„Du Hofmannsthal“
Die Zurichtung der Buhlschaft, oder: Jeder Mann ist ein Herbert oder Herbert als Jedermann
JUDITH GOETZ
Mit Die Buhlschaft in Herbert verbindet Lydia Haider Themen des klassischen Theaters bzw. der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts mit aktuellen Gewalttaten von Männern. Durch diese Verknüpfung gelingt es der Autorin einerseits, Hugo von Hofmannsthals Jedermann innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts zu situieren und andererseits auch die dem Werk immanenten stereotypisierten Geschlechterbilder und patriarchalen Denkformen offen zu legen.
Von Herbert zu Hofmannsthal und zurück
Lydia Haiders Text Die Buhlschaft in Herbert geht ursprünglich auf ein 2023 im Haymon-Verlag veröffentlichtes Projekt zurück, in dem sich die Schriftstellerin gemeinsam mit Marina Weitgasser und mir, Judith Goetz, mit verschiedensten Gewalttaten von Männern in Österreich auseinandersetzte. Für Du Herbert hatte Marina Weitgasser 2020 ein Jahr lang Screenshots aller Meldungen der orf.at-Startpage gesammelt, die männliche Gewalttaten dokumentieren. Diese rund 450 Taten fungierten als Ausgangspunkt des von Haider verfassten literarischen Texts, in dem Herbert als Inbegriff eines männlichen Gewalttäters im Rahmen eines kaum aushaltbaren Inneren Monologs von all diesen – seinen – Taten erzählt. Mein Beitrag wiederum war es, den „Einblick in die Grausamkeit“ – so der Untertitel des hybriden Textformats – durch eine einführende Einleitung sowie die Fülle von Taten durch erklärende Fußnoten zu kontextualisieren und dadurch auch mit gängigen Mythen aufzuräumen, die Gewalt immer noch vorrangig bei den „anderen“ orten. Als durchwegs facettenreich erwiesen sich in unserer intensiven Auseinandersetzung mit dem Jahr 2020 folglich nicht nur die Tatwaffen, mit denen Männer anderen Menschen – Frauen wie Männern – Gewalt antun, sondern auch die Berufe der Täter, wie ein Abschnitt aus der Einleitung zusammenfasst:
Wenngleich die häufigsten Mittel der männlichen Gewaltanwendung 2020 (Küchen-)Messer und Schusswaffen sowie körperliche Gewalt darstellten, reichten sie von einem Fondue-Spieß, einem Sparstrumpf über Schwerter, Schnitzelklopfer, Golfschläger, Pfefferspray, Schraubenzieher, Macheten bis hin zu Schuhlöffeln, Lattenroststangen oder Äxten und Hundeleinen. Ebenso unterschiedlich sind die beruflichen und sozialen Hintergründe der Täter, zu denen neben (hochrangigen) Polizisten oder (Polizei-)Ärzten u.a. auch Gastwirte, Köche, Lehrer, Bankmanager, Feuerwehrmänner, Politiker, Busfahrer oder (einfache) Jugendliche zählten. Entgegen hegemonialer Vorstellungen findet männliche Gewalt in allen Berufsgruppen statt und wird mit allen möglichen und vorhandenen Mitteln von Männern ausgeübt.1
So weit, so grausam. Doch für Lydia Haider, die sich vor allem mit ihren kontroversen und provokativen Werken einen Namen gemacht hat, offensichtlich noch nicht genug. Mit Die Buhlschaft in Herbert nimmt sich die Autorin erneut der skizzierten Gewaltthematik an und verflicht ihre Bearbeitung der ersten 57 Taten in Du Herbert mit den spärlichen Textpassagen des einzig relevanten weiblichen Charakters aus Hugo von Hofmannsthals Theaterstück Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes – der Buhlschaft. Durch die Situierung einer seit jeher viel diskutierten dramatischen Figur innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts bearbeitet Haider nicht nur die patriarchalen Fundamente von Hofmannsthals Werk, sondern widmet sich auch den begrenzten Handlungsoptionen kleingehaltener weiblicher Charaktere. Ohne den Blick auf die in die Werke eingeschriebenen Geschlechterverhältnisse, Vorstellungen von Weiblich- und Männlichkeiten sowie patriarchalen Denkmuster kann folglich keiner der Texte verstanden werden.
