Elfriede Jelinek als „Dichterin zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen
CHRISTA GÜRTLER
Als Ivan Nagel, damals Schauspielchef der Salzburger Festspiele, 1997 für sein erstes Programm im Jahr 1998 ELFRIEDE JELINEK als „Dichterin zu Gast“ nach Salzburg einladen wollte, zeigte sich diese zunächst verhalten und lehnte zwei Mal ab. Sie war durch die Wahlplakatkampagne von Jörg Haider und die Kronen Zeitung bedrückt und wollte ihre Stücke auf keiner österreichischen Bühne mehr aufführen lassen. Schließlich sagte sie doch zu, und so reihte sich das Festspielengagement der „literarischen Staatsfeindin Nr. 1“ in eine Reihe großer Erfolge im Jahr 1998 ein.1
Nagel wollte für das gesamte Lesungsprogramm einen oder eine Dichter*in einladen. Seine Wahl für Jelinek begründete er so: „Der erstaunliche künstlerische Mut, die Entschiedenheit und Dichte der Prosaarbeiten Elfriede Jelineks hat den Ausschlag gegeben, sie als erste zu bitten. Selbstverständlich wußte ich, daß unser artistisches Engagement auch ein politisches bedeutete – und ich stand dazu.“2
Nicht versöhnt betitelt Wolfgang Reiter seinen Artikel im Nachrichtenmagazin profil vom 14.7.1997, in dem er die Ambivalenz von Jelineks Positionierung beschreibt: Elfriede Jelinek, die meistgehaßte Frau im deutschen Sprachraum, wird zur Zentralfigur der heimischen Kunsttempel – so der Untertitel. Claus Peymann kündigte für die Saison 1997/98 die österreichische Erstaufführung ihres Stückes Stecken, Stab und Stangl in der Regie von George Tabori im Akademietheater an und für Frühjahr 1998 die Uraufführung von Ein Sportstück in der Regie von Einar Schleef im Burgtheater.
Nach dem fulminanten Erfolg der rund sechsstündigen Aufführung von Ein Sportstück sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum fand ihr literarisches Programm bei den Salzburger Festspielen publizistisch ebenfalls große Aufmerksamkeit. Im Herbst 1998 wurde ihr dann noch mit dem Georg-Büchner-Preis der wichtigste deutschsprachige Literaturpreis verliehen. Laudator war Ivan Nagel.
Nagels Engagement bei den Salzburger Festspielen war für drei Jahre vereinbart, doch nach seinen negativen Erfahrungen im Vorfeld kündigte er seinen Vertrag schon im Frühjahr 1998 und beließ es bei einem Sommer. In einem Gespräch mit der Zeitschrift Theater heute hielt Nagel im Juli 1998 vor Festspielbeginn fest, dass die Anfeindungen gegen das Elfriede-Jelinek-Programm entscheidend für seinen Rückzug waren: „Eben: Entscheidungs- gleich Intrigenstruktur. Vielen kam es als eine Schande für Salzburg und Österreich vor, daß die Festspiele die größte lebende Dichterin des Landes einluden. Herauszufinden aber, wer alles gegen das Jelinek-Projekt gekämpft und es um ein Haar verhindert hat – diese Sherlock-Holmes-Arbeit scheint mir Zeitverschwendung.“3
Als Hintergrund für seinen Vorwurf erklärte Nagel in mehreren Interviews, dass in einem Vorschlag an das Kuratorium der Festspiele gefordert wurde, die Kernpunkte des Jelinek-Programms zu streichen. Dies fiel mit der falschen Berichterstattung des ORF über ein großes Defizit des Schauspielprogramms zusammen.4 Gegenüber der Zeitschrift Theater heute äußerte er, dass die Festspiel-Präsidentin HELGA RABL-STADLER „nicht verheimlicht, daß ihr Jelineks Werk und Haltung Ekelgefühle verursachen“5.
Jelinek selbst betont, dass nicht die Salzburger Festspiele, sondern Ivan Nagel sie eingeladen habe: „Daher ist es keine Genugtuung für mich, sondern eine Freude, daß ein Mann wie Ivan Nagel ausgerechnet mich dafür ausgesucht hat, es ist eine sehr persönliche Sache zwischen ihm und mir, ich war also nicht Salzburgs Wahl. Ich hab mit den Festspielen nie etwas zu tun gehabt aus vielen Gründen, und ich verabscheue diese Vergötzung der großen Interpreten.“ Sie habe es als Chance gesehen, Texte und Kolleg*innen in Salzburg präsentieren zu können, „die nie nach Salzburg eingeladen würden, weil sie eben zum großen Teil nicht ‚prominent‘ sind, was immer das heißen mag“6.
