Schlagwort: Literatur

  • nicht bei sich und doch zu hause

    nicht bei sich und doch zu hause

    Wer ist denn schon

    wer ist denn schon bei sich

    wer ist denn schon zu hause

    wer ist denn schon zu hause bei sich

    wer ist denn schon zu hause

    wenn er bei sich ist

    wer ist denn schon bei sich

    wenn er zu hause ist

    wer ist denn schon bei sich

    wenn er zu haus bei sich ist

    wer denn

    Elfriede Gerstl

    Auf der Werkbank der Dichtung wird auf die Sprache eingeschlagen, damit sie etwas herausbildet. Was sie nicht freiwillig tun will. Der Sprache paßt es nicht, daß, anstatt sich mit etwas herumzuschlagen, nun auf sie eingeprügelt wird. Daß man sie in eine andre Form zwingt. Sie will vielleicht lieber, ganz entspannt, im Gespräch geschehen, bei dem die Sprechenden dann ganz sie selber bleiben dür­fen. Sie will nicht gern verbogen werden. Gefährlich zu sein, das wäre auch schön, dabei aber unschuldig bleiben! So hätte sies denn gern, die Sprache. Es ist ihr aber manchmal nicht erlaubt, denn einer schickt sie hinaus, nachdem sie unter dem Hammer gewesen und, oft, recht billig verschleudert wurde, und dann darf sie stiften gehen. Was denn stiften? Den Bleistift stiften? Nein, der Stift stiftet gewiß nicht die Dichtung, umgekehrt, die Dichtung ermöglicht die Sprache und was der Stift notiert, ein Stift, der keinen Herrn hat und kennt und sich selbst nicht kennt, weil ein andrer ihn führt. In Deutschland nennt man (nannte man früher) ja den Lehrling einen „Stift“. Wer ist also sein Herr, wer ist die ge­lassene Hand, die von der Hand läßt die Worte, die dann überraschend schnell allein gehen können, und ihr Schöpfer rennt schreiend hinter ihnen her. Wer ist wichtiger? Wer von welchen beiden, man müßte sie ja beide kennen, um zu wis­sen, auf wen man dabei setzen soll.

    Wer ist denn schon zu Hause bei sich, wer ist denn schon sein eigener Herr? Wer es wäre, der würde sofort wieder von sich fortstreben, kaum, daß er sich kennengelernt hätte, denn was er da kennengelernt hätte, wäre, daß er von seiner Existenz beherrscht wird, die nicht dasselbe ist wie sein einsames Ich: eine leere, aber formatierte Dis­kette, der wir den Namen Ich geben, wird beschrie­ben, indem man sich mit sich selbst identifiziert und eine Identität erlangt. Da man sich auf dieser Diskette abspeichert, kann man von ihr auch wie­der fortgehen, das Ich bleibt ja da aufgeschrieben, und die Rückkehr zu sich besteht darin, daß man sich immer wieder überschreiben kann nach jedem Aufbruch, nach jeder Rückkehr zu sich. Man kann sich sorgen, daß man in diesem Überschreiben eine der alten Identitäten verliert, man kann sorgfältig sein im Aufbewahren der Identität, und man kann auch aufhören, sich um sich zu kümmern und, an­statt seiner selbst, etwas anderes speichern: dann wird man selbst zur Sprache. Man verschwindet unter ihr. Man hört auf, an sich festzuhalten, ver­gißt sich irgendwann und wird zu dem, was man spricht. Und indem man sich losläßt und, als Per­son, amorph wird, alles sein kann und nichts, kann man beginnen, von sich auszugehen, nicht um zu denken oder zu handeln, son­dern um in dem, was man sagt, zu sein, ohne dabei jedoch an sich angebunden zu sein. Man wirft sich hinaus, und man ist der, der wirft, und die Schnur mit dem Kö­der, die geworden ist, aber, im Geworfensein, denjenigen vergißt, der man selber ist und der die Ernte endlich einbringen möchte. Und die arme Beute ist man auch.

    Sprache und Dichtung und der, der über sie zu Bericht sitzt, damit die Sprache nicht Bericht bleibt, sondern sich darüber erheben kann wie ein Blitz, ja, auch der kommt einmal wieder runter und trifft einen, der danach nicht mehr derselbe ist und nicht mehr dasselbe sagt. Wer weiß was von sich? Und spricht, wer mehr von sich weiß als ein anderer, deshalb wahrer? Oder wird er wahrer, wenn er gleich­zeitig abwesender ist als die werten Anwesenden, die sich ja immer versammeln, wenns was zu reden gibt, aber das Buffet danach ist natürlich wichtiger.

    Ich möchte also wissen, wer diese von der Sprache Geschlagenen sind, die ge­zwungen werden, beiseite zu treten, damit sie sich nicht in sich aufhalten, wenn dieser Blitz zuschlägt. Es kann ein Sprechen geben, durch das die Hülle des Spre­chers zertrümmert wird, weil es nicht in den Sprecher hineingegangen ist. Es ist zwar aus ihm herausgekommen, aber man hat es nicht hineingehen sehen. Es war überhaupt: zu viel. Daher mußte er ausweichen und wurde auch später nicht mehr aufgesammelt.

    Mir scheint an den Dichtern, die ich versammeln möchte, die Nichtsgewißheit das Gemeinsame zu sein. Die Dichtung dieser Nichtsgewissen kann den Anschein des Unwirklichen erwecken oder den der beruhigend, sichersten Wirklichkeit, nur daß im letzteren Fall der Dichter zwar der Wirklichkeit, aber seiner selbst nicht sicher ist. Jedenfalls ist er nicht heimisch und weiß auch nicht, wo sonst er es sein sollte. Und auch in sich ist er nie zu Hause. Dich­ter, die, wenn sie ich sagen, nicht sich selbst meinen, auch wenn sie unaufhörlich um ihr Ich kreisen mö­gen. In der Musik („Verdämmern ohne sich zu mei­nen“) z. B. der späte Schumann, auch Schubert.

    Mir ist dabei, als eine Art Ikone, das Totenfoto von Robert Walser vor Augen. Der Dichter liegt im Mantel hingeworfen in den Schnee (wie Schuberts „Trän aus meinen Augen“, da die kalten Flocken das heiße Weh durstig einsaugen und dabei selber schmelzen. Es bleibt nichts übrig und doch: alles ist da!), und sein Hut ist ihm vom Kopf gefallen und liegt dort neben ihm. So wie Walser selbst ein Leben lang neben sich hergegangen ist, auch später, wenn er neben Carl Seelig herging und in den diversen Gastwirtschaften einkehrte. Ein Bild, das Trakl – in Heideggers Interpretation – vom Irren entwirft („des Wahnsinns sanfte Flügel“…), vom Wandern in der Abgeschiedenheit, wo man etwas sieht, das kein andrer sehen kann. Der Dichter folgt also dem Wahnsin­nigen, der gestorben ist und aus der Ferne den Bruder ruft. So rufen sie beide ein­ander, wie die Sprache ihren Gegenstand und umgekehrt, den Besitzer gleichzeitig rufen und der sich, zwischen beiden gefangen, hinlegt und einschläft, die Sprache, in scheinbarer Leere, da ihr Gebieter nicht und nicht ankommen will, weil ja ihr Gegenstand auch nicht da ist, schlafen sich legt.

    Mich interessieren also Dichter, die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selbst fremd, Verstörte, die aber besessen sind von der Präzision des Ausdrucks, als wollten sie sich bis zuletzt an etwas festhalten, bevor sie ihr eigenes Denken in den Verfall führt und sie den Verstorbenen nachsterben müssen. Das kann auch dann geschehen, wenn sie mondäne, urbane Flaneure, ja Dandys (männliche wie weibliche!) sein mögen wie z.B. Walter Serner, der offenkundig ganz in der Welt ist und sich doch durch Sprache, scheinbare Absurditäten, Clownerien (Carbaret Voltaire) unaufhörlich wieder aus ihr herausarbeitet (der Tod des Dandys im KZ – Gibt es eine größere, schrecklichere Absurdität?). Der Dandyismus ist eine Schule der Paradoxie, und Oscar Wilde beklagt in dieser Hinsicht den „Verfall der Lüge“, ja, er führt den trivialen Charakter vielen Schrifttums „zweifellos“ auf den Verfall der Lüge als einer „Kunst, einer Wissenschaft und einer geselligen Unterhaltung“ zurück, und Lügen und Dichten sind miteinander verwandt. Und beim Lügen muß man sich notwendigerweise außerhalb seiner selbst stellen, vielleicht darf man noch nicht einmal einen Seitenblick auf sich wagen, weil man sonst unsicher würde. Der beste Lügner ist der, der nichts von sich wissen will, damit er ALLES sagen kann.

    Also ist auch Serner mit seiner Faszination für Gau­ner, Verbrecher und ihr kodifiziertes Rotwelsch ein Dichter des Unterwegs, wie Trakl, der, nach Franz Josef Czernin, Worte geradezu aufruft, die gerade durch ihre Allgemeinheit für das Gedicht gebraucht werden. Erste Dinge, wie aus Kinderbüchern, die „benannt werden, wenn noch nicht speziell oder spezialisiert mit ihnen umgegangen wird“. Es wird also „benannt um zu benennen“, vielleicht um sich ausschließlich im Gesprochenen zu orientieren und sich selbst dabei vermeiden, umrunden zu können, und sein Werk ganz dem des Deutenden zur Verfü­gung anzuvertrauen, nachdem man sich daraus ge­träumt hat, bzw. nachdem man auch noch aus der Versammlung, die der Dichter selbst ohnehin nie­mals betreten hätte, fortgewiesen wurde, ohne auf sich, aber auch ohne auf etwas anderes verweisen zu dürfen, dem wandernden Fremden nach, dem Abge­schiedenen in der Abgeschiedenheit. Nur in dieser Abwesenheit ist der Dichter dann da. Der lebt ja so gern in seinem Grab mit den Toten! Er nimmt doch, wie Robert Walser, „mit Vergnügen von hoffnungsarmer, kranker, schwacher, angst­erfüllter Welt Abschied, um im erquicklichen, lieben guten Grab von allen Unsi­cherheiten und von allen Mühseligkeiten auszuruhen“ (er sagt nicht einmal, daß er von DER Welt Abschied nimmt! Das würde ja bedeuten, daß es eine bestimmte gibt, und das Abschiednehmen wie das Abwesendsein wären dann etwas Stolzes, Freiwilliges, die etwas Gewissem, etwas Eigenem gelten würden, dessen man sich versichern könnte).

    Wir würden uns dort, in diesem Negativ eines Negativs, das aber deshalb noch lang kein Positives ergibt, in diesem Grab eines Grabes, nicht aufhalten wollen, und es darf uns nur ja nichts aufhalten beim Weitergehen. Der eine spielt in seinem Grab ruhig mit den Schlangen, der andre verliert schon im Leben jede Fassung, damit er sie uns dann akribisch überliefern kann, denn sie ist ja, auch wenn er sie verworfen hat: von ihm, der seiner selbst gewiß ist. Nach Heidegger streben in Hölderlins Dichtung die Gesetze der Winke der Götter auseinander und zueinander und dazu muß die „Stimme des Volks“ kommen, die sie auslegt („… und wohl Sind gut die Sagen, denn ein Gedächtniss sind Dem Höchsten sie, doch auch bedarf es Eines, die heiligen auszulegen.“). Der Dichter selbst ist ein Hinausgeworfener, in dieses Zwischen. Und Hölderlin selbst, der späte, Verwirrte, der sich Scardanelli nennt, fällt schließlich ganz heraus aus dieser Volkes/Geistesstimme, aus der Sagenwelt, in der man weiß, was da zu sagen ist, und zwar weil es ja von irgendwelchen Altvorderen gesagt worden ist, nicht im Sinn des Sagens, sondern im Sinn der Sage (das Volk in sei­ner „Zugehörigkeit zum Seienden im Ganzen“, wer hört da nicht Heideggers berüchtigte Rektoratsre­de leise aus dem Radio im Hintergrund?), also der Volksweisheiten und Sprüche, in denen das Dunk­le, das einen ängstigt, um jeden Preis einen Namen bekommen muß, damit etwas erklärt wird, selbst wenn es phantastisch, ja märchenhaft klingt und man seiner selbst endlich wieder gewiß sein kann. Ich möchte wissen, was wegbleiben oder ankom­men muß, damit diese Gewißheit verschwindet, damit der Abgrund keinen Grund mehr braucht, daß es ihn gibt. (Ganz gewiß nicht ist ein Abgrund gemeint, der ausgestanden werden muß, den die Dichter heroisch aushalten müssen, um das soge­nannte Große zu schaffen, nicht in diesem letzten Stolz, daß sie, diese Dichter, die einzigen seien, die in diesen Abgrund überhaupt hineinreichen kön­nen. Ich meine eher die steile Schlucht, die Robert Walser neben Carl Seelig aus einem ihrer letzten gemeinsamen, von Seelig notier­ten Spaziergänge (30. 9. 54) mit kotigen Schuhen hinabtaumelt, -rutscht, eigensin­nig, daß dort der Weg sein müsste, bis man schließlich widerwillig zugeben muß, daß man sich verlaufen: vergangen hat.

    Der kranke Hölderlin schreibt vollkommen klar. Der kranke Robert Walser, von dem man bis heute nicht weiß, ob er krank je gewesen ist, schreibt vollkommen einfach, verständlich, fast kindlich. Schön könnte es, meint er auch, auch sein, Die­ner zu werden (und er war es auch für eine kurze Zeit, und er hat es beschrieben), dann würde man übersehen, außer man leistete seinen Dienst nicht richtig und machte damit den Herrn auf sich aufmerksam. Besser aber ist die Unaufmerksam­keit von jedem, und sogar der kann man noch entfliehen wie Hölderlins Götter, wer spürt deren Spur? Der gesunde Hölderlin spürt ihr nach, der oft unscheinba­ren, aber er behält noch die Fährte, die Hinterlassenschaft eines Befehls, einer Wei­sung, und er singt noch in der Spur wie der Ängstliche im Wald. Später dann nicht mehr: Scardanelli wie Walser krallen sich nun an einer Harmonie fest, von der sie wissen, daß es sie nicht gibt, und daß sie sie daher auch beim Singen nicht treffen werden. Sie werden den rechten Ton nicht treffen. So singen sie nur mehr vor sich hin, beim Gehn. Endlich weiß der Niemand, daß er einer ist. Der eine im Turm hat nur mehr seinen Tisch, der andre hat gar nichts, er falzt Papier, klebt Türen, sortiert Erbsen, faltet Stanniol. Da der Niemand nichts besitzt, das ein andrer haben wollte, wird er unsichtbar, unauffällig, wird übersehen und dabei „dem kleinen Geschäft des eigenen Lebens unbeobachtet nachgehen, so unsichtbar, wie es ein Hausdiener sein soll, der kleine Dienste ruhig, unbedroht und in Gelassenheit erledigt“ (William Gass). Er gestattet der harmonischen Welt, „das Disharmonische von sich zu stoßen“. Walser geht spazieren, er setzt sei­ne Spur, und er spricht sogar sehr viel über sich und die Kunst, ja, er wird oft sogar recht eigensinnig, was das Ziel der Wanderungen mit Seelig betrifft. Er will dort und dorthin und dort dann einkehren, oder nein, wir gehen noch ein bißchen, obwohl er längst eingeliefert worden ist, obwohl er längst „ge­liefert“ ist. Er hätte seit langem schon den Schlüssel zur Anstalt Herisau haben können und sich selbst aufsperren, aber er besteht darauf, daß ihm aufge­sperrt wird. Ja, Walser pocht auf sich. Aber er pocht auf sich, in dem er sich aufgegeben hat. Vielleicht muß er deshalb so penibel seine Spur in die Erde, in den Schnee treten (schreiben tut er ja schon lange nicht mehr!), damit ihm diese eigene Spur nicht aus der Hose rutscht, und auf einmal wären dann die Füße weg, und es gäbe gar kein Weitergehen mehr. Und beim Gehen kann man viel sehen, ist das der Grund, weshalb man geht? Oder geht man, damit man, im Betrachten, davon absentiert ist, etwas zu tun? Daß man sich etwas wünscht, nur damit man es nie bekommt? Daß man nur auf dem Papier etwas riskiert, und irgendwann auch dort nicht mehr?

    Walser geht vielleicht am Ende nur mehr, um nicht schreiben zu müssen, denn auch das Schreiben selbst würde noch zuviel Selbstbehauptung verlangen von ei­nem, der nicht mehr zuständig ist. Zuständig ist ein altmodisches Wort für Adres­se, für die Heimatanschrift, von der aus geschrieben wird (früher gabs auch noch den „Heimatschein“), aber zuständig ist der Dichter in einem Irren-Haus. Dort ist er eingeliefert, und dort kann er sich immer wieder abliefern. Diese Anstalt ist für ihn zuständig (wie sie es auch für einen Friedrich Glauser ist, der sich das Schrei­ben und das Veröffentlichen, ja sogar das Wegschicken der Post von „kunstsinni­gen“ Irrenärzten hat erkämpfen müssen), daher kann man sich dort abgeben wie einen verlorenen Gegenstand, dort man kann sich in eine Obhut begeben, und nur am letzten Tag des Lebens fällt einem der Hut dann endgültig hinunter.

    Der eine schreibt nicht mehr, weil er nichts mehr müssen muß, das von der Öffent­lichkeit eingesehen werden könnte, er selbst hat es ja endlich eingesehen, daß man nichts mehr von ihm will, und selbst wenn man etwas wollte, der Angesprochene hätte sich längst vergessen, da ihm nichts mehr zugedacht und nur noch Unge­sprochenes zu erfahren wäre – eine Bahn ist eine Bahn, in der man fährt, eine andre Bahn, auf die man, oder das Denken, das Erfinden, das Sprechen geraten könnten, gibt es nicht; der andre, Glauser, will ja noch, unbedingt, aber man läßt ihn nicht, und sogar die eigene Hochzeit mit Berthe erlebt er, grad um eine Nacht, nicht mehr. Wanderer, beide. Die „Leidenschaft für das Normale“ (Leo Navratil), für Ruhe und Frieden, Ordnung und Harmonie ist das ergreifendste, ergreifender ist nur noch Schlaf, das, außer dem Tod, vollkommenste Fortsein, die vollkommenste Abwesenheit. Und dann kommt aber gleich die Schwester der Abwesenheit, die Schönheit, welche wiederum die vollkommenste Anwesenheit ist, weil man sie – und sie ist ja leider nie die eigene! manchmal gehört sie einer Saaltoch­ter in einem Café, einem Mädchen, das hinter einem Verkaufspult steht, und die wollen sie partout nicht hergeben, die Schönheit – niemals übersehen kann, und von dem Kranken, der ja selber gern übersehen würde und daher voll Freude mit dem Finger auf die Schönheit zeigt, damit man ihn selbst dahinter vergessen mag, immer wieder beschworen wird (das häufigst gebrauchte Wort in der Literatur der Schizophrenen ist offenbar „schön“), damit sie von ihr an der Hand genommen und mitgezogen werden. „Und die Vollkommenheit ist ohne Klage“ (Hölderlin/Scardanelli).

    Der Kranke wird, könnte man vielleicht sagen, zu einer Lücke, durch die die Welt hineinschaut, man staunt, aber er selbst, der sich nicht mehr fassen kann, ist nicht die einzige Lücke in diesem Lücken-, in diesem Lügengewebe: Nicht nur die Krankheit des Geistes, auch der Tod schaut ins Leben hinein, den Kranken an der Schulter beiseite drängend, weil der ja, da gerade noch lebend, nicht durchsichtig ist, und der Tod, der bei den Lebenden als Traum verkleidet auftritt, auch etwas sehen möchte, er will schließlich sehen, wen er sich da abholt. Oder sind die Toten (bei Celan: die Hingemordeten, beim noch gesunden Hölderlin die Toten, die für das Vaterland, das liebe, gefallen sind, übrigens „nicht einer zuviel“!) die Realität, und die Lücke bestünde darin, daß niemand ihnen ihr Leben wieder zurückgeben kann? Für Celan ist die Schwester, jede Schwester, jede Mutter die von den Na­zis Verbrannte, die in der Anonymität der Vernichtungslager verschwunden ist. Mit dieser historischen Erfahrung der ultimativen Verwerfung durch Gott wird aus dem simplen Umgraben der Erde, um die Toten zu bestatten (und Erde, also das Totenmaterial, ist in allen und jedem, die Menschen sind daraus gemacht und werden wieder dazu), das Material, aus dem lebende Tote sind: „Es war Erde in ih­nen, und sie gruben. Sie gruben und gruben, so ging ihr Tag dahin, ihre Nacht…“, es wird also nicht nur Erde verworfen, umgegraben, um Leichname hineinzutun, sondern die lebenden Leichname sind selber die Verworfenen, die Umgrabungen, die Lücken-Büßer, die in ihre einst helle Schar selber riesige Lücken gerissen haben und nun nicht und nicht dafür büßen wollen, und man kann Gott nur ähnlicher werden, indem man in sich seine Schöpfung verwirft, indem man sich selbst verwirft. Man kann ihn nur mehr anrufen „O einer, o keiner, o niemand, o du: Wohin gings, da´s nirgendhin ging?“ (Celan), man kann ihn nur als ei­nen anrufen, den es nicht gibt, und als einer, den es selbst nicht gibt. Und von dem es nichts geben kann. Auch nicht und erst recht nicht einen Nach­kommen, der von einem abstammt. Auch Imre Kertész schreibt „Kadisch für ein nicht geborenes Kind“ oder seinen „Roman eines Schicksallosen“ (auch Binjamin Wilkomirski seine „Bruchstücke“) nicht, indem er Erinnerung sucht oder gar sich sel­ber, sondern, im Gegenteil, um sich selbst immer wieder auszusparen, um den blinden Fleck der Er­innerung herum, der aber kein Fleck ist, sondern alles was da ist, da es drumherum ja auch nichts gibt, und gerade dieses Nichts und Nichts, dieses Kleist‘sche Hart zwischen Nichts und Nichts, erfor­dert die größte Präzision der Beschreibung, da das Subjekt sich in ihr ja verlie­ren soll, längst verloren hat, ohne es noch zu wissen. Das Beschriebene, Personen wie Ereignisse, kann man im Nachhinein nicht wieder zum Vorschein bringen, sondern man muß sie, indem sie immer wieder neu geschaffen und geschrieben werden, auch immer wieder aufs neue verschwinden lassen: die manisch vollge­schriebenen und doch immer leer bleibenden Flecken in Celans Gedichten (auf die ästhetische Kritik Reinhard Baumgarts an seiner „Todesfuge“ hat er geantwortet, man habe ihm damit die Mutter, die Schwester noch einmal umgebracht), das To­tengebet für ein Kind, das es nicht gegeben hat und nicht geben konnte, das aber, gerade dadurch, genau in dem „Nein“ auf die scheinbar harmlose Frage, ob man Kinder habe, immer wieder eben nicht existieren darf. „Ganz ausgeschlossen“, wie man, als äußerste Verneinung, sagt. Und die Sprache stimmt! Weil der so Befragte eben aus der Welt der Lebenden dauerhaft ausgeschlossen wurde, ist alles, was er je sagen könnte, vollkommen ausgeschlossen.


    ELFRIEDE JELINEK

    Musikalische Ausbildung am Wiener Konservatorium, Studium der Theaterwissenschaft
    und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 1966 Veröffentlichungen in allen Gattungen: Lyrik, Romane (u.a. Die Liebhaberinnen, Die Klavierspielerin, Lust, Die Kinder der Toten), Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Libretti, Essays und Übersetzungen; einige Publikationen auch nur auf ihrer Homepage www.elfriedejelinek.com bzw. original.elfriedejelinek.com. Lebt in Wien. Zahlreiche Preise und Würdigungen,
    2004 Literaturnobelpreis.

  • Elfriede Jelinek als „Dichterin zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen

    Elfriede Jelinek als „Dichterin zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen

    Als Ivan Nagel, damals Schauspielchef der Salzburger Festspiele, 1997 für sein ers­tes Programm im Jahr 1998 ELFRIEDE JELINEK als „Dichterin zu Gast“ nach Salzburg einladen wollte, zeigte sich diese zunächst verhalten und lehnte zwei Mal ab. Sie war durch die Wahlplakatkampagne von Jörg Haider und die Kronen Zeitung be­drückt und wollte ihre Stücke auf keiner österreichischen Bühne mehr aufführen lassen. Schließlich sagte sie doch zu, und so reihte sich das Festspielengagement der „literarischen Staatsfeindin Nr. 1“ in eine Reihe großer Erfolge im Jahr 1998 ein.1

    Nagel wollte für das gesamte Lesungsprogramm einen oder eine Dichter*in ein­laden. Seine Wahl für Jelinek begründete er so: „Der erstaunliche künstlerische Mut, die Entschiedenheit und Dichte der Prosaarbeiten Elfriede Jelineks hat den Ausschlag gegeben, sie als erste zu bitten. Selbstverständlich wußte ich, daß unser artistisches Engagement auch ein politisches bedeutete – und ich stand dazu.“2

    Nicht versöhnt betitelt Wolfgang Reiter seinen Artikel im Nachrichtenmagazin profil vom 14.7.1997, in dem er die Ambivalenz von Jelineks Positionierung beschreibt: Elfriede Jelinek, die meistgehaßte Frau im deutschen Sprachraum, wird zur Zentralfigur der heimischen Kunsttempel – so der Untertitel. Claus Peymann kündigte für die Saison 1997/98 die österreichische Erstaufführung ihres Stückes Stecken, Stab und Stangl in der Regie von George Tabori im Akademietheater an und für Frühjahr 1998 die Uraufführung von Ein Sportstück in der Regie von Einar Schleef im Burgtheater.

    Nach dem fulminanten Erfolg der rund sechsstündigen Aufführung von Ein Sport­stück sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum fand ihr literarisches Programm bei den Salzburger Festspielen publizistisch ebenfalls große Aufmerksamkeit. Im Herbst 1998 wurde ihr dann noch mit dem Georg-Büchner-Preis der wichtigste deutschsprachige Literaturpreis verliehen. Laudator war Ivan Nagel.

    Nagels Engagement bei den Salzburger Festspielen war für drei Jahre vereinbart, doch nach seinen negativen Erfahrun­gen im Vorfeld kündigte er seinen Vertrag schon im Frühjahr 1998 und beließ es bei einem Sommer. In einem Gespräch mit der Zeitschrift Theater heute hielt Nagel im Juli 1998 vor Fest­spielbeginn fest, dass die Anfeindungen gegen das Elfriede-Jelinek-Programm entscheidend für seinen Rückzug waren: „Eben: Entscheidungs- gleich Intrigenstruktur. Vielen kam es als eine Schande für Salzburg und Österreich vor, daß die Festspiele die größte lebende Dichterin des Landes einluden. Herauszufinden aber, wer alles gegen das Jelinek-Projekt gekämpft und es um ein Haar verhindert hat – diese Sherlock-Holmes-Arbeit scheint mir Zeitverschwen­dung.“3

    Als Hintergrund für seinen Vorwurf erklärte Nagel in mehreren Interviews, dass in einem Vorschlag an das Kuratorium der Festspiele gefordert wurde, die Kern­punkte des Jelinek-Programms zu streichen. Dies fiel mit der falschen Berichter­stattung des ORF über ein großes Defizit des Schauspielprogramms zusammen.4 Gegenüber der Zeitschrift Theater heute äußerte er, dass die Festspiel-Präsidentin HELGA RABL-STADLER „nicht verheimlicht, daß ihr Jelineks Werk und Haltung Ekel­gefühle verursachen“5.

    Jelinek selbst betont, dass nicht die Salzburger Festspiele, sondern Ivan Nagel sie eingeladen habe: „Daher ist es keine Genugtuung für mich, sondern eine Freude, daß ein Mann wie Ivan Nagel ausgerechnet mich dafür ausgesucht hat, es ist eine sehr persönliche Sache zwischen ihm und mir, ich war also nicht Salzburgs Wahl. Ich hab mit den Festspielen nie etwas zu tun gehabt aus vielen Gründen, und ich verabscheue diese Vergötzung der großen Interpreten.“ Sie habe es als Chance ge­sehen, Texte und Kolleg*innen in Salzburg präsentieren zu können, „die nie nach Salzburg eingeladen würden, weil sie eben zum großen Teil nicht ‚prominent‘ sind, was immer das heißen mag“6.

    Sechs Wochen lang fand das umfangreiche Programm statt, von der Hommage an Elfriede Jelinek, dem einzigen Programmpunkt, den Nagel konzipierte, über die Ur­aufführung ihres Stücks er nicht als er (zu, mit Robert Walser) und die Einladung an Schriftstellerkolleg*innen zum rund zwölfstündigen Programm Reise durch Jelineks Kopf inklusive Filme und Modeschau, bis zu vier Lesungsabenden mit Texten von Dichter*innen ihrer Wahl – ihren „literarischen Verwandtschaften“7.

    Im Vorfeld fand am 16. Juni ein von Christa Gürtler konzipiertes Elfriede-Jelinek-Symposion als eine Art Einführung in das Programm der „Dichterin zu Gast“ in Kooperation des Salzburger Literaturforums Leselampe mit anderen Einrichtun­gen statt. Die Dramaturgin Rita Thiele und die Literaturwissenschaftlerin Juliane Vogel hielten Vorträge zu Jelineks Theater und zum Robert-Walser-Stück, Elfriede Jelinek präsentierte gemeinsam mit der Dramaturgin BRIGITTE LANDES das Konzept der „Dichterin zu Gast“, eine Podiumsdiskussion mit allen Beteiligten sollte Lust auf die Teilnahme am Festspielprogramm bei den interessierten Salzburger*innen machen.8 Das regionale Publikumsinteresse war groß. Jelinek und ihre Überlegun­gen zur Programmgestaltung überzeugten die Teilnehmer*innen und sind sowohl im Einleitungsessay nicht bei sich und doch zu hause des Bandes Jelineks Wahl als auch im Programmheft der Salzburger Festspiele nachzulesen. Dass Brigitte Landes bei Buchpublikation und Lesungen als Dramaturgin eine wichtige Rolle spielte, sei hier angemerkt.

    Ivan Nagels Idee, dass die Literaturveranstaltungen „von den toten oder lebenden Dichtern, die es erfanden, und von der Dichterin, die es gewählt hat, im gleichen Atemzug zeugen“9, hat Jelineks Programm mehr als erfüllt. Jelinek dachte über „Dichtung als Rede mit fremder Stimme“ nach, und so bekam der Titel ihres Dra­moletts er nicht als er einen doppelten Sinn: „[…] eine Bestimmung der Dichtkunst als der fremden Stimme, die in einem selbst spricht – und eine Bestimmung des Lesens, Hörens, Sprechens von fremder Dichtung, die einen so trifft, als habe sie immer schon irgendwo im eigenen Auge, Ohr, Mund gelebt, und die danach ver­langt, jetzt in uns aufzuerstehen“10.

    Ebenfalls noch vor Beginn der Salzburger Festspiele wurde im Literaturhaus Salz­burg die Ausstellung Echos und Masken (4.7. bis 28.8. 1998) eröffnet, die in Graz von Gerhard Melzer und Daniela Bartens 1996 im Kulturhaus Graz gezeigt wurde und danach im Sommer 1997 im Wiener Literaturhaus Station machte.

    Marlene Streeruwitz analysierte in ihrer Eröffnungsrede die Verächtlichmachung von Frauen in der österreichischen Gesellschaft am Beispiel von Elfriede Jelinek, die in ihrer Literatur die patriarchalen hierarchischen Strukturen entlarvt.

    So ist es geradezu logisch, daß es, wenn es nun eine Präsidentin der Salzburger Festspiele gibt, daß diese sich der Frau, die es ausspricht, gegenüber so verhält, wie es sich dem Primärhierarchisten geziemt. Nämlich mit Verächtlichmachung. An den Pranger mit der. Wenn auch nur nebenbei. Und außerdem. Eine Meinung wird man ja noch haben dürfen.11

    Streeruwitz hielt fest, dass die Argumentation der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler perfekt in das „patriarchale Argumentationsmuster“ passt: „Daß in Wahrheit die Frau Präsidentin als Quasi-Mann die Männerhochkultur in diesem Fall verteidigt hat, das ist ja nicht zu sehen. Im übrigen sehen die Steiniger es gerne, wenn auch Frauen mitwerfen. Beim Steinigen. Kleine Steine. Natürlich. Das Opfer soll ja leiden.“12 Die anwesende Festspielpräsidentin, die zur Ausstellungseröff­nung ebenfalls sprach, „konterte energisch, daß sie angeregt habe, diese Ausstel­lung in Salzburg zu ermöglichen und als Präsidentin das Programm der Festspiele mittrage. Im übrigen stellte sie zur Diskussion, ob es richtig sei, in diesem Zusam­menhang wieder eine Frau an den Pranger zu stellen“13. In einem Interview mit Heinz Sichrovsky äußerte sich Elfriede Jelinek zum Konflikt. Auf die Frage, ob Nagel wegen ihr die Festspiele verlässt, antwortete sie:

    Ich bin wohl nicht so wichtig, daß ich einen Nagel ausheben kann. Aber es wird schon eine Rolle gespielt haben. Frau Rabl-Stadler beteuert zwar, nie dergleichen gegen mich vorgebracht zu haben. Aber es wäre ihr schließlich unbenommen ge­blieben, Nagels Interview leserbrieflich zu erwidern. Übrigens argumentiert sie, sie habe als Präsidentin den Jelinek-Schwerpunkt und die Ausstellung über mich mit­finanziert. Wobei sie allerdings vergißt, daß sie vom Geld des Steuerzahlers spricht und nicht von ihrem Privatvermögen. Dieses fragwürdige Argumentieren mit dem Geld ist bezeichnend.14

    Das Programm der „Dichterin zu Gast“ startete am 26. Juli mit einer Hommage an Elfriede Jelinek, bei der Ivan Nagel, Peter Turrini und Einar Schleef (statt des er­krankten George Tabori) über Jelinek sprachen und die drei Schauspielerinnen An­nette Paulmann, Therese Affolter und Annemarie Düringer aus den Romanen wir sind lockvögel, baby, Die Liebhaberinnen, Die Ausgesperrten und Die Kinder der Toten lasen. Der Pianist Markus Hinterhäuser spielte den 2. Satz aus der A-Dur-Sonate von Schubert. Die Veranstaltung wurde in diversen Zeitungen positiv bespro­chen.15 Hervorgehoben wurde meist der Auftritt von Peter Turrini, der von seinen „ambivalenten Gefühlen“ gegenüber der Autorin sprach, ihr „Theater der Textflä­chen“ rügte und ihr schließlich gestand: „Sie ist eine schöne Frau, die mir gefällt“16. Dass Turrini seinen Auftritt nicht für eine Würdigung der Autorin, sondern eine Selbstinszenierung nützte, entlarvt an dieser Stelle den männlichen Blick und seine intendierte Abwertung einer Künstlerin, die sich als Kompliment tarnt.

