch alle glänzenden Symbole des konsumistischen Modernismus präsentieren, bevor sie Karajan als ihren Gott vorstellen. Zuerst wird der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart als Impuls für die Festspiele und sogar für die Stadt selbst präsentiert. Aufnahmen von Flugzeugen, glänzenden neuen Autos und moderner Architektur werden mit Natur, Skulpturen und makelloser barocker Architektur durchsetzt. Das Voiceover versichert, dass obwohl „100.000 Autos während der Festspielzeit durch das Salz­burg-Barock irren“, sie dennoch alle „pianissimo“ fahren – Musik ist das einzige Geräusch, das man hört.18 Danach werden Schlüsselzitate von Stefan Zweig ver­wendet, um Mozart selbst als den wahren Gestalter der Stadt zu etablieren – Gott, der Vater, sozusagen. Die Szene wechselt dann zum großen Festspielhaus – auf Karajans Wunsch erbaut – und einem Bericht darüber, wie 1963 während der Pro­ben zu Der Rosenkavalier ein Feuer ausbrach. Schnell wird Karajan als der alleinige Retter des Tages vorgestellt. „Maestro Karajan packte sogleich einen Feuerlöscher und ging den Brandherd an, außerdem kamen noch 16 Feuerwehren auf die Bühne gestürmt […]. Jedoch Herr von Karajan hatte den Salzburger Feuerzauber bereits eingedämmt ohne Helm und Rauchmaske.“19 Der Rest der Dokumentation kon­zentriert sich auf eine Probe des Rosenkavalier, wobei Karajan jede Rolle übernimmt – auf der Bühne dirigierend, durch eine Partitur blätternd, mit Regisseur Rudolf Hartmann interagierend und sogar auf das Klavier springend, um einen Teil der Rosen-Überreichung zu spielen – dabei eindeutig dem Korrepetitor zeigend, wie es gemacht wird –, bevor er das Instrument wieder loslässt. Der Subtext ist klar: Karajan ist überall, leitet alles, ist der Dreh- und Angelpunkt von Infrastruktur und Theater und die Fortsetzung des Genies und musikalischen Erbes, das Salzburg von Wolfgang Amadeus Mozart hinterlassen hat. Er ist der autoritäre Meister, sei es, indem er der Feuerwehr zeigt, wie man ein Feuer löscht, oder, indem er die neue Inszenierung einer der ikonischsten Szenen der Oper bis auf die mikroskopi­sche Ebene diktiert.

    Und wie sahen Karajans Festspiele in Bezug auf Programmgestaltung und Pro­grammatik aus? Welche bedeutenden Musiktheaterproduktionen wurden insze­niert und wer wurde darin repräsentiert? Statistisch betrachtet wurden von 1948 bis zu Karajans Tod kurz vor der Eröffnung von Un ballo in maschera im Jahr 1989 insgesamt 270 Opern aufgeführt. Knapp die Hälfte – genau 131 – stammten von Wolfgang Amadeus Mozart. Die fünf am häufigsten aufgeführten Opern waren alle von Mozart, wobei Le nozze di Figaro mit 25 Aufführungen in etwas mehr als vier Jahrzehnten am häufigsten inszeniert wurde, gefolgt von Così fan tutte mit 24, Die Zauberflöte mit 22 und Die Entführung aus dem Serail mit 21 Aufführungen. Den fünften Platz belegt Don Giovanni mit 13 Aufführungen. Dies entspricht dem Bild der Festspiele und der Stadt, die eng mit dem Komponisten verbunden ist. Karajan als Vermittler von Mozart spiegelt sich sowohl in den Programmierungspräferen­zen als auch in der Andeutung des Dokumentarfilms von 1963 wider. Natürlich werden auch Opern anderer Komponisten aufgeführt, aber Mozart war und ist zentral. Während der Karajan-Ära gab es nie ein Jahr ohne mindestens zwei Mo­zart-Opern im Programm, und nach seinem Aufstieg zum künstlerischen Leiter wuchs der Durchschnitt schnell auf drei bis vier pro Jahr.

    1948, im ersten Jahr von Karajans Beteiligung an den Festspielen nach 1945, in dem er Orfeo ed Euridice und Le nozze di Figaro von Mozart dirigierte sowie zahlreiche Konzerte gab, veröffentlichte die Salzburger Volkszeitung eine Sonderausgabe, die dem Festival gewidmet war. In einem Artikel von Pressechef Franz Laval wird Mozart in quasi-religiösen Begriffen als machtvoll verbindende kulturelle Kraft be­schworen, die musikalische Missionare schafft und seine kulturellen Jünger jähr­lich zu einem katholischen Mekka zurückruft, das Zeit und Ort überwindet:

    Salzburg wurde das Reiseziel von Menschen aus aller Welt, im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen. Als Besucher derselben huldigten tausende und aber­tausende dem Namen Mozarts und zogen als begeisterte Verkünder österreichi­scher Kunst und der Schönheit Salzburgs, als Verehrer einer besonderen Kunstleis­tung, die sie hier erlebten wieder in ihr Vaterland. Wenn heute, nach rund dreißig­jährigem Bestehen, die Salzburger Festspiele ein Stück Kulturgut geworden sind, das über Raum und Zeit hinweg alle kunstbegeisterten Menschen dieser Welt eint, so darf die Presse ohne Überhebung von sich sagen, daß sie ihre weltumspannende Macht in vollem Umfang in den Dienst der Festspiele gestellt hat. Sie wird dies auch weiter tun, sie wird mithelfen, die vergangenen schweren Jahre zu vergessen und sie wird die Verehrer Mozarts aufrufen, wieder in das österreichische Kultur­zentrum Salzburg und damit in unsere Heimat zu kommen.20

    Und im benachbarten Artikel oben auf der Seite mit dem Titel Salzburgs Wirtschaft für die Festspiele wird die Verbindung zwischen Kunst und Handel explizit herge­stellt. Der Eröffnungsabsatz lautet:

    Wenn von den Salzburger Festspielen gesprochen wird, so darf man dabei nicht nur an die wundervolle Harmonie unserer Landschaft mit den festlichen Auffüh­rungen denken, sondern muß neben den hohen künstlerischen Leistungen auch deren große wirtschaftliche Bedeutung würdigen. In unserem Vaterland Österreich kommt dem Fremdenverkehr eine besondere wirtschaftliche Bedeutung zu. So wie jeder Wirtschaftszweig seine natürlichen Grundlagen und Gegebenheiten braucht, so benötigt sie um so mehr den Fremdenverkehr.21

    Die im gleichen Artikel erläuterten Ursprünge der Festspiele machen die Verbin­dung zwischen Patriarchat und Wirtschaft noch deutlicher: „Von wenigen kunst­begeisterten Männern ins Leben gerufen, haben sie sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens zu einem Weltbegriff emporgearbeitet. Ihre künstlerische Bedeutung ist dank des unermüdlichen Schaffens der hiezu berufenen Männer auf diese Höhe gebracht worden.“22 Dies wird durch einen abschließenden Aufruf an die „Wirt­schaftstreibenden“ ergänzt, ebenfalls ihren Beitrag zu leisten, um das Festival zum Erfolg zu machen. Aus dem Nichts geschaffen und die Welt erobert – dank der Männer aus der Kultur und der Industrie. So stellt sich die Frage, ob Frauen über­haupt einen Platz innerhalb der inneren Abläufe der Festspiele haben.

    Frauen waren sicherlich nicht Teil der „Schöpfung“ von Libretti oder Musik für die Opernkompositionen der Festspiele. Unter den 39 Komponist*innen von Opern, die zwischen 1948 und 1989 aufgeführt wurden, ist keine Komponistin oder Lib­rettistin zu finden. Der zweithäufigste Komponist nach Mozart ist Richard Strauss mit 34 Aufführungen, gefolgt von Giuseppe Verdi mit 24 und dann Beethoven mit 10 Jahren Fidelio. Der Opernkanon enthält keine Werke von Frauen, aber was ist mit Uraufführungen? Es gab elf Uraufführungen während Karajans Amtszeit, obwohl er laut den Archiven keine davon selbst dirigierte. Alle waren Werke von Männern, von männlichen Komponisten und männlichen Librettisten. Außer­dem wurden alle bis Mitte der 1980er Jahre ausschließlich von Männern aus dem deutschsprachigen Raum komponiert.23

    Die erste, im Jahr 1949, war Carl Orffs Antigonae, uraufgeführt am 9.8.1949 und vom Komponisten als musikalische Vertonung der gleichnamigen griechischen Tragödie von Sophokles beschrieben. Genau ein Jahr später wurde Romeo und Julia, die Kammeroper von Boris Blacher nach Shakespeares Geschichte, uraufgeführt. Mehr Mythologie in der Musik folgte am 14.8.1952 mit Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae, gefolgt im nächsten Jahr von etwas, das in Bezug auf seinen literarischen Einfluss ziemlich modern war, Gottfried von Einems Der Prozess am 17.8.1953. Von Einem holte das Libretto von seinem ehemaligen Kompositionslehrer Boris Blacher ein, und die Geschichte basiert eng auf dem gleichnamigen Kafka-Roman. Rolf Lie­bermanns Penelope wurde am 17.8.1954 uraufgeführt, ein Werk, das seine Inspirati­on aus Homers Odyssee schöpft und von Werner Egks Irische Legende am 17.8.1955 gefolgt wurde, basierend auf einem späten Drama von Yeats mit dem Titel The Countess Cathleen. Danach wurden Uraufführungen immer seltener. Sechs Jahre vergingen, bevor Rudolf Wagner-Régenys Das Bergwerk zu Falun am 16.8.1961 uraufgeführt wurde, basierend auf Hugo von Hofmannsthal. Fünf weitere Jahre vergingen, bevor Die Bassariden von Hans Werner Henze, eine weitere mythologi­sche Geschichte, diesmal basierend auf der Tragödie Die Bakchen des Euripides, am 6.8.1966 auf die Bühne kam. Die 1970er Jahre vergingen dann ohne eine einzige Ur­aufführung. Nach einer 15-jährigen Pause wurde Friedrich Cerhas Baal am 7.8.1981 uraufgeführt, basierend auf Bertolt Brechts erstem fertiggestellten Theaterstück, und drei Jahre später wurde Luciano Berios Un re in ascolto am 7.8.1984 zum ersten Mal gespielt, die erste nicht deutschsprachige Opernpremiere. Schließlich wurde Krzysztof Pendereckis Die schwarze Maske, eine Geschichte von Rache bei einem Dinner, basierend auf einem Theaterstück von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1928, am 15.8.1986 uraufgeführt.

    Die Bühne ist der Ort, an dem der größte Anteil an Frauen, die an den Festspielen beteiligt waren (und immer noch sind), zu finden ist. Das bedeutet keinesfalls, dass es ausschließlich auf der Opernbühne der Salzburger Festspiele eine Ungleichheit bei der Geschlechterverteilung gibt. Ein solches Ungleichgewicht ist beinahe auf allen Bühnen des Musiktheaters anzutreffen. Denn die Oper wird von Werken dominiert, in denen führende Rollen stark männlich geprägt sind. Obwohl es ei­nige kanonische Werke gibt, in denen weibliche Rollen überwiegen, wie zum Bei­spiel Dialogues des Carmélites, Elektra, Hänsel und Gretel oder Tosca, gibt es in den 25 weltweit am häufigsten aufgeführten Opern heute 152 Hauptrollen für Männer im Vergleich zu nur 107 für Frauen.24 Diese Tatsache, verbunden mit der Realität von Angebot und Nachfrage, dass heute drei von vier Absolvent*innen mit einem Gesangsabschluss in der Musik weiblich sind, hat zu einem System geführt, in dem männliche Sänger sowohl bessere Berufsaussichten haben als auch für die glei­che Arbeit höhere Löhne verlangen können. Eine systematische Studie von Dana Lynne Varga aus dem Jahr 2020 zeigt, dass weltweit „der Opernkanon so stark zu Gunsten von Männern neigt, dass männliche Opernsänger dreieinhalbmal häufi­ger besetzt werden als weibliche Opernsänger“25.

    Betrachtet man die Zahlen im Hinblick auf die Salzburger Festspiele während der Karajan-Ära, traten laut Archiven der Festspiele 2.089 männliche Opernsänger im Vergleich zu 1.249 weiblichen Sängerinnen auf.26 Anders ausgedrückt gab es durchschnittlich 7,74 Männer in Hauptrollen pro Produktion im Vergleich zu 4,63 Frauen. Wirft man einen Blick auf die Repräsentation bzw. Sichtbarkeit von Frauen bei materiellen Gegenständen – wie Plakaten oder Programmen – zeigt sich, dass die Namen von Frauen 37,4 % des Veröffentlichungsraums für Sänger*innen in ge­druckten Programmheften einnehmen. Im Orchestergraben war es noch unausge­wogener. Abgesehen von der Abwesenheit von Dirigentinnen spielten die Wiener Philharmoniker bei allen großen Opernproduktionen, was die Chancen, eine Frau zu sehen, gering machte, Ausnahmen für inoffizielle Harfenistinnen ausgenom­men.27 Bei kleineren Produktionen wie Mozarts Bastien und Bastienne, Ascanio in Alba oder La finta semplice oder barocken Werken wie Emilio de‘ Cavalieris Rappre­sentatione di anima e di corpo, bei denen das Mozarteum-Orchester spielte, mag es im Orchestergraben durchaus mehr Frauen gegeben haben, aber wir können an­nehmen, dass nur im Chor und im Ballett weibliche Darstellerinnen dominierten.

    Continuo-Spieler, Cembalospezialisten, wurden erstmals 1968 mit Namen und Funktion in den Programmen als Teil des Ensembles angeführt, wobei Walter Taussig für seine Arbeit in Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro sowie Theo­dor Guschlbauer für Il barbiere di Siviglia genannt wurden. Danach werden Cem­balisten systematisch aufgeführt, obwohl der allererste weibliche Name in dieser Funktion Janine Reiss ist, die 1988 für Così fan tutte spielte. Das erscheint spät, je­doch ist es tatsächlich eine Besonderheit, eine Frau in einer als leitend angesehenen Position auf der Bühne Klavier spielen zu sehen. Beim Durchsehen der Daten zu den zahlreichen Liederabenden der Festspiele, einer Tradition seit 1954, zeigt sich, dass Liedbegleiterinnen fast genauso selten sind wie Komponistinnen.28 In den 212 Liederabenden gibt es nahezu Geschlechterparität für Sänger*innen, mit 102 Kon­zerten mit einer weiblichen Sängerin, 113 mit einem männlichen Sänger und sieben mit mehreren Sänger*innen – sowohl männlich als auch weiblich. In Bezug auf Pianist*innen gibt es jedoch nur drei Konzerte, bei denen eine Frau diese Funktion übernahm.29 Die erste war Hilda Berger-Weyerwald, die 1957 ihren Ehemann An­ton Dermota begleitete. Erst 1987 gab es eine weitere Pianistin, die Lieder begleite­te. In diesem Jahr begleitete die Solistin Elisabeth Leonskaja Marjana Lipovšek in einem Programm mit Schubert-, Brahms-, Tschaikowski- und Mussorgski-Liedern, und die ukrainische Pianistin Ludmilla Ivanova begleitete Paata Burchuladze in einem russischen Programm ausschließlich mit Mussorgski- und Rachmaninoff-Liedern. Von den fast 60 männlichen Liedbegleitern war der am häufigsten prä­sente Eric Werba mit 53 Auftritten, gefolgt von Gerald Moore mit 20 Liederabend-Auftritten während der Karajan-Ära.

    Genug über die Künstler*innen. Wer bildete die führenden Teams der Festspiel-Produktionen?

    Die Top-Besetzung, die musikalische Leitung, war während der Karajan-Ära we­nig überraschend ausschließlich eine Männerdomäne, obwohl es vielleicht er­staunt, dass er nur die zweithäufigste Figur war, die das Orchester leitete. Karl Böhm stand insgesamt 54 Mal am Pult, konzentrierte sich dabei auf Mozart- und Strauss-Opern sowie Beethovens Fidelio, Bergs Wozzeck und Glucks Iphigénie in Au­lis. Karajan hatte den Taktstock bzw. den Titel der musikalischen Leitung 48 Mal solo und zweimal in Zusammenarbeit – einmal 1976 für Figaro mit Bernard Klee und dann wieder 1988 mit Bruno Weil für Don Giovanni. James Levine vervollstän­digte die „Top Drei“ mit 24 Einsätzen im Laufe der Jahre. Die einzige andere Ka­tegorie, die vollständig ohne weibliche Arbeitskraft auskam, ist am Ende der Liste der führenden Teams zu finden: Choreinstudierung. Hier erscheint der Name von Walter Hagen-Groll 124 Mal von den insgesamt 153 Einträgen und macht ihn zum häufigsten Namen in den Opernprogrammen von Salzburg insgesamt.

    Mit der Zeit stieg der Anteil an Frauen, die es in den Kreis schafften, nämlich in Form von Choreografinnen. Dies war die einzige führende Rolle im Team, in der eine annähernde Geschlechterparität ersichtlich ist. Obwohl der Großteil der Pro­duktionen keinen Choreografen einsetzte, sind von den 58 Aufführungen, in denen Choreograf*innen aufgeführt sind, 24 weiblich und 35 männlich. Unter den Frauen arbeitete Erika Hanka, Ballettmeisterin an der Wiener Staatsoper seit 1942, 1950 für Salzburg.30 Sie war verantwortlich für die Choreografie in Capriccio, Don Giovanni und Romeo und Julia, dann im folgenden Jahr für Idomeneo. Grete Wiesenthal, die seit 1930 gelegentlich mit Salzburg zusammengearbeitet hatte, choreografierte Le nozze di Figaro 1952, gefolgt von drei Produktionen in der folgenden Saison: Così fan tutte, Le nozze di Figaro und Don Giovanni. Die letzte Choreografin des Jahrzehnts war die Tänzerin Yvonne Giorgi, die den Großteil ihrer Karriere zwischen Deutschland und Holland verbracht hatte und 1959 zwei Produktionen inszenierte: Heimo Erbses Ju­lietta und Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck. Die einzige Choreografin, die es in die Charts der 1960er Jahre schaffte, war eine spanische Tänzerin namens Mariemma. Ihr vollständiger Name war Guillermina Teodosia Martínez Cabreja, und sie wurde mit den Carmen-Produktionen von 1966 und 1967 beauftragt, bei bei­den inszenierte und dirigierte Karajan. Eine Besonderheit dieser Produktion war, dass Karajans Inszenierung Musik aus Bizets L‘Arlésienne enthielt, einschließlich der berühmten Farandole, die für die erweiterte spanische Tanzsequenz in Lillas Pastias Taverne verwendet wurde. Dies sollte offensichtlich ein Schaufenster für das Ballet de España unter Mariemmas Leitung sein. Die gesamte Produktion wurde in einem Studio neu aufgenommen und 1967 als Film veröffentlicht, in dem Grace Gumbry, Mirella Freni und Jon Vickers erneut in ihren Bühnenrollen zu sehen waren.31 Da­nach verging ein Jahrzehnt, bis die Münchnerin Heidrun Schwaarz Strauss‘ Salome 1977 und 1978 choreografierte, ebenfalls mit Karajan im Doppelpack, obwohl man aus den Kritiken denken könnte, Karajan sei auch der Choreograf gewesen.32 Er hol­te Schwaarz unter ähnlichen Bedingungen für Falstaff 1981 und 1982 ins Boot. In den letzten Jahren von Karajan, von 1985 bis 1989, choreografierten drei Frauen: Marise Flach (Il ritorno d‘Ulisse in patria, Capriccio), Susanne Kirnbauer (Don Giovanni) und Eleanor Fazan (Un ballo in maschera). Obwohl männliche Choreografen immer noch in der Überzahl waren, hatten Frauen zumindest im feminin codierten Bereich des Tanzes eine Stimme bei den Festspielen.

    Das Gleiche gilt für die beiden „dekorativen“ Rollen von Bühnenbild und Kostüm, wenn auch in deutlich geringerem Maße. Hier wechseln viele der gleichen Namen von Spalte zu Spalte, und Frauen haben zwar eine immer noch begrenzte, aber signifikant höhere Präsenz, wobei eine sogar unter die Top fünf für Bühnenbild gelangt. Nach Jean-Pierre Ponnelle (mit 37 Inszenierungen), Caspar Neher (35), Günther Schneider-Siemssen (25) und Teo Otto (22) folgt Ita Maximowna mit 13 Inszenierungen. Als hochdekorierte Designerin entwarf die in Russland geborene Künstlerin Bühnenbilder oder Kostüme für etwa 400 Produktionen und war für das Bühnenbild in Salzburg bei Le nozze di Figaro im Jahr 1957, Die Zauberflöte ab 1959, Ariadne auf Naxos ab 1964 und Così fan tutte im Jahr 1972 verantwortlich.33 Die andere Frau, die unter Karajans Leitung im Bühnenbild in Salzburg hervorstach, war die in Deutschland geborene Leni Bauer-Ecsy mit neun Inszenierungen zwi­schen 1960 und 1966, einschließlich ihrer hochgelobten Così fan tutte-Produktion von Günther Rennert im Jahr 1960, die bis 1965 jährlich lief.34 Sie entwarf auch für die Uraufführung von Rudolf Wagner-Régenys Das Bergwerk zu Falun im Jahr 1961 und Mozarts La finta giardiniera im Jahr 1965.

    Maximowna und Bauer-Ecsy entwarfen immer auch die Kostüme, wenn sie die Bühnenbilder gestalteten, aber auch anderen Frauen wurde vertraut, sich nur um die Kleidung zu kümmern. Obwohl es statistisch nur Maximowna unter die „Top Fünf“ schaffte (nach Caspar Neher, Jean-Pierre Ponnelle und Geor­ges Wakhevitch), wird Eva Pohl für Verdis Otello in den Jahren 1951/52 ge­nannt, und 1960 entwarf Erni Kniepert, die seit 1944 häufig für die Festspiele arbeitete, nachdem sie 1939 Kostüme für den Hollywood-Film Der Zauberer von Oz entworfen hatte, die von Ka­rajan gelobten Kostüme für Der Ro­senkavalier zur Eröffnung des Großen Festspielhauses. Die Produktion war beliebt genug, um in den nächsten fünf Jahren jährlich aufgeführt zu werden. Dies leitete eine Explosion von Kos­tümdesignerinnen ein mit Namen wie Hill Reihs-Gromes, Liselotte Erler, Charlotte Flemming und Anni Keim-Strauss, sodass zwischen 1960 und 1965 kurzzeitig Geschlechterparität beim Kostümdesign erreicht wurde. Danach schwankten die Dinge jedoch zurück, und Männer dominierten erneut, wobei alle bis auf Maximowna in den 1970er Jah­ren aus dem Festspielprogramm verschwanden. Schließlich begannen in den 1980er Jahren wieder Frauen aufzutauchen, darunter so namhafte wie Sylta Busse, Franca Squarciapino, Magda Gstrein, Silvia Strahammer und Luciana Arrighi.

    In der Rolle der Regisseurin war Margarete Wallmann die einzige weibliche Aus­nahme in der ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Ära von Kara­jan, wie es die Festspielarchive zeigen. Obwohl ihre Regiearbeit von 1960 auf den ersten Blick wie eine Anomalie erscheint, war Wallmann eine erfahrene Persön­lichkeit, die einen unauslöschlichen Eindruck auf die kulturelle Szene von Wien und Salzburg hinterlassen sollte, die sie über ihre lange und vielseitige Karriere maßgeblich mitgeprägt hat – eine Karriere, die sich aus dem Zusammenspiel von Tanz, Choreografie und Opernregie ergab.

    Am 22.6.1904 in Berlin geboren, war Wallmann die ältere von zwei Töchtern von Selma und Paul Wallmann, beide jüdischer Herkunft. Sie bewahrte Geheimhal­tung über ihre Herkunft, Konversion zum Katholizismus und das Schicksal ihrer Eltern im Konzentrationslager Bergen-Belsen, hauptsächlich aufgrund der Heraus­forderungen, denen Künstler*innen jüdischer Abstammung im antisemitischen Klima ihrer Zeit ausgesetzt waren.35 Wallmanns frühe Karriere war in Berlin im Bereich Tanz und Choreografie verwurzelt, nahm jedoch 1931 eine bedeutende Wendung, als Bruno Walter sie einlud, zu den Salzburger Festspielen mit ihrem eigenen Tanzensemble, dem Tänzer-Kollektiv, beizutragen. Ihr choreografisches Debüt bei den Festspielen, Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice, dirigiert von Walter, begeisterte Publikum und Kritiker gleichermaßen und erhielt hohe Anerkennung vom Dirigenten.36 Während ihre Choreografie einen neuartigen Stil einführte, erntete sie Lob für die Erhebung der Kunst des Tanzes zu neuen Höhen. In derselben Saison präsentierte Wallmann Felix Emmels Das jüngste Gericht, ein Bewegungsdrama. Ihre Rolle erstreckte sich über die Choreografie hinaus; sie führte Regie, choreografierte und tanzte sogar die Rolle des Angel of Grace. Kritiker lob­ten die Aufführung und erkannten sie als ein Pendant zur ikonischen Jedermann-Produktion an: „Das Experiment, das Felix Emmel und Margarete Wallmann un­ternahmen, ist restlos gelungen. Ich möchte dieses Drama – Ballett ist ein viel zu banaler und irreführender Name, der vermieden werden sollte – als ein Pendant zu Jedermann bezeichnen.“37

    Von 1933 bis 1938 hatte Wallmann auch die Position der Ballettmeisterin an der Wiener Staatsoper inne und leitete das Wiener Staatsopernballett, wo sie eine ent­scheidende Rolle bei der Gestaltung des neuen Genres „Theatertanz“ spielte. Pro­duktionen wie Fanny Elßler im Jahr 1934 und Der liebe Augustin im Jahr 1936 be­gründeten dieses Genre mit, das als Synthese aus traditionellem Ballett, verwurzelt in der Oper, und der ausdrucksstarken Kunst des Tanzes entstand.38 Wallmann spielte bis 1937 eine herausragende Rolle beim Salzburger Festival und trug zur Schaffung wegweisender Produktionen wie Goethes Faust, Carl Maria von Webers Oberon und Euryanthe, Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro sowie Verdis Falstaff bei. 1934 heiratete sie Hugo Burghauser, eine führende Figur der Wiener Philharmoniker. Ihre Hochzeit, die während einer Londoner Gastvorstellung mit Stefan und Friderike Zweig als Zeug*innen gefeiert wurde, erregte in Österreich erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Während der turbulenten Kriegsjahre floh Wallmann nach Buenos Aires, und ihre Ehe wurde vom NS-Staat aufgelöst. Sie wurde Ballettdirektorin am Teatro Colón, erwarb die argentinische Staatsbürger­schaft und änderte ihren Namen in Margarita Wallmann. Nach 1945 interessierte sie sich zunehmend für die Opernregie und hinterließ bleibende Spuren in renom­mierten Opernhäusern in Mailand, Rom, Paris, New York, Monaco, Berlin und Wien. Sie kehrte in den Sommern 1954, 1955 und 1960 nach Salzburg zurück. Ihre Beiträge umfassten bemerkenswerte Produktionen wie das Salzburger Divertimen­to mit Musik von Mozart, La Danse des Morts von Arthur Honegger, Perséphone von Strawinsky und schließlich Frank Martins Mysterium von der Geburt des Herrn. Sie beendete ihre Karriere als Teil des künstlerischen Leitungsteams in der Mailänder Scala von 1952 bis 1972.39

    Dieser Artikel endet mit einer Untersuchung und statistischen Analyse der Ge­schlechterrepräsentation in Gesangsaufführungen der Festspiele im Bereich der Oper und des Liedgesangs recht weit von seinem Ausgangspunkt entfernt. Die Untersuchung der verknüpften Marken von Karajan und den Festspielen und die Beantwortung der Frage, wie Geschlechterdynamiken in den untersuchten Auffüh­rungen der Festspiele funktionierten, mag inkongruent erscheinen, aber, meiner Meinung nach, sind die beiden nicht nur miteinander verbunden, sondern tatsäch­lich eng miteinander verflochten. Die Übernahme der Festspiele durch Karajan, seine ikonische Markenbildung und die Besetzung großer Gesangsaufführungen im Bereich Oper und Liedgesang trugen alle dazu bei, patriarchale Normen zu festigen, um geschlechtsspezifische soziale Ängste in der Nachkriegszeit zu be­schwichtigen. Dies war eine Zeit, in der Österreich sich bemühte, seine neue Identi­tät sowohl nach außen als auch nach innen zu etablieren und zu stärken. Nachdem es über einige Jahrzehnte von einem riesigen Imperium zu einem winzigen Land geschrumpft war, wirtschaftlich gelähmt, von NS-Deutschland absorbiert und von seinen Kriegs-Gegnern besetzt, war es politisch und wirtschaftlich erheblich geschwächt. Die neue Identität Österreichs – und der verzweifelt zugeschriebe­ne wirtschaftliche Wert – wurde als „Musikland Österreich“ konzipiert, was die geschlechtsspezifischen Vorstellungen von Musik als im Wesentlichen emotional, weiblich, schwach usw. mit sich brachte. Dies musste in einer Zeit ausgeglichen werden, in der Geschlechterrollen sowohl lokal als auch global in Frage gestellt wurden. Karajans hypermaskuline Marke, seine opportunistische Ambition und seine Aura vollständiger Autorität und Kontrolle erfüllten diese Rolle passgenau.

    Dies lässt sich auch an den Besetzungen ablesen. Obwohl es wenig überraschend ist, dass Männer in jeder führenden Rolle auf und hinter der Bühne die Frauen zahlenmäßig übertrafen und Frauen im Allgemeinen in weniger prestigeträchti­gen Positionen zu finden waren – d.h. mit niedrigerem „Billing“40 –, gibt es auch Anomalien. Choreinstudierung hat einen geringeren Status als Choreographie, Bühne oder Kostüme – wie in den Programmen ersichtlich ist –, war jedoch wäh­rend der Karajan-Ära ebenso ausschließlich mit Männern besetzt wie Dirigieren oder Komponieren. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass es immer noch eine Führungsposition ist, die die Leitung einer Gruppe und die Handha­bung eines Kontrollinstruments, des Dirigentenstabes, umfasst. Auf eine andere, jedoch verwandte Weise – obwohl die Liedbegleitung als Beruf marginalisiert ist und historisch gesehen überwiegend von Frauen ausgeübt wurde – erlaubten die renommierten Liederabende in Europa, einschließlich der Festspiele, selten eine Liedbegleiterin. Dieses Fehlen könnte durch die emotionale Natur der romanti­schen Texte des 19. Jahrhunderts, vertont von Schubert, Brahms und Wolf, erklärt werden, könnte aber auch mit den unterbewussten sexuellen Implikationen zu­sammenhängen: zwei Menschen, die zusammen hochintime Musik machen, wobei eine Person ein großes, nahezu automobilgroßes Instrument „lenkt“. Ungeachtet dessen ist bemerkenswert, dass die einzige Frau, der es bis in die späten 1980er Jah­re erlaubt war, Lieder vom Fahrersitz aus zu interpretieren, mit ihrem Duo-Partner verheiratet war.

    Die restlichen Mitglieder des Leitungsteams setzten sich aus denjenigen zusam­men, die Kostüme und Bühnenbilder entwarfen sowie Choreographien organisier­ten – Dekorateure also, die zum „(visuell) Schönen“ beitrugen. Karajans misogynes Geschlechterverständnis wird mehrmals in Inside Karajan hervorgehoben und in einem Interview mit Eleonore Märkle, die als „Ehefrau des Managers von Karajans Filmgesellschaft“ vorgestellt wird, diskutiert. Märkle sagt: „Er schätzte sehr weib­liche Schönheit. Ich habe ihm oft gesagt, dass das ungerecht sei; wenn eine Frau nicht attraktiv sei, egal ob sie eine Künstlerin sei oder nicht, dann war sie für ihn uninteressant. Er war ein großer Ästhet, aber für weibliche Schönheit war er sehr, sehr empfänglich.“41 Die Frauen in Karajans Leben durften keine Führungsrollen übernehmen, sondern wurden stattdessen belohnt, indem sie ästhetische, visuel­le Schönheit lieferten. Genau wie Eliette, Karajans dritte Frau, für ihre Schönheit und Dekorativität geschätzt wurde, wurden auch die Frauen unter seiner Leitung bei den Festspielen belohnt. Die meisten stammten aus dem Bereich des Tanzes – selbst die einzige Regisseurin, Wallmann, war in erster Linie Tänzerin. Sie wa­ren nicht nur selbst konventionell physisch attraktiv, sondern auch die von ihnen produzierte Arbeit war ihr Kapital. Erni Kneiperts Rosenkavalier-Kostüme von 1960 wurden von Karajan bevorzugt, weil er „für Herbert von Karajan der schönste gewesen sein soll“42.

    Einiges hat sich bei den Festspielen danach geändert und, wenn man durch die Programmübersichten des 21. Jahrhunderts schaut, gibt es generell viel mehr Frau­en in führenden Teams – sei es bei Kostüm, Bühnenbild und Videoinstallationen, in leitenden Choreografien – und gelegentlich sogar in Regiepositionen. Dennoch erweisen sich bestimmte Rollen konsequent als äußerst resistent gegenüber Ge­schlechtervielfalt. Bei den Festspielen, wo das Gespenst von Karajan immer noch groß erscheint, ist Dirigieren eine solche Rolle.43 Und natürlich werden, mit sehr wenigen Ausnahmen, die Opern – einschließlich der Auftragswerke – fast aus­schließlich von Männern geschrieben, was zu Kritik geführt hat.44 Ein Blick auf die zahlreichen Liederabende im 21. Jahrhundert zeigt, dass sich dort ebenfalls wenig geändert hat. Die Frauen am Klavier, die Kunstlieder in Salzburg aufführen, lassen sich fast an den Fingern einer Hand abzählen. Noch immer in der Erinnerung an Karajan, ihren „letzten absolutistischen Herrscher“ an der Spitze, ist die Identität der Festspiele weiterhin mit vergleichbaren patriarchalen Werten verwoben und schließt daher immer noch Frauen, die Macht in männlich codierten, autoritativen Positionen zeigen, stillschweigend aus.45


    Anmerkungen

    1. Die offizielle Tourismuswebsite von Salzburg, betrieben von der TSG Tourismus Salzburg GmbH, drückt dies unmissverständlich aus: „Der ‚Alleinherrscher‘ der Festspiele. Ab 1960 amtierte Karajan nicht mehr allein als Künstlerischer Leiter, ab 1964 war er in ein Direktorium eingebunden. Dennoch traf er als ‚letzter absolutistischer Herrscher‘ – so sein Nachruf – alle wichtigen Entscheidungen. Bis zu seinem Tod 1989 zog er die Fäden bei den Festspielen.“. N. N.: Herbert von Karajan. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/chronik/herbert-von-karajan (24.10.2023); Vgl. auch: Osborne, Richard: Herbert von Karajan. A Life in Music. London: Sinclair-Stevenson 1998. ↩︎
    2. Trotz zahlreicher Beschönigungen und Ausflüchte von Verteidigern und Biografen bleibt festzustellen, dass der zweifache Beitritt zur NSDAP und die freundschaftliche Beziehung zu Goebbels schwer zu übersehen sind und waren. Hier werde ich nicht erneut die Vor- und Zurückweisungen durchgehen; es genügt zu sagen, dass Karajan während der NS-Zeit zumindest ein äußerst ehrgeiziger Opportunist in Bezug auf sein Handeln war. ↩︎
    3. Vgl.: N. N.: Legendäre Gestalter und Charakterköpfe – Die prägenden Dirigenten bei den Salzburger Festspielen. https://www.klassikakzente.de/diverse-kuenstler/news-und-rezensionen/legendaere-gestalter-und-charakterkoepfe-die-praegenden-dirigenten-bei-den-salzburger-festspielen-259224 (24.10.2023). ↩︎
    4. Vgl.: Online-Archiv der Salzburger Festspiele. https://archive.salzburgerfestspiele.at/archiv (14.10. 2023). ↩︎
    5. Vgl.: VanderHart, Chanda: Gender Representation in Vocal Productions at the Salzburger Festspiele During the Karajan-Era. https://doi:10.5281/zenodo.10008717 (2.5.2024). ↩︎
    6. „[…] the association of Catholicism and Nazism that lies at the core of the Austrian fascist past.“ Steinberg, Michael P.: Austria as Theater and Ideology: The Meaning of the Salzburg Festival. New York: Cornell University Press 2000, S. 11. ↩︎
    7. Steinberg muss verziehen werden, wenn er eine Stadt gelegentlich mit dem Land als Ganzes verwechselt, ein Fehler, der besonders im Hinblick auf die Hauptstadt Österreichs, Wien, am häufigsten vorkommt. Wie Lang festgestellt hat, waren die Salzburger Festspiele in vielerlei Hinsicht eine katholische, politisch konservative kulturelle Veranstaltung, die als Alternative zu Musikstadt Wien konzipiert war. In Bezug auf die Vermischung von Wiener mit österreichischer Kultur nach dem Ersten Weltkrieg, als die Hauptstadt ein Drittel der Bevölkerung beherbergte, schreibt sie: „For those outside the capital city, Vienna did not accurately reflect their culture, perhaps best shown by the Salzburg Festival, which emphasized a South German identity rooted in the baroque and Catholicism.“ Lang, Zoë A.: The Legacy of Johann Strauss: Political Influence and Twentieth-Century Identity. Florida: Cambridge University Press 2014, S. 38; Zum Konstrukt „Musikstadt Wien“ vgl.: Nußbaumer, Martina: Musikstadt Wien. Die Konstruktion eines Images. Freiburg: Rombach 2007. ↩︎
    8. Homepage der Stadt Salzburg. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/jedermann (5.9.2023). ↩︎
    9. „Now in Salzburg he seemed to have found the natural location for it and to have achieved what the Austrian theater historian, Joseph Gregor, called ‚die größte regieliche Tat seit den Tagen der Renaissance.‘ Hofmannsthal himself found Reinhardt‘s idea, once fulfilled, to have always seemed a part of the location.“ Doswald, Herman K.: The Reception of Jedermann in Salzburg 1920-1966. In: The German Quarterly 40/2 (1967), S. 212-225, S. 213. ↩︎
    10. Verfügbar über Medici TV. https://www.medici.tv/en/documentaries/inside-karajan (24.10.2023); zum Zeitpunkt des Verfassens auch auf YouTube zu finden, hochgeladen von Francesco Massimi im Jahr 2023: Massimi, Francesco: „Inside Karajan“. https://www.youtube.com/watch?v=BG-9fD9JoOc (9.5.2023). ↩︎
    11. Zu Karajans umfangreichen Eigenproduktionen, einschließlich der 45 Opernaufnahmen für zukünftige Veröffentlichung als Video Discs, die dazu bestimmt waren, sein ewiges Vermächtnis zu zementieren, sowie Investitionen in Telemondial – eine von Uli Märkle geleitete TV-Firma mit Sitz in Monaco, die von Karajan im Jahr 1982 gegründet wurde und in die privat enorm hohe Summen investiert wurden: Sanjuán Mínguez, Ramón: El Controvertido Legado FÍlmico de Herbert von Karajan: Una Necesaria Revisión de los Desheredados. In: Revista de Musicología 41/1 (2018), S. 307-330; Zu Karajans Hyperkontrolle und dem Einsatz von Film, um eine maskuline Erzählung zu unterstreichen
      vgl.: Behan, Adam: Reading Creativity Forwards and Backwards: Process and Product Revisited with Herbert Von Karajan’s Legato Aesthetic and Hypermasculinity. In: Music & Letters 103/4 (2022), S. 708-728; für eine umfassendere Kontextualisierung vgl.: Kannonier, Reinhard: Musikleben – Medien – Markt. In: Österreichische Musikzeitschrift 50/1 (1995), S. 17-20. ↩︎
    12. Es ist möglich, dass der ORF Karajans sorgfältig erstellte Erzählung unbeabsichtigt übernommen hat, als sie 2004 Telemondial erwarben. ↩︎
    13. „he could not have everything“; „his greatest wish was to have a son to whom he could pass on all the good things that life had brought him. “ Schwarz, Otto: Inside Karajan, 09:55. ↩︎
    14. „[…] charge that musicians or devotees of music are ‚effeminate’ [which] goes back as far as recorded documentation about music“. McClary, Susan: Feminine Endings: Music, Gender, and Sexuality. Minneapolis: University of Minnesota Press 1991, S. 17. ↩︎
    15. Vgl.: Schwarz, Otto: „Inside Karajan“, 30:28-30:50; 32:07-32:18. ↩︎
    16. N. N.: Karajan at the Salzburg Festival 1963. https://www.youtube.com/watch?v=PzvEkMem80I (24.10.2023), veröffentlicht über den offiziellen Kanal des Karajan-Instituts, verwaltet vom Eliette und Herbert von Karajan Institut.x ↩︎
    17. Hierbei handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen fehlgeschlagenen Versuch, „Jahrhundertdirigent“ zu übersetzen. ↩︎
    18. N. N.: Karajan at the Salzburg Festival 1963, 02:27-02:39. ↩︎
    19. Ebd., 04:18 – 04:35. ↩︎
    20. Salzburger Volkszeitung, 8.7.1948. ↩︎
    21. Ebd. ↩︎
    22. Ebd. ↩︎
    23. Obwohl Rudolf Wagner-Régeny in Transsylvanien geboren wurde, studierte er in Leipzig und nahm als junger Mann die deutsche Staatsbürgerschaft an, seine musikalische Sozialisation war daher eher deutsch geprägt. ↩︎
    24. Larimer, Brooke: Role Breakdown for Top 25 Most-Performed Operas. https://docs.google.com/spreadsheets/d/e/2PACX-1vRjPpqeGTkJaPziOZiooHGRvQeCOGsRv3XbjVGkjtjNvn6vLZysk5B1E8VkjwP8sNMKKaA2O3E8PVAe/pubhtml (14.10.2023). In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet dies, dass Frauen global nur eine Chance auf 41,3% der Arbeitsplätze haben, während Männer die übrigen fast 60% erhalten.x ↩︎
    25. „The opera canon skews so heavily towards men that male opera singers are three and a half times as likely to be cast as women opera singers.“ Varga, Dana Lynne: Excluded, Penalized, Indebted, Harassed: Systemic Discrimination against Women in Opera. https://www.theempoweredmusician.com/articles/excluded-penalized-indebted-harassed-systemic-discrimination-against-women-in-opera (28.3.2024). ↩︎
    26. Dies umfasst Doppelbesetzungen, wie sie in den Programmen aufgeführt sind. Da jedoch sowohl Männer als auch Frauen in gleicher Weise doppelt besetzt wurden, hat dies keinen Einfluss auf die Statistiken. ↩︎
    27. Die Harfenistin Anna Leikes, die 1997 die erste offizielle Philharmonikerin wurde, spielte bereits seit 26 Jahren mit dem Orchester. ↩︎
    28. Vgl.: VanderHart, Chanda / Lloyd, Bill: Too Many Frocks – the Art Song Pianist Podcast. https://mediathek.mdw.ac.at/toomanyfrocks (24.10.2023). ↩︎
    29. Vgl.: VanderHart, Chanda: Gender Representation in Vocal Productions at the Salzburger Festspiele during the Karajan-Era. ↩︎
    30. Vgl.: Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Hanka, Erika. In: Oesterreichisches Musiklexikon Online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits. https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d06e (24.10.2023). ↩︎
    31. Vgl.: N. N.: MyFidelio. https://www.myfidelio.at/de-en/bizet-carmen-1967-salzburger-festspiele/assets/2077 (23.10.2023). ↩︎
    32. Vgl.: Pichler, Kathrin: Te Saxa Loquuntur; Salome – Eine Inszenierung der Salzburger Festspiele 2018. Salzburg, Masterarbeit 2019, S. 56-58. ↩︎
    33. Vgl.: N. N.: Opernproduktionen der Salzburger Festspiele. In: Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Opernproduktionen_der_Salzburger_Festspiele (21.9.2023). ↩︎
    34. Vgl.: Ackerl, Isabella / Weissensteiner, Friedrich: Kniepert, Erni. In: Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/Bücher/Österreichisches_Personenlexikon_1992/Kniepert,_Erni (21.9.2023). ↩︎
    35. Homepage der Initiative Stolpersteine Salzburg. https://www.stolpersteine-salzburg.at/stolperstein/wallmann_margarete/ (23.10.2023). ↩︎
    36. „Wenn ich von meiner Salzburger Aufführung und später Anpassung des dort Erreichten an die Wiener Staatsoper spreche, so muß ich Margarethe Wallmann rühmen, die ich auf Karlheinz Martins Empfehlung hin dafür als Ballettmeisterin gewonnen hatte. Wir haben von da an viel miteinander gearbeitet und mir wurde jede neue gemeinsame Aufgabe durch ihr waches Verständnis und ihre erstaunliche Fähigkeit zu phantasievoller tänzerischer oder pantomimischer Ausdeutung der Musik erleichtert. Mehr aber als Verstehen von Anregungen zeigte sich in ihrer ganz selbständigen Gestaltung der Trauerzeremonie im ersten Akt und der wilden Hades-Szenen im zweiten. Hier war alles ihrer eigenen Einfühlung in Glucks Musik und ihrer tänzerischen Phantasie zu danken, und ich werde ihre Leistung und die der von ihr mitgebrachten Tanzgruppe nicht vergessen. Sie blieb denn auch meine Mitarbeiterin in Salzburg und wurde es in Wien, als ich zusammen mit Kerber die Staatsoper übernahm. Der internationale Ruf, den sie sich erworben, führte sie schließlich als Ballettmeisterin an das Teatro Colón in Buenos Aires.“ Walter, Bruno: Thema und Variationen. Erinnerungen und Gedanken. Stockholm: Fischer 1974, S. 455. ↩︎
    37. Vgl.: Neuigkeits-Welt-Blatt, 29.8.1931. ↩︎
    38. Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Wallmann, Margarethe (Margarita). In: Oesterreichisches Musiklexikon Online. Begr. V. Rudolf Flotzinger, hg. v. Barbara Boisits. https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e61c (23.10.2023). ↩︎
    39. Vgl.: Gavazzeni, Gianandrea (Hg.): La forma dinamica dell’opera lirica. Regie del Teatro alla Scala 1947-1984. Mailand: Silvana 1984. ↩︎
    40. Als „Billing“ wird im englischsprachigen Raum die hierarchische Auflistung von Namen in einem gedruckten Konzertprogramm bezeichnet. ↩︎
    41. Schwarz, Otto: „Inside Karajan“, 06:54-07:18. ↩︎
    42. Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/B%C3%BCcher/%C3%96sterreichisches_Personenlexikon_1992/Kniepert%2C_Erni (23.10.2023). ↩︎
    43. Vgl.: Harb, Karl: Salzburger Festspiele: Nur eine Frau als Dirigentin. In: Salzburger Nachrichten, 25.07.2019. ↩︎
    44. Vgl.: N. N.: Komponistin Neuwirth kritisiert Salzburger Intendanten Ruzicka scharf. Deutschlandfunk, 1.9.2006. ↩︎
    45. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/chronik/herbert-von-karajan; vgl.: Osborne, Richard E.: Herbert von Karajan: A Life in Music. London: Pimlico 2014. ↩︎