Sechs Wochen lang fand das umfangreiche Programm statt, von der Hommage an Elfriede Jelinek, dem einzigen Programmpunkt, den Nagel konzipierte, über die Uraufführung ihres Stücks er nicht als er (zu, mit Robert Walser) und die Einladung an Schriftstellerkolleg*innen zum rund zwölfstündigen Programm Reise durch Jelineks Kopf inklusive Filme und Modeschau, bis zu vier Lesungsabenden mit Texten von Dichter*innen ihrer Wahl – ihren „literarischen Verwandtschaften“7.
Im Vorfeld fand am 16. Juni ein von Christa Gürtler konzipiertes Elfriede-Jelinek-Symposion als eine Art Einführung in das Programm der „Dichterin zu Gast“ in Kooperation des Salzburger Literaturforums Leselampe mit anderen Einrichtungen statt. Die Dramaturgin Rita Thiele und die Literaturwissenschaftlerin Juliane Vogel hielten Vorträge zu Jelineks Theater und zum Robert-Walser-Stück, Elfriede Jelinek präsentierte gemeinsam mit der Dramaturgin BRIGITTE LANDES das Konzept der „Dichterin zu Gast“, eine Podiumsdiskussion mit allen Beteiligten sollte Lust auf die Teilnahme am Festspielprogramm bei den interessierten Salzburger*innen machen.8 Das regionale Publikumsinteresse war groß. Jelinek und ihre Überlegungen zur Programmgestaltung überzeugten die Teilnehmer*innen und sind sowohl im Einleitungsessay nicht bei sich und doch zu hause des Bandes Jelineks Wahl als auch im Programmheft der Salzburger Festspiele nachzulesen. Dass Brigitte Landes bei Buchpublikation und Lesungen als Dramaturgin eine wichtige Rolle spielte, sei hier angemerkt.
Ivan Nagels Idee, dass die Literaturveranstaltungen „von den toten oder lebenden Dichtern, die es erfanden, und von der Dichterin, die es gewählt hat, im gleichen Atemzug zeugen“9, hat Jelineks Programm mehr als erfüllt. Jelinek dachte über „Dichtung als Rede mit fremder Stimme“ nach, und so bekam der Titel ihres Dramoletts er nicht als er einen doppelten Sinn: „[…] eine Bestimmung der Dichtkunst als der fremden Stimme, die in einem selbst spricht – und eine Bestimmung des Lesens, Hörens, Sprechens von fremder Dichtung, die einen so trifft, als habe sie immer schon irgendwo im eigenen Auge, Ohr, Mund gelebt, und die danach verlangt, jetzt in uns aufzuerstehen“10.
Ebenfalls noch vor Beginn der Salzburger Festspiele wurde im Literaturhaus Salzburg die Ausstellung Echos und Masken (4.7. bis 28.8. 1998) eröffnet, die in Graz von Gerhard Melzer und Daniela Bartens 1996 im Kulturhaus Graz gezeigt wurde und danach im Sommer 1997 im Wiener Literaturhaus Station machte.
Marlene Streeruwitz analysierte in ihrer Eröffnungsrede die Verächtlichmachung von Frauen in der österreichischen Gesellschaft am Beispiel von Elfriede Jelinek, die in ihrer Literatur die patriarchalen hierarchischen Strukturen entlarvt.
