Der Körper der Buhlschaft als Schauplatz für die Ausübung von sprachlicher und struktureller Gewalt

Über die Medienberichterstattung zu den Salzburger Festspielen

Gewidmet S. D. L.

Der wuchtige Auftritt passt zwar zu ihrem Typ, nicht aber zu ihrer Rolle […]. Sex-Appeal, das Flirrende einer jungen Frau – Fehlanzeige […].1

Die Buhlschaft, dieses Jahr mit kaum Buhlschaftsbusen und noch weniger Haar […].2

Und bei diesem Dekolleté verloren wahrscheinlich mehrere Herrschaften im Publikum den Bezug zur Handlung.3

Die Buhlschaft – jene Rolle, die in Hugo von Hofmannsthals Jedermann lediglich 30 Sätze spricht – dominiert die Berichterstattung zur alljährlichen Inszenierung des Mysterienspiels im Rahmen der Salzburger Festspiele. Korrekterweise müsste es allerdings lauten: Das Aussehen der Schauspielerin, die die Buhlschaft darstellt, dominiert die Berichterstattung. Denn es ist nicht die Rolle, geschweige denn eine Auseinandersetzung mit dem Frauenbild, das diese transportiert, das als Leitmo­tiv der Berichterstattung fungiert. Vielmehr ist es die körperliche Erscheinung je­ner Person, die diese Figur im Stück Vom Sterben des reichen Mannes auf der Bühne vor dem Salzburger Dom verkörpert, die ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit rückt. Die Liste von Zitaten, in denen über den Körper der Buhlschaftsdarstellerin­nen diskutiert wird, ließe sich deshalb endlos lange fortsetzen.

Anders verhält es sich, wenn man auf die Passagen blickt, in denen der Darstel­ler der männlichen Hauptfigur thematisiert wird. Denn abgesehen davon, dass die Suche nach Artikeln, in denen dieser ins Zentrum gerückt wird, vergebens ist, wird von den Schauspielern, die den Jedermann verkörpern, in einer gänzlich anderen Weise gesprochen als von jenen der Buhlschaft. In einem Artikel, der von der Redaktion des Deutschlandfunks am 22.7.2017 publiziert wurde, ist vom damaligen Jeder­mann-Darsteller nämlich beispielsweise wie folgt die Rede: „Zu Recht umjubelt: Der österreichische Film- und Bühnen­star […]. Sein ,Jedermann‘ ist ein Mensch ganz von heute: schwerreich, schlau, a bisserl schlimm.“4 Bei diesem Beitrag handelt es sich übrigens um denselben, aus dem das erste Zitat stammt.

Die Gegenüberstellung dieser beiden Aussagen lässt erahnen, was mit Blick auf wei­tere Äußerungen gefestigt werden kann: Im Rahmen der Berichterstattung zur In­szenierung des Jedermann bei den Salzburger Festspielen werden Geschlechterbilder konstruiert, die eine eindeutige Hierarchisierung erkennen lassen – ein Umstand, der in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Warum, sollen die folgenden Seiten zeigen.

Die Buhlschaft im Fokus. Zwischen Objektivierung und Diskriminierung

In der Berichterstattung über die Salzburger Festspiele im Rahmen von digital zu­gänglichen Artikeln steht vor allem eines im Zentrum: Hugo von Hofmannsthals, mittlerweile zum Identitätsstück erklärtes Mysterienspiel Jedermann. Diesem Stück widmen sich unzählige Artikel, in denen über unterschiedliche Themen diskutiert wird – nicht zuletzt über die Kleider der Buhlschaft. Sie sind es, die etwa in einem Beitrag der Oberösterreichischen Nachrichten, der Presse und der Salzburger Nachrich­ten zum Hauptthema erklärt werden. Bei all diesen Artikeln werden aber nicht nur die Kleider, sondern vor allem auch die Darstellerinnen der Buhlschaft kommen­tiert. Und zwar beispielsweise wie folgt:

SOPHIE ROIS war eine atypische Buhlschaft ohne sonst üblichem üppigen Dekoletté (sic!). Sie begeisterte jedoch mit ihrem ungezügelten Temperament, ihrer rauhen (sic!) Stimme und dem kindlichen, fast lolitahaften Umgang mit dem Jedermann. Das kunstvolle Kleid übernahm die Rolle des Dekolletés, üppig, ausladend und voller Überraschungen.5