Jedermannsfrauen
In der Darstellung der Frauen in Hofmannsthals Stück Jedermann spiegeln sich die geschlechtsspezifischen Stereotype wider, die sowohl die Gesellschaft als auch die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und somit auch das Werk des österreichischen Schriftstellers prägten. Sei es Jedermanns Mutter, des Schuldknechts Weib, die etlichen jungen Fräulein oder die Buhlschaft – sie alle bleiben ohne Namen, Geschichte, Tiefgang und Persönlichkeit und werden in erster Linie über ihre Beziehung zu den bedeutsameren Männern als „Mutter von“, „Weib von“ oder „Buhlschaft von“ in ein auf Männer fokussiertes Geschehen eingeführt. Auch die für Hofmannsthals Werk typischen, dichotomen und stereotypisierten Weiblichkeitsvorstellungen finden sich in Jedermann wieder. So lassen sich die wenigen weiblichen Charaktere in die einander gegenübergestellten Extreme Mutter oder Verführerin bzw. Heilige oder Dirne/Hure einordnen. Die Aufspaltung in scheinbar tugendhafte und heilige Frauentypen auf der einen Seite und verführerische und sündhafte weibliche Figuren auf der anderen Seite dient letztlich auch der Bewertung zulässiger (weil im Einklang mit bestehenden Moralvorstellungen) und weniger zulässiger Lebensentwürfe. Die Reduktion auf zwei vereindeutigte Identifikationspositionen für Frauen begrenzt zudem weibliche Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen.
Zu einer Verstärkung dieser Beschränkung trägt darüber hinaus auch die geringe Bühnenpräsenz von Frauen in Hofmannsthals Jedermann bei, sodass selbige nicht nur selten zu Wort kommen, sondern auch ihre Möglichkeiten zu handeln und auf das Geschehen Einfluss zu nehmen eingeschränkt bleiben. Ihre Charaktere bleiben oberflächlich, da dem Publikum verwehrt bleibt, Einblicke in ihre Emotionen, individuellen Bedürfnisse oder Sichtweisen zu erlangen. Obgleich es sich bei der Buhlschaft um die wichtigste weibliche Figur des Stücks handelt, stellt sie keine Ausnahme dar. Im Gegenteil lassen sich an der Präsentation und Beschreibung der Figur ebenfalls zahlreiche Aspekte feministischer Kritik an der oberflächlichen und stereotypen Darstellung weiblicher Charaktere in der Literatur festmachen. Auch die Buhlschaft bleibt auf ihre Beziehung zu Jedermann reduziert und dadurch weitgehend in ihrer passiven und untergeordneten Rolle als eindimensionales Objekt seiner Begierde verhaftet. Der auffällige Altersunterschied zwischen der Buhlschaft und dem Jedermann, die emotionale Arbeit, die sie für ihn übernimmt, und der Fokus auf ihre verführende und lustvolle Körperlichkeit dienen letztlich der Reproduktion stereotyper und antiquierter Weiblichkeitsvorstellungen – und das zumeist bis heute, wie das weitgehende Fehlen feministischer Auseinandersetzungen mit dem Werk in seinen aktuellen Inszenierungen untermauert.2 Gerade die skizzierten Einschränkungen verwehren der Buhlschaft nicht nur die Möglichkeit zu einer eigenständigen Entfaltung, sondern auch eine Subjektwerdung. So mag es auch nicht verwundern, dass die Buhlschaft in der zweiten Hälfte des Stücks ohne weitere Erläuterungen einfach verschwindet. Weder wird ihr Abgang thematisiert noch werden Einblicke in den weiteren Verlauf ihrer Geschichte gegeben. Angesichts des skizzierten patriarchalen Gesamttrauerspiels kann die Ergänzung einer Szene bei den Salzburger Festspielen 2022, in der sich die Buhlschaft aus dem Stück verabschieden darf, nicht mal als Tropfen auf den heißen Stein bewertet werden. Der vermeintlich respektvollere Umgang mit der Figur verschleiert und beschönigt letztlich nur den Gesamtzusammenhang und vermag nicht, an den Fundamenten der Problematik zu rütteln.