So ist es geradezu logisch, daß es, wenn es nun eine Präsidentin der Salzburger Festspiele gibt, daß diese sich der Frau, die es ausspricht, gegenüber so verhält, wie es sich dem Primärhierarchisten geziemt. Nämlich mit Verächtlichmachung. An den Pranger mit der. Wenn auch nur nebenbei. Und außerdem. Eine Meinung wird man ja noch haben dürfen.11
Streeruwitz hielt fest, dass die Argumentation der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler perfekt in das „patriarchale Argumentationsmuster“ passt: „Daß in Wahrheit die Frau Präsidentin als Quasi-Mann die Männerhochkultur in diesem Fall verteidigt hat, das ist ja nicht zu sehen. Im übrigen sehen die Steiniger es gerne, wenn auch Frauen mitwerfen. Beim Steinigen. Kleine Steine. Natürlich. Das Opfer soll ja leiden.“12 Die anwesende Festspielpräsidentin, die zur Ausstellungseröffnung ebenfalls sprach, „konterte energisch, daß sie angeregt habe, diese Ausstellung in Salzburg zu ermöglichen und als Präsidentin das Programm der Festspiele mittrage. Im übrigen stellte sie zur Diskussion, ob es richtig sei, in diesem Zusammenhang wieder eine Frau an den Pranger zu stellen“13. In einem Interview mit Heinz Sichrovsky äußerte sich Elfriede Jelinek zum Konflikt. Auf die Frage, ob Nagel wegen ihr die Festspiele verlässt, antwortete sie:
Ich bin wohl nicht so wichtig, daß ich einen Nagel ausheben kann. Aber es wird schon eine Rolle gespielt haben. Frau Rabl-Stadler beteuert zwar, nie dergleichen gegen mich vorgebracht zu haben. Aber es wäre ihr schließlich unbenommen geblieben, Nagels Interview leserbrieflich zu erwidern. Übrigens argumentiert sie, sie habe als Präsidentin den Jelinek-Schwerpunkt und die Ausstellung über mich mitfinanziert. Wobei sie allerdings vergißt, daß sie vom Geld des Steuerzahlers spricht und nicht von ihrem Privatvermögen. Dieses fragwürdige Argumentieren mit dem Geld ist bezeichnend.14
Das Programm der „Dichterin zu Gast“ startete am 26. Juli mit einer Hommage an Elfriede Jelinek, bei der Ivan Nagel, Peter Turrini und Einar Schleef (statt des erkrankten George Tabori) über Jelinek sprachen und die drei Schauspielerinnen Annette Paulmann, Therese Affolter und Annemarie Düringer aus den Romanen wir sind lockvögel, baby, Die Liebhaberinnen, Die Ausgesperrten und Die Kinder der Toten lasen. Der Pianist Markus Hinterhäuser spielte den 2. Satz aus der A-Dur-Sonate von Schubert. Die Veranstaltung wurde in diversen Zeitungen positiv besprochen.15 Hervorgehoben wurde meist der Auftritt von Peter Turrini, der von seinen „ambivalenten Gefühlen“ gegenüber der Autorin sprach, ihr „Theater der Textflächen“ rügte und ihr schließlich gestand: „Sie ist eine schöne Frau, die mir gefällt“16. Dass Turrini seinen Auftritt nicht für eine Würdigung der Autorin, sondern eine Selbstinszenierung nützte, entlarvt an dieser Stelle den männlichen Blick und seine intendierte Abwertung einer Künstlerin, die sich als Kompliment tarnt.
Die Uraufführung des Dramoletts er nicht als er (zu, mit Robert Walser) fand am 1.8.1998 in der Elisabethbühne als Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Jossi Wieler und der Ausstattung von ANNA VIEBROCK statt. Einen Tag später wurde in verschiedenen Räumen des Landestheaters und im Marionettentheater von 11 bis 23 Uhr zur Reise durch Jelineks Kopf geladen. Jelinek hatte viele nicht allzu berühmte Kolleg*innen eingeladen und las gemeinsam mit Klaus Kastberger aus dem Werk Naturgemäß von Marianne Fritz. Beide Veranstaltungen wurden ebenso wie die vier folgenden Lesungen auf den Kulturseiten der deutschsprachigen Presse vielfach als sehr gelungen besprochen und gelobt. Dass Jelineks „sensationelles“ Programm vom Publikum „nicht so recht angenommen“ wurde, bedauerte beispielsweise Karin Kathrein in ihrer Besprechung Eine wunderbare Zumutung, aber schließlich treffe das leider manchmal auf „niveauvolle dramaturgische Ideen“ zu: „Für die, die gekommen waren, gab’s hochpoetische, aber auch harte Kost, sie erlebten aber nicht nur eine faszinierende zeitgenössische Auseinandersetzung mit unserer Welt, sondern auch das erhellende Spektrum der literarischen Vorlieben einer Dichterin. Die Jelinek mutete ihrem Publikum etwas zu und das war gut so.“17