Ein wallendes Gewand für das „Superweib“. Die ef­fektvolle Drappierung der Stoffe setzte, im Erschei­nungsbild der „Buhlschaft“, den Akzent auf die statt­lichen Hüften.6

Veronica Ferres war wohl die mit Abstand aufrei­zendste Buhlschaft nach Senta Berger. Sie war ein üppiges und barockes Vollweib, das ihre Reize ge­konnt einsetzte.7

Eine Leichtgewichtsliebe, die bloß einen Sommer lang hielt: Miriam Fussenegger an der Seite von Cor­nelius Obonya.8

Nur leider sieht auch das pfirsichfarbene Kleid der neuen Buhlschaft Stefanie Reinsperger aus wie ein zerrupftes rosafarbenes Eisbärfell. Der wuchtige Auftritt passt zwar zu ihrem Typ, nicht aber zu ihrer Rolle […].9

Eine genauere Betrachtung dieser Passagen zeigt, dass weniger eine Darstellung der Kleider als vielmehr eine Beschreibung und Bewertung der Buhlschaftsdar­stellerinnen im Zentrum steht. Bei dieser wird aber nicht auf eine Charakterisie­rung der schauspielerischen Leistung eingegangen, sondern auf die körperliche Erscheinung.

Dass es dabei keinesfalls bei einer bloßen Beschreibung bleibt, sondern eine tat­sächliche Beurteilung vollzogen wird, lässt vor allem die Kommentierung von So­phie Rois‘ Körper erkennen. Indem dieser als der einer „atypische[n] Buhlschaft“10 bezeichnet wird, tritt klar hervor, dass die Verfasserin ihre Vorstellung eines be­stimmten Geschlechterkörpers,11 den sie mit der Figur der Buhlschaft verbindet, auf den Körper von Sophie Rois projiziert. Dieses (Ideal-)Bild dient anschließend als Basis zur Beurteilung der Leibesbeschaffenheit der Schauspielerin, die letzt­lich zur Erkenntnis führt, dass der reale Körper nicht der Vorstellung des idealen Geschlechterkörpers entspricht. Letzteres findet seinen Ausdruck in der Negati­on des Adjektivs „typisch“. Diese Verneinung wird anschließend auch begründet, und zwar mit Blick auf ein einziges Körper­teil – die weibliche Brust. Sie ist es, die auch im letzten Satz erneut aufgegriffen und aber­mals als vermeintlicher Mangel dargestellt wird, den es – hier mithilfe des Kleides – zu kompensieren gilt.

Die Thematisierung eines – vor allem den weiblichen Geschlechterkörper als charakte­risierend geltenden – Körperteils zeigt sich auch bei dem Zitat, in dem VERONICA FERRES als Buhlschaft im Zentrum steht. Auch hier spielt das Kostüm der Darstellerin eine Rol­le, allerdings wird es in diesem Fall nicht als Mittel zur Kompensation, sondern zur Betonung bestimmter körperlicher Eigen­schaften beschrieben. So ist davon die Rede, dass mithilfe der Kleidung sowohl die „stattlichen Hüften“12 als auch „ihre [Veronica Ferres‘] Reize“13 in Szene gesetzt werden. Veronica Ferres wird damit ebenfalls auf Basis ihres Körpers beurteilt. Dass dieser sehrwohl der Idealvorstellung eines Buhlschafts-Körpers entsprechen dürfte, zeigt sich darin, dass er nicht als „atypisch“ bezeichnet, sondern sexuali­siert wird. Diese Sexualisierung äußert sich auch in der Benennung der Schauspie­lerin als „Superweib“14 bzw. „Vollweib“15. Denn während der Begriff „Weib“ im Althochdeutschen als Bezeichnung für eine Braut oder Ehefrau verwendet wurde, tritt er im heutigen Gebrauch als negativ konnotiert auf. Er wird nämlich mit der sprachlichen Objektifizierung von Frauen assoziiert.16

Die Fokussierung auf den weiblich gelesenen Körper bei der Beschreibung von Buhlschaftsdarstellerinnen findet auch bei der Bewertung von MIRIAM FUSSENEGGER und STEFANIE REINSPERGER statt. Erneut werden gesellschaftliche Vorstellungen und Ideale herangezogen, die sich in den obig zitierten Absätzen vor allem auf das Gewicht der Schauspielerinnen konzentrieren. Dieses wird im Falle von Stefanie Reinsperger nicht nur zur Bewertung ihres Körpers herangezogen, sondern auch, um ihre schauspielerische Kompetenz infrage zu stellen.17 Dass es dabei keinesfalls um Reinspergers darstellerische Fähigkeit geht, sondern ausschließlich darum, ei­nen Körper auf Basis seiner Diskrepanz zu gesellschaftlichen Idealvorstellungen zu beurteilen, muss an dieser Stelle wohl kaum eigens erwähnt werden.