    © Stefan Panfili

    CHANDA VANDERHART

    Studium des Konzertfachstudiums sowie der Diplomstudiengänge für Vokalbegleitung und -korrepetition. Musikwissenschaftlerin, Pianistin und Musikvermittlungsexpertin. 2016 Promotion an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. 2017-19 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Projekt Wie klingt Österreich ebendort. Internationale Konzerttätigkeit u.a. im Musikverein Wien, in der Oper in Malmö und in der City Recital Hall in Sydney sowie Lehrtätigkeiten u.a. an der Sorbonne Paris und an der Malta School of Music.

  • Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Regisseurinnen, Dirigentinnen, Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen

    Die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit Frauen als Regisseurinnen, Di­rigentinnen und Choreographinnen (hier auch R/D/C) bei den Salzburger Fest­spielen bildet eine Lehrveranstaltung mit Prof. Pia Janke, in deren Rahmen wir den Fragen nachgingen, inwiefern diese Rollen überhaupt weiblich besetzt waren und sind, wie sich die diesbezügliche öffentliche Sichtbarkeit (und die damit impli­zierte interne Aufarbeitung) gestaltet und welche weiteren Forschungsfragen bzw. Visionen sich daraus für die Salzburger Festspiele ergeben. Es folgt ein Überblick über unsere Arbeit und vorläufigen Ergebnisse.

    Die zahlreichen Leerstellen in den bisherigen Untersuchungen zu den Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen fordern eine diesbezügli­che Grundlagenarbeit. Zum einen gilt es also, die Daten zu 100+ Jahren Festspiel­betrieb mit Fokus auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen zu sichten und die daraus hervortretenden Entwicklungslinien aufzubereiten. Zum anderen ist dieses Unterfangen nur dann sinnvoll, wenn es unter konkre­ten Fragestellungen passiert. Als roter Faden der Analyse kann grundsätzlich die Sichtbarkeit der Frauen in den untersuchten Rollen festgehalten werden. „Sicht­barkeit“ kann hier, zur begrifflichen Übersichtlichkeit, sowohl als Sichtbarkeit im quantitativen Sinne (= die Summe der Nennungen im statistischen Sinn) als auch im qualitativen Sinne (= der Kontext der Nennungen im inhaltlichen Sinn) verstan­den werden. So stellen sich etwa im Zuge der quantitativen Sichtbarkeit die Fra­gen: Wie viele (verschiedene) Frauen finden sich in der Rolle der Regisseurin, Di­rigentin oder Choreographin wieder? Wie oft wurden individuelle Frauen für Pro­duktionen in diesen Rollen engagiert? Wann gab es die erste Regisseurin, Dirigen­tin und Choreographin? Gibt es über den Verlauf der Festspiele Phasen, in denen die weibliche Besetzung ansteigt, rückläufig ist oder andere Auffäl­ligkeiten aufweist? Im Sinne der qualitativen Sichtbarkeit, die wei­terführende Fragen zur adäquaten Darstellung der (Führungs-)Positi­onen der Frauen bei den Salzbur­ger Festspielen im biographischen, institutionellen und strukturellen Sinn aufwirft, ergeben sich Fragestellungen wie: Wie sind die ermittelten Daten in unterschiedlichen Zusammen­hängen einzuordnen und zu bewerten? Welche Zusammenhänge bestehen zwi­schen unseren Beobachtungen/Recherchearbeiten und der allgemeinen Timeline bzw. den Phasen der Salzburger Festspiele? Was lässt sich außer den Namen noch zu den Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen finden? Inwiefern wurden die Tätigkeiten der Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen von den Salzburger Festspielen dokumentiert (z.B. kreative Entwürfe, Probenpro­tokolle, Besprechungsprotokolle, Korrespondenzen, Verträge usw.)? Gibt es For­schungs- oder Kunstprojekte zur Sichtbarmachung der Frauen seitens der Salz­burger Festspiele und außerhalb der Institution? Aus diesen Sichtbarkeitsbegriffen sollen im Anschluss an die Datensichtung, Recherche und Analyse zudem weitere Forschungsinteressen und Impulse für die Salzburger Festspiele selbst abgeleitet werden.

    Als Grundlage für die Datenerhebung kann die öffentliche Datenbank des Ar­chivs der Salzburger Festspiele1 herangezogen werden, anhand derer die Präsenz von Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen im Festspielbetrieb von 1920 bis 2023 ermittelt werden sollte. Zur Eingrenzung des Themas wurden Schwerpunkte der Datenaufbereitung gesetzt. Diese liegen auf den Sparten Schau­spiel und Oper sowie der seit 2017 bestehenden Sparte „Jung und Jede*r“, welche jährlich im Vorfeld der Sommerfestspiele stattfindet.

    Wir haben uns dazu entschieden, vorerst öffentlich und digital zugängliche Daten auszuwerten, da deren relativ niedrigschwellige Zugänglichkeit bereits gewisse Rückschlüsse auf die Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung der Frauen erlaubt. Eine Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele ist zwar online frei verfügbar, zur präzisen Recherche ist diese jedoch nur bedingt geeignet. Gründe dafür sind etwa eingeschränkte Filterfunktionen, uneinheitliche Schlagwort-Verlinkungen in einzelnen Produktionen, fehlerhafte Verlinkungen und recht umständliche Nutzer*innen-Pfade auf der Website, was die Anfälligkeit für Fehler unweiger­lich erhöht. In weiteren Forschungen wäre also eine zusätzliche Überprüfung etwa mit den internen digitalen und analogen Daten des Archivs der Salzburger Fest­spiele durchaus sinnvoll, um die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten zu gewährleisten. Insgesamt können anhand der vorliegenden Untersuchungen je­denfalls Tendenzen, Leerstellen und Fragestellungen adäquat formuliert und For­schungsimpulse sowie Visionen für die Salzburger Festspiele und deren Archiv gesetzt werden.

    Pionierinnen, Entwicklungslinien und die große Lücke: Datensichtung und erste Beobachtungen

    Zunächst zeigt die Erfassung der Produktionen mit R/D/C bei den Salzburger Festspielen von 1920 bis 2023 bisher 59 Regisseurinnen (bei 116 Produktionen), sieben Dirigentinnen (eine davon ist ein Co-Dirigat mit einem männlichen Kollegen; bei elf Produktionen) und 57 Choreographinnen (bei 169 Produktionen).2 Bereits im ersten Festspieljahr ist mit Hede Nilson-Schaffgotsch bei Hugo von Hofmanns­thals Jedermann eine Choreographin vertreten. Die erste Regisseurin ist 1926 bei Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni MARIE GUTHEIL-SCHODER, die erste Diri­gentin ist 1994 Anne Manson in Boris Godunow von Modest Mussorgski. Wer sich allerdings zur Annahme hinreißen lassen möchte, dass ab diesem Zeitpunkt die Di­rigentinnen standardmäßig Einzug bei den Salzburger Festspielen halten, irrt – die nächste Dirigentin,Julia Jones, ist erst wieder zehn Jahre später in der Datenbank zu finden. Oder anders formuliert: Nach rund 80 Jahren Mozart-Produktionen bei den Salzburger Festspielen dirigiert im Jahr 2004 erstmals eine Frau Die Entführung aus dem Serail (digital version). Bei den Dirigentinnen ist zudem festzuhalten, dass drei der elf Produktionen im Rahmen von „Jung und Jede*r“ stattfanden (bei den Regisseurinnen sind es neun), also im Vorfeld der zentralen Sommerfestspiele.

    Besonders markant hebt sich die Präsenz der Choreographinnen ab dem ersten Festspielsommer hervor. Dem gegenüber steht die Absenz von Dirigentinnen bis in die 1990er Jahre und die bis zum Festspielsommer 2023 verhältnismäßig über­mächtige männliche Besetzung dieser Position. Im Bereich Regie wird ein sukzes­siver Anstieg der weiblichen Regisseurinnen deutlich. Bis in die 1960er Jahre sind es mit MARIE GUTHEIL-SCHODER,Margarete Wallmann und Helene Thimig jedoch lediglich drei unterschiedliche Regisseurinnen in 20 Produktionen. Bis Ende der 1990er Jahre sind insgesamt acht Frauen in dieser Position. Ab der Jahrtausend­wende sind Regisseurinnen, wenn auch die Besetzung im Vergleich mit den männ­lichen Kollegen nicht ausgeglichen ist, zumindest mit steigender Tendenz bei den Salzburger Festspielen im Einsatz.

    Neben den bereits erwähnten Beobachtungen, die sich primär auf die Anfangsjahre der Salzburger Festspiele und auf die Zeit ab den 1990er Jahren beziehen, stechen nun auch die Jahre zwischen etwa 1970 und 1990 hervor. Besonders auffällig wird die Leerstelle von weiblich besetzten Regiepositionen zu dieser Zeit, aber auch bei den Choreographinnen zeigt sich eine deutliche Abnahme der Engagements. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, womit diese Lücke bzw. der Rückgang zusam­menhängen könnte. Einen Ansatz zur Untersuchung der Kausalitäten bietet die (vorerst ledigliche) Korrelation zwischen den jeweiligen Intendanten3 und Produk­tionsteams des bisherigen Festspielbetriebs.

    Herbert von Karajan und die Absenz der Frauen in (künstlerischen) Leitungspositionen

    Blickt man auf die Jahre zwischen 1970 und 1990, so wird deutlich, dass Herbert von Karajan diesen Zeitraum mit seiner langjährigen Intendanz prägte. Beginnend im Jahr 1957 hatte er bis ins Jahr 1989 die künstlerische Leitung der Festspiele inne.4 In Bezug auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen geht aus der Datensichtung hervor, dass unter Karajan nur wenige bis gar keine Frauen in diesen Bereichen zum Zug kamen. So gab es zwar einige Choreographinnen, jedoch nur Margarete Wallmann und Helene Thimig in insgesamt acht Produkti­onen als Regisseurinnen (beide waren bereits vor Karajan in dieser Rolle bei den Festspielen etabliert) und keine einzige Dirigentin. Die Aufarbeitung dieser Um­stände ist kaum oder gar nicht vorhanden. Grundsätzlich lässt sich aber die The­se argumentieren, dass unter Karajan persönliche, strukturelle und institutionelle Ungleichstellungen und Diskriminierungen gegenüber weiblichen Künstlerinnen aufrechterhalten und verstärkt wurden, die sich – aufgrund mangelnder Aufar­beitung – auch in den heutigen Strukturen der Salzburger Festspiele nachweisen lassen. In Hinblick auf Karajans langjährige Intendanz und seine bis in die zeitge­nössische Festspielkultur reichende Rolle als eine der Identifikationsfiguren der Salzburger Festspiele wäre es also in weiterer Folge interessant, seine Rolle in den heutigen Strukturen innerhalb der Festspiele zu erforschen; zudem – auch dieser Zusammenhang scheint uns relevant – wie die Aufarbeitung und Reflexion des „Vermächtnis Karajan“ der Salzburger Festspiele gestaltet wird.

    In diesem Zusammenhang seien noch die Herbert von Karajan Young Conductors Awards genannt. Sie sind einerseits ein Beispiel für die nach wie vor deutliche Präsenz Ka­rajans bei den Salzburger Festspielen, in diesem Fall in der Nachwuchsförderung. Gleichzeitig ist auffällig, dass die achtköpfige Jury der Young Conductors Awards aus sieben Männern und nur einer Frau besteht. Auch die Auszeichnungen werden größ­tenteils an männliche Künstler vergeben.5 Die Gründe dafür mögen im Kontext der (klassischen) Musikbranche vielfältig sein – jedoch kann thesenhaft von der fehlenden Reflexion und Aufarbeitung der diskriminierenden Besetzungspolitik Karajans (und anderen Aspekten seines Wirkens) als relevanter Faktor ausgegangen werden.

    Entsprechend gilt es für die Salzburger Festspiele in Zukunft Maßnahmen zu setzen, die einerseits die Zeit und Rückstände der „Ära Karajan“ kritisch aufarbeiten und die andererseits konkrete Schwerpunkte zur Förderung und Sichtbarmachung ins­besondere von Dirigentinnen, aber auch von Regisseurinnen und Choreographin­nen setzen. Im Fall der Herbert von Karajan Young Conductors Awards ergibt sich die Forderung nach Diversifizierung in allen Bereichen (Jury, Preisträger*innen etc.).

    Neben der Intendanz von Herbert von Karajan erscheint auch eine genauere Be­obachtung und Analyse anderer Intendanten als sinnvoll und unumgänglich für eine aussagekräftige Beschäftigung mit der Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in künstlerisch leitenden Positionen bei Produktionen der Salzburger Festspiele. Da es den Rahmen dieses in erster Linie grundlagenbasierten und überblicksschaf­fenden Beitrags jedoch sprengen würde, lassen sich hier lediglich die Vision und Forderung nach einer solchen Beschäftigung und Herangehensweise zu dem The­ma Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salz­burger Festspielen formulieren und in Aussicht stellen.

    Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen: Führungsperson oder schmückendes Beiwerk?

    Wirft man einen Blick auf die erhobenen Daten, wird deutlich, dass der Bereich Choreographie von Anfang an überwiegend von Frauen ausgeübt wurde und nach wie vor wird. Besonders auffällig ist, dass es bereits seit Beginn der Salzbur­ger Festspiele im Jahr 1920 Choreographinnen in den Produktionsteams gab. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass hinter den Choreographinnen in den Anfangsjahren der Salzburger Festspiele nur wenig Wechsel und Diversität in Bezug auf (verschiedene) Frauen stand.

    Während verhältnismäßig viele Produktionen mit weiblich besetzter Choreogra­phie aufgeführt wurden, wird hier sichtbar, dass es wenige unterschiedliche Cho­reographinnen sind, die einen Großteil der Produktionen übernahmen. Darunter sind zwischen 1920 und 1969 vor allem Margarete Wallmann, Hede Nilson-Schaff­gotsch und Grete Wiesenthal hervorzuheben.

    In der Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele werden jene Produkti­onsteams, denen auch die Choreographinnen angehören, durchgängig unter dem Begriff „Leading Team“ angeführt, was eine gewisse Hierarchielosigkeit innerhalb der Produktionsteams impliziert. Ausgehend von der These, dass im künstleri­schen Betrieb ebenso wie in nahezu allen strukturell männlich dominierten Be­reichen einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Gesellschaft die Positionierung von Frauen in Führungspositionen das Ergebnis eines jahrzehnte- bzw. jahrhun­dertelangen Aktivismus ist, stellt sich an dieser Stelle folgende weiterführende Forschungsfrage: Nehmen Choreographinnen angesichts ihrer Häufigkeit im Ver­gleich zu den Regisseurinnen und Dirigentinnen bei den Salzburger Festspielen eine Vorreiterinnenstellung in Bezug auf weiblich besetzte Führungspositionen bei den Produktionen der Salzburger Festspiele ein?

    Geht man davon aus, dass eine solche Hierarchielosigkeit – wie sie der Begriff des „Leading Teams“ suggeriert – tatsächlich vorhanden war bzw. ist, so müsste die Antwort lauten: Ja. Ob diese Annahme jedoch für die Choreographinnen bzw. für das Verhältnis von Choreographin und (meist männlich besetzter) Regie in der Praxis haltbar ist, ist durchaus fraglich. Andrea Amort deutet die Gewichtung der Rollen innerhalb der Produktionsteams allein durch den Titel ihres Beitrags im vorliegenden Band an: Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele.6 Die Choreographie ist damit ein Teil der Inszenierung von Max Reinhardt. Schließ­lich wird der tänzerische und choreographische Erfolg der Künstlerinnen in Salz­burg stets in Zusammenhang mit Max Reinhardts „genialer“ Besetzungspolitik erwähnt.7 So schreibt Amort u.a.:

    Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vi­sion Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur ide­alen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner brausenden Ideen brauchte.8

    Demnach gehe es also in erster Linie um Reinhardts Vorstellungen. Die Ideen und die künstlerischen Leistungen der Choreographinnen stehen (wenn überhaupt) an zweiter Stelle. Amort stellt diesbezüglich auch die Frage nach einem konkreten Bild der Arbeitsbereiche, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Verortung innerhalb möglicher Produktionshierarchien der Rolle Choreographie in den Raum: „Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten.“9

    Im Kontext des Memorandums des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 202010 wird eine solche Frage nach Arbeitsbedingungen und -umständen wesentlich, nachdem sich die Festspiele hier explizit zu jenen Grundsätzen, die bereits in der Vergangenheit gegolten haben und auch für die Zukunft der Salz­burger Festspiele gelten sollen, bekennen. Im vierten Grundsatz heißt es demnach: „Die Salzburger Festspiele bekennen sich weiterhin zum Dreispartenbetrieb (Oper, Schauspiel, Konzert) sowie entschieden zur Qualität, der sie den Vorrang vor der Kommerzialität geben. Die Salzburger Festspiele leben das Bekenntnis zu höchster Qualität als zentralen Schlüssel zum Erfolg.“11 Hier wird deutlich: Tanz war nie und wird auch zukünftig keine eigens angestrebte Sparte in der Programmierung der Salzburger Festspiele werden. Entsprechend findet sich in den bisherigen 103 Jahren Salzburger Festspielbetrieb lediglich eine einzige eigens als Tanzperfor­mance ausgewiesene und von einer Frau choreographierte Produktion: Into The Hairy aus dem Sommer 2023.12 Anders als in sämtlichen anderen Produktionen ist die Choreographin, Sharon Eyal, hier keiner Regie unterstellt, und so ist anzuneh­men, dass es sich bei der Rolle der Choreographie in diesem Ausnahmefall wohl wirklich um eine „Leading“-, also um eine Leitungsposition handelt. Es bleibt zu beobachten, ob Into The Hairy eine solche Ausnahme bleiben wird oder – obwohl Tanz nicht als eigene Sparte bei den Salzburger Festspielen vorgesehen ist – weite­re Choreographinnen in Leitungspositionen folgen werden.

    Diesen Ergebnissen zufolge kann zumindest die These geäußert werden, dass die Position der Choreographie hierarchisch unter jener der Regie zu verorten ist und sich an dieser Ordnung vermutlich auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Auf die Frage, ob Choreographinnen eine Vorreiterinnenstellung als weibliche Füh­rungspersonen bei den Salzburger Festspielen einnehmen, lautet die Antwort also: Es ist anzunehmen, dass es sich – zumindest in den klassischen drei Sparten Oper, Schauspiel und Konzert – bei der Rolle der Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wohl nicht um eine produktionsleitende, künstlerische Führungsfunk­tion handelt. Choreographinnen haben also, wenn sie auch bereits seit Beginn der Festspiele eine nicht zu schmälernde Rolle innerhalb der Produktionen einnehmen, keine Vorreiterinnenstellung als weibliche Führungspersonen inne.

    Weitere Forschungsinteressen und Visionen für die Salzburger Festspiele

    Abschließend bleibt eine Reihe an offenen Fragen und Impulsen für weitergehende Forschungsvorhaben bezüglich der Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wie auch Forderungen und Vi­sionen mit dem Ziel, eine umfassende Gleichstellung von Frauen und Männern bei den Salzburger Festspielen zu ermöglichen und umzusetzen.

    Im Rahmen unserer Recherche und Analyse wurde deutlich, dass die Datenlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit beispielsweise den Intendanten der Salzburger Festspiele wie auch der Rolle der Frauen bei den Festspielen im histo­rischen Kontext weitgehend Lücken aufweist. Da eine solche Aufarbeitung jedoch besonders relevant für die Untersuchung von struktureller und institutioneller Un­gleichstellung von Frauen bei den Salzburger Festspielen erscheint, ergibt sich als erste grundlegende Forderung jene nach einer öffentlich zugänglichen, vollständi­gen bzw. transparenten Datenbank mit dem Fokus auf Sichtbarkeit und Sichtbar­machung von Frauen, z.B. in Form adäquater Filteroptionen, Verlinkungen zu den Künstler*innen-Profilen auf der Webseite der Salzburger Festspiele und Kontextu­alisierungen in Form von bereitgestellten Artikeln, Rezensionen etc. zu Produkti­onen und Beteiligten.

    Die Bereitstellung von Quellen und Datenmaterial kann auch eine zukünftige Aus­einandersetzung mit der „Timeline“ der Salzburger Festspiele erleichtern. Fragen nach Zusammenhängen zwischen den in der Datensichtung beobachteten Trends und den Phasen der Festspiele können somit quellenbasiert analysiert und beant­wortet werden.

    Die Datensichtung hat außerdem gezeigt, dass etwa der Bereich Choreographie von Anfang an vorherrschend mit Frauen besetzt war und nach wie vor ist. Gleichzeitig lässt sich für die Bereiche Regie und Dirigat ein eher schwerfälliger Trend in Richtung einer weiblichen Besetzung beobachten – von einem gleichberechtigten Standard kann nicht die Rede sein. Auch in dem 2020 erschienenen Memorandum zum 100-jäh­rigen Jubiläum der Festspiele treten die konkreten Maßnahmen zur Sichtbarmachung und Gleichberechtigung von Frauen bei den Salzburger Festspielen als Leerstelle auf. Das heißt im Rückschluss nicht unbedingt, dass es keine Maßnahmen gibt, eine proaktivere Herangehensweise und transparente Kommunikation wären jedoch wünschenswert. Dementsprechend lässt sich ein weiterführendes Forschungsinte­resse formulieren, welches das (historische) Entstehen von „Frauen-“ und „Män­nerdomänen“ in Bezug auf die Salzburger Festspiele kritisch reflektiert, etwaige Ungleichheitsstrukturen aufarbeitet und in weiterer Folge proaktiv dekonstruiert. In diesem Kontext sind die Salzburger Festspiele konkret gefordert, ein explizites Gegensteuern der „klassischen“ Rollenverteilung, eventuell durch entsprechende Projekte, Schwerpunkte oder auch den Einsatz von Entscheidungsträger*innen oder Personen in leitenden Funktionen zur Fokussierung auf Gleichberechtigungs­agenden zu ermöglichen und schließlich auch zu realisieren.

    In Bezug auf die Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bleiben letztlich auch einige Fragen unbeantwortet, welche für zukünftige For­schungsvorhaben als interessant und relevant erscheinen. So drängt sich vor allem die Frage auf, ob (und falls ja, warum) Frauen in künstlerisch leitenden Funktio­nen vor allem in Produktionen in „Randveranstaltungen“ zu finden sind. Konkret wären das beispielsweise das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ oder Produk­tionen an kleineren Spielstätten im Gegensatz zu den großen, für die Selbstdar­stellung der Festspiele zentralen Bühnen: Wo werden die Produktionen, an denen Frauen beteiligt sind, hauptsächlich gezeigt? Auch eine Auseinandersetzung mit den Pfingstfestspielen, welche seit 2012 von einer Frau, CECILIA BARTOLI, geleitet wer­den, erscheint interessant.

    Es bleiben also viele Themen unbehandelt und zahlreiche Fragen offen, mit denen es sich in Zukunft zu beschäftigen gilt. Die Forschung rund um die Frauen bei den Salzburger Festspielen hat damit viel zu tun. So auch die Festspiele selbst.

    Ein Blick auf das Festspiel-Programm für den Sommer 2024 zeigt, ohne konkrete und verbindliche Zielsetzungen und Maßnahmen geht es nicht. Regisseurinnen, Choreographinnen und Dirigentinnen kommen in unterschiedlichen (wenn auch wenigen) Produktionen vor, eine radikale Veränderung bleibt aus. Das Memoran­dum 2020 schließt mit den Worten ab: „Die Salzburger Festspiele müssen nicht im­mer neu geträumt oder erfunden werden. Sie müssen aber immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden, und diese neue Gegenwart kann nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit heraus entstehen.“13 Fast zynisch liest sich dieser Abschluss angesichts der dargestellten grundlegenden Leerstellen in der (histori­schen) Aufarbeitung und der offensichtlichen Ungleichheitsstrukturen, die nicht den Ansprüchen des Jahres 2024 entsprechen. Abschließend kann gesagt werden: Es geht keineswegs darum „immer neu zu träumen“, sondern darum, endlich zu handeln.


    Anmerkungen

    1. Archiv der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/kalender (26.3.2024). ↩︎
    2. Zu beachten ist, dass hier nach jetzigem Erhebungsstand der Begriff „Produktionen“ nicht zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen unterscheidet. Erfasst wurden lediglich die unterscheidbaren Programmpunkte pro Jahr, weshalb etwa die Produktion des Jedermann in den Jahren 1920 und 1921 mit der Choreographie von Hede Nilson-Schaffgotsch als zwei Produktionen gewertet werden, obwohl es sich wohl um eine Wiederaufnahme handelt. Die individuellen Aufführungen in einem Festspieljahr, etwa sechs Aufführungen des Jedermann im Jahr 1920, werden als eine Produktion angegeben. In weiteren inhaltlichen Untersuchungen wäre es also sinnvoll, die einzelnen Produktionen genauer zu untersuchen und festzuhalten, was sich aus der Unterscheidung zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen ergibt. ↩︎
    3. Zu gendern ist hier hinfällig, da es sich um eine bisher ausschließlich von Männern ausgeübte künstlerische Leitungsposition handelt. ↩︎
    4. Bayrischer Rundfunk: Salzburger Festspiele. Intendanten von Karajan bis heute. https://www.br-klassik.de/themen/salzburger-festspiele/intendanten-salzburger-festspiele-100.html (26.3.2024), datiert mit 20.7.2017. ↩︎
    5. N. N.: Herbert von Karajan Young Conductors Awards. https://www.salzburgerfestspiele.at/yca#preistrgerinnen (26.3.2024). ↩︎
    6. Amort, Andrea: Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele. Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Im vorliegenden Band, S. 110-120, S. 110. ↩︎
    7. Vgl.: Ebd., S. 115-116. ↩︎
    8. Ebd., S. 115. ↩︎
    9. Ebd., S. 116. ↩︎
    10. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎
    11. Ebd. ↩︎
    12. N. N.: Into The Hairy. https://www.salzburgerfestspiele.at/p/into-the-hairy-2023 (27.3.2024). ↩︎
    13. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎

    IRIS SCHMIDINGER

    Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur. Weiterbildungen und ehrenamtliche Tätigkeiten im Bereich Kinder- und Jugendliteratur sowie Kulturmanagement im Bereich Chormusik. 2016-18 Mitarbeiterin bei den Wiener Festwochen. Seit 2021 Leiterin des Veranstaltungsbereichs des Österreichischen Buchklubs der Jugend sowie redaktionelle Mitarbeit.

    ANNA SCHWEIGER

    2019-23 Bachelorstudium Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch mit Spezialisierungen in den Fachbereichen Linguistik und Deutsch als Fremdsprache bzw. Zweitsprache mit Fokus auf Critical digital Discourse Analysis bzw. Kritische Diskursanalyse medialer Berichterstattung. Seit 2023 Master Austrian Studies und Master Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch an der Universität Wien.

  • Frauen als Urheberinnen – Uraufführungen und Schwerpunkte bei den Salzburger Festspielen

    Frauen als Urheberinnen – Uraufführungen und Schwerpunkte bei den Salzburger Festspielen

    Uraufführungen von Werken von Frauen bei den Salzburger Festspielen

    Zur Eingrenzung des Begriffs „Uraufführung“

    Eine Uraufführung ist die „erste Aufführung eines neuen Werkes“1. Doch was gilt als neues Werk? Während die Salzburger Festspiele in ihren Aufzeichnungen großzügig auch Aufführungen neuer Fassungen von alten Werken als Urauffüh­rungen ausweisen, werden derartige Aufführungen in diesem Beitrag nicht als Uraufführungen gewertet. Die diesem Beitrag zugrundeliegende Aufstellung, aus dem im Folgenden Zahlen genannt werden, ist grundsätzlich nach einem engeren Verständnis von „Uraufführung“ konzipiert: Werke, bei denen ein großer Teil, z.B. die Komposition, neu ist, sind enthalten. Falls nur das Libretto neu ist, ist das nicht ausreichend für eine Einstufung als Uraufführung. Wenn mehrere Musikstücke im Rahmen desselben Konzerts uraufgeführt wurden, dann wird jedes der Stücke einzeln als Uraufführung eingestuft.

    Zur Quellenlage

    Ich beziehe mich als Quelle auf das alte Online-Archiv der Salzburger Festspie­le, wobei ich hier bei der Recherche den Filter „Uraufführungen“ nicht aktivierte, denn dieser lässt manche Einträge aus, wie etwa L’Amour de loin und er nicht als er (zu, mit Robert Walser) – dabei sind gerade diese Beispiele besonders wichtige Uraufführungen von Frauen.2 Aus diesem Grund wurde für diesen Beitrag jeder einzelne Eintrag des Online-Archivs auf eine Nennung des Begriffs „Urauffüh­rung“ hin untersucht. Da das Online-Archiv nur Einträge bis 2018 liefert, wurden für die folgenden Jahre die benut­zerunfreundliche neue Online-Seite der Salzburger Fest­spiele und die online verfügbaren Programmbücher der Jahre 2021-23 als Quellen benutzt.3 Sowohl das alte als auch das neue Online-Archiv sind unvollständig. Ich beziehe mich trotzdem darauf, da diese Online-Quellen die offizi­ellen Quellen des Archivs der Salzburger Festspiele sind. Der letzte mögliche Kontrollschritt wäre der langwierige Einblick in die gedruckten Programmhefte aller Veranstaltungen. Es wäre aber die Aufgabe der Bereitsteller*innen der Archiv-Seite, ihre Einträge mit jenen in den gedruckten Programmen abzugleichen und demnach zu vervollständigen.

    Wären die schwerer zugänglichen Programmhefte das zugrunde liegende Quel­lenmaterial, so wäre ein ebenso fragwürdiger Datensatz das Resultat, da Ausfälle und Änderungen nach dem Druck dieser Programme nicht ausgewiesen sind. Da­gegen hat das Online-Archiv den Vorteil, dass es Ausfälle und Änderungen von geplanten Veranstaltungen zumindest teilweise beinhaltet. Um eine Aufstellung möglichst vollständig zu machen, benötigt man bei der derzeitigen Situation des Online-Archivs also beides: Online-Daten und Programmhefte.

    Da das Online-Archiv im Großen und Ganzen umfassend ist, präsentiere ich die folgenden Ergebnisse nicht mit einer Garantie auf Vollständigkeit, aber in der Überzeugung, dass sie ausreichend sind, um aussagekräftig zu sein. Zugleich ist die Unvollständigkeit des Online-Archivs der Salzburger Festspiele kritisch zu be­werten, eine Überarbeitung ist dringend nötig.

    Auswertung der Daten

    In den Jahren 1920-2023 gab es bei den Salzburger Festspielen 256 Uraufführun­gen. Davon waren 229 Werke von Männern, 18 Werke von Frauen und neun Wer­ke von Teams, die sich aus mindestens einem Mann und mindestens einer Frau zusammensetzen. Somit waren bis dahin 89,5 % der Uraufführungen Werke von Männern, 7 % waren Werke von Frauen und 3,5 % waren Werke von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren.

    Die erste Uraufführung eines Werks einer Frau fand im Jahr 1996 statt. Bei der Be­trachtung des Zeitraums, in dem es Uraufführungen von Werken von Frauen gab, 1996-2023, ergibt sich folgendes Bild: Es gab in diesem Zeitraum 145 Uraufführun­gen, davon waren 119 (82,1 %) von Werken von Männern, 18 (12,4 %) von Werken von Frauen und acht (5,5 %) von Werken von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren. Abgesehen von einer Mitarbeit bei einem Libretto 1966 hatten Frauen auch in der Zusammenarbeit mit Männern in einem Verfasser*innen-Team vor 1996 keine Uraufführungen bei den Salzburger Festspielen.

    Das prozentuale Verhältnis der Uraufführungen von Werken von Frauen zu den Uraufführungen von Werken von Männern wird in abgebildeten Diagrammen veranschaulicht.

    Die genannten Zahlen zeigen, dass Frauen bei der Vergabe des Privilegs einer Ur­aufführung bei den Salzburger Festspielen bisher stark benachteiligt waren. War­um war das so?

    Die Ursache ist der patriarchale, konservative Rahmen, in dem die Salzburger Fest­spiele gegründet wurden. Dieser Rahmen konnte sich über die Jahrzehnte hinweg als Tradition etablieren und stabil halten. Progressivere Ansichten konnten bisher nur wenig Eingang in die Salzburger Festspiele finden, sodass der Weg zu mehr Beteiligung von Frauen bei Uraufführungen bisher sehr langsam begangen wurde. Es war bis 2023 ein Weg, auf dem man immer nur ein, zwei Schritte vorwärts ge­hen konnte und dann vor einer roten Ampel warten musste, bis es wieder grünes Licht für Frauen gab. Diese Entwicklung wird durch ein weiteres Diagramm ver­anschaulicht.

    Im direkten Vergleich der Jahre ist ersichtlich: 2023 waren die Salzburger Festspiele mit ihren Uraufführungen wieder da, wo sie bereits 1996 waren. In der Darstellung ist auch augenfällig, dass die Salzburger Festspiele im Zeitraum 1996-2023 kein kontinuierlich gleichbleibendes Verständnis von der Bedeutung von Urauf­führungen hatten, sondern es Phasen gab, in denen Uraufführungen als unwichtig vernachlässigt wurden, und Phasen, in denen mehr Uraufführungen ins Programm aufgenommen und auch durch Auftragsvergaben gefördert wurden. So verhielt es sich bereits in früheren Zeiträumen. In den 1950er Jahren wurden elf Werke bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, in den 1960er Jahren gab es insgesamt nur fünf Uraufführungen, und in den 1970er Jahren fanden 20 Uraufführungen statt.

    Die Intendanten der Salzburger Festspiele waren bis jetzt ausschließlich Männer. Natürlich müssten Männer nicht unbedingt Männer bevorzugen, die Daten und Fakten zeichnen aber genau dieses Bild. Die Intendanten vor Gerard Mortier ließen keine Uraufführung eines Werks einer Frau zu. Mortier begann 1991 als Intendant. 1996 wurde unter seiner Leitung zum ersten Mal ein Werk einer Frau bei den Salz­burger Festspielen uraufgeführt.

    Welchen Anteil hatten die Uraufführungen von Frauen in den Intendanzen seit Mortier? Das zeigt der prozentuale Vergleich der Uraufführungen von Frauen un­ter den verschiedenen Intendanten: Mortier (1991-2001): 6,1 % (49 UA, drei von Frauen); Ruzicka (2002-06): 16,7 % (42 UA, sieben von Frauen); Flimm (2007-10): 0 % (12 UA, keine von Frauen); Pereira (2012-14): 11,8 % (34 UA, vier von Frauen) und Hinterhäuser (2011, 2017-23): 15,8 % (19 UA, drei von Frauen). Das Diagramm stellt das auch bildlich dar.

    Bei dieser Auflistung sticht Jürgen Flimm als ein weiterer Intendant, der keine Ur­aufführung von Werken von Frauen ermöglichte, hervor. Die Frage drängt sich auf: Wurden Frauen damals auch in anderen Bereichen der Salzburger Festspiele wieder zurückgedrängt?

    Positiv erscheint in diesem Vergleich hingegen Peter Ruzicka, unter dessen Lei­tung Uraufführungen von Frauen einen höheren Anteil hatten als je zuvor und danach. Allerdings gab es in den ersten drei Jahren seiner Intendanz (2002-04) auch eine Phase mit keiner Uraufführung eines Werks einer Frau.