Weit mehr mediale Aufmerksamkeit als Elfriede Jelineks Festspielprogramm erreichte am 2.8.1998 allerdings Christoph Schlingensief mit seiner theatralischen Aktion Baden im Wolfgangsee, an der u.a. auch der Schauspieler Martin Wuttke teilnahm. Schlingensief gründete im deutschen Wahljahr 1998 die Chance 2000, eine Art Partei. Ziel der Aktion in St. Gilgen, zu der er sechs Millionen Arbeitslose einlud, war eine Erhöhung des Wasserspiegels, sodass Helmut Kohls Ferienhaus am Ufer des Sees überflutet werde – so die ironische Ankündigung. Ursprünglich sollte die Aktion im Rahmen der Szene Salzburg stattfinden, doch der damalige Bürgermeister Dechant drohte den Veranstaltern mit Subventionsentzug. Aus diesen und aus rechtlichen Gründen rief Christoph Schlingensief dann ein privates Baden mit rund 50 Freunden und Unterstützern aus. Kritisch beobachtet wurde die Inszenierung von Badegästen und Urlaubern in St. Gilgen, einer Polizei, die in Alarmbereitschaft versetzt worden war, und zahlreichen Journalist*innen und Kamerateams. Tina Angerer beurteilt in ihrem Artikel die Aktion als „vergebene Chance am Kanzlerufer“: „Scheitern als Chance. Schlingensief lamentiert und proklamiert, inszeniert und fasziniert. Jeder sucht sich selbst aus, was das Spannende, Wahre oder Interessante an dem Berufsprovokateur ist.“18 Wie immer man die Aktion bewertet: Wer weiß schon, ob es Fakt oder Fiktion ist, als Schlingensief „plötzlich eine grüne aufblasbare Schildkröte und ein rosafarbenes Nilpferd in die Luft hält: ‚Diese Geschenke habe ich von Elfriede Jelinek bekommen, die euch alle sehr herzlich grüßt.‘“19. Abends war er jedenfalls Überraschungsgast bei der Dauerlesung aus Die Kinder der Toten im Landestheater.
Nach dem fulminanten Beginn des Literaturprogramms von Elfriede Jelinek konnte man den Eindruck gewinnen, dass der künstlerische Erfolg die Konflikte im Vorfeld in den Hintergrund treten ließ. Doch schon wenige Tage später flammte eine Debatte um die Person Elfriede Jelinek auf. Dabei ging es nicht um ihr künstlerisches Programm. So befand interessanterweise Werner Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten in seinem Festspielresümee Aufregungen nur in der Kunst: „Querelen der üblichen Art blieben den Salzburger Festspielen diesen Sommer erspart. Umso intensiver konnten sie sich ihren Aufgaben widmen. Die Kontroversen gab es in der Publikumsresonanz. Die künstlerische Bilanz fiel positiv aus.“20 Er lobte insbesondere das Schauspielprogramm Ivan Nagels:
Er war nicht auf hundertprozentige Zustimmung aus und verstand es Neugier zu wecken und heftige Diskussionen auszulösen. Es gehörte Mut dazu, Elfriede Jelinek zur „Dichterin zu Gast“ zu machen. Sie löst in Österreich allenfalls Aggressionen aus, und ihr Name wird in der auflagenstärksten Zeitung des Landes auf „Dreck“ gereimt.21
Vielleicht rührt die Beurteilung daher, weil es ein Sommer war, in dem niemand Gerard Mortier seines Amtes entheben wollte. Die Feuilletons konzentrierten sich in ihrer Berichterstattung auf die Kunst, aber in Leserbriefen und persönlichen Diskussionen stritt man um das gefährdete Weltkulturerbe Salzburgs u.a. durch Elfriede Jelinek. Was war passiert?