Die Analyse der zitierten Passagen aus Artikeln, in denen die Kleider der Buhl­schaft, sowie die Darstellerinnen im Zentrum stehen, zeigt also deutlich, dass diese einer ständigen Bewertung ausgesetzt sind. Diese Beurteilung basiert aber nicht auf ihrer schauspielerischen Leistung, sondern auf ihrer körperlichen Erscheinung. Entspricht diese nicht dem gesellschaftlichen Ideal, wird sie als mangelhaft darge­stellt. Hier bedarf es allerdings einer Differenzierung. Denn während ein Körper, der zwar auf Basis von bestimmten Körperteilen kritisiert wird, insgesamt aber dem Schönheitsideal entspricht, immer noch für die Rolle der Buhlschaft akzep­tiert wird, findet ein Körper, der aufgrund seines Gewichtes nicht dem Schönheits­ideal entspricht, keine Akzeptanz.

Anders als der weibliche Körper, der omnipräsent ist, sobald von der Buhlschaft die Rede ist, wird jener der Schauspieler, die auf der Bühne vor dem Salzburger Dom als Jedermänner auftreten, nicht thematisiert. Genauso wenig wie ihre Klei­dung.18 Weder die Kleidung noch die Körper der Schauspieler scheinen der Rede wert zu sein. Während sich also unterschiedliche Artikel zur Buhlschaft finden lassen, in denen über die physische Erscheinung der Darstellerinnen diskutiert wird,19 findet sich kein Beitrag, in dem die Kostüme des Jedermann geschweige denn sein Körper ins Zentrum gerückt werden.

Der Körper der Buhlschaftsdarstellerinnen wird aber keinesfalls nur in Texten kommentiert, in denen die Kostüme thematisiert werden. Auch in Berichterstat­tungen, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten mit der aktuellen Inszenie­rung auseinandersetzen, finden sich Kommentare zur physischen Erscheinung der Schauspielerinnen, die jene Figur verkörpern, die scheinbar nur im Stück eine Ne­benrolle einnimmt. So schreibt z.B. Manuel Brug in seinem Artikel Blutige Jederfrau vs. müdem Jedermann: „Die Buhlschaft, dieses Jahr mit kaum Buhlschaftsbusen und noch weniger Haar, hat diesmal im teuersten Laienspiel der Welt ganz entschieden die Hosen an. Das war ein schleichender Prozess, über Jahre hinweg schon. Lange her, die Tage der üppig flamboyanten Senta Berger als Jedermanns Prachtweib.“20

Erneut wird der Körperteil aufgegriffen, der bereits bei Sophie Rois thematisiert wurde. Erneut wird er als mangelhaft dargestellt. Er ist aber nicht das einzige Kör­permerkmal, das negativ hervorgehoben wird. Denn neben diesem Aspekt ist es auch die Frisur der Darstellerin, die heran­gezogen wird, um auszudrücken, dass der Körper von VERENA ALTENBERGER nicht Ma­nuel Brugs Vorstellung entspricht, die die­ser mit der Figur der Buhlschaft verbindet. Das wird im letzten Satz mit dem Verweis auf Senta Berger als Schauspielerin, die die­se Idealvorstellung sehrwohl verkörperte, noch einmal aufgegriffen. Manuel Brug ist jedoch keinesfalls der einzige, der VERENA ALTENBERGERS Frisur im Kontext ihrer Buhlschafts-Darstellung als erwähnenswert bzw. kritikwürdig empfindet. Es bedarf kei­ner tiefgehenden Recherche, um Beiträge zu finden, in denen von ihr als der „erste[n] Buhlschaft mit Stoppelfrisur“,21 die „Glatze statt Mähne“22 trägt, die Rede ist. Geschmacklos und unpassend erscheint die Berichterstattung, in der (ideale) Weiblichkeit offensichtlich mit langen Haaren gleichgesetzt wird, nicht erst, wenn man bedenkt, warum VERENA ALTENBERGER die Buhlschaft 2021 mit einem Buzz Cut verkörperte: Die Schauspielerin hatte sich für einen Film, dessen Dreharbeiten erst kurz vor der Premiere des Jedermann endeten, die Haare abrasiert, weil sie darin in die Rolle einer krebskranken Frau schlüpfte.