    Der aktuelle Intendant Markus Hinterhäuser hat den zweithöchsten Anteil der Uraufführungen von Werken von Frauen und den höchsten Anteil von Werken, die in der Kooperation mindestens eines Mannes und mindestens einer Frau ge­schaffen wurden, sodass die insgesamte Beteiligung von Frauen als (Mit-)Verfas­serinnen an Uraufführungen in seiner Ära bis 2023 am höchsten und der Anteil der Uraufführungen rein von Männern am niedrigsten war. Niedriger als je zuvor, machte der Anteil der Uraufführungen rein von Männern aber immer noch mehr als zwei Drittel aus.

    Auch den Orten, an denen die Uraufführungen stattfanden, kommt Bedeutung zu. Fünf der 18 Uraufführungen von Frauen – das sind 27,8 % – fanden auf den großen Bühnen mit über 1.000 Plätzen, also im Großen Festspielhaus oder in der Felsenreitschule, statt. Im Zeitraum 1996-2023 gab es auf diesen großen Bühnen 22 Uraufführungen von Werken von Männern, diese machten allerdings nur 18,5 % aller Uraufführungen von Werken von männlichen Verfassern in diesem Zeitraum aus. Die kleineren Bühnen wurden häufiger bespielt. Anhand dieser Daten kann der Verdacht, dass Frauen auch bei der Ortszuweisung für ihre Uraufführungen benachteiligt würden, für den Beobachtungszeitraum widerlegt werden. Aber tat­sächlich gilt dieser Gegenbeweis nur bis zum Jahr 2006, denn seither gab es keine Uraufführung vom Werk einer Frau auf einer großen Bühne.

    Ein weiterer Verdacht war, dass uraufgeführte Werke von Frauen häufiger Werke für Kinder waren. Allerdings gab es bisher nur eine Uraufführung für Kinder rein von Frauen. Insgesamt gab es erst sechs Uraufführungen von Werken für Kinder, diese Schiene ist noch nicht lange im Programm der Salzburger Festspiele. Hinter zwei dieser sechs Uraufführungen steht ein Team mit mindestens einem Mann und mindestens einer Frau, das sind aber noch zu wenige Daten, um ein Muster zu erkennen.

    Innerhalb der Sparten der Salzburger Festspiele verteilten sich die Uraufführungen von Frauen folgendermaßen: acht Konzerte, drei Opern und sieben Theaterstücke. Die folgenden Anteile hatten die Uraufführungen von Frauen jeweils in den Spar­ten im Vergleich zu den Uraufführungen rein von Männern und mit männlicher Beteiligung im Beobachtungszeitraum 1996-2023: 8,7 % bei Konzerten, 21,4 % bei Opern und 17,9 % bei Schauspielen. Folgende Anteile haben die drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Frauen: 44,4 % Konzerte, 16,7 % Opern und 38,9 % Theaterstücke. Zum Vergleich die Anteile der drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Männern: 68,9 % Konzerte, 7,6 % Opern und 23,5 % Theaterstücke. Diese Daten zeigen, dass der Rückstand von Frauen als Verfasserin­nen von Uraufführungen im Vergleich zu Männern als Verfassern im Bereich der Konzerte am größten ist.

    Im Zeitraum seit 1996 gab es unter den 145 Uraufführungen 65 Auftragswerke der Salzburger Festspiele, davon waren 54 (83,1 %) von Männern, acht (12,3 %) von Frauen und drei (4,6 %) von einem Team aus Vertreter*innen beider Geschlechter. Diese prozentuale Aufteilung ist beinahe identisch mit jener von allen Urauffüh­rungen im Beobachtungszeitraum. Die Abweichung ist aber nicht so gering, weil der Anteil der Auftragswerke fast die Gesamtheit der Uraufführungen umfasst, denn er macht mit 44,8 % weniger als die Hälfte aus. Stattdessen ist die geringe Abweichung wohl darauf zurückzuführen, dass bei der Vergabe von Aufträgen dieselben Verantwortlichen wie beim Einbezug von Uraufführungen allgemein zuständig waren und bevorzugt männliche Verfasser wählten.

    Die Daten beweisen: Bei den Entscheidungsträger*innen ist die Annahme, dass Männer die besseren Kunstschaffenden wären, nicht nur im 20. Jahrhundert, son­dern auch im 21. Jahrhundert verankert.

    Ein Überblick über alle Uraufführungen rein von Frauen verfasster Werke bis 2023

    In der folgenden Tabelle ist in der Spalte „Sparte“ angegeben, in welcher der drei Sparten, in die die Salzburger Festspiele ihre Veranstaltungen einteilen, eine Auf­führung angesiedelt war. Dabei steht aus Platzgründen K für Konzert, O für Oper und S für Schauspiel. Wenn ein Werk ein Teil einer größeren Veranstaltung war, wird der Titel der Gesamtveranstaltung in der fünften Spalte genannt. Wenn das Werk allein die Veranstaltung ausmacht, stehen in der fünften Spalte nur weitere Angaben.

    JahrName der VerfasserinTitel des WerksSpartebei V: Teil d. Veranstaltung
    bei A: Untertitel, Angaben
    1996Kaija SaariahoChateau de lʼameKV: Kaija Saariaho 1 (Next Generation)
    1998Elfriede Jeli­neker nicht als er (zu, mit Robert Walser)SA: Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    2000Kaija SaariahoLʼAmour de loinOA: Oper in fünf Akten, Libretto: Amin Maalouf, Gem. Auftragswerk u. Koproduktion: Théatre du Chatelet, Paris u. The Santa Fe Opera
    2005Chaya Czerno­winIII. Water of Dissent (Fragment)KV: Heftige Landschaften (Passagen 7)
    2005Liza Limsongs found in dream für EnsembleKV: Songs found in Dream (Passagen 6)
    2006Adriana HölszkyDämonen für Chor und OrchesterKV: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
    2006Olga Neuwirth…miramondo multiplo… für Trompete und OrchesterKV: Pierre Boulez
    2006Chaya Czerno­winAdamaOV: Wolfgang A. Mozart, Chaya Czernowin – Zaide – Adama A: Reaktion auf Zaide, Auftragswerk, Koproduktion: Theater Basel
    2006Meg StuartItʼs not funny!SA: Meg Stuart = „Damaged Goods“
    2006Barbara WeberViktor! Happiness is a warm gunSA: nach Motiven von Roger Vitrac, (Young Directors Project II), Zusammenarbeit: Theater Freiburg und HAU Berlin (Hebbel am Ufer)
    2012Princess Zinzi MhlongoTrappedSA: Young Directors Project, Tick Tock Productions/Südafrika
    2013Nina Šenkzu „Gurken“ von Erwin WurmKV: Salzburg contemporary – Scha­roun Ensemble
    2013Olga Neuwirthzu „Ziffern im Wald“ von Mario MerzKV: Salzburg contemporary – Scha­roun Ensemble
    2014Suzanne AndradeGolemSA: Nach Motiven von Gustav Meyrink, Koproduktion: 1927, Young Vic / London und Théâtre de la Ville / Paris
    2015Olga NeuwirthEleanor Suite für Bluessängerin, Schlagzeug und EnsembleKV: Salzburg contemporary – Boulez – Klangforum Wien II
    2019Theresia WalserDie EmpörtenSA: Eine finstere Komödie, Koproduktion: Schauspiel Stuttgart
    2021Elisabeth Naske, Ela Bau­mannVom Stern, der nicht leuchten konnteOA: Oper für Kinder
    2023Mareike FallwicklDie Wut, die bleibtSA: Koproduktion: Schauspiel Hannover

    Bei vielen der Werke, die aus einer Kooperation von mindestens einem Mann und mindestens einer Frau entstanden sind, war der Beitrag der Frau lediglich der Text, während die Musik von einem Mann stammte. Es gibt hier zwei nennenswerte Theaterarbeiten:

    2020: Everywoman. Von: Milo Rau, Ursina Lardi. Ausgehend vom Jedermann. Ko­produktion: Schaubühne Berlin.

    2022: Reigen. Von: Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leïla Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Kata Wéber, Lukas Bärfuss, Hengameh Yaghoo­bifarah, Jonas H. Khemiri. Nach Arthur Schnitzler. Koproduktion: Schauspielhaus Zürich.

    Die Verfasserinnen von bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Werken

    Zu Elfriede Jelineks Präsenz bei den Salzburger Festspielen gibt es einen eigenen Beitrag, daher findet sie hier nur kurze Erwähnung.

    Olga Neuwirth, von der drei Werke uraufgeführt wurden, war in den Jahren 1995-2015 in elf Konzerten mit ihren Kompositionen vertreten. 1998 hatte sie einen Bei­nahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Porträtkonzerten, also im selben Jahr des Schwerpunkts zu Elfriede Jelinek.

    Von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho wurden in den Jahren 1996-2017 in sieben Veranstaltungen der Salzburger Festspiele Werke aufgeführt. Sie hatte 1996 ebenfalls einen Beinahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Konzerten, beim ersten davon fand die Uraufführung von Chateau de lame statt. Von Chaya Czernowin wurden von 2005-13 fünf Werke bei Veranstaltungen der Salzburger Festspiele aufgeführt. Von Saariaho und Czernowin gab es jeweils zwei Urauffüh­rungen bei den Salzburger Festspiele.

    MAREIKE FALLWICKL war mit einem Werk, Die Wut, die bleibt, bei den Salzburger Fest­spielen vertreten. Im Kontext ihrer Uraufführung führte sie das feministische The­ma ihres Stücks aus, etwa beim TerrassenTalk der Salzburger Festspiele4 oder in einem Interview mit dem Standard, in dem sie Folgendes sagte: „Es freut mich, dass es ein Stoff wie meiner zu den Festspielen schafft. Ich bin die einzige Autorin im Schauspielprogramm, und ich lebe sogar noch. Mein Stück könnte eine Handgra­nate sein, die wir zünden, um Strukturen von innen aufzubrechen.“5

    Schwerpunkte zu Frauen

    Ein Überblick

    Bei einer Definition von „Schwerpunkt“ als einer auch als solcher ausgewiesenen Reihe von mindestens drei Veranstaltungen innerhalb eines Jahres sind bei den Salzburger Festspielen bis 2023 nur drei Schwerpunkte zu je einer Frau als Kom­ponistin oder Autorin zu finden. Die Schwerpunkte zu Männern im Vergleich konnten bislang noch nicht erfasst werden, doch bereits beim Überfliegen des Pro­gramms ist zu erkennen, dass viel mehr Schwerpunkte zu Männern stattfanden und darunter auch viele größere waren. Der mit Abstand umfassendste Schwer­punkt zu einer Frau – und der einzige große – war jener zu Elfriede Jelinek, der in den folgenden Beiträgen erörtert wird.

    Einzelveranstaltungen sind noch kein Schwerpunkt, doch es gab in den letzten Jahren immerhin einige Randveranstaltungen mit feministischen Themen, die als honourable mentions genannt werden:

    -2022: Kapital.Geschlecht. Dieses Symposium wurde vom Interuniversitären For­schungsverbund Elfriede Jelinek initiiert und hat in Kooperationen mit den Salzburger Festspielen und dem Literaturarchiv Salzburg stattgefunden.

    – 2023: Recherche 2 Frauen Literatur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

    – 2023: Lesung von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht

    Auch eine Erwähnung wert ist ein kleiner Schwerpunkt zu einer Pianistin, der aus dem Programm hervorsticht: MITSUKO UCHIDA 1-3 im Jahr 1995. In den Jahren 1989-2023 hat Mitsuko Uchida den Online-Archiven zufolge in 21 Konzerten der Salzburger Festspiele gespielt und wurde auch im Titel von elf dieser Konzerte genannt.

    Eine verpasste Chance für einen Schwerpunkt soll an dieser Stelle auch angeführt werden: 2005-06 war Chaya Czernowin „Composer in Residence“ der Salzburger Festspiele.6 Werke von ihr wurden im Jahr 2005 bei drei Konzerten gespielt, von denen eines ein Porträtkonzert war. Hier hätten die Salzburger Festspiele in ih­rem Programm für 2005 nur mehr einen Zusammenhang über die Komponistin ausweisen brauchen, und es wäre bereits genug für einen ausbaufähigen Schwer­punkt gewesen. Stattdessen haben sie das nicht gemacht und auch nirgends auf der Homepage oder im gedruckten Programm von 2005 vermerkt, dass Czernowin in diesem Jahr „Composer in Residence“ war.

    Christa Wolf 2003 – Die vergessene Dichterin zu Gast

    Christa Wolf war im Jahr 2003 als Dichterin zu Gast in der Reihe Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen. Das wird im 2003-Eintrag der Timeline der Salzburger Festspiele erwähnt, und im alten Online-Archiv existiert ein Eintrag, der nur aus der Überschrift Dichter zu Gast CHRISTA WOLF besteht.7 Auf der Homepage der Salzburger Festspiele finden sich keine weiteren Angaben zu diesem Schwerpunkt. Die Informationen zu den Programmpunkten sollten eigentlich im Online-Archiv zu finden sein. Ihr Fehlen dort bis ins Jahr 2024 ist ein Versäumnis. Nur im ge­druckten Programmheft zum Schwerpunkt sind die Angaben dazu noch zu fin­den, aber dafür muss man ein solches Programmheft erst einmal auftreiben.8

    Der Schwerpunkt gliederte sich in die folgenden drei Programmpunkte, die alle im Salzburger Landestheater stattfanden:

    – Sonntag, 17.8.2003, 11 Uhr: Christa Wolf liest Christa Wolf: Leibhaftig

    – Montag, 18.8.2003, 19.30 Uhr: „Hero(i)sches Testament“. Texte von Inge Mül­ler, Brigitte Reimann, Maxie Wanderer und Irmtraud Morgner ausgewählt von Christa Wolf

    Jutta Hoffmann liest aus: Inge Müller, Daß ich nicht ersticke am Leisesein. Maxie Wanderer, Leben wär‘ eine prima Alternative und Guten Morgen, du Schöne. Jo­hanna Schall liest aus: Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand. Irmtraud Morg­ner, Das heroische Testament

    – Mittwoch, 20.8.2003, 22 Uhr: Performance nach Medea. Stimmen von Christa Wolf. Text – Musik – Malerei. Livepainting am Overheadprojektor. Mit Christa Wolf, Helge Leiberg (Overheadprojektion, Live-Painting), Lothar Fiedler (Gi­tarre, Live-Elektronik, Tapes) und Heiner Reinhardt (Bassklarinette, Sopran­saxophon)

    Mit dem Programmheft zum Schwerpunkt haben dessen Gestalterinnen um die Redakteurin Ulli Stepan – ein rein weibliches Team – eine bemerkenswerte Publi­kation geschaffen, die weit mehr als die Basisinformationen zu den Veranstaltun­gen beinhaltet. Es umfasst 40 Seiten zu Christa Wolf und ihrem Programm (und acht Seiten Werbung) und inkludiert viele Zitate aus Werken der Autorin sowie je einen Ausschnitt aus den Werken der von ihr für ihre Favoritenlesung ausgewähl­ten Autorinnen. Außerdem gibt es darin Texte von Christa Wolf: den Essay Asso­ziationen in Blau, den kurzen Text Verletzt. im Kontext der Lesung ihres Romans Leibhaftig, den Begleittext Hero(i)sches Testament zur gleichnamigen Veranstaltung sowie im Kontext der Performance nach dem Roman Medea. Stimmen die Begleit­texte Medea. Stimmen und Von Kassandra zu Medea. Die Autorin hat damit einen großen Teil zu diesem Programmheft beigetragen. Neben den Texten Wolfs und der anderen gelesenen Autorinnen beinhaltet es noch Biografien und Bilder zu al­len am Schwerpunkt beteiligten Künstler*innen, eine Rezension zu Leibhaftig von Therese Hörnigk und den Klappentext dieses Romans sowie eine alte Laudatio für Wolf von Günter Grass.

    Im Begleittext zu der Lesung der von ihr gewählten Texte anderer Autorinnen schrieb Christa Wolf: „Ich habe Texte von diesen vier Kolleginnen ausgewählt, weil sie es verdienen, im Gedächtnis bewahrt zu werden und weil ich der Gefahr entgegenarbeiten möchte, daß auch sie und ihr Werk, wie so vieles, in den Strudel des Vergessens gerissen wird.“9 Die Autorin warnte hier vor dem Vergessen als einer Gefahr, der sie dann selbst zum Opfer fiel. Ihr Anspruch, dagegen zu wirken, wurde zwar abgedruckt, aber von den Verantwortlichen für die Archivierung bei den Salzburger Festspielen nicht respektiert, da die Veranstaltungen des Schwer­punkts bisher nicht in das große Gedächtnis, als das das Online-Archiv fungiert, aufgenommen wurden, sodass das Zitat von Wolf im Jahr 2024 eine traurige Ironie darstellt.

    Galina Ustwolskaja 2018 – „Zeit mit Ustwolskaja“

    Der Schwerpunkt gliederte sich in fünf Konzerte, bei denen insgesamt 16 Kompo­sitionen von Galina Ustwolskaja gespielt wurden.

    Am 21.7. um 21.30 Uhr in der Kollegienkirche wurde die Symphonie Nr. 5 „Amen“ für Sprecher, Oboe, Trompete, Tuba, Violine und Holzwürfel aufgeführt.

    Am 22.7. um 18 Uhr wurden zwei Stücke von Ustwolskaja gespielt: Sonate für Violi­ne und Klavier und Duett für Violine und Klavier. Im Anschluss fand im Großen Saal um 22 Uhr die Veranstaltung Klaviersonaten – Hinterhäuser statt, bei der Markus Hinterhäuser die Sonaten für Klavier Nr. 1-6 spielte.

    Am 23.7. um 20.30 Uhr wurden in der Kollegienkirche drei Kompositionen von Ustwolskaja aufgeführt: Komposition 1 „Dona nobis pacem“ für Piccoloflöte, Tuba und Klavier, Komposition 2 „Dies irae“ für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier und Komposition 3 „Benedictus, qui venit“ für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier.

    Am 24.7. um 18 Uhr wurden die folgenden vier Stücke gespielt: Trio für Klarinette, Violine und Klavier, Symphonie Nr. 2 „Wahre, ewige Seligkeit” für Orchester und Solo­stimme, Oktett für zwei Oboen, vier Violinen, Pauken und Klavier und Symphonie Nr. 3 „Jesus Messias, errette uns!“ für Sprechgesang und Orchester.

    Bei drei von den fünf Konzerten wurden auch Stücke von anderen Komponist*innen gespielt. Die zweite Veranstaltung am 22.7.2023 und die Veranstaltung am 24.7. wurden von Ustwolskaja alleine bespielt.

    Im alten Online-Archiv der Salzburger Festspiele gibt es eine Suchmaske, über die man Einträge mit den Namen von Personen suchen kann. Dem Suchergebnis zufolge wurden Stücke von Galina Ustwolskaja bereits vorher bei sieben Veran­staltungen der Salzburger Festspiele gespielt, zum ersten Mal 1995. Kompositio­nen von ihr, die bei diesen Konzerten aufgeführt wurden, wurden im Rahmen des Schwerpunkts wiedereingesetzt. Dabei handelt es sich um die Musikstücke, die am 21.7., 22.7. und 23.7. gespielt wurden. Es wurde also wiederholt, was sich bereits bewährt hatte.

    Nach dem Schwerpunkt gab es 2021 noch eine Aufführung von ihr. Beim Blick auf alle Aufführungen von Werken der russischen Komponistin bei den Salzburger Festspielen ist eine Verbindung zu Markus Hinterhäuser, der (nicht nur) 2018 der Intendant war, erkennbar: Er war als Pianist bei vier der früheren Veranstaltun­gen – zwei davon nach ihm benannt – dabei und spielte auch bei Konzerten des Schwerpunkts.

    Die fünf Veranstaltungen des Schwerpunkts sind alle im Online-Archiv eingetra­gen. Auch der Zusammenhang als „Zeit mit Ustwolskaja“ ist dort ersichtlich, al­lerdings erst als Zusatznotiz unten auf der Seite, und eine Verlinkung durch den Schwerpunkt ist nicht gegeben. Im gedruckten Programm ist der Schwerpunkt besser ausgewiesen.10

    Schlussworte

    Das war es auch schon mit Uraufführungen von Werken von Frauen und den Schwerpunkten zu Frauen in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Salz­burger Festspiele bis 2023. Es gibt also einen großen Aufholbedarf. Ein komplettes, übersichtliches und zuverlässig filterbares Online-Archiv ist ebenso wünschens­wert.


    Reihe „Dichter*in zu Gast“ 1998-2010

    JAHR DICHTER*IN

    1998 Elfriede Jelinek

    1999 Hans Magnus Enzensberger

    2000 Christoph Ransmayr

    2001 Imre Kertész, Péter Nádas, Péter Esterházy

    2002 Robert Gernhardt

    2003 Christa Wolf

    2004 Tankred Dorst

    2005 António Lobo Antunes, John M. Coetzee, Elfriede Jelinek

    2007 Jeffrey Eugenides, Richard Ford

    2008 Dimitré Dinev, Orhan Pamuk

    2009 Daniel Kehlmann

    2010 Claudio Magris


    Anmerkungen

    1. N. N.: Uraufführung, die. https://www.dwds.de/wb/Urauff%C3%BChrung (14.01.2024); N. N.: Uraufführung, die. https://www.duden.de/rechtschreibung/Urauffuehrung (14.01.2024). ↩︎
    2. Vgl.: SALZBURGER FESTSPIELE ARCHIV. https://archive.salzburgerfestspiele.at/archiv (29.03.2024). ↩︎
    3. Vgl.: Homepage der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/programm (29.03.2024); Programm der Salzburger Festspiele 2021; Programm der Salzburger Festspiele 2022; Programm der Salzburger Festspiele 2023. ↩︎
    4. Vgl.: Pressetext zum TerrassenTalk „Die Wut, die bleibt“. „Veränderungen können auch im Kleinen beginnen.“ https://www.salzburgerfestspiele.at/cms/wp-content/uploads/2023/07/pressetext-tt-wut.pdf (11.4.2024). ↩︎
    5. Tasi, Gyöngyi: Autorin Mareike Fallwickl: „Mein Stück könnte eine Handgranate sein“. https://www.derstandard.at/story/3000000181773/mein-st252ck-k246nnte-eine-handgranate-sein, datiert mit 5.8.2023 (9.4.2024). ↩︎
    6. Vgl. N. N.: CHAYA CZERNOWIN. https://www.schott-music.com/de/person/index/index/urlkey/chaya-czernowin (4.4.2024). ↩︎
    7. Vgl.: 26. Juli bis 31. August. https://www.salzburgerfestspiele.at/geschichte/26-juli-bis-31-august (3.4.2024); Dichter zu Gast CHRISTA WOLF; https://archive.salzburgerfestspiele.at/archive_detail/programid/457/id/0/j/2003 (3.4.2024). ↩︎
    8. Vgl.: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
    9. Wolf, Christa: Hero(i)sches Testament. In: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
    10. Vgl.: Programm der Salzburger Festspiele 2018. ↩︎

    DORIS PRACHINGER

    Studium der Deutschen Philologie und der Austrian Studies an der Universität Wien. Im
    Wintersemester 2023 Teilnahme an Pia Jankes Konservatorium NdL: Jedermann – keine Frau? Frauen bei den Salzburger Festspielen. 2023 Praktikum beim Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sowie 2023-24 bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. 2023 Volontariat und 2024-25 Mitarbeit am Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek.

  • Die abwesende Präsenz von Frauen

    Die abwesende Präsenz von Frauen

    Eine persönliche Vorbemerkung

    Die Idee, als Frau selbstbestimmt zu leben, war zu Beginn der 1990er Jahre noch nicht weitreichend etabliert. Ich empfinde mich als Angehörige einer Generation, in der es Frauen zum ersten Mal tatsächlich möglich war, sich frei und unbeein­flusst für einen Beruf, einen Lebensweg und ein Partnerschafts- oder Familienmo­dell zu entscheiden. Damals wie heute darf wohl gelten, dass sich die Unabhän­gigkeit von Frauen vor allem in ökonomischen Verhältnissen manifestiert, die es erlauben, freie Entscheidungen zu treffen oder eben nicht. Der große Irrtum an der Idee von der großen Freiheit bestand allerdings darin, dass wir vielfach der Vorstellung aufsaßen, „bessere“ Männer sein zu müssen – und zugleich größere Anstrengungen leisten mussten, nicht nur um beruflich zu reüssieren. Kam dann noch der Wunsch nach Partnerschaft oder gar Kindern auf, dann bedeutete das eine extreme Überforderung in allen Bereichen – beruflich, privat und familiär. Das Phänomen der erschöpften Frau bezeichnet nicht von ungefähr Frauen meiner Generation.

    Lydia Haider während ihrer Performance

    Frauen bekleiden seit längerer Zeit verantwortungsvolle Positionen bei den Salz­burger Festspielen. In die erste Führungsriege schaffen es aber nur wenige – und diese kommen auch nicht aus den internen Abteilungen, sondern werden extern von politischen Gremien, wie die Präsidentin, oder vom Direktorium eingesetzt, so etwa die Schauspielleitung.

    Assistenzstellen der Intendanz, des Präsidiums und allgemein des Direktoriums waren in den vergangenen Jahrzehnten traditionellerweise mit Frauen besetzt. Mit einer großen Ausnahme: Während der Intendanz von Gerard Mortier bekleideten Männer die Stelle des Referenten des Intendanten. Interessanterweise wurden aus allen ehemaligen Referenten hoch angesehene Intendanten im weltweiten Theater- und Opernbetrieb. Es ist mir allerdings kein Beispiel einer Assistentin oder Referentin des Intendanten oder eines an­deren Direktoriumsmitglieds bekannt, die es auf einen In­tendantinnen- oder ähnlichen Posten geschafft hätte. Auch künstlerische Betriebsbüros, Pressebüro, Dramaturgie und zum Teil auch Verwaltungsbereiche sind seit mehr als zwei Jahrzehnten von Frauen geführt – klassische Frauenabtei­lungen, die wenig Außenwirkung, aber viel Hingabe be­deuten. Darin manifestiert sich für mich ein anachronisti­sches Phänomen: das der abwesenden Präsenz von Frauen.

    Perspektiven

    Diese Vorbemerkung sei mir erlaubt, um auf das grundsätzliche Thema „Abwe­senheit/Präsenz und der Stellenwert von Frauen in Programm und Programmatik der Salzburger Festspiele“ einzugehen. Als ich die Ankündigung der Lehrveran­staltung Jedermann – keine Frau? Frauen bei den Salzburger Festspielen von Pia Janke im Wintersemester 2023/24 an der Universität Wien gelesen habe, bin ich etwas erschrocken ob der Komplexität und des Umfangs des Themas und schrieb an Pia Janke folgende (gekürzte) Nachricht:

    Es stellen sich mir diesbezüglich viele Fragen, so etwa jene, wie die „Abwesenheit/Präsenz und der Stellenwert von Frauen in Programm und Programmatik der Salz­burger Festspiele“ analysiert werden können anhand von Archivdatenbankeinträgen, die als Literatur angeführt sind? Was spielen – im Gegenzug dazu – die konkreten Interpretationen von Werken für eine Rolle? Welche Opernproduktionen etwa wur­den für eine solche Analyse ausgewählt, besucht oder wenigstens auf Datenträgern rezipiert – in den kürzlich vergangenen Saisonen oder auch schon früher? Wer von den Teilnehmenden hat etwa die Salome-Aufführung von Romeo Castellucci erlebt (an der die Dramaturgin Piersandra Di Matteo gewichtigen Anteil hatte) und jenen Moment, als sich ein übermächtiger Steinblock langsam auf den kauernden Körper von ASMIK GRIGORIAN zubewegt und ihn verschlingt? Oder wer hat Katie Mitchells Inszenierung von Nonos Al gran sole carico d’amore gesehen und gehört und die ein­same Verzweiflung der Frauen pochen gefühlt? Wer hat CECILIA BARTOLIS genderfluide Ariodante-Interpretation verfolgt und wer die Uraufführungen von Kaija Saariahos L’amour de loin oder Chaya Czernowins Zaide/Adama? Und wer hat die zugehörigen Programmhefte studiert? – Oder werden Programmatiken mit Marketing-orientier­ten Texten verwechselt? Welche Programmatiken werden überhaupt analysiert – und wer entscheidet, was eine Programmatik ist? Und wird darüber diskutiert, wer diese Texte verfasst hat, wie sie entstehen und an wen sie sich richten?

    Das waren bzw. sind nur einige von vielen Fragen, die mich in der Auseinander­setzung mit dem Thema bewegen und auch etwas ratlos zurücklassen, und zwar ob der Komplexität – und weil es immer auch um die Wahl einer Perspektive geht: Blicke ich auf die Versäumnisse, auf die „Lebenslügen“, vielleicht auch auf die Erfolge einer Unternehmung von außen in eine Institution hinein und lege folg­lich externe Parameter an? Oder ziehe ich auch interne Kriterien, Erfordernisse, Erkenntnisse in Betracht?

    Wie gehen Festspiele?

    Ein ähnliches Phänomen, das zumeist im Zusammenhang mit dem Bildungsbe­reich zu konstatieren ist, gilt auch für die Programmierung von Festspielen. Ei­gentlich wissen alle, wie Festspiele zu programmieren seien, wo die Versäumnisse liegen, wie man es besser macht – das mag mit Blick auf vielerlei Details stimmen;

    im Gesamten meine ich sagen zu können, dass das Programmieren von Festspielen – nachdem ich die Handschriften von viereinhalb Intendant*innen kennengelernt habe – eine ziemliche Herausforderung bedeutet und alles andere als ein einfaches Spielen mit Programmklötzchen bedeutet.

    Parameter wie Erwartungen von Publikum, Presse und Gesellschaften; Budgets und Einnahmen; Befindlichkeiten von Künstler*innen und Ensembles; gesetzliche Grundlagen wie Arbeitnehmer*innenschutz und Sicherheit (auf und in den Spiel­stätten); die Einbindung in einen (aktuellen) Kontext – das sind nur einige wenige Schlagworte, die es an dieser Stelle nicht weiter zu behandeln gilt. In der verkürz­ten Darstellung darf aber konstatiert werden: Die Einschränkungen überwältigen manchmal die Möglichkeiten; die Realität die Visionen. Und dann muss oftmals pragmatisch entschieden werden.

    Das waren nur einige wenige Stichworte und Fragen, die sich mir sogleich auf­drängten, als ich den Ankündigungstext im Vorlesungsverzeichnis las. Wer hat sich also überlegt und recherchiert, wie das Programmieren von Festspielen funk­tioniert, welche Parameter zu berücksichtigen sind, welche Absagen, Umprogram­mierungen und andere Verwicklungen auf der Tagesordnung stehen, bevor ein Programm fertig ist, eine Disposition steht, die 178 Aufführungen an 15 Spielstät­ten in sieben Wochen umfasst (plus Proben)?

    Und ja, natürlich ist festzuhalten: Die Salzburger Festspiele verstehen sich nicht als Avantgardefestival. Das ist bekannt. In der Tat wissen wir um das patriarchal-kon­servative Konstrukt der Gründung. Wir wissen auch, dass sich die Theater- und Operngeschichte jahrhundertelang um den (weißen) Mann drehte – was nicht zu begrüßen ist, aber ein Faktum darstellt. Diese Werke, diese Autoren und Kompo­nisten „spiel(t)en“ auch die „Hauptrolle“ bei den Festspielen – was naturgemäß nicht für heute und die Zukunft gelten muss oder darf.

    Aus vielen der Überlegungen heraus und der Tatsache, dass ich eine Festspiele­rin bin, empfinde ich eine unauflösbare Ambivalenz bei der Annäherung an das Thema: einerseits nicht einem Rechtfertigungsimpuls und damit einer Relativie­rungsrethorik anheim zu fallen und andererseits ein persönliches Commitment aufzukündigen.

    Mikrokosmos

    Eine Beobachtung, die sich in der Institutionengeschichte immer wieder machen lässt, ist auf den einfachen Nenner zu bringen: Im Mikrokosmos Festspiele spiegelt sich der Makrokosmos wider – sei das nun in Bezug auf die regionale, nationale oder globale Geschichte, die Theatergeschichte oder gesellschaftspolitische Ent­wicklungen. Das wird sich – so meine These – auch im Hinblick auf die Sichtbar­keit von Frauen bei den Salzburger Festspielen in den jeweils zu bestimmenden Epochen manifestieren.

    Deshalb nähern wir uns der Fragestellung vielleicht am besten anhand von Zeit­räumen und Epochen an, die einerseits mit dem Wirken bestimmter Intendanten zu bemessen sind und andererseits zumeist auch mit historischen Zäsuren zusam­menfallen.

    Es sind dies:

    – Die frühen Jahre der Salzburger Festspiele von der Gründung 1920 bis zum „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938

    – Die Zeit des Nationalsozialismus bis zur Abhaltung der ersten Nachkriegsfest­spiele 1945

    – Die sogenannte Ära Karajan von den 1950er Jahren bis zu seinem Tod im Som­mer 1989 – einem Wendepunkt kulturpolitischer, landespolitischer und welt­politischer Dimension

    – Die Intendanz von Gerard Mortier von 1992 bis 2001

    – Nach Mortier: Die Salzburger Festspiele von der Jahrtausendwende bis zur aktuellen Intendanz von Markus Hinterhäuser.

    Die zuletzt genannten Dekaden wären auch im Hinblick auf die langjährige Präsi­dentschaft von Helga Rabl-Stadler zu betrachten.

    Für keine der fünf erkannten Epochen gibt es eine wissenschaftlich fundierte Ana­lyse über die Präsenz bzw. Abwesenheit von Frauen bei den Salzburger Festspie­len, wobei zuvorderst für jede Epoche naturgemäß auch das jeweils zugrundelie­gende Frauenbild (Selbstbild, Fremdbild, projiziertes Bild etc.) analysiert werden muss.

    Ich versuche im Folgenden zu jeder der fünf Epochen eine Annahme zu formulie­ren, und zwar anhand einiger weniger Beispiele.

    I. Zwischenkriegszeit

    Wir haben schon festgestellt, dass die Gründung der Salzburger Festspiele in ei­nem patriarchal-konservativen Umfeld erfolgte und im Rückbezug auf die Tradi­tion in einer kulturellen Restauration kulminierte. Die Geschichte der Salzburger Festspiele ist geprägt von Ambivalenzen. Am sinnfälligsten ist die Ambivalenz zwischen den Polen „Tradition“ und „Moderne“ gefasst, denn die Salzburger Fest­spiele situierten sich als „anti-modernes Produkt der Moderne“1, in einem Antago­nismus von Bürgerlichkeit und Fortschrittlichkeit, von konservativem Katholizis­mus bzw. nationaler Neudefinition und neu erwachtem Kosmopolitismus.2

    Geprägt waren die Gründungsjahre von Männern, allen voran Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – drei unter vielen. In ihrem Schat­ten standen etwa Künstlerinnen wie Helene Thimig, MARIE GUTHEIL-SCHODER und Margarete Wallmann oder auch Gusti Adler, die Referentin des Intendanten. In der Vorbereitung von Projekten zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele veranstalteten wir im Frühsommer 2019 ein Symposium, das der Frage nachging, welche Frauen – Schauspielerinnen, Sängerinnen, Regisseurinnen, Intellektuelle – bei der Gründung der Salzburger Festspiele bzw. in den ersten Jahren des Beste­hens eine wichtige Rolle spielten, um damit der Fokussierung auf die sogenannten „Gründerväter“ entgegenzuwirken.

    Bei den Einschätzungen der Referentinnen, die die gewichtigen Aufgaben betref­fen, die Frauen in der Gründungszeit wahrnehmen, war einerseits Folgendes be­merkenswert: „Angesichts [der] erstaunlichen Frauenquote erscheint das aktuelle Ringen um Gendergerechtigkeit geradezu regressiv. Könnte es sein, dass wir vor rund einhundert Jahren in dieser Frage bereits sehr viel weiter waren?“3, fragte etwa Sabine Fellner anhand der erfolgreichen, aber weithin vergessenen Karrieren von Frauen im Kontext von Kunst und Kultur in der frühen Phase der beruflichen und künstlerischen Emanzipation. Für die Salzburger Festspiele galt das im Beson­deren in Bezug auf den Tanz, der integraler Bestandteil von Reinhardts Salzburger Inszenierungen war und zumeist Choreografinnen übertragen worden war. „Grete Wiesenthal, Tilly Losch und natürlich die Choreografin Margarete Wallmann wa­ren die Protagonistinnen.“4

    Andererseits manifestierte sich in einigen der Vorträge auch das Bild von adorie­renden Frauen, die die patriarchalen Strukturen stützten. Aufgrund des disparaten und lückenhaften Bildes, das sich daraus ergab, wurde die ursprünglich geplante Publikation der Beiträge verschoben, um detailliertere Studien in Auftrag zu ge­ben. Dann kam die Pandemie und alle Pläne mussten umgeworfen werden. Eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung ist ausständig; umfassende biografische Studien, die etwa das Wirken von Margarete Wallmann – nicht nur in Bezug auf die Salzburger Festspiele, sondern auch auf die Wiener Staatsoper etc. – berücksichti­gen, sollten dringend in Angriff genommen werden. Interessante Einblicke könnte etwa auch die Aufarbeitung des Nachlasses von Gusti Adler liefern. Etc. etc.

    Unabhängig davon fehlt es aber vor allem auch an der Erforschung jener Frau­enbilder, die in den Stücken des Spielplans und deren jeweiligen Inszenierungen konstruiert wurden; ein umso schwierigeres Unterfangen, da aus der Frühzeit na­turgemäß audiovisuelle Aufzeichnungen fehlen, die Programmhefte selten den Umfang von Besetzungsfoldern übertrafen und nicht zu allen Produktionen Re­gie- und/oder Inspizientenbücher, Aufführungsnotizen, Skizzen oder ähnliches im Festspielarchiv vorhanden oder erhalten sind.

    Ein Projekt, das wir anlässlich des Reinhardt-Jahres angestoßen haben, ist die de­taillierte Analyse von Reinhardts Faust-Inszenierung anhand des im Festspielar­chiv vorhandenen Dokumentationsmaterials sowie dessen Faust-Regiebuch aus dem Theatermuseum Wien. Dieses Projekt ist in Arbeit und sollte u.a. auch das restaurative Frauenbild untersuchen, das sich etwa im Bild des Gretchen manifes­tiert, in dem sich die Rekatholisierung der Gesellschaft und die Wiederherstellung einer hierarchischen Geschlechterordnung in den 1930er Jahren widerspiegelt.

    II. Nationalsozialismus

    Die in den 1920er Jahren erstarkende Eman­zipation begann sich mit der Etablierung des Ständestaats zu nivellieren und fand mit dem Anschluss 1938 ein jähes Ende. Viele der aus assimilierten jüdischen Familien stammenden Künstlerinnen fielen der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime zum Opfer. Ande­re erfolgreiche Künstlerinnen, die ihrer künstle­rischen Heimat nicht beraubt wurden, biederten sich den neuen Machthabern an. Stellvertretend können hier etwa Paula Wessely oder Poldi Woj­tek, die 1928 das Festspiellogo entworfen hat, genannt werden. An Poldi Wojteks Biografie entzündete sich eine Diskussion um die Ver­wendung des Logos der Salzburger Festspiele. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums gaben die Salzburger Festspiele deshalb ein zweiteiliges Gutachten zur Person und zum Werk von Poldi Wojtek in Auftrag.

    Wojtek hatte 1928 das Emblem für die Salzburger Festspiele gestaltet, das seither – mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus – das Festspiellogo ist. An ihrer Person, die sich später dem Nationalsozialismus andiente, entfaltete sich der Kon­flikt zwischen der moralischen Verantwortung der Künstler*innen und dem künst­lerischen Wert ihrer Werke. Dass eine solche Diskussion am Wirken einer Frau dar­gestellt werden musste, birgt eine bittere Note, beschreibt aber exemplarisch die Tatsache des Mitläufer*innentums, das Anbiedern an ein diktatorisches Regime, die persönliche Vorteilsnahme und schamlose Bereicherung an jüdischem Eigentum.

    In dem abschließenden Bericht zu Poldi Wojtek heißt es:

    Poldi Wojtek war durchaus bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialis­ten in Deutschland 1933 und dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 eine anerkannte junge Künstlerin in Salzburg. Sie arbeitete im Hintergrund schon vor ihrem Erfolg mit dem Festspielplakat 1928 an großen Projekten in Salzburg mit und gehörte zum Umfeld von Künstlern wie Anton Faistauer und Anton Ko­lig. […]

    Den Wettbewerb um ein Plakat für die Salzburger Festspiele hat sie 1928 – obwohl nicht Erstgereihte der Jury der Kunstgewerbeschule in Wien – mit ihrem an zwei­ter Stelle gereihten Entwurf für sich entschieden. Im Hintergrund hatte dabei ihr Freund und späterer Ehemann, der Kunsthistoriker und Pressemitarbeiter des Ös­terreichischen Propagandabüros, Kajetan Mühlmann, erfolgreich Regie geführt. Mühlmann erledigte damals die Pressearbeit für die Salzburger Festspielhaus-Ge­meinde, die zu 50 Prozent an dieser Werbeagentur beteiligt war.