    Die Uraufführung des Dramoletts er nicht als er (zu, mit Robert Walser) fand am 1.8.1998 in der Elisabethbühne als Koproduktion mit dem Deutschen Schauspiel­haus Hamburg in der Regie von Jossi Wieler und der Ausstattung von ANNA VIEBROCK statt. Einen Tag später wurde in verschiedenen Räumen des Landestheaters und im Marionettentheater von 11 bis 23 Uhr zur Reise durch Jelineks Kopf geladen. Jelinek hatte viele nicht allzu berühmte Kolleg*innen eingeladen und las gemein­sam mit Klaus Kastberger aus dem Werk Naturgemäß von Marianne Fritz. Beide Veranstaltungen wurden ebenso wie die vier folgenden Lesungen auf den Kultur­seiten der deutschsprachigen Presse vielfach als sehr gelungen besprochen und gelobt. Dass Jelineks „sensationelles“ Programm vom Publikum „nicht so recht angenommen“ wurde, bedauerte beispielsweise Karin Kathrein in ihrer Bespre­chung Eine wunderbare Zumutung, aber schließlich treffe das leider manchmal auf „niveauvolle dramaturgische Ideen“ zu: „Für die, die gekommen waren, gab’s hochpoetische, aber auch harte Kost, sie erlebten aber nicht nur eine faszinierende zeitgenössische Auseinandersetzung mit unserer Welt, sondern auch das erhellen­de Spektrum der literarischen Vorlieben einer Dichterin. Die Jelinek mutete ihrem Publikum etwas zu und das war gut so.“17

    Weit mehr mediale Aufmerksamkeit als Elfriede Jelineks Festspielprogramm er­reichte am 2.8.1998 allerdings Christoph Schlingensief mit seiner theatralischen Aktion Baden im Wolfgangsee, an der u.a. auch der Schauspieler Martin Wuttke teilnahm. Schlingensief gründete im deutschen Wahljahr 1998 die Chance 2000, eine Art Partei. Ziel der Aktion in St. Gilgen, zu der er sechs Millionen Arbeitslose einlud, war eine Erhöhung des Wasserspiegels, sodass Helmut Kohls Ferienhaus am Ufer des Sees überflutet werde – so die ironische Ankündigung. Ursprünglich sollte die Aktion im Rahmen der Szene Salzburg stattfinden, doch der damalige Bürgermeister Dechant drohte den Veranstaltern mit Subventionsentzug. Aus die­sen und aus rechtlichen Gründen rief Christoph Schlingensief dann ein privates Baden mit rund 50 Freunden und Unterstützern aus. Kritisch beobachtet wurde die Inszenierung von Badegästen und Urlaubern in St. Gilgen, einer Polizei, die in Alarmbereitschaft versetzt worden war, und zahlreichen Journalist*innen und Kamerateams. Tina Angerer beurteilt in ihrem Artikel die Aktion als „vergebe­ne Chance am Kanzlerufer“: „Scheitern als Chance. Schlingensief lamentiert und proklamiert, inszeniert und fasziniert. Jeder sucht sich selbst aus, was das Span­nende, Wahre oder Interessante an dem Berufsprovokateur ist.“18 Wie immer man die Aktion bewertet: Wer weiß schon, ob es Fakt oder Fiktion ist, als Schlingensief „plötzlich eine grüne aufblasbare Schildkröte und ein rosafarbenes Nilpferd in die Luft hält: ‚Diese Geschenke habe ich von Elfriede Jelinek bekommen, die euch alle sehr herzlich grüßt.‘“19. Abends war er jedenfalls Überraschungsgast bei der Dau­erlesung aus Die Kinder der Toten im Landestheater.

    Nach dem fulminanten Beginn des Literaturprogramms von Elfriede Jelinek konn­te man den Eindruck gewinnen, dass der künstlerische Erfolg die Konflikte im Vorfeld in den Hintergrund treten ließ. Doch schon wenige Tage später flammte eine Debatte um die Person Elfriede Jelinek auf. Dabei ging es nicht um ihr künstle­risches Programm. So befand interessanterweise Werner Thuswaldner in den Salz­burger Nachrichten in seinem Festspielresümee Aufregungen nur in der Kunst: „Que­relen der üblichen Art blieben den Salzburger Festspielen diesen Sommer erspart. Umso intensiver konnten sie sich ihren Aufgaben widmen. Die Kontroversen gab es in der Publikumsresonanz. Die künstlerische Bilanz fiel positiv aus.“20 Er lobte insbesondere das Schauspielprogramm Ivan Nagels:

    Er war nicht auf hundertprozentige Zustimmung aus und verstand es Neugier zu wecken und heftige Diskussionen auszulösen. Es gehörte Mut dazu, Elfriede Je­linek zur „Dichterin zu Gast“ zu machen. Sie löst in Österreich allenfalls Aggres­sionen aus, und ihr Name wird in der auflagenstärksten Zeitung des Landes auf „Dreck“ gereimt.21

    Vielleicht rührt die Beurteilung daher, weil es ein Sommer war, in dem niemand Gerard Mortier seines Amtes entheben wollte. Die Feuilletons konzentrierten sich in ihrer Berichterstattung auf die Kunst, aber in Leserbriefen und persönlichen Diskussionen stritt man um das gefährdete Weltkulturerbe Salzburgs u.a. durch Elfriede Jelinek. Was war passiert?

    Die Salzburger Nachrichten veröffentlichten am 8.8.1998 einen Leserbrief des dama­ligen Weihbischofs Dr. Andreas Laun, der einen Gang vom Kapitelplatz zum Alten Markt beschreibt und beklagt, dass Jugendliche auf dem Kapitelplatz Rollerblades fahren. „Traurig gehe ich weiter“, heißt es im Text, auf dem Domplatz wird ein Rockkonzert vorbereitet, das Lärm verbreiten und die Stadt „akustisch verschmut­zen“ wird und dann verstellt sogar ein Kunstwerk aus Bierkisten den Blick. „Ei­gentlich wollte ich weitergehen, aber am Festspielhaus vorbeigehen – nein, danke, dort würde mich das überlebensgroße Bild von Frau Jelinek an ihre Klosetts auf der Bühne des Burgtheaters erinnern und daran, wie unflätig sie sich über Christen äußert und wie sie über Salzburg schimpft (statt abreist!).“ Und er schließt mit der Bemerkung, dass zwar Salzburg die „peinlichen Entgleisungen von heute“ überleben wird „wie Österreich den Herrn Nitsch und so manch andere“, stellt aber in Abrede, dass das „heutige“ Salzburg noch Weltkulturerbe ist: „Wirklich nicht!“22

    Laun bezog sich auf ein vier Meter hohes Porträtfoto von Elfriede Jelinek an der Fassade des Festspielhauses, auf der insgesamt 13 Bilder affichiert waren. Darauf brach vom 12. bis 22.8.1998 eine heftige Leserbriefdebatte in den Salzburger Nach­richten aus, Befürworter und Gegner von Launs Ansichten meldeten sich zu Wort, nicht selten ironisch und sprachspielerisch, bisweilen aber auch im Stil der Boule­vardpresse. Launs Leserbrief wurde auch überregional kommentiert, so brachte er es im Falter zum „Dolm der Woche“: „Über die Bischofshut-Schnur geht dem Oberhirten aber ein überlebensgroßes Plakat, das in ihm das dringende Verlangen nach der ‚Abreise‘ der Autorin evoziert. Nicht zu fassen: Überlebensgroße Dichte­rinnen“23.

    Über das, was in der Nacht auf den 23.8.1998 passierte, herrscht Uneinigkeit. Es gibt divergierende Sichtweisen und keine überprüfbaren Fakten. In seiner Lauda­tio Lügnerin und Wahr-Sagerin zur Verleihung des Georg Büchner Preises im Ok­tober 1998 stellte Ivan Nagel noch einmal sehr ausführlich dar, dass aus seiner Perspektive jedenfalls „von höherer Stelle entschieden“ wurde:

    Am Sonntagmorgen, dem 23. August, hing das Jelinek-Porträt zu Streifen zerfetzt an seinen eisernen Befestigungsstangen. Als ich erst gegen Mittag die Nachricht bekam und zum Festspielhaus eilte, war nichts mehr davon zu sehen. Die Fest­spielleitung hatte beschlossen, daß das Bild von einem Sturm in der Samstagnacht abgerissen worden sei; die Arbeiter der Bühnentechnik beseitigten sofort die Reste. Ich bedaure aus zwei Gründen, daß keine Anzeige gegen Unbekannt erstattet wur­de und nun auch nicht mehr erstattet werden konnte. Wenn es nicht der Sturm war (der sonst nirgends in der Stadt Schaden anrichtete), hätte man einen guten Anlaß gehabt, über das Verhältnis zwischen rechtsradikalem Rowdytum und klerikalem Konservatismus in Österreich nachzudenken.

    Wenn es aber der Sturm war, der einzig am Max-Reinhardt-Platz unter dreizehn gleich großen Bildern, die an der gleichen Fassade nebeneinander hingen, nur das Bild der Jelinek abriß – dann war in Salzburg in jener Nacht ein Wunder gesche­hen. Die vorschnelle Spurenbeseitigung hätte dann nicht Elfriede Jelinek und nicht den Festspielen geschadet, sondern dem Weihbischof Dr. Laun, dem genau dieses Wunder dereinst zur Heiligsprechung fehlen wird. Jene oberste Stelle, die sogar im Fall Rushdie noch vermittelnde Instanzen einspannt, hätte direkt gesprochen. Ihre Einmischung hätte erst klargemacht, welche ungeheure Breite die negative Jelinek-Rezeption für sich beanspruchen darf: vom Himmel bis zur ‚Kronen Zeitung‘.

    Ivan Nagel bedankt sich in seiner Preisrede für Elfriede Jelineks Programm in Salz­burg und positioniert sich gegen den Weihbischof, aber auch gegen die Festspiele, wenn er den Verantwortlichen vorwirft, dass sie sich für den Sturm entschieden und die Spuren beseitigt haben. In der Zeitschrift profil wird der Vorfall polemisch kommentiert:

    In der Nacht vom 23. August wurde des Bischofs öffentliches Stoßgebet […] endlich erhört. […] Wenn da nicht übereifrige Laun-Jünger am Werk waren, dann hat der Himmel zumindest einen launigen Sturm durch die Hofstallgasse geschickt, der sich zielgenau in Jelineks Porträt vergangen hat. In Salzburg geschehen halt noch Wunder.24

    Elfriede Jelinek glaubte nicht an Wunder. Für die „Dichterin zu Gast“ blieb es ein einmaliges Gastspiel in Salzburg. Eine weitere Inszenierung, die von den Salzburger Festspielen selbst herausgebracht wurde, kam seither nicht mehr zu­stande.


    Anmerkungen

    1. Vgl.: Loh, Lothar: Innenansichten einer Dichterin. In: Bühne 7-8/1998, S. 10-13. ↩︎
    2. Huber-Lang, Wolfgang: Bilanz eines Unbequemen. Ivan Nagel über seine erste und einzige Saison als Schauspielchef der Salzburger Festspiele. In: Bühne 7-8/1998, S. 18-19, S. 18-19. ↩︎
    3. N. N.: Der ewige Anfänger. Gespräch mit Ivan Nagel. In: Theater heute 7/1998, S. 12-17, S. 13. ↩︎
    4. Vgl.: Huber-Lang, Wolfgang: Bilanz eines Unbequemen, S. 19; N. N.: Der ewige Anfänger, S. 12. ↩︎
    5. N. N.: Der ewige Anfänger, S. 16. ↩︎
    6. Loh, Lothar: Innenansichten einer Dichterin, S. 10. ↩︎
    7. Jelinek, Elfriede / Landes, Brigitte (Hg.): Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften. München: btb 1998. ↩︎
    8. Das Symposion wurde vom Salzburger Literaturforum Leselampe, den Jungen Freunden der Salzburger Festspiele und dem Institut für Germanistik der Universität Salzburg mit Unterstützung von Akzente Salzburg und Elisabethbühne Salzburg veranstaltet und fand im Petersbrunnhof statt, in dem im Sommer Jelineks Theaterstück uraufgeführt wurde. ↩︎
    9. Nagel, Ivan: Eine Erinnerung an Salzburg 1998, wo der Erzbischof gegen sie predigte, wo ihr Bild vom Festspielhaus abgerissen wurde – und wo sie in den Köpfen und Herzen siegte. In: Landes, Brigitte (Hg.): stets das Ihre. Elfriede Jelinek. Berlin: Theater der Zeit 2006, S. 9. ↩︎
    10. Ebd., S.9. ↩︎
    11. Streeruwitz, Marlene: „Echos und Masken“. Rede zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung von Elfriede Jelinek im Rahmen der Salzburger Festspiele 1998. In: Kolik 5/1998, S. 3-12, S. 7. ↩︎
    12. Ebd., S. 7. ↩︎
    13. Kathrein, Karin: Auf den Spuren Jelineks: „Echos und Masken“. Eine Ausstellung im Salzburger Literaturhaus. In: Kurier, 8.7.1998. ↩︎
    14. Sichrovsky, Heinz: Reisen durch Jelineks Kopf. In: News, 16.7.1998. ↩︎
    15. Vgl.: Kathrein, Karin: Tiefe Bedrohung auf höchster Ebene. In: Kurier, 28.7.1998; Gabler, Thomas: „Eine schöne Frau, die mir gefällt“. In: Neue Kronen Zeitung, 28.7.1998; Cerha, Michael: Radikalität und verschiedene Ausweichmanöver. In: Der Standard, 28.7.1998; Haider, Hans (hai): Lockvögel, Kinder der Toten: Jelinek auf dem Feld der Ehre. In: Die Presse, 28.7.1998.x ↩︎
    16. Müry, Andres: Haß-Pause. In: Der Tagesspiegel, 28.7.1998. ↩︎
    17. Kathrein, Karin: Eine wunderbare Zumutung. In: Kurier, 1.9.1998. ↩︎
    18. Angerer, Tina: Vergebene Chance am Kanzlerufer. In: taz, 4.8.1998. ↩︎
    19. Ebd. ↩︎
    20. Thuswaldner, Werner: Aufregungen nur in der Kunst. In: Salzburger Nachrichten, 29.8.1998. ↩︎
    21. Ebd. ↩︎
    22. Laun, Andreas: Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 8.8.1998. Zit. n.: Janke, Pia (Hg.): Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich. Salzburg: Jung und Jung 2002, S. 223. ↩︎
    23. N. N.: Dolm der Woche. Andreas Laun. In: Falter 33/1998. ↩︎
    24. N. N.: Wer wo warum. In: profil, 31.8.1998. ↩︎

    © Erika Mayer

    CHRISTA GÜRTLER

    Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. 1997-2016 Geschäftsführung
    des Salzburger Literaturforums Leselampe und Redaktionsleitung der Literaturzeitschrift
    SALZ. 2008-17 Mitbegründerin und Kuratorin des Literaturfests Salzburg. Seit 2019 Obfrau des dazugehörigen Vereins. Lehrtätigkeit in Salzburg, u.a. zu Gender Studies. Herausgeberin von Haushofer, Marlen: Gesammelte Erzählungen (2023) mit Liliane Studer.

  • Dichter zu Gast 1998

    Dichter zu Gast 1998

    1998 war Ivan Nagel Direktor des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele. Er führte einen neuen Programmschwerpunkt ein, eine Schriftsteller*innenresidenz während der gesamten Festspielzeit, Autor*innenlesungen kuratiert von Dichter*innen.

    Der erste „Dichter zu Gast“ war ELFRIEDE JELINEK. Die Dichterin hatte „carte blanche“ einzuladen, wen sie wollte, einen Festspielsommer lang ihren literarischen Ver­wandten, den lebenden und toten, eine Stimme und eine Bühne zu geben. Die Einladung beinhaltete den Auftrag, ein Theaterstück zu schreiben, dessen Urauf­führung zum Schwerpunkt des Schauspielprogramms werden sollte. –

    Es sollten keine feierlichen Sonntagslesungen berühmter Dichter*innen durch be­rühmte Schauspieler*innen stattfinden, sondern wie Ivan Nagel schreibt, etwas anderes:

    Wir nehmen an, daß Literatur, Dichtung weder Bildung noch Erbauung ist, – son­dern Kunst: bald sengend hell, bald furchterregend düster. […] Eine Dichterin kommt zu Gast. Sie sagt uns, was für sie unentbehrlicher Wortlaut ist. […] Elfriede Jelinek hat Antworten gesucht auf unsere Frage, wer in der deutschen Literatur ihre Ahnen, Geschwister und Kinder sind. Die vielerprobte konventionsgeschützte Form der Dichterlesung könnte damit etwas Gewagtes, Abenteuerliches bekom­men.1

    Die Dichterin selbst bleibt, wie ihr heimlicher Protagonist Robert Walser, „hübsch beiseit“.

    Sie ruft ihre Sprachverwandten auf, oder anders, die wie sie, wenn überhaupt be­haust, es in der Sprache sind.

    Mir scheint an den Dichtern, die ich versammeln möchte, die Nichtsgewißheit das Gemeinsame zu sein. Die Dichtung dieser Nichtsgewissen kann den Anschein des Unwirklichen erwecken den der beruhigendsten, sichersten Wirklichkeit, nur daß im letzteren Fall der Dichter zwar der Wirklichkeit, aber seiner selbst nicht sicher ist. Jedenfalls ist er nicht heimisch und weiß auch nicht, wo er es sonst sein sollte. Und auch in sich ist er nie zu Hause. Dichter, die, wenn sie ich sagen, nicht sich selbst meinen, auch wenn sie unaufhörlich um ihr Ich kreisen mögen.2

    Sie stiftet Verwandtschaften unter Dichter*innen, ungewöhnliche Konstellationen, von denen manche der gewählten wohl selbst kaum gerechnet haben dürften. Friedrich Glauser mit Robert Walser, Georg Trakl mit Friedrich Hölderlin, Werner Schwab und Ernst Herbeck, Paul Celan mit Imre Kertész und Danilo Kis, Unica Zürn mit Walter Serner, Konrad Bayer und Sylvia Plath.

    Ich bekam das von Elfriede Jelinek schriftlich ausformulierte Konzept und meine Aufgabe war, diese Verwandtschaften mit Texten zu besiegeln bzw. nachzuwei­sen. Ausführlich beschreibt sie darin, was diese Dichter*innen verbindet, worin deren oft verblüffende Nähe besteht. So schwierig das auf den ersten Blick schien, musste ich nur ihrem Entwurf folgen, die Verwandtschaftsgrade in den Texten erkennen und zueinander in Beziehung setzen. Nicht Biographisches war der Leit­faden, nicht Leben, sondern Schrift: die Sprache. In poetologischen Essays gibt sie durch ihre Wahl auch Auskunft über ihr eigenes Schreiben.

    Mich interessieren also Dichter, die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selbst fremd, Verstörte, die aber besessen sind von der Präzision des Ausdrucks, als wollten sie sich bis zuletzt an etwas festhalten, bevor sie ihr eigenes Denken in den Verfall führt und sie den Verstorbenen nachsterben müssen.3

    Das gesamte Konzept ist in dem Buch Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften zu finden, Jelineks Essay nicht bei sich und doch zuhause im vorliegenden Band auch gesamt abgedruckt.

    Reise durch Jelineks Kopf

    Unter diesem Titel stand ein ganzer Tag, an dem bis in die Nacht alle Räume und Bühnen des Landestheaters bespielt wurden, der – neben anderen Lesungen und Gesprächen während der Dauer der Salzburger Festspiele – der Höhepunkt des Programms war. Die Geister, die sie gerufen und geladen hatte, lasen aus eigenen Werken, genauso wie Texte, die sie ausgewählt und zusammengestellt hatte, von den Schauspieler*innen gelesen wurden, die während der Zeit bei den Salzburger Festspielen engagiert waren. Das ganze Theater war ein Wörter summender Bie­nenstock.

    Im Marionettentheater las Elfriede Jelinek Werke von Marianne Fritz, Therese Af­folter rezitierte Lust, Wolf Haas brauchte dringend eine einzelne Glühbirne für die Vorstellung seines ersten Kriminalromans Komm, süßer Tod, Elfriede Gerstl las im Ballettsaal Gedichte, Sibylle Canonica trug Werke von Unica Zürn vor, Neda Bei rezitierte Anagramme, im Chorsaal las Heimrad Bäcker Nachschrift, auf einer Probebühne zeigte und las Brigitta Falkner Cartoons, auf der Bühne im großen Haus traten Martin Wuttke und Angela Winkler mit Texten von Konrad Bayer und Unica Zürn auf, Walter Schmidinger las Robert Walser. Hans Michael Rehberg hatte sich geweigert, einen Text von Binjamin Wilkomirski zu lesen, er fand ihn unglaubhaft. Er hatte das richtige Gespür. Denn zwei Mona­te später stellte sich heraus, dass es sich bei seinem 1995 im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948 um reine Erfindung handelt. Eine Blamage für uns, die damals nicht zu ahnen war.

    In meiner Erinnerung als Organisatorin der Veranstaltungen bleiben natürlich die unvermeidlichen kleinen Pannen und Unglücke vor allem in Erinnerung: Wie An­selm Glück am Nachmittag verstört seine Lesung abbrach, weil ihm die klappern­den Türen beim Kommen und Gehen der Besucher an den Nerven zerrten. Wie Christoph Schlingensief zu spät kam und seine 20 Minuten, die er in den Kammer­spielen für die Lesung aus Jelineks Kinder der Toten als Zeitfenster hatte, kaperte, um für seine neugegründete Partei Chance 2000 zu werben. Dort fand, mit immer wechselnden Beteiligten, eine Dauerlesung des ganzen Romans statt. Im Foyer der Kammerspiele wurden nonstop Jelineks Lieblings-Horror- und Splatter-Movies gezeigt, während auf der großen Bühne Ladies Only, eine Modenschau von Lisa D. mit Texten von Jelinek, stattfand.

    „Es war alles zuviel, aber irgendwie grandios, too much of everything…“, sagt El­friede Jelinek im Rückblick.

    Sigrid Löffler fasst in ihrer Rezension in Die Zeit vom 6.8.1998 den Tag, wie folgt, zusammen:

    Sie, selbdritt. Er nicht als er. Elfriede Jelinek als Gastdichterin in Salzburg:

    So gastfreundlich wie in diesem Sommer waren die Salzburger Festspiele noch nie. Sie luden eine Dichterin zu Gast und die darf ihrerseits Gäste mitbringen, ganz nach Herzens- und Leselust. So will’s ein neuer Programmschwerpunkt des eben angetretenen – und schon wieder abtretenden – Salzburger Schauspielleiters Ivan Nagel. Als „Dichterin zu Gast 98“ hat er sich, gemeinsam mit dem Sponsor Ber­telsmann, die Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek ausgeguckt, Österreichs hoch­angefeindete Kulturkampf-Ikone und liebste Haßfigur unter den Literaten.

    Demnach ist die Dichterin in Salzburg Ehrengast und Gastgeberin zugleich. Als Ehrengast steht sie mitsamt ihrem Werk im Mittelpunkt von Huldigungen, wird fest gelesen, fest gelobt und fest gespielt. Als Gastgeberin tritt sie bescheiden in den Hintergrund, um andere Dichter ins Licht und andere Werke ins Zentrum zu rücken, etwa am vergangenen Wochenende, als ihr neues Dramolett, Robert Wal­ser zu Ehren, uraufgeführt wurde und sich das Salzburger Landestheater mitsamt allen Nebenräumen zu einer „Reise durch Jelineks Kopf“ öffnete.

    Eine Kopfreise als zwölfstündiger Multimedia-Marathon, wie es Salzburg so extra­vagant und so trivial, so anspruchsvoll und so schräg noch nicht erlebt hat: Jelineks Lieblingshorrorfilme wurden gezeigt, ihre Lieblingsmode wurde vorgeführt (es war gewiß die erste Modenschau im Rahmen der Festspiele), ihre Lieblingsdichter, die lebenden und die toten, gaben sich ein Rendezvous, lasen und wurden gelesen. Am liebsten, sagt die Jelinek, würde sie gänzlich verschwinden hinter ihren Her­zensdichtern, ihren poetischen Schwestern und Brüdern im Geiste.

    Das gelingt natürlich nicht, im Gegenteil. Im Verschwinden bringt sie sich erst recht zur Geltung. Sie kann ihre wahlverwandten Dichter nicht zu Worte kommen las­sen, ohne auch von sich zu sprechen, stillschweigend. Indem von ihren Geistesge­fährten die nachdenkliche, erinnernde, huldigende Rede ist, werden sie kenntlich – als Fixsterne in Jelineks Dichterkosmos. Im Spiegel all der verfolgten, verjagten, verstummten, verrück­ten, verunglückten Poeten ihrer Wahl reflektiert sie, so überdeutlich wie verschwiegen, sich selbst.

    Und wenn die Jelinek in ihrem Dramolett Robert Walser begegnet, dann will sie in dieser Begegnung sich selber treffen, naturgemäß.

    Die Sprachspieler liebt sie, die zwanghaften Wort­klauber wie Unica Zürn, verstrickt in die Regelwerke ihrer Anagramme und Palindrome. An den Dandys wie Walter Serner oder Konrad Bayer schätzt sie den wegwerfenden Gestus, die hochfahrende Selbstver­geudung, die Stilsucht. Die Verstörten haben es ihr angetan, die Außenseiter, die Kranken, die Süchtigen, die Selbstmörder, die Langzeitpatienten, die heiligen Narren – von Hölderlin/Scardanelli bis Herbeck, von Trakl bis Celan, von Glauser bis Plath. An Bildern inspiriert sie sich, etwa am letzten Schnappschuß ei­nes toten Dichters mit weggekollertem Hut: der Spa­ziergänger und Pflegling der Anstalt Herisau, Robert Walser, im Weihnachtsschnee, vom Herzschlag ge­fällt und hintübergestürzt, einen Arm ausgestreckt, ein halbierter Kruzifixus.

    Walsers Hut setzt denn auch den Schlußpunkt in Jelineks neuem Stück „er nicht als er (zu, mit Robert Walser)“: Während der Anstaltsinsasse und gewesene Dich­ter aufbricht zu seinem letzten Spaziergang, fällt sein Hut vielsagend vom Haken. Blackout. Ein Einfall des Regisseurs Jossi Wieler, der die umjubelte Uraufführung bei den Salzburger Festspielen ins Werk setzte, in Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus (wo die Inszenierung ab Herbst gezeigt wird). In gewohnter Sprö­digkeit verweigert Jelineks Text jede szenische Handhabe. Herkömmliche Rollenzu­schreibung und Dialogform kümmern sie längst nicht mehr. Also müssen Wieler und sein Dramaturg Tilman Raabke zusehen, wie sie zu 34 Seiten Prosatext einen Büh­nenvorgang erfinden. Sie stellen den Text um, streichen die Hälfte, erlösen Dialoge, wo scheinbar gar keine sind, und bauen im übrigen auf ihre Bühnenbildnerin ANNA VIEBROCK und deren fabelhaft beklemmende Wartehöhlen, Wartehöllen.

    Diesmal liegt, im gräulichen Licht, der miefige Tagesraum einer Nervenklinik, die Sitzmöbel genauso verschlissen wie die Insassen – das Schattenreich chronischer Patienten wie Robert Walser (André Jung), der unerwartet Besuch erhält. Einen Besuch wie eine Heimsuchung. Drei Damen stolpern herein, um dem verstummten Dichter zu huldigen – mondän und etwas zickig. Nicht nur die Zopffrisur und die Baskenmütze signalisieren: Es ist Sie, selbdritt (Marlen Diekhoff, Ilse Ritter, Lore Stefanek), die für sich ein Dichtertreffen mit dem berühmten Kollegen inszeniert. Es entspinnt sich ein Dialog des hohen Aneinandervorbeiredens, so preziös wie komisch. Dem kostbaren Redeschwall der drei Jelinek-Damen setzt der verstörte Heiminsasse erst sein Schweigen, dann seinen verschwiegenen Spott entgegen: Er spricht, aber nicht als er. Jossi Wieler gelingt das Schwierigste: Er hält den Dichter­gipfel in der Schwebe zwischen Huldigung und Hohn. Wenn die beredte Jelinek dem verstummten Walser ihre Sprache leiht, dann ist das ja ein Akt der Demut. Oder der Anmaßung.4

    In der taz schrieb Uwe Mattheis, dass auf Salzburgs Bühnen in diesem Sommer die „Männer ihr Seelenleben erklären“ und Nagel ein „allerdings aufgewertetes Damenprogramm“ als Gegengewicht zur „Bündelung expansiver Männlichkeit“ ersonnen hatte.

    Elfriede Jelinek, erstmals „Dichterin zu Gast“ im Salzburger Sommer, geriet zum Glücksfall für die Festspiele. An vier Abenden „Jelineks Wahl“ organisierte sie eine völlig neue Form der Darreichung von Literatur und des Sprechens über Literatur für die Salzburger Festspiele.5

    Wir hielten uns nicht damit auf, Gegenpositionen zu beziehen, die Wahl sprach für sich. Aus „dem“ Dichter musste keine Dichterin gemacht werden. Es gab kein Gendersternchen, keinen Bindestrich, keinen Doppelpunkt. Der Dichter war eine Dichterin. Punkt. Dass es sich bei den altbewährten Salzburger Festspielen um pa­triarchale Strukturen handelt, daran gab es keinen Zweifel, es konnte gar nicht anders sein, und es war so. Vor Kämpfen, die hinter den Kulissen stattfanden, hat Ivan Nagel uns liebenswerterweise verschont, es musste uns nicht beschäftigen. Bis es zu einem veritablen Skandal kam. In seiner Laudatio zum Büchnerpreis im Oktober desselben Jahres für Elfriede Jelinek erzählte Ivan Nagel die ganze Ge­schichte:

    Das Selbstverständlichste ist: Wir Menschen sind Männer oder Frauen. Das Be­fremdlichste ist: Es gibt Mann und Frau; den Menschen gibt es nicht. Vor Jelineks Blick, dem befremdeten, niemals verständnisvollen, bricht das Menschsein entzwei.

    Wer sich an Selbstverständlichkeiten hält, der braucht keine Literatur. Aber es gibt seit zweieinhalbtausend Jahren eine Literatur des Verstehenwollens: Sie hat, von Euripides über Laclos bis Flaubert, viel Unruhe und Erkenntnis in die Sache der beiden Geschlechter gebracht. Sie überbringt uns abwechselnd zwei Nachrichten. Sie sagt: Mann und Frau sind sich unähnlich genug, um einander zu begehren und zu begatten. Oder sie sagt: Mann und Frau sind sich ähnlich genug, um einander zu hassen und auszubeuten. Jelineks Werk des Un-Verständnisses dagegen proto­kolliert: Mann und Frau sind sich untrennbar fremd; deshalb müssen sie einander begehrend ausbeuten, hassend begatten. Das Werk des Befremdens, das ich heute loben will, ist fast unerträglich; aber stark und notwendig.

    Mehr Feindschaft als Elfriede Jelinek hat wohl, außer den deklarierten Staatsfein­den totalitärer Regime, kein Schriftsteller der zweiten Jahrhunderthälfte auf sich gezogen. Als Kunst- und Kulturschänderin wurde sie auf einem Wahlplakat Jörg Haiders angeprangert. Die „Kronen Zeitung“, Österreichs größtes Blatt, griff sie zweimal im Monat, manchmal zweimal in der Woche als rote Pornographin an. Als ich sie bat, in diesem Sommer das Literaturprogramm der Salzburger Festspiele auszudenken, wurde dem Rundfunk und den Zeitungen das Gerücht von einem schweren Defizit der Festspielsparte Schauspiel zugesteckt: Es könnte nur durch die Streichung des Jelinek-Programms (darunter ihres neuen Stückes) behoben werden. Das Seltsamste, Erzählwürdigste geschah aber erst während der Festspiele.

    Seit der Eröffnung der Festspiele am 25. Juli hingen an der Fassade des Festspiel­hauses, je 4 Meter hoch, dreizehn Bildnisse der Verfasser aller aufzuführenden Opern und Theaterstücke, darunter das Porträt Mozarts, Verdis, Büchners, Elfriede Jelineks. Am 8. August brachten die Salzburger Nachrichten einen Leserbrief des Salzburger Weihbischofs Dr. Andreas Laun: „Am Festspielhaus vorbeigehen, nein, danke, dort würde mich das überlebensgroße Bild von Frau Jelinek an ihre Klo­setts auf der Bühne des Burgtheaters erinnern und daran, wie unflätig sie sich über Christen äußert und wie sie über Salzburg schimpft (statt abreist!).“ Vom 12. bis zum 22. August tobte eine Debatte der Zeitungsleser: Manche priesen den Weihbi­schof, manche klagten ihn der Herrschaft und Intoleranz an. Dann wurde der Streit an höherer Stelle entschieden.

    Am Sonntagmorgen, dem 23. August, hing das Jelinek-Porträt zu Streifen zerfetzt an seinen eisernen Befestigungsstangen. Als ich das gegen Mittag erfuhr und zum Festspielhaus eilte, war nichts mehr davon zu sehen. Die Festspielleitung hatte be­schlossen, dass das Bild von einem Sturm in der Samstagnacht abgerissen worden sei; die Arbeiter der Bühnentechnik beseitigten sofort die Reste. Ich bedauere aus zwei Gründen, dass keine Anzeige gegen Unbekannt erstattet wurde (und jetzt nicht mehr erstattet werden konnte). Wenn es nämlich nicht der Sturm war (der sonst nirgends in der Stadt Schaden angerichtet hatte), hätte man einen starken Anlass gehabt, über die Komplizität zwischen klerikaler Verstocktheit und rechts­radikalem Rowdytum in Österreich nachzudenken.

    Wenn es aber der Sturm war, der einzig am Max-Reinhardt-Platz unter dreizehn gleich großen Bildern, die an der gleichen Fassade hingen, nur das Bild der Jelinek abriss – dann war in Salzburg in jener Nacht ein Wunder geschehen. Die vorschnel­le Spurenbeseitigung hätte dann nicht Elfriede Jelinek und den Festspielen gescha­det, sondern dem Glaubenskämpfer Dr. Laun: Könnte ihm dereinst nicht genau dieses Wunder zur Seligsprechung fehlen? Jene oberste Stelle, die sonst in heiklen Fällen gern vermittelnde Instanzen vom Konzil bis zum Dorfpfarrer einschaltet, hätte sich diesmal direkt geäußert. Ihre Einmischung sollte offenbaren, welche universale Breite von Verdammung Elfriede Jelinek hatte und verdiente: von der Boulevard-Schlammpresse bis zum Himmel.6

    Es gehört zu den Paradoxien der Festspielgebarung, daß Ivan Nagel ausgerech­net deswegen nach diesem Sommer gehen soll. Der Jelinek-Schwerpunkt hat den Schauspieletat überzogen. Nagel hat die Aktie Jelinek zum Tiefststand gekauft, als die Blauhemden von der Haiderpartei sie noch aus dem Land zu ekeln suchten und sich wenige Stimmen in Österreich daran störten. Für dieses gelungene Investment bekommt Nagel nun die Papiere.7,

    schrieb Uwe Mattheiß in der taz. Nagel ist allerdings selbst von seinem Posten zu­rückgetreten. Der Skandal selbst löste sich auf, als wäre er ein Sturm im Wasserglas gewesen.

    Die Reihe wurde noch einige Jahre fortgeführt. Bis auf eine Ausnahme 2003 mit CHRISTIA WOLF waren es Herren. Anstelle der Nichtsgewissheit trat Selbstgewissheit auf. Die künftigen Dichter luden ihre ebenfalls berühmten Freunde ein. 2005 gab es unter eben dem Titel Dichter zu Gast eine Dauerlesung aus dem Roman Die Kinder der Toten, wohl anlässlich der Verleihung des Nobelpreises.