Doch Manuel Brug äußert nicht nur Kritik an der Buhlschaftsdarstellerin, sondern auch am Schauspieler des Jedermanns. Lars Eidinger wird von ihm als „Weichling aus Berlin“23, „Softie in hohen Absatzschühchen“24 und „Weichei“25 bezeichnet. Diese Benennungen sind im Kontext der Vorstellungen von Geschlechterkörpern vor allem deshalb interessant, weil sie Konzepte und Eigenschaften ansprechen, die dem gesellschaftlichen Bild von Weiblichkeit entsprechen bzw. mit weiblich gelesenen Körpern assoziiert werden. Die Aspekte, die Manuel Brug als kritikwür­dig ansieht, lassen also darauf schließen, dass die Basis seiner Missbilligung die Unvereinbarkeit des männlich gelesenen Schauspielers mit dem gesellschaftlich konstruierten Bild von Männlichkeit ist.

Dass er im Zuge seines Kommentars vor allem Ideale und Geschlechterbilder the­matisiert, fasst Brug bereits zu Beginn seines Artikels zusammen – allerdings ohne Bewusstsein dafür, dass es sich bei den kritisierten Aspteken um gesellschaftlich konstruierte und damit veränderbare Produkte eines Diskurses handelt: „Die bur­schikose Dame ist also der Herr im Haus, besonders weil ein greinender Weichling aus Berlin in goldener Schlagerfuzzi-Schlaghose sich anschickt, in die Ahnenreihe der Moisis, Hörbigers, Jürgens, Schells, Morettis und anderer als Numero Zwanzig einzutreten.“26

All das zeigt, dass sich die Medienberichterstattung zum Jedermann bei den Salz­burger Festspielen vor allem um eines dreht: Geschlechterbilder. Sie bestimmen die Maßstäbe, anhand derer Schauspieler*innen bewertet werden.

Die sprachliche Degradierung, die im Rahmen dieser Bewertung vollzogen wird, findet ihren Höhepunkt dort, wo die schauspielerische Kompetenz einer Darstel­lerin aufgrund ihres Körpers infrage gestellt wird. Die sprachliche Gewalt, der die Darstellerinnen der Buhlschaft in den analysierten Artikeln ausgesetzt sind, be­schränkt sich aber nicht nur darauf, dass sie auf ihre körperliche Erscheinung redu­ziert werden und diese wiederum auf ihre Kompatibilität mit Weiblichkeits- und Schönheitsidealen. Sie lässt auch eine klare Geschlechterordnung erkennen. Denn kein Jedermann-Darsteller wird in den analysierten Beiträgen auf seinen Körper reduziert. Keiner wird als atypisch bezeichnet, keiner wird sexualisiert, und nie­mandes schauspielerische Kompetenz wird infrage gestellt – außer die des Darstel­lers, der Eigenschaften aufweist, die im Diskurs als weiblich gelesen werden. Die Medienberichterstattung zum Jedermann bei den Salzburger Festspielen ist damit nicht nur ein Schauplatz für die Konstruktion und Reproduktion von Geschlech­terbildern und weiblichen Schönheitsidealen, sondern auch für die Ausübung von sprachlicher und struktureller Gewalt.

Die Macht der Bilder

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wis­sen wir durch die Massenmedien.“27 Denn Massenmedien ermöglichen Massen­kommunikation und damit jene Form des Informationsaustauschs, bei der Welt- und Wirklichkeitsvorstellungen an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden. Bei diesen Vorstellungen handelt es sich aber keinesfalls um neutrale Abbildungen der Realität, sondern um Produkte von Diskursen. Diese bestimmen, was zu einer bestimmten Zeit gemacht, gedacht und/oder gesagt werden kann. Es ist aber nicht ausschließlich der Diskurs, der entscheidet, was in den Bereich des Mach-, Denk- und Sagbaren fällt. Es sind vor allem auch jene Mitglieder einer Gesellschaft, die die Macht besitzen, aktiv am Diskurs teilzunehmen und ihn verändern können, die Einfluss darauf haben, welche Denkmuster und Vorstellungen sich in einer Gesellschaft verbreiten.