    Poldi Wojteks Nähe zu nationalsozialistischen Auftraggebern und ihre Mitwirkung an NS-Propa­gandaarbeiten entstanden aufgrund der privaten Beziehung zu Mühlmann. Obwohl eher aus einer sozialdemokratischen Gesinnung kommend, ver­suchte dieser nach seiner Entlassung – aufgrund diverser finanzieller Malversationen – aus dem Ös­terreichischen Propagandabüro in Salzburg nach dem blutigen und gescheiterten Juli-Putsch 1934 innerhalb der mit dem autoritären Schuschnigg-Regime verhandlungsbereiten Gruppe von Natio­nalsozialisten mitzuarbeiten. Durch seine Kontakte mit dem nationalsozialistischen Innenminister und Kurzzeitbundeskanzler sowie Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart während des „Anschlusses“ 1938 in Wien stieg er in den innersten Zirkel der Entscheidungsträger der NSDAP auf und wurde Staatssekretär, zuständig für Kunstfragen. […]

    Bezüglich des Naheverhältnisses von Poldi Wojtek zur NS-Ideologie ist – neben ihren immer wieder oberflächlichen Illustrationen von NS-Propaganda oder NS-Symbolik bereits vor 1938 – vor allem der aktiv betriebene Entzug und der Erwerb des Hau­ses der verfolgten jüdischen Malerin Helene von Taussig in Anif hervorzuheben.5

    III. Nachkriegsjahre und Ära Karajan

    Die historischen Zäsuren 1933/1938/1945 sind im oben genannten Gutachten be­reits benannt; sie sind von biografischen Brüchen und Kontinuitäten über die Re­gime hinweg geprägt.

    Als zwei wichtige Proponentinnen im Festspielprogramm jener Zeit(en) können stellvertretend Helene Thimig und Paula Wessely gelten. Ihre zwei Kurzbiogra­fien im Hinblick auf ihr Wirken bei den Salzburger Festspielen seien hier annotiert bzw. gegenübergestellt:

    Helene Thimig (geboren 1889 in Wien, gestorben 1974 in Wien) war eine öster­reichische Schauspielerin, Regisseurin und Schauspiellehrerin, Tochter des Hof­schauspielers und späteren Burgtheaterdirektors Hugo Thimig und Schwester der Schauspieler Hermann und Hans Thimig. 1917 wurde sie ans Deutsche Theater in Berlin engagiert, wo sie Max Reinhardt kennenlernte. Schon bei den ersten Salz­burger Festspielen 1920 stand sie im Jedermann auf der Bühne und wirkte u.a. auch in Reinhardts Inszenierungen von Das Salzburger Große Welttheater 1922, Der Diener zweier Herren 1926, Kabale und Liebe 1927, Iphigenie auf Tauris 1928 und Stella 1931 mit. In Reinhardts Faust-Inszenierung war sie zwischen 1933 und 1937 als Böser Geist zu sehen. 1935 heiratete sie Reinhardt, mit dem sie in Salzburg auch Schloss Leo­poldskron wiederbelebt hatte; 1937 folgte sie ihm ins amerikanische Exil. 1946 kehrte Thimig nach Österreich zurück und trat wieder als Glaube im Jedermann auf. Von 1947 bis 1951 inszenierte sie Jedermann im Sinne ihres im Exil verstorbenen Mannes. Als sie das Stück 1951 nach Salzburger Vorbild vor dem Dom zu Basel herausbrach­te, entzog ihr die Festspielleitung die Regie. Von 1963 bis 1968 wurde Helene Thimig abermals mit der Jedermann-Regie betraut. 1973, in einer Matinee zur 100. Wieder­kehr von Reinhardts Geburtstag, war Thimig letztmalig in Salzburg zu erleben.

    Paula Wessely (geboren 1907 in Wien, gestorben 2000 in Wien) war eine österrei­chische Schauspielerin. Unter Max Reinhardt, der sie vom Theater in der Josefstadt her kannte, debütierte sie 1930 als Luise in Schillers Kabale und Liebe bei den Salz­burger Festspielen und verkörperte im selben Jahr auch die Smeraldina in Goldo­nis Diener zweier Herren. Von 1933 bis 1937 wurde sie in der Rolle des Gretchen in Reinhardts Inszenierung von Goethes Faust in der Felsenreitschule gefeiert. Nach dem „Anschluss“ arrangierte sich Wessely mit dem NS-Regime; 1941 wirkte sie an dem brutal antisemitischen und rassistischen Propagandamachwerk Heimkehr mit. Im August 1944 – in der Endphase des Zweiten Weltkriegs – wurde sie von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen. Während der Kriegsjahre trat sie nicht in Salzburg auf. 1948 kehrte Paula Wessely auf die Festspiel-Bühne zurück und gab Hero in Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen. Im selben Jahr wurde im Festspielhaus auch der Film Der Engel mit der Posaune uraufgeführt, in dem Wessely eine der Hauptrollen spielte. 1953 wurde sie Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. 1961 wirkte sie in Salzburg in Ferdinand Raimunds Der Bauer als Millionär mit und trat in diesem und dem darauffolgenden Jahr als Glaube im Jedermann auf. Zum letzten Mal war Wessely 1973 in einer Max-Reinhardt-Matinee aus Anlass von dessen 100. Geburtstag bei den Salzburger Festspielen zu erleben.

    Soweit zwei Beispiele zu biografischen Brüchen und Kontinuitäten von Festspiel­künstlerinnen von der Zwischenkriegs- über die Nazi- zur Nachkriegszeit.

    Doch welche Frauenbilder wurden im konservativen Klima des Wiederaufbaus in den 1950er und 1960er Jahren gezeichnet? In welchen Rollen waren Frauen bei den Salzburger Festspielen präsent?

    2015 untersuchte ich die Präsenz von Pianistinnen und Pianisten auf den Festspiel­bühnen im Zusammenhang mit der Ausstellung Piano Pieces im Salzburg Museum:

    Interessant [im] frühen geschichtlichen Kontext ist die Mitwirkung bedeutender Pi­anistinnen bei den Salzburger Festspielen. Bereits 1921, noch bevor ein regelmäßi­ges Konzertprogramm für die Salzburger Festspiele geplant wurde, trat bereits Elly Ney bei den Salzburger Festspielen auf. In diesem Jahr firmierten die Orchesterkon­zerte übrigens noch als „Veranstaltungen des Mozarteums“. Die deutsche Pianistin Elly Ney, „Ludwig van Beethovens Verkünderin auf Erden“ (Die Zeit, 9. April 1965) und Mitbegründerin des Beethoven-Festes in Bonn, das sie ab 1931 profilierte, war bekanntlich aufgrund ihres späteren Engagements für den Nationalsozialismus als Person äußerst umstritten.

    Frauen am Flügel

    Sowohl in den frühen Jahren der Salzburger Festspiele als auch in den 1940er- und noch 1950er-Jahren fällt ein Umstand auf: Frauen am Flügel waren präsenter als etwa in den 1960er-Jahren, die man gemeinhin mit gesellschaftlicher Revolution in Verbindung bringt. Zu dieser Zeit traten in Salzburg die international gefeierten Pianisten auf den Plan: Wilhelm Backhaus, Emil Gilels, Géza Anda, Alfred Brendel, Glenn Gould, Friedrich Gulda, Shura Cherkassky, Nikita Magaloff u.v.a.m. Diese Beobachtung geht jedoch nur vordergründig nicht konform mit den gesellschaftli­chen Entwicklungen der Zeit […].

    Das Phänomen lässt sich vielmehr so erklären: Im 19. Jahrhundert hatten die Frau­en das Klavier für sich erobert, nachdem es im 18. Jahrhundert zu einem Instrument des Bürgertums geworden war. Der Sozialgeschichte des Klaviers ist eine enge Be­ziehung zwischen dem Instrument und dem Bürgertum eingeschrieben, und bis heute ist das Klavier jenes Instrument, welches das bürgerliche Selbstverständnis wohl am besten symbolisiert.

    Die Wandlung des Pianofortes vom weiblichen zum männlichen Instrument schließ­lich, die Hand in Hand mit der technischen Entwicklung des Instruments ging und ab Ende des 19. Jahrhunderts von bedeutenden Musikern forciert wurde, dauerte länger als vielfach angenommen. 1890 etwa beklagte der Pianist Anton Rubinstein „[d]ie Über­handnahme der Frauen in der Musikkunst“, denen seiner Meinung nach „die Vertie­fung, die Konzentration, die Denkkraft, die Weite der Gefühlshorizonte, die Freiheit des Striches usw.“ fehlte. [Vgl.: Eva Rieger und Monica Steegmann (Hg.): Frauen mit Flügel. Lebensberichte berühmter Pianistinnen. Von Clara Schumann bis Clara Haskil, 1996.]

    Der Verdrängungswettbewerb der Pianistinnen – nach der Sozialisation des Kla­vierspiels als Frauendomäne von der Romantik weg – erfolgte kontinuierlich. Zu­gleich kristallisierte sich ein spezifisch „weibliches“ Repertoire heraus: Mozart, Schumann, Schubert. Die kraftvolle Beherrschung der Klaviatur, die Virtuosität auf dem Instrument und exaltiertes Spiel galten hingegen als männlich. Gepaart war die Beschränkung des Repertoires zumeist mit einer „unglückseligen Wechselwirkung von optischem und akustischem Eindruck“ [ebd.]. „Das Aussehen, die Kleidung der Pianistinnen wurden in den Kritiken ohnehin meist vermerkt, aber daß Clara Haskil, bei all ihrer Prägnanz, Intensität und verhaltenen Aggressivität, wegen ihrer gebrechlichen Erscheinung vor allem als Lyrikerin des Klaviers aufgefaßt wurde, ist Wahrnehmungstäuschung, heißt nichts anderes, als mit den Augen hören“ [ebd.].

    Offenbar assoziierte man bei den Salzburger Festspielen noch 1989 das weibliche Klavierspiel mit Mozart: Zum einen ist schon der Umstand interessant, dass in al­len fünf Mozart-Matineen pianistische Beiträge auf dem Programm standen. Noch interessanter ist jedoch die Tatsache, dass sämtliche Klavierkonzerte (KV 271, 414, 356, 491, 595) von Pianistinnen interpretiert wurden: Mitsuko Uchida, Konstanze Eickhorst, Güher und Süher Pekinel, Dinorah Varsi sowie Tatjana Nikolajewa.

    Auch wenn das Phänomen eines deutlich höheren Frauenanteils auf der klavieris­tischen Bühne nach der Zeitenwende 1945 anhielt – begründet wohl auch dadurch, dass Frauen eher als Männer unbelastet aus dem Nationalsozialismus in die neuen Zeiten wechseln konnten –, wurden Frauen am Klavier immer öfter vom Podium verdrängt. Speziell in den 1960er-Jahren finden sich kaum mehr Pianistinnen auf den Festspielbühnen, ausgenommen Ingrid Haebler, die von 1954 bis 1987 regelmä­ßig bei den Salzburger Festspielen auftrat und 1998 nochmals für das Klavierkon­zert KV 453 in einer Mozart-Matinee auf die Festspielbühne zurückkehrte. Ingrid Haebler hatte in den 1940er-Jahren in Salzburg studiert. Nach ihrer internationalen Karriere in den 1950er-Jahren unterrichtete sie ab 1969 am Mozarteum und war Salzburg somit eng verbunden.

    Clara Haskil schrieb von 1950 bis 1957 mit ihren Mozart-Interpretationen Klavierge­schichte bei den Salzburger Festspielen. 1895 in Bukarest geboren, lebte Clara Haskil ab 1927 in Frankreich. 1942 musste sie als Jüdin vor den deutschen Besatzern in die Schweiz fliehen. Zeit ihres Lebens war Clara Haskil von schweren Krankheiten ge­zeichnet und ihre Karriere von politischen Umwälzungen beeinflusst. Obwohl schon ab den 1920er-Jahren viel bewundert, konnte sie erst nach dem Ende des Krieges von ihrer Kunst leben. „Erst im Alter war sie so, wie sie als Pianistin sein durfte: augen­scheinlich schwach und dem für Frauen erlaubten Repertoire mit Werken von Mo­zart, Schubert und Schumann zugewandt“, konstatierte Monica Steegmann [ebd.].

    Die Pianistinnen [modernen] Typs eroberten sich ab den 1970er-Jahren zögerlich die Festspielbühne. Martha Argerich (sie war Schülerin von Friedrich Gulda) debü­tierte zwar schon als Dreißigjährige, 1971, mit Beethovens Erstem Klavierkonzert bei den Festspielen, aber erst ab 1990 war sie öfter zu Gast in Salzburg. Elisabeth Leonskaja gab 1979, Mitsuko Uchida 1989 ihr Festspieldebüt.6

    Ähnliche Untersuchungen etwa von Sängerinnenkarrieren und deren Repertoire in der Ära Karajan wären gewiss aufschlussreich, wie überhaupt eine wissen­schaftliche Darstellung dieser „longue durée“ unter unterschiedlichsten Aspekten dringend notwendig scheint, auch im Hinblick auf die Konstruktion von Bildern und Ideen des Weiblichen. Während einige weibliche Stars auf den Festspielbüh­nen reüssierten und Kult und Glamour an die Salzach brachten, waren die Ent­scheidungsgremien fest in männlicher Hand.

    IV. Die Intendanz von Gerard Mortier

    Mit dem Tod Herbert von Karajans fand eine in den 1980er Jahren erschöpfte Ära ihr Ende, und eine neue zeichnete sich ab. Zur selben Zeit, als sich mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs Europa und die ganze Welt neu erfinden mussten, wurde in Salzburg ein neues Kapitel der Festspielgeschichte aufgeschlagen.

    Ein neues – bis 1994 immer noch rein männlich besetztes – Direktorium verfolgte eine Politik der Öffnung: hin zu einem breiteren und moderneren Repertoire, zu zeitgemäßen, mitunter auch provokanten Sichtweisen, zu anderen und jüngeren Publikumsschichten. Es eröffneten sich auch festspielintern Wirkungsmöglichkei­ten für Frauen in gehobeneren Positionen als dem Sekretariat.

    Bühnen- und Kostümbildnerinnen wie Moidele Bickel, Frida Parmeggiani, Mari­anne Glittenberg, Anna Viebrock und Ursel Herrmann waren weithin sichtbare und wahrgenommene Festspielkünstlerinnen. An Uraufführungen hatten Frauen bedeutenden Anteil, so etwa gelangte Kaija Saariahos Oper L’amour de loin 2000 in der Felsenreitschule erstmals auf die Bühne. Das Libretto zu Luciano Berios Azione musicale Cronaca del luogo – mit Hildegard Behrens als zentraler Figur R – verfasste Talia Pecker Berio. Bedeutende Opernwerke des 20. Jahrhunderts, in denen weib­liche Protagonistinnen agierten – wie Lulu von Alban Berg oder Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk – erlebten ihre Salzburger Erstaufführung.

    Mit Sofia Gubaidulina, Olga Neuwirth, Pauline Oliveros, Kaija Saariaho, Clara Schumann und Galina Ustwolskaja finden sich gewichtige Werke von Komponistinnen im Konzertprogramm. Im Schauspiel reüssiert Deborah Warner als Regis­seurin; sie ist aber in dieser Funktion – mit Ausnahme von Ursel Herrmann, die mit Karl-Ernst Herrmann zahlreiche Inszenierungen beisteuert – allein auf weiter Flur. 1998 wird Elfriede Jelinek erstmals als Dichterin zu Gast geehrt. Dirigentinnen fin­den sich bis 1994 nicht, danach nur sehr sporadisch in der Festspiel-Chronik: Die erste, einer Dirigentin – Joana Mallwitz – anvertraute Neuproduktion einer Oper kam 2020 auf eine Festspiel-Bühne.

    V. Von der Jahrtausendwende bis zur aktuellen Intendanz von Markus Hinterhäuser

    Die Liste an Festspiel-Künstlerinnen unter den Intendanten Peter Ruzicka, Jür­gen Flimm, Alexander Pereira und Markus Hinterhäuser wäre in etwa wie folgt weiterzuschreiben: Regisseurinnen treten ab 2002 vermehrt ins Rampenlicht, so etwa Christine Mielitz mit Zemlinskys Der König Kandaules. ANDREA BRETH insze­niert Schnitzlers Das weite Land (2002/2003), Dostojewskis Verbrechen und Strafe (2008/2009), Kleists Prinz Friedrich von Homburg (2012), Tschaikowskis Eugen One­gin (2007) und Pinters Geburtstagsfeier (2017). REBECCA HORN setzt 2008 Sciarrinos Luci mie traditrici in Szene, Katie Mitchell 2009 Nonos Al gran sole carico d’amore… Das Young Directors Project setzt ab 2008 neue Akzente: Junge Theaterkollekti­ve, Autorinnen und Regisseurinnen treten auf den Plan. 2012 wird mit CECILIA BARTOLI erstmals eine Frau Intendantin der Pfingstfestspiele. 2017 beginnt Bettina Herings Schauspieldirektion und damit eine programmatische Ausrichtung des Schauspiels auch auf die Konzeptualisierung von Macht und Identität, Körper und Geschlecht, auf feministische Diskurse, Genderperformance etc. – Die Liste an Na­men, an Werken, an Künstlerinnen wäre nun fortzuschreiben bis ins Heute. Sinn macht ein solches Vorgehen aber nur in Verbindung mit Performance-Analysen und Inszenierungsinterpretationen im Abgleich mit gesellschaftlichen Diskursen und sozioökonomischen Zusammenhängen.

    Aufgrund der Leerstelle, die diese fehlenden Untersuchungen markieren, gilt das Diktum von der abwesenden Präsenz der Frauen bis heute. „Dieses Schweigen ist überall; es durchzieht unsere gesamte Kultur, von Filmen über Nachrichten, Literatur, Wissenschaft und Stadtplanung bis in die Wirtschaft hinein. Alle Ge­schichten, die wir über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen, sind von Abwesenheit geprägt […]“7, beschreibt Caroline Criado-Perez in Invisible Women diese „Datenlücke“.


    Anmerkungen

    1. Kreis, Georg / Engler, Balz (Hg.): Das Festspiel. Formen, Funktionen, Perspektiven. Willisau: Theaterkultur-Verlag 1988. Zit. n.: Lasinger, Margarethe: Unsere Geschichte. Gründung und Idee der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/ueber-uns (5.12.2023). ↩︎
    2. Vgl.: Steinberg, Michael: Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele 1890-1938. München: Anton Pustet Verlag 2000. ↩︎
    3. Fellner, Sabine: Wider das Vergessen. Künstlerinnen und ihr Beitrag zur Avantgarde 1900 bis 1938. Unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags, gehalten beim Symposium Künstlerinnen bei den Salzburger Festspielen 1920-1937, Salzburg 21.8.2019. ↩︎
    4. Ebd. ↩︎
    5. Rathkolb, Oliver: Zeithistorisches Gutachten zu den Beziehungen von Leopoldine (Poldi) Wojtek(-Mühlmann) mit Nationalsozialisten 1933 – 1938 – 1945 und zu etwaigen Kontinuitäten ideologischer Einstellungen zum NS-Regime nach 1945. In: Lasinger, Margarethe u.a. (Hg.): Das Logo der Salzburger Festspiele und seine Gestalterin Poldi Wojtek. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Salzburger Festspielfonds 2020, S. 5-32, S. 27-29. ↩︎
    6. Lasinger, Margarethe: Geschichte mit Flügel. Die Salzburger Festspiele im Lichte pianistischer Meisterschaft. In: Piano Pieces – Klaviere. Klänge. Kunst. Salzburg: Salzburg Museum 2015, S. 21-33, S. 24. (=Katalog zur Ausstellung Piano Pieces – Klaviere. Klänge. Kunst im Salzburg Museum vom 27.2.-6.9.2015). ↩︎
    7. Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München: btb 2020, S. 11. ↩︎

    © Leo Neumayr Salzburger Festspiele

    MARGARETHE LASINGER

    Studium der Germanistik sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Tätigkeiten als Redakteurin, Lektorin und Kuratorin von Ausstellungen und Formaten, die sich mit der Geschichte der Salzburger Festspiele auseinandersetzen. Co-Kuratorin der Landesausstellung Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele (2020). Seit 1997 bei den Salzburger Festspielen tätig. Leiterin der Abteilung Dramaturgie und Publikationen sowie des Archivs der Salzburger Festspiele.

  • Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    PIA JANKE: Wie bewertest du die Gründungsphase der Salzburger Festspiele, wel­chen Stellenwert hatten Frauen in dieser Phase, waren die Festspiele ein patriar­chales Projekt?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich sehe die Gründung der Salzburger Festspiele nicht als patriarchales Projekt. Es ist der Zeit geschuldet, dass Männer damals die Akteure waren. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Salzburger Festspiele gegründet wurden, um Frauen zu unterdrücken oder aus dem Alltag herauszuhalten. Es gab damals zwei Flanken: Die „Mozartianer“, die sich Mozart widmen wollten, und die Gruppe um Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, denen es um die Bühne und das Schauspiel ging. Zur Zeit der Gründung der Salzburger Fest­spiele waren auch Frauen im Salzburger Kulturleben aktiv – eine als solche Pro­tagonistin, dass ohne sie die Salzburger Festspiele gar nicht entstanden wären – Lilli Lehmann.

    PIA JANKE: Hat man Lilli Lehmann letztlich nicht ausgebootet, weil sie eine andere Art von Festspielen wollte?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Endeffekt sind die Salzburger Festspiele im Streit mit Lilli Lehmann entstanden, weil sich Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch – zwei eingefleischte „Mozartianer“ und zentrale Figuren in der Gründungspha­se – mit ihr zerstritten haben. Gehmacher und Damisch wollten die Salzburger Festspiele gemeinsam mit dem Mozarteum aufziehen, Lilli Lehmann war gegen diese Zusammenarbeit. Mehrere Briefe belegen die entsprechenden Überlegun­gen und Auseinandersetzungen.

    PIA JANKE: Könnte man also sagen, dass Lilli Lehmann eine Art „Katalysatorin“ gewesen ist, indem die Festspiele im Streit mit ihr entstanden sind?

    HEDWIG KAINBERGER: Zum Schluss war sie zwar die Antipodin, zu Beginn hat sie aber viel dazu beigetragen, dass es überhaupt zur Festspielgründung kommen konnte. Als sie nach Salz­burg kam, war sie als Sängerin en­gagiert, später hat sie auch andere Aufgaben übernommen und die Mo­zartfeste mitgestaltet. Sie hat wich­tige Sänger nach Salzburg gebracht und 1906 Don Giovanni inszeniert. Sie war quasi Intendantin und Managerin und die erste Opernregisseurin in Salzburg. Hinzu kommt, dass sie offen­sichtlich Geld vom Kaiser organisiert hat, damit die Wiener Philharmoniker 1906 nach Salzburg kommen konnten, um anschließend das erste Mal in Salzburg eine Oper zu spielen. Durch den Bau des Mozarteums, der durch die von Lehmann organisierten Benefizkonzerte finanziert wurde, hat sie Salzburg als Mozart- und Festspiel-Stadt gefestigt und eine überregionale, internationale Reputation auf­gebaut. Sie war diejenige, die den Kauf von Mozarts Geburtshaus initiiert hat. Das wichtigste Projekt, das von ihr ausging, war die Gründung und der Bau des Mozarteums für Konzertsäle und als Ausbildungsstätte. Sie hat die musika­lische Sommerakademie begründet, die es auch heute noch gibt, und damit den Grundstein für die musikalische Ausbildung bis hin zur Universität Mozarteum gelegt. Das hat sie als Frau umgesetzt, was außergewöhnlich war. Zum Schluss kam es zum Konflikt mit Damisch und Gehmacher, der dazu führte, dass die beiden die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gründeten. Als Reinhardt den ersten „Jedermann“ vorbereitet hat, stellte er fest, dass dieser Verein bereits so gut etabliert war, dass er die Trägerschaft übernehmen konnte.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Festspielhaus-Gemeinde genauer ansieht, erkennt man, dass es dort deutschnationale Verbindungen gegeben hat. Aus heutiger Perspektive könnte man sie als Männerbund bezeichnen, bei denen Frauen auf der Strecke geblieben sind wie Lilli Lehmann. Auf den Fotos der damaligen Zeit sind ausschließlich Männer zu sehen. Die Frauen, die im Umfeld dieser Grün­dung zu verorten sind – z.B. Berta Zuckerkandl, Gusti Adler, Margarete Wall­mann und Helene Thimig – waren Frauen der zweiten Reihe, Sekretärinnen, Mit­arbeiterinnen, also Personen, die den Männern zugearbeitet haben.

    HEDWIG KAINBERGER: Die Festspielhaus-Gemeinde war ein großer Verein, der Fundraising betrieben hat. Ich weiß nicht, ob auch Frauen dabei waren. Ich habe aber nie herausgelesen, dass der Verein frauenfeindlich gewesen wäre. Die Rol­lenverteilung hat der Zeit entsprochen und ist eine, die die Gesellschaft bis in die 1970er Jahre geprägt hat. Auch das Deutschnationale hat zu dieser Zeit gehört. In Salzburg hat es damals drei große politische Parteien gegeben, darunter die sogenannten „Großdeutschen“, die die Vorläufer der heutigen Liberalen waren. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg haben sie nicht geglaubt, dass Österreich als Land allein bestehen kann. Dieser Gedanke ist nicht dasselbe wie das, was man heute als „nationalsozialistisch“ bezeichnet. Aus diesem Milieu sind Leute hervorgegangen, die später mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben, aber meiner Meinung nach ist es falsch, das eine mit dem anderen gleichzuset­zen. Es war ein liberales Milieu. Es war nicht klerikal, christlich-sozial und auch nicht sozialistisch, sozialdemokratisch oder kommunistisch, sondern das „Dritte Lager“. In diesem Dunstkreis gab es auch Antisemitismus und dezidierte antise­mitische Formulierungen und Klischees. Auch Damisch und Gehmacher haben sich gegenüber Reinhardt antisemitisch geäußert. Aber dieses Gedankengut war nicht der Motor für die Festspielgründung.

    PIA JANKE: In den Schriften von Hofmannsthal zur Gründung der Festspiele geht es um eine Rekonstruktion von Vergangenem und um eine Mythisierung des ländlichen Lebens, der Bauern und der Handwerker. Darüber hinaus gibt es eine dezidierte Bezugnahme auf Salzburg als Gegenstück zu Wien bzw. zur Groß­stadt grundsätzlich.

    HEDWIG KAINBERGER: Der Gegensatz Großstadt – Land spielt sicher mit. In Hof­mannsthals Schriften finden sich einige Dinge, bei denen man sich wundert. Er war disparat und vielfältig in seiner Argumentation. Trotzdem hatte er mit dem ländlichen Raum nichts zu tun, sondern war der Inbegriff eines Städters. Betrachtet man Hofmannsthals Texte heute und versucht, auf die Jahre zurück­zublicken, die seither vergangen sind, erkennt man, dass es sich dabei nicht um Programmatiken gehandelt hat, weil die darin formulierten Gedanken die Salz­burger Festspiele nicht allzu lange geprägt haben.

    PIA JANKE: Trotzdem berufen sich die Festspiele auch heute noch auf diese Schriften.

    HEDWIG KAINBERGER: Es sind eben die Gründungsschriften. Ich denke nicht, dass daraus alles andere gewachsen ist. Nach der ersten Gründung, die von den Mo­zartianern sowie Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss geprägt war und folglich auch von dem Antagonismus Wien – Salzburg, gab es noch viele weitere Zwi­schengründungen. Die nächste große Gründungszeit fand in den 1930er Jahren mit Bruno Walter und Arturo Toscanini statt – und zwar sowohl was das Politi­sche als auch was das Programmatische und Inhaltliche betrifft. Auch die großen Opern gab es zu Beginn in dieser Art noch nicht. Auch die Salzburger Festspiele der 1950er und 1960er Jahre kann man nicht mit den 1920er Jahren vergleichen, und auch in den Zeiten von Herbert von Karajan und Gerard Mortier lassen sich Zwischengründungen erkennen.

    PIA JANKE: Kommen wir zurück zu den Frauen in der zweiten Reihe.

    HEDWIG KAINBERGER: Meiner Meinung nach ist Berta Zuckerkandl, die im Umfeld von Max Reinhardt zu verorten ist, keine Frau der zweiten Reihe, sie hat Propa­ganda für die Salzburger Festspiele gemacht.

    PIA JANKE: Gibt es dazu Dokumente?

    HEDWIG KAINBERGER: Berta Zuckerkandl hat nichts selbst geschaffen, sondern das, was gemacht wurde, promotet. Im Operativen war sie nicht tätig. Gusti Adler und Helene Thimig waren mit ihren künstlerischen Impulsen in der operativen Arbeit wichtiger. Ohne diese beiden wäre Max Reinhardt nie das geworden, was er war. Auch Margarete Wallmann war wichtig für die Bühne. Es freut mich, dass Margarethe Lasinger – ebenfalls eine große Frau der zweiten Reihe – Wall­mann zum Forschungsthema machen will. Wallmann hat das Tanztheater nach Salzburg gebracht. Bruno Walter hat sie als junge Frau im Jahr 1931 nach Salz­burg geholt und mit ihr Orfeo ed Euridice herausgebracht. Das war eines der ers­ten Tanztheater in Europa und das erste bei den Salzburger Festspielen. Wall­mann war für die Choreographie einiger Stücke verantwortlich, auch für die bei Reinhardts Faust-Inszenierung 1933.

    PIA JANKE: Mir scheint, dass von den genannten Frauen ausschließlich in Bezug auf Max Reinhardt gesprochen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: Das war eben so, er war der große Motor. Trotzdem hat Mar­garete Wallmann die essenzielle Dimension des Tanzes eingebracht.

    PIA JANKE: Uns interessiert auch die Position von Helene Thimig, die die Jeder­mann-Inszenierung ihres im Exil verstorbenen Mannes, Max Reinhardt, bis in die 1960er Jahre fortgesetzt hat: eine Frau, die selbst Regisseurin ist, tradiert in ihrer Arbeit das künstlerische Erbe ihres Mannes. Meiner Meinung nach zeigt dieser Fall exemplarisch, dass Frauen hier auf „große“ Männer bezogen waren und die Funktion einer Mitarbeiterin, Sekretärin oder Förderin hatten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das ist das Problem der Frau im 20. Jahrhundert. Auch groß­artige Frauen haben aus dieser Rolle nicht ausbrechen können. Und wenn sie doch ausgebrochen sind, hat ihr Leben oft in Einsamkeit geendet. Wenige haben es wirklich geschafft wie Margarete Wallmann, die eigenständige Regisseurin geworden ist. Das setzt sich bis heute fort: ANDREA BRETH war lange ein Solitär in der Schauspiel- und Opern-Regie.

    PIA JANKE: Im Zuge unserer Recherchen haben wir Statistiken angefertigt, die bele­gen, dass Ursel Herrmann die erste Frau war, die hier, allerdings mit Karl-Ernst Herrmann – also wieder zusammen mit einem Mann – als Opernregisseurin ge­arbeitet hat. Anschließend kam Deborah Warner im Bereich des Schauspiels.

    HEDWIG KAINBERGER: Im Betrieb der Salzburger Festspiele – sowohl im Bereich der Oper als auch im Schauspiel – setzt sich die Diskriminierung von Frauen auch anhand von Verdienstmöglichkeiten bis heute fort.

    PIA JANKE: Frauen bekommen ab den 1970er und 1980er Jahren eine größere Bedeu­tung in der Gesellschaft und im Kulturbetrieb. Bei den Salzburger Festspielen scheint das nicht der Fall gewesen zu sein.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Diese Feststellung kann mit Blick auf den ge­samten Klassikbereich getroffen werden.

    PIA JANKE: Das Schauspiel ist in dieser Hinsicht beweglicher.

    HEDWIG KAINBERGER: Je größer und je renommierter die Spielstätte, desto weniger Frauen.

    PIA JANKE: Seit wann ist die Zahl der Frauen, die bei den Salzburger Festspielen tä­tig sind, angewachsen? Hast du den Eindruck, dass sich etwas weiter entwickelt? Muss sich noch etwas weiter entwickeln?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Bereich des Schauspiels hat die Entwicklung mit Bettina Hering 2017 begonnen. Wenn ich mir das Programm für das Jahr 2024 ansehe, ist diese Entwicklung aber schon wieder vorbei. Außer, dass es eine Schauspiel-Chefin gibt, habe ich im Schauspielprogramm von 2024 keine maßgebliche Frau in Leading-Teams gesehen. Bettina Hering hat dezidiert auf die Inklusion von Frauen geachtet, indem sie Regisseurinnen und Referentinnen nach Salzburg ge­holt hat. In der Oper, beim Dirigieren und in der Regie lassen sich mittlerweile zarte Anfänge erkennen.

    PIA JANKE: Im Verhältnis zu anderen Kunstinstitutionen setzt diese Entwicklung sehr spät ein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, es ist sehr spät.

    PIA JANKE: Hast du den Eindruck, dass versucht wird, ein bestimmtes Bewusstsein auszustrahlen, z.B. mittels Statements, dass es den Festspielen ein Anliegen ist, Frauen präsent zu machen?

    HEDWIG KAINBERGER: Nein, überhaupt nicht. Es wäre an der Zeit, dass die Benach­teiligung aufhört. Das ist erst dann der Fall, wenn eine Quote von 50 zu 50 fest­stellbar ist oder zumindest nicht von 100 zu Null oder 90 zu 10. Es muss deutlich werden, dass Frauen das Gleiche können wie Männer. In der Opern-Regie ist heuer nach ANDREA BRETH und Lydia Steier mit der Französin Mariame Clément für Hoffmanns Erzählungen die dritte Frau bei den Salzburger Festspielen tätig. Darüber hinaus gibt es auch wieder eine Dirigentin in der Oper. In der Geschich­te der Salzburger Festspiele gibt es zwar einige Dirigentinnen, allerdings sind das zumeist Einspringerinnen. Die erste reguläre Operndirigentin, die ein Werk erarbeitet hat, war Joana Mallwitz im Jahr 2020. Auch im Konzert hat es verein­zelt Dirigentinnen gegeben.

    PIA JANKE: Betrachtet man die Struktur der Festspiele, zeigt sich, dass es bisher ausschließlich Intendanten gab.

    HEDWIG KAINBERGER: In der Intendanz von Herbert von Karajan lassen sich einige Frauen in der zweiten Reihe finden, die niemand nennt. Eine davon ist die Kos­tümbildnerin Magda Gstrein. Sie war Kostümchefin, eine große Künstlerin und hatte ein fabelhaftes Wissen und Können. Außerdem fallen mir seine Bürochefin­nen ein, Beate Burchardt und Lore Salzburger. Genauso wie Gusti Adler hatten sie ein enormes Wissen, und ihre Aufgabe war viel mehr als das Verschicken von Briefen.

    PIA JANKE: Wir haben auch festgestellt, dass bei Karajan der Frauenanteil bei den Künstlerinnen wieder zurückging. Ist nicht die Zeit von Karajan eine, die bislang in keiner Weise angetastet wird? Für mich ist diese Zeit wie ein unaufgearbeite­ter Schatten. Wie siehst du diese Zeit?

    HEDWIG KAINBERGER: Die Karajan-Zeit war eine lichte, große Zeit. Karajan hat in Salzburg viel ermöglicht. Es wird immer gesagt, Karajan hätte nur die große Oper wie Boris Godunow gemacht, und ich kann sogar dem etwas abgewinnen, weil wir in der Oper – wie in jedem Popkonzert – Seherlebnisse und Sehinno­vationen brauchen. Karajan hat mehr Uraufführungen zugelassen als alle nach ihm. Darüber hinaus hat er Otto Sertl als Musikchef nach Salzburg geholt. Die Karajan-Zeit ist meiner Meinung nach also kein Schatten. Auch wenn er zu dem Bild beigetragen hat, dass die Salzburger Festspiele ausschließlich ein Festival für die Reichen und Schönen sind.

    PIA JANKE: Ich nehme die Karajan-Ära auch als Zeit eines Diktators wahr. Er war eine Einzelperson, die alles bestimmt hat und auf der der gesamte Fokus lag. Die Art, wie Karajan inszeniert wurde, ist aus heutiger Perspektive kaum noch erträglich. Er wurde als Genie und Gott-ähnliche Figur gezeigt, während die Frau­en, die viel zu seinem Erfolg beigetragen haben, kaum präsent sind.

    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrauensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen
    Zeit der Musik.
     
    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein bestimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Arbeit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist verschwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich entwickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: Jeanne Hersch: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Roland (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)

    HEDWIG KAINBERGER: Bei Karajan waren durchaus auch streitbare Frauen präsent, z.B. Sängerinnen wie Christa Ludwig oder Agnes Baltsa in Carmen, mit der es auch einen großen Konflikt gegeben hat. Jessye Norman hat zwar szenisch nicht zu Erneuerungen beigetragen, aber große Liederabende gegeben und ein fabel­haftes Wagner-Konzert mit Karajan gemacht. Karajan verkörpert meiner Mei­nung nach auch das Männer-Genie-Bild. Ihm hat die High Society gefallen, er hatte aber auch eine andere Seite. Er war unermesslich zielstrebig und fleißig, stets an Neuem und an Innovation interessiert – sei es für Bühnentechnik oder Tonträger, er hat junge, talentierte Künstler gefördert und begeistert.

    PIA JANKE: Das traditionelle Salzburger Festspiele-Bild, das sich in dieser Zeit ent­wickelte, hat sich zum Teil bis heute erhalten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das traditionelle Bild von großer Garderobe und Reichtum gab es in der Wiener Staatsoper genauso wie in der Mailänder Scala und in der Bayrischen Staatsoper.

    PIA JANKE: Die Repräsentation, die großen Garderoben, das Sich-Selbst-Bespiegeln sowie der Gott, der alle Fäden zieht, der alles bestimmt und hinter dem die Plat­tenfirmen stehen – das waren Strukturen, die bei den Salzburger Festspielen bis in die späten 1980er Jahre prägend waren. Ich glaube, dass sich in anderen Kunstinstitutionen damals bereits viel mehr geändert hat. Es ging hier vor allem um eine Selbstbestätigung, um Affirmation – auch szenisch.

    HEDWIG KAINBERGER: Karajan hat sicher nicht das Frauenbild geändert. Feminis­tisch betrachtet war diese Zeit keine große Innovationsperiode. Das Thema hat ihn nicht interessiert, warum hätte es ihn auch interessieren sollen?

    PIA JANKE: Weil der Feminismus und die Gleichberechtigung der Frau seit den 1970er Jahren wichtige gesellschaftliche Themen waren.

    HEDWIG KAINBERGER: Er war nicht nur der Despot. Abgesehen von seinem autoritä­ren Gehabe ist er für mich auch ein Künstler, der deswegen eine starke Autorität hatte, weil er viel wusste und konnte. Er hat anderen Künstlern etwas beige­bracht und großartig dirigiert. Karajan hat bei dem, was er wollte, sagenhaft viel erreicht.

    PIA JANKE: Seine Intention war keine Infragestellung, sondern Perfektion, es ging letztlich um Selbstbestätigung.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Trotzdem hat es auf seine Art seine Berechti­gung.

    PIA JANKE: Welche Frauenbilder wurden damals auf der Bühne transportiert, wo wurde etwas in Frage gestellt und etwas Neues etabliert?

    HEDWIG KAINBERGER: Diese Aspekte wird man bei Karajan nicht finden. Seine Zeit war trotzdem kein Schatten. Gerard Mortier hat zwar einmal das Jahr der Frau ausgerufen, aber das kann man für jede Oper und jedes Schauspiel ausrufen.

    PIA JANKE: Immerhin waren eine Dichterin und eine Komponistin zu Gast: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth. Zur Zeit von Gerard Mortier haben auch verstärkt Frauen inszeniert.

    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit einem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrnehmung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der europäischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)
     
    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden haben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoffnung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neuerliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.« Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch anzweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte dieser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Ländern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: Barbara Frischmuth: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)

    HEDWIG KAINBERGER: Peter Stein hat Deborah Warner geholt, obwohl er Antife­minist war. Ja, es haben damals erstmals Frauen inszeniert, und es gab einen Frauen-Schwerpunkt. Es gab zum ersten Mal eine Komponistin. Mehr als diese Frauen sind aber auch in der Zeit von Gerard Mortier nicht zu finden: Elfriede Jelinek, Deborah Warner – im Streit mit Stein geschieden – und Olga Neuwirth.

    PIA JANKE: Es gab im Jahr 2000 auch die einzige Uraufführung von einer Frau im Opernbereich in der gesamten Festspielgeschichte, und zwar L’amour de loin von Kaija Saariaho. So etwas hat es weder vor seiner Zeit noch danach gegeben.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt, aber für zehn Jahre ist das nicht sehr viel. Wenn man sich ansieht, wie viele Komponistinnen, Dirigentinnen, Autorinnen etc. ver­treten waren, kommt man nicht einmal auf 1 % Frauenanteil.

    PIA JANKE: Wir haben die „Dichter*innen zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen gezählt: In ca. 15 Jahren waren das lediglich zwei Frauen – Elfriede Jelinek und Christa Wolf.