Die Buhlschaft zwischen Selbstbestimmung und Domestizierung
Als zentraler Charakter fungiert die Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals Jedermann weniger aufgrund ihrer Person, sondern vielmehr aufgrund der Projektionen, die auf sie übertragen werden. Wie bereits erwähnt, erhält sie keinen eigenen Namen und dadurch auch kaum Persönlichkeit, sondern bleibt somit lediglich ein Prototyp eines bestimmten Frauenbilds und dadurch letztlich austauschbar. Sie soll weltliche Lust, Leidenschaft und Genuss repräsentieren und somit auch die Verlockungen der weltlichen Freuden verkörpern. Bereits ihrer Bezeichnung bzw. der Reduktion auf ihre Rolle als Buhlschaft wohnt etwas Abwertendes und Moralisierendes inne. Gängigen Interpretationen zufolge würde sie mit ihren Handlungen versuchen, Jedermann von seinen moralischen Pflichten abzulenken und ihn dazu verleiten, sich nur auf die lustvollen Momente des Lebens zu konzentrieren. Problematisiert wird dabei jedoch nicht etwa Jedermanns Willensschwäche oder seine Unfähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich weder von Tod oder Gott noch von einer Liebschaft unter Druck setzen oder leiten zu lassen. Im Gegensatz zum fremdbestimmten und unsicheren Jedermann erweckt die Buhlschaft einen geradezu selbstbestimmten Eindruck, schließlich scheint sie sich von religiösen Zwängen befreit und für die weltlichen Freuden entschieden zu haben und weiß auch – so wird in ihrem spärlichen Text deutlich –, dass sie auch die Beziehung mit Jedermann möchte: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“3 Bedeutung gewinnt die Figur jedoch weniger durch eigene Handlungsmacht, sondern dadurch, was auf sie projiziert wird bzw. was sie für und in männlichen Fantasien verkörpert: unheilsame Verführung und teuflische Gelüste. So zeigt sich bei Hofmannsthal nicht nur die Reduktion der Buhlschaft auf ein Objekt der Begierde und damit auf ihre sexualisierte Körperlichkeit, sondern auch die Konstruktion weiblicher Körper und ihrer Sexualität als Bedrohung für den gottgewollten Weg der Männer. Insofern lässt gerade dieser Ausbruch aus den gesellschaftlich zugewiesenen Rollenbildern die Buhlschaft der patriarchalen Logik des Stücks folgend zur verkörperten Gefahr werden.
Für Jedermanns moralische Konflikte und Ängste, die von ihm erlebten Widersprüche und Ambivalenzen sowie sein Versagen, das von ihm gewünschte moralische Leben zu führen, wird jedoch nicht der Protagonist selbst verantwortlich gemacht, sondern seine vermeintliche Verführerin. Um Rechenschaft vor Gott ablegen zu können, muss Jedermann widerstehen und sich der verkörperten weiblichen Versuchung entledigen. Einzig die Bezwingung, Domestizierung oder Entsagung von Weiblichkeit ermöglicht es Jedermann, die Gefahr zu bändigen und wieder zu einem vollwertigen Mann und Gottes Sohn zu werden. Gleichzeitig lässt die als dringlich präsentierte Notwendigkeit seiner Befreiung (um Gottes Willen) jedes Mittel recht erscheinen, um das ehrbare Leben wieder aufzunehmen.
So finden sich in Hofmannsthals Jedermann im Grunde genommen unterschiedliche Facetten einer Erzählung, die wir bis heute nur allzu gut aus dem Umgang mit geschlechtsbasierter Gewalt kennen: Auf der einen Seite der Fokus auf und die Übernahme von männlichen Perspektiven, die Empathie mit den Tätern, auf der anderen Seite Frauen, die aus den für sie vorgesehenen Rollen ausbrechen und daher eine Bedrohung darstellen, also Frauen, die den Männern angeblich keine andere Wahl gelassen hätten.