    Als ich im Archiv der Salzburger Festspiele, in dem sämtliche Aufführungen und Veranstaltungen von Beginn an bis heute gelistet sind, nach „1998 Dichter zu Gast“ suchte, sah ich, dass das Programm bemerkenswert unvollständig, schlampig und falsch dokumentiert ist. Das ganze Material liegt in Form eines ausführlichen Pro­grammheftes, in einem Schuber, für alle Veranstaltungen mit allen Beteiligten vor. Honi soit qui mal y pense. Patriarchale Strukturen der Salzburger Festspiele? Voilà!


    Anmerkungen

    1. Nagel, Ivan: Lügnerin und Wahr-Sagerin. Über Elfriede Jelinek. Rede zum Büchner-Preis 1998. In: Nagel, Ivan (Hg.): Schriften zum Drama. Berlin: Suhrkamp 2011, S. 301-311, S. 303-305. ↩︎
    2. Jelinek, Elfriede: nicht bei sich und doch zu hause. In: Jelinek, Elfriede / Landes, Brigitte (Hg.): Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften. München: Wilhelm Goldmann Verlag 1998, S. 13-14. ↩︎
    3. Ebd., S. 14-15. ↩︎
    4. Löffler, Sigfrid: Elfriede Jelinek als Dichterin zu Gast in Salzburg. In: Die Zeit, 6.8.1998. ↩︎
    5. Mattheiß, Uwe: Wissende Einfühlung. In: taz, 4.8.1998. ↩︎
    6. Nagel, Ivan: Lügnerin und Wahr-Sagerin, S. 303-305, S. 305. ↩︎
    7. Mattheiß, Uwe: Wissende Einfühlung. ↩︎

    BRIGITTE LANDES

    Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Nach Engagements u.a. am Theater
    am Turm, am Schauspiel Frankfurt, am Hamburger Schauspielhaus und am Thalia Theater arbeitet sie als freie Dramaturgin, Übersetzerin und Regisseurin. Autorin u.a. der Publikationen Leben, ein Lesebuch (2008), Alles Theater: Schauspielerporträts (2015) zusammen mit Margarethe Broich und Im Romanischen Café (2020). Co-Autorin von Angela Winklers autobiographischen Skizzen Mein blaues Zimmer (2019).

  • Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen – Dokumentation

    Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen – Dokumentation

    Timeline

    26.7.-30.8.1998

    Dichterin zu Gast ‘98. Elfriede Jelinek

    Ivan Nagel, der neue Schauspielchef der Salzburger Festspiele, lädt JELINEK 1998 als „Dichterin zu Gast“ ein. Jelinek gestaltet für das Landestheater vier Lesungen (Jelineks Wahl I-IV), für die sie Werke anderer Dichter*innen auswählt, und die Veranstaltung Reise durch Jelineks Kopf, die von 11 Uhr bis 23 Uhr dauert. Ihr Theatertext er nicht als er wird in der Salzburger Elisabethbühne uraufgeführt (Inszenierung: Jossi Wieler). Die Veranstaltungsreihe wird mit einer Hommage an Elfriede Jelinek eingeleitet und von einer Filmnacht mit Horrorfilmen, der Ausstellung Echos und Masken im Literaturhaus und einem Symposium begleitet.

    17. und 18.8.2003

    Macht nichts, Inszenierung: Jossi Wieler

    Jelineks Theatertext Macht nichts wird als Sieger des Mühlheimer Dramatikerpreises 2001 in der Serie der Salzburger Festspiele The winner is… zwei Mal auf der Perner Insel, Hallein aufgeführt. Es handelt sich dabei um ein Gastspiel des Schau­spielhauses Zürich.

    29. und 30.8.2004

    Das Werk. Inszenierung: Nicolas Stemann

    Jelineks Theatertext Das Werk wird als Sieger des Mühlheimer Dramatikerpreises 2003 in der Serie der Salzburger Festspiele The winner is… zwei Mal im Landestheater aufgeführt. Es handelt sich dabei um ein Gastspiel des Wiener Burgtheaters.

    21.8.2005

    Dichterin zu Gast. Elfriede Jelinek

    Lesung aus Jelineks Roman Die Kinder der Toten im Landestheater mit Susana Fernandes Genebra, Gerhard Peilstein, SOPHIE ROIS, Martin Schwab und ELISABETH SCHWARZ; Leitung: Martin Kušej.

    12-14.8.2022

    Interdisziplinäres Symposium KAPITAL.GESCHLECHT

    Das Symposium wird vom Interuniversitären Forschungsverbund Elfriede Jelinek der Universität Wien und der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie dem Elfriede Jelinek-Forschungszentrum veranstaltet. Es findet in Kooperationen mit den Salzburger Festspielen und dem Literaturarchiv Salzburg statt und befasst sich – ausgehend vom Werk Elfriede Jelineks – mit den Zusammenhängen von Geschlecht, Kapital und patriarchaler Macht.


    Auszug aus einem Interview mit Ivan Nagel

    BÜHNE: Warum haben Sie Jelinek ausgewählt?

    IVAN NAGEL: Meine erste Entscheidung für die Saison 1998 hieß: Das gesamte Literaturprogramm wird nicht von mir entworfen, auch nicht von einem Dramaturgen, sondern von einem Dichter dieser Zeit. Der erstaunliche künstlerische Mut, die Entschiedenheit und Dichte der Prosaarbeiten Elfriede Jelineks hat den Ausschlag gegeben, sie als erste zu bitten. Selbstverständlich wußte ich, daß unser artistisches Engagement auch ein politisches bedeutete – und ich stand dazu. Jelinek hat zunächst zweimal abgelehnt – damals tief bedrückt durch die unsäglichen Angriffe Jörg Haiders und der Kronen Zeitung. Bedenken Sie: Im Februar 1997 gab es weder die monumentale Sportstück-Aufführung am Burgtheater noch den Büchner-Preis. Endlich sagte sie zu. Ich spürte, wie die Arbeit an Jelineks Wahl ihr half, aus der Trauer und Angst herauszukommen.

    BÜHNE: Wie weit hat Elfriede Jelinek tatsächlich dieses Programm beeinflußt?

    IVAN NAGEL: Alle Texte der Lesungen sind von ihr ausgewählt, von ihr strukturiert mit Beistand der Dramaturgin BRIGITTE LANDES. Die zwölf Stunden der Reise durch Jelineks Kopf sind der Versuch, anhand ihrer eigenen Auswahl ein Innenbild ihres gesellschaftlichen, ästhetischen und persönlichen Bewußtseins zu zeichnen. Ihr befreundete Dichter und Künstler sind dabei; bedeutende SchauspielerInnen lesen neue und alte Texte; Horrorfilme, ja eine Modenschau werden vorgeführt. Nur ein einziges Programm der Reihe stammt von mir: die Hommage an Jelinek. Tabori, Turrini und ich werden da reden, drei wunderbare Schauspielerinnen aus drei Generationen lesen Anfangskapitel aus Jelineks Romanen: Annemarie Düringer, Therese Affolter, Annette Paulmann. […]

    BÜHNE: Was haben Sie von Frau Jelinek gelernt?

    IVAN NAGEL: Radikalität in dem Versuch, etwas so zu sagen, wie es eine innere Erkenntnis verlangt – nicht steckenzubleiben in den Gemeinplätzen und Routinen, die im Rahmen eines zivilisierten Umgangs von einem erwartet werden. Jelinek ist sicher unbequem; das Salzburger Publikum mit Jelinek zu konfrontieren ist sicher unhöflich. Aber Kunst ist weder eine Tanzschule noch eine Konditorei.

    BÜHNE: Manche Salzburger Politiker sollen über Ihren Jelinek-Schwerpunkt nicht gerade begeistert gewesen sein?

    IVAN NAGEL: Ich muß leider annehmen, daß eine Intrige gegen das Jelinek-Programm stattgefunden und beinahe Erfolg gehabt hat. Ein Vorschlag an das Kuratorium, die Kernpunkte des Jelinek-Programms wegzustreichen, fiel genau mit der falschen Nachricht an den ORF zusammen, das Schauspiel (allein das Schauspiel) habe ein schweres Defizit. Dieser Intrige nachzugehen wäre eine Halbjahresaufgabe für Sherlock Holmes – für mich nur Zeit- und Energieverschwendung. Direktorium und Kuratorium haben schließlich dem vollen Jelinek- Programm zugestimmt; und ich habe mit der Undurchsichtigkeit der Salzburger Entscheidungsstrukturen, mit deren Einbindung in Politik und Fremdenverkehr, ab 1. September nichts zu tun.

    aus: Wolfgang Huber-Lang: Bilanz eines Unbequemen. Bühne, Juli/August 1998.


    Auszug aus einem Interview mit Elfriede Jelinek

    NEWS: Elfriede Jelinek als Gegenstand der Zelebration seitens des elitärsten Festivals der Welt – ist das für Sie nicht ein perverser Zustand?

    ELFRIEDE JELINEK: Ich habe mir selbst die Frage gestellt, wie ich das aushalten soll. Es ist ja fast noch schlimmer, gefeiert als angepinkelt zu werden. Andererseits kommt es darauf an, wer einen feiert. Und das sind, Gott sei Dank, nicht die falschen Leute, sondern solche, von denen ich gern gemocht werden möchte. Wenn mich ein Ivan Nagel dafür auswählt, lasse ich mich feiern und stehe es hoffentlich sogar durch. Obwohl ich nicht wissen werde, wohin ich schauen soll, wenn sie mich zu feiern beginnen. Das Schlimme ist ja, daß ich auch noch mitwirken muß.

    aus: Heinz Sichrovsky: Reise durch Jelineks Kopf. News, 16.7.1998.


    Auszug aus der Ausstellungseröffnungsrede von Marlene Streeruwitz

    In einer solchen heilenden Verunsicherung der Unsicherheit stellt das Werk von Elfriede Jelinek in der aufdeckenden Verfremdung der Paronomasie in Grammatik und Lexikalik und Textstruktur eine politische, eine politisch-ästhetische und ästhetische Besonderheit dar. Die Erkundung dieser Dimensionen wird in der Ausstellung „Echos und Masken“ möglich gemacht. Diese Dimensionen werden Gegenstand der ausführlichen Laudatio zum Büchner-Preis sein, zu dem ich hier noch einmal herzlich gratulieren möchte.

    Ich will Ihnen aber die ästhetische Dimension noch besonders ans Herz legen. Die politische und die politisch-ästhetische Dimension sind integrierende, ja konstituierende Bestandteile der Literatur von Elfriede Jelinek. Sie entspringen dem Impetus und dem Wissen zur Äußerung.

    Aus der Rede von Marlene Streeruwitz zur Eröffnung der Ausstellung Echos und Masken im Salzburger Literaturhaus, 3.7.1998. Zit.n.: Pia Janke (Hg.): Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich. Salzburg: Jung & Jung 2002, S. 218.


    Leserbriefe

    Ich gehe vom Kapitelplatz über den Domplatz zum alten [sic] Markt. Wo bin ich? In Salz­burg? Natürlich, mitten im Weltkulturerbe. Nur: auf dem Kapitelplatz werfen ein paar wenige Jugendliche auf einen Basketballkorb, andere üben auf einer Anlage für Rollerblades. Traurig gehe ich weiter und stoße auf dem Domplatz auf die Vorbereitung eines Rockkonzerts. Der Lärm („Musik“ zu schreiben, verbietet mir der Gedanke an Mozart) wird durch die Arkaden hinausquellen und weite Teile der Innenstadt akustisch verschmutzen. Daß ich nicht dort wohne, ist ein schwacher Trost.

    Ich biege um die Ecke und gehe weiter zum Alten Markt. Aber da verstellt mir den Blick und den Schritt ein vielleicht drei Meter hohes Kunstwerk, das aus nichts anderem besteht als aus Bierkisten. An dieser Stelle meines Spaziergangs reden mich Leute an. Bevor ich etwas sagen kann, machen sie ihrer Empörung Luft und sagen all das, was ich mir gedacht habe. Ich fand niemanden, der widersprach, im Gegenteil!

    Eigentlich wollte ich weitergehen, aber am Festspielhaus vorbeigehen – nein, danke, dort würde mich das überlebensgroße Bild von Frau Jelinek an ihre Klosetts auf der Bühne des Burgtheaters erinnern und daran, wie unflätig sie sich über Christen äußert und wie sie über Salzburg schimpft (statt abreist!).

    Salzburg wird all die peinlichen Entgleisungen von heute überleben wie Österreich den Herrn Nitsch und so manch andere. Gerade deswegen das „heutige“ Salzburg ein Weltkulturerbe? Wirklich nicht!

    Weihbischof P. Dr. Andreas Laun

    Kapitelplatz 2

    5020 Salzburg

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 8.8.1998.

    […] Jetzt biegt der untröstliche Bischof um die Ecke und entdeckt auf dem Alten Markt – oh Schreck! – ein modernes Kunstwerk. Empörend! Der fromme Mann weiß nicht mehr wohin, auch vor das Festspielhaus traut er sich nicht, denn dort würde er gar auf ein Poster der Schriftstellerin Elfriede Jelinek stoßen!

    Keine Angst. Nur Mut auf Ihrem Weg, Herr Bischof: Kämpfen Sie weiter in Gottes Namen, daß die Jugendlichen aus Salzburg vertrieben, daß diese lebenden Künstler verbrannt werden, daß das Todesmuseum endlich Wirklichkeit wird! Verpassen Sie der Stadt die Letzte Ölung! Die Zeit bis dahin können Sie sich mit Lesen vertreiben, z. B. „Die Ursache“ von Thomas Bernhard: „Alles in dieser Stadt ist gegen das Schöpferische, …, die Heuchelei ist ihr Fundament, und ihre größte Leidenschaft ist die Geistlosigkeit, und wo sich in ihr Phantasie auch nur zeigt, wird sie ausgerottet.“ Amen.

    Tomas Friedmann

    Literaturhaus Salzburg

    Strubergasse 23

    5020 Salzburg

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 17.8.1998.

    […] Über Christen wie Sie schimpft Frau Jelinek zu recht. Ihre Schreibweise, Herr Bischof, ist kaum zu übertreffen. Ich kenne ähnliche Artikel aus ihrer Feder, die zur Zeit des beginnenden Volksbegehrens erschienen sind. Vielleicht sollten Sie gelegentlich Matthäus 23 lesen, was die Evangelisten mit Christi großartiger Lehre wohl gemeint haben könnten.

    Dabei hätten Sie so gute Vorbilder wie etwa Kardinal Franz König! Der hat sehr viel für den Glauben und die Kirche bewirkt. Darum war es wohl auch der Kardinal, der die Festspiele eröffnet hat. Das muß Ihnen ein einfacher Christ einmal ganz offen sagen dürfen!

    Dr. med. vet. Erich Heller

    4902 Ottnang 102

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 17.8.1998.

    Das Weltkulturerbe Salzburg ist gesäubert von Jugendlichen, Arbeitslosen, Kindern, Frauen und anderen Randgruppen der Gesellschaft, ausgesiedelt in die Außenbezirke. Punker werden nur noch zu dann doch nicht stattfindenden Chaostagen unter 3000facher Polizeibewachung in die Stadt gebracht. […] An der Wand des Festspielhauses, das nur noch wirklich wertvolle Stücke (Mozart, Mozart und Mozart) bietet, werden groß-formatige Bilder von Jelinek, Bernhard und anderen Nestbeschmutzern an den Pranger gestellt, damit allen Bürgern vor Augen gehalten wird, welche Auswüchse die Kunst haben kann. Endlich ist das Ziel erreicht: Eine Stadt, still und seiner Verantwortung als Weltkulturerbe bewußt, ohne das bunte Treiben, das „Leben“ heißt. Laun braucht nicht mehr traurig durch die Stadt zu spazieren.

    Martin Herzog

    Mag. Doris Herzog

    Friedrich Rücker

    Bayernstraße 23

    5020 Salzburg

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 12.8.1998.

    […] Welch weihevolle sperrige, verstakste Stimmung wünschen sich denn nur die Herren hinter den Gemäuern des Domkapitels? Vielleicht fliegt einmal ein Kinderball auf einen erzbischöflichen Schreibtisch. Das depressive Ghetto der katholischen Kirche, es ist noch für Menschen da, wer soll den alles, außer Frau Jelinek, in die Verbannung geschickt werden? Vielleicht geht man sich wirklich besser aus dem Weg.

    Dr. Lisa Bock

    Waagplatz 1

    5020 Salzburg

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 17.8.1998.

    Wenn ein Vertreter der katholischen Kirche in Argumentationsweisen dümmlicher Boulevardzeitungen bzw. neofaschistoider Parteilogik verfällt, indem er die sehr ehrenwerte Frau Jelinek und den sehr ehrenwerten Herrn Nitsch verbal beschmutzt, zeigt das großes Unvermögen bzw. die Unfähigkeit, die Freiheit der Kunst zu akzeptieren.

    Mag. Raimund Stadlmair

    Strubergasse 45/12

    5020 Salzburg

    Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 17.8.1998.

  • „Du Hofmannsthal“

    „Du Hofmannsthal“

    Die Zurichtung der Buhlschaft, oder: Jeder Mann ist ein Herbert oder Herbert als Jedermann

    Mit Die Buhlschaft in Herbert verbindet Lydia Haider Themen des klassischen Thea­ters bzw. der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts mit aktuellen Gewalttaten von Männern. Durch diese Verknüpfung gelingt es der Autorin einerseits, Hugo von Hofmannsthals Jedermann innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts zu situieren und andererseits auch die dem Werk immanenten stereotypisierten Geschlechter­bilder und patriarchalen Denkformen offen zu legen.

    Von Herbert zu Hofmannsthal und zurück

    Lydia Haiders Text Die Buhlschaft in Herbert geht ursprünglich auf ein 2023 im Haymon-Verlag veröffentlichtes Projekt zurück, in dem sich die Schriftstellerin gemeinsam mit Marina Weitgasser und mir, Judith Goetz, mit verschiedensten Gewalttaten von Männern in Österreich auseinandersetzte. Für Du Herbert hat­te Marina Weitgasser 2020 ein Jahr lang Screenshots aller Meldungen der orf.at-Startpage gesammelt, die männliche Gewalttaten dokumentieren. Diese rund 450 Taten fungierten als Ausgangspunkt des von Haider verfassten literarischen Texts, in dem Herbert als Inbegriff eines männlichen Gewalttäters im Rahmen ei­nes kaum aushaltbaren Inneren Monologs von all diesen – seinen – Taten erzählt. Mein Beitrag wiederum war es, den „Einblick in die Grausamkeit“ – so der Unter­titel des hybriden Textformats – durch eine einführende Einleitung sowie die Fülle von Taten durch erklärende Fußnoten zu kontextualisieren und dadurch auch mit gängigen Mythen aufzuräumen, die Gewalt immer noch vorrangig bei den „ande­ren“ orten. Als durchwegs facettenreich erwiesen sich in unserer intensiven Aus­einandersetzung mit dem Jahr 2020 folglich nicht nur die Tatwaffen, mit denen Männer anderen Menschen – Frauen wie Männern – Gewalt antun, sondern auch die Berufe der Täter, wie ein Abschnitt aus der Einleitung zusammenfasst:

    Wenngleich die häufigsten Mittel der männlichen Gewaltan­wendung 2020 (Küchen-)Messer und Schusswaffen sowie kör­perliche Gewalt darstellten, reichten sie von einem Fondue-Spieß, einem Sparstrumpf über Schwerter, Schnitzelklopfer, Golfschläger, Pfefferspray, Schraubenzieher, Macheten bis hin zu Schuhlöffeln, Lattenroststangen oder Äxten und Hundeleinen. Ebenso unterschiedlich sind die beruflichen und sozialen Hintergründe der Täter, zu denen neben (hochrangigen) Polizisten oder (Polizei-)Ärzten u.a. auch Gastwirte, Köche, Lehrer, Bankmanager, Feuerwehrmänner, Politiker, Busfahrer oder (einfache) Jugendliche zählten. Entgegen hegemonialer Vorstellungen findet männliche Gewalt in allen Berufsgruppen statt und wird mit allen möglichen und vorhandenen Mitteln von Männern ausgeübt.1

    So weit, so grausam. Doch für Lydia Haider, die sich vor allem mit ihren kon­troversen und provokativen Werken einen Namen gemacht hat, offensichtlich noch nicht genug. Mit Die Buhlschaft in Herbert nimmt sich die Autorin erneut der skizzierten Gewaltthematik an und verflicht ihre Bearbeitung der ersten 57 Taten in Du Herbert mit den spärlichen Textpassagen des einzig relevanten weiblichen Charakters aus Hugo von Hofmannsthals Theaterstück Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes – der Buhlschaft. Durch die Situierung einer seit jeher viel diskutierten dramatischen Figur innerhalb eines männlichen Gewaltkontexts bearbeitet Haider nicht nur die patriarchalen Fundamente von Hofmannsthals Werk, sondern widmet sich auch den begrenzten Handlungsoptionen kleingehal­tener weiblicher Charaktere. Ohne den Blick auf die in die Werke eingeschriebenen Geschlechterverhältnisse, Vorstellungen von Weiblich- und Männlichkeiten sowie patriarchalen Denkmuster kann folglich keiner der Texte verstanden werden.

    Jedermannsfrauen

    In der Darstellung der Frauen in Hofmannsthals Stück Jedermann spiegeln sich die geschlechtsspezifischen Stereotype wider, die sowohl die Gesellschaft als auch die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und somit auch das Werk des österreichischen Schriftstellers prägten. Sei es Jedermanns Mutter, des Schuldknechts Weib, die etli­chen jungen Fräulein oder die Buhlschaft – sie alle bleiben ohne Namen, Geschichte, Tiefgang und Persönlichkeit und werden in erster Linie über ihre Beziehung zu den bedeutsameren Männern als „Mutter von“, „Weib von“ oder „Buhlschaft von“ in ein auf Männer fokussiertes Geschehen eingeführt. Auch die für Hofmannsthals Werk typischen, dichotomen und stereotypisierten Weiblichkeitsvorstellungen fin­den sich in Jedermann wieder. So lassen sich die wenigen weiblichen Charaktere in die einander gegenübergestellten Extreme Mutter oder Verführerin bzw. Heilige oder Dirne/Hure einordnen. Die Aufspaltung in scheinbar tugendhafte und heilige Frauentypen auf der einen Seite und verführerische und sündhafte weibliche Fi­guren auf der anderen Seite dient letztlich auch der Bewertung zulässiger (weil im Einklang mit bestehenden Moralvorstellungen) und weniger zulässiger Lebensent­würfe. Die Reduktion auf zwei vereindeutigte Identifikationspositionen für Frauen begrenzt zudem weibliche Entfaltungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen.

    Zu einer Verstärkung dieser Beschränkung trägt darüber hinaus auch die geringe Bühnenpräsenz von Frauen in Hofmannsthals Jedermann bei, sodass selbige nicht nur selten zu Wort kommen, sondern auch ihre Möglichkeiten zu handeln und auf das Geschehen Einfluss zu nehmen eingeschränkt bleiben. Ihre Charaktere blei­ben oberflächlich, da dem Publikum verwehrt bleibt, Einblicke in ihre Emotionen, individuellen Bedürfnisse oder Sichtweisen zu erlangen. Obgleich es sich bei der Buhlschaft um die wichtigste weibliche Figur des Stücks handelt, stellt sie keine Ausnahme dar. Im Gegenteil lassen sich an der Präsentation und Beschreibung der Figur ebenfalls zahlreiche Aspekte feministischer Kritik an der oberflächlichen und stereotypen Darstellung weiblicher Charaktere in der Literatur festmachen. Auch die Buhlschaft bleibt auf ihre Beziehung zu Jedermann reduziert und dadurch weitgehend in ihrer passiven und untergeordneten Rolle als eindimensionales Ob­jekt seiner Begierde verhaftet. Der auffällige Altersunterschied zwischen der Buhl­schaft und dem Jedermann, die emotionale Arbeit, die sie für ihn übernimmt, und der Fokus auf ihre verführende und lustvolle Körperlichkeit dienen letztlich der Reproduktion stereotyper und antiquierter Weiblichkeitsvorstellungen – und das zumeist bis heute, wie das weitgehende Fehlen feministischer Auseinandersetzun­gen mit dem Werk in seinen aktuellen Inszenierungen untermauert.2 Gerade die skizzierten Einschränkungen verwehren der Buhlschaft nicht nur die Möglichkeit zu einer eigenständigen Entfaltung, sondern auch eine Subjektwerdung. So mag es auch nicht verwundern, dass die Buhlschaft in der zweiten Hälfte des Stücks ohne weitere Erläuterungen einfach verschwindet. Weder wird ihr Abgang thematisiert noch werden Einblicke in den weiteren Verlauf ihrer Geschichte gegeben. Angesi­chts des skizzierten patriarchalen Gesamttrauerspiels kann die Ergänzung einer Szene bei den Salzburger Festspielen 2022, in der sich die Buhlschaft aus dem Stück verabschieden darf, nicht mal als Tropfen auf den heißen Stein bewertet werden. Der vermeintlich respektvollere Umgang mit der Figur verschleiert und beschönigt letztlich nur den Gesamtzusammenhang und vermag nicht, an den Fundamenten der Problematik zu rütteln.

    Die Buhlschaft zwischen Selbstbestimmung und Domestizierung

    Als zentraler Charakter fungiert die Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals Jeder­mann weniger aufgrund ihrer Person, sondern vielmehr aufgrund der Projektio­nen, die auf sie übertragen werden. Wie bereits erwähnt, erhält sie keinen eigenen Namen und dadurch auch kaum Persönlichkeit, sondern bleibt somit lediglich ein Prototyp eines bestimmten Frauenbilds und dadurch letztlich austauschbar. Sie soll weltliche Lust, Leidenschaft und Genuss repräsentieren und somit auch die Verlockungen der weltlichen Freuden verkörpern. Bereits ihrer Bezeichnung bzw. der Reduktion auf ihre Rolle als Buhlschaft wohnt etwas Abwertendes und Mora­lisierendes inne. Gängigen Interpretationen zufolge würde sie mit ihren Handlun­gen versuchen, Jedermann von seinen moralischen Pflichten abzulenken und ihn dazu verleiten, sich nur auf die lustvollen Momente des Lebens zu konzentrieren. Problematisiert wird dabei jedoch nicht etwa Jedermanns Willensschwäche oder seine Unfähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich weder von Tod oder Gott noch von einer Liebschaft unter Druck setzen oder leiten zu lassen. Im Gegensatz zum fremdbestimmten und unsicheren Jedermann erweckt die Buhl­schaft einen geradezu selbstbestimmten Eindruck, schließlich scheint sie sich von religiösen Zwängen befreit und für die weltlichen Freuden entschieden zu haben und weiß auch – so wird in ihrem spärlichen Text deutlich –, dass sie auch die Be­ziehung mit Jedermann möchte: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“3 Bedeutung gewinnt die Figur jedoch weniger durch eigene Handlungsmacht, sondern dadurch, was auf sie projiziert wird bzw. was sie für und in männlichen Fantasien verkörpert: unheilsame Verführung und teuflische Gelüste. So zeigt sich bei Hofmannsthal nicht nur die Reduktion der Buhlschaft auf ein Objekt der Begierde und damit auf ihre sexualisierte Körperlichkeit, sondern auch die Konstruktion weiblicher Körper und ihrer Sexualität als Bedrohung für den gottgewollten Weg der Männer. Insofern lässt gerade dieser Ausbruch aus den gesellschaftlich zugewiesenen Rollenbildern die Buhlschaft der patriarchalen Logik des Stücks folgend zur verkörperten Gefahr werden.

    Für Jedermanns moralische Konflikte und Ängste, die von ihm erlebten Wider­sprüche und Ambivalenzen sowie sein Versagen, das von ihm gewünschte mo­ralische Leben zu führen, wird jedoch nicht der Protagonist selbst verantwortlich gemacht, sondern seine vermeintliche Verführerin. Um Rechenschaft vor Gott ab­legen zu können, muss Jedermann widerstehen und sich der verkörperten weib­lichen Versuchung entledigen. Einzig die Bezwingung, Domestizierung oder Ent­sagung von Weiblichkeit ermöglicht es Jedermann, die Gefahr zu bändigen und wieder zu einem vollwertigen Mann und Gottes Sohn zu werden. Gleichzeitig lässt die als dringlich präsentierte Notwendigkeit seiner Befreiung (um Gottes Willen) jedes Mittel recht erscheinen, um das ehrbare Leben wieder aufzunehmen.

    So finden sich in Hofmannsthals Jedermann im Grunde genommen unterschiedli­che Facetten einer Erzählung, die wir bis heute nur allzu gut aus dem Umgang mit geschlechtsbasierter Gewalt kennen: Auf der einen Seite der Fokus auf und die Übernahme von männlichen Perspektiven, die Empathie mit den Tätern, auf der anderen Seite Frauen, die aus den für sie vorgesehenen Rollen ausbrechen und daher eine Bedrohung darstellen, also Frauen, die den Männern angeblich keine andere Wahl gelassen hätten.

    Die Herausforderungen patriarchaler Gewalt

    Letztlich tragen die Darstellungen von Frauen in Hofmannsthals Jedermann zur Re­produktion von Geschlechterstereotypen und zur Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterverhältnisse bei. Sie stellen letztlich bestehende Geschlechterrollen und patriarchale Normen nicht in Frage, sondern bestätigen sie eher. Genau hier setzt Lydia Haider an. Wo im ursprünglichen Text erklärende Fußnoten standen, die die Hintergründe und Problematiken der Gewalttaten beleuchteten, begleiten in Haiders Adaption nun die spärlichen Äußerungen der Buhlschaft Herberts Ge­waltexzess. Durch die Verflechtung der Textpassagen der Buhlschaft mit Herberts Monolog gibt Haider der Buhlschaft eine neue Stimme, wenn auch keine gänzlich neue, da der Wortlaut – abgesehen von minimalen Adaptionen der Interpunkti­on – unverändert bleibt. Vielmehr situiert Haider diese Stimme neu, stellt sie in Zusammenhang mit männlicher Gewalt und macht dadurch die Hofmannsthals Stück immanenten patriarchalen Strukturen über den Transfer der Stimme in den Herberttext explizit. Da wie dort hat sie kaum etwas zu sagen, darf selten mitre­den und muss sich in der neuen Bearbeitung Haiders sogar immer wieder wieder­holen, da ihr Sprechtext nicht ausreicht, um Herbert auch nur bei einem kleinen Bruchteil all seiner Gewalttaten zur Seite zu stehen.

    Die Buhlschaft avanciert in Haiders Text also zur Wegbereiterin, Beobachterin und Kommentatorin von Herberts Gewalttaten. Ihr Auftritt in Du Herbert erweist sich als ambivalent und widersprüchlich, furchtbar und hoffnungsvoll zugleich. Bei­nahe unsichtbar begleitet sie Herbert durch die ersten Monate seiner unbeherrscht brutalen, menschenverachtend blutigen und ungehemmt mörderischen Reise durch das Jahr 2020, kontrastiert kaum hörbar seine Gefühle und setzt zumindest Versuche, in das Geschehen einzugreifen. Gleichzeitig lässt die weitgehend unge­brochene Verschränkung der beiden Stimmen die Buhlschaft auch zur Mittäterin werden, schließlich ist von ihr kaum bis kein Widerstand zu vernehmen. Sie setzt der Gewalt kein Ende, lässt den Monolog des Mehrfachtäters weder verstummen noch versucht sie, zu irritieren, zu stören, moralischen oder gar belehrenden Ein­fluss zu nehmen. Sie bleibt versteckt, leise, kaum hör- oder wahrnehmbar und fügt sich unauffällig und unbemerkt in den brutalen Gesamtzusammenhang ein. Letzt­lich geht mit der Integration dieser sanften und unscheinbaren weiblichen Stimme in den deutlich lauteren, rausgebrüllten Monolog Herberts erneut ihre Unterwer­fung im Dienste der Aufrechterhaltung gewaltvoller Normalitäten einher.

    Und doch bleiben die Aussagen der Buhlschaft gewaltig. Als „der wertest aller Gäst“ heißt sie im Herberttext etwa den Täter des ersten Femizids in Österreich im Jahr 2020 willkommen. Nicht nur müsse man diesen „mit Zimbeln und Wind­licht abholen“, sondern auch „führen zu seiner Pflicht“4 und ungebrochen wird die von ihr beschworene Pflicht zu Herberts Pflicht, zur Pflicht, Frauen zu ermorden: „[…] und führen zu seiner Pflicht und folglich muss sie sterben, ist eh klar wie das Klarste in meinem Leben in ihrem sicher nicht länger, dass sie sterben muss und alle mit dazu und alle sterben sie und sie zuerst […]“5. Bei einem weiteren „wertest aller Gäst“, den die Buhlschaft im Herberttext zu seiner Pflicht führt, handelt es sich um einen 38-Jährigen, der eine Zwölfjährige in einem öffentlichen Wiener Bad „unsittlich“ berührte und zu seiner Verteidigung angab, dass er das Mädchen für älter gehalten habe:

    […] wandle ich durch ein Bade hindurch und sehen meine Augen ein junges Geschöpf, das mir gefallet, nun dann muss ich es haben, auch wenn es sich wehret und ich greife wie ich greifen will und greife alles ab, Sitten gibt es somit nicht und daher auch keine Sittenwidrigkeit und hat das Mädchen erst der Jahre zwölfe nun was sehe ich denn ein Alter und was schert dich denn das Alter oder bist du kom­plett vermessen […]6.

    Als Pflicht gilt es der Buhlschaft auch, eine dem Täter unbekannte 33-jährige Frau auf der Straße mit einem Messer lebensgefährlich zu attackieren, unter dem Vor­wand, Cannabis zu verkaufen einen 31-Jährigen zu verprügeln und auszurauben,7 aus einem Auto heraus mit einer Waffe auf Menschen zu schießen sowie ein Ver­trauensverhältnis auszunutzen, um eine Pensionistin in ihrem Einfamilienhaus zuerst mit einem stumpfen Gegenstand zu schlagen und sie dann mit einer Plas­tikfolie zu ersticken.8 Die Stimme der Buhlschaft begleitet die Taten, sie bereitet sie mit auf und legitimiert sie. Dadurch rückt sie in Haiders Text in den Kreis jener vor, die sich durch ihr macht- und herrschaftsstabilisierendes Tun auf der richtigen moralischen Seite zu wissen glauben. Was der Buhlschaft in Hofmannsthals Werk verwehrt blieb und ihr als Mangel ausgelegt wurde, wird ihr in Haiders Text er­möglicht: Zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft zu werden, indem auch die Buhlschaft für Recht und Ordnung sorgt und die Erfüllung vermeintlicher Pflichten einfordert. Gerade in der patriarchal geprägten Gesellschaft erweist sich deren Durchsetzung in letzter Konsequenz immer auch mit Gewalt verbunden. So erfüllt die Buhlschaft als Herberts Begleiterin letztlich ihren Beitrag zur Aufrecht­erhaltung der gewaltvollen Normalität.