    HEDWIG KAINBERGER: Es ist besser als nichts, als Frau hat man sich aber auch in der Intendanz von Gerard Mortier nicht vertreten gefühlt.

    PIA JANKE: Welche Frauen hat es abseits von Bettina Hering und Marina Davydova in Leitungspositionen gegeben?

    HEDWIG KAINBERGER: Es gab noch Helga Rabl-Stadler.

    PIA JANKE: Wie siehst du den kulturpolitischen Kontext der Bestellung von Helga Rabl-Stadler als ÖVP-Mitglied?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich glaube nicht, dass Rabl-Stadler Präsidentin geworden ist, weil sie eine Frau war, sondern wegen ihrer ÖVP-Mitgliedschaft und weil sie Management-Qualitäten hatte. Summa summarum hat sie ihren Job exzellent gemacht und sich bewährt.

    PIA JANKE: Wie ist es bei der neuen Präsidentin Kristina Hammer?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie hat für das Amt der Präsidentin große Qualifikationen; meinem Eindruck zufolge war das Frauen-Kriterium für ihre Auswahl mitentscheidend. Wenn Kristina Hammer nicht fähig wäre, das zu machen, was sie machen soll, hätte sie den Job als Präsidentin der Salzburger Festspiele nicht be­kommen. Trotzdem hat ihr Geschlecht durchaus eine Rolle gespielt.

    PIA JANKE: Seit den 1960er Jahren gibt es Rednerinnen und Redner im Rahmen des Festakts zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Hier gab es bislang nur drei Frauen als Eröffnungsrednerinnen. Wie siehst du das, auch im kulturpolitischen Kontext?

    HEDWIG KAINBERGER: Das finde ich lächerlich. Wenn es Konsens ist, dass eine Frau nicht dümmer als ein Mann ist, sind das viel zu wenig Frauen – vor allem in den letzten 20 Jahren. Es ist eigentlich auch Konsens, dass Frauen angemessene berufliche Erfahrungen sowie inhaltliche, wissenschaftliche und kulturelle Kom­petenz haben. In der Liste der Festredner spiegelt sich das nicht. Wobei es sich auch nicht spiegelt, dass es etwas anderes als deutschsprachige und europäische Männer gibt. Ich weiß nicht, warum nicht schon längst eine Afrikanerin, eine Türkin oder eine Frau aus dem Iran die Festrede gehalten hat. Nicht einmal für eine Nordamerikanerin hat es gereicht. Der geographische Radius ist sehr klein dafür, dass es angeblich ein großes, internationales Festival ist.

    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Programm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:
     
    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfordern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.
     
    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.
     
    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.
     
    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.
     
    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.
     
    Schließlich:
    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann gegen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.
     
    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:
     
    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,
    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.
    Der Traurige wird freudig sein,
    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

     
    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet. In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?
     
    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008)

    PIA JANKE: Wer trifft diese Entscheidungen?

    HEDWIG KAINBERGER: Früher lag es in der Kompetenz des Landeshauptmanns. Seit dem Desaster mit Jean Ziegler ist es in die Kompetenz des Direktoriums übertragen worden. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das Direktorium mit der Landesregierung abspricht. Es wird erzählt, dass Wilfried Haslauer senior jedes Jahr unter anderem in der Professorenschaft der Salzburger Universität nach Vorschlägen für Festredner gefragt hat; dieser informelle Wettbewerb quer durch viele Fachrichtungen hat offenbar gefruchtet.

    PIA JANKE: Offensichtlich fehlt es hier an Bewusstsein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, ich nehme das genauso als ein Manko wahr. Die Anzahl der Opern-Dirigentinnen und -Regisseurinnen ist vergleichbar mit der Anzahl der Festspielrednerinnen. Abgesehen von den Besetzungen der Rollen im Kunst­bereich und im Management steht bei den Salzburger Festspielen alles noch am Anfang.

    PIA JANKE: Hast du das Gefühl, dass es Visionen oder Aufbrüche gibt?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie kommen aus der zweiten Reihe. Von Margarethe Lasin­ger kommen etwa Aufbrüche wie z.B. ein Symposium 2019, bei dem Margarete Wallmann zum ersten Mal stärker thematisiert wurde. Das ist aber der einzige Aufbruch, der mir bekannt ist. Aber vielleicht ist in den inneren Gewinden des Festspielhauses schon etwas im Gange, von dem ich nichts weiß. Ein bisschen etwas ist offensichtlich im Gange, denn es ist kein Zufall, dass heuer zum zwei­ten Mal eine Frau eine Oper dirigiert und dass eine Frau Hofmanns Erzählungen inszeniert. Typisch ist aber auch, dass jenes Genre, wo Frauen für Regie und Dirigat geholt werden, die Kinderoper ist.

    PIA JANKE: Auch wir haben festgestellt, dass Frauen in diesem Bereich präsenter sind.

    HEDWIG KAINBERGER: Als Sonja Ablinger vor zehn Jahren Kultursprecherin der SPÖ war, hat sie das Thema aufgegriffen. Sie hat eine Analyse zu Frauen bei den Bun­destheatern gemacht und die Ergebnisse wie folgt zusammengefasst: „Zwischen Frauen mit Taktstock und Nadeln im Heuhaufen besteht eine enge Verbindung.“ Am Burgtheater wurde in vier Saisonen kein einziges Stück einer Autorin insze­niert. Prägnant war damals auch die Frauenbilanz für die Wiener Staatsoper: 100 % Männerquote in allen Jahren in den Kategorien Regie, Autor*in, Dirigent*in.

    PIA JANKE: Liegt es an den großen etablierten Institutionen?

    HEDWIG KAINBERGER: Selbstverständlich. Im Burgtheater gab es zwar einige Regis­seurinnen, sie durften aber alle nur auf den kleinsten Nebenbühnen, vielleicht noch im Akademietheater, nicht aber auf der großen Bühne inszenieren. Je größer das Renommee und je mehr man verdient, desto eher ist es ein Mann und desto weniger Chance hat eine Frau. Vielleicht liegt das daran, dass Frauen nicht so kämpferisch sind und das Inszenieren und Dirigieren freie und hochriskante Arbeitsformen sind. Wenn man zwei Mal eine Inszenierung in den Sand setzt, ist man weg. Das ist ein brutales Geschäft und etwas anderes als eine Angestellten­tätigkeit. Man exponiert sich, muss immer etwas Neues erfinden, sich bemühen und Ideen ausprobieren. Das ist psychischer und physischer Stress. Wenn man das ein Mal schafft, muss man schauen, dass man seine Pfründe erhält. Man hat keine Sicherheiten und braucht immer wieder Engagements.

    PIA JANKE: Das heißt, es liegt auch am Betrieb und an dessen Strukturen?

    HEDWIG KAINBERGER: Je weiter hinauf es geht, desto größer wird der Druck. In der Oper ist er stärker als im Schauspiel. Wenn man im freien Geschäft ist, ist Regie und Dirigat ein Kampf mit dem Tiger. Wer drinnen ist, lässt keinen anderen hin­ein. Es laufen Intrigen, jeder verteidigt seine Spitzenposition und geht schlimms­tenfalls quasi über Leichen, damit er sie behält, weil es dabei um Existenzen geht. Eine Frau bleibt lieber in der zweiten Reihe und kann trotzdem inhaltlich in die­sem Metier arbeiten. Sie hat zwar weniger Geld, aber das macht nichts, weil sie keine Yacht braucht. Sie ist hier auch schöpferisch an Kunst beteiligt.

    PIA JANKE: Salzburg war immer ein Ort für Diven und Stars. ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN wurden bei den Festspielen dazu gemacht. Wurde hier in den letzten Jahren versucht, traditionelle Frauenbilder aufzulösen? Der Begriff des Genderfluiden ist mittlerweile auch in Salzburg angekommen – Stichwort Jeder­mann. Ist das nur eine Modeerscheinung oder tatsächlich ein neuer Anspruch der Festspiele?

    HEDWIG KAINBERGER: Der Jedermann ist eine Ausnahmesituation, weil er ein mir kaum begreifliches Medieninteresse auslöst. Der Jedermann ist wichtig und mei­ner Meinung nach ein gutes Stück. Ich muss es mir aber nicht 47 Jahre lang jedes Jahr anschauen. Es scheint jedenfalls einen Nerv zu treffen, was auch der Grund dafür ist, warum es sich bewährt. Trotzdem ist mir dieser Medienhype, der sich vom Inhalt losgelöst hat, nicht begreiflich – und noch weniger der Buhlschafts­hype.

    PIA JANKE: Wird auf diese Weise nicht auch ein Frauenbild weitertradiert, das längst überholt ist?

    HEDWIG KAINBERGER: Es hat einmal eine Ausstellung gegeben, Die Kleider der Buhl­schaft, die sehr schön war. Die Salzburger Festspiele haben gute Kostümbildner. Es ist beeindruckend, wie man an den Materialen und den Stilen die jeweilige Zeit herauslesen kann. Aber die Präsentation des Buhlschaftskleids am Tag der Premiere empfinde ich als deplatziert. Die Leute wollen aber diese Pressekonfe­renz – man reagiert damit also auf einen Wunsch des Publikums.

    PIA JANKE: Margarethe Lasinger hat uns erzählt, dass die Leute bei den Festspielen die Pressekonferenz als einen Klotz am Bein empfinden und sie nur veranstaltet wird, weil von den Medien und dem Publikum danach verlangt wird. Die Salzburger Festspiele spielen also mit und transportieren dadurch ein Frauenbild, das nicht mehr zeitgemäß ist. Spannend ist auch, dass man den Jedermann vor 30 Jahren abschaffen wollte und er heutzutage als das Identitätsstück der Festspiele angesehen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: In den 1970er Jahren fürchtete das damalige Direktorium der Salzburger Festspiele, sie müssen den Jedermann absetzen, weil man die Karten nicht hat verkaufen können. Die Buhlschaft stellt auf gewisse Weise ein überhol­tes Frauenbild dar. Es kann trotzdem auf heutige Frauen passen, Brigitte Hob­meier hat die Rolle z.B. ganz anders gespielt.

    PIA JANKE: Birgit Minichmayr hat die Rolle ironisch gespielt.

    HEDWIG KAINBERGER: Auch Stefanie Reinsperger hat ein wunderschönes Ende ge­spielt. Als Tobias Moretti als Jedermann zu ihr gesagt hat, sie müsse nun mit ihm gehen, hat sie ihm auf eine sehr liebende Art geantwortet: Ich würde ja, aber ich kann nicht. Es geht nicht, du musst das jetzt allein tun.

    PIA JANKE: Bemerkenswert ist, dass es diese Szene bei Hofmannsthal gar nicht gibt.

    HEDWIG KAINBERGER: Aber man kann das Stück so inszenieren, als ob es sie gäbe. Das war eine Geste, durch die beide auf gleicher Augenhöhe waren. Das finde ich an dem Stück gut: Es hat eine Elastizität, und es sind unterschiedliche Inter­pretationen möglich.

    PIA JANKE: Es sind in den letzten Jahren einige Bücher über die Salzburger Festspie­le erschienen, die alle von Männern verfasst wurden. Was wäre deiner Meinung nach von der Geschichtsschreibung in unserem Kontext zu tun?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Sinne der Geschichtsschreibung müssten Salzburger Fest­spiele stattfinden, bei denen Frauen als Gestalterinnen und Schöpferinnen in maßgeblichen Positionen vorkommen, damit man in Zukunft etwas von Frauen erzählen kann, die hier etwas geschaffen und geschöpft haben. Das ist das Wich­tige: dass man eine Geschichte erzählen kann, in der Frauen vorkommen.


    HEDWIG KAINBERGER

    Studium der Betriebswirtschaftslehre, des Kulturellen Managements (Postgraduate-Lehrgang), der Finanzwissenschaft und der Kunstökonomie. Publikationen zur Finanzgeschichte der Salzburger Festspiele, darunter Ohne Geld kein Festspiel (2005). 1985-91 Tätigkeiten für die Salzburger Festspiele im Pressebüro sowie im Künstlerischen Betriebsbüro bzw. in der Dramaturgie. Seit 1989 Journalistin bei den Salzburger Nachrichten, 1997-2002 EU-Korrespondentin in Brüssel. Seit 2003 Leiterin des Kulturressorts der Salzburger Nachrichten.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Revision als Chance

    Revision als Chance

    Gender-Schwerpunkte im Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele

    PIA JANKE: Welche Wertigkeit haben Gender-Aspekte heute bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Da die Frage sehr allgemein gestellt ist, muss ich etwas ausholen, um das zu differenzieren. Die Struktur der Salzburger Festspiele ist relativ komplex: Der Salzburger Festspielfonds, der Rechtsträger der Salzburger Festspiele, setzt sich aus drei Gremien zusammen, aus der Delegiertenversammlung, dem Kuratorium und dem Direktorium. Das Direktorium, bestehend aus Präsident*in, Intendant*in und kaufmännischer Direktion, ist für die Programmierung, Budgetaufstellung und Durchführung der Salzburger Festspiele verantwortlich. Das Kuratorium ist als Aufsichtsorgan für die Genehmigung des Budgets, des Rechnungsabschlusses und des künstlerischen Programms zuständig sowie für die personelle Besetzung des Direktoriums. Die Delegiertenversammlung wiederum nimmt die vom Kuratorium genehmigten Beschlüsse entgegen.

    Mit anderen Worten: Die künstlerische Hoheit liegt beim Direktorium respektive seinen Bereichsleiter*innen, wozu auch die Schauspieldirektion gehört. Sämtliche Entscheidungen bezüglich Postenbesetzung innerhalb der Salzburger Festspiele liegen ebenfalls beim Direktorium – teilweise bei den Bereichsleiter*innen und der Personalabteilung.

    Diese zwei Bereiche – künstlerische Setzungen und personelle Besetzungen innerhalb der festen Belegschaft – spiegeln unterschiedliche Bilder wider. Im Bereich des fest angestellten Personals der Salzburger Festspiele spielen GenderAspekte jedenfalls eine Rolle, das zeigt sich auch in Hinblick auf die personellen Besetzungen in Schlüsselrollen und in verschiedenen Maßnahmen, die diese Prozesse unterstützen. Bezüglich des künstlerischen Programms obliegen die Entscheidungen den jeweiligen künstlerischen Leiter*innen der Sparten und sind dementsprechend inhomogen, da das Interesse an und die Wertigkeit von Gender-Aspekten divergieren. Diesbezüglich gibt es keinen „common sense“. Daraus folgend war das Spektrum in den Jahren, in denen ich die Leitung des Schauspiels innehatte, sehr groß und breit gefächert.

    PIA JANKE: Sind die Salzburger Festspiele deiner Einschätzung nach ein Ort, an dem Fragen zu geschlechtsbasierter Ausgrenzung und Diskriminierung diskutiert werden?

    BETTINA HERING: Aus dem oben Erläuterten kann ich nur für mich sprechen. Selbstverständlich wurden im Schauspiel in den letzten sieben Jahren künstlerisch viele dieser Fragen behandelt und standen eindeutig im Fokus des Programms. Eine künstlerische Auseinandersetzung ist keine Diskussion, aber entfacht Diskussionen, was im Falle des Schauspiels immer wieder der Fall war. Stücke wie Rose Bernd von Gerhart Hauptmann, Lulu von Frank Wedekind, Penthesilea von Kleist, Gorkis Sommergäste, Maria Stuart von Friedrich Schiller, Ingolstadt von Marieluise Fleißer und viele andere, die in meinen Jahren auf dem Spielplan standen, haben sich intensiv mit den Thematiken der Frau in der jeweiligen Gesellschaft auseinandergesetzt und auf künstlerisch unterschiedliche, aber auch sehr direkte Art den Jetzt-Stand sozusagen abgefragt. Die heutigen Interpretationen von Iphigenia, des Schnitzler‘schen Reigen, die Dramatisierung des Romans von Mareike Fallwickel Die Wut, die bleibt, um nur einige zu nennen, haben in aktuellen Überschreibungen und Neuschöpfungen direkte Konflikte aus der Gegenwart angesprochen und verhandelt, ein großes Publikum gefunden und starke Kontroversen ausgelöst.

    Aber nicht nur die Wahl der Stücke ist entscheidend, um die Sinne für Diskriminierung und Ausgrenzung zu schärfen und zur Verhandlung zu stellen, sondern selbstverständlich auch die Besetzungen und Umsetzungen der jeweiligen Stücke sowie die begleitenden Formate – in meinem Fall die Lesungen, SchauspielRecherchen, Filmschienen. Alles zusammen ergibt ein Bild.

    Wenn die Soziologin Eva Illouz über die neue Liebesordnung spricht, Martha Nussbaum über die Demokratie, Elisabeth Orth eine literarische Rede über das Jahrhundert hält, Lina Beckmann Richard The Kid & The King spielt, Manifeste aus Kultur und Kunst gelesen und diskutiert werden, Madame Bovary in einer Lesung auf die Bühne findet, das Kapital „Geschlecht“ diskutiert wird, Carolin Emcke in mehreren Vorträgen präzise das Programm analysiert, wenn mit Nicole Seifert über abgewertete Literatur von Frauen gesprochen wird und Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht von dreizehn großartigen Schauspielerinnen gelesen wird, um nur einige Programmpunkte zu nennen, wird ein Panorama entworfen, das sich mit verschiedensten künstlerischen Mitteln mitten im Diskurs befindet. Gleichzeitig ist es aber – und das ist ein äußerst wichtiger Aspekt – künstlerisch ganz eigenständig und aussagekräftig. Die vielen Regisseurinnen, die in den letzten sieben Jahren mit ihren künstlerischen Teams bei den Salzburger Festspielen inszeniert haben, brachten sehr viele neue Aspekte und Perspektiven zu den Festspielen, die in der Art und Ballung noch nicht zu sehen waren.

    PIA JANKE: War das schon immer so? Wann hat es hier, deiner Meinung nach, Änderungen gegeben?

    BETTINA HERING: Ich war die erste Frau, die die Sparte Schauspiel geleitet hat. Selbstverständlich hat dies – in meinem Fall ist dies so, und so sollte es auch in jedem Fall sein – einen großen Effekt auf die Programmierung mit ihren Inhalten und Umsetzungen. Es gab bei meinen Vorgängern in unterschiedlicher Ausführung große innovative Ansätze, die verschiedene Topoi ins Zentrum und damit zur Diskussion stellten. Der Shift hin zu einem Schauspiel, das in Hinblick auf die strukturelle Lage der Geschlechter und insbesondere der Frauen mit einem hohen Bewusstsein und entsprechenden Taten agiert hat – und zwar bezüglich aller Aspekte, von den inhaltlichen sowie zu den Besetzungen der künstlerischen Teams und der Rollenbesetzungen –, war in diesem Ausmaß vor meinem Antritt noch nicht vorhanden.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Gründung der Salzburger Festspiele in Hinblick auf Gender? War diese Gründung ein männlich-patriarchales und dezidiert konservatives, stark katholisch geprägtes Konstrukt?

    BETTINA HERING: Der Gründung der Salzburger Festspiele liegt keine lineare Entwicklung zugrunde, wie allgemein bekannt ist. Die Stadt Salzburg hat eine reiche Tradition in Hinblick auf musikalische und szenische Darbietungen und dies schon vom Mittelalter ausgehend. Der fürsterzbischöfliche Hof, der Dom und die Universität als grundlegende Trias hat dieses künstlerische Klima auf mannigfaltige Art gespeist und gefördert. Mit der Geburt Mozarts und seinem Wirken im internationalen Bereich wie auch in Österreich wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dem Genie Mozart wurde nach seinem Ableben in unterschiedlichen Formen gehuldigt. Die Salzburger Mozartfeste, eine der Initiativen, die acht Mal bis 1910 stattfanden und von der Sopranistin Lilli Lehmann initiiert wurden, waren ein früher Vorläufer der Salzburger Festspiele. In den nachfolgenden Gründungsgremien waren keine Frauen integriert, und entsprechend gab es keine Frau, die sich an der Umsetzung der ersten Festspiele 1920 beteiligte. Die Journalistin und Kritikerin Berta Zuckerkandl, die gerne auch Salonnière genannt wurde, weil in ihrem Salon die wissenschaftliche und künstlerische Elite verkehrte, war zwar beratend für den ihr vertrauten Max Reinhardt tätig, erhielt aber keinerlei offizielle Funktion. So fügte sich das Gründungskomitee nahtlos in das männlich dominierte Bild dieser Zeit.

    Formal ja, aber inhaltlich würde ich die Gründung nicht als dezidiert konservativ bezeichnen, da mit Max Reinhardt ein Theatermann an vorderster Front agierte, der zu dem Zeitpunkt zwar nicht mehr, wie vor allem in den ersten Jahren als Intendant am Deutschen Theater in Berlin, junge kontroverse Autor*innen und Künstler*innen ganz aktiv förderte, aber immer noch in diesen Zusammenhängen lebte. Als Jude wurde er zudem von vornherein antisemitisch angefeindet – und zwar mit drastischen Folgen. Z.B. wurde ihm der Vorsitz der Salzburger Festspiele verwehrt, sodass er in dieser Gesellschaft, trotz der Anerkennung seiner künstlerischen Erfolge, ein quasi etablierter Outcast war und blieb. Hugo von Hofmannsthal wurde als assimilierter Katholik wiederum in der Bevölkerung nicht entsprechend wahrgenommen, und so galten die Salzburger Festspiele von Anfang ihrer Gründung an auch als jüdische Festspiele, die, so die damalige Politik zur Legitimation, einen starken und klaren Ausgleich in ihrer Organisation brauchten. In diesem komplexen Sinne waren die Festspiele zwar katholisch geprägt, aber mit einem Erzbischof, der religiöser Protektor der Festspiele und ihrer jüdischen künstlerischen Leitung wurde.

    PIA JANKE: In welchen Phasen der Festspiel-Geschichte hat es aus deiner Sicht eine Infragestellung dieses Gründungsmythos gegeben?

    BETTINA HERING: Schon in den ersten Jahren gab es mit musikalischen Uraufführungen und zeitgenössischem Tanz auch eine Form von Avantgarde bei den Salzburger Festspielen. Mit der Inszenierung von Goethes Faust in der Felsenreitschule und der Simultanbühne von Clemens Holzmeister schuf Reinhardt ein spektakuläres Setting, das den Ruf der Salzburger Festspiele als Ort, wo vieles möglich gemacht wird, untermauerte.

    Mit Gerard Mortier zog, meiner Meinung nach, nach den Jahren mit Herbert von Karajan als Intendant und des sich weiter Etablierens, Vergrößerns, nach Jahren der Internationalisierung, des Baus des Großen Festspielhauses als eine dieser Manifestationen, eine neue Perspektive ein. Mortier war kein Österreicher, was deswegen erwähnenswert ist, weil er zugleich geschichtsbewusst und trotzdem freier war in seiner Sicht auf dieses Land und eine seiner größten Kulturinstitutionen. Die Inhalte wurden provokanter und der Zugang zugleich offener, das Publikum wurde jünger – insgesamt ein Wendepunkt in der spezifischen Geschichte der Salzburger Festspiele und somit auch des Gründungsmythos, der seine Dominanz verlor.

    Karajan war durch seinen politischen Hintergrund gebrandmarkt. Dieses Momentum fiel nun ab und weitete den Blick, der wiederum andere Künstler*innen nach Salzburg brachte und das Profil – schwankend zwischen Tradition und Avantgarde – weiterhin schärfte.

    PIA JANKE: Warum bezieht sich das Direktorium der Salzburger Festspiele immer noch auf diesen Gründungsmythos, um die Festspiele aktuell zu legitimieren?

    BETTINA HERING: Der Gründungsmythos zeigt auf, wie stark die Kunst in Zeiten der Katastrophen und Unruhen sein kann, wie unersetzlich Kunst und Kultur ist und dass sie auch in Zeiten von finanziellen Krisen beibehalten werden muss. Darüber hinaus ist er ein Beispiel für visionäres, großes Denken, für geistige Verpflichtungen, die man eingehen kann, muss und die es zu kommunizieren gilt. Die Gründungsidee ist ebenfalls bestechend, weil sie europäisches Denken und eine entsprechende Vernetzung in den Mittelpunkt rückt, auch wenn diese seit vielen Jahren weiter expandiert ist. Mit anderen Worten: In Zeiten der Krisen und Katastrophen, die wir erleben, von der weltweiten Bedrohung der Demokratie bis zu Kriegen in Europa und Nahost, vom Coronavirus und von ökonomischen Katastrophen, von riesigen sozialen Unruhen und Verwerfungen, von massiven gesellschaftlichen Veränderungen, liegt eine Rückbesinnung auf die Grundtugenden respektive auf die Kraft von Kunst und Kultur auf der Hand.

    PIA JANKE: Muss die grundsätzliche Programmatik der Salzburger Festspiele, deiner Meinung nach, einer Revision unterzogen werden? Was ist bei den Salzburger Festspielen strukturell, also organisatorisch-hierarchisch in Hinblick auf Gender zu ändern?

    BETTINA HERING: Nach 100 Jahren ist es auf jeden Fall nötig, alles einer Revision zu unterziehen, und das, wie man so schön sagt, auch als Chance zu sehen. Auch den Gründungsmythos gilt es fortzuschreiben, was mit dem Memorandum 2020 in Angriff genommen wurde. Gerade in den letzten Jahren wurden mit Symposien viele wissenschaftliche Projekte bezüglich der Historie und der Praxis der Salzburger Festspiele angestoßen und vollbracht.

    Sicher wäre es wichtig, intern ausführlich über grundlegende Themen zur Programmatik zu diskutieren und dies dann mit Experten aus verschiedenen Gebieten weiter zu vertiefen. Das bedarf viel Zeit, die man im jährlichen Arbeitsrhythmus der Festspiele kaum hat. Deshalb können solche Projekte nur stattfinden, wenn ein ganz starker Motor diese antreibt und sie für unabdingbar hält. Dies war bis jetzt nicht der Fall. Auch strukturell gäbe es Klärungsbedarf, der nicht nur, wie in jedem Betrieb, sozusagen einer jährlichen Revision unterzogen wird, gerade in Hinblick auf Genderfragen.

    PIA JANKE: Wie siehst du deine Zeit als Leiterin des Schauspiels im Kontext eines neuen/anderen Gender-Bewusstseins?

    BETTINA HERING: In den sieben Jahren meiner Leitung des Schauspiels haben – ganz faktisch – so viele Frauen inszeniert, wie noch nie in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Ja, insgesamt haben so viele Frauen wie noch nie Projekte, Produktionen umgesetzt, Texte verfasst und Gespräche geführt, Vorträge und Lesungen abgehalten und waren künstlerisch und strukturell hinter der Bühne genauso zahlreich wie auf der Bühne. Das ist die gute Nachricht.

    Die Diskussionen, die vor allem über die Besetzungen der Buhlschaften geführt wurden, haben auf fast erschütternde Weise gezeigt, was für ein weiter Weg noch zu gehen ist. Mit Sicherheit haben die großartigen Schauspielerinnen Stefanie Reinsperger, Valery Tscheplanowa, Caroline Peters, VERENA ALTENBERGER und Valerie Pachner, die zum ersten Mal in der Jedermann-Historie den Tod und die Buhlschaft übernahm, dem konventionellen Frauenbild, das eine Jedermann-Inszenierung abzufordern scheint, gegen alle Widerstände viele neue Facetten erobert. Das ist auch eine gute Nachricht, der aber, wie erwähnt, ein Befund zugrunde liegt, den ich in seinem strammen Backlash so nicht erwartet hätte: Viele Frauen und auch Männer haben mich in den Jahren sehr dezidiert auf mein Programm angesprochen. Viele, weil sie sich thematisch wiedergefunden haben und auch davon gesprochen haben, dass sie froh sind, dass gesellschaftspolitische Themen in ihrer jeweiligen ganz eigenen künstlerischen Form selbstverständlich Platz im Theater haben, andere, die „trotz der manchmal feministischen Thesen“ auch etwas damit anfangen konnten – oder eben nicht. So wie meine Generation eine Art – hoffentlich! – Übergangsmodell darstellt, so konträr waren auch die Reaktionen. Da die Salzburger Festspiele eine wunderbar große Plattform bieten, muss diese Plattform auch kreativ genutzt werden.

    PIA JANKE: Welche Schwerpunkte und Initiativen waren für dich dabei besonders gelungen und warum?

    BETTINA HERING: Angetreten sind wir mit der Idee einer Festspieldramaturgie, das heißt, dass sich die Sparten über den jeweiligen Festspielsommer hinweg nicht mit einem Slogan, sondern mit einer gemeinsam verabredeten Thematik beschäftigen, sodass eine Gesamterzählung stattfinden kann. Diese – das kenne ich gut aus anderen Zusammenhängen – ergibt einen sogenannten „Spirit“, auch wenn die einzelnen Zuschauer*innen nicht alles davon wahrnehmen können. Aufgrund dieser Voraussetzung und weil die Oper einen weitaus größeren Planungsvorlauf hat als das Schauspiel, fungierte die Opernsparte als diejenige, die die inhaltlichen Setzungen in Hinblick auf das jährliche Thema früher vornahm.

    Das wiederum bedeutete für meine Programmierung, dass ich mich mit Freude – weil ich es viel interessanter finde, mich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die miteinander in Korrespondenz treten können – daran orientierte und es so zu einer jährlichen Schwerpunktsetzung kam. Im Umkehrschluss muss festgehalten werden, dass gewisse andere Themen wenig Widerhall finden konnten. Die Beschäftigung mit der Geschichte und deren zum Teil vergessenen Akteur*innen der Salzburger Festspiele wie zum Beispiel Ernst Lothar, war ein fixer Bestandteil meiner Überlegungen, und es gab – gemeinsam mit dem Publikum – viel zu entdecken.

    Die Erfindung der Schauspiel-Recherchen, die als offenes Gefäß das Programm begleiteten, fand ich äußerst gelungen und bereichernd. Die Schauspiel-Recherchen haben vom ersten Tag an ihr Publikum gefunden und erlaubten es uns, mit dem Publikum noch näher und in vielseitigen Kontakt zu kommen. Die Schauspiel-Recherchen haben meiner Meinung nach den Festspielgedanken sehr gut aufgenommen – nämlich, dass Kunst und Wissenschaft spannend zusammenfinden können und dass die Festspiele umso mehr zum Welttheater werden können, je mehr Wissen und Können an diesem Ort in diesen kurzen Sommerwochen zusammenkommen.

    Die Wiederbelebung des Genres Lesung war äußerst erfolgreich. Sie brachte – abgesehen von der Dramatik – Weltliteratur auf die Bühne und stemmte sich der schnellen digitalen Welt entgegen. Denn gerade für die Marathonlesungen musste man Zeit und Geduld mitbringen. Sie gaben einem im Gegenzug die einmalige Chance, Bücher, die alle kennen aber niemand gelesen hat, von fantastischen Kolleg*innen vorgelesen, erläutert und dargestellt zu bekommen.

    Die Filmschiene, die Olaf Möller jährlich in unterschiedlichem Ausmaß kuratierte, zeigte Filmkunst aus allen Zeiten auf höchstem Niveau, die man nirgendwo anders sehen konnte. Das ausführliche Filmprogramm über das Ensemble von Max Reinhardt, dessen Protagonist*innen auch den deutschen und österreichischen Film prägten, sowie das Programm über die Thimig-Dynastie, das wir für das Jubiläumsjahr 2020 entworfen hatten, aber erst 2021 zeigen konnten, war eine große Aufarbeitung dieses Teils der Filmgeschichte und ging in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria eine wichtige Partnerschaft ein.

    PIA JANKE: Wo hat es Probleme gegeben? Wo siehst du Defizite, die weiterwirken?

    BETTINA HERING: Probleme gab es sicher immer wieder in der Abstimmung. Wenn man konsequenter über die Sparten hinweg und enger miteinander arbeiten würde, könnte man einzigartige spartenübergreifende Projekte realisieren. Wo, wenn nicht da?

    Die Defizite entstehen an diesem Ort leicht, weil sie strukturell schon auf der Hand liegen. Dass Konzert- und Schauspieldirektion nicht Teile des Direktoriums sind – zwar künstlerisch autonom, aber trotzdem vom Direktorium abhängig, und zwar auch budgetär –, ist ein Widerspruch in sich selbst, mit dem schon meine Vorgänger zu kämpfen hatten. Die Problematiken, die dieser Struktur entwachsen, wirken weiter. Darüber hinaus sind es immer die Individuen, die einen gemeinsamen Klang ausmachen: C‘est le son qui fait la musique.

    PIA JANKE: Welche Stellung schreibst du Hofmannsthals Jedermann bei den Salzburger Festspielen zu? Welche Funktion hat das Stück?

    BETTINA HERING: Der Jedermann von Hofmannsthal auf dem Domplatz in Salzburg ist ein Zufall der Theatergeschichte. 1911 fand die Premiere im Berliner Circus Schumann statt und war kein großer Erfolg. Nach jahrelanger Vorbereitung, intensiven Überlegungen und Planungen von Hugo von Hofmannsthal, den dieser Stoff des mittelalterlichen Everyman schon lange beschäftigte und in Max Reinhardt einen Interessenten fand, landete die Moralität in der Hofmannsthal‘schen Fassung und einer neu kreierten Sprache, die ein Kunstkonstrukt in Anlehnung an die mittelalterliche Sprache war, nicht im Herzen der Berliner. Für Reinhardt, der sich in seinem ganzen künstlerischen Leben gewissen Stoffen immer wieder widmete – man denke nur an den Shakespeare‘schen Sommernachtstraum –, war die Geschichte des Jedermann damit noch nicht fertig geschrieben. Für die Erstausgabe der Salzburger Festspiele war allerdings eine Uraufführung vorgesehen. Hugo von Hofmannsthal sollte Das Salzburger Große Welttheater rechtzeitig fertigstellen, was ihm nicht gelungen ist. So wurde ganz schnell – und das zeigt den wahren Theatermann Reinhardt – eine Wiederaufnahme des Jedermann aus dem Hut gezaubert. Im Prinzip kein guter Einstieg für die lange geplante Gründung der Salzburger Festspiele, denn wer möchte schon mit einer nicht originären Inszenierung bei so einem Unternehmen antreten? Max Reinhardt machte das Beste daraus mit der alles entscheidenden Neuerung: dem Schauplatz vor dem Salzburger Dom. Wie so viele Stimmen sagten und sagen, fand der Jedermann erst damit seine künstlerische Heimat.

    Der Zeitpunkt war genauso mitentscheidend: Die Salzburger Festspiele wurden nach der devastierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen – wie einer grassierenden Hungersnot in Salzburg – als identitätsstiftende Initiative mit dem Wunsch nach völkerverbindenden kulturellen Erlebnissen gegründet, mit der Vision einer neuen europäischen Verbundenheit als Friedensprojekts, sowohl für Österreich wie für Europa, eingedenk eines neuen Kosmopolitismus. Auf Basis all dessen, verbunden mit den handfesten budgetären Problematiken der ersten Jahre, hatte der Jedermann an diesem Ort einen von vornherein speziellen Platz in der Theatergeschichte. Dieser hat sich durch viele Komponenten weiter zu einem einzigartigen Platz in der Theatergeschichte entwickelt: Zum einen anhand des Aspekts, dass ein Freiluftspiel auch für die darbende Bevölkerung konzipiert wurde, indem gewisse Vorstellungen den Salzburger*innen zur Verfügung gestellt wurden, dass die Stadt zur Bühne wurde, zum anderen aus künstlerischen Gründen, waren doch die Schauspiel-Besetzungen von Anfang an exquisit.

    Der Jedermann hatte in den 1920er Jahren mehrere Funktionen: Auf der politischen Ebene versuchte er der traumatisierten Bevölkerung Halt zu geben und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in eine andere Sphäre zu überführen, in der der Tod gegenwärtig ist, der Erlösungsgedanke aber dominiert. Bereits in diesen Jahren zog der Jedermann Sponsoren sowie ein internationaleres Publikum an. Dass der Jedermann einen so langen Lebensatem haben würde, davon konnte in diesen ersten Jahren niemand ausgehen, das war eine Entwicklung, die vom Interesse des Publikums wie von finanziellen Aspekten getragen wurde.

    Die künstlerische Ebene mit ihren wechselnden Besetzungen, später auch mit wechselnden Regiekonzepten, hat sich erst nach Jahren als Praxis niedergeschlagen und einen eigenen Schauspieler*innenkosmos eröffnet.

    Nachdem die Nationalsozialisten die Salzburger Festspiele übernommen hatten, setzte Joseph Goebbels im Jahre 1938 den Jedermann sofort ab. Im amerikanischen Exil verstarb Max Reinhardt, seine Witwe Helene Thimig, die in seinem Ensemble als Schauspielerin engagiert war und mit ihm die schwierigen Jahre im Exil in der Hoffnung auf eine zweite erfolgreiche künstlerische Karriere verbrachte, kehrte auf Bestreben von Ernst Lothar nach Salzburg zurück und spielte 1946, als der Jedermann wieder auf seine Spielstätte vor dem Salzburger Dom zurückkehrte, die Rolle des Glaubens.

    Diese Re-Installierung des Jedermann war ein hoch politischer Akt, der Versuch einer Form von Gutmachung – dieses Mal auf den Trümmern der unvergleichlichen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit seinen ungeheuren Opferzahlen eines mörderischen Regimes. Die Rolle des Glaubens mit der Witwe von Max Reinhardt zu besetzen und ihr für die nächsten Jahre die Regie des Jedermann anzuvertrauen, war als Vorgang so mit Bedeutung aufgeladen, dass es schon aufgrund dessen gar nicht möglich war und ist, den Jedermann abzusetzen. Er steht nicht nur als Stück, als Welt-Parabel jährlich auf dem Domplatz, sondern immer noch als politische Manifestation. In diesem Sinne vereint das Stück Vom Sterben des reichen Mannes mittlerweile viele Parameter: als beispielloses Phänomen im deutschsprachigen Theaterbereich, als spektakulär große Bühne für herausragende Schauspielkunst, als Parabel auf das Leben und Sterben des Mannes, des Menschen, als Manifestation der Vergangenheit, der Gegenwart.

    PIA JANKE: Wäre ein Jahr ohne Jedermann bei den Salzburger Festspielen für dich denkbar? Wäre dies vielleicht sogar nötig?

    BETTINA HERING: Aus den bereits genannten Gründen sind für mich die Salzburger Festspiele ohne ihr Gründungsstück weder nötig noch denkbar. Die Aufgabenstellung für die Beibehaltung ist eine wesentlich kompliziertere und insgesamt sehr herausfordernd. Sie muss ernst genommen werden, sonst verliert das Phänomen an Reibung. Gerade der Jedermann als riesige Projektionsfläche hat die Möglichkeit, die jeweilige Zeit auszuleuchten. Deswegen ist bzw. kann er auch ein Spiegelbild des aktuellen Theaters, seiner Akteure und Akteurinnen sowie des Zeitgeistes sein.

    PIA JANKE: Wie bewertest du das Frauenbild im Jedermann?

    BETTINA HERING: Die Dramaturgie des Jedermann entspricht quasi einem Stationentheater: Sie ist ganz auf den Protagonisten zugeschnitten, alle auftauchenden Figuren verkörpern eine Station und haben im großen Ganzen – mit wenigen Ausnahmen – eine Szene. Das ist der Überbau, in dem sich alle – damit auch die weiblichen Figuren wie die Buhlschaft, die Mutter und des Schuldknechts Weib – bewegen. Die allegorischen Figuren betrifft das ebenso. Glaube und Werke wurden traditionell weiblich besetzt; Mammon, Gott, Tod und Teufel männlich. Diese Kategorien der Besetzung haben sich schon lange aufgelöst – in den Jahren meiner Leitung noch viel markanter. Das heißt, dass Schauspielerinnen mittlerweile im Jedermann auch andere Positionen übernehmen als die ihnen traditionell zugesprochenen. Aber abgesehen von diesen weiblichen Besetzungen der Allegorien nehmen die Frauenporträts einen kleinen Platz ein – wie die meisten anderen Figuren auch.

    Des Schuldknechts Weib ist eine klassische Ausführung der Frau, die zwar nicht mitverantwortlich ist, aber durch das Tun des Mannes denselben Schaden erleidet wie der, der ihn verursacht hat. Die Mutter im Jedermann verantwortet eine zentrale Szene, durch die wir einiges über den Jedermann erfahren. Sie zeigt seine christliche Sozialisation auf, die er missachtet, ermahnt ihn an die Tradition, der er sich nicht verpflichtet fühlt. Die Buhlschaft wiederum verkörpert den Gegenpol zum Tod und zum Jedermann in seiner gesellschaftlichen Position. Sie ist die Unverheiratete, die Geliebte, die ihm aber emotional sehr nahe ist. Sie ist die Figur, die am meisten aufgeladen ist respektive dazu gemacht wurde. Woher das übergroße Interesse, das sich an der Buhlschaft entzündet und das nicht proportional zur Größe der Rolle steht, genau stammt, kann ich nur im Raum der Spekulation belassen. Ist es die Lust des Menschen an der Lust? Am Leben? Zumindest ursprünglich? Dass sich die Beschäftigung mit der Buhlschaft über die Jahrzehnte in einen fast schon eigenen Kult verwandelt hat, ist der Entwicklung des Parameters der „hall of fame“ zuzuschreiben – einer inneren Entwicklung, die mit dem Stück nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit der gewachsenen Schauspieler*innentradition, die vor allem ästhetisch dominiert.