Die Herausforderungen patriarchaler Gewalt
Letztlich tragen die Darstellungen von Frauen in Hofmannsthals Jedermann zur Reproduktion von Geschlechterstereotypen und zur Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterverhältnisse bei. Sie stellen letztlich bestehende Geschlechterrollen und patriarchale Normen nicht in Frage, sondern bestätigen sie eher. Genau hier setzt Lydia Haider an. Wo im ursprünglichen Text erklärende Fußnoten standen, die die Hintergründe und Problematiken der Gewalttaten beleuchteten, begleiten in Haiders Adaption nun die spärlichen Äußerungen der Buhlschaft Herberts Gewaltexzess. Durch die Verflechtung der Textpassagen der Buhlschaft mit Herberts Monolog gibt Haider der Buhlschaft eine neue Stimme, wenn auch keine gänzlich neue, da der Wortlaut – abgesehen von minimalen Adaptionen der Interpunktion – unverändert bleibt. Vielmehr situiert Haider diese Stimme neu, stellt sie in Zusammenhang mit männlicher Gewalt und macht dadurch die Hofmannsthals Stück immanenten patriarchalen Strukturen über den Transfer der Stimme in den Herberttext explizit. Da wie dort hat sie kaum etwas zu sagen, darf selten mitreden und muss sich in der neuen Bearbeitung Haiders sogar immer wieder wiederholen, da ihr Sprechtext nicht ausreicht, um Herbert auch nur bei einem kleinen Bruchteil all seiner Gewalttaten zur Seite zu stehen.
Die Buhlschaft avanciert in Haiders Text also zur Wegbereiterin, Beobachterin und Kommentatorin von Herberts Gewalttaten. Ihr Auftritt in Du Herbert erweist sich als ambivalent und widersprüchlich, furchtbar und hoffnungsvoll zugleich. Beinahe unsichtbar begleitet sie Herbert durch die ersten Monate seiner unbeherrscht brutalen, menschenverachtend blutigen und ungehemmt mörderischen Reise durch das Jahr 2020, kontrastiert kaum hörbar seine Gefühle und setzt zumindest Versuche, in das Geschehen einzugreifen. Gleichzeitig lässt die weitgehend ungebrochene Verschränkung der beiden Stimmen die Buhlschaft auch zur Mittäterin werden, schließlich ist von ihr kaum bis kein Widerstand zu vernehmen. Sie setzt der Gewalt kein Ende, lässt den Monolog des Mehrfachtäters weder verstummen noch versucht sie, zu irritieren, zu stören, moralischen oder gar belehrenden Einfluss zu nehmen. Sie bleibt versteckt, leise, kaum hör- oder wahrnehmbar und fügt sich unauffällig und unbemerkt in den brutalen Gesamtzusammenhang ein. Letztlich geht mit der Integration dieser sanften und unscheinbaren weiblichen Stimme in den deutlich lauteren, rausgebrüllten Monolog Herberts erneut ihre Unterwerfung im Dienste der Aufrechterhaltung gewaltvoller Normalitäten einher.
Und doch bleiben die Aussagen der Buhlschaft gewaltig. Als „der wertest aller Gäst“ heißt sie im Herberttext etwa den Täter des ersten Femizids in Österreich im Jahr 2020 willkommen. Nicht nur müsse man diesen „mit Zimbeln und Windlicht abholen“, sondern auch „führen zu seiner Pflicht“4 und ungebrochen wird die von ihr beschworene Pflicht zu Herberts Pflicht, zur Pflicht, Frauen zu ermorden: „[…] und führen zu seiner Pflicht und folglich muss sie sterben, ist eh klar wie das Klarste in meinem Leben in ihrem sicher nicht länger, dass sie sterben muss und alle mit dazu und alle sterben sie und sie zuerst […]“5. Bei einem weiteren „wertest aller Gäst“, den die Buhlschaft im Herberttext zu seiner Pflicht führt, handelt es sich um einen 38-Jährigen, der eine Zwölfjährige in einem öffentlichen Wiener Bad „unsittlich“ berührte und zu seiner Verteidigung angab, dass er das Mädchen für älter gehalten habe:
[…] wandle ich durch ein Bade hindurch und sehen meine Augen ein junges Geschöpf, das mir gefallet, nun dann muss ich es haben, auch wenn es sich wehret und ich greife wie ich greifen will und greife alles ab, Sitten gibt es somit nicht und daher auch keine Sittenwidrigkeit und hat das Mädchen erst der Jahre zwölfe nun was sehe ich denn ein Alter und was schert dich denn das Alter oder bist du komplett vermessen […]6.