Im Falle der Massenkommunikation ist das die Gruppe der Sender*innen. Sie ist es, die mitbestimmt, welche Wirklichkeitsvorstellungen konstruiert und kommu­niziert werden. Diese Gruppe prägt also u.a. die Vorstellung davon, was im Dis­kurs als Wissen und Wahrheit gilt – und zwar auch, wenn es um Geschlechterbil­der geht. Wird in Massenmedien ein Geschlechterbild reproduziert, das von einer Hierarchisierung zwischen männlichen und weiblichen Geschlechterkörpern ge­prägt ist, hat das somit Auswirkungen darauf, welche Geschlechterordnung denk- und sagbar ist. Es ist also nicht folgenlos, wenn weibliche Geschlechterkörper in Massenmedien sowohl sprachlicher als auch struktureller Gewalt ausgesetzt sind. Ganz im Gegenteil: Es hat Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Lebensrea­lität ihrer Mitglieder. Das zeigt nicht zuletzt ein Exkurs in die sozialen Medien, in denen u.a. die Beiträge von VERENA ALTENBERGER, in denen sie einen an sie adressier­ten Brief sowie Kommentare veröffentlicht, ein klares Bild davon zeichnen, dass ein Diskurs, in dem das Bewerten und Degradieren von weiblichen Körpern täg­lich praktiziert wird, dazu führt, dass Frauen tatsächlichen Hassnachrichten aus­gesetzt sind. Genau aus diesem Grund ist es in mehrfacher Hinsicht problematisch, wenn im Rahmen der Medienberichterstattung zur Inszenierung des Jedermann bei den Salzburger Festspielen Geschlechterbilder konstruiert und reproduziert wer­den, die vor allem eines sind: diskriminierend.


Reinsperger Zitate

Ich habe einmal gewagt, eine Rolle anzunehmen, von der eine ganze Nation das Gefühl hatte, genau zu wissen, wie sie auszusehen hat. Was sie anha­ben soll. Was sie alles sein soll…

Ich habe gewagt, diesen Vorstel­lungen nicht zu entsprechen. Ich habe gewagt, auch nichts dafür zu tun, diesen anderen Vorstel­lungen zu entsprechen.

Ich habe gewagt, bei mir zu blei­ben.

Ich habe gewagt, den Text und die Figur, die ich zu spielen hat­te, ernst zu nehmen.

aus: Stefanie Reinsperger. Ganz schön wütend. Wien: Molden 2022, S. 169.

Ich wurde attackiert und beleidigt. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich jede Privatsphäre abgegeben. Als wären mein Körper und ich nationales Eigen­tum, über das alle schreiben, bestim­men und verfügen können. Es ging so gut wie nie um meine eigentliche Auf­gabe – die des Schauspielens.

aus: Stefanie Reinsperger: Ganz schön wü­tend. Wien: Molden 2022, S. 170.

Ich wurde in einem Lokal in Salzburg beschimpft und mir wurde nachge­schrien, ich sollte mich schämen, dafür, dass ich die Rolle überhaupt angenom­men habe. Ich habe einen Drohbrief be­kommen, in dem stand, dass ich, falls ich es wage, noch mal auf die Bühne zu ge­hen, mit Konsequenzen rechnen müsste, weil nicht ertragen wird, so einen häss­lichen, dicken Körper zu sehen. Und ich bin trotzdem auf die Bühne gegangen.

aus: Stefanie Reinsperger: Ganz schön wü­tend. Wien: Molden 2022, S. 26.


ALTENBERGER Interview

Diese Woche machte VERENA ALTENBERGER einen Brief eines Mannes öffentlich, der sie sexistisch für ihre Stoppelfrisur als Buhlschaft in Salzburg kritisiert. In den sozialen Medien bekommt die Schauspielerin seither viel Unterstützung. Dort fordert sie auch „stop sexualizing women“.

MICHAEL WURMITZER: War dieser Angriff neu für Sie?

