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  • Eine modehistorische Analyse ausgewählter Kostüme der Buhlschaft im Jedermann der Salzburger Festspiele

    Eine modehistorische Analyse ausgewählter Kostüme der Buhlschaft im Jedermann der Salzburger Festspiele

    Der Jedermann ist für die Salzburger Festspiele seit seiner Uraufführung am 22.8.1920 wirtschaftlich ein wichtiger Umsatzbringer und im Festspielkalender seit 103 Jahren eine programmatische Konstante. Die Präsentation der Buhlschaft und ihres Outfits ist dabei jedes Mal ein wichtiges Medienereignis: Es geht um die Farbe, den Schnitt, das Kleid und seit 2017 auch um die Hose! Die Buhlschaft wird gefragt, welches Kleid sie tragen werde oder etwas subtiler: Welche Rolle denn das Kleid spiele? Fast scheint es, als ob dem im Anachronismus emergie­renden Stück eine spezifische Folklore mitschwingt, die jährlich (und vergeb­lich?) wie bei dem Orakel von Delphi die alte Frage nach dem Neuen in der Frau­enmode stellt.

    Der Mode wohnt seit dem 19. Jahrhundert die Ästhetik der permanenten Erneue­rung inne – jede Saison machte zuverlässig die Kleider des Vorjahres obsolet. Weil in Paris zuverlässig Neues sichtbar und schnellstmöglich auf die Alltagspraxis übertragen wurde, galt die Mode dieser Stadt über ein Jahrhundert als das Ora­kel der Welt. Über lange Zeit war jeder Pariser Trend gesellschaftspolitisch rele­vant, weil mit diesen Trends Tabus beseitigt wurden, die erst durch ihr plötzli­ches Fehlen sichtbar gemacht wurden. Diese Zukunftsschmiede ist allerdings seit den 1990er Jahren in eine generelle Unübersichtlichkeit abgedriftet, und IT sowie neuerdings KI stellen nun die Orakelplätze des Neuen in den Medien dar. Die klassische Berichterstattung über Trends (und Tabubrüche) hat ihre Vorreiterrolle verloren. Nicht so in Salzburg, wo die Sehnsucht nach dem Neuen im Kleid der Buhlschaft ungebrochen scheint.

    Es fühlt sich wie narzisstische Kränkung an, wenn die Fra­gen der Frisur und der Rocksaumlänge aufmerksamkeits­ökonomisch oft entscheidender sind als die Beschreibung von Charakterzeichnungen, Spielkompetenz oder persön­liche Raffinesse der Schauspielerinnen. In Zeiten, in denen jeder ein Star ist oder sein will, kommt dem modischen Dis­tinktionsgewinn umso größere Bedeutung zu – wenn schon nicht durch die Menge des Textes, dann soll die Buhlschaft wenigsten durch ihr Kostüm und ihre erotische Ausstrah­lung zum Garanten der „Cash Cow“ Jedermann werden.

    Buhlschaft und Jedermann

    Im Laufe der letzten 103 Jahre der Aufführung des Jedermann hat sich die Rolle der Buhlschaft wenig gewandelt – Stereotype männlicher und weiblicher Kleidungs­normen wurden erst in den letzten Jahren aufgebrochen und zum Teil wieder ver­worfen. Meist nach der Kritik eines zahlenden Publikums. Was sind die Hinter­gründe?

    Betrachtet man die Mode des bürgerlichen Zeitalters, lässt sich erkennen, dass meist der männliche Geist gegen den weiblichen Körper oder, anders gesagt, das weibliche Kleid gegen den tiefen männlichen Charakter steht. Der Mann gilt als Sinnbild des Seins, während die Frau meist nichts als den schönen Schein verkör­pert. Auch bei den Salzburger Festspielen wird dieser Dualismus genutzt: Plakativ gesprochen sind die Reize der Buhlschaft jährlich ein Garant für ein ausverkauftes Haus. Eine Geschichte der Reduktion von Frauen zu Objekten der Begierde, so will es das Stück – oder besser das, was daraus gemacht wird. Die Zurschaustellung des weiblichen Körpers kann dabei – je nach Regieentscheidung – sowohl zum Pri­vileg (SENTA BERGER) als auch zur Bürde (STEFANIE REINSPERGER, VERENA ALTENBERGER) für die Schauspielerinnen werden. Eine Reduktion auf das Körperliche bleibt sie dabei jedoch allemal.

    Die Art und Weise, wie über die Buhlschaft berichtet wird, spiegelt sich auch im Blick der Zuschauer*innen, die wieder meist mit dem männlichen Blick auf die Buhlschaft schauen (wollen). Die Wahl des Kostüms spielt dabei eine große Rolle. Damit sich Schauspielerinnen neben der Objektifizierung ihrer Person nicht auch noch mit einer ungünstigen Wahl des Kostüms zufriedengeben müssen, darf die Buhlschaft manchmal einen Wunsch äußern. Trotzdem behalten die Werkstätten der Salzburger Festspiele ihre wesentliche Position beim Realisierungsvorgang. Dort wird gekämpft und entschieden, wie das Kostüm das Licht der Bühne er­blickt. So ist das Kostüm der Buhlschaft in jedem Jahr aufs Neue auch eine beson­ders geschätzte heilige Aufgabe der Werkstättenmitarbeiter*innen.

    Bühnenkostüm und zeitmodische Trends

    Im Historismus kam zum ersten Mal in der Theatergeschichte die Forderung nach historischer Echtheit des Kostüms auf. Dabei konnten die Kostüme anfänglich gar nicht authentisch genug sein, was sich auch im Jedermann spiegelt. Hier wurde das Kostüm in der Vergangenheit mit derart vielen historischen Details aufgeladen, dass es so wirkte, als wollte man sie als Achtungszeichen permanent aufleuchten lassen.

    Gleichzeitig ist das Bühnenkostüm grundsätzlich in das Geschehen im Theater ein­gebunden und muss sich technisch wie optisch den Aktionen der Schauspieler*innen anpassen. Es wird nach den Anforderungen entworfen und produziert, die die Inszenierung an dieses stellt, wenn die Schauspieler*innen z.B. die Bühnenstufen hochlaufen oder mit dem Fahrrad bzw. auf dem Heuwagen fahren müssen. Diese zu erfüllenden Ansprüche müssen bei der Interpretation der Kostüme betrachtet werden, statt sich fälschlich als selbständige modische Erscheinungen zu bewer­ten. Betrachtet man die Kostüme als Abbild von künstlerischen Alleingängen der Kostümbildner*innen, kommt es häufig zu verkürzten und verfälschten Rückschlüs­sen oder Interpretationen. Ein künstlerischer Alleingang der Kostümbildner*innen ist nur in Ausnahmefällen möglich – nämlich dort, wo explizit Modedesigner*innen am Werk sind, wie etwa im Ballett des Neujahrskonzerts mit seinen Ausstatter*innen (Vivienne Westwood, Christian Lacroix, Arthur Arbesser etc.).

    Seit den 1980er Jahren können Ausstatter*innen und Publikum bei aktuellen Pro­duktionen mit Zeitmode rechnen – allerdings nicht im Jedermann. Hier wird die Tradition weiterhin beibehalten, dass die Kostümbildner*innen die Figurinen oft­mals mit eindeutigen Merkmalen ausstatten, die zeitmodisch nicht vorkommen (z.B. Wahl des Stoffmusters, Stoffqualität, Frisur, Schuhe, Körperform).

    Beim Jedermann werden die Berührungspunkte zwischen Mode und Kostüm ge­leugnet, während man bei anderen Produktionen durchaus beobachten kann, wie sich die zeitmodische Silhouette prägend auf das Bühnenkostüm, die Frisur und die Accessoires auswirkt. Oftmals erkennt man diese zeitmodische Silhouette und ihre Codes erst in der späteren Betrachtung. So ist beispielsweise das Schnürmie­der für die Frau mit einem Zeitabschnitt – der Renaissance – verbunden, in der der Frauenkörper jahrhundertelang nur im eng geschnürten Körper und im großen Rockvolumen denkbar war. Dies erweist sich allerdings im Kostüm der Buhlschaft bis zur Inszenierung von 2013 als unverzichtbar.

    Obwohl die Garçonnemode der 1920er Jahre mit in Mieder geschnürten Frauen­körpern nichts mehr anzufangen wusste, fiel die Wahl des Kleides der Buhlschaft der Zeit dennoch historisierend aus. Genauso in den 1960er Jahren, einem taillenlo­sen Jahrzehnt, das durch „Mini-Mode“ und verhungerte Models geprägt war. Die Vorliebe geometrischer Muster zur Überzeichnung der weiblichen Formen fand sich allerdings auch hier nicht im Kostüm der Buhlschaft, das stattdessen in der historischen Miedersilhouette verhaftet blieb.

    Dem entgegen kamen die 1950er Jahre, die von Diors „New Look“ geprägt waren. In dieser Zeit schwelgen auch die Kostüme im Film- und Bühnenkostüm in eng geschnürten Taillen. Auch wenn Dior keine Wiederkehr des Korsetts gebracht hat, sondern eine sehr schlanke technisch gefertigte Silhouettierung der Taille, die noch durch verbreiterte Schultern und den Sprung zur breiten Hüfte betont ist.

    Die Unsicherheit, die im Modesystem seit den 1990er Jahren kenntlich ist und mit dem Motto „everything is possible“ bzw. einer generellen Freiheit von allen Nor­men begann, kennzeichnet seit dieser Zeit die Mode und auch das Bühnenkostüm. Seither findet sich eine verwirrende Vielfalt und Techniken, wie Zitieren, Mischen, Körperverformungen und Hässlichkeit, Destruktion und Missachtung der anato­mischen Gegebenheiten. Selbiges findet sich auch auf der Bühne wieder.

    1920

    Die schwarz-weiß Fotografien von JOHANNA TERWIN im Buhlschafts-Kostüm von 1920 sind Posen­fotos, die außerhalb der Vorstellung aufgenom­men wurden und die die Schauspielerin in einem bodenlangen, schulterfreien und langärmeligen Kostüm zeigen. Der Oberkörper ist mit einem kur­zen Mieder bekleidet, an den der Rock, der sich durch großes Stoffvolumen auszeichnet, und eine voluminöse Schleppe ohne Krinolinen-Verstär­kung anschließt. Das Muster ist auffällig als großes florales Ornament über das Kleid verteilt, als Ma­terial verwendete man dunkelroten Samt. Diese Art des Stoffes erinnert an italienische Samte der Renaissance (Ghirlandaio). Im Kontrast dazu setzt das Dekolleté (das das tiefste der Buhlschaft über­haupt war) knapp oberhalb der Brust an und lässt die Schultern bis zum Oberarm frei.

    Eingefasst ist das gesamte Dekolleté durch ei­nen halbovalen weißen Brusteinsatz. Ebenfalls in weißer Farbe quillt der weiße Hemdstoff an den Oberärmelschlitzen wulstartig heraus. Die Gestaltung des Ärmels über den Wuls­ten ist mit einem schräg verlaufenden Perlenornament auf Bändern verziert und verstärkt den Eindruck des von der Schulter gerutschten Ärmels und damit des Entblößt-Seins der ersten Salzburger Buhlschaft.

    Sie trägt schweren Schmuck in Form einer grobgegliederten Kette mit einem Medail­lon um den Hals. Zudem ist ein charakteristischer Ring mit einem großen Schmuck­stein an ihrer linken Hand zu sehen. Außerdem trägt sie ihre Haare auf manchen Fotografien in einem perlengeschmückten Haarnetz, auf anderen Abbildungen sind sie zu zwei seitlichen mit Blüten geschmückten Knoten zusammengefasst.

    In der Gesamtsilhouette erinnert das Kleid an Vorlagen der Frührenaissance. Im Theatermuseum Wien ist der Kostümentwurf von Alfred Roller für die Berliner Erstaufführung von 1916 zu sehen. Hier ist erkennbar, wie sehr sich Roller in sei­nem Entwurf an einem Gemälde von Domenico Ghirlandaio orientiert hat. Der Entwurf entspricht in der Wahl des Gewandes und der Gestaltung des Ausschnitts einer der Frauen aus der Geburt Mariens in der Capella Tournabouni. Es handelt sich dabei um modische Darstellungen von Frauen der Florentiner Patrizierschicht.

    Auch das Blütenornament des Stoffes ist mit seinen schwungvollen Kurven, die gradlinig und großflächig gestaltet sind, noch dem Jugendstil verhaftet. Kräfti­ge Ornamente im neuen Stil ziehen den Blick an und bilden auf diese Weise den Schwerpunkt der Entwürfe. Es zeigt sich der Kampf gegen das Korsett.

    Die Kostüme von Buhlschaft und Jedermann sind zwar unterschiedlich gestaltet, aber trotzdem beide feudal modisch. In den Kostümen von Alfred Roller sind Klas­se, Stand und Geschlecht die Parameter für Buhlschaft und Jedermann.

    1974

    Auch das Kostüm der Buhlschaft von 1974 bleibt der Idee historischer Echtheit verhaftet.

    Senta Berger trägt ein tief dekolletiertes rubinro­tes Kleid im Stil der deutschen Renaissance.

    Charakteristisch ist die dreidimensionale Ge­staltung der Oberfläche des Mieders und der an­schließenden Schmuckärmel. Der Ärmel ist durch zahlreiche, aufwendig gestaltete Schlitze unterbro­chen. Diese zeigen Öffnungen, aus denen ein fei­ner goldener Stoff hervorquillt. Die Schlitze sind mit goldenen Perlen und Pailletten verziert. Die Ärmel nehmen Anlehnung an malerische Vorbil­der wie Adelsporträts von Lucas Cranach oder Hans Holbein. Der Rock besteht aus einer breiteren Samtpartie und ab Knielänge aus drei eingesetzten roten Seidenstreifen mit unterschiedlicher Breite. Der Hals ist mit einem Kropfband verziert. Dazu trägt Senta Berger Ohrringe in Tropfenform, die an Schmucksteinen befestigt sind. Ihre tizianroten Haare sind offen, nur eine Spange hält das Haupthaar am Hinterkopf zusammen. Von dort fällt das Haar fast in Taillenlän­ge in voluminösen Wellen. In der Wahl der wilden gelösten Frisur spiegelt sich der Zeitgeist der 1970er Jahre wider. Es ist die Zeit der Flower-Power-Bewegung, in der Yves Saint Laurent den Einteiler für die Frau in seinen Kollektionen aufnimmt. Und trotzdem: Buhlschaft und Jedermann prunken in der feudalen Kleiderordnung der Renaissance. Der Jedermann Curd Jürgens trägt ein geschlitztes Samtwams. Dieses Kleidungsstück symbolisiert aristokratische Männermode der Renaissance und findet sich in Porträts wie denen von Hans Holbein wieder. Diese Mode der Herrschenden trennte die Menschen nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrem Stand.

    1999-2001

    Das bodenlange, renaissanceartige Kostümkleid der Buhlschaft DÖRTE LYSSEWSKI ist aus rot-golden changierendem Seidenstoff hergestellt. Das Oberteil zeigt eine gerade Ausschnittkante, die Schultern sind bedeckt und münden in diaphanen Schmuckärmeln aus Ananasfaserstoff, der mit einem goldenen Granatapfelmuster bedruckt ist und den Handrücken bedecken. Das Rot des Kleides ist vornehm und nimmt sich zurück.

    Die Schuhe sind rot-gold und weisen einen Ba­rockabsatz auf. Die Haare sind in Renaissance­manier fächerartig am Vorderkopf geteilt und toupiert – hierfür finden sich zahlreiche Beispiele bei Tizians Frauenporträts. Dörte Lyssewski trägt keinen Schmuck, das Kleid fällt glatt und ohne Unterrock. In zahlreichen Szenen stemmt der Je­dermann die Buhlschaft in die Höhe, wodurch Bein und Schuhe sichtbar werden.

    Ulrich Turkur tritt als Jedermann im kurzen ro­ten Seidenwams auf. Die Ärmel weisen Reste von Scheinärmeln auf. Dazu trägt er keine Weste, sondern ein weißes Bauernhemd und knöchel­lange Hosen. Beides durchbricht die historische Echtheit des Renaissancekostüms, da sich die lange Hose für den Mann erst mit der französischen Revolution durchsetzt und die Boots zeitgenössisch sind.

    2002-04

    Das Kleid von VERONICA FERRES ist erstmals gänz­lich zartrosa gehalten und durchbricht damit die Palette der Buhlschaftsrottöne. Es passt farblich perfekt zum Hautton und den Haaren der Schau­spielerin. Das Kleid besteht aus einer Kombinati­on von Mieder und voluminösen Doppelrock mit seitlich aufgebauschten Polstern. Das Mieder ist aus Baumwollsatin gearbeitet und sitzt figurbe­tont durch die Schnürung am Rücken. Das Mie­der wird technisch wie eine zweite Haut an den Oberkörper angepasst und mit Miederstäbchen verstärkt. Der bodenlange Rock aus Seidentaft ist zweifach geschlitzt und läuft rückwärts in eine große Schleppe aus. Oberteil und Rock sind mit applizierten Blütenranken aus Silberspitze ver­ziert. Die Oberarme sind im Lingerie Look knapp mit einer breiten Silberspitze bedeckt.

    Ferres tritt schmucklos auf. Ihr Schmuck sind ihre langen blonden Haare, die in wallenden Locken lose improvisiert am Kopf gesteckt sind. Ihre lebendige Locken­mähne fällt über Dekolleté und Rücken. Im Spiel zeigen sich die Ausdrucksmög­lichkeiten dieses Boudoir-Looks. Die Doppelrockgestaltung und zwei eingearbei­tete Schlitze ermöglichten es der Schauspielerin, ihre nackten Beine zu zeigen. Der Unterrock, der dann hervorblickt, besteht aus knöchellangen silbernen Schnüren. Durch ihren Glanz umspielen sie das Zeigen von Haut und Bein effektvoll und er­innern an die Charleston Kleider der 1920er Jahre – eine Idee ohne historische Vor­lage. Beim seitlichen Raffen des Rockes im Spiel blitzen diese Schnüre hervor und bilden einen Blickfang. Besonders reizvoll ist eine Pose, die an Marylin Monroes ikonisches Rockraffen erinnert sowie die effektvolle Bedeckung des Schambereichs durch nur eine sehr schmale Rockbahn. Ohne Komplexe zeigt sich der weibliche Körper in seiner Sinnlichkeit anstatt schamhaft verhüllt. Diese Elemente stilisieren Veronica Ferres‘ Darstellung der Buhlschaft als Kokotte, die ihre ideale Weiblich­keit und weibliche Rundungen in der begehrten Uhrglasform zeigt.

    2007

    Eine weitere Variante des rosa Buhlschaftskos­tüms trägt MARIE BÄUMER 2007 an der Seite von Peter Simonischek. Das Kostüm besteht aus zahl­reichen körperbedeckenden fließenden Stoffbah­nen in einer völlig neuen Silhouette. Hier wird erstmals auf das Mieder verzichtet. Die Empi­rebüste ist doppelt gearbeitet, der große V-Aus­schnitt zeigt im Spiel effektvoll den Ansatz der Brüste. Unter der Brust ist die Büste mit einer Schleife und einem bodenlangen Band verziert.

    Das duftige Kostüm in blassrosa erinnert an die Silhouette der Empiremode um 1800. Der Mus­seline fällt weich über den Körper, und ähnlich wie im Doppelrockkostüm von Veronica Ferres aus den Jahren davor lässt sich der Rock an den Seiten zweiteilen. Bäumer zeigt im Spiel umso häufiger ihre nackten Beine. Im Kontrast dazu sind die Ärmel handflächenbedeckt in typischer Renaissancemanier gearbeitet. Die Ärmel mit ei­nem gesmokten Einsatz sind eine Reminiszenz an die Schmuckärmel der Renais­sance. Marie Bäumer trägt ihre schulterlangen Haare offen und keinen Schmuck.

    Mit diesem Kostüm sind die historischen Fesseln der vergangenen Buhlschaftklei­der abgeworfen, das Korsett ist zugunsten einer bewegungsfreudigen und farblich zarten Empiresilhouette gesprengt. Dadurch ist eine neue Freiheit erobert, die un­gezwungen, sehr beweglich und spielfreundlich ist.

    2009

    Mit dem blauen Kleid von SOPHIE VON KESSEL leisten sich die Salzburger Festspiele nach 89 Jahren einen ersten farblichen Traditionsbruch, denn das Miederkleid ist aus einem stark leuchtenden kobaltblauen Seidentaft gearbeitet. Das Corps-Pique-Mieder ist vierfach geschlitzt (vor­ne hinten und an den Seiten schräg zulaufend) und hat Träger. Unter dem voluminösen und geschlitzten Rock blitzen dünne Organzabahnen hervor und bilden ein verstärkendes Element des Darunter. Das Mieder endet vorne in einer spitzen Miederschneppe, die – wie in der spani­schen Mode des Barock – bis knapp oberhalb der Scham die Miederspitze verlängert. Der Rock ist doppelt und voluminös gearbeitet.

    Unter dem Rock befinden sich seitlich jeweils „Demi-paniers“ (Hüftpolster), die die Silhouette ab der Taille im modischen Stil des Rokoko ver­breitern. Der Doppelrock läuft von der vorde­ren Mitte hüftbreit nach hinten und endet am Rücken in einer Rose. Bis auf blaue Ohrringe und den Blütenkranz ist Sophie von Kessel schmucklos. Ihre Haare sind streng zurückgenommen und im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst.

    Mieder und Paniers formen die weiblichen Rundungen künstlich, sie überzeichnen Brüste und Hüfte. Hier werden die Formen und Normen vollkommener Weiblich­keit nicht naturalisiert, sondern künstlich ausgestellt.

    Im historischen Recycling ist hier ein Kleid entworfen worden, das aus den Zi­taten der aristokratischen Mode anderer Epochen schöpft. Die Buhlschaft stellt ihre erotischen Reize in den Vordergrund. Krinolinenkleider mit aufwendigen Unterkonstruktionen sind per se raumgreifend. Hüfte, Po und Dekolleté sind in diesem Entwurf ausgestellt. Das Blau schafft Distanz, gilt als die Himmels-oder Marienfarbe, wurde bis vor 100 Jahren hauptsächlich für kleine Mädchen verwendet und ist die Farbe des Mantels der heiligen Jungfrau. Rot dagegen war bis vor 100 Jahren die Farbe, die mit Blut und über die Verwandtschaft mit Purpur auch mit Macht und Herrschaft verknüpft war – also die Modefarbe der Herren.