    An anderer Stelle lässt die Buhlschaft durch den Verweis auf einen von ihr ver­spürten Schmerz kurz aufhorchen, wenn sie etwa einen Femizid oder einen An­griff auf eine Passantin und zwei Betrunkene mit einem Baseballschläger mit den Worten kommentiert: „[…] mit dieser Red geschieht mir weh, dess ich zu dir mich nicht verseh“. Gleich im nächsten Satz lässt sie jedoch wissen, dass sie weiterhin an Herberts Seite bleiben werde: „Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.“9 Die transportierte Doppelbotschaft beinhaltet das Eingeständnis ei­ner Verletzung durch Herberts Taten und Worte bei gleichzeitiger Bestätigung sei­ner Anziehungskraft, auch wenn er seinen Gewaltexzess fortführt und beispiels­weise durchdreht, weil jemand seinen Pitbull als süß bezeichnet hat oder er selbst eine Frau mit einem Messer bedroht. Obgleich die Buhlschaft weitgehend treu an Herberts Seite zu bleiben scheint, stellt sie mehrfach seine Unbekümmertheit in Frage. So meint sie beispielsweise zu erkennen, dass Herberts Taten auch an ihm nicht gänzlich sorglos vorbei gehen: „Und wär dein helle Stirn und Wangen, Von einer Trübnis überhangen“10. Herbert hingegen reagiert immer wieder mit Abwehr und schreitet indes zu seinen nächsten Taten weiter, beispielsweise zum nächsten Femizid: „[…] wenn ich solches höre, dann sage ich als Herbert dazu, dass ich da die Luft wegbekomme solange, bis es das Bewusstsein nimmt, denn schnell ist ein solches Bewusstsein genommen, wenn man nur würget und würget recht fest und nicht ablässt da von dieser meiner Frau, okay es ist meine Ex-Frau […]“11. Auch der Umstand, dass die Buhlschaft ihre Ängste vor dem Tod anspricht und diesen als „die böse Schlang, die unter Blumen liegt verdeckt, darf niemals werden aufgeweckt“12 beschreibt, vermag Herbert nicht aus der Bahn zu werfen oder ihn zu stoppen. Im Gegenteil, er führt seine Taten fort und tut, was seiner Auffassung nach getan werden müsse.

    Familie hin oder her daneben deppert schauend, ich habe schon gesagt, dass der Tod über und über kommen muss und soll und wenn ich es spreche, hat es zu sein also auch sage ich es, wie es sein soll und ist, nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss […].13

    Letztlich sind selbst die vagen Versuche der Buhlschaft zu intervenieren, auf Ver­letzungen und Ängste aufmerksam zu machen oder Unrechtsbewusstsein zu we­cken, von Beginn an zum Scheitern verurteilt und bleiben daher im Text sowie auch für Herberts Gewalttaten bedeutungs- und konsequenzenlos.

    Mittäterinnen und die begrenzten Möglichkeiten des Widerstands

    In Haiders Text fungiert die Buhlschaft jedoch nicht ausschließlich als eine weibli­che Mittäterin, die sich durch ihr Tun an der Aufrechterhaltung patriarchaler Struk­turen und Normen beteiligt, vielmehr muss sie selbst als patriarchale Konstruktion gesehen werden, an der nicht nur deutlich wird, was das Patriarchat mit Frauen macht, sondern auch wozu das Patriarchat Frauen macht. In diesem Sinne muss sie als Mittäterin und Opfer zugleich gesehen werden – als Täterin, weil sie der Gewalt nichts entgegenzusetzen hat und durch ihre mangelnde Gegenwehr letzt­lich zu ihrer Aufrechterhaltung beiträgt; als Opfer, weil ihre Handlungsspielräume durch die normativen patriarchalen Weiblichkeitsvorstellungen begrenzt bleiben. In diesem Sinn stellt sich die Frage, ob und inwieweit eine klein und charakterlos gehaltene und wenig handlungsfähige Figur wie die Buhlschaft in Hofmannsthals Stück überhaupt etwas gegen die Vielzahl von Gewalttaten ausrichten kann. In dieser Hinsicht macht die Figur vielmehr die Konsequenzen und Widersprüche der Zurichtung von weiblichen Charakteren im Theater und darüber hinaus sicht­bar. Wie bereits ausgeführt, wird sie für Jedermann (und auch Herbert) nicht etwa aufgrund ihrer Eigenständigkeit oder Infragestellung bestehender männlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen zur Bedrohung, sondern aufgrund der auf ihre Sexualität und Verführungskunst projizierten Gefahren für Männer, von ihrem an­geblich gottgewollten Weg abzukommen. Insofern erfolgt auch die Bearbeitung der dadurch hervorgerufenen männlichen Ängste und Bedrohungsfantasien in erster Linie über die Zähmung, Zurichtung und Abwendung von Weiblichkeit. Gerade Herbert exemplifiziert mit jedem einzelnen Wort und jeder verrichteten Tat, wie männliche Vorherrschaft über Gewaltanwendung aufrechterhalten bzw. wieder hergestellt werden kann.

    Die Buhlschaft führt Jedermann aber auch die Möglichkeit vor Augen, im Hier und Jetzt den eigenen Wünschen nachzugehen und eine selbstbestimmte Sexualität un­abhängig von moralischen Zwängen zu leben. Letztlich gehen aber alle Potentiale, die der Figur der Buhlschaft innewohnen, und somit auch sie selbst an und in der patriarchalen Erzählung zugrunde. Ohne Stärkung ihres Charakters und unterstüt­zende Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, zu der ihr auch Haider nicht verhilft oder nicht verhelfen will, bleibt sie machtlos und wird nichts gegen den Strom patriarchaler Gewalttaten ausrichten können. Entsprechend kann eine solche Abrechnung im Grunde genommen von ihr auch nicht verlangt werden.

    Die Heimführungen, Heimbringungen und Heimdrehungen der Lydia Haider

    Lydia Haiders Adaption Die Buhlschaft in Herbert ist nicht nur eine Intervention in das festgefahrene Treiben der Salzburger Festspiele, sondern auch in die Literatur und die Hofmannsthal-Verehrung. Sie dekonstruiert die (Schein-)Heiligkeit des Je­dermann und kritisiert dabei auch ein patriarchal geprägtes Symbol österreichischer Kulturgeschichte. Damit setzt die Schriftstellerin ihre bereits in vorangegangenen Werken umgesetzte Beschäftigung mit gesellschaftlichen Normen, Geschlechter­verhältnissen und Gewalt fort, indem sie die Brutalität des Patriarchats, verge­schlechtlichte Konventionen der Gesellschaft und veraltete Kulturgüter selbst zum Thema macht und grundlegend infrage stellt. Die Untertitelung von Haiders Werk Eine Heimführung kann als symbolische Handlung für die Verlagerung der Stimme der Buhlschaft in die Erzählung des Herbert gedeutet werden. Dieser Akt ähnelt einem patriarchalen Brauch, bei dem die Braut symbolisch von ihrem Elternhaus in das Haus ihres zukünftigen Ehemannes und dessen Familie geführt wird, indem das brave Mädchen ebenso wie die naive Dirne zur vollwertigen Frau in der Ge­sellschaft werden soll und ihr vorheriges Leben hinter sich lässt. Es steht für den Übergang der Braut in ihre neue Familie und Heimat. So lenkt Haider die Buhl­schaft metaphorisch nach Hause, in einen Ort, der als ihre angemessene Umge­bung erscheinen soll, jedoch wie eine Bestrafung für ihr als unmoralisch erachtetes Leben in Hofmannsthals Werk wirkt. Die Buhlschaft wird heimgebracht an den Ort ihres vermeintlichen Ursprungs, an den symbolischen Ort ihrer eigentlichen Zugehörigkeit: die gewaltvolle Realität des Patriarchats. Nun muss sie an der Seite Herberts in einem noch gewalttätigeren Umfeld verharren. Letztlich erweist sich Herbert jedoch als Jedermann, da Herbert in dem Sinne wie jeder Mann ist, als dass jeder Mann das Potential in sich birgt, ein Herbert zu sein oder zu werden. Auch umgekehrt wird deutlich, dass Jedermann im Grunde genommen ein Herbert ist, da sie im Sinne einer Männerseilschaft ähnliche Ziele verfolgen und beide von der Zurichtung der Buhlschaft profitieren. Insofern bringt Lydia Haider in ihrem Text zusammen, was zusammengehört.

    Ihr außergewöhnlicher und provokanter Zugang ermöglicht neue Sichtweisen auf das tief verankerte, selten jedoch aus einer geschlechterkritischen Perspektive re­flektierte Spektakel des Jedermann und seiner Inszenierungen. Sie zeigt, dass vor allem renommierte Events wie die Salzburger Festspiele nicht nur einer grundle­genden Erneuerung bedürfen, sondern patriarchale Strukturen und Traditionen angreifbar sind. Mit Die Buhlschaft in Herbert legt Haider den Finger in eine Wunde der österreichischen Kulturgeschichte und rückt vernachlässigte Geschlechterthe­men, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind, an die Oberfläche. Mit der „Heimdrehung“ fordert die Schriftstellerin nicht zuletzt dazu auf, Hofmannsthals Jedermann nicht noch 100 weitere Male zu inszenieren, sondern endlich eine Wendung einzuleiten, also den bisherigen Jedermann „ham­zudran“. Es ist an der Zeit, sich von verstaubten Traditionen zu lösen und neue Perspektiven auf ein Stück österreichischer Kultur zu ermöglichen.

    Ein allgemein gültiges Märchen?

    In der Einleitung zu seinem Theaterstück betont Hofmannsthal die Wurzeln der „Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl“ als eine mündlich überlieferte Erzählung. Sie wurde von verschiedenen Intellektuellen niederge­schrieben, breiten Gesellschaftsschichten blieb sie jedoch weiterhin unzugänglich. „Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen“14. Jedermann ist jedoch weit mehr als nur ein allgemeingültiges Märchen. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Märchen mit vergeschlechtlichten moralischen Botschaften und Lehren, die allgemeingültig bleiben sollen, um ja nicht an den bestehenden patriarchalen Ge­schlechterverhältnissen zu rütteln. Das Verdienst von Lydia Haider liegt folglich insbesondere darin, ihm diese vermeintliche allgemeine und universelle Gültigkeit zu entziehen.


    Anmerkungen

    1. Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert. Innsbruck: Haymon Verlag 2023, S. 4. ↩︎
    2. Der vorliegende Sammelband stellt in diesem Zusammenhang freilich eine Ausnahme dar. ↩︎
    3. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes. https://www.pro
      jekt-gutenberg.org/hofmanns/jederman/jederma2.html (2.1.2023). ↩︎
    4. Ebd. ↩︎
    5. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung oder: Wie die Buhlschaft als Buhlgas in Herbert lieb Herbert vergast. Eine Heimbringung/Heimdrehung. In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024, S. 202-209, S. 202. ↩︎
    6. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
    7. Vgl.: Goetz, Judith / Haider, Lydia / Weitgasser, Marina: Du Herbert, S. 20-22. ↩︎
    8. Vgl.: Ebd., S. 30-31. ↩︎
    9. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎
    10. Ebd. ↩︎
    11. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 208. ↩︎
    12. Ebd., S. 202. ↩︎
    13. Ebd., S. 202. ↩︎
    14. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. ↩︎

    JUDITH GOETZ

    Studium der Literatur- und Politikwissenschaft. Mitarbeiterin des Fachbereichs Politische Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Innsbruck. Lehrbeauftragte an unterschiedlichen Universitäten sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und des Autor*innenkollektivs Feministische Interventionen. Seit 2020 engagiert sie sich bei der offenen feministischen Vernetzung Claim the Space. 2023 erschien das von ihr mitverfasste Buch Femi(ni)zide. Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen.

  • Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    UTA DEGNER: Den Bechdel-Test würde Hugo von Hofmannsthals Jedermann nicht bestehen. Der Test wurde 1983 von der Comic-Zeichnerin Alison Bechdel er­dacht, um die stereotype Darstellung von Frauen in Spielfilmen herauszustellen und besteht aus drei simplen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Die­se Frage lässt sich mit „ja“ beantworten: Mutter und Buhlschaft. Zweite Frage: Sprechen sie miteinander? Die Antwort lautet „nein“. Dritte Frage: Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Auch „nein“. Bereits in ihrer Per­sonenbezeichnung erweisen sich Mutter und Buhlschaft allein auf den Jeder­mann hin bestimmt, dies schlägt sich auch in ihren Wortbeiträgen nieder: Die einzige Herzensangelegenheit der Mutter richtet sich auf ihren Sohn. Ihre Sorge besteht darin, ob die „Seel“ ihres Sohnes „[z]u Gott gekehrt ist, ihrem Herrn“1. Ihr Wunsch, der Sohn möge heiraten, hängt damit unmittelbar zusammen, ver­möchte die Eheschließung es doch, seinem sinnenfreudigen Lebenswandel ein hehreres Vorzeichen zu geben:

    […]

    was also dich ergezt,

    Verwandelt wird und kehret sich um

    Aus Wollust in ein Heiligtum!2

    Die Buhlschaft wiederum ist besorgt um die aktuelle Bangigkeit ihres Partners und versichert ihm ihre ewige Verbundenheit:

    Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,

    Dein bin ich heut und ewiglich.3

    Es ist müßig, dem Stück die fehlende Auf­merksamkeit auf die Frau zum Vorwurf zu machen. Es spiegelt die patriarchale Kultur, in der es entstanden ist und die es zur Dar­stellung bringt. In der Tat ist es aufgrund der Fiktionalität literarischer Texte grundsätzlich nicht leicht, zu entscheiden, welche Darstel­lungsintentionen sie mit ihren Frauenrollen verfolgen: Geht es darum, die Diskriminie­rung von Frauen zu affirmieren und zu naturalisieren? Oder wird diese durch die Darstellung per se nicht vielmehr expo­niert und damit kritikfähig gemacht?

    Es ist auffällig, dass Hofmannsthal und seine Zeit in ihren Texten eine Vielzahl von Frauenrollen entwerfen, die sich nicht auf ein Bild reduzieren lassen.4 Schon frühere Epochen haben die sozialen Ge­waltverhältnisse, denen Frauen ausge­setzt sind, auf die Bühne gebracht – sehr konzentriert etwa im bürgerlichen Trau­erspiel. Wir möchten uns auf die Darstel­lung von Frauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts konzen­trieren und anhand konkreter Beispiele ausloten, wie der Konnex von Geschlecht und Gewalt gestaltet wird. Gewalt ist da­bei nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch das, was bei Pierre Bourdieu sym­bolische Gewalt heißt: Das Ensemble „un­sichtbarer“ gesellschaftlicher Strukturen, das zu Ungleichheit zwischen den Ge­schlechtern führt, die sich ganz eminent auch in ökonomischer Hinsicht äußert: in der ungleichen Verteilung von Vermögen bei Frauen und Männern, wobei hier na­türlich auch intersektionale Aspekte wie Klasse oder Ethnie zu berücksichtigen sind.

    MANFRED MITTERMAYER: Einer der Autoren, die wir unstrittig einer österreichischen Tradition zurechnen können, nicht zu­letzt, weil er auch in den Grenzen des heutigen Österreich geboren wurde, ist Arthur Schnitzler. Im Kontext seines Werks stößt man, wenn man sich mit dem Thema unseres Gesprächs beschäftigt, rasch auf seine Erzählung Fräulein Else. Es ist ein Text, dem ich selbst eigentlich zunächst über eine Verfilmung begegnet bin, noch zu meiner Gymnasialzeit, eine Filmfassung, die mich damals sehr be­eindruckt hat, obwohl sicherlich nicht alle literarischen Qualitäten, die ich später bei der Lektüre des Textes wahrgenommen habe, darin wiedergegeben waren. Aber sie fällt mir gerade im Zusammenhang unseres Gesprächs ein, weil sie je­nen Schauspieler als Darsteller der männlichen Hauptrolle hatte, den man histo­risch wohl als einen der bedeutendsten Darsteller des Jedermann ansehen kann: Curd Jürgens.

    Es geht in dem Text darum, dass eine junge Frau von ihrer Familie unter Druck gesetzt wird, von einem reichen Herrn namens Dorsday viel Geld zu erbitten, weil der Vater dieser Familie Mündelgelder ver­untreut hat und deshalb schwer verschuldet ist. Schnitzler hat diese Handlung aus der Sicht seiner Heldin erzählt, in einer der be­rühmtesten Inneren Monologe der neueren deutschsprachigen Literatur – einer Dar­stellungstechnik, die er früher bereits in sei­ner Erzählung Leutnant Gustl eingesetzt hat. In diesem Monolog des Fräulein Else sind alle Themen, über die wir sprechen wollen, eingewoben: strukturelle Inhalte bezüglich der Organisation des menschlichen Zusam­menlebens, soziologische Aspekte, ökono­mische Fragen, aber auch genderspezifische Probleme. Die unterschiedlichen Diskurse, in denen sich dies ausdrückt, verschrän­ken sich auf komplexe Weise in Schnitzlers Text, werden im Bewusstsein des Fräulein Else zusammengeführt. Sie muss darüber nachdenken, wie sie sich buchstäblich verkauft, denn sie bekommt die Geldsumme von Herrn von Dorsday – allerdings nur, wenn sie sich ihm nackt zeigt.

    Man muss dabei den damaligen gesellschaftlichen Rahmen mitdenken, in dem sich das Ganze vollzieht. Else ist eingesperrt zwischen den Ansprüchen ihrer Familie, ihres Vaters und ihrer Mutter, und ihrer eigenen Position innerhalb der Gesellschaft. Die Frage, ob sie sich angesichts dessen nun verkaufen soll, ob sie sich in einer gewissen Weise prostituieren soll, ist in abgewandelter Weise in vielen der Texte, die man im Zusammenhang mit unserem Thema zitieren könn­te, präsent: Immer wieder werden Töchter dazu erpresst, ihren Körper für die Zwecke anderer zur Verfügung zu stellen und sich damit in ihrer Integrität aufs äußerste zu schädigen:

    Paul, wenn du mir die dreißigtausend verschaffst, kannst du von mir haben, was du willst. Das ist ja schon wieder aus einem Roman. Die edle Tochter verkauft sich für den geliebten Vater, und hat am End noch ein Vergnügen davon. Pfui Teufel! Nein, Paul, auch für dreißigtausend kannst du von mir nichts haben. Niemand. Aber für eine Million? – Für ein Palais? Für eine Perlenschnur? Wenn ich einmal heirate, werde ich es wahrscheinlich billiger tun. Ist es denn gar so schlimm? Die Fanny hat sich am Ende auch verkauft. Sie hat mir selber gesagt, daß sie sich vor ih­rem Manne graust. Nun, wie wär’s, Papa, wenn ich mich heute abend versteigerte? Um dich vor dem Zuchthaus zu retten.5

    Eine Tochter sieht sich hier dem Zwang gegenübergestellt, sich für den Vater (und damit für die von ihm verkörperte gesellschaftlich-ökonomische Welt) auf den Markt zu werfen, sich buchstäblich zu versteigern. Man sieht deutlich, wie ökonomische Notwendigkeiten, familiäre Erwartungen und ihre Integrität als Frau miteinander in Konflikt geraten, sodass sie sich aus diesem widersprüchli­chen Mehrfach-Anspruch nicht mehr befreien kann – in Schnitzlers Text nimmt sie sich am Ende das Leben.

    Wenn wir noch kurz bei Schnitzler bleiben, so sollte man in Bezug auf sein Werk unbedingt auch noch einen Roman erwähnen, zu dem übrigens keine Geringere als die Autorin und Germanistin Ruth Klüger ein überaus hellsichtiges Nach­wort geschrieben hat: Therese, ein Buch, das vielleicht weniger bekannt ist als die beiden berühmten Erzählungen, die ich genannt habe, in dem der Autor aber mit geradezu neusachlichen Mitteln die Chronik eines Frauenlebens schildert, in der ebenfalls unser Themenkomplex illustriert wird: die Zwänge des Kapitals in­nerhalb der durch ihre Geschlechterrolle bestimmten Situation der Frau, die sich von einer Beziehung zur nächsten bewegt, um sich ökonomisch zu retten, wobei das auch hier letztlich mit letalem Ausgang durchgespielt wird.

    UTA DEGNER: Wir erleben hier, wie Frauen für ökonomische Interessen instrumen­talisiert werden. Wie schätzt du diese Texte in Hinblick auf die oben gestellte Frage nach Affirmation oder Kritik ein?

    MANFRED MITTERMAYER: Bei Schnitzler ist im Text keine externe Erzählstimme ent­halten, die das ganze Geschehen von außen kommentieren würde. Wir erleben die Handlung im Rahmen eines Bewusstseinsstroms, in dem sehr eindringlich und deutlich die maßgeblichen Diskurse, die in ihren Folgen gezeigt werden, ineinander gewoben sind, sodass man erkennen kann, was hier wirkt. Natürlich liefert der Ausgang ein unmissverständliches Signal, indem nämlich ein Mensch zugrunde gerichtet wird, gewissermaßen im Auftrag dieser nicht lösbaren Kon­flikte, die in der Handlung des Textes ablaufen.

    Als zweiten exemplarischen Text habe ich einen Roman von Stefan Zweig aus­gesucht: Rausch der Verwandlung, einen Text, der zu Lebzeiten des Autors nie vollständig erschienen ist und erst aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Ich habe ihn auch darum gewählt, weil die überlieferten Passagen im Literatur­archiv Salzburg zugänglich sind. Dieses Archiv ist ja einer der wichtigsten Orte, an denen Teile des Nachlasses aufbe­wahrt werden – neben der Universität in Fredonia im Staat New York und der National Library of Israel in Jerusalem.

    Stefan Zweig hat an diesem Roman in der letzten Phase seines Lebens immer wieder gearbeitet, hat den Text zwischen­durch weggelegt und sich erneut damit beschäftigt, ohne zu einem Abschluss zu gelangen. Entstanden ist dabei aber auch der Entwurf zu einem Film mit dem Titel Das gestohlene Jahr, der mit Oskar Werner in der Hauptrolle nach dem Zwei­ten Weltkrieg gedreht wurde. Es ist ein Stoff, den Zweig selbst gerne als „Post­fräuleingeschichte“6 bezeichnet hat – denn er handelt von einer jungen Frau aus kleinbürgerlichem Milieu, die zunächst in einem Postamt arbeitet, dann aber in eine Handlung hineingezogen wird, die sie dieser gesellschaftlichen Umgebung entfremdet und sie gewissermaßen entwurzelt. Dabei geht es erneut um Geld, das man eigentlich nicht auf „korrekte“ Weise bekommen kann, das man aber investieren möchte – gegen die Regeln der Gesellschaft.

    Im Film verhilft die Heldin einem außerordentlich begabten Komponisten zur Aufführung seiner Symphonie, indem sie Geld, das ihr nicht gehört, veruntreut. Das wird am Ende des Films in einer eindrucksvollen Parallelmontage vorge­führt: Die junge Frau wird wegen ihres Delikts selber angeklagt, während er aufgrund des großen Erfolgs der dadurch ermöglichten Aufführung seiner Sym­phonie seine große Karriere als Komponist beginnt.

    Im Roman Rausch der Verwandlung sieht diese Konstellation anders aus: Hier wird die weibliche Hauptfigur, die ausdrücklich nicht zur begüterten Schicht, zu den Kapitalinhabern der Gesellschaft gehört, von Verwandten in ein vornehmes Hotel in Karlsbad eingeladen. Sie wechselt dabei auf radikale Weise die soziale Schicht, denn sie wird dort als Verwandte einer wohlhabenden Person wahrge­nommen, die somit zur ökonomisch bevorzugten Klasse gehört. Dadurch ent­wickelt sie zunächst ein ganz anderes Selbstwertgefühl, sie lernt mit einem Mal völlig anders aufzutreten, alles läuft gewissermaßen ganz von selbst:

    Wer bin ich denn eigentlich, schauert es ihr unter der Haut, was ist denn mit mir? Wieso kann ich dies alles mit einem Mal? Wie gut, wie locker ich mich bewege und war doch sonst, der Tanzlehrer hat’s gesagt, so hölzern und ungeschickt, und jetzt führe ich doch eher ihn als er mich? […] Hat mich das Kleid, hat mich die Welt hier so anders gemacht, oder war dies alles schon in mir und ich bin nur immer zu mut­los gewesen, zu verschüchtert, zu verschreckt, die Mutter hat es ja immer gesagt. Vielleicht ist das alles gar nicht so schwer, vielleicht das ganze Leben unendlich leichter, als ich es glaubte, nur Mut muss man haben, nur sich selber fühlen und spüren, dann kommt von unvermuteten Himmeln die Kraft.7

    Doch diese neue Situation, in der die junge Frau plötzlich ganz andere Mög­lichkeiten für sich sieht, in der sie völlig anders wahrgenommen wird als zu­vor, wird brutal zerstört: Durch eine Indiskretion wird ihre eigentliche Herkunft aufgedeckt, sie wird von den anderen schlagartig ausgegrenzt und muss die ihr sozusagen nicht zustehende Umgebung wieder verlassen. Sie findet sich aber nun auch zu Hause, in ihrem angestammten Milieu, nicht mehr zurecht. Im Ver­lauf des Romans alliiert sie sich mit einem frustrierten Kriegsheimkehrer, einem „Wutbürger“, wie man in heutiger Terminologie sagen könnte, der gegen den Staat opponiert, von dem er sich betrogen und geschädigt fühlt. Die beiden pla­nen einen Raub, also die gewaltsame Aneignung der ökonomischen Mittel, die ihnen nicht zugänglich sind, und wollen sich dann umbringen. Zweig hat diesen Schlussteil nicht mehr literarisch ausgeführt. Es gibt allerdings eine spätere Ver­filmung des mittlerweile aus dem Nachlass erschienenen Romans von Édouard Molinaro, wo dieser fatale Ablauf bis zum Ende fortgeführt wird.

    UTA DEGNER: Eine klassische Innenperspektive ist bei Ingeborg Bachmann und dann erst recht bei ELFRIEDE JELINEK nicht mehr möglich. Eine besondere Rolle spielt bei beiden Autorinnen die Reflexion darauf, dass die Frauen meist gar nicht wahrnehmen, dass sie Opfer sind, da die Art und Weise, wie mit ihnen umgesprungen wird, gesellschaftlich nor­malisiert ist – und wenn sie es merken, fin­den sie kein Gehör, weil ihre Sicht der Dinge von vornherein delegitimiert ist. Viele Wer­ke Jelineks haben ihren Ursprung in unge­sühnten Frauenmorden, und sie beruft sich wiederholt auf Bachmann. Bereits in ihrem Essay zu Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1983 Der Krieg mit anderen Mitteln schreibt sie: „Ingeborg Bachmann ist die erste Frau der Nachkriegsliteratur des deutschsprachi­gen Raumes, die mit radikalen poetischen Mitteln das Weiterwirken des Krieges, der Folter, der Vernichtung in der Gesellschaft, in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen beschrieben hat.“8 In beider Werk geht es nicht nur darum, dass Frauen Gewalt angetan wird, sondern primär darum, dass diese Gewalt in der bzw. von der Gesellschaft unsichtbar gemacht wird. Denken wir an Das Buch Franza im Todesartenprojekt. Franza wird von ihrem Mann als Forschungsobjekt für seine psychologischen Studien benutzt und systematisch unterjocht. Sie lässt es sich selbst sehr lange gefallen, genau wie viele Jelinek‘sche Protagonistinnen. Das Interessante an der Anlage des Todesarten-Projektes be­steht darin, dass nicht sie selbst berichtet, was ihr widerfahren ist, sondern dass es von der Anlage her die Autorfigur Malina gibt, die es aus der objektiven Di­stanz wahrnimmt und dann literarisch zu Papier bringt. In dem gleichnamigen Roman wird das eigentlich nur angedeutet, aber aus den nachgelassenen Frag­menten wird deutlich, dass er dann zur Autorfigur aller Todesarten-Bände wird. In Das Buch Goldmann wird dieses Unsichtbarmachen auf fast ironische Weise verhandelt. Die Schwester von Malina, Maria Malina, ist auf seltsame Weise ums Leben gekommen:

    Und das nächste war die Nachricht von ihrem Tod. Und das war so. Die Malina war mit jemand nach Griechenland gefahren und mit dem Jemand mit einem Boot vor einer Insel herumgefahren, und dann war sie aus dem Boot gesprungen, denn sie schwamm sehr gut, so stand es in den Zeitungen, und dann drehte der Jemand sich um, und da war sie nicht mehr, und dann war auf dem Wasser etwas Blut, eine Blutwasserlache, und die Malina war von einem Haifisch gefressen worden, und sie war gefressen worden, ehe sie nachgelassen hatte, sie war vierunddreißig Jahre alt und von einem Hai. Und in Wien, das alle seine Toten verscharrt, schweigend, aber nicht seine Schauspieler, hatte Malina das größte Begräbnis.9

    Es kommen Gerüchte auf, ob das mit dem Haifisch so seine Richtigkeit hat, nie­mand geht ihnen jedoch nach: „Aber es blieb der Hai“10. Der Mord – den man wohl annehmen muss – bleibt ungesühnt, da es – so wird Jelinek formulieren – dem „Wesen“ der Frau entspricht, „zu dienen und dann wieder möglichst geräuschlos zu verschwinden“11. Dieses The­ma treibt auch Jelinek um – nicht nur, dass es Gewalt gibt, sondern mehr noch, dass diese unsichtbar gemacht wird. Auch wir, die Ge­sellschaft, sind dabei Komplizen. Diese Un­sichtbarkeit sichtbar zu machen und ihr etwas entgegenzusetzen, ist ein zentrales Ethos von Jelineks Autorschaft. Nicht von ungefähr be­ruft sie sich dabei auf Bachmann, so anlässlich des gerade zitierten Essays über den bis heute unaufgeklärten Mordfall der aus der Slowakei stammenden Pflegerin Denisa Šoltísová, deren Leiche bei Vöcklabruck in einem Fluss gefun­den wurde: „‚Es war Mord‘, schreibt Ingeborg Bachmann als letzten Satz in Malina. Es ist im­mer Mord, aber Mord braucht ein Opfer und einen Täter, und beide sind sie der Polizei in Oberösterreich offensichtlich ziemlich egal.“12 Jelinek benutzt in vielen ihrer Texte Darstel­lungsmittel des Grotesken als Ent-Naturalisie­rung des Normalen.

    MANFRED MITTERMAYER: In diesem Zusammen­hang ist es mit dem Blick auf die frühere Literatur, lang vor Bachmann oder Jelinek, faszinierend, wie sehr sich viele Texte, die zwischenzeitlich fast verges­sen waren und mittlerweile wieder entdeckt worden sind, anschließen lassen. Ein Beispiel dafür ist der Roman Die freudlose Gasse von Hugo Bettauer, in dem sich jene gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen gestaltet finden, von denen wir gesprochen haben: Darin kommt etwa eine Frau Greifer vor, die in der im Titel genannten Gasse ein Bordell führt, in dem junge Frauen in ihrer Abhängigkeit von ihr gezeigt werden. Sie sind in diese missliche Situation geraten, weil sie kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen zur Prostitution gezwungen wurden. In diesem Zusam­menhang passiert tatsächlich ein Mord; das Buch wird somit zum Kriminalro­man, den übrigens der österreichische Regisseur G. W. Pabst mit bedeutenden Schauspielerinnen, etwa Asta Nielsen und Greta Garbo in einer frühen Rolle, in einem filmhistorisch bedeutenden Werk fürs Kino adaptiert hat. Der Mord, die ultimative Ausübung physischer Gewalt, wird dabei zu einer vielschichtigen Meta­pher für die Beschädigung der beteiligten Menschen unter dem Einfluss der Struk­turen, die im Hintergrund wirken – Me­chanismen, die bei einer oberflächlichen Darstellung der Handlung vielleicht zunächst nicht so sehr wahrgenommen werden, aber den Rahmen für das Geschehen bilden, das somit nicht nur psy­chologisch oder aus individuellen Besonderheiten zu erklären ist, sondern aus überindividuellen Gesetzmäßigkeiten. Auch hier spricht am Ende des Buches eine weibliche Figur davon, wie junge Frauen sich verkaufen müssen – weil es die über sie herrschenden wirtschaftlichen Abläufe erzwingen:

    Wäre ich schlechter als ich es heute bin, wenn ich, in Not und Elend verstrickt, um meine Geschwister zu schützen, um meine arme Mutter und den alten Großvater nicht hungern zu lassen, meinen Körper verkauft hätte? Vielleicht, daß die Männer, die für schmutziges, elendes Geld Seelen kaufen, schlecht sind, die armen, dum­men, törichten Mädeln, die sich kaufen lassen, sind es sicher nicht. Nach und nach erst werden sie schlecht durch die Schlechtigkeit der anderen Menschen.13

    Ich möchte die aufgrund des zeitlichen Rahmens nur bruchstückhafte Vorstel­lung exemplarischer Texte aus der österreichischen Literatur mit einem Buch ab­runden, auf das ich nicht zuletzt deshalb aufmerksam geworden bin, weil seine Neuausgabe ein aufschlussreiches Vorwort von Marlene Streeruwitz enthält – einer Gegenwartsautorin, deren Werk man mit unserer Thematik nicht weniger assoziiert als das von Elfriede Jelinek. Der Roman stammt von Gina Kaus, deren literarisches Werk, wie das so vieler schreibender Frauen aus der Vergangenheit, lange Zeit nicht zugänglich war, aber jetzt glücklicherweise wieder aufgelegt wird. Er heißt Die Front des Lebens. Ähnlich wie bei Bettauer haben wir es auch hier mit einer recht komplexen Handlung zu tun, die in vielen Aspekten durch die Folgen von Inflation und ökonomischer Not geprägt ist. Sie handelt von einer Zeit, in der sich tra­ditionelle Werte verkehren, in der alles stabil Geglaubte plötzlich auseinanderbricht.

    Das Zitat, das ich hier vorstellen möchte, enthält allerdings eine positive Reaktion auf diese Zeitumstände. Wir begegnen einer Re­präsentantin für jene Menschen, die der pro­blematisch gewordenen Lebenssituation kon­krete Konzepte entgegensetzen wollten. In dem Buch steht die männliche Hauptfigur, ein Arzt, zwischen zwei Frauen und kann sich, wie so oft in dieser Motivkonstellation, nicht entscheiden. Die eine von beiden stammt aus einer verarmten aristokratischen Familie, die andere ist Ärztin, ist also eine Berufskollegin von ihm, und sie bemüht sich darum, Vor­schläge zur Veränderung der vorgefundenen Gesellschaft zu entwickeln. Als sich der Pro­tagonist nicht für sie entscheiden kann, geht sie nach Russland, um dort konkrete Arbeit zu leisten, vor allem, um Kindern zu helfen.