Als Pflicht gilt es der Buhlschaft auch, eine dem Täter unbekannte 33-jährige Frau auf der Straße mit einem Messer lebensgefährlich zu attackieren, unter dem Vorwand, Cannabis zu verkaufen einen 31-Jährigen zu verprügeln und auszurauben,7 aus einem Auto heraus mit einer Waffe auf Menschen zu schießen sowie ein Vertrauensverhältnis auszunutzen, um eine Pensionistin in ihrem Einfamilienhaus zuerst mit einem stumpfen Gegenstand zu schlagen und sie dann mit einer Plastikfolie zu ersticken.8 Die Stimme der Buhlschaft begleitet die Taten, sie bereitet sie mit auf und legitimiert sie. Dadurch rückt sie in Haiders Text in den Kreis jener vor, die sich durch ihr macht- und herrschaftsstabilisierendes Tun auf der richtigen moralischen Seite zu wissen glauben. Was der Buhlschaft in Hofmannsthals Werk verwehrt blieb und ihr als Mangel ausgelegt wurde, wird ihr in Haiders Text ermöglicht: Zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft zu werden, indem auch die Buhlschaft für Recht und Ordnung sorgt und die Erfüllung vermeintlicher Pflichten einfordert. Gerade in der patriarchal geprägten Gesellschaft erweist sich deren Durchsetzung in letzter Konsequenz immer auch mit Gewalt verbunden. So erfüllt die Buhlschaft als Herberts Begleiterin letztlich ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der gewaltvollen Normalität.
An anderer Stelle lässt die Buhlschaft durch den Verweis auf einen von ihr verspürten Schmerz kurz aufhorchen, wenn sie etwa einen Femizid oder einen Angriff auf eine Passantin und zwei Betrunkene mit einem Baseballschläger mit den Worten kommentiert: „[…] mit dieser Red geschieht mir weh, dess ich zu dir mich nicht verseh“. Gleich im nächsten Satz lässt sie jedoch wissen, dass sie weiterhin an Herberts Seite bleiben werde: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“9 Die transportierte Doppelbotschaft beinhaltet das Eingeständnis einer Verletzung durch Herberts Taten und Worte bei gleichzeitiger Bestätigung seiner Anziehungskraft, auch wenn er seinen Gewaltexzess fortführt und beispielsweise durchdreht, weil jemand seinen Pitbull als süß bezeichnet hat oder er selbst eine Frau mit einem Messer bedroht. Obgleich die Buhlschaft weitgehend treu an Herberts Seite zu bleiben scheint, stellt sie mehrfach seine Unbekümmertheit in Frage. So meint sie beispielsweise zu erkennen, dass Herberts Taten auch an ihm nicht gänzlich sorglos vorbei gehen: „Und wär dein helle Stirn und Wangen, Von einer Trübnis überhangen“10. Herbert hingegen reagiert immer wieder mit Abwehr und schreitet indes zu seinen nächsten Taten weiter, beispielsweise zum nächsten Femizid: „[…] wenn ich solches höre, dann sage ich als Herbert dazu, dass ich da die Luft wegbekomme solange, bis es das Bewusstsein nimmt, denn schnell ist ein solches Bewusstsein genommen, wenn man nur würget und würget recht fest und nicht ablässt da von dieser meiner Frau, okay es ist meine Ex-Frau […]“11. Auch der Umstand, dass die Buhlschaft ihre Ängste vor dem Tod anspricht und diesen als „die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt“12 beschreibt, vermag Herbert nicht aus der Bahn zu werfen oder ihn zu stoppen. Im Gegenteil, er führt seine Taten fort und tut, was seiner Auffassung nach getan werden müsse.
Familie hin oder her daneben deppert schauend, ich habe schon gesagt, dass der Tod über und über kommen muss und soll und wenn ich es spreche, hat es zu sein also auch sage ich es, wie es sein soll und ist, nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss […].13
Letztlich sind selbst die vagen Versuche der Buhlschaft zu intervenieren, auf Verletzungen und Ängste aufmerksam zu machen oder Unrechtsbewusstsein zu wecken, von Beginn an zum Scheitern verurteilt und bleiben daher im Text sowie auch für Herberts Gewalttaten bedeutungs- und konsequenzenlos.