Die Salzburger Nachrichten veröffentlichten am 8.8.1998 einen Leserbrief des damaligen Weihbischofs Dr. Andreas Laun, der einen Gang vom Kapitelplatz zum Alten Markt beschreibt und beklagt, dass Jugendliche auf dem Kapitelplatz Rollerblades fahren. „Traurig gehe ich weiter“, heißt es im Text, auf dem Domplatz wird ein Rockkonzert vorbereitet, das Lärm verbreiten und die Stadt „akustisch verschmutzen“ wird und dann verstellt sogar ein Kunstwerk aus Bierkisten den Blick. „Eigentlich wollte ich weitergehen, aber am Festspielhaus vorbeigehen – nein, danke, dort würde mich das überlebensgroße Bild von Frau Jelinek an ihre Klosetts auf der Bühne des Burgtheaters erinnern und daran, wie unflätig sie sich über Christen äußert und wie sie über Salzburg schimpft (statt abreist!).“ Und er schließt mit der Bemerkung, dass zwar Salzburg die „peinlichen Entgleisungen von heute“ überleben wird „wie Österreich den Herrn Nitsch und so manch andere“, stellt aber in Abrede, dass das „heutige“ Salzburg noch Weltkulturerbe ist: „Wirklich nicht!“22
Laun bezog sich auf ein vier Meter hohes Porträtfoto von Elfriede Jelinek an der Fassade des Festspielhauses, auf der insgesamt 13 Bilder affichiert waren. Darauf brach vom 12. bis 22.8.1998 eine heftige Leserbriefdebatte in den Salzburger Nachrichten aus, Befürworter und Gegner von Launs Ansichten meldeten sich zu Wort, nicht selten ironisch und sprachspielerisch, bisweilen aber auch im Stil der Boulevardpresse. Launs Leserbrief wurde auch überregional kommentiert, so brachte er es im Falter zum „Dolm der Woche“: „Über die Bischofshut-Schnur geht dem Oberhirten aber ein überlebensgroßes Plakat, das in ihm das dringende Verlangen nach der ‚Abreise‘ der Autorin evoziert. Nicht zu fassen: Überlebensgroße Dichterinnen“23.
Über das, was in der Nacht auf den 23.8.1998 passierte, herrscht Uneinigkeit. Es gibt divergierende Sichtweisen und keine überprüfbaren Fakten. In seiner Laudatio Lügnerin und Wahr-Sagerin zur Verleihung des Georg Büchner Preises im Oktober 1998 stellte Ivan Nagel noch einmal sehr ausführlich dar, dass aus seiner Perspektive jedenfalls „von höherer Stelle entschieden“ wurde:
Am Sonntagmorgen, dem 23. August, hing das Jelinek-Porträt zu Streifen zerfetzt an seinen eisernen Befestigungsstangen. Als ich erst gegen Mittag die Nachricht bekam und zum Festspielhaus eilte, war nichts mehr davon zu sehen. Die Festspielleitung hatte beschlossen, daß das Bild von einem Sturm in der Samstagnacht abgerissen worden sei; die Arbeiter der Bühnentechnik beseitigten sofort die Reste. Ich bedaure aus zwei Gründen, daß keine Anzeige gegen Unbekannt erstattet wurde und nun auch nicht mehr erstattet werden konnte. Wenn es nicht der Sturm war (der sonst nirgends in der Stadt Schaden anrichtete), hätte man einen guten Anlaß gehabt, über das Verhältnis zwischen rechtsradikalem Rowdytum und klerikalem Konservatismus in Österreich nachzudenken.
Wenn es aber der Sturm war, der einzig am Max-Reinhardt-Platz unter dreizehn gleich großen Bildern, die an der gleichen Fassade nebeneinander hingen, nur das Bild der Jelinek abriß – dann war in Salzburg in jener Nacht ein Wunder geschehen. Die vorschnelle Spurenbeseitigung hätte dann nicht Elfriede Jelinek und nicht den Festspielen geschadet, sondern dem Weihbischof Dr. Laun, dem genau dieses Wunder dereinst zur Heiligsprechung fehlen wird. Jene oberste Stelle, die sogar im Fall Rushdie noch vermittelnde Instanzen einspannt, hätte direkt gesprochen. Ihre Einmischung hätte erst klargemacht, welche ungeheure Breite die negative Jelinek-Rezeption für sich beanspruchen darf: vom Himmel bis zur ‚Kronen Zeitung‘.
Ivan Nagel bedankt sich in seiner Preisrede für Elfriede Jelineks Programm in Salzburg und positioniert sich gegen den Weihbischof, aber auch gegen die Festspiele, wenn er den Verantwortlichen vorwirft, dass sie sich für den Sturm entschieden und die Spuren beseitigt haben. In der Zeitschrift profil wird der Vorfall polemisch kommentiert:
In der Nacht vom 23. August wurde des Bischofs öffentliches Stoßgebet […] endlich erhört. […] Wenn da nicht übereifrige Laun-Jünger am Werk waren, dann hat der Himmel zumindest einen launigen Sturm durch die Hofstallgasse geschickt, der sich zielgenau in Jelineks Porträt vergangen hat. In Salzburg geschehen halt noch Wunder.24
Elfriede Jelinek glaubte nicht an Wunder. Für die „Dichterin zu Gast“ blieb es ein einmaliges Gastspiel in Salzburg. Eine weitere Inszenierung, die von den Salzburger Festspielen selbst herausgebracht wurde, kam seither nicht mehr zustande.