    In der Stelle, die ich zitieren werde, kommt die sogenannte „Versorgungsehe“ zur Sprache, einer der großen gesellschaftlichen Kampfplätze, wie sie hier darge­stellt werden. Dabei wird darüber gesprochen, ob diese Ehe abgeschafft werden sollte – oder ob man vielmehr die Umstände abschaffen sollte, unter denen sol­che Verbindungen zustande kommen:

    Die Frau ist vorläufig außerstande, sich und ihre Kinder allein zu ernähren, und der Staat tut wenig, sie dabei zu unterstützen. So ist die Ehe derzeit die einzige Form, unter der eine Liebesbeziehung sie nicht in schwerste materielle Bedrängnis bringt. […] Die Ehe ist für den allergrößten Teil der Frauen eine soziale Notwendigkeit. Ich weiß, wie oft diese Notwendigkeit zur Hölle wird.14

    Dieser misslichen Situation setzt die Romanfigur Martha, aus deren Rede diese Passage stammt, eine bemerkenswert moderne Vision entgegen:

    Was wir erstreben, ist doch gerade das Ende jeder Herrschaft, jeder privaten Haus­tyrannei. Dieses Vorurteil einer naturgewollten Ueberlegenheit des Mannes ist es ja gerade, was aus den meisten Ehen Höllen macht, aus den Frauen Hexen und aus den unschuldsvoll gebornen Kindern Schüler eines endlosen, qualvollen Kleinkrieges um das häusliche Prestige. […] Da ist ja gerade der Punkt, wo wir den Frauen das Rückgrat stärken wollen, indem wir ihnen eine andre Gemeinschaft zeigen: Eine solche zwischen wirtschaftlich selbständigen Wesen, in der einzigen Berech­nung geschlossen, einander gegenseitig zu fördern. Eine Gemeinschaft, in der kei­ner herrschen, keiner siegen will, wo jeder Kampf nach außen gerichtet ist, auf die Ueberwindung der Schwierigkeiten des Lebens.15

    UTA DEGNER: Zum Thema Ehe fallen mir von den Jelinek-Romanen natürlich Die Liebhaberinnen ein. Dort wird das Eheleben ja von beiden jungen Protagonistin­nen erstrebt, von Brigitte gerade mit der von dir zitierten Idee einer Versorger­ehe. Sie will Heinz, da sie erst durch die Hochzeit mit ihm aus der ihr verhassten Nähfabrik aussteigen kann. Aus ökonomi­schem Kalkül heiratet sie einen Mann, vor dem sie sich insgeheim ekelt. Paula hinge­gen frönt ganz der romantischen Idee ei­ner Liebesheirat – sie ignoriert das Ökono­mische und scheitert: Während ihr Partner das ganze Geld, das er verdient, versäuft, muss sie irgendwie schauen, wie sie ihre Familie ernähren kann. Ohne Ausbildung bleibt ihr nur die Prostitution. Als sie auf­fliegt, verliert sie nicht nur Erich, sondern auch ihre Kinder. Die Erzählstimme hat großen Genuss daran zu zeigen, wie die vermeintlich persönlichen Wünsche und Sehnsüchte der beiden jungen Frauen ge­sellschaftlich determiniert sind und ihnen letztlich selbst schaden – dass es für sie aber unmöglich ist, aus dem gesellschaftli­chen System auszusteigen, was sie allerdings auch gar nicht anstreben.

    Man kann aber auch an Jelineks Lust denken, wo Gerti in einer privilegierten Position ist, weil ihr Mann der Arbeitgeber der ganzen Region ist; die Familie ist sehr gut situiert, aber Gerti ist ökonomisch auch komplett abhängig von die­sem Mann – eine klassische Konstellation, nicht unähnlich jener von Buhlschaft und Jedermann. Auch Gertis Hermann ist ein Jedermann – also einer, der die Verfügungsgewalt über verschiedene Figuren hat. Womöglich ist die Einsicht in das Weiterwirken der patriarchalen Ordnung ein besonderes Thema gerade der österreichischen Literatur.


    Streeruwitz Zitate

    Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer dop­pelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auf­tritt im Jedermann. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text folgend, kann sie auf Seite 40 abtreten, wenn es heißt „Es flüchten viele“. Sie kann sich bis Seite 52 Zeit lassen und mit den letzten davonlaufen, die sich noch an der Tafel gütlich tun. Sie könnte auch bis zum Schluss bleiben und dem Jeder­mann zusehen, wie er so freundlich von zwei anderen Frauen begleitet ins Grab steigt. Sexarbeiterinnen können nämlich keine Antworten auf die „endgültigen Fragen“ geben.

    Sexarbeiterinnen erfüllen ihre Aufgabe, und dann können sie vergessen werden. Das ist der Deal. Denn. Das Ganze ist ein Deal.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft bekommt gerade so viel Raum in diesem Stück, dass das Publikum ihrer gewahr werden kann. Sie ist das blühende Leben gegen die Blässe des Tods. Es ist ja ihr Fest. Sie bringt die Musiker mit und die Begleitung. Wie jede geübte Hostess beruhigt sie den, ob des Altersunterschieds unsicheren Jedermann und lobt seine „milden Hände und seinen steten Sinn“. Immerhin kann sie sich nicht auf seine feurigen Lenden beziehen. Das fiel dem Autor nicht ein. Es ist ein eher laues Getändel, das da abläuft. Aber es geht ja nicht um eine leidenschaftliche Wirklichkeit. Es geht ja eigentlich nur da­rum, dass Jedermann nicht verheiratet ist.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft ist so eine Art Dekora­tion von Jedermanns Burschenleben, der sich trotz Hab und Gut nicht in die Ge­sellschaft einordnet. Sie wird von Jeder­mann beim Bankett gefragt, ob sie ihn bis ins Grab hinein begleiten würde, und die Buhlschaft gibt sehr vernünftige Antwor­ten. Was der Autor als ihre Minderwertig­keit beschreiben will. Als die Oberfläch­lichkeit einer minderen und dazu noch weiblich minderen Person, das lesen wir heute als sehr vernünftiges Verhalten in einer schlimmen Abhängigkeitssituation. Die Sexarbeiterin hat ihr Honorar zu be­kommen.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Und die arme Buhlschaft. Sie wird durch die weiblichen Objekte ei­nes spirituellen Begehrens ersetzt. Die Werke und der Glaube. Beide Begriffe werden durch Frauen verkörpert. Die Personifikation der Werke werden durch Jedermann zum Leben erweckt. Die Werke sind ein spiritueller Filter, und es bleiben nur gute Werke im Sinn der ankatholisierten Spiritualität dieses Stücks hängen. Die weibliche Hässlichkeit und Schwäche der Perso­nifizierung der Werke auf der Bühne ist ein Spiegel Jedermanns.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Wir müssen daraus schließen, dass Moralität weiblich ist und die Buhlschaft der amoralische Kon­trapunkt dazu. Die alte Geschichte von der Heiligen und der Hure wird da nachvollzogen. Oder besser. Diese alte Geschichte wird vorausvollzogen. Denn. Durch die Anlage in einem un­gefähren Mittelalter wird ja alles, was da so gesagt wird, als in sehr viel früheren Zeiten Gesagtes behauptet. Ein geschlechterstiftender Mythos, wie der von der Hure und der Hei­ligen. Der wird damit neuerlich als vergeschichtlicht behauptet und be­kommt so eine nette und neuerliche Erfrischung aus dieser behaupteten Geschichtlichkeit.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Je­dermanns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Der Kapitalist Jedermann bleibt dem folgend auch in seinem Tod allen ka­pitalistischen Prinzipien treu. Darin na­türlich kümmert ihn die Buhlschaft nicht mehr. Die Buhlschaft findet nicht einmal mehr in den Bühnenanweisungen Platz genug, von der Bühne geholt zu werden. Jedermann versucht es erst konventio­nell und verlangt von seinen Abhängi­gen die Begleitung ins Grab hinein. Die Idee, dass diese Frau wie eine indische Witwe mit ihm ins Grab soll, diese Idee scheitert an der Verachtung von dieser Frau. Oder besser. Diese Idee scheitert an der Selbstverachtung des Männlichen, das die Verstärkung durch Männliches zu seiner Sicherheit benötigt.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft. Eine Schauspiele­rin wird immer nach ihrem Kör­per gemessen. Diese Messung wird sexistisch sein. Es gibt ja keine ande­re Sichtweise des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit als die Messung von attraktiv und nicht attraktiv. At­traktivität setzt voraus, dass Begehren aufgerufen werden kann. Sexuelles Begehren wird durch die jugendlichen sekundären Geschlechtsmerkmale an­geregt. Deshalb muss die Buhlschaft ihren Busen so weit wie möglich ent­blößen. Und sie muss jung sein. Die Buhlschaft muss nämlich fotografiert werden und mit dem Bild der jeweili­gen Schauspielerin als Darstellerin der Buhlschaft die Verbreitung der Bilder von einem solchen Stück betrieben werden.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Wahrheit ist, dass Karrieren wahrscheinlich nur sexistisch zu ma­chen sind. Je nach Geschlecht und der damit verbundenen, kulturell fixierten Attraktivität. Deshalb hoffe ich, dass die Buhlschaft eine höhere Gage bekommt als der Darsteller des Jedermann. Die Buhlschaft muss sich schließlich in ei­ner ganz anderen Weise zu Verfügung stellen. Das kann sie nur eine begrenz­te Zeit. Die Darstellung von Geschlecht ist auf Jugendlichkeit beschränkt. Ich hoffe auch, dass die Buhlschaft so früh wie möglich von der Bühne kann und in aller Ruhe ein kühles Bier trinken. Oder was immer.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.


    Anmerkungen

    1. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. In: Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Bd. 3: Dramen III. 1893-1927. Hg. v. Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt am Main: Fischer 1979, S. 9-72, S. 25. ↩︎
    2. Ebd., S. 27. ↩︎
    3. Ebd., S. 33. ↩︎
    4. Vgl.: Dürhammer, Ilija / Janke, Pia (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal. Frauenbilder. Wien: Praesens 2001. ↩︎
    5. Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Hg. v. Johannes Pankau. Stuttgart: Reclam 2002, S. 17-18. ↩︎
    6. Zit. n.: Prater, Donald: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen. München: Hanser 1981, S. 275. ↩︎
    7. Zweig, Stefan: Rausch der Verwandlung. Ein Roman aus dem Nachlass. In: Zweig, Stefan: Das erzählerische Werk. Salzburger Ausgabe. Bd. 5. Hg. v. Herwig Gottwald und Arturo Larcati unter Mitarbeit von Peter Bruckner. Wien: Zsolnay 2023, S. 80. ↩︎
    8. Jelinek, Elfriede: Der Krieg mit anderen Mitteln. Über Ingeborg Bachmann. Zit. n.: Bachmann, Ingeborg: Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013, S. 465-579, S. 466-467. ↩︎
    9. Bachmann, Ingeborg: Das Buch Goldmann. Hg. v. Marie Luise Wandruszka. Berlin: Suhrkamp 2020, S. 145-146. ↩︎
    10. Ebd., S. 146. ↩︎
    11. Jelinek, Elfriede: Keiner weiß mehr, keiner weiß es mehr. https://original.elfriedejelinek.com (29.5. 2024). ↩︎
    12. Ebd. ↩︎
    13. Bettauer, Hugo: Die freudlose Gasse [1924]. Wien: Milena 2011, S. 187. ↩︎
    14. Kaus, Gina: Die Front des Lebens [1928]. Mit einem Vorwort von Marlene Streeruwitz. Hg. und mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder. o. O.: Metroverlag 2014, S. 260. ↩︎
    15. Ebd., S. 261-262. ↩︎

    UTA DEGNER

    Studium der Neueren Deutschen Literatur, Philosophie und Italianistik in Konstanz, Bologna und Berlin. Seit 2019 assoziierte Professorin an der Paris Lodron Universität Salzburg. 2016 Gast-Dozentur an der Universität Verona. 2019 Erasmus Gast-Dozentin an der Universität L’Orientale in Neapel. 2022 Gastprofessur an der Universität Wien. 2023 Publikation Ingeborg Bachmann. Spiegelungen eines Lebens und 2024 wissenschaftliche Beratung bei der Ausstellung Ingeborg Bachmann „Ich bin es nicht. Ich bin‘s“

    MANFRED MITTERMAYER

    Studium der Germanistik und Anglistik. Seit 1984 Lehrtätigkeit u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2012 Leiter des Literaturarchivs Salzburg. Seit 2013 Co-Intendanz der Rauriser Literaturtage. Forscht zur österreichischen Literatur nach 1945, Thomas Bernhard, Literatur und Film, Biographie und Film, Literaturvermittlung. Gestaltung mehrerer Ausstellungen. Zahlreiche Publikationen, darunter Rauris 1971–2021. Ein halbes Jahrhundert Literaturtage innergebirg (2021) und Hermann Bahr und Salzburg (2023).

  • Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Zum Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen

    SARA LEITNER: Welche Funktion haben die Salzburger Festspiele bei der Kreierung und der Präsentation von Diven?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind meiner Ansicht nach nicht dazu da, Diven zu kreieren und zu präsentieren. Vielmehr sind sie ein internationales Festival, das sich die Präsentation von Oper und Schauspiel auf die Fahnen ge­schrieben hat. Die Opernliteratur wird – genauso wie Texte im Schauspielbereich – von zentralen Frauenfiguren bestimmt, wodurch solche Themen automatisch auf der Bühne behandelt werden. Was man sich aber genauer ansehen muss, ist, wie man mit diesen Werken umgeht. Wird ein Stück angesetzt, um einer Diva quasi ein Forum zu bieten? Oder verbindet man scheinbar Rolle und Privatper­son, um seine Rolle als Macher zu befestigen und mit einem Hype zu versehen und Karten zu verkaufen?

    BARBARA BEYER: Ich finde es wichtig, zwischen Rolle und Darstellerin, also der Sän­gerin-Persönlichkeit, die diese Rolle verkörpert, zu unterscheiden. Mich würde in diesem Kontext die Frage interessieren, was die konkreten, gegenwärtigen „Diven“ der Salzburger Festspiele – etwa ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN – auszeichnet und welche Unterschiede es zu Sängerinnenpersönlichkeiten aus dem letzten Jahrhundert, Stichwort Maria Callas, gibt. Netrebko und Grigorian haben dieses Jahr beide die Lady Macbeth gesungen, Grigorian in Salzburg und Netrebko an der Staatsoper Berlin. Ich habe dazu zwei Zitate von unterschiedli­chen Kritiker*innen herausgesucht. Bei Jürgen Kesting heißt es:

    Sie [Asmik Grigorian] tut sich nicht leicht damit, Ornamente so zu formen, dass sie wie Flammenstöße auflodern, aber ihr Singen wird zu einem Sieg über die ex­pressiven Widerstände. Und wie gut sie sich darauf versteht, im ersten Duett mit Macbeth den gehetzten Ton für die finsteren Mordpläne zu finden, wie eindringlich sie die ariosen Phrasen des düs­teren Monologs La Luce Langue in die fahlen Farben eines fins­teren Traums hüllt, wie klug sie den Trillern des Trinklieds den Ton falscher Fröhlichkeit unterlegt, grandios endlich die Klimax, die Schlafwandelszene im vierten Akt. Die Heldin er­liegt sich bei Verdi nicht länger in einem Reigen von Koloraturen, sie taumelt sprachlich stockend und stammelnd in den Wahnsinn. Das hohe Des ist kein krönender Abschluss, sondern Klang des Sterbens.1

    Im Gegensatz dazu heißt es in der FAZ über Anna Netrebko: „Es gibt Momen­te der Hingabe, die sie genießt. Wahrscheinlich ist sie aber Profi genug, solche Szenen hervorzuzaubern ohne größere innere Beteiligung. Netrebko ist in ihrer Rolle ungefähr so kalkulierend und durchtrieben, wie man es draußen bei der Demonstration von ihr glaubt.“2

    Hier wird ein Rollenverständnis deutlich, das Anna Netrebko in Hinblick auf die Lady Macbeth hat und transportiert. Umgekehrt geht es Asmik Grigorian darum, sich an die Partitur von Verdi zu halten, um minutiös dem Willen Verdis entgegenzukommen. Dennoch geht es in beiden Fällen, würde ich sagen, um eine Form der Professionalität und der Perfektion.

    KLAUS BERTISCH: Das hat auch mit einer Erwartungshaltung zu tun, die auf einer Kenntnis der Partitur und der Literatur fußt. In der ersten Kritik wird auf die Brie­fe von Verdi Bezug genommen, in denen er schreibt, was er sich von einer Lady Macbeth wünscht. Ich habe die Generalprobe bei den Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian gesehen, und mir war es fast zu perfekt. Ich hätte gerne mehr Spannung, mehr Leid oder mehr – in diesem Zusammenhang ein schreckliches Wort – Hass gesehen. Ich hatte in der Vorstellung nicht das Gefühl, dass es sich bei ihr um eine Diva handelt. Vielmehr hat Asmik Grigorian auf der Bühne eine starke Frauenfigur verkörpert. Anna Netrebko wiederum scheint sich als Sängerin in eine Richtung entwickelt zu haben, die davon geprägt ist, möglichst wenig probieren zu müssen und möglichst wenig Intensität an den Tag zu legen, sondern vielmehr das abzuliefern, was von ihr bei einer Aufführung erwartet wird.

    BARBARA BEYER: Damit sind Aspekte angesprochen, die einen schönen Bogen zu Maria Callas herstellen. Maria Callas hat, als sie nicht mehr ganz auf der Höhe war, eine Vorstellung in der Scala gesungen, mit erheblichen Stimmproblemen. Sie wurde daraufhin vom Publikum als „Hure“ beschimpft. Sogar auf ihr Haus hat man „putana“ geschrieben. Was ist da passiert? Ruth Berghaus hat einmal gesagt, dass Sänger und Sängerinnen in ihrer Existenz immer lebensgefährlich bedroht sind, weil sie auf der Bühne stehen und den Ton treffen müssen. Sie müssen springen. Sie müssen ihre Angst überwinden und sich dem Publikum hingeben und darauf vertrauen, dass das Publikum sie auffängt. Dieser Vorgang hat viel mit Angst und der Überwindung von Angst zu tun. Aber nur darüber stellt sich ein wirklicher Kontakt zwischen der Darstellerin und dem Publikum her, hier entsteht so etwas wie Erotik und Berührt-Werden.

    KLAUS BERTISCH: Meinst du wirklich Erotik, also körperliche Spannung?

    BARBARA BEYER: Erotik in einem sehr weiten Sinne, nicht sexualisiert. Mit Blick auf diese Angst möchte ich zu Anna Netrebko und Asmik Grigorian zurückkom­men. Ich habe den Eindruck, die Angst wird bei ihnen aufgrund einer, wie ich finde, falsch verstandenen, aber vom Betrieb geforderten, Professionalität so ver­drängt, dass diese Form des Berührt-Werdens kaum noch möglich ist.

    SARA LEITNER: Sie haben zwischen Sängerin und Rolle differenziert. Findet in dem Moment, in dem eine Sängerin zum Star wird, eine Verschmelzung zwischen der Privatperson und der Rolle statt? Braucht es diese Verschmelzung, um zu einem Star zu werden?

    BARBARA BEYER: Ich glaube – und das gilt genauso für Schauspieler*innen –, dass das Verhältnis von Rolle und Person ein stark getrenntes ist, weil Sängerinnen hauptsächlich auf die Musik, auf das Singen konzentriert sind. Das Zusammen­fallen von Person und Rolle kann nie durchgängig der Fall sein, das sind immer nur kurze Momente in einer Aufführung. Aber diese Momente sind das Wert­volle, das Berührende.

    KLAUS BERTISCH: Dieses Zusammenfallen ist etwas, das bei den Zuschauer*innen passiert. Ich finde es toll, dass du das als Regisseurin sagst, weil es etwas ist, vor dem wir uns eigentlich hüten sollten. Es geht oft schief, wenn man glaubt, dass eine Sängerin der richtige Typ für eine bestimmte Rolle ist, weil das Erzeugen ei­ner emotionalen Situation keine emotionale, sondern eine mentale Arbeit ist. Für mich sind deshalb z. B. die Vorstellungen, bei denen ich weiß, dass eine Sängerin erkältet ist, oft die ergreifendsten, weil sich die Sängerin auf das konzentrieren muss, was gefordert wird. Technik ist gefragt. Sie darf sich nicht emotional trei­ben lassen.

    BARBARA BEYER: Die Vorstellung, dass der Gesang Emotionen ausdrückt, so wie man den Saft einer Zitrone auspresst, ist ein großes Missverständnis. Diese Emo­tionen werden von Sängerinnen größtenteils hergestellt, und es kommt, wie be­schrieben, nur momentweise zu einer Berührung.

    KLAUS BERTISCH: Es gibt auch Überlegungen, was für Sängerinnen eine gute Rol­le ist. Die Salzburger Festspiele sind der Ort gewesen, der die Karriere von Anna Netrebko begründet hat. Letzten Endes war die Traviata in Salzburg ihr – auch medialer – Durchbruch. Also überlegt man, was nun weitere gute Rollen für sie wären. Das sind Diskussionspunkte, bei denen auch andere Faktoren von Wichtigkeit sind. Dazu zählt z.B. das Publikum. Es waren die Zuschauer*innen, die Anna Netrebko in La Traviata auf Händen getragen und sie berühmt gemacht haben. Sie wollten sie nun wieder sehen. Aber will man sie auch immer wieder sehen, wenn man feststellen muss, dass sie eine andere politische Haltung hat, als man sie sich wünscht? Das sind Aspekte, die nicht notwendigerweise verbunden werden. Salzburg sieht es vielleicht als seine Aufgabe, Rollen für Sängerinnen zu finden, aber ich weiß nicht, wie viel Kal­kül dahintersteckt.

    SARA LEITNER: Haben Sie das Gefühl, dass der Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen von Wichtigkeit ist?

    KLAUS BERTISCH: Ja, ich denke schon. Wir haben gerade festgestellt, dass die Ver­schmelzung von Rolle und Persönlichkeit etwas ist, das vor allem in den Köpfen

    Mittel einsetzen kann, um Publikum zu gewinnen. Also haben die Salzburger Festspiele Anna Netrebko und Asmik Grigorian dort hingebracht, wo sie heute sind und auch dafür gesorgt, dass ihre Gage steigt.

    BARBARA BEYER: Sie haben im Vorfeld unseres Gesprächs gefragt, ob Sängerinnen zu „Objekten“ von Institutionen werden können. Ich glaube nicht, dass Sänge­rinnen, die in dieser Liga spielen, in irgendeiner Weise Opfer sind. Da hört jede Naivität auf. Diese Sängerinnen wissen genau, auf welchem Parkett sie sich be­wegen und machen das mit. Es ist – gleichgültig, ob bewusst oder unbewusst – in ihrem Interesse, dass ihre Karriere weitergeht und dass sie Aufträge bekommen, wenn sie sich entsprechend verhalten.

    SARA LEITNER: Inszenieren sich Sängerinnen als Repräsentantinnen eines bestimm­ten Frauenbildes, oder geht diese Inszenierung von Institutionen wie den Salz­burger Festspielen aus?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind bei Anna Netrebko das Risiko ein­gegangen, sie für große Rollen zu engagieren. Das ist ein Risiko, das man in Kauf nehmen muss, wenn man ein Potential sieht, das man nutzen will. Eine Image-Bildung im Sinne eines bestimmten Frauenbildes erfolgt letzten Endes durch die Regisseur*innen. Das ist etwas, was im Arbeitsprozess entsteht und davon ab­hängt, wie Regisseur*innen eine Figur sehen.

    BARBARA BEYER: In meiner Arbeit an Hochschulen habe ich jungen Sängerinnen im­mer gesagt, ihr seid in keinem Moment auf der Bühne Opfer. Egal, welche Rolle ihr spielt, ihr seid keine Opfer. Wenn man mit dieser Haltung an eine Frauen­figur herangeht, entstehen Kippmomente, die die Situation verdrehen und die Frauenfigur in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wir haben das Dilemma, dass die Werke, die gespielt werden, vor allem aus dem 19. Jahrhundert stam­men und sich dadurch auszeichnen, dass sie von Männern geschrieben wurden und Frauen einen besonderen Status darin haben. Barbara Vinken beschäftigt sich in ihrem gerade veröffentlichten Buch Diva. Eine etwas andere Opernführerin damit, die Opferrollen umzudenken. So sagt sie, dass Violetta in La Traviata am Ende ein bewusstes Opfer für die Liebe eingeht. Ich teile diese Lesart von Bar­bara Vinken nicht unbedingt, und es gibt Frauenfiguren, in La Bohème, Madama Butterfly oder Carmen, die stark in Klischees gefangen sind, aber dennoch sollte man als Regisseur*in immer den Versuch machen, die Figuren aus diesen Kli­schees zu befreien. Ich habe einmal Otello inszeniert, und Desdemona mit ihrem engelsgleichen Gesang als eine kalte, berechnende Frau von Macht inszeniert, die ihren spezifischen Gesang strategisch einsetzt, und das ist wunderbar auf­gegangen.

    KLAUS BERTISCH: In dem Moment, in dem man sagt: „Ihr seid kein Opfer“, setzt ein Bewusstseinsprozess bei den Sängerinnen ein, sie verändern etwas an ihrer Haltung gegenüber einer Rolle. Es beginnt ein neues Denken, und das ist das Allerbeste, was man erreichen kann.

    Ich muss darüber nachdenken, was eine Frau zur Diva macht. Will ich den Inhalt eines Stückes sehen und verstehen? Oder will ich meine eigene Erwartungshal­tung bestätigt haben?

    BARBARA BEYER: Ich finde, dass das Wort „Diva“, das mittlerweile auch in den all­täglichen Sprachgebrauch aufgenommen ist, nicht mehr dazu taugt, um eine besondere Qualität einer Sängerin herauszustellen. Ich würde damit vorsichtig umgehen.

    KLAUS BERTISCH: Aber kann man Anna Netrebko und Asmik Grigorian aus Sicht des Publikums als Diven bezeichnen? Möchte das Publikum gerne eine Diva haben?

    SARA LEITNER: Welche Konzepte einer Diva, welche Frauenbilder verkörpern Asmik Grigorian und Anna Netrebko? Braucht es eine Diva, damit eine Aufführung erfolgreich ist?

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum möchte gerne Diven haben. Das ist wie ein Markenzeichen. Man ist auf der sicheren Seite, weil man weiß, dass man ein Netrebko- oder Grigorian-Fan ist. Man muss nicht mehr differenziert hinhören oder hinschauen.

    KLAUS BERTISCH: Das Publikum sucht eine Identifikationsfigur, die toll singt, aber gleichzeitig in ihrer Not, ihrer Angst und ihrem Erfolg auch eine Art „Deformati­on“ hat, die zeigt, dass sie nicht nur eine Partitur erfüllt, sondern auch menschlich ist. In der Oper geht es darum, sich zu identifizieren oder etwas über sich selbst zu erfahren. Ich erinnere mich, dass Anna Netrebko eine Vorstellung wegen ih­rer Schwangerschaft absagen musste, aber trotzdem in Salzburg war und ihren Bauch präsentiert hat. Die Reaktion war: „Die Arme, sie bekommt ein Kind, sie kann nicht singen.“

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum ist gerne eine Fangemeinde und liebt es, einen Star zu verehren. Wenn der Star auch noch Kinder kriegen kann, ist das der Wahnsinn.

    KLAUS BERTISCH: In Salzburg zeigt sich das auch darin, dass ein Teil der Fange­meinde hinter der Balustrade steht, um zu erfahren, welche Berühmtheiten man in der jeweiligen Vorstellung sehen kann. Das ist nicht überall so. In Ams­terdam sind die Schlangen der Autogrammjäger*innen bei der Bühnenpfor­te sehr begrenzt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, in Stuttgart oder Frankfurt jemals Autogrammjäger*innen gesehen zu haben. Vor der Wiener Staatsoper warten allerdings ebenfalls Personen darauf, dass Künstler*innen nach der Vorstellung aus der Garderobe kommen und ihnen ein Autogramm geben. In diesen Opernzentren herrschen andere Traditionen als in einem „neutralen“ Ort wie Amsterdam, Stuttgart oder Frankfurt. Salzburg ist ein Traditionsort.

    BARBARA BEYER: Ich möchte noch einmal auf die Frauenbilder zu sprechen kommen. Der Titel von Jan Schmidt-Garres Film Fuoco Sacro – Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs sagt gut aus, was Sängerinnen zu leisten haben. In diesem Kontext spielt der weiblich konnotierte Begriff der „Hingabe“ eine Rolle. Sie müssen gro­ße Leidenschaften zeigen und sie auch verkörpern. Das heilige Feuer muss aus ihnen sprühen. Das sind Vorstellungen von Weiblichkeit, die heute kaum noch existieren. Sie stellen Sehnsüchte dar, die mit der wirklichen Welt nichts mehr zu tun haben. Ein weiblicher Star erfüllt also eine wichtige Funktion in Hinblick auf Sehnsüchte, die im Alltag nur noch als eine fragwürdige Illusion vorhanden sind.

    SARA LEITNER: Bekommen manche Sängerinnen deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil das antiquierte Bild, das sie auf der Bühne verkörpern, nicht mit dem heuti­gen „modernen“ Frauenbild übereinstimmt?

    BARBARA BEYER: Das Publikum will diese Frauenbilder wiederfinden, aber wir müs­sen konstatieren, dass unsere Welt weitergegangen ist und es heute ein anderes Frauenbild gibt. Anscheinend gibt es eine Sehnsucht, alte Frauenbilder wieder­zuerwecken.

    SARA LEITNER: Haben Sie den Eindruck, dass bei den Salzburger Festspielen bewusst mit dieser Sehnsucht gespielt wird?

    KLAUS BERTISCH: Es ist ein großes Problem der Salzburger Festspiele, dass es kei­ne Hinwendung zu neuer Musik gibt. Es gibt keinen Versuch, zentrale Werke wie Die Zauberflöte, Macbeth oder Tosca in ein neues Licht zu setzen, das eine zeitgenössische Auseinandersetzung oder eine neue Komposition ermöglicht. Das ist eine politische Entscheidung. Der künstlerische Leiter ist bekannt da­für, dass er früher Konzertprogramme mit neuer Musik zusammengestellt hat. Ich weiß nicht, warum mittlerweile nichts Neues in Auftrag gegeben wird oder kaum Komponistinnen aufgeführt werden, um so Tradiertes, was durch­aus seine Berechtigung hat, vielleicht zu konterkarieren oder zumindest zu ergänzen.

    BARBARA BEYER: Das kann man auch auf Dirigentinnen beziehen, die immer noch nur marginal vorkommen.

    SARA LEITNER: Was muss sich bei der Besetzung und bei der Auswahl der Werke ändern?

    BARBARA BEYER: Es muss mehr Zeitgenössisches aufgeführt werden. Ich bin zurück­haltend, wenn es heißt, dass Frauen anders inszenieren als Männer, aber sie ha­ben zumindest ein Bewusstsein für bestimmte Dinge, das Männer offensichtlich nicht haben, wenn man z.B. an Martin Kušejs Figaro in Salzburg denkt. Man sollte auch bei den Sänger*innen-Besetzungen anders vorgehen. Ich halte den Starkult für fatal, weil er alles aufsaugt. Die Aufmerksamkeit wird auf eine einzige Person gelenkt, sodass die Stücke untergehen. Man sollte das Risiko eingehen, jüngere Sängerinnen an den Start zu lassen, die auf der Suche nach einem persönlichen Ausdruck sind.

    KLAUS BERTISCH: Für mich ist das nur teilweise richtig, weil die Salzburger Festspie­le zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wohl ein Risiko auf sich genommen ha­ben. Sie haben in Anna Netrebko eine Persönlichkeit gesehen, der sie zugetraut haben, bestimmte Rollen adäquat zu interpretieren.

    BARBARA BEYER: Wie lange ist das her?

    KLAUS BERTISCH: La Traviata war 2004.

    BARBARA BEYER: Also 20 Jahre.

    KLAUS BERTISCH: Anna Netrebko hat im Sommer bei den Festspielen schon lange keine große Rolle mehr in einer Neuinszenierung gesungen. Der Starkult, für den Salzburg gesorgt hat, hat sich verselbstständigt und scheint nun an anderen Orten auf, wie z.B. an der Berliner Staatsoper.

    BARBARA BEYER: Findest du nicht, dass der Starkult vom Inhalt eines Stückes ab­lenkt?

    KLAUS BERTISCH: Meiner Ansicht nach liegt das Geheimnis in der Diversität – sowohl in Hinblick auf das Repertoire als auch auf die Macher*innen. Die unterschiedli­chen Rollen, die Asmik Grigorian in den letzten Jahren in Salzburg übernommen hat, weisen meiner Meinung nach Diversität auf. Für mich ist sie – jedenfalls, wie man sie öffentlich wahrnimmt – in keinem Fall eine Diva. Sie wird zu einer Diva hochstilisiert, weil sie die Rollen singt, die mit dem Begriff der Diva assoziiert werden. Das ist das Gefährliche.

    BARBARA BEYER: Eine Diva wird immer durch das Publikum und die Medien ge­macht. Asmik Grigorian ist dabei nicht unschuldig, aber sie möchte das vielleicht gar nicht. Es passiert mit ihr.

    KLAUS BERTISCH: Das ist etwas, das man als Sängerin selbst kaum lenken kann, wie der Werdegang von Maria Callas zeigt. Ihre Karriere hat begonnen, als sie „dick“ war und in Italien große, dramatische Rollen gesungen hat. Als sie abgenommen hat, hat sich ihr Repertoire geändert. Hinzu kamen die Medien, ihre Stimme, genauso wie Privatereignisse. Das sind Einflüsse, die immer mit Interesse ver­folgt werden. So etwas kann an einer Sängerin nicht spurlos vorübergehen. Wie reagiert man, wenn man ausgebuht oder in Grund und Boden geschrieben wird? Man fragt sich: Muss man etwas ändern? Bleibt man, wer man ist?

    SARA LEITNER: Gibt es bestimmte Eigenschaften, die eine Frau haben muss, damit sie bei den Salzburger Festspielen zum Star gemacht werden kann?

    KLAUS BERTISCH: Das kann man so pauschal nicht sagen, weil es viel damit zu tun hat, wie Sängerinnen eine Rolle interpretieren, wie die Reaktionen des Publi­kums und die von Agent*innen sind. Es hängt darüber hinaus aber auch damit zusammen, wer ein Haus leitet, wer die Entscheidungen trifft und welches Re­pertoire zur Verfügung steht.

    BARBARA BEYER: In der ZEIT schrieb Christine Lemke-Matwey in einer Kritik, dass Asmik Grigorian eigentlich ein lyrischer Sopran ist, weshalb die Rolle der Lady Macbeth für sie zu dramatisch sei. Der Betrieb greift teilweise rücksichtslos zu. Wir wissen nicht, was mit Asmik Grigorians Stimme passiert, aber wenn sie in dieser Weise weitermacht, ist sie bald am Ende. Es gibt Sängerinnen, die bereits während des Studiums von Agent*innen dazu gezwungen werden, sich inner­halb kürzester Zeit ein Repertoire anzueignen. Es ist obszön, wie Agent*innen vorgehen.

    KLAUS BERTISCH: Christine Schäfer – eine Sängerin, die heute nicht mehr singt, aber eine Zeit lang stark in den Fokus gerückt wurde – hat sich bewusst vom Betrieb abgewandt, weil sie sich dem Rollenverständnis und dem Klischee, das die Me­diengesellschaft auf sie zu projizieren versucht hat, nicht aussetzen wollte. Von den beiden Sängerinnen, über die wir sprechen, hat keine den Weg eingeschla­gen, den Christine Schäfer genommen hat, sondern beide sind auf den Medi­enwagen aufgesprungen. Bei Asmik Grigorian muss man abwarten. Mit Salome wurden große Dinge an sie herangetragen, aber ich habe den Eindruck, sie ist bei der Auswahl ihrer Rollen nicht wirklich kritisch. Trotzdem widersetzt sie sich den Erwartungshaltungen der Medien, die versuchen, sie zu vermarkten, was sich an den Partien zeigt, die sie bisher gesungen hat.

    SARA LEITNER: Verkörpern Anna Netrebko und Asmik Grigorian Ihrer Meinung nach zwei konträre Frauenbilder?

    KLAUS BERTISCH: Die Frage ist, ob sie die Erwartungshaltungen erfüllen, die an sie – auch von der Presse – herangetragen werden.