    Das Frauenbild im Jedermann ist in dieser Verteilung von Mutter, Geliebter und Ehefrau keines, das wir heute so aufsetzen würden – genauso wenig, wie man ein heutiges personenreiches Stück so protagonistisch ausrichten würde. Die Figuren stammen in ihren Funktionen aus dem Mittelalter, und diese Funktionen gibt es immer noch. Die Abwertung gegenüber den Frauenfiguren, die prinzipiell auch von der aufgeklärten Öffentlichkeit, der Presse und den künstlerisch Verantwortlichen schnell aufgesetzt wird, entspricht, wenn man den ganzen Kontext betrachtet, nicht dem, was intendiert war. Wie bei so vielen Stücken können wir anhand der Frauenfiguren und der grundsätzlichen Struktur feststellen, wie weit der Abstand zum heutigen Theater und auch zur heutigen Gesellschaft geworden ist. Das ist im Grunde genommen ein froher Befund.

    In der Umsetzung wiegt diese historische Distanz allerdings ungeheuer schwer, weil wir eine Beziehung zeigen wollen, die sich nicht in dieses klischierte Bild pressen lässt, das sich hartnäckig bestimmend gibt. Gerade die zentrale Szene zwischen Buhlschaft und Jedermann ist nicht nur, aber auch deshalb eine besonders schwere. Sie ist zu kurz, um viel etablieren zu können, und zu lange für einen „smashigen“ Auftritt.

    PIA JANKE: Nach wie vor findet eine Pressekonferenz statt, bei der u.a. das Kleid der Buhlschaft präsentiert wird. Warum?

    BETTINA HERING: Auch das haben wir über die Jahre verändert. Wir haben nicht nur das Kleid der Buhlschaft präsentiert, sondern die Kostüme des Jedermann. Das heißt, wir haben die Kostüme der Öffentlichkeit vorgestellt, von der Buhlschaft bis zum Tod und darüber hinaus. Zum einen, weil wir damit das enorme Handwerk der Salzburger Festspiele zeigen, und zum anderen, weil wir dem Publikum dadurch klar machen können, was ein ästhetisches Konzept ist.

    PIA JANKE: Was entgegnest du denjenigen, die den Salzburger Festspielen vorwerfen, dass sie mit der jährlichen Inszenierung des Jedermann und allem, was dazu gehört (Besetzung, Pressekonferenz etc.), zur Bestätigung und Reproduktion eines antiquierten, sexistischen Frauenbildes beitragen?

    BETTINA HERING: Wie ich schon erörtert habe, finde ich das Frauenbild nicht per se sexistisch, weil es aus einer vollkommen anderen Sphäre kommt, es kann auf der Bühne aber ganz leicht so ausgelegt, so gelesen und auch so interpretiert werden. Es ist mittlerweile sehr komplex, es nicht als sexistisch erscheinen zu lassen. Das antiquierte Bild ist ein Bestandteil dieser Gesamtallegorie, das wird man ihm nicht austreiben können, muss man aber auch nicht. Wenn das moderne Spieler*innen spielen, wie in den letzten Jahren, dann bekommt es eine Frische, die erstaunlich sein kann.

    Als Leiterin des Schauspiels weiß ich, dass das Erbe Jedermann ein fixer und ungemein schwieriger Bestandteil der gesamten Aufgabe ist. Ich finde es richtig, eine neue Konzeption aufgrund des großen Interesses im Rahmen einer Pressekonferenz zu präsentieren. Denn lieber habe ich Zeit und Platz, um diesen Topos zu besprechen und den Akteur*innen ihren Raum zu geben, als dass ich das nicht habe.

    PIA JANKE: Was waren deine Beweggründe, ein Werk zum 100-Jahr-Jubiläum in Auftrag zu geben, das einen neuen Blick auf den Jedermann-Stoff werfen sollte?

    BETTINA HERING: Das war eine Kombination aus zwei Gründen: Schon lange Zeit beschäftigte ich mich mit dem Stück Das Mirakel von Karl Gustav Vollmoeller, das Max Reinhardt inszenierte. Das Mirakel ist ein sprachloses Stück mit religiösem Inhalt, der Musik von Engelbert Humperdinck und einem großen Tänzerensemble. Vor einem immensen Publikum wurde Das Mirakel 1925 auch in Salzburg aufgeführt, nachdem es bereits einen europäischen Triumphzug hinter sich hatte und noch bevor es den Broadway eroberte. Viele Salzburger*innen spielten als Statist*innen mit, und die Parole von Max Reinhardt, „die ganze Stadt ist Bühne“, hat sich in dieser Inszenierung materialisiert.

    In Gent sah ich unter anderem Milo Raus Inszenierung Lam Gods (Der Genter Altar), in der er dieses zentrale religiöse Element der Stadt und die ihm zugrundeliegenden Geschichten mit Laien – Bewohner*innen der Stadt – neu erfunden, neu erzählt hat. Das fand ich sehr inspirierend. Milo Rau fand und finde ich schon seit langer Zeit einen der wichtigsten europäischen Theatermacher, dessen dokumentarisch-fiktionale Arbeiten nicht nur enorm politisch waren und sind, sondern auch enorm wichtig, mutig und elementar für unser Gegenwartstheater. In unserem ersten Gespräch stellten wir fest, dass es grandios sein könnte, den Jedermann im Jubiläumsjahr, in einer Mischung aus der Erzählweise des Genter Altars und des Mirakels, u.a. mit Laien in der Stadt neu zu erzählen, also auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen – quasi als Stadtereignis. Aufgrund diverser Entwicklungen, die auch mit Milo Raus Arbeit im Amazonas zu tun hatten, die viel später in seiner Inszenierung von Antigone im Amazonas gipfelte, wurde das Projekt personell gesehen kleiner und immer fokussierter, bis wir gemeinsam bei Everywoman gelandet sind.

    PIA JANKE: Kannst du den Ansatz von Everywoman beschreiben? Wie verhält sich das Stück zu Hofmannsthals Jedermann?

    BETTINA HERING: Der Ansatz ist, dass eine erfolgreiche Schauspielerin, wunderbar verkörpert von Ursina Lardi, einer Frau mit der fatalen Diagnose einer tödlichen Krankheit, Helga Bedau, begegnet. Ihr letzter Wunsch ist es, noch einmal auf der Bühne zu stehen. Und ausgehend vom Jedermann führen die beiden ein Gespräch über die richtige Lebensführung, über den Glauben und wie das ist, wenn der Tod wirklich anklopft. Ganz im Gegenteil zu der wuchtigen Inszenierung auf dem Domplatz ist dies ein sehr intimes Stück geworden, das die Bedrohung der Existenz nicht allegorisch auf die Bühne wuchtet, sondern im Dialog mit einer wirklich sterbenskranken Frau erörtert. Diese leisen Töne der Inszenierung, die später in der Schaubühne zu sehen war – und noch immer ist! –, haben in ihrer Direktheit und Authentizität dem Jedermann von Hofmannsthal einen fundamental anderen Pol entgegengesetzt und einen zutiefst menschlichen – auch weiblichen – Blick auf den Tod gezeigt.

    PIA JANKE: Wäre deiner Meinung nach eine radikal feministische Fortbeschreibung des Jedermann-Stoffes sinnvoll?

    BETTINA HERING: Das könnte sinnvoll sein, aber nicht auf dem Domplatz! Eine radikal feministische Fortschreibung müsste eine neue Erfindung sein mit einem neuen genius loci.

    PIA JANKE: Was wünscht du dir von der neuen Schauspiel-Chefin im Hinblick auf Gender-Aspekte bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Dass Positionierungen nicht verwässert werden, dass sich der gesellschaftliche Backlash nicht eins zu eins abbildet.


    © Monika Rittershaus

    BETTINA HERING

    Studium der Germanistik, Philosophie und anthropologischen Psychologie. Tätigkeiten als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main sowie als freischaffende Regisseurin und Dramaturgin, beispielsweise für das Festival Literatur im Nebel in Heidenreichstein. 2012-16 Künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich. 2017-23 Leiterin des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Festredner*innen

    Festredner*innen

    Von den 60 Festredner*innen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1964-2025) waren fünf Frauen: JEANNE HERSCH(1985), BARBARA FRISCHMUTH(1999), ELKE HEIDENREICH(2008), Nina Chruschtschowa (2024), Anne Applebaum (2025):

    1964 Salvador de Madariaga: Lob Salzburgs

    1965 Gabriel Marcel: Die Musik als Heimat der Seele

    1966 Clemens Holzmeister: Das Bauwerk der Salzburger Festspiele

    1967 Bernhard Paumgartner: Die Aufgabe Salzburgs

    1968 W. H. Auden: Worte und Noten

    1969 Pietro Quaroni: Festspiele und Massenmedien

    1970 Carl Zuckmayer: Über die musische Bestimmung des Menschen

    1971 Helmuth Plessner: Das Geheimnis des Schauspielers

    1972 Eugène Ionesco: Die bedrohte Kultur

    1973 Giorgio Strehler: Max Reinhardt und heute

    1974 Oscar Fritz Schuh: Zum 100. Geb. H. v. Hofmannsthals

    1975 Carl Friedrich von Weizsäcker: Die geheimnisvolle Wirklichkeit des Schönen

    1976 Heinz Politzer: Musikerlöste Dämonie

    1977 Léopold Sédar Senghor: Österreich als Ausdruck der Weltkultur

    1978 Josef Klaus: Salzburger Weltoffenheit

    1979 Sir Karl Popper: Schöpferische Selbstkritik in Wissenschaft und Kunst

    1980 Wolfgang Hildesheimer: Was sagt Musik aus?

    1981 Hans-Georg Gadamer: Das Alte und das Neue

    1982 Hermann Josef Abs: Mäzenatentum als Verpflichtung und Beglückung

    1983 Leo Gabriel: Sprache und Gespräch – Schöpferische Weltgestaltung

    1984 Gerd Bacher: Die Beifallsgesellschaft und ihre Medien

    1986 Clemens August Andreae: Kunstwerke zwischen Ästhetik und Ökonomik

    1987 Kurt Hübner: Festspiele als mythisches Ereignis

    1988 Péter Hanák: Schöpferische Kraft und Pluralität in der mitteleuropäischen Kunst

    1989 Maurice Schumann: 1789-1791. Vom aufsteigenden Licht einer Revolution zum Er­löschen eines Genies

    1990 Václav Havel: Die Poesie ist zu Ende

    1991 Wolfgang Rihm: Was ,sagt‘ Musik?

    1992 Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama): Menschliches Mitgefühl und universelle Verant­wortung: Eine Grundlage des Glücks und des Friedens

    1993 Árpád Göncz: Tükörszilánkban az egész

    1994 George Steiner: Der Europa-Mythos

    1995 Nikolaus Harnoncourt: Was ist Wahrheit? oder Zeitgeist und Mode

    1996 Claudio Magris: Utopie und Entzauberung

    1997 Christoph Ransmayr: Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer

    1998 Franz König: Europa braucht ein neues geistiges Antlitz

    2000 Jakob Kellenberger: Friede ist das Ergebnis harter Arbeit

    2001 Peter Sloterdijk: Tau von den Bermudas

    2002 Peter Ruzicka: Das Spiel vom Ende der Feste. Eine Antrittsrede

    2003 Andrei Pleșu: Freude in Ost und West

    2004 István Szabó: Wie ein Gefühl oder ein Gedanke entsteht

    2005 keine Festrede

    2006 keine Festrede

    2007 Jürgen Flimm: Komm Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen

    2009 Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe

    2010 Daniel Barenboim: Nicht warten, sondern auf den anderen zugehen

    2011 Joachim Gauck: Auf die Mutigen wartete das Gefängnis

    2012 Peter von Matt: Kunst, Verschwendung und Gerechtigkeit

    2013 José Antonio Abreu: Kinder und Jugendliche in ein solidarisches Leben einführen

    2014 Christopher Clark: Wie ein Gewitter aus heiterem Himmel

    2015 Rüdiger Safranski: Revolution des Zeitregimes

    2016 Konrad Paul Liessmann: Und mehr bedarf‘s nicht. Über Kunst in bewegten Zeiten

    2017 Ferdinand von Schirach: Das Recht gegen die Macht stellen

    2018 Philipp Blom: Wir sind alle Kinder der Aufklärung

    2019 Peter Sellars: Listening to the Ocean: Planetary Change and Cultural Action – The meaning and urgency of ‚ecological civilization‘ in the next generation

    2020 Alexander Kluge: Rede über das Jahrhundert

    2021 Julian Nida-Rümelin: Eine humanistische Utopie

    2022 Ilija Trojanow: Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens

    2023 Anton Zeilinger: Wie kommt das Neue in die Welt?

    2025 Anne Applebaum: Demokratie und Festspiele


    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrau­ensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen Zeit der Musik.

    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein be­stimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Ar­beit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist ver­schwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich ent­wickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: JEANNE HERSCH: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Ro­land (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)


    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit ei­nem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrneh­mung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der euro­päischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)

    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden ha­ben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoff­nung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neu­erliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.«

    Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch an­zweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte die­ser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Län­dern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: BARBARA FRISCHMUTH: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)


    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Pro­gramm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:

    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfor­dern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.

    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.

    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.

    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.

    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.

    Schließlich:

    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann ge­gen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.

    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:

    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,

    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.

    Der Traurige wird freudig sein,

    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet.

    In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?

    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Fest­spiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzbur­ger Festspiele 2008)

  • International, zeitgenössisch

    International, zeitgenössisch

    Frauen, Frieden und die Salzburger Festspiele (1919-26)

    Ende Februar 1920 gab der Wiener Verlag Otto Maaß Söhne einen kurzen Leitfaden für einen dauerhaften Frieden im Nachkriegseuropa heraus.1 Obwohl das anonym verfasste Buch nur 24 Seiten lang war, entschädigte es seine Leserschaft mit einer üppig kolorierten, ausziehbaren Europakarte. Mit einer beeindruckenden Höhe von 60 cm und einer Breite von 80 cm zeigte die Karte die westliche Hälfte des Kontinents, aufgeteilt in 24 gleichmäßig unterteilte Verwaltungsabschnitte, die als Kantone bezeichnet wurden. Ähnlich ausschauend wie die Speichen eines riesigen Rades (oder die Scheiben einer Pizza) stellte sie Europa als eine einheitliche politische Union dar und platzierte Wien in ihrem Mittelpunkt. Während der Autor argumentierte, dass die ehemalige Reichshauptstadt das kulturelle und symbolische Herz Europas darstellte, kam er zum Schluss, dass zur Verwirklichung dieser friedlichen Konfiguration zwischen Zentrum und Peripherie zunächst eine Gruppe rational denkender Männer gefunden werden musste, die frei von allen nationalen und religiösen Vorurteilen und bereit waren, die Aufgabe der Führung zu übernehmen:

    Jede Nation, auch die kleinste, besitzt sicherlich verständige und kluge Männer genug, die mit reinem Gewissen, nach reiflicher Überlegung, frei von allem National- wie Religionshaß zu dem Schlusse kommen, daß nur allein durch nationale Verbrüderung, durch Eindämmung des Religionshasses der zukünftige Friede von Segen sein kann.2

    So edel dieser Lösungsvorschlag für die tiefsitzenden Probleme des damaligen Nachkriegseuropas auch klang, ein Vergleich solcher utopischen Vorstellungen mit den historischen Ereignissen, die sich nach Ausbruch des Krieges abspielten, zeigt nur, dass zwischen Realität und Fantasie eine große Kluft besteht. Nur einen Monat vor der Veröffentlichung des Buches beschlossen die europäischen Staats- und Regierungschefs auf der letzten Sitzung der Pariser Friedenskonferenz am 21.1.1920, dass die laufenden Aufgaben der internationalen Friedensstiftung von nun an in Genf, dem Sitz des Völkerbundes (League of Nations), durchgeführt werden sollten – nicht in Wien. Und es waren die sogenannten „verständigen und klugen Männer“, die den Kontinent im Sommer 1914 in den Krieg gestürzt hatten. Im Gegensatz dazu war es das „andere“ Geschlecht, das 1915 die Initiative zur Gründung der ersten großen internationalen Organisation ergriff, die sich dem Konflikt entgegenstellte und sich in der Zwischenkriegszeit für eine friedliche Aussöhnung einsetzte.3 Wie die Mitglieder der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit die Ereignisse provokativ interpretierten, war der Erste Weltkrieg im Grunde eine geschlechtsspezifische Angelegenheit: „Der Krieg wurde von den Männern gemacht, wir Frauen kennen keinen Krieg und werden einander immer verstehen.“4

    Karte Das neue Europa mit dem Dauernden Frieden. Die Unionisierung Mitteleuropas, 1920. Cornell University Library: Digital Collections. Das Neue Europa mit dem Dauernden Frieden. https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:19343441 (4.1.2023)

    Die Entstehung und die frühe Entwicklung der Salzburger Festspiele sind routinemäßig als internationales Friedensprojekt ihrer Gründerväter dargestellt, wobei Frauen innerhalb der künstlerischen Welt eine untergeordnete oder sekundäre Rolle spielten, d.h. in Bereichen, die hauptsächlich außerhalb der Entscheidungskontexte lagen, wie z.B. in den von Männern dominierten Vorstandsetagen, in denen die „eigentliche Arbeit“ der künstlerischen Programmgestaltung, der Organisation und der Friedensarbeit stattfinden sollte.5 Aber schon früh im Krieg erkannten Frauen nicht nur den Zusammenhang zwischen Kunst und Diplomatie und diskutierten ihn in organisierten Kreisen (und auch in Publikationen), sondern beteiligten sich auch aktiv an der praktischen Umsetzung solcher Ideen auf dem gesamten europäischen Kontinent nach 1918. Durch die Kunst trugen Frauen entscheidend zur neuen Identität Salzburgs als Ort der internationalen Friedensstiftung bei und verliehen der Festspielstadt zeitgemäße und fortschrittliche Elemente, die von bisherigen Studien übersehen wurden. So ungeschickt, wie der Wiener Autor die Ideen aus Immanuel Kants Zum ewigen Frieden aus dem Jahr 1795 neu verpackt hat, bietet seine wunderschön illustrierte Karte ungewollt – wie eine kaputte Uhr, die mindestens zweimal am Tag richtig steht – eine neue Perspektive, aus der sich die breiteren Netzwerke rekonstruieren lassen, durch die Frauen die frühen Salzburger Festspiele entscheidend prägten.

    Der nach Westen weisende Keil auf der Karte, der als „Kanton Genêve“ bezeichnet wird, gruppiert vier Städte – Genf, Zürich, Salzburg und Wien –, die gemeinsam als „Friedensachse“ der Zwischenkriegszeit fungierten, um die herum eine breitere Anerkennung der Rolle der Musik in der internationalen Diplomatie erfolgte. Die Ideen und Personen, die in diesen Städten verkehrten, konzentrierten sich allmählich auf Salzburg als neues europäisches Zentrum, in dem die Künste als Katalysator für einen dauerhaften Frieden dienen sollten. Bekanntlich war die österreichische Hauptstadt (neben Altaussee) der Ort, an dem Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die „Salzburger Idee“ als Begriff zur Reparatur der zerrütteten kulturellen Netzwerke Europas am deutlichsten artikulierten. In einer geografischen Metapher formulierten sie das Potenzial der Stadt:

    Dass gerade von Oesterreich aus es möglich sein wird, die zerrissenen Fäden der europäischen Kulturgemeinschaft wieder anzuknüpfen und in keinem Zeichen eher als im Zeichen der Musik und des Theaters. Dass Salzburg für die darstellende Kunst das werden könnte, was Montecarlo und Aegypten für die Reisewelt, Italien für die Bewunderer der Malerei, Griechenland für den Mann der Wissenschaft.6

    Aber auch die beiden Schweizer Städte spielten eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Identität der Festspielstadt in der Nachkriegslandschaft. Zürich zeigte nicht nur Unternehmungsgeist, als es darum ging, ein großes Sommerfestspiel mit internationalem Profil und ehrgeizigem Programm zu etablieren,7 sondern sorgte mit seiner Existenz auch für eine freundschaftliche Konkurrenz, die die Salzburger Festspielhausgemeinde nach 1921 zum Handeln anspornte.8 Nur ein halbes Jahr vor den ersten Internationalen Festspielen Zürich hatte Hofmannsthal dort seine Rede auf Beethoven anlässlich des 150. Geburtstages des Komponisten gehalten.9 Große Festspielpläne für den nächsten Sommer zeichneten sich bereits im Dezember 1920 ab, als er vor zweitausend Zuhörern sprach. Während er Beethoven öffentlich als treibende Kraft für die Erneuerung der europäischen Kultur bezeichnete, lobte er die Schweiz im Privaten dafür, dass sie demokratische und patriotische Gefühle in Einklang bringe,10 was sich mit seinem künstlerischen Manifest für Salzburg, Das Salzburger Große Welttheater aus dem Jahr 1922, deckt.11 Aber die Saat für sein späteres Salzburger „Manifest“ wurde auch in seiner Züricher Rede gelegt, die sich zu einem Festspielthema in Form einer Bearbeitung von Beethovens Die Ruinen von Athen entwickelte, die er zwischen 1922 und 1924 mit Richard Strauss, Alfred Roller und Karl Alwin unternahm. Mit dem explizit aufgeladenen Untertitel Ein Festspiel mit Tänzen und Chören verwoben Hofmannsthals Text, Strauss’ Partitur und Rollers Bühnenbild Themen, die zu einer allegorischen Interpretation von Österreichs jüngster Kulturstadt als dem symbolischen Athen des Nachkriegseuropas einluden. Wie an anderer Stelle dargelegt wurde, hatten die führenden Mitglieder des Kunstrats dieses hybride Bühnenwerk ursprünglich für die Eröffnung bzw. Einweihung von Hans Poelzigs geplantem (aber letztlich nicht realisiertem) Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn vorgesehen.12

    Noch wichtiger ist, dass Zürich auch von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit für ihr erstes Treffen nach dem Ersten Weltkrieg ausgewählt wurde, und es war in dieser Stadt (gefolgt von weiteren Veranstaltungen in Oxford und Salzburg), dass ihr Ansatz zur Friedensschaffung eine „ästhetische Wende“ nahm. Die Persönlichkeiten und politischen Ziele der Frauenliga sind zwar gut erforscht, doch was sie als fortschrittliche Organisation auszeichnete, war nicht nur ihr Einsatz für die soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch ihr Eintreten für die Kunst als Mittel zur Schaffung und Erhaltung des Friedens im politischen Bereich. Die Frauenliga hatte bereits mehrere kurze Aufsätze über die verbindende Kraft von Kunst und Musik verbreitet (z.B. Joseph E. Southalls Art and Peace und Vernon Lees Bach’s Christmas Music in England and Germany),13 aber ihr Kongress in Zürich, der von 12.-17.5.1919 stattfand, legte mehr Gewicht auf diese Dimension als wirksame, langfristige Strategie. Während die Delegierten aus 13 Nationen an Workshops teilnahmen, Podiumsdiskussionen organisierten und Vorträge hielten,14 gipfelte die Woche in einer Theateraufführung, die von den eigenen Mitgliedern im berühmten Zunfthaus zur Meisen organisiert, inszeniert und geleitet wurde.15

    Dieses Thema wurde nur vier Monate später ausführlich behandelt, als die britische Sektion der Frauenliga von 1.-10.9.1919 im Ruskin College in Oxford eine Festival Conference on Creative Peace veranstaltete. Ein interner Bericht beschrieb die Veranstaltung als „einzigartig in ihrer Einbeziehung der Kunst als Ausdruck der schöpferischen und harmonisierenden Kraft, die bei allen Bemühungen um Frieden in der Welt aktiv sein muss“16. Mit einem Programm, das aus neun Konzerten und verschiedenen Theateraufführungen bestand, markierte diese „Festspielkonferenz“ eine gründlichere und praktisch orientierte Erkundung der Rolle der Musik bei der Herstellung eines internationalen Dialogs zwischen den Nationen. Am bemerkenswertesten war dabei eine Aufführung des Everyman – dem ersten dokumentierten Ereignis nach 1918, bei der das alte mittelalterliche Moralstück mit einem Festival oder der Friedensbewegung in Verbindung gebracht wurde.17 Obwohl aus zeitgenössischen Berichten nicht hervorgeht, welche der drei englischen Fassungen bei dieser Gelegenheit aufgeführt wurde, wäre George Sterlings und Ryszard (Richard) Ordynskis englische Blankvers-Übersetzung von Hofmannsthals Fassung aus dem Jahr 1911 eine gute Wahl gewesen, da sie durch die Hinzufügung von zwei neuen Charakteren, War und Workman (Krieg und Arbeiter), auf die weltpolitischen Umstände aufmerksam machte.18 Diese Aufführung war kein Einzelfall: Die britische Sektion der Frauenliga setzte diese Tradition auf ihrer nächsten großen Konferenz über Revolution und Frieden Anfang Januar 1920 fort, diesmal in einer Londoner Inszenierung von Harold Scott.19 Diese von Frauen geleitete britische Initiative, den Everyman mit dem Frieden zu verbinden, fand fast ein ganzes Jahr vor der ersten Jedermann-Aufführung in Salzburg statt. Tatsächlich diente die erste und einzige Aufführung eines Hofmannsthal-Dramas in Salzburg – nämlich die des Stückes Elektra, das am 2.1.1917 gespielt wurde – zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen, indem Geld für das Hausregiment Erzherzog Rainer Nr. 59 gesammelt wurde.20 Aus dieser scheinbaren Inkongruenz ergeben sich im europäischen Kontext folgende Fragen: Was wurde in den ersten drei Sommern für Salzburg in Bezug auf den Frieden tatsächlich behauptet, und gab es einen tieferen Zusammenhang zwischen der Identität der Stadt als Nachkriegs-Friedensstadt einerseits und den Aktivitäten, Zielen und Akteur*innen, die in diesen Jahren in den Netzwerken der Frauenliga zirkulierten, andererseits?

    Die frühen Dokumente der Salzburger Festspielhausgemeinde weisen deutlich auf die Idee der Salzburger Festspiele als internationales Friedensprojekt hin.21 In der Realität wurde die erste Jedermann-Aufführung am 22.8.1920 jedoch nicht in diesem Sinne von der Presse besprochen.22 Auch hatte sie kein internationales Publikum angezogen,23 und kein Zeitzeuge hat je behauptet, dass die sechs Vorstellungen auf dem Domplatz die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele darstellten.24 Zudem waren die Darbietungen von Das Salzburger Große Welttheater in den Jahren 1922 und 1925 ein kritischer Flop, und der Jedermann wurde erst 1926 wiederaufgenommen. Doch gerade in den Jahren 1921-25 begannen sich die Salzburger Festspiele zu einem Friedensprojekt von europäischer Bedeutung zu entwickeln.

    Zurück zu Zürich: In einer bisher übersehenen Rezension, die Ende August 1920 in der Neuen Zürcher Zeitung erschien, betrachtete der Wiener Kritiker, Mahler-Biograph und Verfechter der Neuen Musik Paul Stefan das neue künstlerische Interesse an Salzburg als eine fantasievolle Erweiterung der Vision, die Gustav Mahler 1906 mit seinen Festspielaufführungen von Le nozze di Figaro initiiert hat.25 Darüber hinaus scheint Stefan im August 1920 der einzige gewesen zu sein, der öffentlich das Potenzial der Stadt als Ort der internationalen Friedensstiftung ankündigte,26 und er arbeitete in den folgenden zwei Jahren unermüdlich daran, dieses Ziel zu erreichen. Im August 1922 verkündete der Wiener Kritiker unmissverständlich, dass der Erfolg der Salzburger Festspiele darauf zurückzuführen sei, dass hier ein internationaler Friedensgipfel für die Künste stattfand, der „von sieghafterer Wirkung als alle Kriegsmanöver“27 war. In der Tat waren über 200 internationale Pressevertreter anwesend, was im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Sommern einen deutlichen Gamechanger des globalen Medienprofils der Festspiele darstellte.28 Während neuere Forschungen ein neues Licht darauf geworfen haben, wie sich die Stadt in einen Bienenstock internationaler künstlerischer Synergien verwandelte (beginnend mit der Gründung des Wassermann-Vereins im Jänner 1919), spielten Frauen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Ihre Beteiligung bedarf weiterer Untersuchungen.29

    Die internationale Sommerschule der Frauenliga für Frieden und Freiheit, Mozarthaus (Wiener Saal) Salzburg, August 1921. Swarthmore College Peace Collection, Jane Addams Collection

    Die erste Veranstaltung in Salzburg der Nachkriegszeit, die entweder mit der Friedensbewegung oder dem Internationalismus in Verbindung stand, fand im August 1921 statt,30 als die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit die Stadt für ihre nächste Versammlung nach ihrer Züricher Konferenz wählte.31 Zwischen dem 10. und 16.7.1921 trafen sich die Mitglieder zunächst in Wien im Gebäude des Musikvereins, um allgemeine Fragen zu erörtern,32 bevor sie zum Mozarteum umzogen, in dem eine zweiwöchige Sommerschule für Frauen und Männer mit dem Titel „Erziehung zum Internationalismus“33 rund 280 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern begrüßte.34 Ziel dieses Programms war es, die Rolle der Künste und der Bildung zu erforschen, um die Nationen über eine rein statische Vorstellung von Frieden (definiert als Nicht-Kriegszustand) hinaus zu einer echten Atmosphäre der Vergebung und des Dialogs in produktiver, zukunftsorientierter Form zu führen. Wie im Zusammenhang mit der Eröffnungsfeier am 1.8.1921 berichtet wurde, sollte sich dieser allererste Sommerkurs der Frauenliga darauf konzentrieren, die Künste zu nutzen, um den Frieden zu verwirklichen, anstatt ihn nur zu diskutieren:

    Der Friede ist ja nun da, aber es ist ein Friede ohne Versöhnung und Güte. Das Ziel der Frauenliga […] ist somit noch keineswegs erfüllt und die Sommerschule soll eben dazu helfen, wieder einen Schritt vorwärts zu tun. Was sich in Kongressen trotz aller Resolutionen nicht erreichen lässt, wird hier sinnfälliger erfüllt durch die praktische Arbeit […]. So werden denn auch Konzerte stattfinden, für die die Salzburger Künstler ihre Mitwirkung zugesagt haben, Konzerte, die in erster Linie Mozart gewidmet sein sollen.35

    Die Idee, in der Mozartstadt eine Sommerschule zu veranstalten, die sich auf praktische und künstlerische Fragen konzentrierte, kam von derselben britischen Sektion der Frauenliga, die zwei Jahre zuvor die Festival Conference on Creative Peace initiiert hatte. Die österreichische Sektion hatte sich bereits im Juni 1920 am Mozarteum versammelt, als Hofmannsthals Jedermann in letzter Minute als Ersatz für das noch nicht fertiggestellte Salzburger Große Welttheater vorgeschlagen wurde. Spätestens im Oktober 1920 bestätigte die Zentralstelle der Frauenliga die Verfügbarkeit des Mozarteums für die nächste große internationale Konferenz.36 Da die Sekretärin der österreichischen Sektion, Friderike Zweig,37 und die Präsidentin Yella Hertzka,38 die lokalen Vorbereitungen übernahmen, sollte die Wahl des Veranstaltungsortes einen strategischen Beitrag zum aufkommenden Status der neuesten Kulturstadt Österreichs leisten.

    Die Schule überschnitt sich mit den „Festspielen in Salzburg“, die von 2.-21.8.1921 tagte und eine Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Mozarteum (Mozart-Konzerte), der Salzburger Festspielhausgemeinde (eine Wiederholung des Jedermann) und dem Salzburger Landestheater (russische Tänzer*innen) darstellte, das erst Anfang Juli als notdürftig zusammengeschusterte finanzielle Lösung auftauchte, um den vollständigen Zusammenbruch der Festspielidee zu verhindern.39 Die Sommerschule der Frauenliga wurde größtenteils ad hoc durchgeführt, und möglicherweise wurden Absprachen mit dem Mozarteum in Verbindung mit den laufenden Mozart-Aufführungen bei den Festspielen getroffen, wobei die letzte Sitzung der Schule mit der ersten Jedermann-Aufführung am 15.8. zusammenfiel.40 Aus den wenigen erhaltenen Dokumenten geht hervor, dass der Frauenbund eine formelle Zusammenarbeit mit dem Mozartbund eingeleitet und den „Manchester Girls Institute Choir“ unter der Leitung von Say Ashworth zu zwei Konzerten eingeladen hatte.41

    Das Programm der Referenten deckte ein Spektrum von Themen ab, das von der Wirtschaft bis zur Gesundheitsfürsorge reichte.42 Bemerkenswert waren jedoch die beiden Vorträge in der ersten Woche, die die Aufmerksamkeit besonders auf Musik und Frieden lenkten. Den Anfang machte der deutschstämmige Theologieprofessor Edvard Lehmann, der zum Thema „Kunst und Musik als internationales Erziehungsmittel“43 sprach. Es folgte eine „Einführung in die moderne Musik“44 durch den Mozarteum-Klavierprofessor und Verfechter der Neuen Musik Felix Petyrek. Petyrek spielte Mozart mit den Mitgliedern des Wiener Staatsopernorchesters am 6.8.1921 und war seit seiner Ankunft in Salzburg im Oktober 1919 zu einer bedeutenden Persönlichkeit geworden, die das neue Image Salzburgs als Stadt der internationalen und zeitgenössischen Musik prägte.45 Petyrek zählte Leute wie Stefan und Friderike Zweig zu seinen Freund*innen und er veröffentlichte seine Kompositionen bei der Universal-Edition, Wiens führendem Verlag für zeitgenössische Musik, der vom Ehemann der österreichischen Präsidentin des Frauenbundes, Yella Hertzka, geleitet wurde. Petyrek war auch in der modernen Tanzszene der Zwischenkriegszeit aktiv, einer performativen Kunstform, die weitgehend von den Ideen der feministischen Emanzipationsbewegung getragen wurde. An Orten wie dem Salzburger Hotel Bristol begleitete der Pianist Tänzerinnen wie Heddy Falk und Stella Kramrisch – letztere ist eine moderne Tänzerin, die 1919 an der Universität Wien über indische Kunst promovierte und kurz darauf eine angesehene Professorin in Philadelphia wurde.46 Diejenige aber, die als Brücke zwischen der Frauenliga und den Salzburger Festspielen stand und entscheidend dazu beitrug, dass sich letztere zu einem Friedensgipfel der Künste entwickelten, ist die britische Sopranistin Dorothy Moulton.

    Während und nach dem Ersten Weltkrieg war Dorothy Moulton eine gefeierte Interpretin zeitgenössischer Musik, die sich einen Ruf als zentrale Figur bei der Wiederherstellung der deutsch-englischen Musikbeziehungen erworben hatte. Die gebürtige Londonerin hatte ihre Ausbildung am Konservatorium nicht in England, sondern in Deutschland absolviert, was ihr den entscheidenden Vorteil verschaffte, dem britischen Publikum, das sich während des kriegsbedingten kulturellen „Blackouts“ nicht über ausländische Entwicklungen auf dem Laufenden halten konnte, bisher unbekannte Musik vom Kontinent vorzustellen. So behauptet Moulton, 1915 den Mut aufgebracht zu haben, in Manchester die Musik von Igor Strawinsky zu singen – also zu einer Zeit, „als Schönberg ein Schimpfwort war“47. Doch nach dem Frieden von 1918, als die Erinnerungen an die Kriegszeit noch frisch waren, erlangte sie internationales Ansehen, weil sie zum Singen deutscher Lieder in der Originalsprache zurückkehrte.48 Moultons Kampagne begann unmittelbar am 11.11.1918, dem offiziellen Tag des Waffenstillstands, als sie angeblich die erste Person in London war, die ein öffentliches Konzert mit Liedern von Schubert und Schumann in deutscher Sprache und nicht in englischer Übersetzung gab.49 Sie wiederholte dieses Konzert in der New Yorker Aeolian Hall anlässlich der Wiederkehr desselben historischen Datums im Jahr 1920. Die Kritiker feierten diese Aufführung als großen Erfolg, nicht nur weil sie die Klassiker der deutschen Romantik in ihrem ursprünglichen literarischen Umfeld wiederherstellte, sondern auch, weil sie das Publikum mit einer Reihe lebender Komponisten aus Frankreich, Spanien, England und Irland bekannt machte.50

    Moulton nahm auch an der Festival Conference on Creative Peace in Oxford im September 1919 teil und war sich des laufenden Diskurses über die Rolle der Musik im Friedensprozess bewusst. Obwohl es nicht klar ist, ob sie ein eingetragenes Mitglied der Frauenliga war, hatte die britische Sektion sie engagiert, um Repertoirewerke von Bach, Haydn, Schubert, Schumann und Brahms zu singen und eine Auswahl zeitgenössischer Lieder von Ernest Chausson, Claude Debussy, Maurice Ravel, Frank Bridge und Arnold Bax vorzustellen, darunter zwei relativ obskure Beiträge von Ernest Walker, dem musikalischen Urgestein des Balliol College, und Walter Morse Rummel, dem Klavierbegleiter von Isadora Duncan. Ihr Programm für das sechste Konzert entsprach dem Geist des Festivals, das eine sehr internationale Mischung von Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart bot. Auffallend ist jedoch die generelle Abwesenheit neuerer deutsch-österreichischer Musik bei der Veranstaltung, und wie die Musical Times berichtete, spielte ein Künstler, der ein Vortragskonzert über zeitgenössische Musik gab, „keine moderne deutsche oder österreichische Musik, da er [Edward Mitchell] keine spielenswerte gefunden hatte“51. Im selben Jahr heiratete Moulton den deutschstämmigen Geschäftsmann und Philanthropen Robert Mayer, mit dem sie ebenfalls noch im selben Jahr nach New York City reiste und im März 1921 nach London zurückkehrte. In der britischen Hauptstadt gründete das Ehepaar einen bedeutenden Musiksalon, in dem sie zahlreiche internationale Gäste empfingen, darunter Béla Bartók, Wilhelm Furtwängler, Darius Milhaud und Bruno Walter. Von nun an setzte sich Moulton aktiv für eine friedliche Völkerverständigung durch Musik ein und begab sich im Herbst 1921 auf eine „Propaganda-Tournee“ durch Deutschland, Österreich, die Niederlande und England.52

    Moulton debütierte in Wien am 10.10.1921 mit einem Liederabend, der einen Meilenstein in der Wiederöffnung der österreichischen Grenzen zur Welt darstellte.53 Mitte September unterstrichen die Vorankündigungen in der Presse das einzigartig internationale Profil ihres bevorstehenden Programms.54 In der Tat umfasste ihre Liedauswahl vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch) und stellte insgesamt 13 Komponisten vor, die in fünf verschiedene Abschnitte unterteilt waren. Sie eröffnete mit heiteren englischen Liedern aus dem siebzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart, gefolgt von einer Handvoll Goethe-Vertonungen von Franz Schubert, bevor sie zum Herzstück des Abends überging: Maurice Ravels Cinq mélodies populaires grecques aus dem Jahr 1906. Eine eklektische Mischung von Liedern von Ernest Chausson, André Caplet, Riccardo Zandonai und Gabriele Sibella rundete den Abend ab, bevor sie auf englisches Gebiet zurückkehrte. In diesem abschließenden Teil versuchte Moulton, das stereotype Image Großbritanniens als „Land ohne Musik“ zu zerstreuen, indem sie zeitgenössische Werke von Arnold Bax, Eugene Goosens und Arthur Bliss sang, die sie alle zu ihren persönlichen Freunden zählte.55 Bliss’ Madame Noy aus dem Jahr 1918 – eine geisterhafte Vertonung eines Gedichts von Edward Harry William Meyerstein mit Flöten-, Klarinetten-, Fagott-, Harfen-, Bratschen- und Kontrabassbegleitung – war ein besonders modernes Werk, das Moultons Debüt überzeugend abschloss.56 Die Kritiken zu ihrem Auftritt im 700 Plätze fassenden Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses waren äußerst positiv, und ein Kritiker meinte, ihre deutsche Diktion in den Schubert-Liedern sei so überzeugend, dass man sie für „eine geborene Wienerin“57 hätte halten können. Keine fünf Tage später meldete das Neue Wiener Tagblatt, dass „auf Grund des großen Erfolges“58 beim Publikum ein zweites Konzert für Januar 1922 bestätigt wurde.