Anmerkungen
- Vgl.: Loh, Lothar: Innenansichten einer Dichterin. In: Bühne 7-8/1998, S. 10-13. ↩︎
- Huber-Lang, Wolfgang: Bilanz eines Unbequemen. Ivan Nagel über seine erste und einzige Saison als Schauspielchef der Salzburger Festspiele. In: Bühne 7-8/1998, S. 18-19, S. 18-19. ↩︎
- N. N.: Der ewige Anfänger. Gespräch mit Ivan Nagel. In: Theater heute 7/1998, S. 12-17, S. 13. ↩︎
- Vgl.: Huber-Lang, Wolfgang: Bilanz eines Unbequemen, S. 19; N. N.: Der ewige Anfänger, S. 12. ↩︎
- N. N.: Der ewige Anfänger, S. 16. ↩︎
- Loh, Lothar: Innenansichten einer Dichterin, S. 10. ↩︎
- Jelinek, Elfriede / Landes, Brigitte (Hg.): Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften. München: btb 1998. ↩︎
- Das Symposion wurde vom Salzburger Literaturforum Leselampe, den Jungen Freunden der Salzburger Festspiele und dem Institut für Germanistik der Universität Salzburg mit Unterstützung von Akzente Salzburg und Elisabethbühne Salzburg veranstaltet und fand im Petersbrunnhof statt, in dem im Sommer Jelineks Theaterstück uraufgeführt wurde. ↩︎
- Nagel, Ivan: Eine Erinnerung an Salzburg 1998, wo der Erzbischof gegen sie predigte, wo ihr Bild vom Festspielhaus abgerissen wurde – und wo sie in den Köpfen und Herzen siegte. In: Landes, Brigitte (Hg.): stets das Ihre. Elfriede Jelinek. Berlin: Theater der Zeit 2006, S. 9. ↩︎
- Ebd., S.9. ↩︎
- Streeruwitz, Marlene: „Echos und Masken“. Rede zur Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung von Elfriede Jelinek im Rahmen der Salzburger Festspiele 1998. In: Kolik 5/1998, S. 3-12, S. 7. ↩︎
- Ebd., S. 7. ↩︎
- Kathrein, Karin: Auf den Spuren Jelineks: „Echos und Masken“. Eine Ausstellung im Salzburger Literaturhaus. In: Kurier, 8.7.1998. ↩︎
- Sichrovsky, Heinz: Reisen durch Jelineks Kopf. In: News, 16.7.1998. ↩︎
- Vgl.: Kathrein, Karin: Tiefe Bedrohung auf höchster Ebene. In: Kurier, 28.7.1998; Gabler, Thomas: „Eine schöne Frau, die mir gefällt“. In: Neue Kronen Zeitung, 28.7.1998; Cerha, Michael: Radikalität und verschiedene Ausweichmanöver. In: Der Standard, 28.7.1998; Haider, Hans (hai): Lockvögel, Kinder der Toten: Jelinek auf dem Feld der Ehre. In: Die Presse, 28.7.1998.x ↩︎
- Müry, Andres: Haß-Pause. In: Der Tagesspiegel, 28.7.1998. ↩︎
- Kathrein, Karin: Eine wunderbare Zumutung. In: Kurier, 1.9.1998. ↩︎
- Angerer, Tina: Vergebene Chance am Kanzlerufer. In: taz, 4.8.1998. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Thuswaldner, Werner: Aufregungen nur in der Kunst. In: Salzburger Nachrichten, 29.8.1998. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Laun, Andreas: Leserbrief, Salzburger Nachrichten, 8.8.1998. Zit. n.: Janke, Pia (Hg.): Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich. Salzburg: Jung und Jung 2002, S. 223. ↩︎
- N. N.: Dolm der Woche. Andreas Laun. In: Falter 33/1998. ↩︎
- N. N.: Wer wo warum. In: profil, 31.8.1998. ↩︎

CHRISTA GÜRTLER
Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. 1997-2016 Geschäftsführung
des Salzburger Literaturforums Leselampe und Redaktionsleitung der Literaturzeitschrift
SALZ. 2008-17 Mitbegründerin und Kuratorin des Literaturfests Salzburg. Seit 2019 Obfrau des dazugehörigen Vereins. Lehrtätigkeit in Salzburg, u.a. zu Gender Studies. Herausgeberin von Haushofer, Marlen: Gesammelte Erzählungen (2023) mit Liliane Studer.