VERENA ALTENBERGER: Als Frau wird man immer noch einen Tick mehr sexualisiert, als es Männern passiert. Ich kannte sexualisierende und sexistische Kommentare. Aber durch Salzburg verstärken sich die Reaktionen, positive wie negative, denn das Stück erhält so viel Aufmerksamkeit. Im echten Leben erfahre ich übrigens nur Zuspruch. Als ich mir für den Kinofilm Unter der Haut der Stadt die Glatze rasiert habe, hatte ich dafür drei Gründe. Einmal, weil ich mich als Schauspielerin nicht einschränken lassen möchte, eine unpraktische Silikonglatze das aber getan hätte. Dann aus Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen und Schicksalen, die meine Rollen repräsentieren. Drittens ist meine Mutter an Krebs gestorben, auch sie hatte durch die Chemo eine Glatze. Als ich das erste Mal ein Foto mit Glatze gepostet habe, hat eine Frau mir gemailt, ihre Tochter habe Krebs und hätte Angst gehabt, dass sie ohne Haare nicht mehr schön wäre, verstehe jetzt aber, dass sie auch mit Glatze schön sein kann. Das ist die viel wichtigere Debatte! Das war mein Antrieb, und er hat sich eingelöst, weil die Glatze ein Statement ist, das Mut ma­chen kann.

MICHAEL WURMITZER: Verletzen Sie Kommentare wie die Kritik über „kaum Buhl­schaftsbusen“?

VERENA ALTENBERGER: Wenn ich so etwas öffentlich mache, geht es mir nie um mich, sondern darum, dass man daran gesellschaftliche Phänomene erkennen kann. Wie mit und über Frauen gesprochen wird, muss sich ändern!

aus: Michael Wurmitzer: Buhlschaft ALTENBERGER zur Glatze: „Im echten Leben nur Zuspruch“. In: Der Standard, 1.8.2021.


Anmerkungen

  1. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. In: Deutschlandfunk, 22.7.2017. ↩︎
  2. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. In: Welt, 29.7.2021. ↩︎
  3. N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. In: Die Presse, 15.7.2022. ↩︎
  4. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
  5. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. In: Oberösterreichische Nachrichten, o. D. ↩︎
  6. N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. ↩︎
  7. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. ↩︎
  8. N. N.: Die Frauen des Jedermann. Kleider und Geschichte der Buhlschaft. In: Salzburger Nachrichten, 30.11.2022. ↩︎
  9. Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
  10. Moschg, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich. ↩︎
  11. Der Begriff Geschlechterkörper wird in diesem Kontext in klarer Abgrenzung zur Geschlechteridentität verwendet und als Produkt der Konstruktion eines geschlechtlichen Körpers durch Institutionen und Medien verstanden. Der Begriff beinhaltet folglich alle Stereotype, die auf einen Körper projiziert werden, der als einem bestimmten Geschlecht zugehörig gelesen wird. Vgl.: Lünenburg, Margreth / Maier, Tanja: Gender Media Studies, München: UVK 2013, S. 14. ↩︎
  12. Ebd., S. 14. ↩︎
  13. Ebd., S. 14. ↩︎
  14. Ebd., S. 14. ↩︎
  15. Ebd., S. 14. ↩︎
  16. Vgl.: Kotthoff, Helga / Nübling, Damaris: Genderlinguistik. Eine Einführung in Sprache, Geschlecht und Gespräch. Tübingen: Narr Studienbücher 2018, S. 167. ↩︎
  17. Vgl.: Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist. ↩︎
  18. Vgl.: Fischer, Karin: Jedermann ist Großkapitalist; Affenzeller, Margarete: Jetzt mit kurzen Haaren: Die sich wandelnde Rolle der Buhlschaft. In: Der Standard, 17.7.2021. ↩︎
  19. Vgl.: Mosch, Elisabeth: Buhlschaften im Vergleich; N. N.: Die Frauen des Jedermann. Kleider und Geschichte der Buhlschaft; N. N.: Die bisherigen Buhlschaften. ↩︎
  20. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. ↩︎
  21. N. N.: Glatze bleibt – erste Buhlschaft mit Stoppelfrisur. In: Kronen Zeitung, 18.6.2021. ↩︎
  22. N. N.: Haare abrasiert: Buhlschaft trägt Glatze statt Mähne. In: OE24, 7.5.2021. ↩︎
  23. Brug, Manuel: Blutige Jederfrau vs. müden Jedermann. ↩︎
  24. Ebd. ↩︎
  25. Ebd. ↩︎
  26. Ebd. ↩︎
  27. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S. 9. ↩︎

SARA LEITNER

Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.