Mittäterinnen und die begrenzten Möglichkeiten des Widerstands
In Haiders Text fungiert die Buhlschaft jedoch nicht ausschließlich als eine weibliche Mittäterin, die sich durch ihr Tun an der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen und Normen beteiligt, vielmehr muss sie selbst als patriarchale Konstruktion gesehen werden, an der nicht nur deutlich wird, was das Patriarchat mit Frauen macht, sondern auch wozu das Patriarchat Frauen macht. In diesem Sinne muss sie als Mittäterin und Opfer zugleich gesehen werden – als Täterin, weil sie der Gewalt nichts entgegenzusetzen hat und durch ihre mangelnde Gegenwehr letztlich zu ihrer Aufrechterhaltung beiträgt; als Opfer, weil ihre Handlungsspielräume durch die normativen patriarchalen Weiblichkeitsvorstellungen begrenzt bleiben. In diesem Sinn stellt sich die Frage, ob und inwieweit eine klein und charakterlos gehaltene und wenig handlungsfähige Figur wie die Buhlschaft in Hofmannsthals Stück überhaupt etwas gegen die Vielzahl von Gewalttaten ausrichten kann. In dieser Hinsicht macht die Figur vielmehr die Konsequenzen und Widersprüche der Zurichtung von weiblichen Charakteren im Theater und darüber hinaus sichtbar. Wie bereits ausgeführt, wird sie für Jedermann (und auch Herbert) nicht etwa aufgrund ihrer Eigenständigkeit oder Infragestellung bestehender männlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen zur Bedrohung, sondern aufgrund der auf ihre Sexualität und Verführungskunst projizierten Gefahren für Männer, von ihrem angeblich gottgewollten Weg abzukommen. Insofern erfolgt auch die Bearbeitung der dadurch hervorgerufenen männlichen Ängste und Bedrohungsfantasien in erster Linie über die Zähmung, Zurichtung und Abwendung von Weiblichkeit. Gerade Herbert exemplifiziert mit jedem einzelnen Wort und jeder verrichteten Tat, wie männliche Vorherrschaft über Gewaltanwendung aufrechterhalten bzw. wieder hergestellt werden kann.
Die Buhlschaft führt Jedermann aber auch die Möglichkeit vor Augen, im Hier und Jetzt den eigenen Wünschen nachzugehen und eine selbstbestimmte Sexualität unabhängig von moralischen Zwängen zu leben. Letztlich gehen aber alle Potentiale, die der Figur der Buhlschaft innewohnen, und somit auch sie selbst an und in der patriarchalen Erzählung zugrunde. Ohne Stärkung ihres Charakters und unterstützende Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, zu der ihr auch Haider nicht verhilft oder nicht verhelfen will, bleibt sie machtlos und wird nichts gegen den Strom patriarchaler Gewalttaten ausrichten können. Entsprechend kann eine solche Abrechnung im Grunde genommen von ihr auch nicht verlangt werden.
Die Heimführungen, Heimbringungen und Heimdrehungen der Lydia Haider
Lydia Haiders Adaption Die Buhlschaft in Herbert ist nicht nur eine Intervention in das festgefahrene Treiben der Salzburger Festspiele, sondern auch in die Literatur und die Hofmannsthal-Verehrung. Sie dekonstruiert die (Schein-)Heiligkeit des Jedermann und kritisiert dabei auch ein patriarchal geprägtes Symbol österreichischer Kulturgeschichte. Damit setzt die Schriftstellerin ihre bereits in vorangegangenen Werken umgesetzte Beschäftigung mit gesellschaftlichen Normen, Geschlechterverhältnissen und Gewalt fort, indem sie die Brutalität des Patriarchats, vergeschlechtlichte Konventionen der Gesellschaft und veraltete Kulturgüter selbst zum Thema macht und grundlegend infrage stellt. Die Untertitelung von Haiders Werk Eine Heimführung kann als symbolische Handlung für die Verlagerung der Stimme der Buhlschaft in die Erzählung des Herbert gedeutet werden. Dieser Akt ähnelt einem patriarchalen Brauch, bei dem die Braut symbolisch von ihrem Elternhaus in das Haus ihres zukünftigen Ehemannes und dessen Familie geführt wird, indem das brave Mädchen ebenso wie die naive Dirne zur vollwertigen Frau in der Gesellschaft werden soll und ihr vorheriges Leben hinter sich lässt. Es steht für den Übergang der Braut in ihre neue Familie und Heimat. So lenkt Haider die Buhlschaft metaphorisch nach Hause, in einen Ort, der als ihre angemessene Umgebung erscheinen soll, jedoch wie eine Bestrafung für ihr als unmoralisch erachtetes Leben in Hofmannsthals Werk wirkt. Die Buhlschaft wird heimgebracht an den Ort ihres vermeintlichen Ursprungs, an den symbolischen Ort ihrer eigentlichen Zugehörigkeit: die gewaltvolle Realität des Patriarchats. Nun muss sie an der Seite Herberts in einem noch gewalttätigeren Umfeld verharren. Letztlich erweist sich Herbert jedoch als Jedermann, da Herbert in dem Sinne wie jeder Mann ist, als dass jeder Mann das Potential in sich birgt, ein Herbert zu sein oder zu werden. Auch umgekehrt wird deutlich, dass Jedermann im Grunde genommen ein Herbert ist, da sie im Sinne einer Männerseilschaft ähnliche Ziele verfolgen und beide von der Zurichtung der Buhlschaft profitieren. Insofern bringt Lydia Haider in ihrem Text zusammen, was zusammengehört.
