nicht bei sich und doch zu hause
ELFRIEDE JELINEK
Wer ist denn schon
wer ist denn schon bei sich
wer ist denn schon zu hause
wer ist denn schon zu hause bei sich
wer ist denn schon zu hause
wenn er bei sich ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu hause ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu haus bei sich ist
wer denn
Elfriede Gerstl
Auf der Werkbank der Dichtung wird auf die Sprache eingeschlagen, damit sie etwas herausbildet. Was sie nicht freiwillig tun will. Der Sprache paßt es nicht, daß, anstatt sich mit etwas herumzuschlagen, nun auf sie eingeprügelt wird. Daß man sie in eine andre Form zwingt. Sie will vielleicht lieber, ganz entspannt, im Gespräch geschehen, bei dem die Sprechenden dann ganz sie selber bleiben dürfen. Sie will nicht gern verbogen werden. Gefährlich zu sein, das wäre auch schön, dabei aber unschuldig bleiben! So hätte sies denn gern, die Sprache. Es ist ihr aber manchmal nicht erlaubt, denn einer schickt sie hinaus, nachdem sie unter dem Hammer gewesen und, oft, recht billig verschleudert wurde, und dann darf sie stiften gehen. Was denn stiften? Den Bleistift stiften? Nein, der Stift stiftet gewiß nicht die Dichtung, umgekehrt, die Dichtung ermöglicht die Sprache und was der Stift notiert, ein Stift, der keinen Herrn hat und kennt und sich selbst nicht kennt, weil ein andrer ihn führt. In Deutschland nennt man (nannte man früher) ja den Lehrling einen „Stift“. Wer ist also sein Herr, wer ist die gelassene Hand, die von der Hand läßt die Worte, die dann überraschend schnell allein gehen können, und ihr Schöpfer rennt schreiend hinter ihnen her. Wer ist wichtiger? Wer von welchen beiden, man müßte sie ja beide kennen, um zu wissen, auf wen man dabei setzen soll.
Wer ist denn schon zu Hause bei sich, wer ist denn schon sein eigener Herr? Wer es wäre, der würde sofort wieder von sich fortstreben, kaum, daß er sich kennengelernt hätte, denn was er da kennengelernt hätte, wäre, daß er von seiner Existenz beherrscht wird, die nicht dasselbe ist wie sein einsames Ich: eine leere, aber formatierte Diskette, der wir den Namen Ich geben, wird beschrieben, indem man sich mit sich selbst identifiziert und eine Identität erlangt. Da man sich auf dieser Diskette abspeichert, kann man von ihr auch wieder fortgehen, das Ich bleibt ja da aufgeschrieben, und die Rückkehr zu sich besteht darin, daß man sich immer wieder überschreiben kann nach jedem Aufbruch, nach jeder Rückkehr zu sich. Man kann sich sorgen, daß man in diesem Überschreiben eine der alten Identitäten verliert, man kann sorgfältig sein im Aufbewahren der Identität, und man kann auch aufhören, sich um sich zu kümmern und, anstatt seiner selbst, etwas anderes speichern: dann wird man selbst zur Sprache. Man verschwindet unter ihr. Man hört auf, an sich festzuhalten, vergißt sich irgendwann und wird zu dem, was man spricht. Und indem man sich losläßt und, als Person, amorph wird, alles sein kann und nichts, kann man beginnen, von sich auszugehen, nicht um zu denken oder zu handeln, sondern um in dem, was man sagt, zu sein, ohne dabei jedoch an sich angebunden zu sein. Man wirft sich hinaus, und man ist der, der wirft, und die Schnur mit dem Köder, die geworden ist, aber, im Geworfensein, denjenigen vergißt, der man selber ist und der die Ernte endlich einbringen möchte. Und die arme Beute ist man auch.