    BARBARA BEYER: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen, weil Anna Netrebko bereits seit mehreren Jahren im Geschäft ist und folglich eine bestimmte Robustheit sowie einen Grad an Perfektion entwickelt hat. Bei Asmik Grigorian lässt sich hingegen noch etwas Fragiles erkennen. Sie ist in diesem Sinne noch nicht „verdorben“. Ob sie gegebenenfalls die Kraft hat, wie Christine Schäfer mit dem Betrieb zu brechen, lässt sich nicht sagen. Ich glaube, irgend­wann tritt eine Form von Selbstschutz ein, der notwendig ist, damit man sich entscheidet – und zwar auch dafür, dass man eine Existenz als Diva begrüßt.

    KLAUS BERTISCH: Wie wir bereits zu Beginn festgestellt haben: Die Rollen sind nicht die Persönlichkeiten. Dem breiten Publikum bleiben Informationen aus dem Pri­vatleben von Asmik Grigorian verborgen, während wir von Anna Netrebko wis­sen, dass sie z.B. darauf besteht, dass ihr Mann gemeinsam mit ihr auftritt. Inso­fern ist Asmik Grigorian noch nicht auf diesen Wagen aufgesprungen. Trotzdem hat sie Erfolg in Salzburg. Sie wird vom Publikum geliebt und gehypt, versucht aber, ihr Privatleben außen vor zu lassen.

    SARA LEITNER: Spielt trotzdem auch bei Asmik Grigorian in Salzburg der Starkult eine Rolle?

    KLAUS BERTISCH: Auf jeden Fall. Die Salzburger Festspiele versuchen, einen Star zu kreieren. Meiner Meinung nach kommt es aber darauf an, wie man sich dazu ver­hält. 2023 wurde in Salzburg auch Falstaff neuinszeniert. Die titelgebende Figur wäre eine der wenigen Männerrollen, die das Potential zum Starkult hätte. Trotz­dem wurde in der breiten Öffentlichkeit nicht über Gerald Finley diskutiert, der den Falstaff gesungen hat.

    SARA LEITNER: Ist der Starkult also geschlechtlich konnotiert und an eine Frau ge­koppelt?

    BARBARA BEYER: Ja, aber nicht ausschließlich. Es gibt auch Tenöre, die den Status eines Stars erreicht haben.

    KLAUS BERTISCH: Domingo, Carreras und Pavarotti waren die drei Tenöre, bei de­nen man von einem Starkult sprechen kann. Man könnte vielleicht auch Rolando Villazón nennen. Aber sind wir an Villazón und seiner Entwicklung genauso interessiert wie an Netrebko, mit der er La Traviata gesungen hat? Nein, würde ich sagen.

    BARBARA BEYER: Hier zeigt sich auch etwas, das mit den Opern selbst zu tun hat. Die männlichen Rollen laden – zumindest bei Verdi – nicht zur Identifikation ein. Die Frauenfiguren sind oft die radikalen Figuren, die aus Liebe etwas vorantreiben und die Männer in Bedrängnis bringen und so das patriarchale System durchei­nanderbringen. Das ist als Identifikationsmoment wesentlich interessanter.

    KLAUS BERTISCH: Es liegt auch daran, dass das breite Publikum die Inhalte mit der Persönlichkeit einer Sängerin vermischt…

    BARBARA BEYER: …. oder ein Identifikationsmuster vorhanden ist, in das man sich gerne einklinkt.

    SARA LEITNER: Wie erklären Sie sich, dass der Starkult gerade bei den Salzburger Festspielen so präsent ist?

    BARBARA BEYER: Es hat mit den teuren Eintrittskarten zu tun. Salzburg bedeutet ein Fest, und das möchte man genießen. Man möchte für sein Geld etwas geboten bekommen, und das geht nur über Stars.

    KLAUS BERTISCH: Man erkauft sich durch die teuren Karten auch den Star. Man bezahlt dafür, dass man jemanden trifft, mit dem man sich identifizieren kann. Ich würde mir wünschen, dass der Gründungsgedanke von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal eine größere Rolle spielen würde, was in der Oper auch möglich wäre.

    BARBARA BEYER: Ich würde mir mehr Werkstattcharakter und eine inhaltliche Aus­einandersetzung mit den Stücken wünschen.

    SARA LEITNER: Haben die Sängerinnen, die bei den Salzburger Festspielen ins Zent­rum gerückt wurden, das Bild der Festspiele entscheidend mitgeprägt?

    KLAUS BERTISCH: Der Starkult kommt aus der Zeit von Herbert von Karajan, in der Fotos der Künstlerinnen in den Schaufenstern lagen und sich das Publikum vor dem Eingang positioniert hat, um einen Blick darauf erhaschen zu können, wenn die Sängerinnen die Festspielhäuser in ihrem privaten Kleid oder Dirndl betra­ten. Ich würde sagen: Bitte ein bisschen mehr auf den Inhalt schauen!

    SARA LEITNER: Wäre das Ihr Appell für die Zukunft?

    KLAUS BERTISCH: Die Themen der Opern sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich, weil wir einen Kanon haben, der vor allem aus Werken des 19. Jahrhunderts besteht. Brauchen wir sie? Oder haben wir nicht auch die Möglichkeit, diese Werke in einem Licht erscheinen zu lassen, das unsere eigene Zeit, unsere literarische und musikalische Entwicklung widerspiegelt, sodass begreifbar wird, warum Mac­beth heute noch aufgeführt wird? Ich glaube leider nicht, dass das in Salzburg eine Rolle spielt. Ich verstehe ein Festival aber als Möglichkeit, Dinge zu machen, die man sonst nicht machen kann. Man muss dem Publikum auch Stücke und Inszenierungen schmackhaft machen, die nicht landauf, landab gespielt werden. Seid doch bitte bereit, andere Sachen zu machen oder andere Werke in den Ka­non aufzunehmen!

    BARBARA BEYER: Das finde ich auch, vor allem sollte man Zeitgenössisches auffüh­ren.


    Anmerkungen

    1. Kesting, Jürgen: Eine Lady, wie von Verdi erträumt. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/verdis-macbeth-in-salzburg-19069660.html (13.3.2024), datiert mit 30.7.2023. ↩︎
    2. N. N.: Am Ende mehr Applaus als Buhrufe für Netrebko in Berlin. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/anna-netrebko-in-berlin-mehr-applaus-als-buhrufe-19178492.html (13.3.2024), datiert mit 16.9.2023. ↩︎

    BARBARA BEYER

    Studium der Musikwissenschaften, Psychologie und Germanistik. 1991-96 Dramaturgin am Staatstheater Darmstadt und Gastdramaturgin am Nationaltheater Mannheim sowie an der Freien Volksbühne Berlin. 2004-08 Lehrtätigkeiten an der Universität der Künste im Bereich Bühnenbild und an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ im Fachbereich Musiktheaterregie. 2009 Professur für Musikdramatische Darstellung an der Kunstuniversität Graz. Ab 2015 Leiterin der Opernklasse an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden.

    KLAUS BERTISCH

    Studium der Anglistik, Germanistik, Kunsterziehung und Pädagogik. 1987-90 Dramaturg und Autor für das Siemens Kulturprogramm in München. 1990-2018 Chefdramaturg an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam. Tätigkeiten als Regisseur mit Spezialisierung auf szenische Recitals. Lehrtätigkeit an der Dutch National Opera Academy in Amsterdam. 2023 Dramaturg bei der Oper Orfeo ed Euridice bei den Salzburger Festspielen sowie bei der Zauberflöte in der Dutch National Opera & Ballet in Amsterdam.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Regisseurinnen, Dirigentinnen, Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen

    Die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit Frauen als Regisseurinnen, Di­rigentinnen und Choreographinnen (hier auch R/D/C) bei den Salzburger Fest­spielen bildet eine Lehrveranstaltung mit Prof. Pia Janke, in deren Rahmen wir den Fragen nachgingen, inwiefern diese Rollen überhaupt weiblich besetzt waren und sind, wie sich die diesbezügliche öffentliche Sichtbarkeit (und die damit impli­zierte interne Aufarbeitung) gestaltet und welche weiteren Forschungsfragen bzw. Visionen sich daraus für die Salzburger Festspiele ergeben. Es folgt ein Überblick über unsere Arbeit und vorläufigen Ergebnisse.

    Die zahlreichen Leerstellen in den bisherigen Untersuchungen zu den Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen fordern eine diesbezügli­che Grundlagenarbeit. Zum einen gilt es also, die Daten zu 100+ Jahren Festspiel­betrieb mit Fokus auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen zu sichten und die daraus hervortretenden Entwicklungslinien aufzubereiten. Zum anderen ist dieses Unterfangen nur dann sinnvoll, wenn es unter konkre­ten Fragestellungen passiert. Als roter Faden der Analyse kann grundsätzlich die Sichtbarkeit der Frauen in den untersuchten Rollen festgehalten werden. „Sicht­barkeit“ kann hier, zur begrifflichen Übersichtlichkeit, sowohl als Sichtbarkeit im quantitativen Sinne (= die Summe der Nennungen im statistischen Sinn) als auch im qualitativen Sinne (= der Kontext der Nennungen im inhaltlichen Sinn) verstan­den werden. So stellen sich etwa im Zuge der quantitativen Sichtbarkeit die Fra­gen: Wie viele (verschiedene) Frauen finden sich in der Rolle der Regisseurin, Di­rigentin oder Choreographin wieder? Wie oft wurden individuelle Frauen für Pro­duktionen in diesen Rollen engagiert? Wann gab es die erste Regisseurin, Dirigen­tin und Choreographin? Gibt es über den Verlauf der Festspiele Phasen, in denen die weibliche Besetzung ansteigt, rückläufig ist oder andere Auffäl­ligkeiten aufweist? Im Sinne der qualitativen Sichtbarkeit, die wei­terführende Fragen zur adäquaten Darstellung der (Führungs-)Positi­onen der Frauen bei den Salzbur­ger Festspielen im biographischen, institutionellen und strukturellen Sinn aufwirft, ergeben sich Fragestellungen wie: Wie sind die ermittelten Daten in unterschiedlichen Zusammen­hängen einzuordnen und zu bewerten? Welche Zusammenhänge bestehen zwi­schen unseren Beobachtungen/Recherchearbeiten und der allgemeinen Timeline bzw. den Phasen der Salzburger Festspiele? Was lässt sich außer den Namen noch zu den Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen finden? Inwiefern wurden die Tätigkeiten der Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen von den Salzburger Festspielen dokumentiert (z.B. kreative Entwürfe, Probenpro­tokolle, Besprechungsprotokolle, Korrespondenzen, Verträge usw.)? Gibt es For­schungs- oder Kunstprojekte zur Sichtbarmachung der Frauen seitens der Salz­burger Festspiele und außerhalb der Institution? Aus diesen Sichtbarkeitsbegriffen sollen im Anschluss an die Datensichtung, Recherche und Analyse zudem weitere Forschungsinteressen und Impulse für die Salzburger Festspiele selbst abgeleitet werden.

    Als Grundlage für die Datenerhebung kann die öffentliche Datenbank des Ar­chivs der Salzburger Festspiele1 herangezogen werden, anhand derer die Präsenz von Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen im Festspielbetrieb von 1920 bis 2023 ermittelt werden sollte. Zur Eingrenzung des Themas wurden Schwerpunkte der Datenaufbereitung gesetzt. Diese liegen auf den Sparten Schau­spiel und Oper sowie der seit 2017 bestehenden Sparte „Jung und Jede*r“, welche jährlich im Vorfeld der Sommerfestspiele stattfindet.

    Wir haben uns dazu entschieden, vorerst öffentlich und digital zugängliche Daten auszuwerten, da deren relativ niedrigschwellige Zugänglichkeit bereits gewisse Rückschlüsse auf die Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung der Frauen erlaubt. Eine Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele ist zwar online frei verfügbar, zur präzisen Recherche ist diese jedoch nur bedingt geeignet. Gründe dafür sind etwa eingeschränkte Filterfunktionen, uneinheitliche Schlagwort-Verlinkungen in einzelnen Produktionen, fehlerhafte Verlinkungen und recht umständliche Nutzer*innen-Pfade auf der Website, was die Anfälligkeit für Fehler unweiger­lich erhöht. In weiteren Forschungen wäre also eine zusätzliche Überprüfung etwa mit den internen digitalen und analogen Daten des Archivs der Salzburger Fest­spiele durchaus sinnvoll, um die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten zu gewährleisten. Insgesamt können anhand der vorliegenden Untersuchungen je­denfalls Tendenzen, Leerstellen und Fragestellungen adäquat formuliert und For­schungsimpulse sowie Visionen für die Salzburger Festspiele und deren Archiv gesetzt werden.

    Pionierinnen, Entwicklungslinien und die große Lücke: Datensichtung und erste Beobachtungen

    Zunächst zeigt die Erfassung der Produktionen mit R/D/C bei den Salzburger Festspielen von 1920 bis 2023 bisher 59 Regisseurinnen (bei 116 Produktionen), sieben Dirigentinnen (eine davon ist ein Co-Dirigat mit einem männlichen Kollegen; bei elf Produktionen) und 57 Choreographinnen (bei 169 Produktionen).2 Bereits im ersten Festspieljahr ist mit Hede Nilson-Schaffgotsch bei Hugo von Hofmanns­thals Jedermann eine Choreographin vertreten. Die erste Regisseurin ist 1926 bei Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni MARIE GUTHEIL-SCHODER, die erste Diri­gentin ist 1994 Anne Manson in Boris Godunow von Modest Mussorgski. Wer sich allerdings zur Annahme hinreißen lassen möchte, dass ab diesem Zeitpunkt die Di­rigentinnen standardmäßig Einzug bei den Salzburger Festspielen halten, irrt – die nächste Dirigentin,Julia Jones, ist erst wieder zehn Jahre später in der Datenbank zu finden. Oder anders formuliert: Nach rund 80 Jahren Mozart-Produktionen bei den Salzburger Festspielen dirigiert im Jahr 2004 erstmals eine Frau Die Entführung aus dem Serail (digital version). Bei den Dirigentinnen ist zudem festzuhalten, dass drei der elf Produktionen im Rahmen von „Jung und Jede*r“ stattfanden (bei den Regisseurinnen sind es neun), also im Vorfeld der zentralen Sommerfestspiele.

    Besonders markant hebt sich die Präsenz der Choreographinnen ab dem ersten Festspielsommer hervor. Dem gegenüber steht die Absenz von Dirigentinnen bis in die 1990er Jahre und die bis zum Festspielsommer 2023 verhältnismäßig über­mächtige männliche Besetzung dieser Position. Im Bereich Regie wird ein sukzes­siver Anstieg der weiblichen Regisseurinnen deutlich. Bis in die 1960er Jahre sind es mit MARIE GUTHEIL-SCHODER,Margarete Wallmann und Helene Thimig jedoch lediglich drei unterschiedliche Regisseurinnen in 20 Produktionen. Bis Ende der 1990er Jahre sind insgesamt acht Frauen in dieser Position. Ab der Jahrtausend­wende sind Regisseurinnen, wenn auch die Besetzung im Vergleich mit den männ­lichen Kollegen nicht ausgeglichen ist, zumindest mit steigender Tendenz bei den Salzburger Festspielen im Einsatz.

    Neben den bereits erwähnten Beobachtungen, die sich primär auf die Anfangsjahre der Salzburger Festspiele und auf die Zeit ab den 1990er Jahren beziehen, stechen nun auch die Jahre zwischen etwa 1970 und 1990 hervor. Besonders auffällig wird die Leerstelle von weiblich besetzten Regiepositionen zu dieser Zeit, aber auch bei den Choreographinnen zeigt sich eine deutliche Abnahme der Engagements. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, womit diese Lücke bzw. der Rückgang zusam­menhängen könnte. Einen Ansatz zur Untersuchung der Kausalitäten bietet die (vorerst ledigliche) Korrelation zwischen den jeweiligen Intendanten3 und Produk­tionsteams des bisherigen Festspielbetriebs.

    Herbert von Karajan und die Absenz der Frauen in (künstlerischen) Leitungspositionen

    Blickt man auf die Jahre zwischen 1970 und 1990, so wird deutlich, dass Herbert von Karajan diesen Zeitraum mit seiner langjährigen Intendanz prägte. Beginnend im Jahr 1957 hatte er bis ins Jahr 1989 die künstlerische Leitung der Festspiele inne.4 In Bezug auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen geht aus der Datensichtung hervor, dass unter Karajan nur wenige bis gar keine Frauen in diesen Bereichen zum Zug kamen. So gab es zwar einige Choreographinnen, jedoch nur Margarete Wallmann und Helene Thimig in insgesamt acht Produkti­onen als Regisseurinnen (beide waren bereits vor Karajan in dieser Rolle bei den Festspielen etabliert) und keine einzige Dirigentin. Die Aufarbeitung dieser Um­stände ist kaum oder gar nicht vorhanden. Grundsätzlich lässt sich aber die The­se argumentieren, dass unter Karajan persönliche, strukturelle und institutionelle Ungleichstellungen und Diskriminierungen gegenüber weiblichen Künstlerinnen aufrechterhalten und verstärkt wurden, die sich – aufgrund mangelnder Aufar­beitung – auch in den heutigen Strukturen der Salzburger Festspiele nachweisen lassen. In Hinblick auf Karajans langjährige Intendanz und seine bis in die zeitge­nössische Festspielkultur reichende Rolle als eine der Identifikationsfiguren der Salzburger Festspiele wäre es also in weiterer Folge interessant, seine Rolle in den heutigen Strukturen innerhalb der Festspiele zu erforschen; zudem – auch dieser Zusammenhang scheint uns relevant – wie die Aufarbeitung und Reflexion des „Vermächtnis Karajan“ der Salzburger Festspiele gestaltet wird.

    In diesem Zusammenhang seien noch die Herbert von Karajan Young Conductors Awards genannt. Sie sind einerseits ein Beispiel für die nach wie vor deutliche Präsenz Ka­rajans bei den Salzburger Festspielen, in diesem Fall in der Nachwuchsförderung. Gleichzeitig ist auffällig, dass die achtköpfige Jury der Young Conductors Awards aus sieben Männern und nur einer Frau besteht. Auch die Auszeichnungen werden größ­tenteils an männliche Künstler vergeben.5 Die Gründe dafür mögen im Kontext der (klassischen) Musikbranche vielfältig sein – jedoch kann thesenhaft von der fehlenden Reflexion und Aufarbeitung der diskriminierenden Besetzungspolitik Karajans (und anderen Aspekten seines Wirkens) als relevanter Faktor ausgegangen werden.

    Entsprechend gilt es für die Salzburger Festspiele in Zukunft Maßnahmen zu setzen, die einerseits die Zeit und Rückstände der „Ära Karajan“ kritisch aufarbeiten und die andererseits konkrete Schwerpunkte zur Förderung und Sichtbarmachung ins­besondere von Dirigentinnen, aber auch von Regisseurinnen und Choreographin­nen setzen. Im Fall der Herbert von Karajan Young Conductors Awards ergibt sich die Forderung nach Diversifizierung in allen Bereichen (Jury, Preisträger*innen etc.).

    Neben der Intendanz von Herbert von Karajan erscheint auch eine genauere Be­obachtung und Analyse anderer Intendanten als sinnvoll und unumgänglich für eine aussagekräftige Beschäftigung mit der Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in künstlerisch leitenden Positionen bei Produktionen der Salzburger Festspiele. Da es den Rahmen dieses in erster Linie grundlagenbasierten und überblicksschaf­fenden Beitrags jedoch sprengen würde, lassen sich hier lediglich die Vision und Forderung nach einer solchen Beschäftigung und Herangehensweise zu dem The­ma Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salz­burger Festspielen formulieren und in Aussicht stellen.

    Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen: Führungsperson oder schmückendes Beiwerk?

    Wirft man einen Blick auf die erhobenen Daten, wird deutlich, dass der Bereich Choreographie von Anfang an überwiegend von Frauen ausgeübt wurde und nach wie vor wird. Besonders auffällig ist, dass es bereits seit Beginn der Salzbur­ger Festspiele im Jahr 1920 Choreographinnen in den Produktionsteams gab. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass hinter den Choreographinnen in den Anfangsjahren der Salzburger Festspiele nur wenig Wechsel und Diversität in Bezug auf (verschiedene) Frauen stand.

    Während verhältnismäßig viele Produktionen mit weiblich besetzter Choreogra­phie aufgeführt wurden, wird hier sichtbar, dass es wenige unterschiedliche Cho­reographinnen sind, die einen Großteil der Produktionen übernahmen. Darunter sind zwischen 1920 und 1969 vor allem Margarete Wallmann, Hede Nilson-Schaff­gotsch und Grete Wiesenthal hervorzuheben.

    In der Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele werden jene Produkti­onsteams, denen auch die Choreographinnen angehören, durchgängig unter dem Begriff „Leading Team“ angeführt, was eine gewisse Hierarchielosigkeit innerhalb der Produktionsteams impliziert. Ausgehend von der These, dass im künstleri­schen Betrieb ebenso wie in nahezu allen strukturell männlich dominierten Be­reichen einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Gesellschaft die Positionierung von Frauen in Führungspositionen das Ergebnis eines jahrzehnte- bzw. jahrhun­dertelangen Aktivismus ist, stellt sich an dieser Stelle folgende weiterführende Forschungsfrage: Nehmen Choreographinnen angesichts ihrer Häufigkeit im Ver­gleich zu den Regisseurinnen und Dirigentinnen bei den Salzburger Festspielen eine Vorreiterinnenstellung in Bezug auf weiblich besetzte Führungspositionen bei den Produktionen der Salzburger Festspiele ein?

    Geht man davon aus, dass eine solche Hierarchielosigkeit – wie sie der Begriff des „Leading Teams“ suggeriert – tatsächlich vorhanden war bzw. ist, so müsste die Antwort lauten: Ja. Ob diese Annahme jedoch für die Choreographinnen bzw. für das Verhältnis von Choreographin und (meist männlich besetzter) Regie in der Praxis haltbar ist, ist durchaus fraglich. Andrea Amort deutet die Gewichtung der Rollen innerhalb der Produktionsteams allein durch den Titel ihres Beitrags im vorliegenden Band an: Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele.6 Die Choreographie ist damit ein Teil der Inszenierung von Max Reinhardt. Schließ­lich wird der tänzerische und choreographische Erfolg der Künstlerinnen in Salz­burg stets in Zusammenhang mit Max Reinhardts „genialer“ Besetzungspolitik erwähnt.7 So schreibt Amort u.a.:

    Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vi­sion Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur ide­alen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner brausenden Ideen brauchte.8

    Demnach gehe es also in erster Linie um Reinhardts Vorstellungen. Die Ideen und die künstlerischen Leistungen der Choreographinnen stehen (wenn überhaupt) an zweiter Stelle. Amort stellt diesbezüglich auch die Frage nach einem konkreten Bild der Arbeitsbereiche, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Verortung innerhalb möglicher Produktionshierarchien der Rolle Choreographie in den Raum: „Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten.“9

    Im Kontext des Memorandums des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 202010 wird eine solche Frage nach Arbeitsbedingungen und -umständen wesentlich, nachdem sich die Festspiele hier explizit zu jenen Grundsätzen, die bereits in der Vergangenheit gegolten haben und auch für die Zukunft der Salz­burger Festspiele gelten sollen, bekennen. Im vierten Grundsatz heißt es demnach: „Die Salzburger Festspiele bekennen sich weiterhin zum Dreispartenbetrieb (Oper, Schauspiel, Konzert) sowie entschieden zur Qualität, der sie den Vorrang vor der Kommerzialität geben. Die Salzburger Festspiele leben das Bekenntnis zu höchster Qualität als zentralen Schlüssel zum Erfolg.“11 Hier wird deutlich: Tanz war nie und wird auch zukünftig keine eigens angestrebte Sparte in der Programmierung der Salzburger Festspiele werden. Entsprechend findet sich in den bisherigen 103 Jahren Salzburger Festspielbetrieb lediglich eine einzige eigens als Tanzperfor­mance ausgewiesene und von einer Frau choreographierte Produktion: Into The Hairy aus dem Sommer 2023.12 Anders als in sämtlichen anderen Produktionen ist die Choreographin, Sharon Eyal, hier keiner Regie unterstellt, und so ist anzuneh­men, dass es sich bei der Rolle der Choreographie in diesem Ausnahmefall wohl wirklich um eine „Leading“-, also um eine Leitungsposition handelt. Es bleibt zu beobachten, ob Into The Hairy eine solche Ausnahme bleiben wird oder – obwohl Tanz nicht als eigene Sparte bei den Salzburger Festspielen vorgesehen ist – weite­re Choreographinnen in Leitungspositionen folgen werden.

    Diesen Ergebnissen zufolge kann zumindest die These geäußert werden, dass die Position der Choreographie hierarchisch unter jener der Regie zu verorten ist und sich an dieser Ordnung vermutlich auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Auf die Frage, ob Choreographinnen eine Vorreiterinnenstellung als weibliche Füh­rungspersonen bei den Salzburger Festspielen einnehmen, lautet die Antwort also: Es ist anzunehmen, dass es sich – zumindest in den klassischen drei Sparten Oper, Schauspiel und Konzert – bei der Rolle der Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wohl nicht um eine produktionsleitende, künstlerische Führungsfunk­tion handelt. Choreographinnen haben also, wenn sie auch bereits seit Beginn der Festspiele eine nicht zu schmälernde Rolle innerhalb der Produktionen einnehmen, keine Vorreiterinnenstellung als weibliche Führungspersonen inne.

    Weitere Forschungsinteressen und Visionen für die Salzburger Festspiele

    Abschließend bleibt eine Reihe an offenen Fragen und Impulsen für weitergehende Forschungsvorhaben bezüglich der Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wie auch Forderungen und Vi­sionen mit dem Ziel, eine umfassende Gleichstellung von Frauen und Männern bei den Salzburger Festspielen zu ermöglichen und umzusetzen.

    Im Rahmen unserer Recherche und Analyse wurde deutlich, dass die Datenlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit beispielsweise den Intendanten der Salzburger Festspiele wie auch der Rolle der Frauen bei den Festspielen im histo­rischen Kontext weitgehend Lücken aufweist. Da eine solche Aufarbeitung jedoch besonders relevant für die Untersuchung von struktureller und institutioneller Un­gleichstellung von Frauen bei den Salzburger Festspielen erscheint, ergibt sich als erste grundlegende Forderung jene nach einer öffentlich zugänglichen, vollständi­gen bzw. transparenten Datenbank mit dem Fokus auf Sichtbarkeit und Sichtbar­machung von Frauen, z.B. in Form adäquater Filteroptionen, Verlinkungen zu den Künstler*innen-Profilen auf der Webseite der Salzburger Festspiele und Kontextu­alisierungen in Form von bereitgestellten Artikeln, Rezensionen etc. zu Produkti­onen und Beteiligten.

    Die Bereitstellung von Quellen und Datenmaterial kann auch eine zukünftige Aus­einandersetzung mit der „Timeline“ der Salzburger Festspiele erleichtern. Fragen nach Zusammenhängen zwischen den in der Datensichtung beobachteten Trends und den Phasen der Festspiele können somit quellenbasiert analysiert und beant­wortet werden.

    Die Datensichtung hat außerdem gezeigt, dass etwa der Bereich Choreographie von Anfang an vorherrschend mit Frauen besetzt war und nach wie vor ist. Gleichzeitig lässt sich für die Bereiche Regie und Dirigat ein eher schwerfälliger Trend in Richtung einer weiblichen Besetzung beobachten – von einem gleichberechtigten Standard kann nicht die Rede sein. Auch in dem 2020 erschienenen Memorandum zum 100-jäh­rigen Jubiläum der Festspiele treten die konkreten Maßnahmen zur Sichtbarmachung und Gleichberechtigung von Frauen bei den Salzburger Festspielen als Leerstelle auf. Das heißt im Rückschluss nicht unbedingt, dass es keine Maßnahmen gibt, eine proaktivere Herangehensweise und transparente Kommunikation wären jedoch wünschenswert. Dementsprechend lässt sich ein weiterführendes Forschungsinte­resse formulieren, welches das (historische) Entstehen von „Frauen-“ und „Män­nerdomänen“ in Bezug auf die Salzburger Festspiele kritisch reflektiert, etwaige Ungleichheitsstrukturen aufarbeitet und in weiterer Folge proaktiv dekonstruiert. In diesem Kontext sind die Salzburger Festspiele konkret gefordert, ein explizites Gegensteuern der „klassischen“ Rollenverteilung, eventuell durch entsprechende Projekte, Schwerpunkte oder auch den Einsatz von Entscheidungsträger*innen oder Personen in leitenden Funktionen zur Fokussierung auf Gleichberechtigungs­agenden zu ermöglichen und schließlich auch zu realisieren.

    In Bezug auf die Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bleiben letztlich auch einige Fragen unbeantwortet, welche für zukünftige For­schungsvorhaben als interessant und relevant erscheinen. So drängt sich vor allem die Frage auf, ob (und falls ja, warum) Frauen in künstlerisch leitenden Funktio­nen vor allem in Produktionen in „Randveranstaltungen“ zu finden sind. Konkret wären das beispielsweise das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ oder Produk­tionen an kleineren Spielstätten im Gegensatz zu den großen, für die Selbstdar­stellung der Festspiele zentralen Bühnen: Wo werden die Produktionen, an denen Frauen beteiligt sind, hauptsächlich gezeigt? Auch eine Auseinandersetzung mit den Pfingstfestspielen, welche seit 2012 von einer Frau, CECILIA BARTOLI, geleitet wer­den, erscheint interessant.

    Es bleiben also viele Themen unbehandelt und zahlreiche Fragen offen, mit denen es sich in Zukunft zu beschäftigen gilt. Die Forschung rund um die Frauen bei den Salzburger Festspielen hat damit viel zu tun. So auch die Festspiele selbst.

    Ein Blick auf das Festspiel-Programm für den Sommer 2024 zeigt, ohne konkrete und verbindliche Zielsetzungen und Maßnahmen geht es nicht. Regisseurinnen, Choreographinnen und Dirigentinnen kommen in unterschiedlichen (wenn auch wenigen) Produktionen vor, eine radikale Veränderung bleibt aus. Das Memoran­dum 2020 schließt mit den Worten ab: „Die Salzburger Festspiele müssen nicht im­mer neu geträumt oder erfunden werden. Sie müssen aber immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden, und diese neue Gegenwart kann nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit heraus entstehen.“13 Fast zynisch liest sich dieser Abschluss angesichts der dargestellten grundlegenden Leerstellen in der (histori­schen) Aufarbeitung und der offensichtlichen Ungleichheitsstrukturen, die nicht den Ansprüchen des Jahres 2024 entsprechen. Abschließend kann gesagt werden: Es geht keineswegs darum „immer neu zu träumen“, sondern darum, endlich zu handeln.


    Anmerkungen

    1. Archiv der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/kalender (26.3.2024). ↩︎
    2. Zu beachten ist, dass hier nach jetzigem Erhebungsstand der Begriff „Produktionen“ nicht zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen unterscheidet. Erfasst wurden lediglich die unterscheidbaren Programmpunkte pro Jahr, weshalb etwa die Produktion des Jedermann in den Jahren 1920 und 1921 mit der Choreographie von Hede Nilson-Schaffgotsch als zwei Produktionen gewertet werden, obwohl es sich wohl um eine Wiederaufnahme handelt. Die individuellen Aufführungen in einem Festspieljahr, etwa sechs Aufführungen des Jedermann im Jahr 1920, werden als eine Produktion angegeben. In weiteren inhaltlichen Untersuchungen wäre es also sinnvoll, die einzelnen Produktionen genauer zu untersuchen und festzuhalten, was sich aus der Unterscheidung zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen ergibt. ↩︎
    3. Zu gendern ist hier hinfällig, da es sich um eine bisher ausschließlich von Männern ausgeübte künstlerische Leitungsposition handelt. ↩︎
    4. Bayrischer Rundfunk: Salzburger Festspiele. Intendanten von Karajan bis heute. https://www.br-klassik.de/themen/salzburger-festspiele/intendanten-salzburger-festspiele-100.html (26.3.2024), datiert mit 20.7.2017. ↩︎
    5. N. N.: Herbert von Karajan Young Conductors Awards. https://www.salzburgerfestspiele.at/yca#preistrgerinnen (26.3.2024). ↩︎
    6. Amort, Andrea: Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele. Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Im vorliegenden Band, S. 110-120, S. 110. ↩︎
    7. Vgl.: Ebd., S. 115-116. ↩︎
    8. Ebd., S. 115. ↩︎
    9. Ebd., S. 116. ↩︎
    10. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎
    11. Ebd. ↩︎
    12. N. N.: Into The Hairy. https://www.salzburgerfestspiele.at/p/into-the-hairy-2023 (27.3.2024). ↩︎
    13. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎

    IRIS SCHMIDINGER

    Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur. Weiterbildungen und ehrenamtliche Tätigkeiten im Bereich Kinder- und Jugendliteratur sowie Kulturmanagement im Bereich Chormusik. 2016-18 Mitarbeiterin bei den Wiener Festwochen. Seit 2021 Leiterin des Veranstaltungsbereichs des Österreichischen Buchklubs der Jugend sowie redaktionelle Mitarbeit.

    ANNA SCHWEIGER

    2019-23 Bachelorstudium Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch mit Spezialisierungen in den Fachbereichen Linguistik und Deutsch als Fremdsprache bzw. Zweitsprache mit Fokus auf Critical digital Discourse Analysis bzw. Kritische Diskursanalyse medialer Berichterstattung. Seit 2023 Master Austrian Studies und Master Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch an der Universität Wien.