    Programmzettel von Dorothy Moultons Konzert im Wiener Konzerthaus, 29.1.1922. Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft / Programmarchiv

    In Anbetracht der Tatsache, dass die Salzburger Sommerschule im August 1921 ein Projekt der britischen Sektion der Frauenliga war und Moulton an deren erster musikalischer Festivalkonferenz in Oxford teilnahm, ist es wahrscheinlich, dass die in Deutschland ausgebildete Sopranistin auch den Kurs am Mozarteum besuchte und die Gelegenheit nutzte, um im Vorfeld ihrer bevorstehenden Tournee Kontakte in Österreich zu knüpfen. Während ihrer Reise im Oktober lernte Moulton den Musikwissenschaftler, Komponisten und ehemaligen Schönberg-Schüler Egon Wellesz kennen. Wellesz hatte sich im Sommer 1918 in Altaussee mit Hofmannsthal angefreundet und wurde schnell zu einem wichtigen Partner bei der Umsetzung der Vision des Dichters für Salzburg als internationales, repräsentatives Festival – sicherlich etwas, das Hofmannsthal und Reinhardt nicht allein durch das deutsche Sprechtheater realisieren konnten. So durfte Wellesz beispielweise an Hofmannsthals Aufsatz Deutsche Festspiele zu Salzburg aus dem April 1919 eine Coda anfügen, als dieser im September 1919 in der Wiener Presse erschien.59 Weiters lobte er Die Frau ohne Schatten nach der Uraufführung im Oktober 1919 überschwänglich als „eine Festoper, wie die alten Barockopern“60, und er verfasste auch eine wichtige (und bisher übersehene) Rezension des Circle-Konzerts in Wien Ende Januar 1920 – offiziell das erste musikalische Event der Salzburger Festspielhausgemeinde.61 In den nächsten vier Jahren arbeiteten die beiden Männer an verschiedenen Projekten, die aus ihrem gemeinsamen Interesse am österreichischen Barock erwuchsen, darunter zwei moderne Bühnenwerke, Achilles auf Sykros (1921) und Alkestis (1923), die beide ihre Bemühungen um die Realisierung der Salzburger Festspiele im Jahr 1922 zu einem Friedensprojekt von internationaler Bedeutung begleiteten.62

    Teilnehmer*innen der Internationalen Kammermusik-Aufführungen der Salzburger Festspiele, 8.8.1922. v.l.n.r.: Walter Gieseking, Maurits Frank, Isaäc Mossel, Wanda Szigeti, Paul Weingarten, Licco Amar, Paul Hindemith (sitzend), Erika Stiedry-Wagner, Mary Dickenson-Auner, Hugo Heller (sitzend), Dorothy Moulton, Hedwig Heller, Elisabeth Schumann, Karl Alwin, Walter Casper, Joseph Szigeti, Louis Fleury. King‘s College Cambridge Archive, EJ Dent Papers

    Wellesz, der seit der Vorkriegszeit anglophil war, wurde von dem internationalen Spektrum von Moultons Programm im Oktober 1921 inspiriert, und es wird ihm zugeschrieben, dass er ihre Wiedereinladung nach Wien im Januar 1922 initiiert hat.63 Zweifellos in Absprache mit Richard Strauss und Heinrich Damisch scheint er ihr einen Platz bei den bevorstehenden Salzburger Festspielen eingeräumt zu haben, und zwar als deren erstes Konzert zeitgenössischer Musik (abgesehen vom Cercle-Konzert, das die Uraufführung von Strauss’ neobarocker Suite aus Der Bürger als Edelmann beinhaltete). Die Neue Freie Presse machte Moultons bevorstehendes Salzburg-Engagement strategisch am Tag vor ihrem Wiener Konzert bekannt,64 und weniger als zwei Wochen später verkündeten Zeitungen in Wien und Berlin,65 dass in Salzburg internationale Musikkonzerte unter der Leitung von Richard Strauss stattfinden würden. Am 26.1. war der Bayer aus Amerika nach einem zehntägigen Aufenthalt in London, den er wahrscheinlich mit Moulton koordinierte, nach Wien zurückgekehrt.66 Nachdem Paul Stefan und Rudolf Réti angeworben worden waren, wurde das Projekt später unter dem Namen „Internationale Kammermusik-Aufführungen in Salzburg“ bekannt und stellte praktisch ein Unterkomitee der Salzburger Festspielhausgemeinde dar, zu dem auch ihr Gründer Heinrich Damisch sowie Heinrich Kralik und Josef Reitler gehörten.67 Mehrere Werke aus Moultons Jänner-Recital in Wien wurden direkt in die Salzburger Konzerte übertragen, und sie sang auch das einzige Werk, das von Ethel Smyth auf dem Programm stand – nämlich Odelette aus dem Jahr 1909. Ethel Smyth, eine der prominenten englischen Komponistinnen und Suffragetten, die in früheren Ankündigungen nicht erwähnt worden war, kam wahrscheinlich auf Moultons Einladung nach Salzburg.68 Das Programm, das zwischen dem 7. und 10.8.1922 stattfand und ca. 60 Werke aus 15 Nationen enthielt, wurde vom Berliner Musikkritiker Adolf Weißmann in einer Sprache begrüßt, die direkt aus dem Reinhardt-Memoire von1918 stammen hätte können: „Die zerrissene Kunstwelt im Zeichen Mozarts wieder zusammenzuführen, Salzburg, die Mozartstadt und eine Kostbarkeit im armen Österreich, zum Treffpunkt des Internationalismus zu machen: ein glücklicher Gedanke.“69

    In den nächsten Sommern bzw. bis zur Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1925 galten die modernen Kammermusikkonzerte der am 11.8.1922 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) als Salzburger Festspiele.70 Nicht nur das internationale Profil der Zusammenkünfte entsprach dem Geist der ursprünglichen Vision der Festspielhausgemeinde, sondern auch die modernen Ensembles führten im Rahmen ihres musikalischen Angebots Mozart-Konzerte auf. Keiner der Teilnehmer*innen oder Organisatoren konnte im Jahr 1922 wissen, was 1923 oder gar 1924 geschehen würde, und sowohl die nationalen als auch die internationalen Kritiker stützten sich auf die verfügbare Terminologie, um den Ereignissen in Echtzeit die gebührende Anerkennung zu zollen.71 Bereits 1924, als die Salzburger Festspielhausgemeinde in ihrer bisherigen Form aufgelöst wurde, hatte Wellesz einen Lexikoneintrag über die Salzburger Festspiele verfasst, in dem er die Konzerte für zeitgenössische Musik von 1922 unter demselben Dachverband ansiedelte.72 Einer der führenden deutschen Musikkritiker, Adolf Aber, behauptete im Jahr 1937 sogar, dass der erste Präsident der IGNM, Edward J. Dent, den Moulton im Mai 1922 mit Wellesz zu einem Planungstreffen in London zusammengebracht hatte, neben Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss als einer der Gründungsväter der Salzburger Festspiele anzusehen sei.73

    Moulton sollte auch in diese Liste aufgenommen werden, aber ihre bahnbrechenden Bemühungen, Salzburg der Zwischenkriegszeit als Ort eines internationalen Friedensfestivals zu gestalten, wurden von Männern aus der Geschichte „herausgeschrieben“ – nicht einmal, sondern zweimal. Fünfzig Jahre nachdem Moulton ihre Wiener Konzerte gegeben und Dent und Wellesz vorgestellt hatte, drängte ihr Ehemann den inzwischen in Oxford lebenden Professor, das historische Versäumnis schriftlich zu korrigieren.74 Wellesz fertigte verschiedene Entwürfe einer Erklärung an, die bezeugen, dass sie eine Schlüsselrolle bei der Initiierung der Ereignisse gespielt hatte, die dazu führten, dass Salzburg 1922 zu einem internationalen Friedensprojekt wurde.75 Wellesz’ schwerer Schlaganfall im Jänner 1972 ließ die Geschichte jedoch genau zu dem Zeitpunkt unerzählt, als die IGNM ihren Tiefpunkt öffentlicher Relevanz erreicht hatte (zufälligerweise war dies auch der Zeitpunkt, an dem sich ihr halbes Jubiläum jährte). Zwei Jahre später ist Moulton tot, aber auch ihr Mann, der Gründer der bekannten Londoner Kinderkonzerte, erinnert sich:

    [Dorothy hatte] Egon Wellesz nach London eingeladen […], wo er in unserem Haus den angesehenen Musikwissenschaftler Edward J. Dent traf, den er für das Projekt der Gründung einer Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik interessierte. Dent willigte ein, ihr Präsident zu werden, und die IGNM wurde praktisch in unserem Haus geboren. Sie veranstaltete ihr erstes Festival 1922 in Salzburg.76

    Auch der Salzburger Historiker Robert Kriechbaumer verwechselte die Britin mit einer Amerikanerin, als er einen leidenschaftlichen Brief zitierte, den sie im November 1933 an Engelbert Dollfuß schrieb und in diesem den von Hofmannsthal inspirierten Diskurs über die Salzburger Idee wieder aufgriff, bei deren Umsetzung sie im Jahr 1922 beteiligt war. Die Festspielstadt, so argumentierte sie gegenüber dem Bundeskanzler, „ist bereits im Kleinen zu einem internationalen Musikzentrum herangereift“77. Moulton hatte die Salzburger Festspiele 1933 besucht und kehrte im August 1934 zurück, wo sie der Salzburg British Empire Society Herbert von Karajans Debüt mit den Wiener Philharmonikern für eine Reihe von Privatkonzerten (Debussy und Ravel) vermittelte, zu der auch internationale Gäste wie Francis Poulenc und Margarethe Wallmann zählten. Paul Stefan hat ihre Beteiligung (an)erkannt,78 und ihr Engagement – unterstrichen durch das sensationelle Salzburg-Debüt von Arturo Toscanini zwei Tage nach Karajans Soirée – veranlasste Rudolf Réti sogar dazu, sich für die „Wiederaufnahme“79 (nicht „Neuaufnahme“) der internationalen zeitgenössischen Kammerkonzerte in das Salzburger Festspielprogramm einzusetzen.

    Die Wiederherstellung internationaler Beziehungen durch zeitgenössische Musik war eines der zentralen Merkmale der Salzburger Idee.80 Nach der Wiederbelebung der Salzburger Festspielhausgemeinde im Jahr 1925 waren es zunächst transatlantische (oder vielleicht besser: transnationale) Musiker*innen, die diese Tradition fortführten. Bei den Salzburger Festspielen 1926 spielte der in Deutschland geborene und in Amerika lebende Pianist Oskar Ziegler zum Gründungstag der IGNM im Café Bazar am 11.8. Werke des Les six-Komponisten Arthur Honegger, des russischen Mystikers Alexander Skrjabin und des sowjetischen Modernisten Arthur Lourié (geb. Naum Israilewitsch Lurja). Eine Woche später spielte der in New York City lebende ungarisch-amerikanische Cellist Rózsi Várady Stücke von Zoltán Kodály und Maurice Ravel. Der französische Komponist war laut Theodor W. Adorno81 bis zu diesem Zeitpunkt im deutschsprachigen Raum noch relativ unbekannt, doch der internationale Ruf Salzburgs als „Welt-Revue“82-Festival hatte diesem Trend entgegengewirkt, da seine Musik von 1919-26 in der Stadt gut vertreten war.83 Várady hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Kontakt zur IGNM, und ihre Aufführung einer Kodály-Komposition aus einem privaten Manuskript stellte die erste Premiere eines zeitgenössischen Werkes bei den Salzburger Festspielen dar – und zwar sogar durch eine Frau.84

    Rózsi Váradys Programm für das 4. Kammerkonzert der Salzburger Festspiele, 19.8.1926. Archiv der Salzburger Festspiele
    Rózsi Várady, um 1922. © Library of Congress, Prints & Photographs Division [reproduction number, e.g., LC-B2-1234], Bain Collection

    Einige Monate nach den Salzburger Festspielen 1922 berichtete die Zeitschrift für Musik, dass eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergeben hatte, welche europäischen Länder den höchsten Prozentsatz an aufgeführten Kompositionen von Komponistinnen aufwiesen. England stand an der Spitze der Liste, während Deutschland das Schlusslicht bildete.85 Angesichts des damaligen gesellschaftspolitischen Engagements von Frauen in Europa überrascht es nicht, dass es eine britische Sopranistin war, die bei der Geburtsstunde der Salzburger Festspiele 1922 dazu beitrug, das Zeitgenössische und das Internationale in der DNA der Festspiele zu verankern und ihr Profil als Friedensprojekt der Künste zu schärfen, das in seiner Funktion mit dem Genfer Völkerbund (oder der Frauenliga, die ebenfalls dort ihren Sitz hatte) vergleichbar war. Heute ist der Vergleich mit dem diplomatischen Ruf dieser Schweizer Stadt auf der Weltbühne hinfällig. Aber es war der Salzburger Erzkritiker Ernst Krenek, der nur zwei Monate nach dem österreichischen Anschluss aus London schrieb, um die britischen Leser*innen daran zu erinnern, dass die Festspielstadt in der Nachkriegszeit diese friedensstiftende Funktion für die Musikwelt erfüllt hatte.86 Nach dem Zweiten Weltkrieg ernannte die IGNM auf ihrer Jahrestagung 1952 in Salzburg mit Pauline Hall (1890–1969) ihre erste Direktorin, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab IGNM-Mitglied Kaaija Saariaho mit L’Amour de loin aus dem Jahr 2000 ihr Operndebüt bei den Salzburger Festspielen – rund 20 Jahre bevor an der Wiener Staatsoper überhaupt ein Werk einer Komponistin, Olga Neuwirths Orlando, uraufgeführt wurde. Mit zwei Präsidentinnen, Helga Rabl-Stadler und Kristina Hammer, an der Spitze des weltberühmtesten Sommerfestivals bleibt Salzburgs Status als innovatives, zeitgenössisches Festival für europäische Musik und Friedensarbeit ein Vermächtnis, das einer von Frauen geführten künstlerischen Antwort auf die katastrophalen Umwälzungen des Ersten Weltkriegs zu verdanken ist.


    Anmerkungen

    1. P.A.M. [= P.A. Maaß]: Die Unionisierung Mitteleuropas! Ein Wegweiser zum Dauerfrieden. Wien: Otto Maaß’ Söhne 1920. Der Verfasser dankt Ryan Prendergast (Pittsburgh), der ihn auf diese Publikation aufmerksam gemacht hat. ↩︎
    2. Ebd., S. 24. ↩︎
    3. Vgl.: N. N.: League of Peace and Freedom. Report and Financial Statement from August, 1915, to December, 1919. London: League of Peace and Freedom 1920, S. 2. ↩︎
    4. N. N.: Internationaler Frauenstreik zur Verhinderung von Kriegen. Der Schwur der Frauen auf dem Züricher Kongreß. In: Neues Wiener Journal, 20.5.1919. ↩︎
    5. Vgl.: Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima“. Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau 2021. ↩︎
    6. Hofmannsthal, Hugo von: Reinhardt-Memoire (Max Reinhardt an Leopold von Adrian, 5.9.1918). In: Hofmannsthal, Hugo von: Sämtliche Werke. Bd. 3.: Reden und Aufsätze. Hg. v. Klaus E. Bohnenkamp, Katja Kaluga und Klaus-Dieter Krabiel. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011, S. 343. ↩︎
    7. Am 16.6.1921 wurden die von Alfred Reucker gegründeten Internationalen Festspiele und Konzerte Zürich mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie eröffnet. Mit Aufführungen von Richard Wagners Parsifal und W. A. Mozarts Die Entführung aus dem Serail (beide unter Leitung von Bruno Walter) wurde versucht, ein internationales Festspiel zu etablieren, das Bayreuth übertreffen sollte. Salzburg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Sicht. ↩︎
    8. Am 16.6.1921 lehnte das Finanzministerium in Wien die Förderansuchen der Salzburger Festspielhausgemeinde ab. Vgl.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela: Die Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte in Daten, Zeitzeugnissen und Bildern. Band I. 1920–1945. Salzburg: Residenz Verlag 1990, S. 27. ↩︎
    9. Am 10.12.1920 hielt Hofmannsthal seinen Vortrag, zwei Tage später wurde er in Wien veröffentlicht. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von: Beethoven. 1770–1920. 16. Dezember. In: Neue Freie Presse, 12.12.1920; N. N.: Das Projekt eines Salzburger Festspielhauses. Mitteilung der Festspielgemeinde und Beethoven-Feier in Zürich. In: Ebd., 13.12.1920. ↩︎
    10. [Gästebucheintrag von Hofmannsthal:] ‚Der patrizische Geist ist stark im Ablehnen, der demokratische stark im Aufnehmen; möge in den alten Schweizer Städten noch lange beides einander das Gleichgewicht halten.‘“ Stern, Martin: Schweiz. Asyl in fremder Nähe. In: Hemmecker, Wilhelm / Heumann, Konrad: Hofmannsthal. Orte. 20 biographische Erkundungen: Wien: Zsolnay 2014, S. 380. ↩︎
    11. Vgl.: Müller, Karl: „Das Herz vom Herzen Europas“, „Welttheateragenten“ – Fest und Feier nach 1918. In: Csáky, Moritz / Zeyringer, Klaus (Hg.): Pluralitäten, Religionen und kulturelle Codes. Innsbruck: Studien Verlag 2002, S. 91-116. ↩︎
    12. Vgl.: Graydon, Philip: „Rückkehr in die Heimat“: Postwar Cultural Politics and the 1924 Reworking of Beethoven’s Die Ruinen von Athen by Richard Strauss and Hugo von Hofmannsthal. In: The Musical Quarterly, 88/4 (2005), S. 630-671. ↩︎
    13. Southall, Joseph: Art and Peace. In: N. N.: Towards Ultimate Harmony. Report of Conference on Pacifist Philosophy of Life. London: Headley Brothers for The League of Peace and Freedom 1915, S. 67-74; Lee, Vernon: Bach’s Christmas Music in England and in Germany. In: Jus Suffragii, 1.1.1915. ↩︎
    14. Vgl.: N. N.: Internationaler Frauenkongreß. In: Neue Zürcher Zeitung, 12.5.1919; N. N.: International Congress of Women arranged by the International Committee of Women for Permanent Peace. International Congress of Women Schedule, May 12-17, 1919. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    15. Das Bühnenwerk wurde von dem Ostjüdischen Frauenverein organisiert und hat angeblich den Charakter eines Tanztees (thé dansant). Vgl.: Neue Zürcher Zeitung, 17.5.1919; Hürzeler, Rolf: Sie wollten es besser machen als die Männer. In: Tagesanzeiger, 11.5.2019. ↩︎
    16. „[…] was unique in its inclusion of Art as an expression of the creative and harmonising power which must be active in all efforts to produce peace in the world.“ N. N.: League of Peace and Freedom, S. 8. ↩︎
    17. Die Idee, Jedermann in Salzburg im August 1920 aufzuführen, nahm erst im April Gestalt an, und später in Zusammenhang mit Alexander Moissis Gastspiel in der Neuen Wiener Bühne, das mit einer Jedermann-Aufführung unter der Regie von Emil Geyer am 19.6.1920 stattfand. Vgl.: N. N.: Neue Wiener Bühne. – Gastspiel Alexander Moissi. In: Wiener Zeitung, 21.6.1920; Hugo von Hofmannsthal an Ottonie Gräfin Degenfeld, 8.6.1920. In: Hugo von Hofmannsthal – Ottonie Gräfin Degenfeld. Briefwechsel. Hg. v. Marie Therese Miller-Degenfeld und Eugene Weber. Frankfurt am Main: Fischer 1974,S. 431. ↩︎
    18. Vgl.: N. N.: The Play of Everyman: Based on the old English morality play. New Version by Hugo von Hofmannsthal set to blank verse by George Sterling in collaboration with Richard Ordynski. San Francisco: A. M. Robertson 1917. Das Original aus der Tudor-Ära, The Sumonyng of Everyman, wurde im Jahr 1901 von Peter Dorland als Everyman. A Morality Play ins moderne Englisch bearbeitet. ↩︎
    19. Vgl.: League of Peace and Freedom, S. 10. ↩︎
    20. Die Elektra-Vorstellung (als Drama) fand im Salzburger Stadttheater am 2.1.1917 unter der Regie und Mitwirkung von Anna Bahr-Mildenburg statt. Vgl.: H. S.: Elektra. In: Salzburger Volksblatt, 7.3.1919; N. N.: Eine Spende des Erzherzogs Eugen. In: Salzburger Volksblatt, 2.1.1917; Bahr, Hermann: 1917 [Tagebuch]. Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia 1918, S. 46-48. ↩︎
    21. Vgl.: Wolf, Norbert Christian: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg: Jung und Jung 2014. ↩︎
    22. Vgl.: R. A.: „Jedermann“ in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 23.8.1920; Steinberg, Michael P.: Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele. 1890–1938, übers. v. Marion Kagerer. Salzburg: Anton Pustet 2000, S. 190-195. ↩︎
    23. Für die erste Jedermann-Aufführung hat die Salzburg Festspielhausgemeinde mit „internationalen“ Besuchen von Kurgästen aus der bayerischen Umgebung Salzburgs, nämlich Berchtesgaden und Bad Reichenhall, gerechnet. Vgl.: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1. 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 560-561. ↩︎
    24. Vgl.: Kainberger, Hedwig: Alles beginnt mit Stimmengewirr. Viele Ideen. „Nein, die Salzburger Festspiele haben nicht mit dem ‚Jedermann‘ angefangen“, sagt Klemens Renoldner. In: Salzburger Nachrichten Spezial. Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele, S. 13. ↩︎
    25. Vgl.: Stefan, Paul: Reinhardt Spiel in Salzburg. In: Neue Zürcher Zeitung und schweizerisches Handelsblatt, 27.8.1920. ↩︎
    26. Ebd.: „Salzburg lockt. Es müßte das nicht. […] Denn Salzburg, so hörten wir, wollte und will Festspielstadt werden und Reinhardt, Hofmannsthal und Roller wecken und fördern diese Luft der ehrgeizigen Väter, die noch immer den Traum eines friedlichen, verkehrsreichen Europa träumen und doch selbst je und je die Fremden von ihrer Schwelle weisen müssen, die ihnen so willkommen wären. Eine weltumspannende Gemeinde ist begründet […]. Salzburg ist nicht mehr, was es früher war, die sommerliche Fremdenstadt, das Hotel Mitteleuropas: es ist wieder ein Zentrum, und, ich glaube, ein glückhaftes.“ ↩︎
    27. Stefan, Paul: Ein Weltbild der Musik. Anmerkungen zu den Musikfesten in Donaueschingen und Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 243. ↩︎
    28. Vgl.: Wolf, Norbert: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst, S. 239. ↩︎
    29. Vgl.: von Dassanowsky, Robert / Arens, Katherine (Hg.): Interwar Salzburg Austrian Culture Beyond Vienna. London: Bloomsbury 2024; Werley, Matthew (Hg.): Achtung International! Salzburg & 100 Jahre Internationale Gesellschaft für Neue Musik. Wien: Hollitzer 2024. ↩︎
    30. Die österreichische Sektion der Frauenliga hielt eine große Versammlung bereits im Mozarteum am Juni 1920. Vgl.: N. N.: !!Große Versammlung!!. In: Salzburger Wacht, 16.6.1920. ↩︎
    31. Vgl.: N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Salzburger Wacht, 5.5.1921; N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Eine Internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Wacht, 3.6.1921. ↩︎
    32. Vgl.: N. N.: Dritter Kongreß der Internationalen Frauenliga. In: Salzburger Wacht, 11.7.1921; N. N.: Tagesordnung des Dritten Kongresses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Wien: Frisch 1921. ↩︎
    33. In einem Bericht ist die Dauer der Sommerschule von 1. bis 31.8. angekündigt. Vgl.: N. N.: Die internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Volksblatt, 1.8.1921; N. N.: Jane Addams. In: Salzburger Volksblatt, 4.8.1921. ↩︎
    34. Vgl.: Emily Greene Balch to Women’s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, August 31, 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Bussey, Gertrude / Tims, Margaret: Pioneers for Peace. Women’s International League for Peace and Freedom 1915–1965. Oxford: Alden Press 1980, S. 41. ↩︎
    35. N. N..: Die internationale Sommerschule, 1.8.1921. ↩︎
    36. Im Februar 1920 hat die britische Sektion der Frauenliga schon Pläne für eine Sommerschule besprochen (Heidelberg und Genf wurden vorgeschlagen). Erst im Juni/Juli 1920 kam das Mozarteum durch persönlichen Kontakt zwischen Emmeline Pethick-Lawrence und Bernhard Paumgartner in Frage. „We propose to have a congress every other year hereafter and plan to hold the next one in Austria the last week of July, 1921. This is to be followed by a summer-school covering the first two weeks of August to be held at the Mozarteum in lovely Salzburg“. N. N.: Women’s International League for Peace and Freedom. Genf: Selbstverlag 1920, S. 4; Vgl: Emily Greene Balch an Yella Fuchs Hertzka, 23.12.1920; Emily Greene Balch to Women‘s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, 31.8.1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Emily Greene Balchs Rundschreiben an den internationalen Vorstand der Frauenliga, 9.2.1921. Ebd. ↩︎
    37. Vgl.: Emily Green Balch an Yella Hertzka, 23.12.1920. In: Ebd.; Gürtler, Christa: Friderike Winternitz Zweig – Intellektuelle und Friedensaktivistin. Das Engagement in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Holmes, Deborah / Wörgötter, Martina (Hg.): Friderike „Zweig“. Weibliche Intellektualität im frühen 20. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023, S. 43-57. ↩︎
    38. Vgl.: Oesch, Corinna: Yella Hertzka (1873–1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauenbewegung. Innsbruck: Studien Verlag 2014. ↩︎
    39. Vgl.: Richard Strauss an Hugo von Hofmannsthal, 19.8.1921. In: Schuh, Willi (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal: Briefwechsel. Zürich: Atlantis 1978, S. 469-471. ↩︎
    40. Eine Teilnahme des Direktors des Mozarteums, Bernhard Paumgartner, der seit 1914 mit der Tochter des steirischen Heimatdichters Peter Rosegger verheiratet war, scheint ausschließbar zu sein. Die katholische Frauen-Organisation in Salzburg betrachtet die Internationale Frauenliga als eine Konkurrenz, die jüdische Anliegen vertritt. Vgl.: N. N.: Internationale Frauen-Liga für Frieden und Freiheit. In: Mitteilungen des Landesverbandes der Katholischen Frauen-Organisation für das Land Salzburg 4/1921, S. 19. ↩︎
    41. Vgl.: N. N.: Die Friedensschule in Salzburg. Die Friedensschule in Salzburg, ca. July 1921 · Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    42. Anfang Jänner 1921 hat Helena Swanwick einen Entwurf des Programms gemacht, die praktische Organisation der Schule wurde von Kathleen Elizabeth Royds koordiniert. Vgl.: N. N.: Women’s International League Protokolle vom 7. Jänner, 6. Mai und 2. September 1921. UKLSE_DL1_PI01_003_001_0004_0001.pdf – LSE Digital Library (arkivum.net) (3.1.2024). ↩︎
    43. Balach, Emily Green: Notizen von ca. September 1921. Description of East European Journey and WILPF Summer School, ca. September 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    44. N. N.: Nachtrag. Eröffnung der internationalen Sommerschule. In: Salzburger Wacht, 1.8.1921; N. N.: Die Salzburger Sommerschule. In: Salzburger Chronik, 14.8.1921. ↩︎
    45. Vgl.: Werley, Matthew: Genf der Musikwelt? Salzburg, Werner Reinhart und die Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. In: Taddy, Ulrich (Hg.): Werner Reinhart. Mäzen der Moderne. München: Edition Text + Kritik 2023, S. 109-128. ↩︎
    46. Vgl.: Kramrisch, Stella: Untersuchungen zum Wesen der frühbuddhistischen Bildnerei Indiens. Wien, Diss. 1919. Ihr Doktorvater Josef Strzygowski betreute auch die Doktorarbeit von Egon Welleszs Ehefrau Emmy Ghandara im Rahmen vergleichender Kunstforschung. Wien, Diss. 1921. ↩︎
    47. Dorothy Moulton (Lady Mayer) an Egon Wellesz, 22.6.1962. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (F 13 Wellesz 1409/6). ↩︎
    48. In einem Überblick über die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das amerikanische Musikleben hob ein deutscher Kritiker Moulton als eine etablierte Verfechterin der musikalischen Versöhnung hervor: „[…] eine englische Sängerin, Dorothy Moulton, [war] […] eine der ersten [die] sich wieder der Originalsprache bedient“. Möller, Heinrich: New Yorker Musikleben während des Krieges. In: Signale für die musikalische Welt, 2.3.1921. ↩︎
    49. Vgl.: Moulton, Dorothy: The Forgotten Master. The Life and Times of Louis Spohr. London: Weidenfeld and Nicolson 1959, Klappentext. ↩︎
    50. Auf dem Programm waren Lieder von Henri Duparc, Pierre de Bréville, Ernest Chausson, Maurice Ravel, Manuel de Falla, Roger Quilter, Arnold Bax, Hamilton Harty, Cyril Scott und Frank Bridge. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton, Soprano. In: Musial Courier, 18.11.1920; A.W.K.: Dorothy Moulton Makes Fine Impression at Début. In: Musical America, 20.11.1920. ↩︎
    51. Fitch, C. Harold: Music at the Festival Conference on Creative Peace. In: The Musical Times, 1.10.1919. ↩︎
    52. Vgl.: Lucas, Clarence: London’s Autumn Season Opens With Plethora Of Concerts. In: Musical Courier, 3.11.1921; N. N.: Vienna Hears Kreisler and British Visitors. In: Musical America, 10.12.1921. ↩︎
    53. Vgl.: N. N.: Konzerte. In: Musikalischer Kurier, 7.11.1921; Wellesz, Egon: Gründung der I.G.N.M. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    54. N. N.: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 22.9.1921; N. N.: Dorothy Moulton. In: Neues Wiener Tagblatt, 28.9.1921; Hoffmann, Rudolph Stephan: Musik in Wien. In: Musikblätter des Anbruch 3/1921, S. 324. ↩︎
    55. Vgl.: N. N.: British Music Celebrities Meet. In: Musical America, 24.12.1921. ↩︎
    56. Für den Liederabend engagierte die Konzertdirektion Gutmann (Hugo Knepler) das Gottesmann Quartett (mit Hugo Kauder als Bratschist) und etliche Mitglieder der Wiener Symphoniker. Der bekannte Pianist Otto Schulhof hat die Sopranistin am Klavier begleitet. ↩︎
    57. „Wäre nicht einiges Fremde in der Aussprache des Deutschen zu bemerken gewesen, hätte man sie ohneweiteres für eine geborene Wienerin ansehen können. Dorothy Moultons Stimme ist für den Vortrag von Liedern prädestiniert“. N. N.: Liederabend Dorothy Moulton. In: Reichspost, 21.10.1921. ↩︎
    58. N. N..: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 15.10.1921. ↩︎
    59. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von / Wellesz, Egon: Deutsche Festspiele zu Salzburg. In: Der neue Tag, 21.9.1919. ↩︎
    60. Wellesz, Egon: Die Frau ohne Schatten. In: Musikblätter des Anbruch 1/1919, S. 15. ↩︎
    61. „Der Gedanke, in der Umgebung dieser einzigartigen Stadt, dem Knotenpunkte zwischen Westen und Osten, Norden und Süden, Festspiele zu halten, ist ja verlockend; er dürfte sich auch auf weltbürgerlicher Basis leichter verwirklichen lassen, als auf nationaler, in der Art, daß das Beste, was der europäische Geist geschaffen hat, hier in vollendeter Form aufgeführt wird“. Wellesz, Egon: Konzert der Salzburger Festspielhausgemeinde. Richard Strauß. Suite aus „Der Bürger als Edelmann“. In: Der
      neue Tag, 4.2.1920. ↩︎
    62. Die Zusammenarbeit zwischen Wellesz und Hofmannsthal begleitete auch eine Auftragsarbeit in der von Hofmannsthal und Hermann Bahr herausgegebenen Bücherreihe Theater und Kultur (Band 6). Wellesz, Egon: Der Beginn des musikalischen Barock und die Anfänge der Oper in Wien. Wien: Wiener Literarische Anstalt 1922. ↩︎
    63. Vgl.: Mayer, Robert: My First Hundred Years. The Revised Version of an Informal Address given at the British Institute of Recorded Sound on Friday, 3rd December, 1971. Gerrards Cross: Van Duren 1976.x ↩︎
    64. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton. In: Neue Freie Presse, 28.1.1922. ↩︎
    65. Vgl.: N. N.: Internationales Musikfest in Salzburg. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 10.2.1922; N. N.: Wiener Kammermusik-Vereinigung. In: Vossische Zeitung, 12.2.1922. ↩︎
    66. Vgl.: Hoffmann, Robert: Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“? Wo waren die Frauen bei der Gründung der Salzburger Festspiele? In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024,S. 58-73, S. 64. ↩︎
    67. „Schon im letzten Jahr kamen Fremde aus allen Ländern nach Salzburg. Wenn ihnen nun die Festspielhausgemeinde Gaben großer Vergangenheit bietet: lag es nicht nahe, sie, in einem bescheidenen Rahmen, mit der Musik von heute vertraut zu machen?“. Stefan, Paul: Internationale Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 34. ↩︎
    68. Erstaunlicherweise wurde Moulton überhaupt nicht in der deutschsprachigen Literatur über die Internationale Gesellschaft für Neue Musik berücksichtigt. Im April besuchte Smyth in Begleitung von Moulton die Stadt Wien, wo zwei Orchesterkonzerte zeitgenössischer britischer Musik unter Leitung von Adrian Boult stattfanden. ↩︎
    69. Weißmann, Adolf: Salzburg: (Festspiele 1922). In: Die Musik 15, 1.10.1922. ↩︎
    70. Vgl.: Bechert, Paul: First „Regular“ Salzburg Festival A Great Success. In: Musical Courier, 13.9.1923; Korngold, Julius: Neukammermusik als Salzburger Festspiel (1923). In: Stollberg, Arne / Panagl, Oswald (Hg.): Korngold, Julius: Atonale Götzendämmerung. Kritische Beiträge zur Geschichte der Neumusik-Ismen (Wien 1937). Würzburg: Königshausen & Neumann 2019, S. 289–98; N. N.: To Form Section of New Music Society. International Composers’ Guild Calls Meeting to Pave Way for American Group. In: Musical America, 6.1.1923. ↩︎
    71. Alle Insider wussten, dass sämtliche im August stattgefundene Veranstaltungen in Salzburg als die Salzburger Festspiele bekannt waren. Vgl.: Felber, Rudolf: Die internationalen Kammermusikaufführungen und die Mozart-Festspiele in Salzburg. In: Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst 89/1922. ↩︎
    72. Vgl.: Wellesz, Egon: Salzburg Festival. In: Eaglefield-Hull, Arthur (Hg.): A Dictionary of Modern Music and Musicians. London: J. M. Dent & Sons 1924, S. 432. Dieser Eintrag wurde von der Wellesz-, Festspiel- und IGNM-Forschung bisher übersehen. ↩︎
    73. Vgl.: Aber, Adolf: Salzburg after Fifteen Years. In: The Musical Times 78 (1937), S. 832. ↩︎
    74. Vgl.: Robert Mayer an Egon Wellesz, 11.5.1971. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 1409a); Mayer, Robert: My First Hundred Years, S. 14. ↩︎
    75. Vgl.: Wellesz [Gründung der I.G.N.M.]. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    76. „Moulton invited Egon Wellesz to London, where he met at our house the distinguished musical scholar Edward J. Dent, whom he interested in the project to start an International Society for Contemporary Music. Dent agreed to become its President, and the S.C.M. was practically born in our house. It held its first festival in 1922 in Salzburg“. Mayer, Robert: My First Hundred Years [3.12.1971]. In: Mayer, Robert: My First Hundred Years, 1979, S. 17-18; Henry, Leigh: London Letter. In: The Chesterian, 1.6.1922. ↩︎
    77. Dorothy Moulton an Engelbert Dollfuß, 16.11.1933. In: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Abteilung Neues politisches Archiv, Liasse Österreich 33/36 (Signatur, AVFH Zl. 99.297 13/33). Zit. n.: Kriechbaumer, Robert: Zwischen Österreich und Großdeutschland. Eine politische Geschichte der Salzburger Festspiele 1933–1944. Wien: Böhlau 2013, S. 165-166. ↩︎
    78. „[…] die Salzburg British Empire Society, um deren Organisation sich Frau [Baronin Evamaria] von Wunschheim [geb. Seidl von Hohenveldern] in Wien besondere Verdienste erworben hat. […] In der Nacht, […], bietet die englische Sängerin Dorothy Moulton eine Veranstaltung teils im Freien (Naturtheater des Mirabellgartens), teils in Sälen, wo moderne Kammermusik und Lieder neuer Komponisten geboten werden; Ende beiläufig 2 Uhr, soweit sich das abschätzen läßt“. Stefan, Paul: „Außer Programm“ in Salzburg“. In: Die Stunde, 21.8.1934; Stefan, Paul: Französisches Musikfest englisch-amerikanischer Gäste. In: Die Stunde, 25.8.1934. ↩︎
    79. Réti, Rudolf: Salzburg – Verheißung und Gefahr. In: 23. Eine Wiener Musikzeitschrift, 25.11.1934; Rudolf Réti an Bernhard Paumgartner, 9.10.1934. In: Paris Lodron Universität Salzburg, Nachlass Bernhard Paumgartner (ohne Signatur). ↩︎
    80. Das erste Auftragswerk der Salzburger Festspiele ging an Arthur Bliss (Music for Strings, UA 11.8.1935) und wurde von Paul Stefan genau in dieser Tradition von Hofmannsthal besprochen. „Internationally, […] the festival program seeks to offer something to each nation, to give representation to each nation, mindful of the truly cosmopolitan recommendation of Hofmannsthal“. Stefan, Paul: Variety in Profusion of Salzburg Concerts. In: Musical America, 10.10.1935. ↩︎
    81. Strawinsky und Ravel, die meistgespielten zeitgenössischen Autoren der westlichen Länder, werden allmählich in Deutschland bekannter“. Adorno, Theodor: Zeitgenössische Musik in Frankfurt a. M.. In: Zeitschrift für Musik. Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen Musik 92 (1925), S. 216. ↩︎
    82. N. N.: Die Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 27.6.1922. ↩︎
    83. Am 19. September 1919 fand das erste und einzige Konzert des Collegium Musicums bzw. des Wassermann-Vereins mit einem Programm aus Werken von Wilhelm Grosz, Claude Debussy und Maurice Ravel statt. ↩︎
    84. Vgl.: Rószi Várady an Edward J. Dent, 26.3.1925. In: King’s College Cambridge Archives, EJ Dent Papers (Signatur, EJD-2-8-7-070). ↩︎
    85. „Nach einer Statistik, die kürzlich über die in einem bestimmten Zeitraum zur Aufführung gelangten musikalischen Werke aufgestellt wurde, befanden sich unter den Kompositionen 350 Stücke von 200 weiblichen Komponisten. Dabei steht England (62 Komponistinnen mit 80 Werken) an der Spitze. Es folgt Frankreich mit 60 weiblichen Komponisten. Italien zählt kaum die Hälfte. Auf Deutschland treffen nur 27 Komponistinnen mit 47 Werken“. N. N.: Kreuz und quer. In: Zeitschrift für Musik 89 (1922), S. 461. ↩︎
    86. Vgl.: Krenek, Ernst: Contemporary Problems. Functions of the I.S.C.M. Festival. In: The Daily Telegraph, ca. Juni 1938. ↩︎

    MATTHEW WERLEY

    Studium der Musikwissenschaften, Musik und Theologie. Seit 1997 Lehrtätigkeiten u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg, der University of Cambridge und der Temple University in Philadelphia. Forscht zu den Salzburger Festspielen sowie zur Musik und Literatur in Österreich. Zahlreiche Publikationen, darunter „… eine Synthese aus sakralem-dekorativmonumentalem Musikdrama“.: Karajan, Glucks Orpheus und Eurydike und die Umwidmung der Felsenreitschule zur Opernbühne der Salzburger Festspiele 1948 (2023).

  • Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“?

    Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“?

    Wo waren die Frauen bei der Gründung der Salzburger Festspiele?

    In der Geschichte politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Institutionen spiegeln sich – wie sollte es anders sein – die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Die Salzburger Festspiele stellen diesbezüglich keine Ausnahme dar. Wenn also in der Historiographie der Salzburger Festspiele nur von deren „Gründungsvätern“ Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Rede ist, darüber hinaus am Rande vielleicht noch Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch als Gründer der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde Erwähnung finden, dann entspricht diese ausschließliche Fokussierung auf Akteure einer gesellschaftlichen Realität, die heute befremdlich anmutet.1 „Gründungsmütter“ gab es tatsächlich keine, was aber nicht verwundern kann, da Frauen innerhalb der damaligen patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen die Mitwirkung an der Konstituierung von Vereinen, Parteien, Verbänden etc. in der Regel verwehrt blieb. In diesem Sinn sind die Salzburger Festspiele im Kontext ihrer Gründung ohne Zweifel ein patriarchalisches Konstrukt ebenso wie fast alle vergleichbaren Institutionen der damaligen Epoche. Daran änderte sich auch im Verlauf der folgenden Jahrzehnte nur wenig. Die Absenz von Frauen in den Leitungsgremien der Festspiele bestand letztlich bis in die jüngere Vergangenheit fort, sieht man von der nur kurz währenden Episode der Kooptierung einer Sängerin 1921 in die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde einmal ab.2 Letztlich sollte es nach der Festspielgründung 75 Jahre dauern, ehe mit Helga Rabl-Stadler erstmals eine Frau an die Spitze des Festspielkuratoriums als Präsidentin berufen wurde.