Sprache und Dichtung und der, der über sie zu Bericht sitzt, damit die Sprache nicht Bericht bleibt, sondern sich darüber erheben kann wie ein Blitz, ja, auch der kommt einmal wieder runter und trifft einen, der danach nicht mehr derselbe ist und nicht mehr dasselbe sagt. Wer weiß was von sich? Und spricht, wer mehr von sich weiß als ein anderer, deshalb wahrer? Oder wird er wahrer, wenn er gleichzeitig abwesender ist als die werten Anwesenden, die sich ja immer versammeln, wenns was zu reden gibt, aber das Buffet danach ist natürlich wichtiger.
Ich möchte also wissen, wer diese von der Sprache Geschlagenen sind, die gezwungen werden, beiseite zu treten, damit sie sich nicht in sich aufhalten, wenn dieser Blitz zuschlägt. Es kann ein Sprechen geben, durch das die Hülle des Sprechers zertrümmert wird, weil es nicht in den Sprecher hineingegangen ist. Es ist zwar aus ihm herausgekommen, aber man hat es nicht hineingehen sehen. Es war überhaupt: zu viel. Daher mußte er ausweichen und wurde auch später nicht mehr aufgesammelt.
Mir scheint an den Dichtern, die ich versammeln möchte, die Nichtsgewißheit das Gemeinsame zu sein. Die Dichtung dieser Nichtsgewissen kann den Anschein des Unwirklichen erwecken oder den der beruhigend, sichersten Wirklichkeit, nur daß im letzteren Fall der Dichter zwar der Wirklichkeit, aber seiner selbst nicht sicher ist. Jedenfalls ist er nicht heimisch und weiß auch nicht, wo sonst er es sein sollte. Und auch in sich ist er nie zu Hause. Dichter, die, wenn sie ich sagen, nicht sich selbst meinen, auch wenn sie unaufhörlich um ihr Ich kreisen mögen. In der Musik („Verdämmern ohne sich zu meinen“) z. B. der späte Schumann, auch Schubert.
Mir ist dabei, als eine Art Ikone, das Totenfoto von Robert Walser vor Augen. Der Dichter liegt im Mantel hingeworfen in den Schnee (wie Schuberts „Trän aus meinen Augen“, da die kalten Flocken das heiße Weh durstig einsaugen und dabei selber schmelzen. Es bleibt nichts übrig und doch: alles ist da!), und sein Hut ist ihm vom Kopf gefallen und liegt dort neben ihm. So wie Walser selbst ein Leben lang neben sich hergegangen ist, auch später, wenn er neben Carl Seelig herging und in den diversen Gastwirtschaften einkehrte. Ein Bild, das Trakl – in Heideggers Interpretation – vom Irren entwirft („des Wahnsinns sanfte Flügel“…), vom Wandern in der Abgeschiedenheit, wo man etwas sieht, das kein andrer sehen kann. Der Dichter folgt also dem Wahnsinnigen, der gestorben ist und aus der Ferne den Bruder ruft. So rufen sie beide einander, wie die Sprache ihren Gegenstand und umgekehrt, den Besitzer gleichzeitig rufen und der sich, zwischen beiden gefangen, hinlegt und einschläft, die Sprache, in scheinbarer Leere, da ihr Gebieter nicht und nicht ankommen will, weil ja ihr Gegenstand auch nicht da ist, schlafen sich legt.
Mich interessieren also Dichter, die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selbst fremd, Verstörte, die aber besessen sind von der Präzision des Ausdrucks, als wollten sie sich bis zuletzt an etwas festhalten, bevor sie ihr eigenes Denken in den Verfall führt und sie den Verstorbenen nachsterben müssen. Das kann auch dann geschehen, wenn sie mondäne, urbane Flaneure, ja Dandys (männliche wie weibliche!) sein mögen wie z.B. Walter Serner, der offenkundig ganz in der Welt ist und sich doch durch Sprache, scheinbare Absurditäten, Clownerien (Carbaret Voltaire) unaufhörlich wieder aus ihr herausarbeitet (der Tod des Dandys im KZ – Gibt es eine größere, schrecklichere Absurdität?). Der Dandyismus ist eine Schule der Paradoxie, und Oscar Wilde beklagt in dieser Hinsicht den „Verfall der Lüge“, ja, er führt den trivialen Charakter vielen Schrifttums „zweifellos“ auf den Verfall der Lüge als einer „Kunst, einer Wissenschaft und einer geselligen Unterhaltung“ zurück, und Lügen und Dichten sind miteinander verwandt. Und beim Lügen muß man sich notwendigerweise außerhalb seiner selbst stellen, vielleicht darf man noch nicht einmal einen Seitenblick auf sich wagen, weil man sonst unsicher würde. Der beste Lügner ist der, der nichts von sich wissen will, damit er ALLES sagen kann.