    Der Jedermann ist wie ein Bauer der Renaissance gekleidet. In Kniebundhosen mit losem Hemd und Weste in ungefärbtem Braunton tritt er mit den charakteristi­schen Kleidungsstücken des dritten Standes auf.

    2010-12

    Das sienarote Bustierkleid ist für BIRGIT MINICHMAYR passend zu ihrer Haarfarbe aus einem kräf­tig schimmernden Seidenduchesse gearbeitet. Es besteht aus einem sehr schmal gearbeiteten Mie­der, das die Brustwölbung aufnimmt und diese puschend freigibt. Das Mieder läuft in einer tiefen Schleppe aus, an der ein voluminöser Rock aus mehreren Bahnen ansetzt. Ihre Haare sind locker zu einer Steckfrisur am Kopf drapiert, einzelne Fransen lösen sich aus der Frisur. Am Oberkopf sitzt eine große sternförmige Strassbrosche paral­lel zur Mousselinschleife, die die Miederkante ver­ziert. Die Tanzpumps sind mit Stoffrosen besetzt. Mit diesem strengen Miederkleid ist man wieder um historische Echtheit bemüht. Die Wirkung der Buhlschaft ist spielfreudig und durch die Wahl des tizianroten Seidenstoffes umwerfend elegant.

    2013-15

    2013 und 2014 verlassen die Festspiele mit den Kostümentwürfen von Olivera Gajic die jahr­hundertewährende Tradition der historisie­renden großen Roben der Buhlschaft und der feudalen Kleidung des Jedermann. Modernität kommt auf. Zum eigentlichen Fest erscheint die Buhlschaft in einem hautfarbenen Miederkleid, das mit glitzernden Swarovskisteinen bestickt ist und in einem voluminösen roten Rock aus­läuft. Man sieht die Schauspielerin von weitem mit zwei roten Punkten aus Kristallen auf den Brustspitzen – als wäre sie nackt. Die Kante des Ausschnitts ist mit einem schmalen hautfarbi­gen Streifen besetzt, um den Übergang von Stoff zu Haut möglichst unauffällig zu gestalten. Das Kleid ist bodenlang mit einer Schleppe aus weich fließenden Seidenmousseline, der Umfang des Bahnenrockes beträgt 32 m – darunter trägt sie schwarze Strümp­fe. Der Rock ist im schrägen Fadenlauf mit einem voluminösen Saum auslaufend gestaltet. Diesen Rock wirbelt BRIGITTE HOBMEIER so effektvoll um sich und erzeugt Strudelsilhouetten, die an den Schlangentanz von Loie Fuller im Jahr 1896 erin­nern. Sie ist tatsächlich vom Korsett befreit, denn unter dem zarten Oberteil des Kleides ist sie nackt – kein Unterbau gibt Sicherheit. Sie habe sich unwohl gefühlt in diesem Kostüm, wird von der Leitung der Kostümwerkstätten berichtet.

    Um den Hals trägt sie zahlreiche goldene Gliederketten aus silbergrauen Perlen und grauen Kristallsteinen. Die eigene Haarfülle fällt in großen Locken bis zur Brust. Die Farbe des Rockes, ein warmes Sienarot, ist auf die Haarfarbe der Schau­spielerin abgestimmt. Sie trägt schwarze flache Tanzsandalen.

    In der korsettbefreiten Silhouette – einer Mischung aus 1920er Jahren und dem Ausdruckstanz – zeigt sich der weibliche Körper der Buhlschaft in den Jahren 2013 und 2014 auf der Bühne: Sportlich, beweglich, dynamisch und zeitgemäß. Da das Oberteil die Modefarbe trägt, wirkt sie fast nackt. Es gibt einen Unterschied zwi­schen dem bloßen natürlichen Nackten und dem gemachten Nackten, und dieser wird im Kostüm deutlich. Ab jetzt wird der Körper anders inszeniert. Die Scham wird zurückgelassen zugunsten einer fortschreitenden Entblößung oder raffinier­ten Kostümierung, was nun zu einer immer ostentativeren Erotisierung der Buhl­schaft führt.

    2015 tritt Brigitte Hobmeier mit dem bisher kürzesten Kleid der Buhlschaft vor den Dom, in Kombination mit schwarzen „Stay-ups“ und Strapsbändern fährt sie vortrefflich balancierend Rad oder treibt andere Kapriolen um den Jedermann, der von Cornelius Obonya gespielt wird. Ihr Körper ist in seiner Fleisch- und Leiblich­keit sichtbar. In schwarzen Seidenstrümpfen und hautfarbenen Strapsen tritt die Buhlschaft wie eine Kokotte der 1920er Jahre in das Spiel ein. Ihre Inszenierung ist voller Allüre – sie will anlocken, faszinieren, den Jedermann verführen und erzielt damit prompt negative Presse.

    Der Jedermann tritt in einem neutralen schwarzen Sakkoanzug auf – in diesem Kostüm ist er wie nie zuvor befreit von Mode und Zeit. Es gibt keine historisch-feudale Prachtentfaltung mehr, vielmehr spielt er von nun an für einige Jahre in der männlichen „Antimode“. Der schwarze Anzug der modernen Gesellschaft ist beim Jedermann angekommen, der für die große männliche Entsagung seit der französischen Revolution steht, weil mit ihm alles Farbige, Verspielte, „Weibliche“ in der Männermode abgelegt wurde. Dagegen prunken die Frauen fortan ostenta­tiv mit ihren Reizen. Hier zeigen sich ästhetische Trends der Neuen Sachlichkeit, deren Vertreter (Friedrich Nietzsche, Adolf Loos, Le Corbusier) die Frauenmode als anachronistisch unvernünftig, absurd hässlich, übertrieben und „oversexed“ kritisieren. Diese bürgerliche Männlichkeit kleidet sich unspektakulär. Der Anzug ist das Zeichen des Fortschritts, denn er neutralisiert den erotischen Körper des Mannes.

    2017-18

    2017 war die Prämisse, die an das Team des Je­dermann gerichtet wurde, ein anderes Salzburg in ihrer Produktion zu zeigen. In kurzer Probenzeit wurde ein entschlackter und zeitgenössischer Jedermann inszeniert. Menschen sollten erschaf­fen werden, die zeitgenössisch das Publikum an­sprechen. Das ist schlussendlich nicht gelungen.

    Wieder fällt die Wahl auf ein Miederkleid für die Buhlschaft, obwohl auch der Hosengedan­ke im Raum stand. Das Kleid im Couture Stil der 1950er Jahre besteht aus einem voluminö­sen Rock, dessen dreidimensionale Oberfläche aus gerafften Bändern von Rüschen besteht, die jeweils mit Perlen gesmokt werden und in Rei­hen übereinander gesteppt sind. Der Rock ist vorne knielang und läuft nach hinten boden­lang in einer Schleppe aus. Unter dem üppigen Rockvolumen trägt Stefanie Reinsperger einen Unterrock, der vorne sichtbar aus zahlreichen Chiffonlagen in zartrosa besteht. Das Trägermieder ist bustierförmig geschnitten, das Dekolleté wird von einer Doppelreihe von Rüschen verziert. Zum Kleid wird eine weiße Seidenchiffonbluse mit tiefem V-Ausschnitt getragen, das die Oberarme bedeckt. Die langen Haare trägt die Buhlschaft offen, das Oberhaar lose zusammengebunden.

    Stefanie Reinsperger wurde 2016 zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Im glei­chen Jahr entstand für Der Standard eine Modekampagne mit der Fotografin Maria Ziegelböck mit Kleidern von Vivienne Westwood Couture, Dior, Dries van No­ten und anderen. Die Schauspielerin wird in dieser Kampagne in romantischen Natursettings des 19. Jahrhunderts in heiter leichter Stimmung inszeniert. Ganz ähnlich fällt das Kostüm der Buhlschaft aus, allerdings entsteht aus dem üppigen weiblichen Körper und der zart-romantischen Kostümierung ein gewollter Kont­rast – es wirkt unbeschreiblich weiblich. Der Körper im Kostüm ist bedeckter als der der Buhlschaften vor ihr. Dadurch kann sie sich geschickt der Reduktion ihrer Person als Objekt der Begierde entziehen und agiert selbstständig, was wiederum in Salzburg einen Skandal auslöst. Bei der Schauspielerin steht Persönlichkeit und Spielfreude im Vordergrund, statt Selbstentfremdung durch den Objektcharakter der Rolle. Doch die Mehrheit des Publikums ist sich einig, dass ihre Figur nicht der Rolle der Buhlschaft entspricht. In zahlreichen Interviews und in einer Biografie mit dem Titel Ganz schön wütend hat Stefanie Reinsperger diese Zeit der heftigen Angriffe auf ihren Körper und das Thema des Bodyshaming offen diskutiert.

    Tobias Moretti als Jedermann trägt den elegant glänzenden schwarzen Abendanzug mit weißem Hemd. Ein Kleidungsstück der männlichen Entsagung, da dieses alle Körperformen neutralisiert. Er stellt im Anzug seinen Körper nicht zur Schau – im Gegenteil, er ist korrekt gekleidet. In der Festszene wechselt er das Sakko und trägt zum Dinner ein dunkelrotes Samtjackett mit schwarzer Hose.

    2018 wird diese Inszenierung mit Änderungen wiederholt. Die Änderungen be­treffen das Kostüm der Buhlschaft. Das rosa Couturekleid wird durch ein dun­kelrotes Skulpturenkleid ersetzt, das den Körper gänzlich negiert. Als weiteres Kostüm trägt Stefanie Reinsperger ein schwarzes knielanges Nachthemd, das die Ärmel bis zum Ellenbogen bedeckt, darüber einen schwarzen Morgenmantel aus Spitze. Sie trägt keine Schuhe.

    2019

    Die zweite Jedermann-Inszenierung des Regis­seurs Michael Sturminger zielt auf eine zeitge­nössische Lesart. Sturminger will die Menschen der Gegenwart mit der aktuellen Interpretation der Frage berühren, was passiert, wenn der Tod ins Leben tritt.

    Das Kostüm der Buhlschaft, das dem modischen Overall entspricht, ist ein elastischer, weißer, transparenter Tüll-Jumpsuit, der mit Maraboufedern und Glasperlen bestickt ist. Ganz im Di­ven-Stil der späten 1920er oder 1930er Jahre, die im Negligekleid die Medienwelt erobert haben, zeigt sich Valery Tscheplanowa in ihrem ersten Auftritt modisch und ohne Komplexe.

    Das Korsett darunter hat sie nun endgültig abge­worfen und den Betrachter*innen zeigt sich der weiblich sportlich schlanke Körper. Der Einteiler war ursprünglich ein Arbeitsanzug für Männer, bis ihn Yves Saint Laurent in den 1970er Jahren auch für Frauen adaptiert hat. Das Dekolleté dieses festlichen Einteilers reicht knapp bis zum Nabel, darunter ist die Schauspielerin nackt. Um die Taille gebunden ist ein silberfarbener Gürtel mit acht dezent blinkenden Kristallen. Beim ersten Auftritt singt die Schauspielerin in die­sem Kostüm für den Jedermann. Es betont die Rockstarqualität der Buhlschaft. In diesem Kostüm tritt der geschlechtlich weibliche Körper der Buhlschaft in den Vor­dergrund – sie selbst bildet primär den Schmuck, allerdings selbstbewusst durch die Hosenform. Im offenen Haar trägt sie Schmuck, der aus Kristallen besteht.

    Bei der Tischgesellschaft kommt das rote Buhlschaftskleid wieder zurück. Das Kleid verfügt über einen raffinierten Schnitt, der Rock lässt sich an Schlitzen öffnen und wieder wird Körper gezeigt. Der Seidenchiffon des Rockes besteht aus drei Schichten und ist eingefärbt im Buhlschaftsrot (kein Toskarot, kein Carmenrot). Die Tanzschuhe mit 10 bis 11 cm Absatz sind handgemacht und aus Samt.

    Tobias Moretti – im klassischen Smoking bekleidet – ist der moderne Bürger. Sie ist das Schmuckstück des Mannes – er stellt sie stellvertretend aus, indem er sich in der Kleidung zurücknimmt. Im Jahr 2020 wird VALERY TSCHEPLANOWA durch CAROLINE PETERS ersetzt. Die Overalls bleiben, statt des roten Kleides trägt Caroline Peters bei ihrem zweiten Auftritt einen roten paillentenbestickten Einteiler mit Chiffoncape.

    2021-22

    VERENA ALTENBERGER und Lars Eidinger sind das neue Paar für die Jahre 2021 und 2022. Schon im Vorfeld dringt viel über die Neuinszenierung in die Öffentlichkeit. Es soll eine Befreiung werden, neue Wege sollen ausgelotet werden, und gender­fluide Kostüme werden angekündigt. Verspro­chen werden kein typisches Kostüm und keine allegorischen Attribute. Die Rollen werden neu gedacht, und erstmals spielte mit MAVIE HÖRBIGER eine Frau den Tod.

    Die Buhlschaft 2021, VERENA ALTENBERGER, über­rascht mit einem kurzgeschorenen Bubikopf und ohne Schmuck. Mit der Kurzhaarfrisur, die als Igelfrisur in den Medien kritisiert und heftig an­gegriffen wird, unterbricht VERENA ALTENBERGER die Tradition der gewellten Mähne als Inbegriff der Feminität. Ein von der Regie und der Kostüm­bildnerin durchgestylter Rollentausch. Der rote Jumpsuit – nun zum vierten Mal als das Hosen-Kleid der Buhlschaft gewählt – wird mit einem kreisrunden bodenlangen buhl­schaftsroten Cape kombiniert, mit dem er in der Schlussszene effektvoll in den Tod geht.

    Bei ihrem zweiten Auftritt trägt die Buhlschaft ein rosafarbiges bodenlanges Trä­gerkleid aus einem glänzend beschichteten Jersey-Material, darunter ein einfaches rotes T-Shirt. Der Kontrast beider Rottöne ist gewollt unharmonisch. Der Look erinnert an Kleider des belgischen Avantgardedesigners Martin Margiela in den 1990er Jahren. Charakteristisch ist die bewusste Kombination von Unpassendem und Unharmonisches zu einem Lingerie-Look.

    Das überraschend Neue betrifft besonders die Bekleidung des Jedermann – hier wird im Kostüm Männlichkeit neu ausgelotet. Nun ist er es, der, nur mit einer roten Frotteeunterhose bekleidet, mehr Haut zeigt als sie. Die erotische Besetzung wird daher in dieser Inszenierung auf sein Geschlecht fokussiert. In einer Szene trägt der Jedermann die Buhlschaft auf seinen Schultern. Sie lüftet den Rock – er ist ab dem Bauchnabel abwärts nackt, bis auf die rote Unterhose. So erscheint bildlich ihr Unterkörper als seiner – beide verschmelzen zu einer Person. Im Spiel über­nimmt sie seinen Text und trägt die langen Hosen – sie ist es nun, die die Bezie­hung führt und auslotet, wie weit man mit einem Partner geht. Der Einteiler der Buhlschaft bleibt dennoch ein fauler Kompromiss, da trotz der Emanzipation der Rollen auf die Eindeutigkeit einer Hose verzichtet wird.

    Mit Lars Eidingers Kostüm tritt ein völlig neuer, zeitgemäßer, weil genderfluid kostümierter Jedermann auf. Der klassische Herrenanzug ist aufgegeben, was neue Räume der Interpretation auftut. In der Festszene trägt Lars Eidinger eine goldgelbe Hüfthose, dazu eine kurze gelbe Lederjacke im Jeansstil. Dazu hat er Absatzschuhe an, wie im Ancien Regime zur Zeit von Ludwig XIV. Er ist hier ab­seits des männlichen Mainstreams wie ein Dandy gekleidet – ähnliches findet sich in den Kollektionen von Gucci, Dior oder Louis Vuitton.

    Crossdressing ist aber nicht nur auf der Bühne zu sehen. Beide Schauspieler*innen treten bei der Premierenfeier genderfluid elegant auf: Er im kleinen Schwarzen und sie im glänzenden Satinanzug. In dieser künstlerischen Posture des „Selffashi­oning“ entsprechen beide der produktionsästhetischen Dimension des Jedermann in Salzburg.

    Im Moment passiert in der Männermode mehr als in der Frauenmode, denn übersetzt wird immer häufiger das Weibliche (Dandyeske, Transvestitische) ins Männliche. Dem männlichen Code wird das Weibliche eingeschrieben bzw.: „gen­derfluidity is it“. Ob es tiefe Dekolletés, lackierte Fingernägel, schöne Beine oder hautenge Anzüge sind – immer mehr erobern sich Männer die modischen Codie­rungen und erotisch besetzten Zonen aus der neuzeitlichen Frauenmode. Ikonen des coolen Stylings sind der Sänger Harry Styles oder der Schauspieler Timothee Chalamet, wie jüngst beim Filmfest in Venedig – dort trat er gänzlich in Rot und mit Rückendekolleté auf.


    Die Darsteller des Jedermann bei den Salzburger Festspielen 1920-2025

    1920-1921 Alexander Moissi

    1926-1931 Alexander Moissi

    1932-1934 Paul Hartmann

    1935-1937 Attila Hörbiger

    1946 Ewald Balser

    1947-1951 Attila Hörbiger

    1952-1959 Will Quadflieg

    1960-1968 Walther Reyer

    1969-1972 Ernst Schröder

    1973-1977 Curd Jürgens

    1978-1982 Maximilian Schell

    1983-1989 Klaus Maria Brandauer

    1990-1994 Helmuth Lohner

    1995-1998 Gert Voss

    1999-2001 Ulrich Tukur

    2002-2009 Peter Simonischek

    2010-2012 Nicholas Ofczarek

    2013-2016 Cornelius Obonya

    2017-2020 Tobias Moretti

    2021-2022 Lars Eidinger

    2023 Michael Maertens

    2024-2025 Philipp Hochmair


    Die Darstellerinnen der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen 1920-2025

    1920-1921 Johanna Terwin

    1926-1937 Dagny Servaes

    1946 Grete Zimmer

    1947 Elfe Gerhart

    1948-1949 Maria Becker

    1950-1951 Judith Holzmeister

    1952 Lola Müthel

    1953-1955 Heidemarie Hatheyer

    1956-1959 Martha Wallner

    1960 Sigrid Marquardt

    1961-1962 Ellen Schwiers

    1963 Maria Emo

    1964 Anna Smolik

    1965-1966 Eva Kerbler

    1967-1968 Nadja Tiller

    1969-1972 Christiane Hörbiger (1974 eingesprungen)

    1973 Nicole Heesters

    1974-1978 Senta Berger

    1979 Christine Buchegger

    1980-1982 Senta Berger

    1983-1986 Marthe Keller

    1987-1989 Elisabeth Trissenaar

    1990-1993 Sunnyi Melles

    1994-1997 Maddalena Crippa

    1998 Sophie Rois

    1999-2001 Dörte Lyssewski

    2002-2004 Veronica Ferres

    2005-2006 Nina Hoss

    2007 Marie Bäumer

    2008-2009 Sophie von Kessel

    2010-2012 Birgit Minichmayr

    2013-2015 Brigitte Hobmeier

    2016 Miriam Fussenegger

    2017-2018 Stefanie Reinsperger

    2019 Valery Tscheplanowa

    2020 Caroline Peters

    2021-2022 VERENA ALTENBERGER

    2023 Valerie Pachner

    2024-2025 Deleila Piasko


    © Elsa Okazaki

    SILKE BIRTE GEPPERT

    Studium der Mode- und Kunstgeschichte in Wien. Universitätsdozentin, Autorin sowie Kuratorin für Mode und Textil. 2000-04 Direktorin des Museum Schloss Ahrensburg. 2014-18 Mitglied im Salzburger Landeskulturbeirat. 2015-20 Mitglied im Leitungsteam des Kooperationsschwerpunkts für Wissenschaft und Kunst an der Universität Mozarteum Salzburg für den Programmbereich „Kunstpolemik-Polemikkunst“. Mitglied des Forschungsprojekts Austrian Center for Fashion Research sowie kooperierendes Mitglied der Michelangelo Foundation.

  • Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    Jedermannsfrauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts

    UTA DEGNER: Den Bechdel-Test würde Hugo von Hofmannsthals Jedermann nicht bestehen. Der Test wurde 1983 von der Comic-Zeichnerin Alison Bechdel er­dacht, um die stereotype Darstellung von Frauen in Spielfilmen herauszustellen und besteht aus drei simplen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Die­se Frage lässt sich mit „ja“ beantworten: Mutter und Buhlschaft. Zweite Frage: Sprechen sie miteinander? Die Antwort lautet „nein“. Dritte Frage: Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Auch „nein“. Bereits in ihrer Per­sonenbezeichnung erweisen sich Mutter und Buhlschaft allein auf den Jeder­mann hin bestimmt, dies schlägt sich auch in ihren Wortbeiträgen nieder: Die einzige Herzensangelegenheit der Mutter richtet sich auf ihren Sohn. Ihre Sorge besteht darin, ob die „Seel“ ihres Sohnes „[z]u Gott gekehrt ist, ihrem Herrn“1. Ihr Wunsch, der Sohn möge heiraten, hängt damit unmittelbar zusammen, ver­möchte die Eheschließung es doch, seinem sinnenfreudigen Lebenswandel ein hehreres Vorzeichen zu geben:

    […]

    was also dich ergezt,

    Verwandelt wird und kehret sich um

    Aus Wollust in ein Heiligtum!2

    Die Buhlschaft wiederum ist besorgt um die aktuelle Bangigkeit ihres Partners und versichert ihm ihre ewige Verbundenheit:

    Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,

    Dein bin ich heut und ewiglich.3

    Es ist müßig, dem Stück die fehlende Auf­merksamkeit auf die Frau zum Vorwurf zu machen. Es spiegelt die patriarchale Kultur, in der es entstanden ist und die es zur Dar­stellung bringt. In der Tat ist es aufgrund der Fiktionalität literarischer Texte grundsätzlich nicht leicht, zu entscheiden, welche Darstel­lungsintentionen sie mit ihren Frauenrollen verfolgen: Geht es darum, die Diskriminie­rung von Frauen zu affirmieren und zu naturalisieren? Oder wird diese durch die Darstellung per se nicht vielmehr expo­niert und damit kritikfähig gemacht?

    Es ist auffällig, dass Hofmannsthal und seine Zeit in ihren Texten eine Vielzahl von Frauenrollen entwerfen, die sich nicht auf ein Bild reduzieren lassen.4 Schon frühere Epochen haben die sozialen Ge­waltverhältnisse, denen Frauen ausge­setzt sind, auf die Bühne gebracht – sehr konzentriert etwa im bürgerlichen Trau­erspiel. Wir möchten uns auf die Darstel­lung von Frauen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts konzen­trieren und anhand konkreter Beispiele ausloten, wie der Konnex von Geschlecht und Gewalt gestaltet wird. Gewalt ist da­bei nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch das, was bei Pierre Bourdieu sym­bolische Gewalt heißt: Das Ensemble „un­sichtbarer“ gesellschaftlicher Strukturen, das zu Ungleichheit zwischen den Ge­schlechtern führt, die sich ganz eminent auch in ökonomischer Hinsicht äußert: in der ungleichen Verteilung von Vermögen bei Frauen und Männern, wobei hier na­türlich auch intersektionale Aspekte wie Klasse oder Ethnie zu berücksichtigen sind.

    MANFRED MITTERMAYER: Einer der Autoren, die wir unstrittig einer österreichischen Tradition zurechnen können, nicht zu­letzt, weil er auch in den Grenzen des heutigen Österreich geboren wurde, ist Arthur Schnitzler. Im Kontext seines Werks stößt man, wenn man sich mit dem Thema unseres Gesprächs beschäftigt, rasch auf seine Erzählung Fräulein Else. Es ist ein Text, dem ich selbst eigentlich zunächst über eine Verfilmung begegnet bin, noch zu meiner Gymnasialzeit, eine Filmfassung, die mich damals sehr be­eindruckt hat, obwohl sicherlich nicht alle literarischen Qualitäten, die ich später bei der Lektüre des Textes wahrgenommen habe, darin wiedergegeben waren. Aber sie fällt mir gerade im Zusammenhang unseres Gesprächs ein, weil sie je­nen Schauspieler als Darsteller der männlichen Hauptrolle hatte, den man histo­risch wohl als einen der bedeutendsten Darsteller des Jedermann ansehen kann: Curd Jürgens.

    Es geht in dem Text darum, dass eine junge Frau von ihrer Familie unter Druck gesetzt wird, von einem reichen Herrn namens Dorsday viel Geld zu erbitten, weil der Vater dieser Familie Mündelgelder ver­untreut hat und deshalb schwer verschuldet ist. Schnitzler hat diese Handlung aus der Sicht seiner Heldin erzählt, in einer der be­rühmtesten Inneren Monologe der neueren deutschsprachigen Literatur – einer Dar­stellungstechnik, die er früher bereits in sei­ner Erzählung Leutnant Gustl eingesetzt hat. In diesem Monolog des Fräulein Else sind alle Themen, über die wir sprechen wollen, eingewoben: strukturelle Inhalte bezüglich der Organisation des menschlichen Zusam­menlebens, soziologische Aspekte, ökono­mische Fragen, aber auch genderspezifische Probleme. Die unterschiedlichen Diskurse, in denen sich dies ausdrückt, verschrän­ken sich auf komplexe Weise in Schnitzlers Text, werden im Bewusstsein des Fräulein Else zusammengeführt. Sie muss darüber nachdenken, wie sie sich buchstäblich verkauft, denn sie bekommt die Geldsumme von Herrn von Dorsday – allerdings nur, wenn sie sich ihm nackt zeigt.

    Man muss dabei den damaligen gesellschaftlichen Rahmen mitdenken, in dem sich das Ganze vollzieht. Else ist eingesperrt zwischen den Ansprüchen ihrer Familie, ihres Vaters und ihrer Mutter, und ihrer eigenen Position innerhalb der Gesellschaft. Die Frage, ob sie sich angesichts dessen nun verkaufen soll, ob sie sich in einer gewissen Weise prostituieren soll, ist in abgewandelter Weise in vielen der Texte, die man im Zusammenhang mit unserem Thema zitieren könn­te, präsent: Immer wieder werden Töchter dazu erpresst, ihren Körper für die Zwecke anderer zur Verfügung zu stellen und sich damit in ihrer Integrität aufs äußerste zu schädigen:

    Paul, wenn du mir die dreißigtausend verschaffst, kannst du von mir haben, was du willst. Das ist ja schon wieder aus einem Roman. Die edle Tochter verkauft sich für den geliebten Vater, und hat am End noch ein Vergnügen davon. Pfui Teufel! Nein, Paul, auch für dreißigtausend kannst du von mir nichts haben. Niemand. Aber für eine Million? – Für ein Palais? Für eine Perlenschnur? Wenn ich einmal heirate, werde ich es wahrscheinlich billiger tun. Ist es denn gar so schlimm? Die Fanny hat sich am Ende auch verkauft. Sie hat mir selber gesagt, daß sie sich vor ih­rem Manne graust. Nun, wie wär’s, Papa, wenn ich mich heute abend versteigerte? Um dich vor dem Zuchthaus zu retten.5

    Eine Tochter sieht sich hier dem Zwang gegenübergestellt, sich für den Vater (und damit für die von ihm verkörperte gesellschaftlich-ökonomische Welt) auf den Markt zu werfen, sich buchstäblich zu versteigern. Man sieht deutlich, wie ökonomische Notwendigkeiten, familiäre Erwartungen und ihre Integrität als Frau miteinander in Konflikt geraten, sodass sie sich aus diesem widersprüchli­chen Mehrfach-Anspruch nicht mehr befreien kann – in Schnitzlers Text nimmt sie sich am Ende das Leben.

    Wenn wir noch kurz bei Schnitzler bleiben, so sollte man in Bezug auf sein Werk unbedingt auch noch einen Roman erwähnen, zu dem übrigens keine Geringere als die Autorin und Germanistin Ruth Klüger ein überaus hellsichtiges Nach­wort geschrieben hat: Therese, ein Buch, das vielleicht weniger bekannt ist als die beiden berühmten Erzählungen, die ich genannt habe, in dem der Autor aber mit geradezu neusachlichen Mitteln die Chronik eines Frauenlebens schildert, in der ebenfalls unser Themenkomplex illustriert wird: die Zwänge des Kapitals in­nerhalb der durch ihre Geschlechterrolle bestimmten Situation der Frau, die sich von einer Beziehung zur nächsten bewegt, um sich ökonomisch zu retten, wobei das auch hier letztlich mit letalem Ausgang durchgespielt wird.

    UTA DEGNER: Wir erleben hier, wie Frauen für ökonomische Interessen instrumen­talisiert werden. Wie schätzt du diese Texte in Hinblick auf die oben gestellte Frage nach Affirmation oder Kritik ein?

    MANFRED MITTERMAYER: Bei Schnitzler ist im Text keine externe Erzählstimme ent­halten, die das ganze Geschehen von außen kommentieren würde. Wir erleben die Handlung im Rahmen eines Bewusstseinsstroms, in dem sehr eindringlich und deutlich die maßgeblichen Diskurse, die in ihren Folgen gezeigt werden, ineinander gewoben sind, sodass man erkennen kann, was hier wirkt. Natürlich liefert der Ausgang ein unmissverständliches Signal, indem nämlich ein Mensch zugrunde gerichtet wird, gewissermaßen im Auftrag dieser nicht lösbaren Kon­flikte, die in der Handlung des Textes ablaufen.

    Als zweiten exemplarischen Text habe ich einen Roman von Stefan Zweig aus­gesucht: Rausch der Verwandlung, einen Text, der zu Lebzeiten des Autors nie vollständig erschienen ist und erst aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Ich habe ihn auch darum gewählt, weil die überlieferten Passagen im Literatur­archiv Salzburg zugänglich sind. Dieses Archiv ist ja einer der wichtigsten Orte, an denen Teile des Nachlasses aufbe­wahrt werden – neben der Universität in Fredonia im Staat New York und der National Library of Israel in Jerusalem.

    Stefan Zweig hat an diesem Roman in der letzten Phase seines Lebens immer wieder gearbeitet, hat den Text zwischen­durch weggelegt und sich erneut damit beschäftigt, ohne zu einem Abschluss zu gelangen. Entstanden ist dabei aber auch der Entwurf zu einem Film mit dem Titel Das gestohlene Jahr, der mit Oskar Werner in der Hauptrolle nach dem Zwei­ten Weltkrieg gedreht wurde. Es ist ein Stoff, den Zweig selbst gerne als „Post­fräuleingeschichte“6 bezeichnet hat – denn er handelt von einer jungen Frau aus kleinbürgerlichem Milieu, die zunächst in einem Postamt arbeitet, dann aber in eine Handlung hineingezogen wird, die sie dieser gesellschaftlichen Umgebung entfremdet und sie gewissermaßen entwurzelt. Dabei geht es erneut um Geld, das man eigentlich nicht auf „korrekte“ Weise bekommen kann, das man aber investieren möchte – gegen die Regeln der Gesellschaft.

    Im Film verhilft die Heldin einem außerordentlich begabten Komponisten zur Aufführung seiner Symphonie, indem sie Geld, das ihr nicht gehört, veruntreut. Das wird am Ende des Films in einer eindrucksvollen Parallelmontage vorge­führt: Die junge Frau wird wegen ihres Delikts selber angeklagt, während er aufgrund des großen Erfolgs der dadurch ermöglichten Aufführung seiner Sym­phonie seine große Karriere als Komponist beginnt.

    Im Roman Rausch der Verwandlung sieht diese Konstellation anders aus: Hier wird die weibliche Hauptfigur, die ausdrücklich nicht zur begüterten Schicht, zu den Kapitalinhabern der Gesellschaft gehört, von Verwandten in ein vornehmes Hotel in Karlsbad eingeladen. Sie wechselt dabei auf radikale Weise die soziale Schicht, denn sie wird dort als Verwandte einer wohlhabenden Person wahrge­nommen, die somit zur ökonomisch bevorzugten Klasse gehört. Dadurch ent­wickelt sie zunächst ein ganz anderes Selbstwertgefühl, sie lernt mit einem Mal völlig anders aufzutreten, alles läuft gewissermaßen ganz von selbst:

    Wer bin ich denn eigentlich, schauert es ihr unter der Haut, was ist denn mit mir? Wieso kann ich dies alles mit einem Mal? Wie gut, wie locker ich mich bewege und war doch sonst, der Tanzlehrer hat’s gesagt, so hölzern und ungeschickt, und jetzt führe ich doch eher ihn als er mich? […] Hat mich das Kleid, hat mich die Welt hier so anders gemacht, oder war dies alles schon in mir und ich bin nur immer zu mut­los gewesen, zu verschüchtert, zu verschreckt, die Mutter hat es ja immer gesagt. Vielleicht ist das alles gar nicht so schwer, vielleicht das ganze Leben unendlich leichter, als ich es glaubte, nur Mut muss man haben, nur sich selber fühlen und spüren, dann kommt von unvermuteten Himmeln die Kraft.7

    Doch diese neue Situation, in der die junge Frau plötzlich ganz andere Mög­lichkeiten für sich sieht, in der sie völlig anders wahrgenommen wird als zu­vor, wird brutal zerstört: Durch eine Indiskretion wird ihre eigentliche Herkunft aufgedeckt, sie wird von den anderen schlagartig ausgegrenzt und muss die ihr sozusagen nicht zustehende Umgebung wieder verlassen. Sie findet sich aber nun auch zu Hause, in ihrem angestammten Milieu, nicht mehr zurecht. Im Ver­lauf des Romans alliiert sie sich mit einem frustrierten Kriegsheimkehrer, einem „Wutbürger“, wie man in heutiger Terminologie sagen könnte, der gegen den Staat opponiert, von dem er sich betrogen und geschädigt fühlt. Die beiden pla­nen einen Raub, also die gewaltsame Aneignung der ökonomischen Mittel, die ihnen nicht zugänglich sind, und wollen sich dann umbringen. Zweig hat diesen Schlussteil nicht mehr literarisch ausgeführt. Es gibt allerdings eine spätere Ver­filmung des mittlerweile aus dem Nachlass erschienenen Romans von Édouard Molinaro, wo dieser fatale Ablauf bis zum Ende fortgeführt wird.

    UTA DEGNER: Eine klassische Innenperspektive ist bei Ingeborg Bachmann und dann erst recht bei ELFRIEDE JELINEK nicht mehr möglich. Eine besondere Rolle spielt bei beiden Autorinnen die Reflexion darauf, dass die Frauen meist gar nicht wahrnehmen, dass sie Opfer sind, da die Art und Weise, wie mit ihnen umgesprungen wird, gesellschaftlich nor­malisiert ist – und wenn sie es merken, fin­den sie kein Gehör, weil ihre Sicht der Dinge von vornherein delegitimiert ist. Viele Wer­ke Jelineks haben ihren Ursprung in unge­sühnten Frauenmorden, und sie beruft sich wiederholt auf Bachmann. Bereits in ihrem Essay zu Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1983 Der Krieg mit anderen Mitteln schreibt sie: „Ingeborg Bachmann ist die erste Frau der Nachkriegsliteratur des deutschsprachi­gen Raumes, die mit radikalen poetischen Mitteln das Weiterwirken des Krieges, der Folter, der Vernichtung in der Gesellschaft, in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen beschrieben hat.“8 In beider Werk geht es nicht nur darum, dass Frauen Gewalt angetan wird, sondern primär darum, dass diese Gewalt in der bzw. von der Gesellschaft unsichtbar gemacht wird. Denken wir an Das Buch Franza im Todesartenprojekt. Franza wird von ihrem Mann als Forschungsobjekt für seine psychologischen Studien benutzt und systematisch unterjocht. Sie lässt es sich selbst sehr lange gefallen, genau wie viele Jelinek‘sche Protagonistinnen. Das Interessante an der Anlage des Todesarten-Projektes be­steht darin, dass nicht sie selbst berichtet, was ihr widerfahren ist, sondern dass es von der Anlage her die Autorfigur Malina gibt, die es aus der objektiven Di­stanz wahrnimmt und dann literarisch zu Papier bringt. In dem gleichnamigen Roman wird das eigentlich nur angedeutet, aber aus den nachgelassenen Frag­menten wird deutlich, dass er dann zur Autorfigur aller Todesarten-Bände wird. In Das Buch Goldmann wird dieses Unsichtbarmachen auf fast ironische Weise verhandelt. Die Schwester von Malina, Maria Malina, ist auf seltsame Weise ums Leben gekommen:

    Und das nächste war die Nachricht von ihrem Tod. Und das war so. Die Malina war mit jemand nach Griechenland gefahren und mit dem Jemand mit einem Boot vor einer Insel herumgefahren, und dann war sie aus dem Boot gesprungen, denn sie schwamm sehr gut, so stand es in den Zeitungen, und dann drehte der Jemand sich um, und da war sie nicht mehr, und dann war auf dem Wasser etwas Blut, eine Blutwasserlache, und die Malina war von einem Haifisch gefressen worden, und sie war gefressen worden, ehe sie nachgelassen hatte, sie war vierunddreißig Jahre alt und von einem Hai. Und in Wien, das alle seine Toten verscharrt, schweigend, aber nicht seine Schauspieler, hatte Malina das größte Begräbnis.9

    Es kommen Gerüchte auf, ob das mit dem Haifisch so seine Richtigkeit hat, nie­mand geht ihnen jedoch nach: „Aber es blieb der Hai“10. Der Mord – den man wohl annehmen muss – bleibt ungesühnt, da es – so wird Jelinek formulieren – dem „Wesen“ der Frau entspricht, „zu dienen und dann wieder möglichst geräuschlos zu verschwinden“11. Dieses The­ma treibt auch Jelinek um – nicht nur, dass es Gewalt gibt, sondern mehr noch, dass diese unsichtbar gemacht wird. Auch wir, die Ge­sellschaft, sind dabei Komplizen. Diese Un­sichtbarkeit sichtbar zu machen und ihr etwas entgegenzusetzen, ist ein zentrales Ethos von Jelineks Autorschaft. Nicht von ungefähr be­ruft sie sich dabei auf Bachmann, so anlässlich des gerade zitierten Essays über den bis heute unaufgeklärten Mordfall der aus der Slowakei stammenden Pflegerin Denisa Šoltísová, deren Leiche bei Vöcklabruck in einem Fluss gefun­den wurde: „‚Es war Mord‘, schreibt Ingeborg Bachmann als letzten Satz in Malina. Es ist im­mer Mord, aber Mord braucht ein Opfer und einen Täter, und beide sind sie der Polizei in Oberösterreich offensichtlich ziemlich egal.“12 Jelinek benutzt in vielen ihrer Texte Darstel­lungsmittel des Grotesken als Ent-Naturalisie­rung des Normalen.

    MANFRED MITTERMAYER: In diesem Zusammen­hang ist es mit dem Blick auf die frühere Literatur, lang vor Bachmann oder Jelinek, faszinierend, wie sehr sich viele Texte, die zwischenzeitlich fast verges­sen waren und mittlerweile wieder entdeckt worden sind, anschließen lassen. Ein Beispiel dafür ist der Roman Die freudlose Gasse von Hugo Bettauer, in dem sich jene gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen gestaltet finden, von denen wir gesprochen haben: Darin kommt etwa eine Frau Greifer vor, die in der im Titel genannten Gasse ein Bordell führt, in dem junge Frauen in ihrer Abhängigkeit von ihr gezeigt werden. Sie sind in diese missliche Situation geraten, weil sie kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen zur Prostitution gezwungen wurden. In diesem Zusam­menhang passiert tatsächlich ein Mord; das Buch wird somit zum Kriminalro­man, den übrigens der österreichische Regisseur G. W. Pabst mit bedeutenden Schauspielerinnen, etwa Asta Nielsen und Greta Garbo in einer frühen Rolle, in einem filmhistorisch bedeutenden Werk fürs Kino adaptiert hat. Der Mord, die ultimative Ausübung physischer Gewalt, wird dabei zu einer vielschichtigen Meta­pher für die Beschädigung der beteiligten Menschen unter dem Einfluss der Struk­turen, die im Hintergrund wirken – Me­chanismen, die bei einer oberflächlichen Darstellung der Handlung vielleicht zunächst nicht so sehr wahrgenommen werden, aber den Rahmen für das Geschehen bilden, das somit nicht nur psy­chologisch oder aus individuellen Besonderheiten zu erklären ist, sondern aus überindividuellen Gesetzmäßigkeiten. Auch hier spricht am Ende des Buches eine weibliche Figur davon, wie junge Frauen sich verkaufen müssen – weil es die über sie herrschenden wirtschaftlichen Abläufe erzwingen:

    Wäre ich schlechter als ich es heute bin, wenn ich, in Not und Elend verstrickt, um meine Geschwister zu schützen, um meine arme Mutter und den alten Großvater nicht hungern zu lassen, meinen Körper verkauft hätte? Vielleicht, daß die Männer, die für schmutziges, elendes Geld Seelen kaufen, schlecht sind, die armen, dum­men, törichten Mädeln, die sich kaufen lassen, sind es sicher nicht. Nach und nach erst werden sie schlecht durch die Schlechtigkeit der anderen Menschen.13

    Ich möchte die aufgrund des zeitlichen Rahmens nur bruchstückhafte Vorstel­lung exemplarischer Texte aus der österreichischen Literatur mit einem Buch ab­runden, auf das ich nicht zuletzt deshalb aufmerksam geworden bin, weil seine Neuausgabe ein aufschlussreiches Vorwort von Marlene Streeruwitz enthält – einer Gegenwartsautorin, deren Werk man mit unserer Thematik nicht weniger assoziiert als das von Elfriede Jelinek. Der Roman stammt von Gina Kaus, deren literarisches Werk, wie das so vieler schreibender Frauen aus der Vergangenheit, lange Zeit nicht zugänglich war, aber jetzt glücklicherweise wieder aufgelegt wird. Er heißt Die Front des Lebens. Ähnlich wie bei Bettauer haben wir es auch hier mit einer recht komplexen Handlung zu tun, die in vielen Aspekten durch die Folgen von Inflation und ökonomischer Not geprägt ist. Sie handelt von einer Zeit, in der sich tra­ditionelle Werte verkehren, in der alles stabil Geglaubte plötzlich auseinanderbricht.

    Das Zitat, das ich hier vorstellen möchte, enthält allerdings eine positive Reaktion auf diese Zeitumstände. Wir begegnen einer Re­präsentantin für jene Menschen, die der pro­blematisch gewordenen Lebenssituation kon­krete Konzepte entgegensetzen wollten. In dem Buch steht die männliche Hauptfigur, ein Arzt, zwischen zwei Frauen und kann sich, wie so oft in dieser Motivkonstellation, nicht entscheiden. Die eine von beiden stammt aus einer verarmten aristokratischen Familie, die andere ist Ärztin, ist also eine Berufskollegin von ihm, und sie bemüht sich darum, Vor­schläge zur Veränderung der vorgefundenen Gesellschaft zu entwickeln. Als sich der Pro­tagonist nicht für sie entscheiden kann, geht sie nach Russland, um dort konkrete Arbeit zu leisten, vor allem, um Kindern zu helfen.

    In der Stelle, die ich zitieren werde, kommt die sogenannte „Versorgungsehe“ zur Sprache, einer der großen gesellschaftlichen Kampfplätze, wie sie hier darge­stellt werden. Dabei wird darüber gesprochen, ob diese Ehe abgeschafft werden sollte – oder ob man vielmehr die Umstände abschaffen sollte, unter denen sol­che Verbindungen zustande kommen:

    Die Frau ist vorläufig außerstande, sich und ihre Kinder allein zu ernähren, und der Staat tut wenig, sie dabei zu unterstützen. So ist die Ehe derzeit die einzige Form, unter der eine Liebesbeziehung sie nicht in schwerste materielle Bedrängnis bringt. […] Die Ehe ist für den allergrößten Teil der Frauen eine soziale Notwendigkeit. Ich weiß, wie oft diese Notwendigkeit zur Hölle wird.14

    Dieser misslichen Situation setzt die Romanfigur Martha, aus deren Rede diese Passage stammt, eine bemerkenswert moderne Vision entgegen:

    Was wir erstreben, ist doch gerade das Ende jeder Herrschaft, jeder privaten Haus­tyrannei. Dieses Vorurteil einer naturgewollten Ueberlegenheit des Mannes ist es ja gerade, was aus den meisten Ehen Höllen macht, aus den Frauen Hexen und aus den unschuldsvoll gebornen Kindern Schüler eines endlosen, qualvollen Kleinkrieges um das häusliche Prestige. […] Da ist ja gerade der Punkt, wo wir den Frauen das Rückgrat stärken wollen, indem wir ihnen eine andre Gemeinschaft zeigen: Eine solche zwischen wirtschaftlich selbständigen Wesen, in der einzigen Berech­nung geschlossen, einander gegenseitig zu fördern. Eine Gemeinschaft, in der kei­ner herrschen, keiner siegen will, wo jeder Kampf nach außen gerichtet ist, auf die Ueberwindung der Schwierigkeiten des Lebens.15

    UTA DEGNER: Zum Thema Ehe fallen mir von den Jelinek-Romanen natürlich Die Liebhaberinnen ein. Dort wird das Eheleben ja von beiden jungen Protagonistin­nen erstrebt, von Brigitte gerade mit der von dir zitierten Idee einer Versorger­ehe. Sie will Heinz, da sie erst durch die Hochzeit mit ihm aus der ihr verhassten Nähfabrik aussteigen kann. Aus ökonomi­schem Kalkül heiratet sie einen Mann, vor dem sie sich insgeheim ekelt. Paula hinge­gen frönt ganz der romantischen Idee ei­ner Liebesheirat – sie ignoriert das Ökono­mische und scheitert: Während ihr Partner das ganze Geld, das er verdient, versäuft, muss sie irgendwie schauen, wie sie ihre Familie ernähren kann. Ohne Ausbildung bleibt ihr nur die Prostitution. Als sie auf­fliegt, verliert sie nicht nur Erich, sondern auch ihre Kinder. Die Erzählstimme hat großen Genuss daran zu zeigen, wie die vermeintlich persönlichen Wünsche und Sehnsüchte der beiden jungen Frauen ge­sellschaftlich determiniert sind und ihnen letztlich selbst schaden – dass es für sie aber unmöglich ist, aus dem gesellschaftli­chen System auszusteigen, was sie allerdings auch gar nicht anstreben.

    Man kann aber auch an Jelineks Lust denken, wo Gerti in einer privilegierten Position ist, weil ihr Mann der Arbeitgeber der ganzen Region ist; die Familie ist sehr gut situiert, aber Gerti ist ökonomisch auch komplett abhängig von die­sem Mann – eine klassische Konstellation, nicht unähnlich jener von Buhlschaft und Jedermann. Auch Gertis Hermann ist ein Jedermann – also einer, der die Verfügungsgewalt über verschiedene Figuren hat. Womöglich ist die Einsicht in das Weiterwirken der patriarchalen Ordnung ein besonderes Thema gerade der österreichischen Literatur.


    Streeruwitz Zitate

    Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer dop­pelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auf­tritt im Jedermann. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text folgend, kann sie auf Seite 40 abtreten, wenn es heißt „Es flüchten viele“. Sie kann sich bis Seite 52 Zeit lassen und mit den letzten davonlaufen, die sich noch an der Tafel gütlich tun. Sie könnte auch bis zum Schluss bleiben und dem Jeder­mann zusehen, wie er so freundlich von zwei anderen Frauen begleitet ins Grab steigt. Sexarbeiterinnen können nämlich keine Antworten auf die „endgültigen Fragen“ geben.

    Sexarbeiterinnen erfüllen ihre Aufgabe, und dann können sie vergessen werden. Das ist der Deal. Denn. Das Ganze ist ein Deal.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft bekommt gerade so viel Raum in diesem Stück, dass das Publikum ihrer gewahr werden kann. Sie ist das blühende Leben gegen die Blässe des Tods. Es ist ja ihr Fest. Sie bringt die Musiker mit und die Begleitung. Wie jede geübte Hostess beruhigt sie den, ob des Altersunterschieds unsicheren Jedermann und lobt seine „milden Hände und seinen steten Sinn“. Immerhin kann sie sich nicht auf seine feurigen Lenden beziehen. Das fiel dem Autor nicht ein. Es ist ein eher laues Getändel, das da abläuft. Aber es geht ja nicht um eine leidenschaftliche Wirklichkeit. Es geht ja eigentlich nur da­rum, dass Jedermann nicht verheiratet ist.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft ist so eine Art Dekora­tion von Jedermanns Burschenleben, der sich trotz Hab und Gut nicht in die Ge­sellschaft einordnet. Sie wird von Jeder­mann beim Bankett gefragt, ob sie ihn bis ins Grab hinein begleiten würde, und die Buhlschaft gibt sehr vernünftige Antwor­ten. Was der Autor als ihre Minderwertig­keit beschreiben will. Als die Oberfläch­lichkeit einer minderen und dazu noch weiblich minderen Person, das lesen wir heute als sehr vernünftiges Verhalten in einer schlimmen Abhängigkeitssituation. Die Sexarbeiterin hat ihr Honorar zu be­kommen.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Und die arme Buhlschaft. Sie wird durch die weiblichen Objekte ei­nes spirituellen Begehrens ersetzt. Die Werke und der Glaube. Beide Begriffe werden durch Frauen verkörpert. Die Personifikation der Werke werden durch Jedermann zum Leben erweckt. Die Werke sind ein spiritueller Filter, und es bleiben nur gute Werke im Sinn der ankatholisierten Spiritualität dieses Stücks hängen. Die weibliche Hässlichkeit und Schwäche der Perso­nifizierung der Werke auf der Bühne ist ein Spiegel Jedermanns.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Wir müssen daraus schließen, dass Moralität weiblich ist und die Buhlschaft der amoralische Kon­trapunkt dazu. Die alte Geschichte von der Heiligen und der Hure wird da nachvollzogen. Oder besser. Diese alte Geschichte wird vorausvollzogen. Denn. Durch die Anlage in einem un­gefähren Mittelalter wird ja alles, was da so gesagt wird, als in sehr viel früheren Zeiten Gesagtes behauptet. Ein geschlechterstiftender Mythos, wie der von der Hure und der Hei­ligen. Der wird damit neuerlich als vergeschichtlicht behauptet und be­kommt so eine nette und neuerliche Erfrischung aus dieser behaupteten Geschichtlichkeit.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Je­dermanns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Der Kapitalist Jedermann bleibt dem folgend auch in seinem Tod allen ka­pitalistischen Prinzipien treu. Darin na­türlich kümmert ihn die Buhlschaft nicht mehr. Die Buhlschaft findet nicht einmal mehr in den Bühnenanweisungen Platz genug, von der Bühne geholt zu werden. Jedermann versucht es erst konventio­nell und verlangt von seinen Abhängi­gen die Begleitung ins Grab hinein. Die Idee, dass diese Frau wie eine indische Witwe mit ihm ins Grab soll, diese Idee scheitert an der Verachtung von dieser Frau. Oder besser. Diese Idee scheitert an der Selbstverachtung des Männlichen, das die Verstärkung durch Männliches zu seiner Sicherheit benötigt.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Buhlschaft. Eine Schauspiele­rin wird immer nach ihrem Kör­per gemessen. Diese Messung wird sexistisch sein. Es gibt ja keine ande­re Sichtweise des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit als die Messung von attraktiv und nicht attraktiv. At­traktivität setzt voraus, dass Begehren aufgerufen werden kann. Sexuelles Begehren wird durch die jugendlichen sekundären Geschlechtsmerkmale an­geregt. Deshalb muss die Buhlschaft ihren Busen so weit wie möglich ent­blößen. Und sie muss jung sein. Die Buhlschaft muss nämlich fotografiert werden und mit dem Bild der jeweili­gen Schauspielerin als Darstellerin der Buhlschaft die Verbreitung der Bilder von einem solchen Stück betrieben werden.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.

    Die Wahrheit ist, dass Karrieren wahrscheinlich nur sexistisch zu ma­chen sind. Je nach Geschlecht und der damit verbundenen, kulturell fixierten Attraktivität. Deshalb hoffe ich, dass die Buhlschaft eine höhere Gage bekommt als der Darsteller des Jedermann. Die Buhlschaft muss sich schließlich in ei­ner ganz anderen Weise zu Verfügung stellen. Das kann sie nur eine begrenz­te Zeit. Die Darstellung von Geschlecht ist auf Jugendlichkeit beschränkt. Ich hoffe auch, dass die Buhlschaft so früh wie möglich von der Bühne kann und in aller Ruhe ein kühles Bier trinken. Oder was immer.

    aus: Marlene Streeruwitz: Ein Objekt Jeder­manns. In: Der Standard, 24./25.7.2010.


    Anmerkungen

    1. Hofmannsthal, Hugo von: Jedermann. In: Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Bd. 3: Dramen III. 1893-1927. Hg. v. Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt am Main: Fischer 1979, S. 9-72, S. 25. ↩︎
    2. Ebd., S. 27. ↩︎
    3. Ebd., S. 33. ↩︎
    4. Vgl.: Dürhammer, Ilija / Janke, Pia (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal. Frauenbilder. Wien: Praesens 2001. ↩︎
    5. Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Hg. v. Johannes Pankau. Stuttgart: Reclam 2002, S. 17-18. ↩︎
    6. Zit. n.: Prater, Donald: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen. München: Hanser 1981, S. 275. ↩︎
    7. Zweig, Stefan: Rausch der Verwandlung. Ein Roman aus dem Nachlass. In: Zweig, Stefan: Das erzählerische Werk. Salzburger Ausgabe. Bd. 5. Hg. v. Herwig Gottwald und Arturo Larcati unter Mitarbeit von Peter Bruckner. Wien: Zsolnay 2023, S. 80. ↩︎
    8. Jelinek, Elfriede: Der Krieg mit anderen Mitteln. Über Ingeborg Bachmann. Zit. n.: Bachmann, Ingeborg: Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013, S. 465-579, S. 466-467. ↩︎
    9. Bachmann, Ingeborg: Das Buch Goldmann. Hg. v. Marie Luise Wandruszka. Berlin: Suhrkamp 2020, S. 145-146. ↩︎
    10. Ebd., S. 146. ↩︎
    11. Jelinek, Elfriede: Keiner weiß mehr, keiner weiß es mehr. https://original.elfriedejelinek.com (29.5. 2024). ↩︎
    12. Ebd. ↩︎
    13. Bettauer, Hugo: Die freudlose Gasse [1924]. Wien: Milena 2011, S. 187. ↩︎
    14. Kaus, Gina: Die Front des Lebens [1928]. Mit einem Vorwort von Marlene Streeruwitz. Hg. und mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder. o. O.: Metroverlag 2014, S. 260. ↩︎
    15. Ebd., S. 261-262. ↩︎

    UTA DEGNER

    Studium der Neueren Deutschen Literatur, Philosophie und Italianistik in Konstanz, Bologna und Berlin. Seit 2019 assoziierte Professorin an der Paris Lodron Universität Salzburg. 2016 Gast-Dozentur an der Universität Verona. 2019 Erasmus Gast-Dozentin an der Universität L’Orientale in Neapel. 2022 Gastprofessur an der Universität Wien. 2023 Publikation Ingeborg Bachmann. Spiegelungen eines Lebens und 2024 wissenschaftliche Beratung bei der Ausstellung Ingeborg Bachmann „Ich bin es nicht. Ich bin‘s“

    MANFRED MITTERMAYER

    Studium der Germanistik und Anglistik. Seit 1984 Lehrtätigkeit u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2012 Leiter des Literaturarchivs Salzburg. Seit 2013 Co-Intendanz der Rauriser Literaturtage. Forscht zur österreichischen Literatur nach 1945, Thomas Bernhard, Literatur und Film, Biographie und Film, Literaturvermittlung. Gestaltung mehrerer Ausstellungen. Zahlreiche Publikationen, darunter Rauris 1971–2021. Ein halbes Jahrhundert Literaturtage innergebirg (2021) und Hermann Bahr und Salzburg (2023).

  • Männlicher Mythos „Jedermann“, männlicher Mythos Salzburger Festspiele?

    Männlicher Mythos „Jedermann“, männlicher Mythos Salzburger Festspiele?

    PIA JANKE: Wir wollen uns aus einer Gender-Perspektive mit dem „Identitätsstück“ der Salzburger Festspiele, mit Hugo von Hofmannsthals Jedermann, befassen und fragen, inwiefern die Institution der Festspiele und das Stück männliche My­then darstellen, inwieweit sie patriarchalen Denkmustern entsprechen. In den Medien, aber auch von den Verantwortlichen der Festspiele selbst wird immer wieder aus den Gründungsschriften von Hofmannsthal und Reinhardt zitiert. Diese Gründungschriften weisen aber nicht unbedingt Gedanken eines völker­verbindenden europäischen Friedenswerks auf, sondern intendieren vor allem eine Re-Etablierung von Ordnung und Tradition. Die Festspiele waren vor al­lem ausgerichtet auf die Schaffung und Bewahrung von Identität, und damit war auch ein bestimmtes Kunstverständnis verbunden: Reinhardt schrieb von einem Ort der Heilung und Erlösung. Hofmannsthal forderte in seinen Grün­dungsmanifesten dazu auf, den „Urtrieb des bayrisch-österreichischen Stammes gewähren“ zu lassen und bezog sich dabei dezidiert auf Josef Nadler, den Autor einer Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. Wie ist das heute, fungieren die Festspiele auch heute noch als konservatives, patriarchales Konstrukt? Wirkt das Gesellschaftsbild, das mit dieser Art der Traditionsstiftung einherging, immer noch nach? Wie beurteilen Sie diese Ursprünge aus einer Gen­der-Perspektive?

    ROBERT HOFFMANN: Ich denke, dass fast alles, was zu jener Zeit institutionell begrün­det wurde, als patriarchales Konstrukt zu werten ist – schlicht deswegen, weil Frauen ausgeklammert waren. Das trifft auch auf die Festspiele zu. Eine alleinige Bezugnahme auf Hofmannsthal und Reinhardt in der Gründungszeit ist aber nicht angebracht, denn in Salzburg gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg Mu­sikfeste, vor allem im Kontext der Mozartpflege. Sie fanden allerdings in mehr­jährigen Abständen statt, wurden aber durchaus Festspiel-ähnlich durchgeführt. Diese Tradition wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Während des Krieges kam es zu einer Situation, in der zwei Initiativen, die einander eigentlich fernstanden, parallele Ziele verfolgten. Ei­nerseits gab es die vom Mozarteums-Funktio­när Friedrich Gehma­cher und dem Wiener Musikjournalisten Heinrich Damisch gegründete Festspielhaus-Gemeinde, eine bürgerliche Initiative zur Errichtung eines Festspielhauses. Ein Desiderat dieser Gruppe, die man mit gutem Gewissen als ein männerbündisches Netzwerk be­zeichnen kann und dessen Mitglieder teils deutschnationaler Gesinnung waren, war die Nachahmung des Vorbilds von Bayreuth. Das Mozarteum war zwar 1914 in einen großzügigen Neubau umgezogen und verfügte nun über einen großen Konzertsaal, jedoch über keine für Opernaufführungen geeignete Bühne, wie es sie in Bayreuth gab.

    Eine entschiedene Gegnerin des Festspielhaus-Projekts war allerdings die Opernsängerin LILLI LEHMANN, die als eine der wenigen Frauen zu dieser Zeit im künstlerischen Bereich eine machtvolle Position innehatte, auch Opern in­szenierte und großen Einfluss in der Stiftung Mozarteum besaß. Lehmann war Vertreterin eines intimen und puristischen Mozartstils, der sich nicht mit der Aufführung seiner Werke auf großen Festspielbühnen vereinbaren ließ. Sie hatte daher insofern großen Einfluss auf die Gründung der Festspiele, als sie ein insti­tutionelles Zusammenwirken von Festspielhaus-Gemeinde und Mozarteum bei den Festspielen verhinderte. Hier haben wir also eine Frau, die langfristig ent­scheidende Weichen gestellt hat, und zwar insofern als die Festspiele nicht durch das Mozarteum, sondern außerhalb des Mozarteums etabliert wurden.

    Auch Max Reinhardt hatte schon vor dem Krieg eine vage Vorstellung, im Ver­bund mit Hermann Bahr in Salzburg während des Sommers festspielähnliche Veranstaltungen auszurichten. Obwohl die Quellenlage zum Beginn von Rein­hardts Zusammenarbeit mit Hofmannsthal spärlich ist, so steht doch fest, dass beider Vorstellungen von Festspielen in Salzburg gegen Ende des Weltkriegs bereits in ihren Grundzügen ausgereift waren. Reinhardt wollte weg aus Berlin, wo er engagiert war. Er hatte bereits mehrmals versucht, in Salzburg Fuß zu fassen, etwa 1917 mit dem Vorschlag von Freilichtaufführungen im Park von Hellbrunn. Aber erst 1918 bewegte sich wirklich etwas: Auf der einen Seite gab es die schon gegründete Festspielhaus-Gemeinde, auf der anderen Seite erwarb Reinhardt im März 1918 Schloss Leopoldskron in Salzburg. Im selben Jahr ge­lang es Hofmannsthal, seinen Freund Leopold Freiherr von Andrian-Werburg in das Amt des Generalintendanten der Österreichischen Hofbühnen zu hie­ven, was Reinhardts und Hofmannsthals Ambitionen, Festspiele in Salzburg zu gründen, entscheidend zu befördern schien. Mit dem Zusammenbruch der Monarchie im Herbst 1918 verschwand allerdings das Amt des Generalinten­danten zusammen mit dem bis dahin wichtigsten Förderer der Festspielidee in der Versenkung.

    Im Jahr 1919 standen sich also zwei Männernetzwerke gegenüber: Hier die Festspielhaus-Gemeinde, die auf ein paar 100 Mitglieder angewachsen war, dort Reinhardt und Hofmannsthal, die weder über Geld noch über eine Organisati­onsstruktur verfügten, dafür aber bekannte Namen hatten. Diese beiden Grup­pen fanden allerdings nicht aus Neigung, sondern aus Notwendigkeit zusammen. Wie kommt es also nun dazu, dass ausgerechnet der Jedermann im Folgejahr 1920 als erstes Stück in die­ser Konstellation aufgeführt wurde? Darüber gibt es seltsamerweise so gut wie keine Quellen. Man kann nur annehmen, dass sich diese Koope­ration der Festspielhaus-Gemeinde mit Reinhardt im Frühsommer 1920 durchaus spontan herausgebildet hat. Der Jedermann wurde erst retro­spektiv als Beginn der Festspieltradi­tion gewertet – seine Aufführung am Domplatz im August 1920 war das Ergebnis einer kurzfristig umgesetz­ten Idee. Es gab kein Konzept, auch stand keine besondere Symbolik da­hinter. Das Ziel war vielmehr, man­gels anderer Möglichkeiten mit einer Freiluftaufführung für den Festspiel­gedanken Propaganda zu machen. Die große Wirkung und der anhaltende Er­folg dieser Aufführung, sind also erst retrospektiv sichtbar geworden.

    PIA JANKE: Die Festspiele, so wie sie Hofmannsthal in seinen Schriften entworfen hat, waren ein ländlich-bäuerliches Konstrukt, er hat bewusst versucht, Ver­bindungslinien mit Mysterienspielen herzustellen. Vor der Entscheidung für den Jedermann hat man mit dem Gedanken gespielt, ein Werk des nationalkon­servativen Autoren Max Mell aufzuführen. Die Einpassung des Jedermann in den Domplatz wurde durchaus als Opposition bzw. Gegengewicht zum Roten Wien, zum Großstädtischen, zur Moderne inszeniert. Sie haben Bayreuth an­gesprochen – meiner Lektüre nach war aber das eigentliche Vorbild Oberam­mergau.

    RUTH BECKERMANN: Man sagt, Schnitzler und Freud hätten die Wiener Seele in ihrer Bedürfnisstruktur erkannt. Ich denke, Max Goldmann, wie Max Reinhardt früher hieß, und Hugo von Hofmannsthal erkannten instinktiv das Begehren Salzburgs nach Festspielen, die so katholisch und so kommerziell wie die Stadt selbst waren, und bedienten es sehr geschickt. Dieses Ethos findet sich auch im Jedermann. Was sagt denn das Stück dem Publikum? Es sagt: Kauft hier ein, verprasst möglichst viel Geld, und danach geht in möglichst viele Kirchen, dann kann euch nichts passieren. Das ist Salzburg. Das funktioniert bis heute fantastisch, da der Jedermann gewissermaßen die „Signature“ dieser Stadt ist. Wenn mich jemand fragen würde, den Jedermann zu inszenieren, würde ich ihn vermutlich ganz konservativ inszenieren. Ich finde, der alljährliche Trubel um Besetzung und Kostüme ist eine schändliche Ablenkung von der Grundbotschaft. Es ist eine mini­male Konzession an die moderne Welt, wenn die Buhlschaft Hosen und kurze Haare trägt, und das scheint der einzige Weg zu sein, das Stück heute noch in die Schlag­zeilen zu bringen. Ich gebe dir völ­lig recht: Salzburg – oder zumin­dest ein Teil der Festspiele, ich will dem heutigen Salzburg nicht Un­recht tun – ist ein Gegenpol zum Modernen und Urbanen, ob dieses nun in Wien oder Berlin zu veror­ten ist. Und das sollten die Leute auch in den Inszenierungen sehen.

    PIA JANKE: Die Pointe dazu ist, dass der Jedermann nicht in Salzburg urauf­geführt wurde, wie viele Menschen glauben, sondern als Massenspektakel im Zirkus Schumann in Berlin, und zwar weitgehend erfolglos. Aber er passt offensichtlich viel besser in den katholischen Kontext, in den er nachträglich eingefügt wurde. Das Stück ist auch selbst ein Akt der Wiederverpflichtung auf Gott. Gott der Herr schickt den Tod in die Welt, um den Jedermann zum Glauben zurückzuführen. Jedermann wird deshalb erlöst, weil er schlussendlich wieder glaubt. Die Buhlschaft und damit die prominenteste weibliche Rolle ist lediglich eine Katalysatorin für diesen Weg des Mannes. In die­sem Jahr, 2022, spielt Mavie Hörbiger sowohl Gott als auch Teufel – diese beiden Rollen sind also bewusst mit einer Frau besetzt. Wir haben Mavie Hörbiger um ein Statement dazu ersucht, das wir nun per Video einspielen wollen.

    MAVIE HÖRBIGER: Ich wurde nach dem konservativen, katholischen, patriarchalen Drama Jedermann gefragt. Das Erste, was ich hervorheben will, ist die großartige Bühne auf dem Domplatz, die quasi in den Dom hinein nach hinten geöffnet wird. Durch diese Öffnung – die Dreidimensionalität der Bühne – haben Rein­hardt und Hofmannsthal einen wichtigen Schritt in die Moderne gemacht. Mit diesem Schritt haben Reinhardt und Hofmannsthal die Zweidimensionalität des klassischen Bühnenbilds gesprengt. Das Stück ist auf seine eigene Weise konser­vativ und katholisch, aber es ist auch antikapitalistisch. Ich denke, dass dieser Antikapitalismus bewusst intendiert war: Es öffnet sich zum Volk hin, zumin­dest sehe ich das als den ursprünglichen Gedanken bei der Gründung vor 100 Jahren. Was sich aus diesem Stück letztlich entwickelt hat, ist für mich ein ande­res Thema. Danach bin ich allerdings nicht gefragt worden.

    Natürlich geht es in diesem Stück um den Mann, den „Jeder-Mann“, ich finde aber, in unserer Inszenierung von Michael Sturminger wird diese Setzung hin­terfragt. Dieses Jahr ist der Jedermann androgyn mit Lars Eidinger besetzt, und Gott, Tod und Teufel werden von Frauen gespielt. Damit stellen Frauen zum ersten Mal mehr als die Hälfte des Ensembles. Dem „Jeder-Mann“ wird damit – zumindest ein Stück weit – die Show gestohlen. Dennoch stellt sich die Frage, warum dieses Stück immer noch erzählt, noch immer aufgeführt wird. Das ist einfach zu erklären: Es hat eine Tradition. Ich selbst glaube und hänge an Tra­ditionen und befürworte sie. Meine Freude ist jedes Mal groß, wenn ich dieses Stück am Domplatz spielen und von Neuem damit brechen kann. Der Text ist toll, der Jedermann ist gut geschrieben. Auch die Dramatik und Dramaturgie sind unglaublich gut. Vielleicht finden Sie Gefallen an meinen Worten, und es stößt den einen oder anderen Gedanken in der Diskussionsrunde an. Wir haben Spaß daran, das Stück weiter zu brechen und dem Jedermann die Show zu stehlen.

    PIA JANKE: Dieses Statement von Mavie Hörbiger ist ambivalent: Sie spricht von einem katholischen, patriarchalen Stück, und sie bezeichnet es als antikapitalis­tisch. Besonders interessant scheint mir auch Hörbigers Anliegen, einen Bruch vorzunehmen und dem Jedermann als Mann die Show zu stehlen, indem Frauen männliche Rollen spielen.

    RUTH BECKERMANN: Was soll sie schon Anderes sagen? Das Stück ist genial, wenn man – und das meine ich nicht als Kritik an den Darsteller*innen wie Mavie Hör­biger, Lars Eidinger und VERENA ALTENBERGER – in diesem Land berühmt werden will. Ich denke nicht, dass der Jedermann über die Grenzen Österreichs hinaus­wirkt, aber darin zu spielen genügt, um in Österreich bekannt zu werden. In Österreich gibt es nichts Besseres, als den Jedermann zu spielen. Das liegt daran, dass es zu einem Signature-Stück geworden ist. Es ist egal und stellt definitiv keine Brechung dar, wenn eine Frau den Jedermann spielt oder ein Mann die Buhlschaft, was übrigens auch noch auf uns zukommen wird. Es macht keinen Unterschied, in welcher Rollenverteilung der Jedermann gespielt wird. Dieses Überbetonen patriarchaler Strukturen halte ich für lächerlich. Ich würde noch weiter gehen: Es spielt auch keine Rolle, dass man in diesem Jahr so viele Opern spielt, in denen Frauen die Hauptrolle haben. Verstärkend muss noch hinzu­gefügt werden, dass alle diese Frauen wie Káťa Kabanová, Tosca oder Carmen sterben. Alles, was hier gespielt wird, ist eingemeindet in den Katholizismus die­ser Stadt. Was immer man hier aufführt, wird Teil der Kirchenlandschaft dieser Stadt. Das ist in gewisser Weise faszinierend, weil diese Tradition, Geschichte, Architektur wie auch das Bürgertum dieser Stadt in jedem Fall die Oberhand behalten. Man wagt es heuer sogar, Dimitri Schostakowitsch‘ Babi Jar – Schos­takowitsch‘ Werk über ein Massaker an 33.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern – in der Reihe Sacrificium zu spielen, als handle es sich um ein Opfer christlicher Erlösung. Letztendlich scheint alles bei den Salzburger Festspielen katholisch zu werden.

    PIA JANKE: Ich lese ein Zitat aus einem Interview mit Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1998 vor. Sie wurde dazu befragt, ob der Jedermann je von einer Frau gespielt werden sollte. Sie sagte: „Eine Frau sollte jedenfalls die Titelrolle nie spielen. Ich halte nichts von einer ,Jederfrau‘. Das ist undenkbar. Schließlich ist das Vermö­gen weltweit nur zu drei Prozent in weiblicher Hand.“

    ROBERT HOFFMANN: Ich kann mich dem und allem, was Ruth Beckermann gesagt hat, nur anschließen. Lars Eidinger hat in einem Interview die Beobachtung ge­macht, der Jedermann sei Salzburgs Faschingsprinz: Der Jedermann wird alle paar Jahre neu gewählt und bekommt sogar eine Faschingsprinzessin an seine Seite, wobei der Verschleiß an Buhlschaften größer ist als der an Jedermännern. Der Erfolg des Jedermanns begründet sich in seiner Situierung auf dem Domplatz und ausschließlich darin. Man sollte daher Santino Solari, den Architekten des Doms und damit auch des Schöpfers der Domfassade im Programmheft erwäh­nen, das wäre nur fair. Ohne die Domfassade wäre der Jedermann nur ein kleines Männchen. Die Neuinszenierungen dieses Stücks spielen eigentlich keine Rolle, außer dass sie ein Medienecho generieren. Der Jedermann ist sowieso ausverkauft und finanziert dadurch auch andere Theaterprojekte mit.

    In Bezug auf den Katholizismus der Stadt und des Stücks will ich eine noch schärfere Formulierung einbringen: Thomas Bernhard greift auf einen Begriff zurück, der schon im Barock geläufig war, wenn er Salzburg als ein „deutsches Rom“ bezeichnet. Für Bernhard vereint diese Bezeichnung zwei Perspektiven: Salzburg ist nationalsozialistisch und katholisch. Die Mitglieder der Festspiel­haus-Gemeinde, die katholischer oder deutschnationaler Gesinnung, oft auch beides, waren, stellten sich – nach anfänglichem Zögern – inhaltlich voll hin­ter den Jedermann, auch wenn sie sich 1938 wieder distanzieren mussten, weil Reinhardt Jude war. Vor 100 Jahren (1922) wurde übrigens Hofmannsthals Salzburger Großes Welttheater erstaufgeführt. Anhand des Texts wird einiges überdeutlich: Darin kommen der Jedermann in der Rolle des Reichen und die Buhlschaft in der Rolle der Schönheit gleichsam als Wiedergänger vor. Der Bettler, ein sozialer Störenfried, lässt sich durch die Weisheit, die als zweite Frauenfigur in Nonnenkleidung auftritt, bekehren und endet holzhackend in der Armut.

    PIA JANKE: Die Figur des Bettlers im Salzburger Großen Welttheater ist von Hof­mannsthal als das „Gespenst des Bolschewismus“ bezeichnet worden. Der Bett­ler ist der Revolutionär, der schlussendlich erleuchtet und wie auch der Jeder­mann bekehrt wird: Es kommt in beiden Stücken zu einer Rückführung zu Gott hin. Hofmannsthals Salzburger Großes Welttheater ist inzwischen wahrscheinlich unaufführbar. In einem Gespräch mit BETTINA HERING hat sie betont, dass ein sol­ches Vorhaben nicht realisierbar wäre.

    Die Salzburger Festspiele florieren – es gibt sie noch immer nach über 100 Jah­ren. Könnte konzeptuell irgendwo angesetzt werden, um der Kritik, die wir hier äußern, zu begegnen? Was wäre zu ändern, was wäre zu retten? Sind es die Salzburger Festspiele wert, überhaupt gerettet zu werden? Wo liegt ein Erneue­rungspotenzial?

    RUTH BECKERMANN: Ich finde es unglaublich, dass sich die Jedermänner viel besser halten und dass es drei Mal so viele Buhlschaften gab. Ich habe einen Freund, der regelmäßig sagt, dass er alle 30 Jahre eine neue Frau sucht, die immer jünger sein muss. Ich nehme an, dass das auf die Fluktuation der Buhlschaft rekurriert. Män­ner im Allgemeinen, auch die Jedermänner, dürfen altern, während die Buhl­schaft ständig eine neue und jüngere sein muss. Eine einzige Ausnahme war die Besetzung der Buhlschaft mit CAROLINE PETERS.

    Zusätzlich ist es für mich unglaublich, dass die Salzburger Festspiele immer noch die Nazis hochhalten: Man flaniert im Karl-Böhm-Saal, man geht über den Herbert-von-Karajan-Platz. Es gibt in Salzburg 13 Straßen, die noch immer nach Nazis benannt sind. Institutionell ist hier nichts mehr zu retten. Es gibt genügend Menschen, die zu den Salzburger Festspielen anreisen wollen, in diese Stadt, in diese Hotels, die in diesen Sälen sitzen und sich Konzerte, Opern, Theater ansehen wollen. Solange es diese Personen gibt – und die wird es immer geben –, werden die Salzburger Festspiele bestehen bleiben. Dennoch sind es immer alte, weiße Menschen. Andere Menschen sieht man hier nicht. Salzburg ist in Summe eine extrem weiße Stadt. Solange diese Menschen unter sich sein wollen, wird es nichts Anderes geben. Die Ultima Ratio ist, dass wir schlussendlich nicht hier­herfahren müssen. Und der Widerspruch ist, dass ich trotzdem gerne herfahre.

    PIA JANKE: Interessant, dass wir dennoch alle hier sind.

    ROBERT HOFFMANN: Ich habe keine Vorstellung davon, wie sich die Festspiele ide­alerweise weiterentwickeln sollten. Glücklicherweise bin ich nicht Intendant der Salzburger Festspiele, denn es ist fast unmöglich, diese Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit auszuführen. Davon abgesehen sind und bleiben die Salzburger Festspiele ein Wirtschaftsbetrieb: Was bei alledem in der Öffentlichkeit derzeit kaum angesprochen wird, sind die ungemein hohen Kosten, die in den kom­menden Jahren für die geplanten Umbauten aufgewendet werden sollen. Es ver­wundert, dass darüber kaum diskutiert wird, gerade wenn man bedenkt, wo wie restriktiv sonst im Kulturbereich Geld investiert wird. Das sagt auch etwas über den Geist in dieser Stadt aus.

    RUTH BECKERMANN: Einen konstruktiven Vorschlag kann ich doch machen: Unter der Intendanz Gerard Mortiers wurde jedes Jahr eine Uraufführung in Auftrag gegeben, und die Uraufführung einer Oper könnten sich die Salzburger Festspie­le schon leisten. So wie die Salzburger Festspiele mit dem Jedermann gewissen Schauspielern die Bühne bieten, könnten sie etwas in Auftrag geben und da­durch neue Werke aus der Taufe heben. Das fehlt meiner Meinung nach völlig, und man muss festhalten, dass das ausschließlich unter Mortier so war, soweit ich im Bilde bin.

    PIA JANKE: Diese Praxis gab es auch vor Mortier bereits. Mortiers Leistung war es, den Gründungsmythos zu thematisieren, transparent zu machen und in Frage zu stellen. Ich denke, die Aufgabe ist es, wieder zu den Quellen zu gehen, die auch Robert Hoffmann herausgegeben hat, und zu rekonstruieren, wie man sich seit Jahrzehnten über Begriffe wie „Friedenswerk“, „völkerverbindend“ oder „europäisches Projekt“ legitimiert, die dort allesamt in ganz bestimmten ideolo­gischen Kontexten vorkommen.

    ROBERT HOFFMANN: So etwas wie eine auf das Internationale ausgerichtete Fest­spielideologie hat es meines Erachtens nie gegeben – oder nur in dem Sinne, dass man auf das Geld internationaler Gäste angewiesen war. Hofmannsthal hat um 1919 kleine Pamphlete über sein Verständnis der Salzburger Festspiele geschrieben, aber sie wurden in der Presse nie erwähnt oder ansatzweise disku­tiert. Diese Schriften haben erst viel später, und zwar unter Germanist*innen, eine gewisse Bekanntheit erlangt. In Salzburg ist damals eine andere Stimmung präsent gewesen, die katholisch oder national ausgerichtet war. Ein stückweit Internationales war auch dabei – man wollte ein internationales Publikum ha­ben. Dennoch gab es nie eine homogene Linie oder Ideologie wie etwa in Bayreuth. Die Ideologie der Salzburger Festspiele war – sogar im Akt der Gründung – heterogen. Selbst Mozart ist immer etwas untergegangen. Ich stimme darin zu, dass die Intendanz Mortiers in Vielem eine positive Ausnahme darstellte. Es ist vieles möglich hier, theoretisch wäre es auch möglich, jedes Jahr eine neue Oper in Auftrag zu geben.


    Das Festliche, Feiertägliche, Einmalige, das alle Kunst hat, und das auch das Theater zur Zeit der Antike hatte, und auch zur Zeit, da es noch in der Wiege der katholischen Kirche lag, das muß dem Theater wiedergegeben werden.

    aus: Max Reinhardt an die Salzburger Festspielhaus-Ge­meinde, zu Handen Herrn Ferdinand Künzelmann, 21. Juli 1918. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quel­len und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 286-391, S. 390.


    RUTH BECKERMANN

    Studium der Publizistik und Kunstgeschichte in Wien sowie der Fotografie an der School of Visual Arts in New York. Filmschaffende und freie Autorin. Zahlreiche Filmproduktionen, darunter der Dokumentarfilm Waldheims Walzer (2018) und Favoriten (2024). 2019 realisierte sie die Installation Joyful Joyce für die Salzburger Festspiele. Autorin, etwa von Leben! Juden in Wien nach 1945 (2008). 2019 konzipierte sie beim Europäischen Forum Alpbach die Splitscreen-Installation Europamemoria reloaded und die Gesprächsreihe Artists in Discourse: Keine Angst!.

    MAVIE HÖRBIGER

    Schauspielerin in Theater, Film und Fernsehen. 2001 Beginn ihrer Theaterkarriere am Schauspiel Hannover. Schauspielerische Tätigkeiten u.a. am Theater Basel und am Theater in der Josefstadt. Seit der Saison 2011/12 Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. 2021 Auszeichnung als Österreicherin des Jahres in der Kategorie Kulturerbe durch die Zeitung Die Presse. 2017-22 Engagement beim Jedermann bei den Salzburger Festspielen.

    ROBERT HOFFMANN

    Studium der Geschichte in Salzburg und Zürich. Lehrte bis zu seiner Pensionierung neuere und österreichische Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Er forscht und publiziert u.a. zur Gesellschafts-, Kultur- und Zeitgeschichte Salzburgs, Geschichte des Bürgertums in der Habsburgermonarchie, Tourismusgeschichte sowie Geschichte des Wohn- und Siedlungswesens. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses liegt derzeit bei der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne

    Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne

    Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele

    Mit GRETE WIESENTHAL (1885, Wien – 1970, Wien) und TILLY LOSCH (1903, Wien – 1975, New York), vor allem aber MARGARETE WALLMANN (1904, Berlin – 1992, Monaco) haben performende, tanzende, choreografierende und regieführende Frauen die frühe Zeit der Salzburger Festspiele bis 1938 mitgeprägt. Diese Namen stehen hier stellvertretend für etliche weitere Künstlerinnen, die aus heutiger Sicht dem sowohl formal als auch ästhetisch schwer einschlägig definierbarem Feld der „Kunst der modernen kreativen Körper-Bewegung“ zugehörig erscheinen. HEDE NILSON (geb. Hedwig Vetter, verheiratete Nilson, dann Schaffgotsch, aus Altona) war die erste Frau, die 1920 bei den ersten Festspielen in Max Reinhardts Jedermann für tänzerische Bewegung sorgte.

    Einige weitere Künstlerinnen können hier aus Platzgründen nur erwähnt werden, eine genauere Befassung würde jedoch neue spannende Passagen eröffnen. So etwa die schillernde MARIA LEY (aus Wien), die 1923 in Reinhardts Inszenierung des Eingebildeten Kranken als Colombine auftrat, aber auch für die Choreografie verantwortlich war. Viele Jahre später, 1936, lernte sie bei Reinhardt auf Schloss Leopoldskron ihren späteren Gatten Erwin Piscator kennen; oder die „nur“ als Tänzerinnen bzw. in tanzverwandten Partien angeführten Tamara Rauser (aus Kiew, später u.a. als Ballett-Lehrende an der Seite von Rosalia Chladek) und Ruth Landshoff (auch Landshoff-Yorck, aus Schöneberg, auch Autorin u.a. vom Roman einer Tänzerin), beide 1925 in der von Reinhardt inszenierten Grünen Flöte; oder Lily Spitz (später auch Calderon-Spitz, aus Wien, tätig in der freien Szene mit Hilde Holger und Hedy Pfundmayr, Assistentin von Grete Wiesenthal) im Reinhardt‘schen Sommernachtstraum 1927; oder die amerikanische Modern-Dance-Pionierin Helen Tamiris, die im Sommer 1928 im Rahmen ihrer Europa-Tournee auch in Salzburg vorbeischaute. Verwiesen sei hier auf die digital zugängliche Programm- und Besetzungs-Chronologie der Salzburger Festspiele1 sowie u.a. auf die zahlreichen Forschungsarbeiten von Edda Fuhrich und Gisela Prossnitz2 .

    Dass trotzdem vieles nach wie vor im Unklaren ist, nicht nur biografisch, sondern etwa auch zu welchen Bedingungen, Probenbedingungen, aber auch finanzieller Art, die Künstlerinnen engagiert worden sind, versteht sich auf Grund der im Bereich des Tanzes immer schwierigen Dokumentationslage fast von selbst. Darüber hinaus fehlen zur besseren Einschätzung der choreografischen und tänzerischen Sprache oft Fotos, vor allem aber filmische Mitschnitte. Wenn also im Filmarchiv Austria der eine oder andere Filmschnipsel auftaucht, der die Künstlerinnen und den Tanz bei den Festspielen offenbart, erhellt der Fund die Forschungslage. Zuletzt waren im Rahmen des Salzburger Projekts Faust 2023 zwei Minuten einer von Margarete Wallmann choreografierten Gruppen-Szene mit dem Ballett der Wiener Staatsoper, dem sie zu dieser Zeit bereits seit zwei Jahren vorstand, aus der Faust-Inszenierung von Max Reinhardt zu sehen. Wie Wallmann-Forscherin Ulrike Messer-Krol zu den einzigen erhaltenen Aufnahmen der berühmten Produktion anmerkt, war es wohl die vielsprachige Wallmann, die dem amerikanischen Filmteam für den Beitrag Faust-City at the Rock Riding School von 1936 aufgrund ihrer Englisch-Kenntnisse entgegengekommen sein könnte.3 Natürlich war es aber auch technisch einfacher, anstelle einer ins Englische zu übersetzenden, weil deutsch gesprochenen Schauspiel-Szene, etwa mit PAULA WESSELY und Ewald Balser, die mit vielen Tanz-Paaren besetzten, mitreißenden, volkstümlichen Szenen mit Musik von Bernhard Paumgartner aus dem Osterspaziergang nur mit einer englischsprachigen Einleitung zu zeigen. Möglicherweise gab es auch eine andere Verbindung zu Wallmann, die ein Jahr zuvor Tanzszenen in der amerikanischen MGM-Filmproduktion Anna Karenina mit Greta Garbo betreut hatte.

    Das weite ästhetische Feld der Tanzmoderne

    Die Genannten gehörten alle auf unterschiedliche Weise dem weiten Feld der facettenreichen, gestalterisch freien Tanzmoderne an und waren oftmals trotzdem – damals kein Widerspruch – z.B. mit der elitären Wiener Staatsoper auf Du und Du. Es wundert daher nicht, dass die Salzburger Tanz-Liste um Künstler*innen erweiterbar ist, die eindeutig eine modernisierte klassische Ballettform vertraten – also jene theatralische Repräsentationsform, die noch relativ kurze Zeit davor von einer sogenannten kritischen Avantgarde abgelehnt worden war. Das Ballett als ästhetisches Aushängeschild des Adels hatte auf institutionalisierten Bühnen den Geist der politischen Staatsform, den der Monarchie, widergespiegelt.

    Der durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges beförderte künstlerische Facettenreichtum im modernen Tanz, der sich durch Individualität und Eigenkreativität ohne die patriarchalen Muster der klassischen Ballettmeister darbot, bildet sich letztlich auch in den Entscheidungen des künstlerisch mäandernden, wenn auch wieder männlich besetzten direktorialen Leitungsbords der Festspiele ab. „Man“ engagierte jene Künstlerinnen, die bereits dem Netzwerk des Direktoriums bekannt waren, reagierte auch auf Tipps und machte so manchen Zufallstreffer. Gebraucht wurden die gestaltfreudigen, ausdrucksstarken Künstlerinnen – beide Adjektive sind Merkmale der Tanzmoderne – vor allem in Schauspiel- und Opernproduktionen. Selbständige Tanz-Programme waren nicht zentral angesetzt.

    Tatsächlich künstlerisch strategisch geplant wirkt aus heutiger Sicht das nicht zustande gekommene Gastspiel von Serge Diaghilews renommierten Ballets Russes. Das Ensemble stand für hochkarätige Gegenwartskunst, die aus einem reformierten Ballett-Gedanken heraus entwickelt worden war. Das Gastspiel wäre mit Sicherheit ein Höhepunkt gewesen. Im dafür geplanten Jahr 1924 fanden allerdings keine Festspiele statt. Schade, denn Salzburg hätte vermutlich mit der bahnbrechenden Choreografin Bronislawa Nijinska, der Schwester des großen Watzlaw Nijinsky, Bekanntschaft gemacht, die in eben diesem Jahr für den Impresario Diaghilew Werke schuf, die in die Tanzgeschichte eingingen. Reinhardt verpflichtete Nijinska allerdings 1931 für die Offenbach-Oper Hoffmanns Erzählungen in Berlin und 1935 für seine Verfilmung des Sommernachtstraums. Er besetzte selbst die Tänzerin Nini Theilade, die er aus früherer Zusammenarbeit kannte, als Erste Elfe.

    Bereits 1921 war auch die von Richard Strauss verehrte Ballets-Russes-Ballerina Tamara Karsawina mit ihrem Partner Laurent Novikoff in einem exklusiven DuoAbend, der zwei Mal wiederholt wurde, bei den Festspielen aufgetreten. Aber das war ein angeblich kurzfristig zustande gekommener Programmpunkt.4 Strauss war es auch, der Karsawina, die seiner Meinung nach beste Darstellerin der Frau Potiphar, 1923 an die Staatsoper für ein einmaliges Gastspiel in der von ihm komponierten Josephs Legende (Choreografie: Heinrich Kröller) einlud.

    Salzburg: Sprungbrett für Karrieren von Frauen

    Seitens der Festspiele ging es hier nicht um Überlegungen, ob man in der Sparte Tanz eine Frauenquote im Festspiel-Programm bedienen soll – eine Frage, die sich angesichts der im freien modernen Tanz dominierenden Frauen in allen Positionen gar nicht stellte –, sondern eher um die Frage, welche Kräfte aus unterschiedlichen Gründen zum Thema Bewegungskunst der Zeit entsprechend affin wirkten. Insofern war das Gastspiel des Balletts der Wiener Staatsoper 1926 unter dem Reformchoreografen Heinrich Kröller, der in Wien eng mit Operndirektor Richard Strauss zusammengearbeitet hatte, auch ein naheliegendes. Kröller brachte mit seinen in Wien erprobten Choreografien von Mozarts Les petits riens und Glucks Don Juan, die durch den Pergolesi-Opern-Einakter La serva padrona (Regie: Richard Mayr) ergänzt wurden, eine junge Generation an Solistinnen mit. Darunter war die vielgestaltige und aufregende Tilly Losch, die Reinhardt künstlerisch länger begleiten sollte. Als Schäferin bestimmte sie zusammen mit der Charaktertänzerin Hedy Pfundmayr, die als Schäfer auftrat, das Spiel um Eifersucht in Les petits riens ebenso markant wie sie einige der verführerischen Frauen-Figuren in Don Juan in Szene zu setzen wusste. Beide Darstellerinnen fielen weiter in Kröllers Choreografie des Wein, Weib und Gesang-Walzers in der Fledermaus (Regie: Josef Hietz) auf. Die einander als Paar prächtig ergänzenden Tänzerinnen machten sich auch abseits des Wiener Hauses am Ring mit gender-fluiden Partien in selbst entworfenen, kurzen choreografischen Nummern einen Namen.

    Kein Wunder, dass Losch und Pfundmayr bereits 1927 in Salzburg in einem eigenen, selbst zusammengestellten, heftig akklamierten Abend im Stadttheater auftraten, ergänzt durch den damals gern gesehenen, auch von Reinhardt mehrmals eingesetzten modernen Charakter-Tänzer Harald Kreutzberg. Gezeigt wurden neue, modische Ideen, darunter Pink and Blue boy und die zwei neuen Tänze Arabesken und Hände, die ganz auf die Bewegung der Hände ausgerichtet waren. Loschs Beitrag mündete einige Jahre später in einem Tanz-Film.5 Salzburg wird für Losch definitiv zum Sprungbrett in die internationale Karriere nach Übersee, denn 1927 choreografiert und tanzt sie für und in Reinhardts Neufassung des Sommernachtstraums, die noch im selben Jahr in New York gezeigt wird. Ihre ungewöhnlich intensive Bühnenwirkung führte sie nach Auftritten u.a. mit Fred Astaire und dem Ballettstar Anton Dolin, aber auch mit Lotte Lenya in der Uraufführung des Balletts Die sieben Todsünden von Bertolt Brecht, Kurt Weill und George Balanchine im Jahr 1933 nach Hollywood, wo sie sich u.a. in den Filmen The Garden of Allah von 1936 mit Marlene Dietrich und Charles Boyer sowie Duel in the Sun von 1946 mit Jennifer Jones und Gregory Peck spektakulär in Szene setzt. Sie reüssiert auch als Malerin.

    Grete Wiesenthal wiederum ist in den 1920er Jahren bereits die etablierte, zwischen Moskau und New York viel gereiste, zudem einige Jahre in Schweden ansässig gewesene Tanz-Künstlerin der frühen Moderne mit tänzerisch ekstatisch-dionysisch verbrämter Wien-Marke. Man wird sich auch gut 20 Jahre nach ihrem Debüt als freischaffende Künstlerin im Jahr 1907/08 noch erinnert haben, dass Hugo von Hofmannsthals Idee von einer neuen Sprache im Tanz durch Grete Wiesenthal tatsächlich Bühnen-Realität geworden war. Wiesenthal hatte mit ihrem Ausbruch aus dem klassischen Ballett und der Entscheidung, selbständig und unabhängig Karriere zu machen, nicht nur eine Position im Wiener Hofopernballett aufgegeben, sondern sich auf die Suche nach einer natürlichen Bewegungsweise, die keine Einengungen kennt, gemacht. 1928 taucht sie in Salzburg ausgerechnet in einem Gastspiel der Innsbrucker Exl-Bühne in Richard Billingers Perchtenspiel als schöne Perchtin auf. Bekannt werden ihre Fotos im Rollenkostüm mit halbnackter Brust.

    Mit Reinhardt war sie seit 1908 bekannt, zwei Jahre später hatte er sie für die Titelrolle und Gestaltung der Pantomime Sumurûn von Friedrich Freksa mit Musik von Friedrich Hollaender an die Kammerspiele nach Berlin geholt. In ihrem künstlerischen Leben ist sie als Tänzerin und Choreografin sowie als Anführerin ihres Ensembles und als Leiterin der Tanzabteilung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien tätig. In der europäischen Tanzmoderne ist sie die erste Künstlerin, die darüber hinaus eine Tanzweise geschaffen hat, die sich zur Weitergabe eignet – und zwar die Wiesenthal-Tanztechnik. In Salzburg war sie als Choreografin für Schauspiel – u.a. bei Hofmannsthals Jedermann – und Musiktheater bis 1959 immer wieder präsent, allerdings nur mit einem einzigen eigenen Tanz-Abend, gemeinsam mit Toni Birkmeyer im Jahr 1928.

    Max Reinhardts rhythmischer Tanz-Zauber

    Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vision Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur idealen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner Ideen brauchte. Er selber liebte es ja, neue Formate auszuprobieren. Gemeinsam mit Karl Vollmoeller hatte er etwa das sprachlose Stück Tanz-Theater Das Mirakel – damals als Pantomime bezeichnet – mit Musik von Engelbert Humperdinck seit 1911 elf Mal überarbeitet. 1925 lief es mit Tänzen u.a. von Ilse Larsen auch in Salzburg. In den Wiener Aufführungen, zwei Jahre später im Zirkus Renz, lieh sich der Reinhardt-erprobte Choreograf Ernst Matray die Tanzgruppe der expressionistischen Wiener Choreografin Gertrud Bodenwieser aus.

    Mit Hofmannsthal hatte Reinhardt z.B. das Märchenballett Die grüne Flöte entwickelt, das 1916 erfolgreich im Berliner Wintergarten lief und 1925 in Salzburg mit der Internationalen Pantomimen-Gesellschaft von Matray mit Katta Sterna, Maria Solveg und Losch in seiner Regie mit Musik von Mozart neu herauskam.6 Reinhardt benötigte und nutzte sozusagen die kreative moderne Tänzer*innenschaft. Hofmannsthal beschreibt Reinhardts tanzaffine Besonderheit. Mit einem jeweils eigenen Rhythmus versucht er, „zu einer organischen, leidenschaftlich bewegten Einheit“ zu gelangen. Hofmannsthal äußert sich dazu wie folgt: „[…] er [Reinhardt] erfasst mit der tiefsten Seele die fließende Bewegung, die jedem Drama innewohnt, und hat einen genialen Instinkt für die inneren Veränderungen in dieser Bewegung, die man dem Zuschauer fühlbar machen muss, um ihn durch einen rhythmischen Zauber in eine Art Trance zu bringen“7 .

    Nicht nur der Rhythmus, sondern auch weitere künstlerische Merkmale, die Reinhardts Werk auszeichneten und die Erika Fischer-Lichte mit drei konstitutiven Merkmalen benennt, entsprachen im Wesentlichen ebenso der Tanzmoderne: „[…] die Schaffung neuer Räume […], die Schaffung von Atmosphären […] und die Bewegung der Schauspieler als die dynamischer und energetischer Körper“8.

    Ein Blick in seine Regie-Bücher zum Shakespeare‘schen Sommernachtstraum im Theatermuseum Wien bestätigt die Berichte von der Präzision der Reinhardt‘schen Vorgangsweise. Er hatte sehr genaue Vorstellungen davon, welche Wirkung Bewegungsregie und Choreografie erzeugen sollten.9 Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten. Entweder gingen der Niederschrift im Regie-Buch intensive Gespräche mit der Choreografin und Tänzerin voraus, oder seinen Vorstellungen sollte entsprochen werden.

    Der Stellenwert des Tanzes in der Salzburger Festspielprogrammatik

    Insofern gebe ich Gunhild Oberzaucher-Schüller Recht, die in ihrem ausführlichen und reich bebilderten Katalog-Text Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert. Bühnentanz bei den Salzburger Festspielen anlässlich der Ausstellung Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele im Jüdischen Museum in Wien 2021 u.a. die künstlerisch-ästhetischen Formen betrachtet und feststellt, dass vor allem Reinhardt und Hofmannsthal Tanz als Baustein in der Programmatik der Salzburger Festspiele gar nicht erst anführen mussten, weil er ihnen ohnedies logisch erschienen ist.10 Wie sie weiters ausführt, fiel der moderne Tanz nach der Verfemung seiner vorwiegend jüdischen Protagonist*innen durch die NS-Diktatur in der Programmierung der Festspiele anteilmäßig auf ein Minimum zurück. Nur punktuell kam es immer wieder zu größeren Gastspielen.

    Auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Gründung schaffen es die Festspiele nicht, Tanz konsequent zu programmieren und, wenn sie zuletzt 2023 dann doch ein Gastspiel, kein Auftragswerk, ansetzen, erscheint auch dieses Mal die dramaturgische Begründung unklar.

    Stephanie Schroedter, die 2004 in ihrem Beitrag Der Tanz bei den Salzburger Festspielen. Zufälle, Zwischenfälle und glückliche Fügungen u.a. die mediale Rezeption des Tanzes bei den Festspielen erforscht hat, merkt die Nichterwähnung des Tanzes in der Festspielprogrammatik als offensichtlichen Nachteil für die Tanzkunst an.11 Aus der Historie heraus lässt sich, abgesehen von Reinhardts und Hofmannsthals Affinität zu Rhythmus und geformter Körperbewegung, die Nichtprogrammierung bis zu einem gewissen Grad verstehen, da Anfang der 1920er Jahre weder breit anerkannte Lehrmethoden zur Moderne etabliert worden waren – bis dahin dauerte es noch einige Jahre – noch der Moderne Tanz als fixe Größe etabliert war. Es wäre also aus heutiger Sicht wiederum sehr früh gewesen, hätten die Salzburger Festspiele sich bereits Anfang der 1920er Jahre entschieden, künstlerischen Tanz als fixen Bestandteil in ihre Dramaturgie aufzunehmen. Es hätte dafür auch eine Position im Gremium gebraucht. Diese fehlt bis heute. Da wiederum ließe sich spekulieren, ob eine solche dramaturgisch handelnde Persönlichkeit dann auch Namen wie Gertrud Bodenwieser – sie war als Erneuerin im Wiener Theaterleben verankert – oder Mary Wigman – „die“ deutsche Persönlichkeit des Ausdruckstanzes – angefragt hätte, also nach der choreografischen Sprache und nicht vorrangig nach der musikalischen Entsprechung gesucht hätte. Beide Künstlerinnen verfügten über eigene Tanzensembles.

    In allen umgesetzten Fällen aber handelte es sich um künstlerischen Bühnentanz auf hohem Niveau, um Ausdrucksformen, die als anspruchsvoller Zeitgeist und verbürgter Trend gehandelt wurden und nicht einer subversiven, randständigen oder polarisierenden Ästhetik entsprachen. Es ging nicht um ein Konterkarieren des Festspielprogramms durch neue performative Ansätze, leider aber auch nicht um eine erkennbare tanzdramaturgische Hand, sondern vielmehr, wie bereits erwähnt, um ein fast instinktiv wirkendes Be- und Verstärken der Reinhardt‘schen Festspiel-Idee, wobei bei den tanzaffinen Engagements, die von choreografischer Bewegungsregie in Oper und Schauspiel, die nicht nur Tanzende miteinschlossen, bis zu Gastspielen fertiger Produktionen und kleineren Tanzabenden unterschiedliche Formate möglich waren. Große Auftragswerke allerdings finden sich kaum.

    Von der Tanz- zur Opernregie: Margarete Wallmann

    Die meisten Tanz-Künstlerinnen, die oftmals Tänzerin, Choreografin, Regisseurin, Ensembleleiterin und kaufmännische Verantwortliche in einer Person waren, wiesen Merkmale freischaffender Künstlerinnen auf. Wohl werden in den 1930er Jahren in Wien Vereine zum Requirieren von Geldern gegründet, darunter von Bodenwieser und von Wiesenthal, meist aber war es – wie heute – die Kombination aus Unterricht und Studioführung sowie weiterer Kurstätigkeit samt Unterstützung von Familie und Freund*innen, die persönlichkeitsgebundene Kreation und Verbreitung von Kunst finanziell erst ermöglichten. Die Mitglieder der TanzEnsembles waren damals oft Schülerinnen und Absolventinnen aus dem eigenen Studio. Das galt für Wiesenthal ebenso wie für Bodenwieser. Anders als im musikalischen Leben, das Konzertagenturen für Gastspiele, Werbung und Verbreitung aufweist, mühen sich die freien Tanzschaffenden oftmals in Eigenregie mit dem Anleiern und Aushandeln von Gastspielen ab.

    Und dann kommt 1931 die 27-jährige Margarete Wallmann12, später auch wegen ihrer Feminität von Erwin Kerber „Wallfrau“13 genannt, aus Berlin an die Salzach, die Dirigent Bruno Walter auf Empfehlung des Regisseurs Karl Heinz Martin für die Tänze in der Gluck-Oper Orfeo ed Euridice engagiert hat. Walter wird später schreiben: „Wir haben von da an viel miteinander gearbeitet, und mir wurde jede neue gemeinsame Aufgabe durch ihr waches Verständnis und ihre erstaunliche Fähigkeit zu phantasievoller tänzerischer oder pantomimischer Ausdeutung der Musik erleichtert.“14 Zudem bringt Wallmann – die Ballett unter anderem bei Heinrich Kröller in München studiert hatte, ehe sie zur modernen Mary Wigman nach Dresden gewechselt war – eine besondere Truppe flexibler Tänzer*innen mit: Das Tänzer-Kollektiv, das sie 1930 gegründet hat und das bald mehr als 30 Mitglieder zählte. Ein freies, bühnenunabhängiges Ensemble, das in dieser Größe zu dieser Zeit seinesgleichen suchte.

    Zu den Tänzer*innen zählten unter anderem Dorothea Albu, Dodo Brown, Edith Türckheim, Mila Cirul, Andrei Jerschik und Jolas Coutsoudis. Wallmann setzt mit ihrem Verständnis vom „chorischen Bewegungsdrama“, wie Librettist Felix Emmel die neue Form im Programmtext beschreibt, auf die große Gruppe als Gestaltungsmittel für das Mysterienspiel Das jüngste Gericht15 und greift dafür – für Tanz ungewöhnlich – auf Orgelwerke des seit den 1920er Jahren wiederentdeckten Barock-Komponisten zurück.16

    In fünf Bildern Die Reichen und die Armen, Der Zug der Toten, Der Tag des Gerichts, Die Verdammten und Die Erlösten versteht es Wallmann, „Gruppen- und Einzeltanz wirksam zu kontrastieren und zu unerhörten Steigerungen zu führen“17, und tritt darin auch noch selbst auf. Als erste Choreografin bei den Festspielen kann Wallmann ein selbst inszeniertes, handlungsgeleitetes, rund neunzigminütiges Tanz-Werk in fünf Bildern im Festspielhaus zeigen, wenn auch nur in einer einzigen Matinee am 22.8.1931. Salzburg rühmt sich dieser Uraufführung, in der Efrem Kurtz das Mozarteum-Orchester dirigiert. Das Neuigkeits-Weltblatt bezeichnet Emmels und Wallmanns „Experiment“ sogar als „ein Pendant zu Jedermann“ und das Resultat ein „Meisterwerk moderner Choreographie“18. Ulrike Messer-Krol meint dazu, dass diese Produktion komplett in der Berliner Wigman-Schule erarbeitet und geprobt worden war, die Ausstattung mit dem eindrucksvollen großformatigen Treppen-Aufbau musste wohl in Salzburg erstellt werden. Finanzielle Unterstützung für Wallmanns Unternehmungen, auch für die Festspiele, kam von ihren wohlhabenden Eltern und Verwandten, auch aus den USA. 1932 wird das Jüngste Gericht zwei Mal aufgeführt und hat es jeweils auf einen Abendtermin geschafft. Das Salzburger Volksblatt resümiert daraufhin: „Die Tänzergruppe Margarete Wallmann […] hat überzeugend bewiesen, dass sich der Tanz als selbständige Ausdruckskunst neben den gewohnten Kunstgattungen (der Festspiele) durchaus behaupten kann.“19

    Erst 1954 wird Wallmann – nach ihrer Rückkehr aus dem südamerikanischen Exil – bei den Festspielen wieder mit einem Tanzabend vertreten sein. Ihr 1934 angetretenes Engagement als Ballett-Leiterin der Wiener Staatsoper hat Tanz-Kreationen in Wien zur Folge, in Salzburg aber entstehen „nur“ noch Tanzeinlagen und Bewegungsregie in Opern, die allerdings ihr Talent für selbständige große Regie bestärkt haben dürften. Auch wenn sie im Exil in Buenos Aires das Ballett-Ensemble aufbaut und nach dem Zweiten Weltkrieg jenes an der Mailänder Scala leitet, wird sie eine der ersten international tätigen Opernregisseurinnen mit durchschlagendem Erfolg. Etliche Uraufführungen gehen auf ihr Konto, u.a. Francis Poulencs Les Dialogues des Carmélites an der Mailänder Scala im Jahr 1957. Ihre Tosca-Inszenierung ist seit 1958 im Repertoire der Wiener Staatsoper. 2020 wurde in Salzburg am Max-Reinhardt-Platz im Rahmen des Kunstprojektes von Gunter Demnig ein Stolperstein in Erinnerung an Margarete Wallmann verlegt.20 Auch Hedwig Schaffgotsch wurde mit einem Stolperstein bedacht.21


    Anmerkungen

    1. Vgl.: N. N.: Salzburger Festspiele Archiv. https://archive.salzburgerfestspiele.at/ (16.10.2023); Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte in Daten, Zeitzeugnissen und Bildern. Band I: 1920-1945. Salzburg: Residenz Verlag 1990. ↩︎
    2. Vgl.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele. ↩︎
    3. Vgl.: Messer-Krol, Ulrike / Messer, Erwin: Margarethe Wallmann. Eine Frau mit vielen Talenten: Tänzerin, Choreografin, Regisseurin. In: Der Neue Merker 4/2018, S. 2-7. Danke für die Einschätzung an Ulrike Messer-Krol sowie an Margarethe Lasinger (Archiv der Salzburger Festspiele); Filmarchiv Austria: Filmausschnitt aus Reinhardts „Faust“-Inszenierung. In: N. N.: Mozarts Footsteps. Ohio: Bell & Howell Filmosound Library 1936, ca. 2 Minuten, schwarz-weiß. ↩︎
    4. Vgl.: Schroedter, Stephanie: Der Tanz bei den Salzburger Festspielen. Zufälle, Zwischenfälle und glückliche Fügungen. In: Oberzaucher-Schüller, Gunhild / Brandenburg, Daniel / Woitas, Monika (Hg.): Prima la danza! Festschrift für Sybille Dahms. Würzburg: Könighausen & Neumann 2004, S 425-474, S. 426. ↩︎
    5. Vgl.: Bel Geddes, Norman: Miss Tilly Losch in her Dance of the Hands, USA 1930-1933, ca. 7 Minuten, schwarz-weiß; Faber, Monika / Vukovic, Magdalena (Hg.): Tanz der Hände. Tilly Losch und Hedy Pfundmayr in Fotografien 1920-1935. Wien: new academic press 2013. (Begleitbuch zur gleichnamigen Fotoausstellung im Photoinstitut Bonartes Wien, in deren Rahmen Andrea Amort in Kooperation mit Virginie Roy eine Performance zum Thema Hände mit drei TänzerInnen des Studiengangs Tanz der MUK Wien kuratierte). ↩︎
    6. Vgl.: Schmid, Gisela B.: Die grüne Flöte. In: Mayer, Mathias / Werlitz, Julian (Hg.): Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler Verlag 2016, S. 270; Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert. Bühnentanz bei den Salzburger Festspielen. In: Patka, Marcus G. / Fellner, Sabine (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Residenz Verlag 2021, S. 160-179, S. 165-167. ↩︎
    7. Hofmannsthal, Hugo von: Reinhardt bei der Arbeit. In: Schoeller, Bernd (Hg.): Hugo von Hofmannsthal. Gesammelte Werke. Reden und Aufsätze II, 1913-1924. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1979. Zit. n.: Koberg, Roland / Stegemann, Bernd / Thomsen, Henrike (Hg.): Max Reinhardt und das deutsche Theater. Texte und Bilder aus Anlass des 100jährigen Jubiläums seiner Direktion. Berlin: Henschel Verlag 2005, S. 99. ↩︎
    8. Fischer-Lichte, Erika: Sinne und Sensationen. Wie Max Reinhardt Theater neu erfand. In: Koberg, Roland / Stegemann, Bernd / Thomsen, Henrike (Hg.): Max Reinhardt und das deutsche Theater, S. 14. ↩︎
    9. Vgl.: Reinhardt, Max: Regie-Bücher zum Sommernachtstraum. https://www.theatermuseum.at/online-sammlung/detail/578727/ (31.10.2023). ↩︎
    10. Vgl.: Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Von einem ersten Anliegen zur Marginalie degradiert, S. 161-162. ↩︎
    11. Vgl.: Schroedter, Stephanie: Der Tanz bei den Salzburger Festspielen, S. 427. ↩︎
    12. Vgl.: Amort, Andrea: Margarethe Wallmann. Jewish Women’s Archive. https://jwa.org/encyclopedia/article/wallmann-margarete (20.10.2023). ↩︎
    13. Wallmann, Margarita: Les balcons du ciel. Paris: Editions Robert Laffont 1976, S. 29. ↩︎
    14. Walter, Bruno: Thema und Variationen. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1967, S. 455. Zit. n.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela (Hg.): Die Salzburger Festspiele, S. 115. ↩︎
    15. Vgl.: Amort, Andrea: Margarethe Wallmann. Das jüngste Gericht. In: Dahlhaus, Carl (Hg.): Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Oper – Operette – Musical – Ballett. München: Piper Verlag 1997, S. 639-641. ↩︎
    16. Vgl.: Emmel, Felix: Das jüngste Gericht. Bewegungsdrama. Berlin: Verlag der Merkur-Buchhandlung 1931, S. 33; Wallmann, Margarita: Les balcons du ciel, S. 36-37. ↩︎
    17. Salzburger Volksblatt, 9.8.1932. ↩︎
    18. Neuigkeits-Weltblatt, 29.8.1931. ↩︎
    19. Salzburger Volksblatt, 9.8.1932. ↩︎
    20. Vgl.: N. N.: Margarete Wallmann. https://www.stolpersteine-salzburg.at/stolperstein/wallmann_margarete/ (20.10.2023). ↩︎
    21. Vgl.: N. N.: Hedwig Schaffgotsch. https://www.stolpersteinesalzburg.at/stolperstein/schaffgotsch_hed
      wig/ (20.10.2023). ↩︎

    ANDREA AMORT

    Studium des Klassischen Balletts und des Modernen Tanzes sowie der Theaterwissenschaft. Tanzkritikerin, Tanzhistorikerin, Dramaturgin und Kuratorin. 2019-20 Kuratorin der Ausstellung Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne im Theatermuseum Wien. Herausgeberin zahlreicher Publikationen und künstlerische Leiterin von Aufführungsprojekten, darunter Glückselig. War gestern, oder? Eine Aneignung. Tanzproduktion um Grete Wiesenthals Tanzweise als Ausgangspunkt individueller Neudefinition (2023) am Theater brut nordwest.

  • Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Über Rosenkavalier-Inszenierungen bei den Salzburger Festspielen

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Salzburger Festspiele generell in Hinblick auf Gender-Aspekte – siehst du hier ein besonderes Bewusstsein für solche Fragen oder eher nicht?

    ANKE CHARTON: Das ist eine große Frage gleich zum Einstieg, und meiner Antwort muss ich ein doppeltes Caveat vorausschicken: Einerseits ist meine Perspektive auf die Salzburger Festspiele die einer Besucherin und nicht die einer mitarbeitenden Person. Festspielpublikum zu sein, ist (leider) keine Profession, im Gegensatz zur Musiktheater- und Geschlechterforschung, in der ich unterwegs bin. Andererseits sind die „Gender-Aspekte“ über die lange Geschichte der Salzburger Festspiele hinweg immer wieder andere gewesen, sind also nicht gut zu verallgemeinern.

    Mit einer Oper wie dem Rosenkavalier können wir über konventionelle binäre Geschlechterrollen sprechen, über die Cross-Casting-Praxis innerhalb eines solchen Referenzrahmens, aber auch über Zwischenräume, Übergänge und bewusste Unschärfen, die sich einer binären Logik potenziell verweigern. Die Debatte um Geschlechterrollen war zur Zeit der Uraufführung 1911 und der Festivalgründung 1920 nicht weniger intensiv als jetzt, hatte aber andere inhaltliche Akzente – einfach, weil der gesellschaftliche Kontext inzwischen ein anderer ist. Vor 100 Jahren hätte man z.B. nicht an einem Sommer-Wochenende auf einer der vielen europäischen Pride Parades sein können und am Wochenende darauf bei den Salzburger Festspielen. Die Emanzipationskämpfe im Bereich von Geschlechterrollen spielen sich inzwischen woanders ab, etwa in Bezug auf Intersektionalität oder auf Teilhabe von Trans*personen.

    Dass sich die Salzburger Festspiele hier explizit am Diskurs beteiligen, sehe ich als Besucherin so nicht, zumindest nicht im Bereich Musiktheater. Das finde ich allerdings auch nicht überraschend für einen solchen „Festspiel-Tanker“, der auf ein breites internationales Publikum hin ausgerichtet ist und eher mit einem konservativen Selbstnarrativ in Verbindung gebracht wird.

    PIA JANKE: Mir kommt vor, dass sich bei den Salzburger Festspielen im Bereich des Schauspiels in den letzten Jahren einiges in Hinblick auf die Problematisierung tradierter Geschlechterbilder getan hat, im Bereich der Oper aber kaum. Wieso ist das so, sind die Sphären der klassischen Musik und des Musiktheaters generell Bereiche, die konservativer sind und in denen patriarchale, autoritäre Strukturen immer noch dominant sind, oder ist das ein Salzburger Spezifikum?

    ANKE CHARTON: Für das Schauspiel würde ich dir zustimmen, da gibt es eine größere Offenheit sowohl in den Inszenierungen als auch im Repertoire, übrigens auch in den Early-Career-Formaten, den Outreach-Programmen und alledem, was oft Einzel-Veranstaltungen jenseits der Repertoire-Blockbuster sind. Da sind sehr innovative, tagesaktuelle Formate dabei. Dass sich im Musiktheater weniger bewegt, mag eine bewusste Marketing-Entscheidung der Salzburger Festspiele sein, liegt für mich aber zentral im Repertoire begründet. Die Opernstandards insbesondere des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts, die das Salzburger Profil prägen, bringen Geschlechterbilder mit, die im 21. Jahrhundert so nicht mehr gelten. Diese Bilder kann man weiter tradieren oder dezent umschiffen, oder man kann sie herausfordern.

    Dieses Herausfordern, als Arbeit an gesellschaftlichen Reibungsflächen, kann eine Festival-Identität prägen, wie das z.B. gegenwärtig bei den Wiener Festwochen oder auch in Aix-en-Provence sichtbar wird, aber so haben sich die Salzburger Festspiele nicht positioniert. Natürlich gibt es auch in Salzburg Raum etwa für die klassische Moderne (was jetzt kein Herausfordern patriarchaler, autoritärer Strukturen ist) – 2024 gibt es Schönberg, Weinberg, Prokofjew, aber neben Mozart, Offenbach und Strauss. Dass am Rande auch Olga Neuwirth gespielt wird (mit ihrer Filmmusik zu Stadt ohne Juden), macht vor allem die Abwesenheit weiblicher Kompositionshandschriften im Hauptprogramm sichtbar.

    Ähnlich ist das Geschlechterverhältnis in der Regie: Den neuen Don Giovanni verantwortet Castellucci szenisch, aber auch das ist keine Regiesprache, in der Geschlechterbilder zentral hinterfragt würden. Dazu Carsen, Sellars und Warlikowski: alles sehr etablierte Regisseure. Dazu immerhin MARIAME CLÉMENT, allerdings auch keine Unbekannte mehr, für Les Contes d’Hoffmann. Vielleicht ist auch in Salzburg klar, dass „All Male Panels“ – wie das im Wissenschaftsbetrieb auf Konferenzen heißt, wenn alle Vorträge einer Sektion von Männern gehalten werden –, eben nur eine eingeschränkte Perspektive auf den Zustand, die Wünsche und die Herausforderungen einer ganzen Gesellschaft liefern können.

    PIA JANKE: Herbert von Karajan hat fast ein Drittel der Salzburger Festspielgeschichte dominiert, seine Zeit scheint mir wenig aufgearbeitet zu sein. Kritische Stimmen sehen in Karajan den typisch männlichen „Diktator“, er steht für sie für das männliche Genie, das alles bestimmen und kontrollieren wollte und bei dem Frauen, vorrangig Sängerinnen, auf ihre traditionelle Rolle festgelegt waren. Wie siehst du das?

    ANKE CHARTON: Ganz kurz: Ja, ja und ja, obwohl auch da natürlich der gesellschaftliche Kontext ein anderer war und im Zusammenhang damit auch die sozial akzeptierte Vorstellung eines Dirigenten oder Festspielleiters. Sicherlich wäre es an der Zeit für ein größeres, interdisziplinäres Forschungsprojekt, das hier Bühnenästhetik und Festspielpolitik als ein Kontinuum befragt. Zu all den Anekdoten zu Karajans Führungsstil kommt beispielsweise hinzu, dass genau dieser Stil durch einen Zeitgeschmack gestützt und gewollt wurde und Sehnsüchte bestimmter gesellschaftlicher Gruppierungen bedient hat. Und Karajans idiosynkratisches Casting hat auch dazu geführt, dass Sängerinnen, die sich in der internationalen Logik bestimmte Repertoires sonst nicht hätten erarbeiten können, hier Rollen ausprobieren konnten – so wie z.B. AGNES BALTSA als Octavian, aber auch ANNA TOMOWA-SINTOW als Marschallin.

    PIA JANKE: Entspricht Karajans musikalische und szenische Ästhetik, also die, die er vorrangig in Salzburg realisiert hat, einem Weltbild mit herkömmlichen Rollenverteilungen?

    ANKE CHARTON: Das im Jahr 2024 als Frau aus der Distanz mit „ja“ zu beantworten, ist leicht, sicherlich zu leicht, da es die Verschiebung gesellschaftlicher Normvorstellungen nur in der Retrospektive wahrnimmt. Genau hierfür würde ein Forschungsprojekt den Rahmen bieten, um das historisch präzise aufzuarbeiten, z. B. über Zeitzeuginnen und ehemalige Mitarbeiterinnen, deren (teils chiffrierte) Möglichkeiten, Rollenverteilungen auch in Frage zu stellen, die sich aus einer unbeteiligten Gegenwartsperspektive nur eingeschränkt darstellen lassen.

    Die sogenannte „Karajan-Ästhetik“ gehört aber in einen zeitgeschichtlichen Kontext, der das Glatte, Monumentale, vermeintlich Apolitische und Universale favorisierte, ganz in der Verdrängungslogik der Nachkriegsgeschichte. Stephan Mösch von der HfM Karlsruhe hat das vor ein paar Jahren in einem Vortrag hervorragend analysiert anhand des Wiener Mozart-Stils der 1950er unter Karl Böhm.

    PIA JANKE: Die Salzburger Festspiele waren immer auch ein Ort, an dem Diven „kreiert“ wurden, man denke nur, in neuester Zeit, an Anna Netrebko oder ASMIK GRIGORIAN. Auch CECILIA BARTOLI ist hier tätig, nicht nur als Sängerin, sondern auch als Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele. Welche alten oder aber neuen Frauenbilder werden mit solchen Diven mitgeprägt?

    ANKE CHARTON: Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Die Leitungsposition von BARTOLI bietet sicherlich mehr Entscheidungsspielraum als ein Bühnenengagement, das aber die größere Strahlkraft haben kann in Bezug auf medienwirksame Frauenbilder. Frauen in Führungspositionen bedeuten aber auch nicht grundsätzlich ein Engagement für Gleichberechtigung, für feministische Themen oder für weibliche Regiehandschriften. Ein Festspielbetrieb mit der Größe und der Geschichte Salzburgs ist auch nochmal eine eigene Herausforderung, jenseits aller Intentionen. Das braucht Zeit und hängt auch von kulturpolitischen Entscheidungen ab. (Eine Randnotiz: An dem Tag, an dem wir dieses Gespräch führen, wird Markus Hinterhäuser für fünf weitere Jahre als Festspielleiter bestätigt. Ich bin gespannt, was er in dieser längeren Laufzeit nun für Akzente setzen kann.)

    Die Figur der „Diva“ ist hingegen immer eine Chiffre von Emanzipation innerhalb eines klar etablierten Geschlechterbildes, wo die Überschreitung dann positiv als mondän gelesen wird, ohne wirklich die Grundkonstellation zu verändern (es gibt einen schönen Sammelband zur Sängerin als Diva zu dieser Dynamik).1 Sicherlich prägen individuelle Künstlerinnen auch Geschlechterbilder, die in eine bestimmte Zeit passen, aber Künstlerinnen werden umgekehrt auch passend gemacht. Bei NETREBKO erinnere ich mich an die M22-Ausgabe von den Festspielen 2006, da gab es auf dem DVD-Set zur stilbildend wirkenden Guth-Inszenierung von Le nozze di Figaro Interviews als Extras.2 Netrebko, damals als Susanna, wurde im Freien interviewt, bei launiger Sommerstimmung, und dann fanden sich beiläufige Aussagen, die – würde ich vermuten – ganz bewusst so zusammengeschnitten waren, dass sie einem Diva-Bild entsprachen, das den Erfolg der Traviata 2005 über die Persona Netrebko wesentlich mitbegründet hatte. Und GRIGORIAN, um auf dein anderes Beispiel zu sprechen zu kommen, wird seit dem Pferdekopf in der Salome auch gern auf eine Dualität von unterkühlt und unbedingter szenischer Verausgabung reduziert, die dem Ausdrucksspektrum der Sängerin nicht gerecht wird und die vermutlich nur bedingt selbstgewählt ist.

    Dass ich hier gleich Beispiele parat habe, zeigt aber auch, dass bei den Festspielen tatsächlich Frauenbilder geprägt werden – durch Sängerinnen, aber eben auch durch das Marketing. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Musiktheater. Man denke nur, kurzer Exkurs ins Schauspiel, an die übergriffige Skandalisierung von VERENA ALTENBERGERS Kurzhaarfrisur im Zusammenhang mit ihrer Besetzung als Buhlschaft im Jedermann – da wurde ein reaktionäres Frauenbild herausgefordert und im Schnappreflex verteidigt in der Presse wie auch in den sozialen Medien. (Nächste Randnotiz: Das Jelinek-Forschungsnetzwerk hat 2022 für sein Kapital.Geschlecht-Symposium ein Szenenfoto aus diesem Jedermann verwendet für das Veranstaltungsposter. Es hängt heute bei mir im Büro.)

    PIA JANKE: Hofmannsthals und Strauss‘ Der Rosenkavalier ist eines der „Identitätsstücke“ der Salzburger Festspiele. Welche tradierten oder aber neuen Gender-Entwürfe siehst du in dieser Oper? Immerhin gibt es hier eine Hosenrolle, die komplex angelegt ist: eine Frau singt einen Mann, der sich wiederum als Frau verkleidet und zwischen den Geschlechtern zu changieren scheint.

    ANKE CHARTON: Was der Rosenkavalier, in Salzburg und auch anderswo, auf jeden Fall hat, ist eine Fähigkeit, wechselnde Geschlechterdiskussionen zu tragen und mit einprägsamen Bildern mitzugestalten. Chamberlain hat z.B. 1912 für die englische Erstaufführung das Bett aus dem ersten Akt entfernen lassen, nicht aber das Bett im Beisl im dritten Akt.3 Grund waren offenbar Sorgen um die offene Darstellung von Ehebruch, vor allen Dingen aber um die Sichtbarkeit von weiblicher Homosexualität; beide Bedenken entzündeten sich an der von dir angesprochenen Figur des Octavian. Und beide Aspekte waren Teil gesellschaftlicher Debatten, die bereits Hofmannsthal und Strauss zur Entstehungszeit der Oper umgaben.

    Wissen und Intention seitens dieser Autoren ist ein Aspekt, die vielseitige Lesbarkeit seitdem ist ein anderer, das lässt sich auch gut an den Formulierungen in der Forschungsliteratur ablesen. Eine „Hosenrolle“ – über das Thema habe ich anderswo ausführlich geschrieben4 – ist bereits eine Konstruktion, ab etwa dem späten 18. Jahrhundert, die daran hängt, dass eine jugendliche Männer-Partie von einer Frau gesungen werden soll, im Gegensatz zur früheren Praxis, bei der das Geschlecht jenseits der Bühne meistens kein Kriterium für die Besetzung war. Auch das bewusste Unterlaufen von Zuschreibungen, das du beschreibst – die Sängerin als junger Mann, der dann im Plot als Frau verkleidet wird –, verlässt sich auf genau diese Konvention und ist ein etabliertes Muster im Opernrepertoire, von Cherubino über Octavian bis Fatinitza. Das spielt mit tradierten Geschlechterbildern, fordert sie aber nicht nachhaltig heraus.

    Gleichzeitig schaffen solche Partien aber auch eine – chiffrierte – Sichtbarkeit für Menschen, die sich in diesen durchgespielten Möglichkeiten wiedererkennen und durch sie verständigen; das zeigt sich insbesondere auch beim Rosenkavalier. Insofern liegt in der ursprünglichen Arbeit von Hofmannsthal und Strauss schon das Potenzial, Gender-Entwürfe herauszufordern – und ich würde argumentieren, dass sie dieses Potenzial bewusst einkalkuliert haben und es bewusst mainstream-fähig gehalten haben –, aber es ist eine Frage von Inszenierung, Interpretation und Rezeption, ob dieses Potenzial weitergehend ausgespielt wird. In fast allem anderen ist der Rosenkavalier aus heutiger Perspektive erzkonservativ: in der nostalgischen Klasseninszenierung; in den spätkolonialen Auswüchsen in der Figur des schwarzen5 minderjährigen Dieners der Marschallin oder des Lokalkolorits der „Kronländer“ beim Lever und beim Aufmarsch zur Rosenüberreichung; in der abwertenden Charakterisierung Sophies als ignoranter junger Aufsteigerin; in der misogynen Ungleichbehandlung der sexuellen Selbstbestimmung von Männern und Frauen (zwar hat die Marschallin ihre Affäre, aber die Stigmatisierung durch das Alter folgt auf dem Fuße, verbrämt mit einer Dosis katholischer Bußfertigkeit, während Ochs seine sexualisierten Gewaltfantasien gegenüber sozial unter ihm stehenden Frauen offen darlegen darf – ob das Ende diese Gewichtung aufhebt, wäre zu diskutieren). Ein Fanal für Geschlechtergleichheit oder transgressive Genderentwürfe ist der Rosenkavalier nicht, zumindest nicht jenseits der Figur des Octavian, die aber ebenfalls auf ein traditionelles, binäres Geschlechtermodell rekurriert und nur in ihm funktioniert.

    PIA JANKE: Siehst du am Ende des Rosenkavalier eine Rekonstituierung von alten Geschlechter-Ordnungen? Octavian wendet sich, nun als Mann definiert, Sophie zu und verlässt offensichtlich die Phase der geschlechtlichen Unbestimmtheit und Freiheit.

    ANKE CHARTON: Das ist sicherlich eine plausible Lesart. Übrigens durchaus kompatibel mit Konwitschnys Hamburger Inszenierung von 2002, in der Octavian, die Marschallin und Sophie mit dem Schlussterzett genau dieses finale Einfrieren in Konventionen vollzogen: als Schaufensterpuppen, mit der silbernen Rose, die eine echte – rote – war, die dann in flüssigen Stickstoff getaucht wurde und schließlich auf dem Bühnenboden zerschellte. Ein spektakuläres Bild.

    Ich selbst habe 1999 bei einer Inszenierung von Rosamund Gilmore am Bremer Theater hospitiert, da war der Kammerknabe der Marschallin eine junge weiße Frau,6 eine Art zweites Mariandl. Da war die Botschaft ganz am Ende: Octavian wird „wie alle Männer“. Und zwar kam Octavian dort noch einmal zurück auf die Bühne nach dem traumwandlerischen Abgang ganz am Schluss, um das Taschentuch selbst einzusammeln, das Sophie hatte fallen lassen. Er nahm das Taschentuch dem zweiten Mariandl ab, das es gefunden hatte – und schaute ihr dann suggestiv hinterher.

    Ich denke, der Rosenkavalier bietet sich als Folie für Umbruchserzählungen an. Diese können auch utopisch sein – es gibt Inszenierungen, in denen am Schluss Octavian und Sophie in eine freie, unbestimmte Zukunft entlassen werden, indem beispielsweise das Bühnenbild, und mit ihm die Alters- und Standeskonventionen, vielleicht auch die Geschlechterrollen, in den Bühnenhimmel entschwinden. Auch Koskys neuere Inszenierung für München (2021) finde ich an dieser Stelle utopischer und fluider in den Geschlechterbildern. Die lang tradierte Vorgänger-Inszenierung von Schenk und Rose war stark geprägt von der Logik der Roller-Entwürfe.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Aufführungsgeschichte des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen anschaut, fällt auf, dass die Ästhetik, die Alfred Roller geprägt hat, bis in die 1950er Jahre bestimmend war. Denkst du, dass damit auch eine Weitertradierung von bereits in den 1910er und 1920er Jahren geprägten Geschlechterbildern verbunden war?