  • Festredner*innen

    Festredner*innen

    Von den 60 Festredner*innen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1964-2025) waren fünf Frauen: JEANNE HERSCH(1985), BARBARA FRISCHMUTH(1999), ELKE HEIDENREICH(2008), Nina Chruschtschowa (2024), Anne Applebaum (2025):

    1964 Salvador de Madariaga: Lob Salzburgs

    1965 Gabriel Marcel: Die Musik als Heimat der Seele

    1966 Clemens Holzmeister: Das Bauwerk der Salzburger Festspiele

    1967 Bernhard Paumgartner: Die Aufgabe Salzburgs

    1968 W. H. Auden: Worte und Noten

    1969 Pietro Quaroni: Festspiele und Massenmedien

    1970 Carl Zuckmayer: Über die musische Bestimmung des Menschen

    1971 Helmuth Plessner: Das Geheimnis des Schauspielers

    1972 Eugène Ionesco: Die bedrohte Kultur

    1973 Giorgio Strehler: Max Reinhardt und heute

    1974 Oscar Fritz Schuh: Zum 100. Geb. H. v. Hofmannsthals

    1975 Carl Friedrich von Weizsäcker: Die geheimnisvolle Wirklichkeit des Schönen

    1976 Heinz Politzer: Musikerlöste Dämonie

    1977 Léopold Sédar Senghor: Österreich als Ausdruck der Weltkultur

    1978 Josef Klaus: Salzburger Weltoffenheit

    1979 Sir Karl Popper: Schöpferische Selbstkritik in Wissenschaft und Kunst

    1980 Wolfgang Hildesheimer: Was sagt Musik aus?

    1981 Hans-Georg Gadamer: Das Alte und das Neue

    1982 Hermann Josef Abs: Mäzenatentum als Verpflichtung und Beglückung

    1983 Leo Gabriel: Sprache und Gespräch – Schöpferische Weltgestaltung

    1984 Gerd Bacher: Die Beifallsgesellschaft und ihre Medien

    1986 Clemens August Andreae: Kunstwerke zwischen Ästhetik und Ökonomik

    1987 Kurt Hübner: Festspiele als mythisches Ereignis

    1988 Péter Hanák: Schöpferische Kraft und Pluralität in der mitteleuropäischen Kunst

    1989 Maurice Schumann: 1789-1791. Vom aufsteigenden Licht einer Revolution zum Er­löschen eines Genies

    1990 Václav Havel: Die Poesie ist zu Ende

    1991 Wolfgang Rihm: Was ,sagt‘ Musik?

    1992 Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama): Menschliches Mitgefühl und universelle Verant­wortung: Eine Grundlage des Glücks und des Friedens

    1993 Árpád Göncz: Tükörszilánkban az egész

    1994 George Steiner: Der Europa-Mythos

    1995 Nikolaus Harnoncourt: Was ist Wahrheit? oder Zeitgeist und Mode

    1996 Claudio Magris: Utopie und Entzauberung

    1997 Christoph Ransmayr: Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer

    1998 Franz König: Europa braucht ein neues geistiges Antlitz

    2000 Jakob Kellenberger: Friede ist das Ergebnis harter Arbeit

    2001 Peter Sloterdijk: Tau von den Bermudas

    2002 Peter Ruzicka: Das Spiel vom Ende der Feste. Eine Antrittsrede

    2003 Andrei Pleșu: Freude in Ost und West

    2004 István Szabó: Wie ein Gefühl oder ein Gedanke entsteht

    2005 keine Festrede

    2006 keine Festrede

    2007 Jürgen Flimm: Komm Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen

    2009 Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe

    2010 Daniel Barenboim: Nicht warten, sondern auf den anderen zugehen

    2011 Joachim Gauck: Auf die Mutigen wartete das Gefängnis

    2012 Peter von Matt: Kunst, Verschwendung und Gerechtigkeit

    2013 José Antonio Abreu: Kinder und Jugendliche in ein solidarisches Leben einführen

    2014 Christopher Clark: Wie ein Gewitter aus heiterem Himmel

    2015 Rüdiger Safranski: Revolution des Zeitregimes

    2016 Konrad Paul Liessmann: Und mehr bedarf‘s nicht. Über Kunst in bewegten Zeiten

    2017 Ferdinand von Schirach: Das Recht gegen die Macht stellen

    2018 Philipp Blom: Wir sind alle Kinder der Aufklärung

    2019 Peter Sellars: Listening to the Ocean: Planetary Change and Cultural Action – The meaning and urgency of ‚ecological civilization‘ in the next generation

    2020 Alexander Kluge: Rede über das Jahrhundert

    2021 Julian Nida-Rümelin: Eine humanistische Utopie

    2022 Ilija Trojanow: Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens

    2023 Anton Zeilinger: Wie kommt das Neue in die Welt?

    2025 Anne Applebaum: Demokratie und Festspiele


    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrau­ensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen Zeit der Musik.

    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein be­stimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Ar­beit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist ver­schwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich ent­wickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: JEANNE HERSCH: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Ro­land (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)


    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit ei­nem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrneh­mung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der euro­päischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)

    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden ha­ben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoff­nung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neu­erliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.«

    Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch an­zweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte die­ser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Län­dern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: BARBARA FRISCHMUTH: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)


    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Pro­gramm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:

    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfor­dern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.

    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.

    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.

    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.

    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.

    Schließlich:

    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann ge­gen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.

    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:

    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,

    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.

    Der Traurige wird freudig sein,

    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet.

    In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?

    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Fest­spiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzbur­ger Festspiele 2008)

  • International, zeitgenössisch

    International, zeitgenössisch

    Frauen, Frieden und die Salzburger Festspiele (1919-26)

    Ende Februar 1920 gab der Wiener Verlag Otto Maaß Söhne einen kurzen Leitfaden für einen dauerhaften Frieden im Nachkriegseuropa heraus.1 Obwohl das anonym verfasste Buch nur 24 Seiten lang war, entschädigte es seine Leserschaft mit einer üppig kolorierten, ausziehbaren Europakarte. Mit einer beeindruckenden Höhe von 60 cm und einer Breite von 80 cm zeigte die Karte die westliche Hälfte des Kontinents, aufgeteilt in 24 gleichmäßig unterteilte Verwaltungsabschnitte, die als Kantone bezeichnet wurden. Ähnlich ausschauend wie die Speichen eines riesigen Rades (oder die Scheiben einer Pizza) stellte sie Europa als eine einheitliche politische Union dar und platzierte Wien in ihrem Mittelpunkt. Während der Autor argumentierte, dass die ehemalige Reichshauptstadt das kulturelle und symbolische Herz Europas darstellte, kam er zum Schluss, dass zur Verwirklichung dieser friedlichen Konfiguration zwischen Zentrum und Peripherie zunächst eine Gruppe rational denkender Männer gefunden werden musste, die frei von allen nationalen und religiösen Vorurteilen und bereit waren, die Aufgabe der Führung zu übernehmen:

    Jede Nation, auch die kleinste, besitzt sicherlich verständige und kluge Männer genug, die mit reinem Gewissen, nach reiflicher Überlegung, frei von allem National- wie Religionshaß zu dem Schlusse kommen, daß nur allein durch nationale Verbrüderung, durch Eindämmung des Religionshasses der zukünftige Friede von Segen sein kann.2

    So edel dieser Lösungsvorschlag für die tiefsitzenden Probleme des damaligen Nachkriegseuropas auch klang, ein Vergleich solcher utopischen Vorstellungen mit den historischen Ereignissen, die sich nach Ausbruch des Krieges abspielten, zeigt nur, dass zwischen Realität und Fantasie eine große Kluft besteht. Nur einen Monat vor der Veröffentlichung des Buches beschlossen die europäischen Staats- und Regierungschefs auf der letzten Sitzung der Pariser Friedenskonferenz am 21.1.1920, dass die laufenden Aufgaben der internationalen Friedensstiftung von nun an in Genf, dem Sitz des Völkerbundes (League of Nations), durchgeführt werden sollten – nicht in Wien. Und es waren die sogenannten „verständigen und klugen Männer“, die den Kontinent im Sommer 1914 in den Krieg gestürzt hatten. Im Gegensatz dazu war es das „andere“ Geschlecht, das 1915 die Initiative zur Gründung der ersten großen internationalen Organisation ergriff, die sich dem Konflikt entgegenstellte und sich in der Zwischenkriegszeit für eine friedliche Aussöhnung einsetzte.3 Wie die Mitglieder der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit die Ereignisse provokativ interpretierten, war der Erste Weltkrieg im Grunde eine geschlechtsspezifische Angelegenheit: „Der Krieg wurde von den Männern gemacht, wir Frauen kennen keinen Krieg und werden einander immer verstehen.“4

    Karte Das neue Europa mit dem Dauernden Frieden. Die Unionisierung Mitteleuropas, 1920. Cornell University Library: Digital Collections. Das Neue Europa mit dem Dauernden Frieden. https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:19343441 (4.1.2023)

    Die Entstehung und die frühe Entwicklung der Salzburger Festspiele sind routinemäßig als internationales Friedensprojekt ihrer Gründerväter dargestellt, wobei Frauen innerhalb der künstlerischen Welt eine untergeordnete oder sekundäre Rolle spielten, d.h. in Bereichen, die hauptsächlich außerhalb der Entscheidungskontexte lagen, wie z.B. in den von Männern dominierten Vorstandsetagen, in denen die „eigentliche Arbeit“ der künstlerischen Programmgestaltung, der Organisation und der Friedensarbeit stattfinden sollte.5 Aber schon früh im Krieg erkannten Frauen nicht nur den Zusammenhang zwischen Kunst und Diplomatie und diskutierten ihn in organisierten Kreisen (und auch in Publikationen), sondern beteiligten sich auch aktiv an der praktischen Umsetzung solcher Ideen auf dem gesamten europäischen Kontinent nach 1918. Durch die Kunst trugen Frauen entscheidend zur neuen Identität Salzburgs als Ort der internationalen Friedensstiftung bei und verliehen der Festspielstadt zeitgemäße und fortschrittliche Elemente, die von bisherigen Studien übersehen wurden. So ungeschickt, wie der Wiener Autor die Ideen aus Immanuel Kants Zum ewigen Frieden aus dem Jahr 1795 neu verpackt hat, bietet seine wunderschön illustrierte Karte ungewollt – wie eine kaputte Uhr, die mindestens zweimal am Tag richtig steht – eine neue Perspektive, aus der sich die breiteren Netzwerke rekonstruieren lassen, durch die Frauen die frühen Salzburger Festspiele entscheidend prägten.

    Der nach Westen weisende Keil auf der Karte, der als „Kanton Genêve“ bezeichnet wird, gruppiert vier Städte – Genf, Zürich, Salzburg und Wien –, die gemeinsam als „Friedensachse“ der Zwischenkriegszeit fungierten, um die herum eine breitere Anerkennung der Rolle der Musik in der internationalen Diplomatie erfolgte. Die Ideen und Personen, die in diesen Städten verkehrten, konzentrierten sich allmählich auf Salzburg als neues europäisches Zentrum, in dem die Künste als Katalysator für einen dauerhaften Frieden dienen sollten. Bekanntlich war die österreichische Hauptstadt (neben Altaussee) der Ort, an dem Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die „Salzburger Idee“ als Begriff zur Reparatur der zerrütteten kulturellen Netzwerke Europas am deutlichsten artikulierten. In einer geografischen Metapher formulierten sie das Potenzial der Stadt:

    Dass gerade von Oesterreich aus es möglich sein wird, die zerrissenen Fäden der europäischen Kulturgemeinschaft wieder anzuknüpfen und in keinem Zeichen eher als im Zeichen der Musik und des Theaters. Dass Salzburg für die darstellende Kunst das werden könnte, was Montecarlo und Aegypten für die Reisewelt, Italien für die Bewunderer der Malerei, Griechenland für den Mann der Wissenschaft.6

    Aber auch die beiden Schweizer Städte spielten eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Identität der Festspielstadt in der Nachkriegslandschaft. Zürich zeigte nicht nur Unternehmungsgeist, als es darum ging, ein großes Sommerfestspiel mit internationalem Profil und ehrgeizigem Programm zu etablieren,7 sondern sorgte mit seiner Existenz auch für eine freundschaftliche Konkurrenz, die die Salzburger Festspielhausgemeinde nach 1921 zum Handeln anspornte.8 Nur ein halbes Jahr vor den ersten Internationalen Festspielen Zürich hatte Hofmannsthal dort seine Rede auf Beethoven anlässlich des 150. Geburtstages des Komponisten gehalten.9 Große Festspielpläne für den nächsten Sommer zeichneten sich bereits im Dezember 1920 ab, als er vor zweitausend Zuhörern sprach. Während er Beethoven öffentlich als treibende Kraft für die Erneuerung der europäischen Kultur bezeichnete, lobte er die Schweiz im Privaten dafür, dass sie demokratische und patriotische Gefühle in Einklang bringe,10 was sich mit seinem künstlerischen Manifest für Salzburg, Das Salzburger Große Welttheater aus dem Jahr 1922, deckt.11 Aber die Saat für sein späteres Salzburger „Manifest“ wurde auch in seiner Züricher Rede gelegt, die sich zu einem Festspielthema in Form einer Bearbeitung von Beethovens Die Ruinen von Athen entwickelte, die er zwischen 1922 und 1924 mit Richard Strauss, Alfred Roller und Karl Alwin unternahm. Mit dem explizit aufgeladenen Untertitel Ein Festspiel mit Tänzen und Chören verwoben Hofmannsthals Text, Strauss’ Partitur und Rollers Bühnenbild Themen, die zu einer allegorischen Interpretation von Österreichs jüngster Kulturstadt als dem symbolischen Athen des Nachkriegseuropas einluden. Wie an anderer Stelle dargelegt wurde, hatten die führenden Mitglieder des Kunstrats dieses hybride Bühnenwerk ursprünglich für die Eröffnung bzw. Einweihung von Hans Poelzigs geplantem (aber letztlich nicht realisiertem) Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn vorgesehen.12

    Noch wichtiger ist, dass Zürich auch von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit für ihr erstes Treffen nach dem Ersten Weltkrieg ausgewählt wurde, und es war in dieser Stadt (gefolgt von weiteren Veranstaltungen in Oxford und Salzburg), dass ihr Ansatz zur Friedensschaffung eine „ästhetische Wende“ nahm. Die Persönlichkeiten und politischen Ziele der Frauenliga sind zwar gut erforscht, doch was sie als fortschrittliche Organisation auszeichnete, war nicht nur ihr Einsatz für die soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch ihr Eintreten für die Kunst als Mittel zur Schaffung und Erhaltung des Friedens im politischen Bereich. Die Frauenliga hatte bereits mehrere kurze Aufsätze über die verbindende Kraft von Kunst und Musik verbreitet (z.B. Joseph E. Southalls Art and Peace und Vernon Lees Bach’s Christmas Music in England and Germany),13 aber ihr Kongress in Zürich, der von 12.-17.5.1919 stattfand, legte mehr Gewicht auf diese Dimension als wirksame, langfristige Strategie. Während die Delegierten aus 13 Nationen an Workshops teilnahmen, Podiumsdiskussionen organisierten und Vorträge hielten,14 gipfelte die Woche in einer Theateraufführung, die von den eigenen Mitgliedern im berühmten Zunfthaus zur Meisen organisiert, inszeniert und geleitet wurde.15

    Dieses Thema wurde nur vier Monate später ausführlich behandelt, als die britische Sektion der Frauenliga von 1.-10.9.1919 im Ruskin College in Oxford eine Festival Conference on Creative Peace veranstaltete. Ein interner Bericht beschrieb die Veranstaltung als „einzigartig in ihrer Einbeziehung der Kunst als Ausdruck der schöpferischen und harmonisierenden Kraft, die bei allen Bemühungen um Frieden in der Welt aktiv sein muss“16. Mit einem Programm, das aus neun Konzerten und verschiedenen Theateraufführungen bestand, markierte diese „Festspielkonferenz“ eine gründlichere und praktisch orientierte Erkundung der Rolle der Musik bei der Herstellung eines internationalen Dialogs zwischen den Nationen. Am bemerkenswertesten war dabei eine Aufführung des Everyman – dem ersten dokumentierten Ereignis nach 1918, bei der das alte mittelalterliche Moralstück mit einem Festival oder der Friedensbewegung in Verbindung gebracht wurde.17 Obwohl aus zeitgenössischen Berichten nicht hervorgeht, welche der drei englischen Fassungen bei dieser Gelegenheit aufgeführt wurde, wäre George Sterlings und Ryszard (Richard) Ordynskis englische Blankvers-Übersetzung von Hofmannsthals Fassung aus dem Jahr 1911 eine gute Wahl gewesen, da sie durch die Hinzufügung von zwei neuen Charakteren, War und Workman (Krieg und Arbeiter), auf die weltpolitischen Umstände aufmerksam machte.18 Diese Aufführung war kein Einzelfall: Die britische Sektion der Frauenliga setzte diese Tradition auf ihrer nächsten großen Konferenz über Revolution und Frieden Anfang Januar 1920 fort, diesmal in einer Londoner Inszenierung von Harold Scott.19 Diese von Frauen geleitete britische Initiative, den Everyman mit dem Frieden zu verbinden, fand fast ein ganzes Jahr vor der ersten Jedermann-Aufführung in Salzburg statt. Tatsächlich diente die erste und einzige Aufführung eines Hofmannsthal-Dramas in Salzburg – nämlich die des Stückes Elektra, das am 2.1.1917 gespielt wurde – zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen, indem Geld für das Hausregiment Erzherzog Rainer Nr. 59 gesammelt wurde.20 Aus dieser scheinbaren Inkongruenz ergeben sich im europäischen Kontext folgende Fragen: Was wurde in den ersten drei Sommern für Salzburg in Bezug auf den Frieden tatsächlich behauptet, und gab es einen tieferen Zusammenhang zwischen der Identität der Stadt als Nachkriegs-Friedensstadt einerseits und den Aktivitäten, Zielen und Akteur*innen, die in diesen Jahren in den Netzwerken der Frauenliga zirkulierten, andererseits?

    Die frühen Dokumente der Salzburger Festspielhausgemeinde weisen deutlich auf die Idee der Salzburger Festspiele als internationales Friedensprojekt hin.21 In der Realität wurde die erste Jedermann-Aufführung am 22.8.1920 jedoch nicht in diesem Sinne von der Presse besprochen.22 Auch hatte sie kein internationales Publikum angezogen,23 und kein Zeitzeuge hat je behauptet, dass die sechs Vorstellungen auf dem Domplatz die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele darstellten.24 Zudem waren die Darbietungen von Das Salzburger Große Welttheater in den Jahren 1922 und 1925 ein kritischer Flop, und der Jedermann wurde erst 1926 wiederaufgenommen. Doch gerade in den Jahren 1921-25 begannen sich die Salzburger Festspiele zu einem Friedensprojekt von europäischer Bedeutung zu entwickeln.

    Zurück zu Zürich: In einer bisher übersehenen Rezension, die Ende August 1920 in der Neuen Zürcher Zeitung erschien, betrachtete der Wiener Kritiker, Mahler-Biograph und Verfechter der Neuen Musik Paul Stefan das neue künstlerische Interesse an Salzburg als eine fantasievolle Erweiterung der Vision, die Gustav Mahler 1906 mit seinen Festspielaufführungen von Le nozze di Figaro initiiert hat.25 Darüber hinaus scheint Stefan im August 1920 der einzige gewesen zu sein, der öffentlich das Potenzial der Stadt als Ort der internationalen Friedensstiftung ankündigte,26 und er arbeitete in den folgenden zwei Jahren unermüdlich daran, dieses Ziel zu erreichen. Im August 1922 verkündete der Wiener Kritiker unmissverständlich, dass der Erfolg der Salzburger Festspiele darauf zurückzuführen sei, dass hier ein internationaler Friedensgipfel für die Künste stattfand, der „von sieghafterer Wirkung als alle Kriegsmanöver“27 war. In der Tat waren über 200 internationale Pressevertreter anwesend, was im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Sommern einen deutlichen Gamechanger des globalen Medienprofils der Festspiele darstellte.28 Während neuere Forschungen ein neues Licht darauf geworfen haben, wie sich die Stadt in einen Bienenstock internationaler künstlerischer Synergien verwandelte (beginnend mit der Gründung des Wassermann-Vereins im Jänner 1919), spielten Frauen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Ihre Beteiligung bedarf weiterer Untersuchungen.29

    Die internationale Sommerschule der Frauenliga für Frieden und Freiheit, Mozarthaus (Wiener Saal) Salzburg, August 1921. Swarthmore College Peace Collection, Jane Addams Collection

    Die erste Veranstaltung in Salzburg der Nachkriegszeit, die entweder mit der Friedensbewegung oder dem Internationalismus in Verbindung stand, fand im August 1921 statt,30 als die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit die Stadt für ihre nächste Versammlung nach ihrer Züricher Konferenz wählte.31 Zwischen dem 10. und 16.7.1921 trafen sich die Mitglieder zunächst in Wien im Gebäude des Musikvereins, um allgemeine Fragen zu erörtern,32 bevor sie zum Mozarteum umzogen, in dem eine zweiwöchige Sommerschule für Frauen und Männer mit dem Titel „Erziehung zum Internationalismus“33 rund 280 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern begrüßte.34 Ziel dieses Programms war es, die Rolle der Künste und der Bildung zu erforschen, um die Nationen über eine rein statische Vorstellung von Frieden (definiert als Nicht-Kriegszustand) hinaus zu einer echten Atmosphäre der Vergebung und des Dialogs in produktiver, zukunftsorientierter Form zu führen. Wie im Zusammenhang mit der Eröffnungsfeier am 1.8.1921 berichtet wurde, sollte sich dieser allererste Sommerkurs der Frauenliga darauf konzentrieren, die Künste zu nutzen, um den Frieden zu verwirklichen, anstatt ihn nur zu diskutieren:

    Der Friede ist ja nun da, aber es ist ein Friede ohne Versöhnung und Güte. Das Ziel der Frauenliga […] ist somit noch keineswegs erfüllt und die Sommerschule soll eben dazu helfen, wieder einen Schritt vorwärts zu tun. Was sich in Kongressen trotz aller Resolutionen nicht erreichen lässt, wird hier sinnfälliger erfüllt durch die praktische Arbeit […]. So werden denn auch Konzerte stattfinden, für die die Salzburger Künstler ihre Mitwirkung zugesagt haben, Konzerte, die in erster Linie Mozart gewidmet sein sollen.35

    Die Idee, in der Mozartstadt eine Sommerschule zu veranstalten, die sich auf praktische und künstlerische Fragen konzentrierte, kam von derselben britischen Sektion der Frauenliga, die zwei Jahre zuvor die Festival Conference on Creative Peace initiiert hatte. Die österreichische Sektion hatte sich bereits im Juni 1920 am Mozarteum versammelt, als Hofmannsthals Jedermann in letzter Minute als Ersatz für das noch nicht fertiggestellte Salzburger Große Welttheater vorgeschlagen wurde. Spätestens im Oktober 1920 bestätigte die Zentralstelle der Frauenliga die Verfügbarkeit des Mozarteums für die nächste große internationale Konferenz.36 Da die Sekretärin der österreichischen Sektion, Friderike Zweig,37 und die Präsidentin Yella Hertzka,38 die lokalen Vorbereitungen übernahmen, sollte die Wahl des Veranstaltungsortes einen strategischen Beitrag zum aufkommenden Status der neuesten Kulturstadt Österreichs leisten.

    Die Schule überschnitt sich mit den „Festspielen in Salzburg“, die von 2.-21.8.1921 tagte und eine Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Mozarteum (Mozart-Konzerte), der Salzburger Festspielhausgemeinde (eine Wiederholung des Jedermann) und dem Salzburger Landestheater (russische Tänzer*innen) darstellte, das erst Anfang Juli als notdürftig zusammengeschusterte finanzielle Lösung auftauchte, um den vollständigen Zusammenbruch der Festspielidee zu verhindern.39 Die Sommerschule der Frauenliga wurde größtenteils ad hoc durchgeführt, und möglicherweise wurden Absprachen mit dem Mozarteum in Verbindung mit den laufenden Mozart-Aufführungen bei den Festspielen getroffen, wobei die letzte Sitzung der Schule mit der ersten Jedermann-Aufführung am 15.8. zusammenfiel.40 Aus den wenigen erhaltenen Dokumenten geht hervor, dass der Frauenbund eine formelle Zusammenarbeit mit dem Mozartbund eingeleitet und den „Manchester Girls Institute Choir“ unter der Leitung von Say Ashworth zu zwei Konzerten eingeladen hatte.41

    Das Programm der Referenten deckte ein Spektrum von Themen ab, das von der Wirtschaft bis zur Gesundheitsfürsorge reichte.42 Bemerkenswert waren jedoch die beiden Vorträge in der ersten Woche, die die Aufmerksamkeit besonders auf Musik und Frieden lenkten. Den Anfang machte der deutschstämmige Theologieprofessor Edvard Lehmann, der zum Thema „Kunst und Musik als internationales Erziehungsmittel“43 sprach. Es folgte eine „Einführung in die moderne Musik“44 durch den Mozarteum-Klavierprofessor und Verfechter der Neuen Musik Felix Petyrek. Petyrek spielte Mozart mit den Mitgliedern des Wiener Staatsopernorchesters am 6.8.1921 und war seit seiner Ankunft in Salzburg im Oktober 1919 zu einer bedeutenden Persönlichkeit geworden, die das neue Image Salzburgs als Stadt der internationalen und zeitgenössischen Musik prägte.45 Petyrek zählte Leute wie Stefan und Friderike Zweig zu seinen Freund*innen und er veröffentlichte seine Kompositionen bei der Universal-Edition, Wiens führendem Verlag für zeitgenössische Musik, der vom Ehemann der österreichischen Präsidentin des Frauenbundes, Yella Hertzka, geleitet wurde. Petyrek war auch in der modernen Tanzszene der Zwischenkriegszeit aktiv, einer performativen Kunstform, die weitgehend von den Ideen der feministischen Emanzipationsbewegung getragen wurde. An Orten wie dem Salzburger Hotel Bristol begleitete der Pianist Tänzerinnen wie Heddy Falk und Stella Kramrisch – letztere ist eine moderne Tänzerin, die 1919 an der Universität Wien über indische Kunst promovierte und kurz darauf eine angesehene Professorin in Philadelphia wurde.46 Diejenige aber, die als Brücke zwischen der Frauenliga und den Salzburger Festspielen stand und entscheidend dazu beitrug, dass sich letztere zu einem Friedensgipfel der Künste entwickelten, ist die britische Sopranistin Dorothy Moulton.

    Während und nach dem Ersten Weltkrieg war Dorothy Moulton eine gefeierte Interpretin zeitgenössischer Musik, die sich einen Ruf als zentrale Figur bei der Wiederherstellung der deutsch-englischen Musikbeziehungen erworben hatte. Die gebürtige Londonerin hatte ihre Ausbildung am Konservatorium nicht in England, sondern in Deutschland absolviert, was ihr den entscheidenden Vorteil verschaffte, dem britischen Publikum, das sich während des kriegsbedingten kulturellen „Blackouts“ nicht über ausländische Entwicklungen auf dem Laufenden halten konnte, bisher unbekannte Musik vom Kontinent vorzustellen. So behauptet Moulton, 1915 den Mut aufgebracht zu haben, in Manchester die Musik von Igor Strawinsky zu singen – also zu einer Zeit, „als Schönberg ein Schimpfwort war“47. Doch nach dem Frieden von 1918, als die Erinnerungen an die Kriegszeit noch frisch waren, erlangte sie internationales Ansehen, weil sie zum Singen deutscher Lieder in der Originalsprache zurückkehrte.48 Moultons Kampagne begann unmittelbar am 11.11.1918, dem offiziellen Tag des Waffenstillstands, als sie angeblich die erste Person in London war, die ein öffentliches Konzert mit Liedern von Schubert und Schumann in deutscher Sprache und nicht in englischer Übersetzung gab.49 Sie wiederholte dieses Konzert in der New Yorker Aeolian Hall anlässlich der Wiederkehr desselben historischen Datums im Jahr 1920. Die Kritiker feierten diese Aufführung als großen Erfolg, nicht nur weil sie die Klassiker der deutschen Romantik in ihrem ursprünglichen literarischen Umfeld wiederherstellte, sondern auch, weil sie das Publikum mit einer Reihe lebender Komponisten aus Frankreich, Spanien, England und Irland bekannt machte.50

    Moulton nahm auch an der Festival Conference on Creative Peace in Oxford im September 1919 teil und war sich des laufenden Diskurses über die Rolle der Musik im Friedensprozess bewusst. Obwohl es nicht klar ist, ob sie ein eingetragenes Mitglied der Frauenliga war, hatte die britische Sektion sie engagiert, um Repertoirewerke von Bach, Haydn, Schubert, Schumann und Brahms zu singen und eine Auswahl zeitgenössischer Lieder von Ernest Chausson, Claude Debussy, Maurice Ravel, Frank Bridge und Arnold Bax vorzustellen, darunter zwei relativ obskure Beiträge von Ernest Walker, dem musikalischen Urgestein des Balliol College, und Walter Morse Rummel, dem Klavierbegleiter von Isadora Duncan. Ihr Programm für das sechste Konzert entsprach dem Geist des Festivals, das eine sehr internationale Mischung von Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart bot. Auffallend ist jedoch die generelle Abwesenheit neuerer deutsch-österreichischer Musik bei der Veranstaltung, und wie die Musical Times berichtete, spielte ein Künstler, der ein Vortragskonzert über zeitgenössische Musik gab, „keine moderne deutsche oder österreichische Musik, da er [Edward Mitchell] keine spielenswerte gefunden hatte“51. Im selben Jahr heiratete Moulton den deutschstämmigen Geschäftsmann und Philanthropen Robert Mayer, mit dem sie ebenfalls noch im selben Jahr nach New York City reiste und im März 1921 nach London zurückkehrte. In der britischen Hauptstadt gründete das Ehepaar einen bedeutenden Musiksalon, in dem sie zahlreiche internationale Gäste empfingen, darunter Béla Bartók, Wilhelm Furtwängler, Darius Milhaud und Bruno Walter. Von nun an setzte sich Moulton aktiv für eine friedliche Völkerverständigung durch Musik ein und begab sich im Herbst 1921 auf eine „Propaganda-Tournee“ durch Deutschland, Österreich, die Niederlande und England.52

    Moulton debütierte in Wien am 10.10.1921 mit einem Liederabend, der einen Meilenstein in der Wiederöffnung der österreichischen Grenzen zur Welt darstellte.53 Mitte September unterstrichen die Vorankündigungen in der Presse das einzigartig internationale Profil ihres bevorstehenden Programms.54 In der Tat umfasste ihre Liedauswahl vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch) und stellte insgesamt 13 Komponisten vor, die in fünf verschiedene Abschnitte unterteilt waren. Sie eröffnete mit heiteren englischen Liedern aus dem siebzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart, gefolgt von einer Handvoll Goethe-Vertonungen von Franz Schubert, bevor sie zum Herzstück des Abends überging: Maurice Ravels Cinq mélodies populaires grecques aus dem Jahr 1906. Eine eklektische Mischung von Liedern von Ernest Chausson, André Caplet, Riccardo Zandonai und Gabriele Sibella rundete den Abend ab, bevor sie auf englisches Gebiet zurückkehrte. In diesem abschließenden Teil versuchte Moulton, das stereotype Image Großbritanniens als „Land ohne Musik“ zu zerstreuen, indem sie zeitgenössische Werke von Arnold Bax, Eugene Goosens und Arthur Bliss sang, die sie alle zu ihren persönlichen Freunden zählte.55 Bliss’ Madame Noy aus dem Jahr 1918 – eine geisterhafte Vertonung eines Gedichts von Edward Harry William Meyerstein mit Flöten-, Klarinetten-, Fagott-, Harfen-, Bratschen- und Kontrabassbegleitung – war ein besonders modernes Werk, das Moultons Debüt überzeugend abschloss.56 Die Kritiken zu ihrem Auftritt im 700 Plätze fassenden Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses waren äußerst positiv, und ein Kritiker meinte, ihre deutsche Diktion in den Schubert-Liedern sei so überzeugend, dass man sie für „eine geborene Wienerin“57 hätte halten können. Keine fünf Tage später meldete das Neue Wiener Tagblatt, dass „auf Grund des großen Erfolges“58 beim Publikum ein zweites Konzert für Januar 1922 bestätigt wurde.