Also ist auch Serner mit seiner Faszination für Gauner, Verbrecher und ihr kodifiziertes Rotwelsch ein Dichter des Unterwegs, wie Trakl, der, nach Franz Josef Czernin, Worte geradezu aufruft, die gerade durch ihre Allgemeinheit für das Gedicht gebraucht werden. Erste Dinge, wie aus Kinderbüchern, die „benannt werden, wenn noch nicht speziell oder spezialisiert mit ihnen umgegangen wird“. Es wird also „benannt um zu benennen“, vielleicht um sich ausschließlich im Gesprochenen zu orientieren und sich selbst dabei vermeiden, umrunden zu können, und sein Werk ganz dem des Deutenden zur Verfügung anzuvertrauen, nachdem man sich daraus geträumt hat, bzw. nachdem man auch noch aus der Versammlung, die der Dichter selbst ohnehin niemals betreten hätte, fortgewiesen wurde, ohne auf sich, aber auch ohne auf etwas anderes verweisen zu dürfen, dem wandernden Fremden nach, dem Abgeschiedenen in der Abgeschiedenheit. Nur in dieser Abwesenheit ist der Dichter dann da. Der lebt ja so gern in seinem Grab mit den Toten! Er nimmt doch, wie Robert Walser, „mit Vergnügen von hoffnungsarmer, kranker, schwacher, angsterfüllter Welt Abschied, um im erquicklichen, lieben guten Grab von allen Unsicherheiten und von allen Mühseligkeiten auszuruhen“ (er sagt nicht einmal, daß er von DER Welt Abschied nimmt! Das würde ja bedeuten, daß es eine bestimmte gibt, und das Abschiednehmen wie das Abwesendsein wären dann etwas Stolzes, Freiwilliges, die etwas Gewissem, etwas Eigenem gelten würden, dessen man sich versichern könnte).
Wir würden uns dort, in diesem Negativ eines Negativs, das aber deshalb noch lang kein Positives ergibt, in diesem Grab eines Grabes, nicht aufhalten wollen, und es darf uns nur ja nichts aufhalten beim Weitergehen. Der eine spielt in seinem Grab ruhig mit den Schlangen, der andre verliert schon im Leben jede Fassung, damit er sie uns dann akribisch überliefern kann, denn sie ist ja, auch wenn er sie verworfen hat: von ihm, der seiner selbst gewiß ist. Nach Heidegger streben in Hölderlins Dichtung die Gesetze der Winke der Götter auseinander und zueinander und dazu muß die „Stimme des Volks“ kommen, die sie auslegt („… und wohl Sind gut die Sagen, denn ein Gedächtniss sind Dem Höchsten sie, doch auch bedarf es Eines, die heiligen auszulegen.“). Der Dichter selbst ist ein Hinausgeworfener, in dieses Zwischen. Und Hölderlin selbst, der späte, Verwirrte, der sich Scardanelli nennt, fällt schließlich ganz heraus aus dieser Volkes/Geistesstimme, aus der Sagenwelt, in der man weiß, was da zu sagen ist, und zwar weil es ja von irgendwelchen Altvorderen gesagt worden ist, nicht im Sinn des Sagens, sondern im Sinn der Sage (das Volk in seiner „Zugehörigkeit zum Seienden im Ganzen“, wer hört da nicht Heideggers berüchtigte Rektoratsrede leise aus dem Radio im Hintergrund?), also der Volksweisheiten und Sprüche, in denen das Dunkle, das einen ängstigt, um jeden Preis einen Namen bekommen muß, damit etwas erklärt wird, selbst wenn es phantastisch, ja märchenhaft klingt und man seiner selbst endlich wieder gewiß sein kann. Ich möchte wissen, was wegbleiben oder ankommen muß, damit diese Gewißheit verschwindet, damit der Abgrund keinen Grund mehr braucht, daß es ihn gibt. (Ganz gewiß nicht ist ein Abgrund gemeint, der ausgestanden werden muß, den die Dichter heroisch aushalten müssen, um das sogenannte Große zu schaffen, nicht in diesem letzten Stolz, daß sie, diese Dichter, die einzigen seien, die in diesen Abgrund überhaupt hineinreichen können. Ich meine eher die steile Schlucht, die Robert Walser neben Carl Seelig aus einem ihrer letzten gemeinsamen, von Seelig notierten Spaziergänge (30. 9. 54) mit kotigen Schuhen hinabtaumelt, -rutscht, eigensinnig, daß dort der Weg sein müsste, bis man schließlich widerwillig zugeben muß, daß man sich verlaufen: vergangen hat.