    Die pauschale Annahme einer männerbündischen Verschwörung zum Ausschluss der Frauen vom Gründungsprozess der Festspiele erscheint dennoch abwegig. Allein schon der Umstand, dass sich die Gründung der Festspiele in einem langwährenden Prozess der wechselseitigen Annäherung von zwei in weltanschaulicher und künstlerischer Ausrichtung grundverschiedenen Festspielinitiativen vollzog, lässt den Verdacht einer derartigen Verschwörung als unbegründet erscheinen. Überdies waren Frauen de facto in allen Phasen des Geschehens in der einen oder anderen Weise präsent, zwar nur ausnahmsweise als einflussreiche Akteurinnen, vielfach aber als nützliche und hilfreiche Förderinnen des Festspielgedankens, wenn auch überwiegend im Hintergrund wirkend. Zudem standen Theater, Oper und Konzert, die Säulen des Kulturbetriebs im bürgerlichen Zeitalter, den Frauen gegenüber grundsätzlich offen, und auch in Salzburg waren Schauspielerinnen und Sängerinnen als Mitwirkende von Festspielveranstaltungen von Anbeginn präsent. Ebenso unverzichtbar waren Frauen naturgemäß als Teil des Publikums, womit sich das Bild von ausschließlich von Männern geprägten Festspielen zusätzlich relativiert.

    Im Folgenden sei der Versuch unternommen, die bislang nur selten und meist am Rande thematisierte Mitwirkung von Frauen am Gründungsprozess der Festspiele an einigen ausgewählten Beispielen nachzuzeichnen. Begonnen sei mit jener Frau, deren Einflussnahme den Gang der Entwicklung insofern entscheidend beeinflusste, als sie – konträr zu den Intentionen der Gründungsväter der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde – verhinderte, dass die Internationale Stiftung Mozarteum zur Trägerin der Festspielidee wurde.

    Die Bühnen von Theater und Oper boten Schauspielerinnen und Sängerinnen – insbesondere für Letztere bürgerte sich im späten 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Diva“ ein − bekanntlich bereits vor dem Zeitalter der Emanzipation die Möglichkeit, in beruflich und gesellschaftlich herausragende Positionen aufzusteigen, wie sie in fast allen anderen Bereichen nur Männern vorbehalten waren.3 Ein Beispiel dafür ist Lilli Lehmann, damals eine der am meisten gefeierten Opernsängerinnen Deutschlands, die seit 1901 bei allen von der Internationalen Stiftung Mozarteum veranstalteten Salzburger Musikfesten als Interpretin mitwirkte, bei jenen von 1906 und 1910 darüber hinaus – was im zeitgenössischen Rahmen eine singuläre Ausnahme war − auch als Regisseurin und künstlerische Leiterin.4 Dank ihrer Vernetzung im internationalen Musikbetrieb gelang es ihr, zahlreiche renommierte Künstler des In- und Auslandes zur Mitwirkung zu gewinnen. Ihr Einfluss auf die Stiftung Mozarteum wurde daher mit jenem von Richard Wagners Witwe Cosima auf die Bayreuther Festspiele verglichen, weshalb man sie auch als „Salzburgs Cosima“5 bezeichnete.

    Die Devise „Mozart über alles“ kennzeichnete über mehr als zwei Jahrzehnte Lilli Lehmanns Aktivitäten im Umfeld des Mozarteums. Als einziges weibliches Mitglied des Stiftungs-Kuratoriums verstand es die Sängerin, die in Scharfling am Mondsee eine Villa besaß, ihren Einfluss in allen wesentlichen Mozarteums-Angelegenheiten geltend zu machen. Die regelmäßige Abhaltung von Musikfesten zählte seit 1901 zu Lilli Lehmanns Kernanliegen. Zugleich stand sie allen Plänen einer Ausweitung der Festspielidee nach dem Vorbild von Bayreuth strikt ablehnend gegenüber. Als Anhängerin eines kultivierten, jedoch puristischen Mozartkults lehnte sie insbesondere den Bau eines großdimensionierten „Mozart-Festspielhauses“ entschieden ab, welchen Friedrich Gehmacher, selbst Funktionär des Mozarteums, seit 1913 forcierte. Lehmann befürchtete nicht nur eine finanzielle Überbelastung des Mozarteums. Der Bau eines großen Operntheaters stand für sie per se im Widerspruch zu einem intimen Aufführungsstil, wie sie ihn als unabdingbar für Mozarts Opern hielt.

    Wenn schon ein Festspielhaus für notwendig gehalten werde, so teilte Lehmann es in der für sie typischen apodiktischen Ausdrucksweise ihrem Vertrauten, dem Musikwissenschaftler Rudolf von Lewicki, mit, dann dürfe ein solches zwar „neuen Ansprüchen“ gerecht werden, „durchweg aber nur für Mozartopern in kleinen intimen Räumen und Stile, ohne Reinhardtideen6 an Decorationen, Regie oder Comparserien“. Die Opern „der damaligen Zeit sollen das alte Gepräge der Intimität und die Sänger und Schauspieler bester Art [haben, diese] aber ohne jede verrückte [Schaudermärchen] in der Gesangskunst die Hauptaufgabe sehen“. Vor allem aber fordert sie, dass „Mozart die Kokarde7 bleiben“ müsse. „Und man soll gerade darin, daß man in Salzb. die Mozartopern in der alten, von Mozart gedachten Art beibehält, die Hauptattraktion erblicken und diese Art zum Stempel der Unternehmung machen.“8

    Der Streit zwischen Lehmann und Gehmacher, der vom Wiener Musikjournalisten Heinrich Damisch tatkräftig unterstützt wurde, eskalierte nach der von beiden im August 1917 vollzogenen Gründung der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde bis hin zur offenen Auseinandersetzung von Gegnern und Befürwortern der Festspielhausidee innerhalb des Kuratoriums der Stiftung Mozarteum. Nach Lilli Lehmanns Drohung, die Würde der Ehrenpräsidentin der Stiftung zurückzulegen, setzte sich die von ihr und von Lewicki geführte Fraktion im Kuratorium durch, was Gehmacher veranlasste, von seinen Funktionen zurückzutreten. Damit war der Bruch zwischen dem Mozarteum und der Festspielhausidee vollzogen.9 Wenn die Stiftung Mozarteum und die Salzburger Festspiele heute als zwei voneinander unabhängige Institutionen florieren, dann war diese langfristig bedeutsame Weichenstellung vor allem das Werk einer selbstbewussten Frau, der es im damaligen von Männern dominierten gesellschaftlichen Umfeld gelungen war, ihre Ansichten zur Geltung zu bringen und eine klare Entscheidung im Sinne einer getrennten Entwicklung von Mozarteum und Festspielen herbeizuführen, welche sich aus heutiger Perspektive langfristig durchaus bewährte.

    Mit der Gründung der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde am 1.8.1917 sollte die organisatorische Grundlage für die Beschaffung der Mittel zur Erbauung eines Festspielhauses und in weiterer Folge auch für die Abhaltung von Festspielen geschaffen werden. Die damit verbundenen Aufgaben erwiesen sich – von der Vereinsgründung an – als arbeits- und vor allem auch kostenaufwändig. Somit lag es nahe, dass Heinrich Damisch bereits im Vorfeld der Gründung des Vereins mit Einverständnis seines Salzburger Freundes Friedrich Gehmacher daran ging, für diese Idee in Wien einflussreiche und darüber hinaus auch wohlhabende Unterstützer und Förderer zu gewinnen, wobei – im Sinne des generischen Maskulinums − Frauen nicht nur mitgedacht, sondern willkommen waren, sofern von ihrer Mitwirkung ein praktischer, das heißt vor allem finanzieller Nutzen zu erwarten war. Da die Aufbringung der für die Errichtung eines Festspielhauses erforderlichen finanziellen Mittel das Vereinsziel war, ging es zunächst vor allem um die Anwerbung möglichst potenter „Gründer“ (oder „Stifter“), „Spender“ und „Förderer“ – so die Hierarchie der Vereinsmitglieder. Hier zeigte sich von Beginn der Vereinstätigkeit an, dass Frauen auf allen Ebenen vertreten waren – und zwar nicht nur in Verbindung mit dem Gatten, sondern vielfach eigenständig und mit durchaus beträchtlichen Summen. Bereits 1916 hatte Damisch die Beauftragung von zwei Industriellengattinnen mit „weiblicher Propaganda“ in Betracht gezogen.10 Wie groß der Anteil von Frauen unter den Mitgliedern der Festspielhaus-Gemeinde war, lässt sich aber nicht feststellen, da deren Zahl nicht gesondert ausgewiesen wurde, weder für den Gesamtverein noch dessen Zweigvereine und Ortsgruppen. In Summe hatte der Verein Ende 1921 immerhin mehr als 3.000 Mitglieder.11

    Die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde, aufgenommen nach einer Direktionssitzung im Marmorsaal von Schloss Mirabell, 1919. Sitzend, v.l.n.r.: Friedrich Gehmacher, Karl Ritter von Wiener, Heinrich Damisch. Stehend, v.l.n.r.: Richard Tomaselli, Arthur Sacher, Franz Willvonseder, Sektionsrat Gustav Huber, Richard Mayr, Edwin Schurich, Emil Ronsperger, Georg Jung, Richard Wagner, Paul Hellmann, Arthur Schey. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Aktiv geworben wurde von Seiten des Vereins nicht nur um Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens, also um Industrielle, Fabrikanten und Bankiers, von denen man sich die entscheidenden Impulse bei der Finanzierung des Festspielhausprojekts erhoffte. Ebenso wichtig erschien die propagandistische Unterstützung durch Persönlichkeiten des Kunstlebens, welche die Verbreitung der Festspielidee im In-und Ausland übernehmen sollten. Schon bald zeigte sich, dass eine Reihe von prominenten Sängern und Sängerinnen im Gegensatz zu ihrer Kollegin Lilli Lehmann der Errichtung eines Festspielhauses in Salzburg durchaus wohlwollend gegenüberstanden. Dabei fällt auf, dass es vor allem Sängerinnen waren, die eine aktive Unterstützung in Aussicht stellten. Damisch berichtete etwa im September 1917 seinem Freund Gehmacher: „Gestern abends habe ich mit Frau Kiurina-Leuer12 gesprochen; sie ist von unserer Idee begeistert und hat erklärt, daß sie da mit allen Kräften dabei sein wolle.“13

    Überaus positive Rückmeldungen von Künstlerinnen erreichten die Festspielhaus-Gemeinde auch auf Aufrufe und Anfragen, welche Anfang 1918 an Persönlichkeiten des Kunstlebens in Deutschland und Österreich weitergeleitet wurden. Sowohl die an der Berliner Hofoper wirkende Lola Artôt de Padilla14 als auch Hermine Bosetti15 von der Münchner Hofoper, beide renommierte Mozartinterpretinnen, würden, wie die Festspielhaus-Gemeinde stolz verkündete, „die Salzburger Initiative zur Errichtung eines Mozart gewidmeten ‚Österreichischen Festspielhauses […] auf das Freudigste‘ begrüßen“16. Wie sehr man gerade auf die Mitwirkung von Künstlern, und zwar beiderlei Geschlechts, bei der Verbreitung des Festspielgedankens baute, lässt sich einem Schreiben Damischs vom November 1919 entnehmen, in dem davon die Rede ist, dass der Wiener Zweig der Festspielhaus-Gemeinde erfolgreich dabei sei, Ortsgruppen der Festspielhaus-Gemeinde an allen Wiener Theatern ins Leben zu rufen. Und zwar würden „Frau Erika Wagner17 eine Ortsgruppe Deutsches Volkstheater“, der Sänger Richard Mayr18 eine „Ortsgruppe Staatsoper“, Frau Lucille Weingartner19 eine „Ortsgruppe Volksoper“ und „Herr Weingartner20 eine Ortsgruppe Wiener Philharmoniker“ gründen. Ob die geplanten Ortsgruppen tatsächlich gegründet wurden, scheint fraglich, denn weder der Vollzug einer Gründung noch der Nachweis einer Tätigkeit sind überliefert.

    Die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde nach einer Direktionssitzung im Hof der Residenz, 1920. Sitzend, v.l.n.r.: Eugen Merkl, Edwin Schurich, Arthur Schey, Franz Willvonsender Stehend, v.l.n.r.: Richard Wagner, Arthur Sacher, Friedrich Gehmacher, Heinrich Damisch, Botschek, Hans Poelzig, Josef Ridler, Emil Ronsperger, Adolf Frank, Hartmann, Emanuel Jenal, Heinrich Clessin, Richard Tomaselli. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Sehr wohl überliefert ist männliches Lob für die hilfreiche weibliche Beteiligung an der Vereinsarbeit des Wiener Zweigvereins, etwa durch Heinrich Damisch: „Für regelmäßige, gute Wiener Musikberichte und wertvolle Artikel habe ich als ständige Mitarbeiterin Fräulein Hedwig Perger, die Tochter des verstorbenen Richard von Perger,21 gewonnen. Sie schreibt ausgezeichnet und ist ein sehr kluges und geschicktes Mädel.“ Oder: „Als werbende Kraft hat sich ein Mitglied des Zweigvereins Wien, Fräulein Valerie Tröthann, große Verdienste erworben und ihre unermüdliche Tätigkeit zur Gewinnung neuer Mitglieder kann als beispielgebend hingestellt werden.“22

    Nur ausnahmsweise wurde allerdings die Unterstützung einer Frau als derart wertvoll betrachtet, dass sich die Festspielhaus-Gemeinde zu einem außergewöhnlichen Schritt der Anerkennung entschied. Als die frühere, gefeierte Altistin der Wiener Hofoper, Frau Charles Cahier23, im Verlauf einer Konzertreise durch Skandinavien auf sämtlichen Programmen ihrer Konzerte einen Aufruf zum Beitritt in die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde drucken ließ, daraufhin binnen kurzem als Erfolg ihrer Werbetätigkeit 34 Anmeldungen aus Schweden eintrafen und damit verbunden Mitgliedsbeiträge in kostbaren Devisen, kooptierte die ausschließlich männlich besetzte Direktion der Festspielhaus-Gemeinde die Sängerin 1921 ohne zu zögern in ihren Kreis.24 Auch wenn es keinen Beleg dafür gibt, dass Madame Charles Cahier – sie trat ausschließlich unter dem Namen ihres Gatten in Erscheinung − ihre Funktion jemals aktiv ausübte, so bleibt doch das Faktum, dass Frauen nicht nur als einfache Mitglieder der Festspielhaus-Gemeinde akzeptiert waren, sondern ihre Mitwirkung in den Leitungsgremien willkommen war, sofern man sich davon einen Nutzen versprach.

    Auch in der exklusiven Gruppe von Unterstützern der Festspielhaus-Gemeinde, welche dieser Spenden in inflationssicheren Währungen zukommen ließen, gab es einige Frauen. Zu diesen zählte die niederländische Sängerin Julia Bertha Culp (1880- 1970), die seit 1919 mit dem Wiener Großindustriellen Wilhelm Ritter von Ginzkey verheiratet war, der seit 1918 dem Vorstand des Wiener Zweigvereins und ab 1920 auch der Direktion der Festspielhaus-Gemeinde angehörte. Die Sängerin entfaltete 1921 bei ihrer Tournee durch Nordamerika eine rege Propaganda, wodurch es ihr gelang, die New Yorker „Beethoven Association“ zu veranlassen, der Festspielhaus-Gemeinde mit einem Stifterbetrag von 2000 Dollar beizutreten.25

    Auch Richard Strauss, selbst Mitglied des Kunstrats der Festspielhaus-Gemeinde und ab 1922 deren Präsident, gelang es 1921 bei seiner Tournee den Kontakt zu US-amerikanischen Mäzenen herzustellen. Im Dezember 1921 berichtete er voller Stolz nach Wien: „Ich habe hier ein großes Comitee für Salzburg in Bildung, an der Spitze die vortreffliche Mrs. Untermyer […] und hoffe Ihnen Dollars und gute Nachrichten mitzubringen.“26 Bei der von ihm erwähnten edlen Spenderin handelte es sich um Minnie Untermyer27, die Gattin des einflussreichen New Yorker Rechtsanwalts, politischen Beraters und Mäzens Samuel Untermyer (1858-1940).28 Diese war in kulturbeflissenen Kreisen der New York City durch ihr vielfältiges Engagement bekannt. Unter anderem hatte sie 1909 an der Spitze einer Gruppe wohlhabender New Yorker Bürger gestanden, welche das in die Krise geratene New York Philharmonic Orchestra auf ein stabiles finanzielles Fundament gestellt und Gustav Mahler als Chefdirigenten berufen hatte.29 Darüber hinaus setzte sie sich gemeinsam mit ihrem Gatten für das Frauenwahlrecht ein, wobei dessen juristische Fähigkeiten ebenso nützlich waren wie die beträchtliche finanzielle Unterstützung, die er diesen Initiativen gewährte.30 Angeregt durch Richard Strauss gründete Mrs. Untermyer ein Komitee, das innerhalb kurzer Zeit 4.000 Dollar für den Bau eines Festspielhauses in Salzburg aufbrachte und darüber hinaus 9.000 Dollar für die Wiener Oper sammelte, was für damalige Verhältnisse beträchtliche Summen darstellten.31 Auf Grund ihres Engagements wurden Minnie Untermyer und Richard Strauss auf der Generalversammlung der Festspielhaus-Gemeinde am 13.8.1922 zu deren ersten Ehrenmitgliedern ernannt.32 Mrs. Untermyer nahm die Ehrung persönlich entgegen, besuchte bei den Festspielen auch eine Aufführung von Hofmannsthals Das Salzburger Große Welttheater, dessen Regisseur Max Reinhardt sie als „eine sehr kunstfreundliche und schöngeistige ältere Dame“ bezeichnete, die „von unserer Salzburger Aufführung ganz enthusiasmiert“33 gewesen sei. „In herzlicher Freundschaft“ widmete Richard Strauss der Mäzenin Drei Hymnen von Friedrich Hölderlin für eine hohe Singstimme und großes Orchester 34.

    Welche Rolle Frauen im alltäglichen Vereinsleben der Festspielhaus-Gemeinde zugedacht war, lässt sich insbesondere am Beispiel der Ortsgruppe Salzburg des Salzburger Zweigvereins zeigen. Der im Februar 1919 gewählte Vereinsausschuss bestand nämlich zur Hälfte aus Frauen, und es scheint, dass vor allem junge bürgerliche Damen – acht der elf weiblichen Ausschussmitglieder werden als „Fräuleins“ bezeichnet – hier ein Betätigungsfeld suchten. Auch der Vorstand der Ortsgruppe war paritätisch besetzt. Zwar gab es nur Obmänner und keine „Obfrauen“, aber als Kassiererin, Schriftführerin und Beirätin scheinen mehrheitlich Frauen auf.35 Auch der Vergnügungsausschuss war paritätisch besetzt, was insofern nicht verwundert, als sich das Vereinsleben und damit auch die Werbetätigkeit für das Festspielhaus-Projekt − wie den Tätigkeitsberichten zu entnehmen ist − hauptsächlich im Rahmen geselliger Veranstaltungen wie „Tanzkränzchen“, „Bunter Abenden“, „Familienkonzerten“ und Ausflügen abspielte, bei denen die Mitwirkung von Frauen unverzichtbar war.

    Max Reinhardt bei der Probe zur Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes Faust in der Felsenreitschule, 1936. © Archiv der Salzburger Festspiele / Photo Ellinger

    Dank der starken Beteiligung von Frauen, so kann man annehmen, stieg die Ortsgruppe Salzburg binnen kurzem zur mitgliederstärksten Teilorganisation der Festspielhaus-Gemeinde auf. Bereits ein halbes Jahr nach der Gründung verzeichnete die Ortsgruppe 371 Mitglieder, im April 1920 waren es bereits 500. Aus dem Umstand, dass in der Folgezeit in der Vereinsstatistik nur mehr die Mitglieder zahlen des übergeordneten Zweigvereins Salzburg der Festspielhaus-Gemeinde ausgewiesen wurden, lässt sich schließen, dass es 1920 de facto zu einer Fusion der erfolgreichen Ortsgruppe mit dem Zweigverein kam. Mit 1.867 Mitgliedern übertraf dessen Mitgliederzahl im Dezember 1921 schließlich jene des konkurrierenden Zweigvereins Wien bei weitem, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die zahlenmäßige Stärke des Salzburger Zweigvereins nicht zuletzt auf einen hohen Frauenanteil unter dessen Mitgliedern zurückzuführen ist.36 Im Juli 1920 scheint man diesem Umstand insofern Rechnung getragen zu haben, als „die Damen Brandenstein37, Kutschera und Schrems in die Vereinsleitung“38 des Zweigvereins Salzburg der Festspielhaus-Gemeinde berufen wurden. Im darauffolgenden Jahr scheinen die genannten Damen allerdings nicht mehr in diesem Gremium auf. Als in den Jahren 1922 bis 1924 im Verlauf einer erbittert geführten Konfrontation zwischen dem Wiener und dem Salzburger Zweigverein um die Führung der Festspielhaus-Gemeinde und damit um die zukünftige Ausrichtung der Festspiele gerungen wurde, waren die Männer im Vorstand wieder unter sich.

    Die sprichwörtliche Redewendung, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe, die ihm den Rücken freihalte, mutet heutzutage zu Recht als antiquiert an. Dennoch wird in der Literatur über Max Reinhardt vielfach auch heute noch der Eindruck vermittelt, dass die Rollen, welche Helene Thimig und GUSTI ADLER in dessen Leben spielten, diesem Klischee entsprechen würden, weil beide dem genialen und zugleich überaus sensiblen Regisseur sowohl im privaten als auch im künstlerischen Bereich tatsächlich „den Rücken frei“ gehalten hätten, soweit es ihnen möglich gewesen sei. Diese eingeschränkte Sicht wurde freilich, darauf sollte hingewiesen werden, von Helene Thimig und GUSTI ADLER selbst mitbegründet, die beide in ihren autobiographisch geprägten Lebensdarstellungen Max Reinhardts dazu tendieren, die eigene Bedeutung in aller Bescheidenheit zu minimieren.

    Helene Thimig. © Archiv der Salzburger Festspiele / Photo Ellinger

    In nüchterner Betrachtung ihres Wirkens wird jedoch deutlich erkennbar, dass beider Frauen Rolle im Gründungsprozess der Salzburger Festspiele durchaus relevant war und es als glückliche Fügung angesehen werden kann, dass beide gerade zu einem Zeitpunkt in Reinhardts Leben traten, als dieser das Salzburger Festspielprojekt in Angriff nahm. Die Schauspielerin Helene Thimig stand Reinhardt seit 1917 als Lebensgefährtin und engste Vertraute zur Seite, und sie war es auch, welche ihre Schulfreundin GUSTI ADLER, die sich bereits einen Namen als Feuilletonistin gemacht hatte, diesem im August 1919 als Privatsekretärin vermittelte.39 ADLER übernahm neben zahlreichen weiteren Aufgaben von nun an auch die briefliche Kommunikation Reinhardts mit Hofmannsthal, bei dem sie sich in der für sie charakteristischen bescheidenen Art, wie folgt, vorstellte:

    Wenn ich in den nächsten Monaten öfters im Auftrage von Herrn Professor Reinhardt an Sie zu schreiben haben werde, so möchte ich es nicht als völlig Unbekannte tun. Freilich sagt Ihnen mein Name, stelle ich mich als AUGUSTE ADLER vor, einstweilen noch gar nichts. Bestenfalls ergibt sich eine Gedankenverbindung zu Einem dieses Namens, der das Glück hatte, von vielen Menschen geliebt zu werden: mein Onkel Viktor Adler.40

    Der Anstellung GUSTI ADLERS war, wie sie selbst schildert, ein „ernstes Gespräch“ vorausgegangen, in dem ihr Max Reinhardt auseinandergesetzt habe, was er von seiner Privatsekretärin erwarten würde:

    Es war viel, aber bloß die Keimzelle späterer Wirklichkeit, denn das Schreiben von Briefen sollte nur der geringste Teil meiner Arbeit für ihn werden. Die Hauptaufgaben der nächsten Jahre waren Verhandlungen mit Behörden, Architekten und Theatern […] und vor allem selbstverständlich die Anwesenheit bei Proben, um Reinhardts Bemerkungen und Anweisungen festzuhalten.41

    Vor allem im Zuge der ersten Jahre ihrer Tätigkeit hielt GUSTI ADLER während Reinhardts langen Absencen die Stellung in Salzburg, wobei sie nach eigener Aussage „die volle Verantwortung für alles tragen“42 musste. Zu ihren Aufgaben zählten insbesondere die aufwändigen Verhandlungen mit der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde über sämtliche organisatorische Details der Festspielveranstaltungen sowie die Beaufsichtigung der Ausgestaltung von Schloss Leopoldskron und dessen Park, welche Reinhardt ein besonderes Anliegen war.

    Helene Thimig berichtet in ihren Erinnerungen, dass GUSTI ADLER so unentbehrlich gewesen sei, dass ihr selbst „ab und zu nichts anderes übrig“ geblieben sei, „als eifersüchtig zu sein“. Dem fügte sie freilich hinzu, dass „der Erfolg der Salzburger Festspiele nicht zuletzt auch“ GUSTI ADLERS „aufopfernder Tatkraft zu danken“ gewesen sei. Nur eines habe sie nicht gekonnt: „[…] den Freilichtaufführungen des ‚Jedermann‘ gutes Wetter besorgen“43. Der Ruf GUSTI ADLERS als „Graue Eminenz“ hinter Max Reinhardt scheint bereits zeitgenössisch so legendär gewesen zu sein, dass ihr im Februar 1936 das Neue Wiener Journal unter dem Titel Die Privatsekretärin. Karrieren hinter Schreibmaschen eine Laudatio widmete, in der es unter anderem hieß:

    Die ungemein gebildete, kultivierte und künstlerisch sehr begabte Frau liebt es absolut nicht, in die Öffentlichkeit zu treten. Bei den Festpremieren Max Reinhardts steht sie im dunkeln Hintergrund einer Loge, bei Empfängen auf Schloß Leopoldskron stellt sie die Liste der Gäste auf und unterstützt unauffällig Helene Thimig in ihren Hausfrauenpflichten. GUSTI ADLER ist sehr verschwiegen. Wenn der Professor ungestört bleiben will, so wird sie keiner Macht der Welt seinen Aufenthalt verraten.44

    Rudolf Kommer, Gusti Adler, Ernest de Weerth. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Auch Helene Thimig stellte sich, wenn auch unter anderen Auspizien, bedingungslos in den Dienst Reinhardts, der sie nicht nur bei all seinen Vorhaben ins Vertrauen zog, sondern sie wiederholt beauftragte, in seiner Abwesenheit mit wichtigen Ansprechpartnern wie etwa Richard Strauss oder Hofmannsthal diffizile künstlerische Fragen zu klären.45 Davon zeugt etwa ein Schreiben Thimigs an Hofmannsthal vom Mai 1922, in dem sie diesem in Vorbereitung der Uraufführung des Salzburger Großen Welttheaters bei den Salzburger Festspielen im August 1922 eine lange Liste von Reinhardts Änderungswünschen präsentiert, wobei sie sich diplomatisch darum bemüht, den damit verbundenen Arbeitsaufwand als keineswegs erheblich darzustellen, ohne letztlich aber die Entscheidungsfreiheit Hofmannsthals in Frage zu stellen: „Dann aber vor Allem: Alles was hier gesagt wurde, entspringt, wie Sie fühlen, ja blos R.’s [Reinhardts] Gepacktsein u. Ergriffenheit bei der Arbeit, denn er ist im Grunde doch natürlich durchdrungen davon, daß die Schönheit Ihres Werks in nichts tangiert wird, wenn Sie irgendwelche Widerstände, die Sie gegen neue Eingriffe haben könnten, hindern.“46

    Helene Thimig war in der Gründungsphase der Festspiele auf allen Ebenen präsent. Als Lebensgefährtin Reinhardts kam ihr – eher ungewollt − die Rolle der „Schlossherrin“ von Leopoldskron zu und damit jene der Gastgeberin bei Reinhardts prunkvollen Empfängen während der Festspielwochen. Als Schauspielerin wirkte sie bereits beim ersten Jedermann des Jahres 1920 sowie bei der Premiere von Hofmannsthals Das Salzburger Große Welttheater 1922 mit. Im Übrigen scheint sich mitunter eine Art von Arbeitsteilung mit GUSTI ADLER ergeben zu haben, denn auch Helene Thimig übernahm während längerer Abwesenheit von Reinhardt die Verwaltungsagenden von Schloss Leopoldskron sowie – wie der oben zitierte Brief an Hofmannsthal belegt – die Fortführung wichtiger Korrespondenzen. So berichtet sie über die Abwesenheit Reinhardts während dessen Gastspielreise nach Skandinavien im April und Mai 1923: „Während dieser Trennung lebte ich sehr einsam und zurückgezogen in Leopoldskron und erlebte zum ersten Mal so richtig, was es heißt, ein derartig großes Haus zu führen. Außerdem verbrachte ich nach alter Gewohnheit viele Stunden damit, täglich Briefe an Reinhardt zu schreiben.“47

    Last but not least sei im Kreis jener „starken Frauen“, die sich im Umfeld von Reinhardt und Hofmannsthal um die Gründung der Salzburger Festspiele Verdienste erwarben, die Schriftstellerin, Journalistin und Salonière Berta Zuckerkandl angeführt, deren literarischer Salon als Treffpunkt für Wiener Künstler und Intellektuelle berühmt war.48 Zuckerkandl machte sich unter dem Eindruck des Untergangs der Habsburgermonarchie Hofmannsthals Vision einer kulturellen Wiederaufrichtung Österreichs im Zeichen eines vom barocken Geist geprägten Gesamtkunstwerks zu eigen. Dieser sei, so berichtet sie, Anfang 1919 bei ihr erschienen und habe sie davon überzeugt, dass „Österreichs unwiederholbare Kultur“ gerettet werden müsse, und zwar auf folgendem Weg:

    Wir wollen die Perle österreichischer Städte, wir wollen Mozarts Vaterstadt, wollen Salzburg zum Symbol erheben. Max Reinhardt und ich wollen, nachdem das Reich politisch untergegangen ist, seine Seele unsterblich erhalten. Sie sollen unser Herold sein. In Ihrer Zeitung müssen Sie verkünden: ein Österreich lebt, das nie untergehen wird.49

    Berta Zuckerkandl zögerte nicht und veröffentlichte am 25.1.1919 in der Wiener Allgemeinen Zeitung unter dem Titel Das Erste einen flammenden Aufruf zur Errichtung eines Mozart-Festspielhauses in Salzburg: „Ein dem Göttlichsten geweihter Tempel, der im Hain von Hellbrunn50 sich erheben soll, als Sinnbild des unzerstörbaren Oesterreichertums, als Wahrzeichen unverwüstbarer Wesensart, Deutschösterreichs religiöses Weihebekenntnis.“51

    Berta Zuckerkandl erwies sich auch in weiterer Folge als unermüdliche Propagandistin der Festspiele. So fand sich am 3.2.1922 in ihrer Wohnung in der Oppolzergasse eine illustre Gesellschaft von 100 Gästen ein, darunter Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Arthur Schnitzler und Felix Salten, um Hofmannsthals Lesung des Salzburger Großen Welttheaters beizuwohnen.52 Voller Begeisterung verfasste sie nach der Uraufführung des Stücks im August 1922 gleich drei Rezensionen in der Wiener Allgemeinen Zeitung.53 Bis 1937 blieb Berta Zuckerkandl eine treue Besucherin der Salzburger Festspiele, und noch 1941 bemühte sie sich – von ihrem Exil in Algier aus – bei GUSTI ADLER in Kalifornien um die Übermittlung von Unterlagen über die Entstehung der Salzburger Festspiele, die sie für eine Neuauflage ihrer Memoiren zu verwenden gedachte.54

    Als Resümee dieser kleinen Abhandlung bietet sich somit die knappe Schlussfolgerung an, dass die Gründung der Salzburger Festspiele zwar im Kontext der damaligen patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen erfolgte und somit bis heute sehr wesentlich durch den Nimbus einiger weniger Gründungsväter geprägt erscheint. Bei einer genaueren Analyse des Geschehens zeigt sich freilich, dass Frauen – wie eigentlich nicht anders zu erwarten − in allen Phasen des Gründungsprozesses sehr wohl in der einen oder anderen Form aktiv am Gelingen dieses bis heute florierenden Projekts beteiligt waren und man einigen von ihnen wie etwa Helene Thimig, GUSTI ADLER und Berta Zuckerkandl mit einiger Berechtigung durchaus den Rang von „Gründungsmüttern“ der Festspiele verleihen könnte, sofern man einer derartigen Formulierung heute noch etwas abzugewinnen vermag.


    Anmerkungen

    1. Dieser einseitigen Sicht entgegenzuwirken war bereits die deklarierte Absicht der im Rahmen der Salzburger Festspiele stattfindenden Tagung „Als Frau bin ich mit Leidenschaft subjektiv; mit Begeisterung einseitig“ (Berta Zuckerkandl). Künstlerinnen bei den Salzburger Festspielen 1920-1937 auf Schloss Leopoldskron am 21.8.2019. ↩︎
    2. Siehe weiter unten. ↩︎
    3. Zum Begriff der „Diva“ vgl.: Hügel, Hans-Otto / Moltke, Johannes von: Diva. In: Hügel, Hans-Otto / Moltke, Johannes von (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Stuttgart: Metzler 2003, S. 159- 160. ↩︎
    4. Zu Lilli Lehmann vgl.: Cole, Rosamund: A Critical Study „of the Performance Style, Writing, and Directing of Lilli Lehmann (1848–1929). Würzburg: Königshausen & Neumann 2020; Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“ Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau Verlag 2021. ↩︎
    5. Salzburger Chronik, 19.8.1912. ↩︎
    6. Bezieht sich auf Max Reinhardt und seine Inszenierungen. ↩︎
    7. Synonym für „Abzeichen“. Hier im Sinne von „Erkennungsmerkmal“ bzw. „Markennamen“ verwendet. ↩︎
    8. Lilli Lehmann an Rudolf von Lewicki, 21.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Wien: Böhlau Verlag 2020, S. 198-199, S. 199. ↩︎
    9. Vgl.: Hoffmann, Robert: Abriss der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 57-66. ↩︎
    10. Vgl.: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 24.8.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 146-147, S. 147. ↩︎
    11. Vgl. Anm. 36. ↩︎
    12. Berta Kiurina (1888-1933), österr. Sängerin (Sopran), 1904 Debüt an der Wiener Hofoper, dort bis 1921 und 1926/27 engagiert. Gastspiele in Europa und 1928 in Buenos Aires. Auftritte bei den Salzburger Festspielen. Verheiratet mit Hubert Leuer. ↩︎
    13. Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 14.9.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 281-282, S. 282. ↩︎
    14. Lola Artôt de Padilla (1876-1933), frz.-span. Sopranistin, die vor allem in Berlin wirkte. ↩︎
    15. Hermine Bosetti (d. i. Hermine von Flick, 1875-1936), dt. Sopranistin, 1901-24 an der Bayerischen Staatsoper ↩︎
    16. Stimmen zum Salzburger Festspielhaus, 9.3.1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 367-370, S. 368. ↩︎
    17. Erika Stiedry-Wagner (1890-1974), dt. Schauspielerin am Deutschen Volkstheater in Wien. ↩︎
    18. Richard Mayr (1877-1935), österr. Sänger (Bariton), Sohn einer Salzburger Gastwirtsfamilie, international erfolgreich u. a. bei den Bayreuther Festspielen sowie als Ochs auf Lerchenau in Richard Strauss’ Der Rosenkavalier. Sang regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. ↩︎
    19. Lucille Marcel-Weingartner (1883 od. 1884-1921), US-amerikanische Opernsängerin, ab 1913 mit Felix Weingartner verheiratet. ↩︎
    20. Felix Weingartner (1863-1942), österr. Dirigent, Komponist, Pianist und Musikschriftsteller. ↩︎
    21. Richard von Perger (1854-1911), Dirigent, Komponist, Musikschriftsteller. ↩︎
    22. Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 3/1918, S. 64; Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 4/1918, S. 64. ↩︎
    23. Madame Charles Cahier, geboren als Sara Jane Layton Walker (1870-1951), US-amerikanische Lied-und Opernsängerin des frühen 20. Jahrhunderts. Sie wurde von Gustav Mahler an das k. k. Hof-Operntheater in Wien verpflichtet. Verheiratet mit dem schwedischen Impresario Charles Cahier. ↩︎
    24. Vgl.: Protokoll der Direktionssitzung, 21.2.1922. ↩︎
    25. Vgl.: Deutschösterreichische Tages-Zeitung, 22.5.1921. ↩︎
    26. Richard Strauss an Emil Ronsperger, 5.12.1921. Archiv Salzburger Festspiele: Abschrift eines Manuskripts. ↩︎
    27. Vgl.: Minnie Untermyer-Carl (1857-1924). https://mahlerfoundation.org/mahler/locations/america/ new-york-city/new-york-philharmonic-orchestra-npo/ (30.8.2023). ↩︎
    28. Vgl.: Hawkins, Richard A.: Progressive Politics in the Democratic Party. Samuel Untermyer and the Jewish Anti-Nazi Boycott. London: Bloomsbury Academic 2022. ↩︎
    29. Vgl.: Working to Restore and Enhance Untermyer Park and Gardens Yonkers, New York. https://www. untermyergardens.org/untermyer-history.html (16.3.2022). ↩︎
    30. Vgl.: Hawkins, Richard A.: Progressive Politics, S. 2. ↩︎
    31. Vgl.: Kröncke, Dietrich: Richard Strauss und die Juden. Jüdische Freunde, Dichter und Musiker. Wien: Hollitzer 1921, S. 121. ↩︎
    32. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 5/1922, S. 11. ↩︎
    33. Max Reinhardt an Leo von Singer, 22.10.1922. Theatermuseum Wien: Nachlass Max Reinhardt, A 13474. ↩︎
    34. Kröncke, Dietrich: Richard Strauss und die Juden, S. 121. ↩︎
    35. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 2/1919, S. 23-24. ↩︎
    36. Der Mitgliederstand betrug am 1.12.1921 3129, davon zählten 1867 zum Zweigverein Salzburg und 609 zum Zweigverein Wien. Der Rest gehörte den verschiedenen Ortgruppen an. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 11/1921, S. 9. ↩︎
    37. Marianne von Brandenstein. ↩︎
    38. Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 8/1920, S. 14. ↩︎
    39. Zu Gusti Adler vgl.: Fiedler, Leonhard: Nachwort. In: Adler, Gusti: …aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen. Erinnerungen an Max Reinhardt. München: Langen Müller 1980, S. 390- 398. ↩︎
    40. Gusti Adler an Hugo von Hofmannsthal, 21.9.1919. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 486-499, S. 496. (Viktor Adler (1852-1918) war der Gründer der Sozialdemokratischen Partei.) ↩︎
    41. Adler, Gusti: …aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen. Erinnerungen am Max Reinhardt, S. 13-14. ↩︎
    42. Ebd., S. 14. ↩︎
    43. Thimig-Reinhardt, Helene: Wie Max Reinhardt lebte. …eine Handbreit über dem Boden. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1975, S. 79. ↩︎
    44. Neues Wiener Journal, 16.2.1936. Zit. n.: Fiedler, Leonhard: Nachwort, S. 391. ↩︎
    45. Vgl.: Ebd., S. 110. ↩︎
    46. Helene Thimig an Hugo von Hofmannsthal, 7.5.1922. Kunsthistorisches Museum Wien: Theatermuseum Wien, Inv. Nr.: HS_AM13579Re. ↩︎
    47. Thimig-Reinhardt, Helene: Wie Max Reinhardt lebte, S. 111. ↩︎
    48. Berta Zuckerkandl-Szeps (1864-1945). Vgl.: Fetz, Bernhard: Eine Fahne für die Kunst! Eine Fahne für Österreich! Berta Zuckerkandl als Publizistin und Memoirenschreiberin. In: Fetz, Bernhard (Hg.): Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne. Wien: Paul Zsolnay 2018, S. 191-211. ↩︎
    49. Szeps-Zuckerkandl, Berta: Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S. 264. ↩︎
    50. Im Original irrtümlich „Hellerau“. ↩︎
    51. Zuckerkandl, Berta: Das Erste. Ein Wort zum Mozart-Festspielhaus. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 457-458. ↩︎
    52. Vgl.: Zuckerkandl, Berta: Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942. Wien: Amalthea 1981, S. 147; zur Datierung des Termins der Lesung vgl.: Christiane von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 28.1.192[2]. https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02374.html? (18.9.2023). ↩︎
    53. Vgl.: Fetz, Bernhard: Eine Fahne für die Kunst!, S. 209. ↩︎
    54. Vgl.: Gusti Adler an Berta Zuckerkandl, 2.9.1941. Österreichische Nationalbibliothek: Österreichisches Literaturarchiv, Sign. 405/B1 bis B1-Beil. ↩︎

    ROBERT HOFFMANN

    Studium der Geschichte in Salzburg und Zürich. Lehrte bis zu seiner Pensionierung neuere und österreichische Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Er forscht und publiziert u.a. zur Gesellschafts-, Kultur- und Zeitgeschichte Salzburgs, Geschichte des Bürgertums in der Habsburgermonarchie, Tourismusgeschichte sowie Geschichte des Wohn- und Siedlungswesens. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses liegt derzeit bei der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele.