Dichter zu Gast 1998

1998 war Ivan Nagel Direktor des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele. Er führte einen neuen Programmschwerpunkt ein, eine Schriftsteller*innenresidenz während der gesamten Festspielzeit, Autor*innenlesungen kuratiert von Dichter*innen.

Der erste „Dichter zu Gast“ war ELFRIEDE JELINEK. Die Dichterin hatte „carte blanche“ einzuladen, wen sie wollte, einen Festspielsommer lang ihren literarischen Ver­wandten, den lebenden und toten, eine Stimme und eine Bühne zu geben. Die Einladung beinhaltete den Auftrag, ein Theaterstück zu schreiben, dessen Urauf­führung zum Schwerpunkt des Schauspielprogramms werden sollte. –

Es sollten keine feierlichen Sonntagslesungen berühmter Dichter*innen durch be­rühmte Schauspieler*innen stattfinden, sondern wie Ivan Nagel schreibt, etwas anderes:

Wir nehmen an, daß Literatur, Dichtung weder Bildung noch Erbauung ist, – son­dern Kunst: bald sengend hell, bald furchterregend düster. […] Eine Dichterin kommt zu Gast. Sie sagt uns, was für sie unentbehrlicher Wortlaut ist. […] Elfriede Jelinek hat Antworten gesucht auf unsere Frage, wer in der deutschen Literatur ihre Ahnen, Geschwister und Kinder sind. Die vielerprobte konventionsgeschützte Form der Dichterlesung könnte damit etwas Gewagtes, Abenteuerliches bekom­men.1

Die Dichterin selbst bleibt, wie ihr heimlicher Protagonist Robert Walser, „hübsch beiseit“.

Sie ruft ihre Sprachverwandten auf, oder anders, die wie sie, wenn überhaupt be­haust, es in der Sprache sind.

Mir scheint an den Dichtern, die ich versammeln möchte, die Nichtsgewißheit das Gemeinsame zu sein. Die Dichtung dieser Nichtsgewissen kann den Anschein des Unwirklichen erwecken den der beruhigendsten, sichersten Wirklichkeit, nur daß im letzteren Fall der Dichter zwar der Wirklichkeit, aber seiner selbst nicht sicher ist. Jedenfalls ist er nicht heimisch und weiß auch nicht, wo er es sonst sein sollte. Und auch in sich ist er nie zu Hause. Dichter, die, wenn sie ich sagen, nicht sich selbst meinen, auch wenn sie unaufhörlich um ihr Ich kreisen mögen.2

Sie stiftet Verwandtschaften unter Dichter*innen, ungewöhnliche Konstellationen, von denen manche der gewählten wohl selbst kaum gerechnet haben dürften. Friedrich Glauser mit Robert Walser, Georg Trakl mit Friedrich Hölderlin, Werner Schwab und Ernst Herbeck, Paul Celan mit Imre Kertész und Danilo Kis, Unica Zürn mit Walter Serner, Konrad Bayer und Sylvia Plath.

Ich bekam das von Elfriede Jelinek schriftlich ausformulierte Konzept und meine Aufgabe war, diese Verwandtschaften mit Texten zu besiegeln bzw. nachzuwei­sen. Ausführlich beschreibt sie darin, was diese Dichter*innen verbindet, worin deren oft verblüffende Nähe besteht. So schwierig das auf den ersten Blick schien, musste ich nur ihrem Entwurf folgen, die Verwandtschaftsgrade in den Texten erkennen und zueinander in Beziehung setzen. Nicht Biographisches war der Leit­faden, nicht Leben, sondern Schrift: die Sprache. In poetologischen Essays gibt sie durch ihre Wahl auch Auskunft über ihr eigenes Schreiben.

Mich interessieren also Dichter, die abseits gehen und fremd bleiben, auch sich selbst fremd, Verstörte, die aber besessen sind von der Präzision des Ausdrucks, als wollten sie sich bis zuletzt an etwas festhalten, bevor sie ihr eigenes Denken in den Verfall führt und sie den Verstorbenen nachsterben müssen.3

Das gesamte Konzept ist in dem Buch Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften zu finden, Jelineks Essay nicht bei sich und doch zuhause im vorliegenden Band auch gesamt abgedruckt.

Reise durch Jelineks Kopf

Unter diesem Titel stand ein ganzer Tag, an dem bis in die Nacht alle Räume und Bühnen des Landestheaters bespielt wurden, der – neben anderen Lesungen und Gesprächen während der Dauer der Salzburger Festspiele – der Höhepunkt des Programms war. Die Geister, die sie gerufen und geladen hatte, lasen aus eigenen Werken, genauso wie Texte, die sie ausgewählt und zusammengestellt hatte, von den Schauspieler*innen gelesen wurden, die während der Zeit bei den Salzburger Festspielen engagiert waren. Das ganze Theater war ein Wörter summender Bie­nenstock.

Im Marionettentheater las Elfriede Jelinek Werke von Marianne Fritz, Therese Af­folter rezitierte Lust, Wolf Haas brauchte dringend eine einzelne Glühbirne für die Vorstellung seines ersten Kriminalromans Komm, süßer Tod, Elfriede Gerstl las im Ballettsaal Gedichte, Sibylle Canonica trug Werke von Unica Zürn vor, Neda Bei rezitierte Anagramme, im Chorsaal las Heimrad Bäcker Nachschrift, auf einer Probebühne zeigte und las Brigitta Falkner Cartoons, auf der Bühne im großen Haus traten Martin Wuttke und Angela Winkler mit Texten von Konrad Bayer und Unica Zürn auf, Walter Schmidinger las Robert Walser. Hans Michael Rehberg hatte sich geweigert, einen Text von Binjamin Wilkomirski zu lesen, er fand ihn unglaubhaft. Er hatte das richtige Gespür. Denn zwei Mona­te später stellte sich heraus, dass es sich bei seinem 1995 im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948 um reine Erfindung handelt. Eine Blamage für uns, die damals nicht zu ahnen war.

In meiner Erinnerung als Organisatorin der Veranstaltungen bleiben natürlich die unvermeidlichen kleinen Pannen und Unglücke vor allem in Erinnerung: Wie An­selm Glück am Nachmittag verstört seine Lesung abbrach, weil ihm die klappern­den Türen beim Kommen und Gehen der Besucher an den Nerven zerrten. Wie Christoph Schlingensief zu spät kam und seine 20 Minuten, die er in den Kammer­spielen für die Lesung aus Jelineks Kinder der Toten als Zeitfenster hatte, kaperte, um für seine neugegründete Partei Chance 2000 zu werben. Dort fand, mit immer wechselnden Beteiligten, eine Dauerlesung des ganzen Romans statt. Im Foyer der Kammerspiele wurden nonstop Jelineks Lieblings-Horror- und Splatter-Movies gezeigt, während auf der großen Bühne Ladies Only, eine Modenschau von Lisa D. mit Texten von Jelinek, stattfand.

„Es war alles zuviel, aber irgendwie grandios, too much of everything…“, sagt El­friede Jelinek im Rückblick.

Sigrid Löffler fasst in ihrer Rezension in Die Zeit vom 6.8.1998 den Tag, wie folgt, zusammen:

Sie, selbdritt. Er nicht als er. Elfriede Jelinek als Gastdichterin in Salzburg:

So gastfreundlich wie in diesem Sommer waren die Salzburger Festspiele noch nie. Sie luden eine Dichterin zu Gast und die darf ihrerseits Gäste mitbringen, ganz nach Herzens- und Leselust. So will’s ein neuer Programmschwerpunkt des eben angetretenen – und schon wieder abtretenden – Salzburger Schauspielleiters Ivan Nagel. Als „Dichterin zu Gast 98“ hat er sich, gemeinsam mit dem Sponsor Ber­telsmann, die Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek ausgeguckt, Österreichs hoch­angefeindete Kulturkampf-Ikone und liebste Haßfigur unter den Literaten.

Demnach ist die Dichterin in Salzburg Ehrengast und Gastgeberin zugleich. Als Ehrengast steht sie mitsamt ihrem Werk im Mittelpunkt von Huldigungen, wird fest gelesen, fest gelobt und fest gespielt. Als Gastgeberin tritt sie bescheiden in den Hintergrund, um andere Dichter ins Licht und andere Werke ins Zentrum zu rücken, etwa am vergangenen Wochenende, als ihr neues Dramolett, Robert Wal­ser zu Ehren, uraufgeführt wurde und sich das Salzburger Landestheater mitsamt allen Nebenräumen zu einer „Reise durch Jelineks Kopf“ öffnete.

Eine Kopfreise als zwölfstündiger Multimedia-Marathon, wie es Salzburg so extra­vagant und so trivial, so anspruchsvoll und so schräg noch nicht erlebt hat: Jelineks Lieblingshorrorfilme wurden gezeigt, ihre Lieblingsmode wurde vorgeführt (es war gewiß die erste Modenschau im Rahmen der Festspiele), ihre Lieblingsdichter, die lebenden und die toten, gaben sich ein Rendezvous, lasen und wurden gelesen. Am liebsten, sagt die Jelinek, würde sie gänzlich verschwinden hinter ihren Her­zensdichtern, ihren poetischen Schwestern und Brüdern im Geiste.

Das gelingt natürlich nicht, im Gegenteil. Im Verschwinden bringt sie sich erst recht zur Geltung. Sie kann ihre wahlverwandten Dichter nicht zu Worte kommen las­sen, ohne auch von sich zu sprechen, stillschweigend. Indem von ihren Geistesge­fährten die nachdenkliche, erinnernde, huldigende Rede ist, werden sie kenntlich – als Fixsterne in Jelineks Dichterkosmos. Im Spiegel all der verfolgten, verjagten, verstummten, verrück­ten, verunglückten Poeten ihrer Wahl reflektiert sie, so überdeutlich wie verschwiegen, sich selbst.

Und wenn die Jelinek in ihrem Dramolett Robert Walser begegnet, dann will sie in dieser Begegnung sich selber treffen, naturgemäß.

Die Sprachspieler liebt sie, die zwanghaften Wort­klauber wie Unica Zürn, verstrickt in die Regelwerke ihrer Anagramme und Palindrome. An den Dandys wie Walter Serner oder Konrad Bayer schätzt sie den wegwerfenden Gestus, die hochfahrende Selbstver­geudung, die Stilsucht. Die Verstörten haben es ihr angetan, die Außenseiter, die Kranken, die Süchtigen, die Selbstmörder, die Langzeitpatienten, die heiligen Narren – von Hölderlin/Scardanelli bis Herbeck, von Trakl bis Celan, von Glauser bis Plath. An Bildern inspiriert sie sich, etwa am letzten Schnappschuß ei­nes toten Dichters mit weggekollertem Hut: der Spa­ziergänger und Pflegling der Anstalt Herisau, Robert Walser, im Weihnachtsschnee, vom Herzschlag ge­fällt und hintübergestürzt, einen Arm ausgestreckt, ein halbierter Kruzifixus.

Walsers Hut setzt denn auch den Schlußpunkt in Jelineks neuem Stück „er nicht als er (zu, mit Robert Walser)“: Während der Anstaltsinsasse und gewesene Dich­ter aufbricht zu seinem letzten Spaziergang, fällt sein Hut vielsagend vom Haken. Blackout. Ein Einfall des Regisseurs Jossi Wieler, der die umjubelte Uraufführung bei den Salzburger Festspielen ins Werk setzte, in Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus (wo die Inszenierung ab Herbst gezeigt wird). In gewohnter Sprö­digkeit verweigert Jelineks Text jede szenische Handhabe. Herkömmliche Rollenzu­schreibung und Dialogform kümmern sie längst nicht mehr. Also müssen Wieler und sein Dramaturg Tilman Raabke zusehen, wie sie zu 34 Seiten Prosatext einen Büh­nenvorgang erfinden. Sie stellen den Text um, streichen die Hälfte, erlösen Dialoge, wo scheinbar gar keine sind, und bauen im übrigen auf ihre Bühnenbildnerin ANNA VIEBROCK und deren fabelhaft beklemmende Wartehöhlen, Wartehöllen.

Diesmal liegt, im gräulichen Licht, der miefige Tagesraum einer Nervenklinik, die Sitzmöbel genauso verschlissen wie die Insassen – das Schattenreich chronischer Patienten wie Robert Walser (André Jung), der unerwartet Besuch erhält. Einen Besuch wie eine Heimsuchung. Drei Damen stolpern herein, um dem verstummten Dichter zu huldigen – mondän und etwas zickig. Nicht nur die Zopffrisur und die Baskenmütze signalisieren: Es ist Sie, selbdritt (Marlen Diekhoff, Ilse Ritter, Lore Stefanek), die für sich ein Dichtertreffen mit dem berühmten Kollegen inszeniert. Es entspinnt sich ein Dialog des hohen Aneinandervorbeiredens, so preziös wie komisch. Dem kostbaren Redeschwall der drei Jelinek-Damen setzt der verstörte Heiminsasse erst sein Schweigen, dann seinen verschwiegenen Spott entgegen: Er spricht, aber nicht als er. Jossi Wieler gelingt das Schwierigste: Er hält den Dichter­gipfel in der Schwebe zwischen Huldigung und Hohn. Wenn die beredte Jelinek dem verstummten Walser ihre Sprache leiht, dann ist das ja ein Akt der Demut. Oder der Anmaßung.4

In der taz schrieb Uwe Mattheis, dass auf Salzburgs Bühnen in diesem Sommer die „Männer ihr Seelenleben erklären“ und Nagel ein „allerdings aufgewertetes Damenprogramm“ als Gegengewicht zur „Bündelung expansiver Männlichkeit“ ersonnen hatte.

Elfriede Jelinek, erstmals „Dichterin zu Gast“ im Salzburger Sommer, geriet zum Glücksfall für die Festspiele. An vier Abenden „Jelineks Wahl“ organisierte sie eine völlig neue Form der Darreichung von Literatur und des Sprechens über Literatur für die Salzburger Festspiele.5

Wir hielten uns nicht damit auf, Gegenpositionen zu beziehen, die Wahl sprach für sich. Aus „dem“ Dichter musste keine Dichterin gemacht werden. Es gab kein Gendersternchen, keinen Bindestrich, keinen Doppelpunkt. Der Dichter war eine Dichterin. Punkt. Dass es sich bei den altbewährten Salzburger Festspielen um pa­triarchale Strukturen handelt, daran gab es keinen Zweifel, es konnte gar nicht anders sein, und es war so. Vor Kämpfen, die hinter den Kulissen stattfanden, hat Ivan Nagel uns liebenswerterweise verschont, es musste uns nicht beschäftigen. Bis es zu einem veritablen Skandal kam. In seiner Laudatio zum Büchnerpreis im Oktober desselben Jahres für Elfriede Jelinek erzählte Ivan Nagel die ganze Ge­schichte:

Das Selbstverständlichste ist: Wir Menschen sind Männer oder Frauen. Das Be­fremdlichste ist: Es gibt Mann und Frau; den Menschen gibt es nicht. Vor Jelineks Blick, dem befremdeten, niemals verständnisvollen, bricht das Menschsein entzwei.

Wer sich an Selbstverständlichkeiten hält, der braucht keine Literatur. Aber es gibt seit zweieinhalbtausend Jahren eine Literatur des Verstehenwollens: Sie hat, von Euripides über Laclos bis Flaubert, viel Unruhe und Erkenntnis in die Sache der beiden Geschlechter gebracht. Sie überbringt uns abwechselnd zwei Nachrichten. Sie sagt: Mann und Frau sind sich unähnlich genug, um einander zu begehren und zu begatten. Oder sie sagt: Mann und Frau sind sich ähnlich genug, um einander zu hassen und auszubeuten. Jelineks Werk des Un-Verständnisses dagegen proto­kolliert: Mann und Frau sind sich untrennbar fremd; deshalb müssen sie einander begehrend ausbeuten, hassend begatten. Das Werk des Befremdens, das ich heute loben will, ist fast unerträglich; aber stark und notwendig.

Mehr Feindschaft als Elfriede Jelinek hat wohl, außer den deklarierten Staatsfein­den totalitärer Regime, kein Schriftsteller der zweiten Jahrhunderthälfte auf sich gezogen. Als Kunst- und Kulturschänderin wurde sie auf einem Wahlplakat Jörg Haiders angeprangert. Die „Kronen Zeitung“, Österreichs größtes Blatt, griff sie zweimal im Monat, manchmal zweimal in der Woche als rote Pornographin an. Als ich sie bat, in diesem Sommer das Literaturprogramm der Salzburger Festspiele auszudenken, wurde dem Rundfunk und den Zeitungen das Gerücht von einem schweren Defizit der Festspielsparte Schauspiel zugesteckt: Es könnte nur durch die Streichung des Jelinek-Programms (darunter ihres neuen Stückes) behoben werden. Das Seltsamste, Erzählwürdigste geschah aber erst während der Festspiele.

Seit der Eröffnung der Festspiele am 25. Juli hingen an der Fassade des Festspiel­hauses, je 4 Meter hoch, dreizehn Bildnisse der Verfasser aller aufzuführenden Opern und Theaterstücke, darunter das Porträt Mozarts, Verdis, Büchners, Elfriede Jelineks. Am 8. August brachten die Salzburger Nachrichten einen Leserbrief des Salzburger Weihbischofs Dr. Andreas Laun: „Am Festspielhaus vorbeigehen, nein, danke, dort würde mich das überlebensgroße Bild von Frau Jelinek an ihre Klo­setts auf der Bühne des Burgtheaters erinnern und daran, wie unflätig sie sich über Christen äußert und wie sie über Salzburg schimpft (statt abreist!).“ Vom 12. bis zum 22. August tobte eine Debatte der Zeitungsleser: Manche priesen den Weihbi­schof, manche klagten ihn der Herrschaft und Intoleranz an. Dann wurde der Streit an höherer Stelle entschieden.

Am Sonntagmorgen, dem 23. August, hing das Jelinek-Porträt zu Streifen zerfetzt an seinen eisernen Befestigungsstangen. Als ich das gegen Mittag erfuhr und zum Festspielhaus eilte, war nichts mehr davon zu sehen. Die Festspielleitung hatte be­schlossen, dass das Bild von einem Sturm in der Samstagnacht abgerissen worden sei; die Arbeiter der Bühnentechnik beseitigten sofort die Reste. Ich bedauere aus zwei Gründen, dass keine Anzeige gegen Unbekannt erstattet wurde (und jetzt nicht mehr erstattet werden konnte). Wenn es nämlich nicht der Sturm war (der sonst nirgends in der Stadt Schaden angerichtet hatte), hätte man einen starken Anlass gehabt, über die Komplizität zwischen klerikaler Verstocktheit und rechts­radikalem Rowdytum in Österreich nachzudenken.

Wenn es aber der Sturm war, der einzig am Max-Reinhardt-Platz unter dreizehn gleich großen Bildern, die an der gleichen Fassade hingen, nur das Bild der Jelinek abriss – dann war in Salzburg in jener Nacht ein Wunder geschehen. Die vorschnel­le Spurenbeseitigung hätte dann nicht Elfriede Jelinek und den Festspielen gescha­det, sondern dem Glaubenskämpfer Dr. Laun: Könnte ihm dereinst nicht genau dieses Wunder zur Seligsprechung fehlen? Jene oberste Stelle, die sonst in heiklen Fällen gern vermittelnde Instanzen vom Konzil bis zum Dorfpfarrer einschaltet, hätte sich diesmal direkt geäußert. Ihre Einmischung sollte offenbaren, welche universale Breite von Verdammung Elfriede Jelinek hatte und verdiente: von der Boulevard-Schlammpresse bis zum Himmel.6

Es gehört zu den Paradoxien der Festspielgebarung, daß Ivan Nagel ausgerech­net deswegen nach diesem Sommer gehen soll. Der Jelinek-Schwerpunkt hat den Schauspieletat überzogen. Nagel hat die Aktie Jelinek zum Tiefststand gekauft, als die Blauhemden von der Haiderpartei sie noch aus dem Land zu ekeln suchten und sich wenige Stimmen in Österreich daran störten. Für dieses gelungene Investment bekommt Nagel nun die Papiere.7,

schrieb Uwe Mattheiß in der taz. Nagel ist allerdings selbst von seinem Posten zu­rückgetreten. Der Skandal selbst löste sich auf, als wäre er ein Sturm im Wasserglas gewesen.

Die Reihe wurde noch einige Jahre fortgeführt. Bis auf eine Ausnahme 2003 mit CHRISTIA WOLF waren es Herren. Anstelle der Nichtsgewissheit trat Selbstgewissheit auf. Die künftigen Dichter luden ihre ebenfalls berühmten Freunde ein. 2005 gab es unter eben dem Titel Dichter zu Gast eine Dauerlesung aus dem Roman Die Kinder der Toten, wohl anlässlich der Verleihung des Nobelpreises.

Als ich im Archiv der Salzburger Festspiele, in dem sämtliche Aufführungen und Veranstaltungen von Beginn an bis heute gelistet sind, nach „1998 Dichter zu Gast“ suchte, sah ich, dass das Programm bemerkenswert unvollständig, schlampig und falsch dokumentiert ist. Das ganze Material liegt in Form eines ausführlichen Pro­grammheftes, in einem Schuber, für alle Veranstaltungen mit allen Beteiligten vor. Honi soit qui mal y pense. Patriarchale Strukturen der Salzburger Festspiele? Voilà!


Anmerkungen

  1. Nagel, Ivan: Lügnerin und Wahr-Sagerin. Über Elfriede Jelinek. Rede zum Büchner-Preis 1998. In: Nagel, Ivan (Hg.): Schriften zum Drama. Berlin: Suhrkamp 2011, S. 301-311, S. 303-305. ↩︎
  2. Jelinek, Elfriede: nicht bei sich und doch zu hause. In: Jelinek, Elfriede / Landes, Brigitte (Hg.): Jelineks Wahl. Literarische Verwandtschaften. München: Wilhelm Goldmann Verlag 1998, S. 13-14. ↩︎
  3. Ebd., S. 14-15. ↩︎
  4. Löffler, Sigfrid: Elfriede Jelinek als Dichterin zu Gast in Salzburg. In: Die Zeit, 6.8.1998. ↩︎
  5. Mattheiß, Uwe: Wissende Einfühlung. In: taz, 4.8.1998. ↩︎
  6. Nagel, Ivan: Lügnerin und Wahr-Sagerin, S. 303-305, S. 305. ↩︎
  7. Mattheiß, Uwe: Wissende Einfühlung. ↩︎

BRIGITTE LANDES

Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Nach Engagements u.a. am Theater
am Turm, am Schauspiel Frankfurt, am Hamburger Schauspielhaus und am Thalia Theater arbeitet sie als freie Dramaturgin, Übersetzerin und Regisseurin. Autorin u.a. der Publikationen Leben, ein Lesebuch (2008), Alles Theater: Schauspielerporträts (2015) zusammen mit Margarethe Broich und Im Romanischen Café (2020). Co-Autorin von Angela Winklers autobiographischen Skizzen Mein blaues Zimmer (2019).