Der kranke Hölderlin schreibt vollkommen klar. Der kranke Robert Walser, von dem man bis heute nicht weiß, ob er krank je gewesen ist, schreibt vollkommen einfach, verständlich, fast kindlich. Schön könnte es, meint er auch, auch sein, Diener zu werden (und er war es auch für eine kurze Zeit, und er hat es beschrieben), dann würde man übersehen, außer man leistete seinen Dienst nicht richtig und machte damit den Herrn auf sich aufmerksam. Besser aber ist die Unaufmerksamkeit von jedem, und sogar der kann man noch entfliehen wie Hölderlins Götter, wer spürt deren Spur? Der gesunde Hölderlin spürt ihr nach, der oft unscheinbaren, aber er behält noch die Fährte, die Hinterlassenschaft eines Befehls, einer Weisung, und er singt noch in der Spur wie der Ängstliche im Wald. Später dann nicht mehr: Scardanelli wie Walser krallen sich nun an einer Harmonie fest, von der sie wissen, daß es sie nicht gibt, und daß sie sie daher auch beim Singen nicht treffen werden. Sie werden den rechten Ton nicht treffen. So singen sie nur mehr vor sich hin, beim Gehn. Endlich weiß der Niemand, daß er einer ist. Der eine im Turm hat nur mehr seinen Tisch, der andre hat gar nichts, er falzt Papier, klebt Türen, sortiert Erbsen, faltet Stanniol. Da der Niemand nichts besitzt, das ein andrer haben wollte, wird er unsichtbar, unauffällig, wird übersehen und dabei „dem kleinen Geschäft des eigenen Lebens unbeobachtet nachgehen, so unsichtbar, wie es ein Hausdiener sein soll, der kleine Dienste ruhig, unbedroht und in Gelassenheit erledigt“ (William Gass). Er gestattet der harmonischen Welt, „das Disharmonische von sich zu stoßen“. Walser geht spazieren, er setzt seine Spur, und er spricht sogar sehr viel über sich und die Kunst, ja, er wird oft sogar recht eigensinnig, was das Ziel der Wanderungen mit Seelig betrifft. Er will dort und dorthin und dort dann einkehren, oder nein, wir gehen noch ein bißchen, obwohl er längst eingeliefert worden ist, obwohl er längst „geliefert“ ist. Er hätte seit langem schon den Schlüssel zur Anstalt Herisau haben können und sich selbst aufsperren, aber er besteht darauf, daß ihm aufgesperrt wird. Ja, Walser pocht auf sich. Aber er pocht auf sich, in dem er sich aufgegeben hat. Vielleicht muß er deshalb so penibel seine Spur in die Erde, in den Schnee treten (schreiben tut er ja schon lange nicht mehr!), damit ihm diese eigene Spur nicht aus der Hose rutscht, und auf einmal wären dann die Füße weg, und es gäbe gar kein Weitergehen mehr. Und beim Gehen kann man viel sehen, ist das der Grund, weshalb man geht? Oder geht man, damit man, im Betrachten, davon absentiert ist, etwas zu tun? Daß man sich etwas wünscht, nur damit man es nie bekommt? Daß man nur auf dem Papier etwas riskiert, und irgendwann auch dort nicht mehr?