Ihr außergewöhnlicher und provokanter Zugang ermöglicht neue Sichtweisen auf das tief verankerte, selten jedoch aus einer geschlechterkritischen Perspektive reflektierte Spektakel des Jedermann und seiner Inszenierungen. Sie zeigt, dass vor allem renommierte Events wie die Salzburger Festspiele nicht nur einer grundlegenden Erneuerung bedürfen, sondern patriarchale Strukturen und Traditionen angreifbar sind. Mit Die Buhlschaft in Herbert legt Haider den Finger in eine Wunde der österreichischen Kulturgeschichte und rückt vernachlässigte Geschlechterthemen, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind, an die Oberfläche. Mit der „Heimdrehung“ fordert die Schriftstellerin nicht zuletzt dazu auf, Hofmannsthals Jedermann nicht noch 100 weitere Male zu inszenieren, sondern endlich eine Wendung einzuleiten, also den bisherigen Jedermann „hamzudran“. Es ist an der Zeit, sich von verstaubten Traditionen zu lösen und neue Perspektiven auf ein Stück österreichischer Kultur zu ermöglichen.
Ein allgemein gültiges Märchen?
In der Einleitung zu seinem Theaterstück betont Hofmannsthal die Wurzeln der „Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl“ als eine mündlich überlieferte Erzählung. Sie wurde von verschiedenen Intellektuellen niedergeschrieben, breiten Gesellschaftsschichten blieb sie jedoch weiterhin unzugänglich. „Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen“14. Jedermann ist jedoch weit mehr als nur ein allgemeingültiges Märchen. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Märchen mit vergeschlechtlichten moralischen Botschaften und Lehren, die allgemeingültig bleiben sollen, um ja nicht an den bestehenden patriarchalen Geschlechterverhältnissen zu rütteln. Das Verdienst von Lydia Haider liegt folglich insbesondere darin, ihm diese vermeintliche allgemeine und universelle Gültigkeit zu entziehen.
Anmerkungen
- Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert. Innsbruck: Haymon Verlag 2023, S. 4. ↩︎
- Der vorliegende Sammelband stellt in diesem Zusammenhang freilich eine Ausnahme dar. ↩︎
- Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes. https://www.pro
jekt-gutenberg.org/hofmanns/jederman/jederma2.html (2.1.2023). ↩︎ - Ebd. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung oder: Wie die Buhlschaft als Buhlgas in Herbert lieb Herbert vergast. Eine Heimbringung/Heimdrehung. In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024, S. 202-209, S. 202. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
- Vgl.: Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert, S. 20-22. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 30-31. ↩︎
- Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
- Ebd., S. 202. ↩︎
- Ebd., S. 202. ↩︎
- Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎

JUDITH GOETZ
Studium der Literatur- und Politikwissenschaft. Mitarbeiterin des Fachbereichs Politische Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Innsbruck. Lehrbeauftragte an unterschiedlichen Universitäten sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und des Autor*innenkollektivs Feministische Interventionen. Seit 2020 engagiert sie sich bei der offenen feministischen Vernetzung Claim the Space. 2023 erschien das von ihr mitverfasste Buch Femi(ni)zide. Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen.