    Programmzettel von Dorothy Moultons Konzert im Wiener Konzerthaus, 29.1.1922. Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft / Programmarchiv

    In Anbetracht der Tatsache, dass die Salzburger Sommerschule im August 1921 ein Projekt der britischen Sektion der Frauenliga war und Moulton an deren erster musikalischer Festivalkonferenz in Oxford teilnahm, ist es wahrscheinlich, dass die in Deutschland ausgebildete Sopranistin auch den Kurs am Mozarteum besuchte und die Gelegenheit nutzte, um im Vorfeld ihrer bevorstehenden Tournee Kontakte in Österreich zu knüpfen. Während ihrer Reise im Oktober lernte Moulton den Musikwissenschaftler, Komponisten und ehemaligen Schönberg-Schüler Egon Wellesz kennen. Wellesz hatte sich im Sommer 1918 in Altaussee mit Hofmannsthal angefreundet und wurde schnell zu einem wichtigen Partner bei der Umsetzung der Vision des Dichters für Salzburg als internationales, repräsentatives Festival – sicherlich etwas, das Hofmannsthal und Reinhardt nicht allein durch das deutsche Sprechtheater realisieren konnten. So durfte Wellesz beispielweise an Hofmannsthals Aufsatz Deutsche Festspiele zu Salzburg aus dem April 1919 eine Coda anfügen, als dieser im September 1919 in der Wiener Presse erschien.59 Weiters lobte er Die Frau ohne Schatten nach der Uraufführung im Oktober 1919 überschwänglich als „eine Festoper, wie die alten Barockopern“60, und er verfasste auch eine wichtige (und bisher übersehene) Rezension des Circle-Konzerts in Wien Ende Januar 1920 – offiziell das erste musikalische Event der Salzburger Festspielhausgemeinde.61 In den nächsten vier Jahren arbeiteten die beiden Männer an verschiedenen Projekten, die aus ihrem gemeinsamen Interesse am österreichischen Barock erwuchsen, darunter zwei moderne Bühnenwerke, Achilles auf Sykros (1921) und Alkestis (1923), die beide ihre Bemühungen um die Realisierung der Salzburger Festspiele im Jahr 1922 zu einem Friedensprojekt von internationaler Bedeutung begleiteten.62

    Teilnehmer*innen der Internationalen Kammermusik-Aufführungen der Salzburger Festspiele, 8.8.1922. v.l.n.r.: Walter Gieseking, Maurits Frank, Isaäc Mossel, Wanda Szigeti, Paul Weingarten, Licco Amar, Paul Hindemith (sitzend), Erika Stiedry-Wagner, Mary Dickenson-Auner, Hugo Heller (sitzend), Dorothy Moulton, Hedwig Heller, Elisabeth Schumann, Karl Alwin, Walter Casper, Joseph Szigeti, Louis Fleury. King‘s College Cambridge Archive, EJ Dent Papers

    Wellesz, der seit der Vorkriegszeit anglophil war, wurde von dem internationalen Spektrum von Moultons Programm im Oktober 1921 inspiriert, und es wird ihm zugeschrieben, dass er ihre Wiedereinladung nach Wien im Januar 1922 initiiert hat.63 Zweifellos in Absprache mit Richard Strauss und Heinrich Damisch scheint er ihr einen Platz bei den bevorstehenden Salzburger Festspielen eingeräumt zu haben, und zwar als deren erstes Konzert zeitgenössischer Musik (abgesehen vom Cercle-Konzert, das die Uraufführung von Strauss’ neobarocker Suite aus Der Bürger als Edelmann beinhaltete). Die Neue Freie Presse machte Moultons bevorstehendes Salzburg-Engagement strategisch am Tag vor ihrem Wiener Konzert bekannt,64 und weniger als zwei Wochen später verkündeten Zeitungen in Wien und Berlin,65 dass in Salzburg internationale Musikkonzerte unter der Leitung von Richard Strauss stattfinden würden. Am 26.1. war der Bayer aus Amerika nach einem zehntägigen Aufenthalt in London, den er wahrscheinlich mit Moulton koordinierte, nach Wien zurückgekehrt.66 Nachdem Paul Stefan und Rudolf Réti angeworben worden waren, wurde das Projekt später unter dem Namen „Internationale Kammermusik-Aufführungen in Salzburg“ bekannt und stellte praktisch ein Unterkomitee der Salzburger Festspielhausgemeinde dar, zu dem auch ihr Gründer Heinrich Damisch sowie Heinrich Kralik und Josef Reitler gehörten.67 Mehrere Werke aus Moultons Jänner-Recital in Wien wurden direkt in die Salzburger Konzerte übertragen, und sie sang auch das einzige Werk, das von Ethel Smyth auf dem Programm stand – nämlich Odelette aus dem Jahr 1909. Ethel Smyth, eine der prominenten englischen Komponistinnen und Suffragetten, die in früheren Ankündigungen nicht erwähnt worden war, kam wahrscheinlich auf Moultons Einladung nach Salzburg.68 Das Programm, das zwischen dem 7. und 10.8.1922 stattfand und ca. 60 Werke aus 15 Nationen enthielt, wurde vom Berliner Musikkritiker Adolf Weißmann in einer Sprache begrüßt, die direkt aus dem Reinhardt-Memoire von1918 stammen hätte können: „Die zerrissene Kunstwelt im Zeichen Mozarts wieder zusammenzuführen, Salzburg, die Mozartstadt und eine Kostbarkeit im armen Österreich, zum Treffpunkt des Internationalismus zu machen: ein glücklicher Gedanke.“69

    In den nächsten Sommern bzw. bis zur Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1925 galten die modernen Kammermusikkonzerte der am 11.8.1922 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) als Salzburger Festspiele.70 Nicht nur das internationale Profil der Zusammenkünfte entsprach dem Geist der ursprünglichen Vision der Festspielhausgemeinde, sondern auch die modernen Ensembles führten im Rahmen ihres musikalischen Angebots Mozart-Konzerte auf. Keiner der Teilnehmer*innen oder Organisatoren konnte im Jahr 1922 wissen, was 1923 oder gar 1924 geschehen würde, und sowohl die nationalen als auch die internationalen Kritiker stützten sich auf die verfügbare Terminologie, um den Ereignissen in Echtzeit die gebührende Anerkennung zu zollen.71 Bereits 1924, als die Salzburger Festspielhausgemeinde in ihrer bisherigen Form aufgelöst wurde, hatte Wellesz einen Lexikoneintrag über die Salzburger Festspiele verfasst, in dem er die Konzerte für zeitgenössische Musik von 1922 unter demselben Dachverband ansiedelte.72 Einer der führenden deutschen Musikkritiker, Adolf Aber, behauptete im Jahr 1937 sogar, dass der erste Präsident der IGNM, Edward J. Dent, den Moulton im Mai 1922 mit Wellesz zu einem Planungstreffen in London zusammengebracht hatte, neben Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss als einer der Gründungsväter der Salzburger Festspiele anzusehen sei.73

    Moulton sollte auch in diese Liste aufgenommen werden, aber ihre bahnbrechenden Bemühungen, Salzburg der Zwischenkriegszeit als Ort eines internationalen Friedensfestivals zu gestalten, wurden von Männern aus der Geschichte „herausgeschrieben“ – nicht einmal, sondern zweimal. Fünfzig Jahre nachdem Moulton ihre Wiener Konzerte gegeben und Dent und Wellesz vorgestellt hatte, drängte ihr Ehemann den inzwischen in Oxford lebenden Professor, das historische Versäumnis schriftlich zu korrigieren.74 Wellesz fertigte verschiedene Entwürfe einer Erklärung an, die bezeugen, dass sie eine Schlüsselrolle bei der Initiierung der Ereignisse gespielt hatte, die dazu führten, dass Salzburg 1922 zu einem internationalen Friedensprojekt wurde.75 Wellesz’ schwerer Schlaganfall im Jänner 1972 ließ die Geschichte jedoch genau zu dem Zeitpunkt unerzählt, als die IGNM ihren Tiefpunkt öffentlicher Relevanz erreicht hatte (zufälligerweise war dies auch der Zeitpunkt, an dem sich ihr halbes Jubiläum jährte). Zwei Jahre später ist Moulton tot, aber auch ihr Mann, der Gründer der bekannten Londoner Kinderkonzerte, erinnert sich:

    [Dorothy hatte] Egon Wellesz nach London eingeladen […], wo er in unserem Haus den angesehenen Musikwissenschaftler Edward J. Dent traf, den er für das Projekt der Gründung einer Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik interessierte. Dent willigte ein, ihr Präsident zu werden, und die IGNM wurde praktisch in unserem Haus geboren. Sie veranstaltete ihr erstes Festival 1922 in Salzburg.76

    Auch der Salzburger Historiker Robert Kriechbaumer verwechselte die Britin mit einer Amerikanerin, als er einen leidenschaftlichen Brief zitierte, den sie im November 1933 an Engelbert Dollfuß schrieb und in diesem den von Hofmannsthal inspirierten Diskurs über die Salzburger Idee wieder aufgriff, bei deren Umsetzung sie im Jahr 1922 beteiligt war. Die Festspielstadt, so argumentierte sie gegenüber dem Bundeskanzler, „ist bereits im Kleinen zu einem internationalen Musikzentrum herangereift“77. Moulton hatte die Salzburger Festspiele 1933 besucht und kehrte im August 1934 zurück, wo sie der Salzburg British Empire Society Herbert von Karajans Debüt mit den Wiener Philharmonikern für eine Reihe von Privatkonzerten (Debussy und Ravel) vermittelte, zu der auch internationale Gäste wie Francis Poulenc und Margarethe Wallmann zählten. Paul Stefan hat ihre Beteiligung (an)erkannt,78 und ihr Engagement – unterstrichen durch das sensationelle Salzburg-Debüt von Arturo Toscanini zwei Tage nach Karajans Soirée – veranlasste Rudolf Réti sogar dazu, sich für die „Wiederaufnahme“79 (nicht „Neuaufnahme“) der internationalen zeitgenössischen Kammerkonzerte in das Salzburger Festspielprogramm einzusetzen.

    Die Wiederherstellung internationaler Beziehungen durch zeitgenössische Musik war eines der zentralen Merkmale der Salzburger Idee.80 Nach der Wiederbelebung der Salzburger Festspielhausgemeinde im Jahr 1925 waren es zunächst transatlantische (oder vielleicht besser: transnationale) Musiker*innen, die diese Tradition fortführten. Bei den Salzburger Festspielen 1926 spielte der in Deutschland geborene und in Amerika lebende Pianist Oskar Ziegler zum Gründungstag der IGNM im Café Bazar am 11.8. Werke des Les six-Komponisten Arthur Honegger, des russischen Mystikers Alexander Skrjabin und des sowjetischen Modernisten Arthur Lourié (geb. Naum Israilewitsch Lurja). Eine Woche später spielte der in New York City lebende ungarisch-amerikanische Cellist Rózsi Várady Stücke von Zoltán Kodály und Maurice Ravel. Der französische Komponist war laut Theodor W. Adorno81 bis zu diesem Zeitpunkt im deutschsprachigen Raum noch relativ unbekannt, doch der internationale Ruf Salzburgs als „Welt-Revue“82-Festival hatte diesem Trend entgegengewirkt, da seine Musik von 1919-26 in der Stadt gut vertreten war.83 Várady hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Kontakt zur IGNM, und ihre Aufführung einer Kodály-Komposition aus einem privaten Manuskript stellte die erste Premiere eines zeitgenössischen Werkes bei den Salzburger Festspielen dar – und zwar sogar durch eine Frau.84

    Rózsi Váradys Programm für das 4. Kammerkonzert der Salzburger Festspiele, 19.8.1926. Archiv der Salzburger Festspiele
    Rózsi Várady, um 1922. © Library of Congress, Prints & Photographs Division [reproduction number, e.g., LC-B2-1234], Bain Collection

    Einige Monate nach den Salzburger Festspielen 1922 berichtete die Zeitschrift für Musik, dass eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergeben hatte, welche europäischen Länder den höchsten Prozentsatz an aufgeführten Kompositionen von Komponistinnen aufwiesen. England stand an der Spitze der Liste, während Deutschland das Schlusslicht bildete.85 Angesichts des damaligen gesellschaftspolitischen Engagements von Frauen in Europa überrascht es nicht, dass es eine britische Sopranistin war, die bei der Geburtsstunde der Salzburger Festspiele 1922 dazu beitrug, das Zeitgenössische und das Internationale in der DNA der Festspiele zu verankern und ihr Profil als Friedensprojekt der Künste zu schärfen, das in seiner Funktion mit dem Genfer Völkerbund (oder der Frauenliga, die ebenfalls dort ihren Sitz hatte) vergleichbar war. Heute ist der Vergleich mit dem diplomatischen Ruf dieser Schweizer Stadt auf der Weltbühne hinfällig. Aber es war der Salzburger Erzkritiker Ernst Krenek, der nur zwei Monate nach dem österreichischen Anschluss aus London schrieb, um die britischen Leser*innen daran zu erinnern, dass die Festspielstadt in der Nachkriegszeit diese friedensstiftende Funktion für die Musikwelt erfüllt hatte.86 Nach dem Zweiten Weltkrieg ernannte die IGNM auf ihrer Jahrestagung 1952 in Salzburg mit Pauline Hall (1890–1969) ihre erste Direktorin, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab IGNM-Mitglied Kaaija Saariaho mit L’Amour de loin aus dem Jahr 2000 ihr Operndebüt bei den Salzburger Festspielen – rund 20 Jahre bevor an der Wiener Staatsoper überhaupt ein Werk einer Komponistin, Olga Neuwirths Orlando, uraufgeführt wurde. Mit zwei Präsidentinnen, Helga Rabl-Stadler und Kristina Hammer, an der Spitze des weltberühmtesten Sommerfestivals bleibt Salzburgs Status als innovatives, zeitgenössisches Festival für europäische Musik und Friedensarbeit ein Vermächtnis, das einer von Frauen geführten künstlerischen Antwort auf die katastrophalen Umwälzungen des Ersten Weltkriegs zu verdanken ist.


    Anmerkungen

    1. P.A.M. [= P.A. Maaß]: Die Unionisierung Mitteleuropas! Ein Wegweiser zum Dauerfrieden. Wien: Otto Maaß’ Söhne 1920. Der Verfasser dankt Ryan Prendergast (Pittsburgh), der ihn auf diese Publikation aufmerksam gemacht hat. ↩︎
    2. Ebd., S. 24. ↩︎
    3. Vgl.: N. N.: League of Peace and Freedom. Report and Financial Statement from August, 1915, to December, 1919. London: League of Peace and Freedom 1920, S. 2. ↩︎
    4. N. N.: Internationaler Frauenstreik zur Verhinderung von Kriegen. Der Schwur der Frauen auf dem Züricher Kongreß. In: Neues Wiener Journal, 20.5.1919. ↩︎
    5. Vgl.: Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima“. Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau 2021. ↩︎
    6. Hofmannsthal, Hugo von: Reinhardt-Memoire (Max Reinhardt an Leopold von Adrian, 5.9.1918). In: Hofmannsthal, Hugo von: Sämtliche Werke. Bd. 3.: Reden und Aufsätze. Hg. v. Klaus E. Bohnenkamp, Katja Kaluga und Klaus-Dieter Krabiel. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011, S. 343. ↩︎
    7. Am 16.6.1921 wurden die von Alfred Reucker gegründeten Internationalen Festspiele und Konzerte Zürich mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie eröffnet. Mit Aufführungen von Richard Wagners Parsifal und W. A. Mozarts Die Entführung aus dem Serail (beide unter Leitung von Bruno Walter) wurde versucht, ein internationales Festspiel zu etablieren, das Bayreuth übertreffen sollte. Salzburg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Sicht. ↩︎
    8. Am 16.6.1921 lehnte das Finanzministerium in Wien die Förderansuchen der Salzburger Festspielhausgemeinde ab. Vgl.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela: Die Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte in Daten, Zeitzeugnissen und Bildern. Band I. 1920–1945. Salzburg: Residenz Verlag 1990, S. 27. ↩︎
    9. Am 10.12.1920 hielt Hofmannsthal seinen Vortrag, zwei Tage später wurde er in Wien veröffentlicht. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von: Beethoven. 1770–1920. 16. Dezember. In: Neue Freie Presse, 12.12.1920; N. N.: Das Projekt eines Salzburger Festspielhauses. Mitteilung der Festspielgemeinde und Beethoven-Feier in Zürich. In: Ebd., 13.12.1920. ↩︎
    10. [Gästebucheintrag von Hofmannsthal:] ‚Der patrizische Geist ist stark im Ablehnen, der demokratische stark im Aufnehmen; möge in den alten Schweizer Städten noch lange beides einander das Gleichgewicht halten.‘“ Stern, Martin: Schweiz. Asyl in fremder Nähe. In: Hemmecker, Wilhelm / Heumann, Konrad: Hofmannsthal. Orte. 20 biographische Erkundungen: Wien: Zsolnay 2014, S. 380. ↩︎
    11. Vgl.: Müller, Karl: „Das Herz vom Herzen Europas“, „Welttheateragenten“ – Fest und Feier nach 1918. In: Csáky, Moritz / Zeyringer, Klaus (Hg.): Pluralitäten, Religionen und kulturelle Codes. Innsbruck: Studien Verlag 2002, S. 91-116. ↩︎
    12. Vgl.: Graydon, Philip: „Rückkehr in die Heimat“: Postwar Cultural Politics and the 1924 Reworking of Beethoven’s Die Ruinen von Athen by Richard Strauss and Hugo von Hofmannsthal. In: The Musical Quarterly, 88/4 (2005), S. 630-671. ↩︎
    13. Southall, Joseph: Art and Peace. In: N. N.: Towards Ultimate Harmony. Report of Conference on Pacifist Philosophy of Life. London: Headley Brothers for The League of Peace and Freedom 1915, S. 67-74; Lee, Vernon: Bach’s Christmas Music in England and in Germany. In: Jus Suffragii, 1.1.1915. ↩︎
    14. Vgl.: N. N.: Internationaler Frauenkongreß. In: Neue Zürcher Zeitung, 12.5.1919; N. N.: International Congress of Women arranged by the International Committee of Women for Permanent Peace. International Congress of Women Schedule, May 12-17, 1919. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    15. Das Bühnenwerk wurde von dem Ostjüdischen Frauenverein organisiert und hat angeblich den Charakter eines Tanztees (thé dansant). Vgl.: Neue Zürcher Zeitung, 17.5.1919; Hürzeler, Rolf: Sie wollten es besser machen als die Männer. In: Tagesanzeiger, 11.5.2019. ↩︎
    16. „[…] was unique in its inclusion of Art as an expression of the creative and harmonising power which must be active in all efforts to produce peace in the world.“ N. N.: League of Peace and Freedom, S. 8. ↩︎
    17. Die Idee, Jedermann in Salzburg im August 1920 aufzuführen, nahm erst im April Gestalt an, und später in Zusammenhang mit Alexander Moissis Gastspiel in der Neuen Wiener Bühne, das mit einer Jedermann-Aufführung unter der Regie von Emil Geyer am 19.6.1920 stattfand. Vgl.: N. N.: Neue Wiener Bühne. – Gastspiel Alexander Moissi. In: Wiener Zeitung, 21.6.1920; Hugo von Hofmannsthal an Ottonie Gräfin Degenfeld, 8.6.1920. In: Hugo von Hofmannsthal – Ottonie Gräfin Degenfeld. Briefwechsel. Hg. v. Marie Therese Miller-Degenfeld und Eugene Weber. Frankfurt am Main: Fischer 1974,S. 431. ↩︎
    18. Vgl.: N. N.: The Play of Everyman: Based on the old English morality play. New Version by Hugo von Hofmannsthal set to blank verse by George Sterling in collaboration with Richard Ordynski. San Francisco: A. M. Robertson 1917. Das Original aus der Tudor-Ära, The Sumonyng of Everyman, wurde im Jahr 1901 von Peter Dorland als Everyman. A Morality Play ins moderne Englisch bearbeitet. ↩︎
    19. Vgl.: League of Peace and Freedom, S. 10. ↩︎
    20. Die Elektra-Vorstellung (als Drama) fand im Salzburger Stadttheater am 2.1.1917 unter der Regie und Mitwirkung von Anna Bahr-Mildenburg statt. Vgl.: H. S.: Elektra. In: Salzburger Volksblatt, 7.3.1919; N. N.: Eine Spende des Erzherzogs Eugen. In: Salzburger Volksblatt, 2.1.1917; Bahr, Hermann: 1917 [Tagebuch]. Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia 1918, S. 46-48. ↩︎
    21. Vgl.: Wolf, Norbert Christian: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg: Jung und Jung 2014. ↩︎
    22. Vgl.: R. A.: „Jedermann“ in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 23.8.1920; Steinberg, Michael P.: Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele. 1890–1938, übers. v. Marion Kagerer. Salzburg: Anton Pustet 2000, S. 190-195. ↩︎
    23. Für die erste Jedermann-Aufführung hat die Salzburg Festspielhausgemeinde mit „internationalen“ Besuchen von Kurgästen aus der bayerischen Umgebung Salzburgs, nämlich Berchtesgaden und Bad Reichenhall, gerechnet. Vgl.: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1. 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 560-561. ↩︎
    24. Vgl.: Kainberger, Hedwig: Alles beginnt mit Stimmengewirr. Viele Ideen. „Nein, die Salzburger Festspiele haben nicht mit dem ‚Jedermann‘ angefangen“, sagt Klemens Renoldner. In: Salzburger Nachrichten Spezial. Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele, S. 13. ↩︎
    25. Vgl.: Stefan, Paul: Reinhardt Spiel in Salzburg. In: Neue Zürcher Zeitung und schweizerisches Handelsblatt, 27.8.1920. ↩︎
    26. Ebd.: „Salzburg lockt. Es müßte das nicht. […] Denn Salzburg, so hörten wir, wollte und will Festspielstadt werden und Reinhardt, Hofmannsthal und Roller wecken und fördern diese Luft der ehrgeizigen Väter, die noch immer den Traum eines friedlichen, verkehrsreichen Europa träumen und doch selbst je und je die Fremden von ihrer Schwelle weisen müssen, die ihnen so willkommen wären. Eine weltumspannende Gemeinde ist begründet […]. Salzburg ist nicht mehr, was es früher war, die sommerliche Fremdenstadt, das Hotel Mitteleuropas: es ist wieder ein Zentrum, und, ich glaube, ein glückhaftes.“ ↩︎
    27. Stefan, Paul: Ein Weltbild der Musik. Anmerkungen zu den Musikfesten in Donaueschingen und Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 243. ↩︎
    28. Vgl.: Wolf, Norbert: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst, S. 239. ↩︎
    29. Vgl.: von Dassanowsky, Robert / Arens, Katherine (Hg.): Interwar Salzburg Austrian Culture Beyond Vienna. London: Bloomsbury 2024; Werley, Matthew (Hg.): Achtung International! Salzburg & 100 Jahre Internationale Gesellschaft für Neue Musik. Wien: Hollitzer 2024. ↩︎
    30. Die österreichische Sektion der Frauenliga hielt eine große Versammlung bereits im Mozarteum am Juni 1920. Vgl.: N. N.: !!Große Versammlung!!. In: Salzburger Wacht, 16.6.1920. ↩︎
    31. Vgl.: N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Salzburger Wacht, 5.5.1921; N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Eine Internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Wacht, 3.6.1921. ↩︎
    32. Vgl.: N. N.: Dritter Kongreß der Internationalen Frauenliga. In: Salzburger Wacht, 11.7.1921; N. N.: Tagesordnung des Dritten Kongresses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Wien: Frisch 1921. ↩︎
    33. In einem Bericht ist die Dauer der Sommerschule von 1. bis 31.8. angekündigt. Vgl.: N. N.: Die internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Volksblatt, 1.8.1921; N. N.: Jane Addams. In: Salzburger Volksblatt, 4.8.1921. ↩︎
    34. Vgl.: Emily Greene Balch to Women’s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, August 31, 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Bussey, Gertrude / Tims, Margaret: Pioneers for Peace. Women’s International League for Peace and Freedom 1915–1965. Oxford: Alden Press 1980, S. 41. ↩︎
    35. N. N..: Die internationale Sommerschule, 1.8.1921. ↩︎
    36. Im Februar 1920 hat die britische Sektion der Frauenliga schon Pläne für eine Sommerschule besprochen (Heidelberg und Genf wurden vorgeschlagen). Erst im Juni/Juli 1920 kam das Mozarteum durch persönlichen Kontakt zwischen Emmeline Pethick-Lawrence und Bernhard Paumgartner in Frage. „We propose to have a congress every other year hereafter and plan to hold the next one in Austria the last week of July, 1921. This is to be followed by a summer-school covering the first two weeks of August to be held at the Mozarteum in lovely Salzburg“. N. N.: Women’s International League for Peace and Freedom. Genf: Selbstverlag 1920, S. 4; Vgl: Emily Greene Balch an Yella Fuchs Hertzka, 23.12.1920; Emily Greene Balch to Women‘s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, 31.8.1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Emily Greene Balchs Rundschreiben an den internationalen Vorstand der Frauenliga, 9.2.1921. Ebd. ↩︎
    37. Vgl.: Emily Green Balch an Yella Hertzka, 23.12.1920. In: Ebd.; Gürtler, Christa: Friderike Winternitz Zweig – Intellektuelle und Friedensaktivistin. Das Engagement in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Holmes, Deborah / Wörgötter, Martina (Hg.): Friderike „Zweig“. Weibliche Intellektualität im frühen 20. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023, S. 43-57. ↩︎
    38. Vgl.: Oesch, Corinna: Yella Hertzka (1873–1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauenbewegung. Innsbruck: Studien Verlag 2014. ↩︎
    39. Vgl.: Richard Strauss an Hugo von Hofmannsthal, 19.8.1921. In: Schuh, Willi (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal: Briefwechsel. Zürich: Atlantis 1978, S. 469-471. ↩︎
    40. Eine Teilnahme des Direktors des Mozarteums, Bernhard Paumgartner, der seit 1914 mit der Tochter des steirischen Heimatdichters Peter Rosegger verheiratet war, scheint ausschließbar zu sein. Die katholische Frauen-Organisation in Salzburg betrachtet die Internationale Frauenliga als eine Konkurrenz, die jüdische Anliegen vertritt. Vgl.: N. N.: Internationale Frauen-Liga für Frieden und Freiheit. In: Mitteilungen des Landesverbandes der Katholischen Frauen-Organisation für das Land Salzburg 4/1921, S. 19. ↩︎
    41. Vgl.: N. N.: Die Friedensschule in Salzburg. Die Friedensschule in Salzburg, ca. July 1921 · Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    42. Anfang Jänner 1921 hat Helena Swanwick einen Entwurf des Programms gemacht, die praktische Organisation der Schule wurde von Kathleen Elizabeth Royds koordiniert. Vgl.: N. N.: Women’s International League Protokolle vom 7. Jänner, 6. Mai und 2. September 1921. UKLSE_DL1_PI01_003_001_0004_0001.pdf – LSE Digital Library (arkivum.net) (3.1.2024). ↩︎
    43. Balach, Emily Green: Notizen von ca. September 1921. Description of East European Journey and WILPF Summer School, ca. September 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    44. N. N.: Nachtrag. Eröffnung der internationalen Sommerschule. In: Salzburger Wacht, 1.8.1921; N. N.: Die Salzburger Sommerschule. In: Salzburger Chronik, 14.8.1921. ↩︎
    45. Vgl.: Werley, Matthew: Genf der Musikwelt? Salzburg, Werner Reinhart und die Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. In: Taddy, Ulrich (Hg.): Werner Reinhart. Mäzen der Moderne. München: Edition Text + Kritik 2023, S. 109-128. ↩︎
    46. Vgl.: Kramrisch, Stella: Untersuchungen zum Wesen der frühbuddhistischen Bildnerei Indiens. Wien, Diss. 1919. Ihr Doktorvater Josef Strzygowski betreute auch die Doktorarbeit von Egon Welleszs Ehefrau Emmy Ghandara im Rahmen vergleichender Kunstforschung. Wien, Diss. 1921. ↩︎
    47. Dorothy Moulton (Lady Mayer) an Egon Wellesz, 22.6.1962. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (F 13 Wellesz 1409/6). ↩︎
    48. In einem Überblick über die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das amerikanische Musikleben hob ein deutscher Kritiker Moulton als eine etablierte Verfechterin der musikalischen Versöhnung hervor: „[…] eine englische Sängerin, Dorothy Moulton, [war] […] eine der ersten [die] sich wieder der Originalsprache bedient“. Möller, Heinrich: New Yorker Musikleben während des Krieges. In: Signale für die musikalische Welt, 2.3.1921. ↩︎
    49. Vgl.: Moulton, Dorothy: The Forgotten Master. The Life and Times of Louis Spohr. London: Weidenfeld and Nicolson 1959, Klappentext. ↩︎
    50. Auf dem Programm waren Lieder von Henri Duparc, Pierre de Bréville, Ernest Chausson, Maurice Ravel, Manuel de Falla, Roger Quilter, Arnold Bax, Hamilton Harty, Cyril Scott und Frank Bridge. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton, Soprano. In: Musial Courier, 18.11.1920; A.W.K.: Dorothy Moulton Makes Fine Impression at Début. In: Musical America, 20.11.1920. ↩︎
    51. Fitch, C. Harold: Music at the Festival Conference on Creative Peace. In: The Musical Times, 1.10.1919. ↩︎
    52. Vgl.: Lucas, Clarence: London’s Autumn Season Opens With Plethora Of Concerts. In: Musical Courier, 3.11.1921; N. N.: Vienna Hears Kreisler and British Visitors. In: Musical America, 10.12.1921. ↩︎
    53. Vgl.: N. N.: Konzerte. In: Musikalischer Kurier, 7.11.1921; Wellesz, Egon: Gründung der I.G.N.M. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    54. N. N.: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 22.9.1921; N. N.: Dorothy Moulton. In: Neues Wiener Tagblatt, 28.9.1921; Hoffmann, Rudolph Stephan: Musik in Wien. In: Musikblätter des Anbruch 3/1921, S. 324. ↩︎
    55. Vgl.: N. N.: British Music Celebrities Meet. In: Musical America, 24.12.1921. ↩︎
    56. Für den Liederabend engagierte die Konzertdirektion Gutmann (Hugo Knepler) das Gottesmann Quartett (mit Hugo Kauder als Bratschist) und etliche Mitglieder der Wiener Symphoniker. Der bekannte Pianist Otto Schulhof hat die Sopranistin am Klavier begleitet. ↩︎
    57. „Wäre nicht einiges Fremde in der Aussprache des Deutschen zu bemerken gewesen, hätte man sie ohneweiteres für eine geborene Wienerin ansehen können. Dorothy Moultons Stimme ist für den Vortrag von Liedern prädestiniert“. N. N.: Liederabend Dorothy Moulton. In: Reichspost, 21.10.1921. ↩︎
    58. N. N..: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 15.10.1921. ↩︎
    59. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von / Wellesz, Egon: Deutsche Festspiele zu Salzburg. In: Der neue Tag, 21.9.1919. ↩︎
    60. Wellesz, Egon: Die Frau ohne Schatten. In: Musikblätter des Anbruch 1/1919, S. 15. ↩︎
    61. „Der Gedanke, in der Umgebung dieser einzigartigen Stadt, dem Knotenpunkte zwischen Westen und Osten, Norden und Süden, Festspiele zu halten, ist ja verlockend; er dürfte sich auch auf weltbürgerlicher Basis leichter verwirklichen lassen, als auf nationaler, in der Art, daß das Beste, was der europäische Geist geschaffen hat, hier in vollendeter Form aufgeführt wird“. Wellesz, Egon: Konzert der Salzburger Festspielhausgemeinde. Richard Strauß. Suite aus „Der Bürger als Edelmann“. In: Der
      neue Tag, 4.2.1920. ↩︎
    62. Die Zusammenarbeit zwischen Wellesz und Hofmannsthal begleitete auch eine Auftragsarbeit in der von Hofmannsthal und Hermann Bahr herausgegebenen Bücherreihe Theater und Kultur (Band 6). Wellesz, Egon: Der Beginn des musikalischen Barock und die Anfänge der Oper in Wien. Wien: Wiener Literarische Anstalt 1922. ↩︎
    63. Vgl.: Mayer, Robert: My First Hundred Years. The Revised Version of an Informal Address given at the British Institute of Recorded Sound on Friday, 3rd December, 1971. Gerrards Cross: Van Duren 1976.x ↩︎
    64. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton. In: Neue Freie Presse, 28.1.1922. ↩︎
    65. Vgl.: N. N.: Internationales Musikfest in Salzburg. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 10.2.1922; N. N.: Wiener Kammermusik-Vereinigung. In: Vossische Zeitung, 12.2.1922. ↩︎
    66. Vgl.: Hoffmann, Robert: Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“? Wo waren die Frauen bei der Gründung der Salzburger Festspiele? In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024,S. 58-73, S. 64. ↩︎
    67. „Schon im letzten Jahr kamen Fremde aus allen Ländern nach Salzburg. Wenn ihnen nun die Festspielhausgemeinde Gaben großer Vergangenheit bietet: lag es nicht nahe, sie, in einem bescheidenen Rahmen, mit der Musik von heute vertraut zu machen?“. Stefan, Paul: Internationale Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 34. ↩︎
    68. Erstaunlicherweise wurde Moulton überhaupt nicht in der deutschsprachigen Literatur über die Internationale Gesellschaft für Neue Musik berücksichtigt. Im April besuchte Smyth in Begleitung von Moulton die Stadt Wien, wo zwei Orchesterkonzerte zeitgenössischer britischer Musik unter Leitung von Adrian Boult stattfanden. ↩︎
    69. Weißmann, Adolf: Salzburg: (Festspiele 1922). In: Die Musik 15, 1.10.1922. ↩︎
    70. Vgl.: Bechert, Paul: First „Regular“ Salzburg Festival A Great Success. In: Musical Courier, 13.9.1923; Korngold, Julius: Neukammermusik als Salzburger Festspiel (1923). In: Stollberg, Arne / Panagl, Oswald (Hg.): Korngold, Julius: Atonale Götzendämmerung. Kritische Beiträge zur Geschichte der Neumusik-Ismen (Wien 1937). Würzburg: Königshausen & Neumann 2019, S. 289–98; N. N.: To Form Section of New Music Society. International Composers’ Guild Calls Meeting to Pave Way for American Group. In: Musical America, 6.1.1923. ↩︎
    71. Alle Insider wussten, dass sämtliche im August stattgefundene Veranstaltungen in Salzburg als die Salzburger Festspiele bekannt waren. Vgl.: Felber, Rudolf: Die internationalen Kammermusikaufführungen und die Mozart-Festspiele in Salzburg. In: Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst 89/1922. ↩︎
    72. Vgl.: Wellesz, Egon: Salzburg Festival. In: Eaglefield-Hull, Arthur (Hg.): A Dictionary of Modern Music and Musicians. London: J. M. Dent & Sons 1924, S. 432. Dieser Eintrag wurde von der Wellesz-, Festspiel- und IGNM-Forschung bisher übersehen. ↩︎
    73. Vgl.: Aber, Adolf: Salzburg after Fifteen Years. In: The Musical Times 78 (1937), S. 832. ↩︎
    74. Vgl.: Robert Mayer an Egon Wellesz, 11.5.1971. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 1409a); Mayer, Robert: My First Hundred Years, S. 14. ↩︎
    75. Vgl.: Wellesz [Gründung der I.G.N.M.]. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    76. „Moulton invited Egon Wellesz to London, where he met at our house the distinguished musical scholar Edward J. Dent, whom he interested in the project to start an International Society for Contemporary Music. Dent agreed to become its President, and the S.C.M. was practically born in our house. It held its first festival in 1922 in Salzburg“. Mayer, Robert: My First Hundred Years [3.12.1971]. In: Mayer, Robert: My First Hundred Years, 1979, S. 17-18; Henry, Leigh: London Letter. In: The Chesterian, 1.6.1922. ↩︎
    77. Dorothy Moulton an Engelbert Dollfuß, 16.11.1933. In: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Abteilung Neues politisches Archiv, Liasse Österreich 33/36 (Signatur, AVFH Zl. 99.297 13/33). Zit. n.: Kriechbaumer, Robert: Zwischen Österreich und Großdeutschland. Eine politische Geschichte der Salzburger Festspiele 1933–1944. Wien: Böhlau 2013, S. 165-166. ↩︎
    78. „[…] die Salzburg British Empire Society, um deren Organisation sich Frau [Baronin Evamaria] von Wunschheim [geb. Seidl von Hohenveldern] in Wien besondere Verdienste erworben hat. […] In der Nacht, […], bietet die englische Sängerin Dorothy Moulton eine Veranstaltung teils im Freien (Naturtheater des Mirabellgartens), teils in Sälen, wo moderne Kammermusik und Lieder neuer Komponisten geboten werden; Ende beiläufig 2 Uhr, soweit sich das abschätzen läßt“. Stefan, Paul: „Außer Programm“ in Salzburg“. In: Die Stunde, 21.8.1934; Stefan, Paul: Französisches Musikfest englisch-amerikanischer Gäste. In: Die Stunde, 25.8.1934. ↩︎
    79. Réti, Rudolf: Salzburg – Verheißung und Gefahr. In: 23. Eine Wiener Musikzeitschrift, 25.11.1934; Rudolf Réti an Bernhard Paumgartner, 9.10.1934. In: Paris Lodron Universität Salzburg, Nachlass Bernhard Paumgartner (ohne Signatur). ↩︎
    80. Das erste Auftragswerk der Salzburger Festspiele ging an Arthur Bliss (Music for Strings, UA 11.8.1935) und wurde von Paul Stefan genau in dieser Tradition von Hofmannsthal besprochen. „Internationally, […] the festival program seeks to offer something to each nation, to give representation to each nation, mindful of the truly cosmopolitan recommendation of Hofmannsthal“. Stefan, Paul: Variety in Profusion of Salzburg Concerts. In: Musical America, 10.10.1935. ↩︎
    81. Strawinsky und Ravel, die meistgespielten zeitgenössischen Autoren der westlichen Länder, werden allmählich in Deutschland bekannter“. Adorno, Theodor: Zeitgenössische Musik in Frankfurt a. M.. In: Zeitschrift für Musik. Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen Musik 92 (1925), S. 216. ↩︎
    82. N. N.: Die Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 27.6.1922. ↩︎
    83. Am 19. September 1919 fand das erste und einzige Konzert des Collegium Musicums bzw. des Wassermann-Vereins mit einem Programm aus Werken von Wilhelm Grosz, Claude Debussy und Maurice Ravel statt. ↩︎
    84. Vgl.: Rószi Várady an Edward J. Dent, 26.3.1925. In: King’s College Cambridge Archives, EJ Dent Papers (Signatur, EJD-2-8-7-070). ↩︎
    85. „Nach einer Statistik, die kürzlich über die in einem bestimmten Zeitraum zur Aufführung gelangten musikalischen Werke aufgestellt wurde, befanden sich unter den Kompositionen 350 Stücke von 200 weiblichen Komponisten. Dabei steht England (62 Komponistinnen mit 80 Werken) an der Spitze. Es folgt Frankreich mit 60 weiblichen Komponisten. Italien zählt kaum die Hälfte. Auf Deutschland treffen nur 27 Komponistinnen mit 47 Werken“. N. N.: Kreuz und quer. In: Zeitschrift für Musik 89 (1922), S. 461. ↩︎
    86. Vgl.: Krenek, Ernst: Contemporary Problems. Functions of the I.S.C.M. Festival. In: The Daily Telegraph, ca. Juni 1938. ↩︎

    MATTHEW WERLEY

    Studium der Musikwissenschaften, Musik und Theologie. Seit 1997 Lehrtätigkeiten u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg, der University of Cambridge und der Temple University in Philadelphia. Forscht zu den Salzburger Festspielen sowie zur Musik und Literatur in Österreich. Zahlreiche Publikationen, darunter „… eine Synthese aus sakralem-dekorativmonumentalem Musikdrama“.: Karajan, Glucks Orpheus und Eurydike und die Umwidmung der Felsenreitschule zur Opernbühne der Salzburger Festspiele 1948 (2023).