Walser geht vielleicht am Ende nur mehr, um nicht schreiben zu müssen, denn auch das Schreiben selbst würde noch zuviel Selbstbehauptung verlangen von einem, der nicht mehr zuständig ist. Zuständig ist ein altmodisches Wort für Adresse, für die Heimatanschrift, von der aus geschrieben wird (früher gabs auch noch den „Heimatschein“), aber zuständig ist der Dichter in einem Irren-Haus. Dort ist er eingeliefert, und dort kann er sich immer wieder abliefern. Diese Anstalt ist für ihn zuständig (wie sie es auch für einen Friedrich Glauser ist, der sich das Schreiben und das Veröffentlichen, ja sogar das Wegschicken der Post von „kunstsinnigen“ Irrenärzten hat erkämpfen müssen), daher kann man sich dort abgeben wie einen verlorenen Gegenstand, dort man kann sich in eine Obhut begeben, und nur am letzten Tag des Lebens fällt einem der Hut dann endgültig hinunter.
Der eine schreibt nicht mehr, weil er nichts mehr müssen muß, das von der Öffentlichkeit eingesehen werden könnte, er selbst hat es ja endlich eingesehen, daß man nichts mehr von ihm will, und selbst wenn man etwas wollte, der Angesprochene hätte sich längst vergessen, da ihm nichts mehr zugedacht und nur noch Ungesprochenes zu erfahren wäre – eine Bahn ist eine Bahn, in der man fährt, eine andre Bahn, auf die man, oder das Denken, das Erfinden, das Sprechen geraten könnten, gibt es nicht; der andre, Glauser, will ja noch, unbedingt, aber man läßt ihn nicht, und sogar die eigene Hochzeit mit Berthe erlebt er, grad um eine Nacht, nicht mehr. Wanderer, beide. Die „Leidenschaft für das Normale“ (Leo Navratil), für Ruhe und Frieden, Ordnung und Harmonie ist das ergreifendste, ergreifender ist nur noch Schlaf, das, außer dem Tod, vollkommenste Fortsein, die vollkommenste Abwesenheit. Und dann kommt aber gleich die Schwester der Abwesenheit, die Schönheit, welche wiederum die vollkommenste Anwesenheit ist, weil man sie – und sie ist ja leider nie die eigene! manchmal gehört sie einer Saaltochter in einem Café, einem Mädchen, das hinter einem Verkaufspult steht, und die wollen sie partout nicht hergeben, die Schönheit – niemals übersehen kann, und von dem Kranken, der ja selber gern übersehen würde und daher voll Freude mit dem Finger auf die Schönheit zeigt, damit man ihn selbst dahinter vergessen mag, immer wieder beschworen wird (das häufigst gebrauchte Wort in der Literatur der Schizophrenen ist offenbar „schön“), damit sie von ihr an der Hand genommen und mitgezogen werden. „Und die Vollkommenheit ist ohne Klage“ (Hölderlin/Scardanelli).
Der Kranke wird, könnte man vielleicht sagen, zu einer Lücke, durch die die Welt hineinschaut, man staunt, aber er selbst, der sich nicht mehr fassen kann, ist nicht die einzige Lücke in diesem Lücken-, in diesem Lügengewebe: Nicht nur die Krankheit des Geistes, auch der Tod schaut ins Leben hinein, den Kranken an der Schulter beiseite drängend, weil der ja, da gerade noch lebend, nicht durchsichtig ist, und der Tod, der bei den Lebenden als Traum verkleidet auftritt, auch etwas sehen möchte, er will schließlich sehen, wen er sich da abholt. Oder sind die Toten (bei Celan: die Hingemordeten, beim noch gesunden Hölderlin die Toten, die für das Vaterland, das liebe, gefallen sind, übrigens „nicht einer zuviel“!) die Realität, und die Lücke bestünde darin, daß niemand ihnen ihr Leben wieder zurückgeben kann? Für Celan ist die Schwester, jede Schwester, jede Mutter die von den Nazis Verbrannte, die in der Anonymität der Vernichtungslager verschwunden ist. Mit dieser historischen Erfahrung der ultimativen Verwerfung durch Gott wird aus dem simplen Umgraben der Erde, um die Toten zu bestatten (und Erde, also das Totenmaterial, ist in allen und jedem, die Menschen sind daraus gemacht und werden wieder dazu), das Material, aus dem lebende Tote sind: „Es war Erde in ihnen, und sie gruben. Sie gruben und gruben, so ging ihr Tag dahin, ihre Nacht…“, es wird also nicht nur Erde verworfen, umgegraben, um Leichname hineinzutun, sondern die lebenden Leichname sind selber die Verworfenen, die Umgrabungen, die Lücken-Büßer, die in ihre einst helle Schar selber riesige Lücken gerissen haben und nun nicht und nicht dafür büßen wollen, und man kann Gott nur ähnlicher werden, indem man in sich seine Schöpfung verwirft, indem man sich selbst verwirft. Man kann ihn nur mehr anrufen „O einer, o keiner, o niemand, o du: Wohin gings, da´s nirgendhin ging?“ (Celan), man kann ihn nur als einen anrufen, den es nicht gibt, und als einer, den es selbst nicht gibt. Und von dem es nichts geben kann. Auch nicht und erst recht nicht einen Nachkommen, der von einem abstammt. Auch Imre Kertész schreibt „Kadisch für ein nicht geborenes Kind“ oder seinen „Roman eines Schicksallosen“ (auch Binjamin Wilkomirski seine „Bruchstücke“) nicht, indem er Erinnerung sucht oder gar sich selber, sondern, im Gegenteil, um sich selbst immer wieder auszusparen, um den blinden Fleck der Erinnerung herum, der aber kein Fleck ist, sondern alles was da ist, da es drumherum ja auch nichts gibt, und gerade dieses Nichts und Nichts, dieses Kleist‘sche Hart zwischen Nichts und Nichts, erfordert die größte Präzision der Beschreibung, da das Subjekt sich in ihr ja verlieren soll, längst verloren hat, ohne es noch zu wissen. Das Beschriebene, Personen wie Ereignisse, kann man im Nachhinein nicht wieder zum Vorschein bringen, sondern man muß sie, indem sie immer wieder neu geschaffen und geschrieben werden, auch immer wieder aufs neue verschwinden lassen: die manisch vollgeschriebenen und doch immer leer bleibenden Flecken in Celans Gedichten (auf die ästhetische Kritik Reinhard Baumgarts an seiner „Todesfuge“ hat er geantwortet, man habe ihm damit die Mutter, die Schwester noch einmal umgebracht), das Totengebet für ein Kind, das es nicht gegeben hat und nicht geben konnte, das aber, gerade dadurch, genau in dem „Nein“ auf die scheinbar harmlose Frage, ob man Kinder habe, immer wieder eben nicht existieren darf. „Ganz ausgeschlossen“, wie man, als äußerste Verneinung, sagt. Und die Sprache stimmt! Weil der so Befragte eben aus der Welt der Lebenden dauerhaft ausgeschlossen wurde, ist alles, was er je sagen könnte, vollkommen ausgeschlossen.

ELFRIEDE JELINEK
Musikalische Ausbildung am Wiener Konservatorium, Studium der Theaterwissenschaft
und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 1966 Veröffentlichungen in allen Gattungen: Lyrik, Romane (u.a. Die Liebhaberinnen, Die Klavierspielerin, Lust, Die Kinder der Toten), Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Libretti, Essays und Übersetzungen; einige Publikationen auch nur auf ihrer Homepage www.elfriedejelinek.com bzw. original.elfriedejelinek.com. Lebt in Wien. Zahlreiche Preise und Würdigungen,
2004 Literaturnobelpreis.




