    ANKE CHARTON: Auf jeden Fall, vor allen Dingen in einem Regieverständnis, das noch stark der Idee eines Arrangements im Raum verhaftet war. Die Bühne und die Kostüme von Roller waren im Wesentlichen die Inszenierung, zusammen mit Hofmannsthals detaillierten Szenenangaben, und bis heute müssen Inszenierungen weltweit mit diesem so emblematischen Erbe irgendwie umgehen. Und es gibt auch immer noch Produktionen, die das im Kern relativ unverändert reproduzieren. Die Roller-Bühne hat ähnlich – und ähnlich lange – funktioniert wie die ebenfalls stark an ihr orientierte Schenk/Rose-Inszenierung in München 1972 oder wie die noch immer laufende Wiener Schenk-Produktion von 1968, die alle Jahre wieder für ein paar Vorstellungen ausgepackt wird – durchaus auch mit mir im Publikum, je nach Cast, ich nehme mich da nicht aus. Und in einer ererbten, nicht bewusst hinterfragten Ästhetik werden natürlich auch misogyne und rassistische Stereotype, Alters- und Klassendiskriminierungen in einer Weise weiterkolportiert, die in einer Neuproduktion so heute hoffentlich nicht mehr möglich wäre. Andererseits täte man den 1910er und 1920er Jahren unrecht, wenn man ihre engagierten geschlechterpolitischen Debatten einfach unter den Tisch kehren würde. Und die spiegeln sich natürlich auch in den Entwürfen Rollers.

    PIA JANKE: Wenn du nun die drei Neuinszenierungen des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen betrachtest, mit denen wir uns genauer beschäftigen wollen, nämlich die von Rudolf Hartmann für Herbert von Karajan 19607 (erneut 1983 in Karajans Inszenierung)8, mit der auch das Große Festspielhaus eröffnet wurde, die Neuinszenierung von Robert Carsen 20049 und die von Harry Kupfer 2014:10 Wie gehen sie unterschiedlich mit den von uns angesprochenen GenderAspekten dieser Oper um?

    ANKE CHARTON: Alle diese Produktionen bilden, zumal aus heutiger Sicht, immer auch einen Zeitgeist ab, auch wenn die Inszenierungen der Salzburger Festspiele – mit der Ausnahme von Carsen 2004 – schon eine Gemeinsamkeit darin haben, ihre jeweiligen Gegenwartsdebatten nicht explizit anzusprechen.

    Ich möchte zunächst auf weitere Gemeinsamkeiten zu sprechen kommen. Die lange Repertoireposition der Hartmann/Karajan-Deutung hat dazu geführt, dass die Salzburger Rosenkavalier-Produktionen tendenziell einen zeitversetzten, hermetischen Umgang mit Geschlechterdebatten gepflegt haben. Wir werden gleich vor allen Dingen auf die Octavian-Figur zu sprechen kommen, da fällt in Salzburg auf, dass der Roller-Entwurf für Eva von der Osten viel länger wirkmächtig geblieben ist: die sogenannte Hourglass Figure, das Amoretten-Gesicht, die voluminösen, längeren Haare. Die Salzburger Octavian-Interpretationen, mit Ausnahme Kirchschlagers, waren tendenziell immer weniger jungenhaft und stärker androgyn im Sinne einer immer auch als weiblich lesbaren Verkörperung. Das gilt interessanterweise auch noch zu Zeiten, als selbst konservative Produktionen international mit einer athletischeren, jungenhafteren Silhouette und ihr entsprechenden Sängerinnen gearbeitet haben; ein Beispiel wäre die Neueinstudierung der Wiener Schenk-Produktion 1994 mit Anne Sofie von Otter als Octavian. Diese Entwicklungslinie hin zu einem Androgynen, das immer auch als männlich lesbar ist, ist z.B. sehr deutlich in der Inszenierung von 2017 an der Metropolitan Opera, übrigens auch von Carsen, in der ELĪNA GARANČA als Octavian ganz bewusst an den Leonardo di Caprio der mittleren 1990er Jahre angelehnt wurde.

    Genau diese Konzeption einer souveränen Männlichkeitsperformance an einem als weiblich gelesenen Körper ist aus der Hartmann/Karajan-Produktion dezidiert wegpoliert. Das lässt sich nicht nur als Konsequenz historischer Geschlechterbilder fassen: Zu Beginn der 1960er Jahre waren andere Bildlichkeiten sozial bereits präsent, auch jenseits spezifischer Subkulturen. Ich würde daher argumentieren, dass die 1960er-Produktion bewusst entschieden hat, Octavian nicht zu souverän und maskulin auftreten zu lassen, was aber im Gegenzug dazu geführt hat, dass die Figur stärker weiblich kodiert wurde. Davon abgesehen sind die Geschlechterbilder hier auch im Zusammenspiel mit den Darstellungskonventionen der Zeit sehr glatt und statisch, was insgesamt eine stärkere Stilisierung zur Folge hatte.

    In der Wiederaufnahme 1983 ist in den ersten beiden Akten diese Stilisierung überwiegend aufgelöst, was auch an einer großen Salzburger Festspiel-Qualität liegt: an individuell großartigen Sängerinnen, die in den 1980er Jahren natürlich bereits ein anderes Spielen gewohnt waren und diese Kompetenzen auch in die Zeitkapsel der 1960-Inszenierung hineingetragen haben. Wenn wir uns den Octavian von Agnes Baltsa anschauen, in der zurückgenommenen, sehr kindhaften – eben nicht männlichen – Körpersprache, gibt es aber auch Kontinuitäten in den Geschlechterbildern: viele statisch wirkende Posen und Weiblichkeit als Projektionsfläche mit Artefaktstatus, gerade bei der Marschallin.

    Die Carsen-Produktion markiert 2004 eine Zeitenwende in diesen Geschlechterbildern, sicherlich auch im zeithistorischen Zusammenhang von feministischen und queeren Errungenschaften. Ich würde Carsen hier einen intentionalen Bruch mit der Vorgängerinszenierung und den alten Roller‘schen Zöpfen attestieren. ANGELIKA KIRCHSCHLAGER gibt einen ungestümen, aufbrausenden und selbstbestimmten Octavian, der eben nicht mehr der sehr junge, folgsame „Bub“ der Hartmann/Karajan-Inszenierung ist, dessen Körper schon im Kostüm immer auch als weiblich lesbar war. Und ADRIANNE PIECZONKAS Marschallin ist zumindest im ersten Akt sehr viel nahbarer angelegt, mit einem viel offeneren Körpereinsatz, der die stilisierte Weiblichkeit einer Schwarzkopf aushebelt – aber Schwarzkopfs bewusste Verfremdung damit auch als Interpretationswerkzeug ausklammert. Wenn man Carsens Produktion für die Metropolitan Opera 2017 danebenlegt, gibt es größere Überschneidungen, auch in der stärkeren Problematisierung der Figur des Ochs, der weniger täppisch und harmlos-lustig angelegt ist – sicherlich ebenfalls ein Reflex zeitgenössischer Debatten von Geschlechterverhältnissen.

    Die Geschlechterbilder in der Inszenierung von 2014 schließlich – mit der eine Produktion, die weibliche Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmtheit in Bezug auf Gender und Alter deutlich thematisiert hatte, nach nur zehn Jahren durch eine in dieser Hinsicht unverbindlichere Neuinszenierung ersetzt wurde – sind unbestimmter, aber auch entspannter, da sich der gesellschaftliche Kontext noch einmal verändert hatte. SOPHIE KOCHS Octavian wirkt älter, gleichzeitig elegischer. Da gibt es keine pausbäckige Niedlichkeit mehr wie 1960 und 1983, doch auch das jugendlich Trotzige von 2004 ist kein zentraler Punkt mehr.

    Was sich von 1960 bis 2014 gesellschaftlich in Bezug auf Geschlechterbilder verändert hat, lässt sich anhand dieser vier Produktionen gut in Momentaufnahmen fassen. Das Altersstigma für Frauen geht zurück; die 1968er Bewegung baut Hierarchien von Gender und Klasse ab und verändert den Umgang mit Sexualität. In der Opernästhetik setzt sich in diesen 54 Jahren eine Alltagskörpersprache durch, die immer stärker auch schauspielerische und athletische Ansprüche an Opernsänger*innen stellt, unter dem Primat eines vermeintlichen Realismus.

    PIA JANKE: Siehst du bei diesen Inszenierungen eine Entwicklung hin zu einem immer größeren Bewusstsein für Gender-Ambivalenzen und Genderfluides?

    ANKE CHARTON: Aus heutiger Perspektive sehe ich das sicherlich, aber das ist immer auch eine Frage sozialer Kontexte, die von 1960 über 2004 bis 2014 eine Tendenz hin zu mehr Ambivalenz und Fluidität bedeuten. Dass sich das in den Salzburger Produktionen zumindest implizit niederschlägt, ist naheliegend, bedeutet aber keine Vorreiterrolle innerhalb des jeweiligen Momentes. Wenn wir in den internationalen Vergleich gehen: Konwitschnys bereits angesprochene Interpretation für Hamburg, in der er Octavian als Frau inszeniert hat und die Marschallin als suizidal in einem ausgestoßenen Begehren, war gerade nicht fluide in der Geschlechterdeutung. Sie war aber dichter dran an einer tagesaktuellen Debatte, in der gerade ein Konstrukt wie das Gesetz zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft (2001) die soziale Akzeptanz von nonkonformem Begehren in Deutschland zum Streitpunkt gemacht hatte. Eine weitere Produktion, die dicht an aktuellen Geschlechterdebatten war, wäre die bildlich eher konventionelle Produktion der Den Norske Opera in Oslo 2019 mit dem Mezzosopran Adrian Angelico in der Rolle des Octavian.11 Dieser Octavian war in der Anfangsszene mit weit geöffnetem Hemd inszeniert – so weit, dass man bei jeder Mezzosopranistin den meist für Hosenrollen eingesetzten Binder gesehen hätte, mit dem die Brust flachgeschnürt wird, um eine weibliche Körpersilhouette der Sängerin zu minimieren. Bei Angelico waren hingegen die Operationsnarben auf seiner Brust erkennbar. Das war ein Moment von Trans*-Sichtbarkeit, der Sehgewohnheiten – auch meine eigenen – herausgefordert hat und deutlich gemacht hat, wie sehr die Rezeptions- und Inszenierungsgeschichte hier immer implizit von zwei Frauen ausgegangen ist.

    Im Vergleich dazu sind die Salzburger Inszenierungen weniger Herausforderungen für die Sehgewohnheiten, auch wenn die Octaviane hier die Tradition eines ambivalenten Bildes fortführen, das immer noch mehr an die Skizzen Rollers – insbesondere an jene für die Rosenüberreichung – und an Eva van der Osten erinnert, und weniger an Garančas di Caprio-Mimikry. Die Salzburger Ästhetik trifft sich in dieser Ambivalenz aber mit Debatten zur Fluidität von Geschlecht ab den 1990er Jahren. Das ist eine interessante Koinzidenz, die ich so nur aus den Salzburger Produktionen kenne.

    Von heute aus wirkt die Hartmann/Karajan-Produktion – sowohl 1962 als auch 1983 – in dieser Hinsicht ambivalenter auf mich, weil die Männlichkeits-Performances, die Sängerinnen dort zugestanden wurden, weitaus jüngere und weniger selbstbewusste Figuren geschaffen haben als die Produktionen von 2004 oder 2014. Da erscheinen Koch und Kirchschlager in der Körpersprache dann schnell eindeutig männlich im Vergleich zur weniger eindeutigen Kodierung bei JURINAC oder Baltsa, wobei man die Historizität auch der Wahrnehmungskonventionen bedenken muss. Vielleicht können wir von heute aus eine historische „female masculinity“12 einfach nicht mehr hinreichend nuanciert erkennen.

    PIA JANKE: Wie bewertest du es, dass Herbert von Karajan 1983 die Inszenierung von 1960 quasi „wiederaufgenommen“ hat (nun mit Agnes Baltsa als Octavian)? Bedeutet so eine „Rekonstruktion“ zugleich unweigerlich auch eine Konservierung von Rollenbildern von vor 23 Jahren?

    ANKE CHARTON: Das ist eine Art Vexierspiegel. Auch wenn eine Konservierung intendiert gewesen ist, lässt sich das bei einer Generation Unterschied nicht hundertprozentig umsetzen. Aber ebenso wenig kann man diesem traditionellen Zopf – bis hin zum Zopf an der Octavian-Frisur – entkommen, wenn man ihn so wieder auf die Bühne stellt, selbst dann, wenn man das wollte. Ich würde die Wiederaufnahme 1983 als einen Versuch sehen, eine Idealversion – aus Karajans Perspektive – fortzuschreiben, die als Universal- und Musterproduktion gelten sollte wie davor die Roller-Ausstattung. Und die Rosenkavalier-Ausstattung ist traditionell eine sehr spezifische, in all ihrer Nostalgie; wirkliche Brüche mit dieser Tradition setzen in der Breite eigentlich erst mit den 1990er Jahren ein – sicherlich nicht mit der Hartmann/Karajan-Produktion.

    PIA JANKE: Wie hat sich deiner Meinung nach der Sängerinnen-Typus bei den Rosenkavalier-Aufführungen verändert, stimmlich, aber auch vom Aussehen und von der szenischen Präsenz her? Ich meine die Sängerinnen, die in diesen Inszenierungen den Octavian interpretiert haben, also Sena Jurinac, Agnes Baltsa, Angelika Kirchschlager und Sophie Koch.

    ANKE CHARTON: Das wäre schon Thema genug für einen eigenen Aufsatz, allein schon zu den Stimmen! Was die Geschlechterbilder betrifft, haben wir das bereits in Teilen diskutiert. Ich fange auch hier an mit den Gemeinsamkeiten: Was stimmlich auffällt, ist, dass Salzburg tendenziell etwas dunklere, schwerere oder dramatischere Stimmen eingesetzt hat – auch dann, als anderswo leichtere lyrische Mezzi für die Partie gecastet wurden.

    In dieses leichtere Klangbild passt am ehesten noch Kirschschlager 2004. Jurinac lässt sich sicher ähnlich fassen vom Stimmtyp, aber ihr dunkleres Timbre, das auch einen Zeitgeschmack abbildet, lässt aufhorchen. Koch hatte 2014 parallel bereits Schwereres wie etwa die Werther-Charlotte gesungen: auch lyrisch, aber mit etwas mehr dramatischem Gewicht. Das bemerkenswerteste Casting war sicherlich Baltsa, die Mitte der 1980er die Carmen einer ganzen Generation war. Also ebenfalls etwas schwerer und dramatischer im Klang, wobei Baltsa ihr Material im Rosenkavalier sehr klug und überzeugend einsetzt. Als ich die Aufnahme von 1983 das erste Mal gehört habe, hatte auch ich ihre Carmen im Ohr, und ich habe gestaunt, wie man sie diesem Octavian nicht anhört. Aber Carmen war natürlich nicht nur die Stimme, das war auch die Darstellung, für die Baltsa bekannt war: nah am Veristischen, auch exotisiert als Griechin in einem Opernbetrieb, der sich immer stärker an Westeuropa orientiert hat. 1984 hat Baltsa in Wien eine legendäre Carmen-Reihe gesungen, einige Monate nach diesem Rosenkavalier. Das Casting muss so gewirkt haben, als würde man heute Anita Rachvelishvili als Octavian casten: eine Sängerin, die mit dramatischem Repertoire und mit einer Performance exotisierter Weiblichkeit assoziiert wird. Dass das Image einer solchen Sängerin – wie damals Baltsa – keinen primär männlich gelesenen Octavian ergeben würde, wird Karajan klar gewesen sein.

    Alle Sängerinnen sind bei Karajan 1962 wie auch 1983 tendenziell statisch inszeniert. Die Octavian-Porträts haben wenig Maskulines. Auch die Marschallin und Sophie bleiben zurückgenommen und erobern sich Freiräume am ehesten in den individuellen sängerischen Qualitäten. Der Kontrast zu Kirchschlagers agilem, draufgängerischem Octavian 2004, der den Frauenkörper einfach überschreibt, könnte kaum größer sein. Sicherlich spielt dabei auch die Betonung des Militaristischen, mit Carsens Versetzung der Oper in den Ersten Weltkrieg, eine Rolle. 2014 ist der Octavian bei Koch dann einerseits maskuliner, aber andererseits auch femininer als frühere Interpretationen. Vor allen Dingen wirkt er älter. Das lässt sich sicher auch als Reflex auf die Genderdebatten seit den 1990er Jahren lesen, die eine größere Sichtbarkeit queerer, gender-nonkonformer und nicht-binärer Lebensentwürfe mit sich gebracht haben, die nun kein Novum mehr waren. Gender ist in der Inszenierung von 2014 für mich stärker verknüpft mit dem Abbau von Altersschranken und Altershierarchien und mir fällt bei Kupfer insgesamt eher die Klassenmarkierung auf: Octavian und die Marschallin sind eingesessene Upper Class, Sophie nicht. Das ist zentral.

    Gender ist dort nicht das entscheidende Thema, was zur gesellschaftlichen Entwicklung passt. Den Frauenkörper einer Sängerin auszustellen in einer Hosenrolle funktioniert nur, solange dies als Transgression wahrgenommen wird. Und eine solche Transgression ist Octavian doppelt: in Bezug auf Geschlechtsidentität und in Bezug auf Begehren, die sich mit Judith Butlers heterosexueller Matrix wechselseitig bedingen.13 Geschlechtszuweisung bedingt demnach ein genderspezifisches Begehren, dieses Begehren affirmiert im Zirkelschluss und Gegenzug das angewiesene Geschlecht. Und Octavian durchkreuzt diese Matrix, weil die Figur widersprüchlich kodiert ist. Sobald der zugrundeliegende Körper in seiner Geschlechtszugehörigkeit aber egal ist für die Interpretation, ist Octavian keine Chiffre für Transgression mehr.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Kostüme des Octavian in diesen Inszenierungen – wird hier und wenn, in welcher Inszenierung wie, bewusst mit Ambivalenzen gespielt?

    ANKE CHARTON: Wie bewusst hier Ambivalenzen gesetzt wurden, lässt sich schwer überprüfen. Nehmen wir das Auftrittskostüm im Film von 1962 bei Jurinac, mit Seidenstrümpfen, schmal geschnittenem Pop-Over Hemd und Pumps: Das ist noch dicht an Roller. Die Seidenstrümpfe und die Pumps werden dann nahtlos in das Mariandl-Kostüm integriert, das ist schon eine bewusst gesetzte Überschneidung, die Jurinac als Frau ausstellt. Auffällig ist aus heutiger Sicht insgesamt die Flächigkeit der Kostüme, die stark entsexualisierend wirkt; die Körper sind Ausstellungsstücke, keine Akteure. Der Reitanzug am Ende des ersten Aktes ist hochgeschlossen und sehr steif, es gibt keine Unordnung, keine Falten. Der Gehrock für die Rosenüberreichung mit seinen ausgestellten Schößen erinnert in seiner Geometrik an Schlemmers Triadisches Ballett; das Mariandl-Kostüm in dritten Akt ist adrett und maßgeschneidert auf die Sängerin hinter dem Octavian. Geschlechter-Ambivalenzen entstehen hier nur durch ihre versuchte Vermeidung.

    1983 ist der interessante Versuch, etwas als universales Erbe zu setzen, was natürlich aus der Zeit gefallen war, auch in den Kostümen. Sie sind weniger steif, haben weniger Rüschen, weniger Schulterpolster, aber sind immer noch der Ausstattung von 1960 verpflichtet. Der weichere Fall der Stoffe erlaubt natürlichere Bewegungen und stellt diese entsprechend auch mehr aus, weswegen die Körper der Sängerinnen wahrnehmbarer werden. Tomowa-Sintow, bei aller inszenierten Statik, agiert viel flüssiger als Schwarzkopf zu Beginn, was sicherlich auch an den Kostümen liegt.

    2004 gibt es im Vergleich dazu sehr viel mehr Haut. Trotzdem ist Octavian dort nicht mehr automatisch als Frauenkörper lesbar. Mit Carsen kommt die derzeit typische „Octavian-Uniform“ für die erste Szene der Oper in Salzburg an: Boxershorts, offenes Hemd oder Unterhemd, bloße Beine und sicherlich keine Pumps. Das ist eine Bewegung weg von der früheren Stilisierung und hin zu einem gegenwärtigen Filmrealismus im Schauspielen, auch in der Oper. Die Octavian-Inszenierung ist 2004 insgesamt bewusst männlich; ab dem Ende des ersten Aktes tritt Octavian beispielsweise nur noch in Militäruniform auf, die auf eine maskuline Silhouette hin geschnitten ist.

    2014 sieht das wieder anders aus, dezidiert nicht militaristisch und auch nicht bewusst maskulin. Zwar gibt es für Octavian eine Rocker-Lederhose, das offene Hemd und sogar hingekämmte Koteletten, aber zum Beispiel keine Perücke – übrigens auch nicht für Sophie, die hier in schmalen, dünnen Kleidern auftritt. Einzig die Marschallin bewahrt, trotz fließender Stoffe, eine mondäne Distanz. Das zeigt sich schön in den pelzbesetzten Ärmeln des Morgenrocks gleich zu Anfang. Kupfers Produktion geht insgesamt weg aus dem Rokoko, aber auch weg aus den 1910er Jahren der Vorgänger-Inszenierung. Die Kostüme passen zur Freiheit der fast leeren Bühne, die lediglich über Großfotografien Räume skizziert, Imaginationen eines nicht näher datierten, nostalgischen Wien. Am stärksten wirken diese weichen Kostüme für mich bei der Rosenüberreichung, die so wie eine englische Gartenparty ganz in Weiß wirkt. Das ist ein sehr fluides Bild, und es lässt auch den Octavian sehr nonchalant changieren zwischen möglichen Zuschreibungen von Gender.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen ähnlich oder unterschiedlich mit dem Beginn der Oper um, hier befinden sich ja, könnte man sagen, zwei „Frauen“ nach einer gemeinsamen Liebesnacht im bzw. vor dem Bett?

    ANKE CHARTON: Da komme ich für den breiteren Kontext noch einmal auf Chamberlains Verbot des Betts im ersten Akt zurück. Chamberlain hatte die zwei „Frauen“ ohne die von dir gesetzten Anführungszeichen wahrgenommen und wollte keine Homosexualität auf der Bühne – selbstredend auch keine männliche, was sich im dritten Akt nur mit einer Frau als Octavian lösen lässt. Die Beisl-Szene wirkt z.B. mit einem Sänger wie Adrian Angelico ganz anders, weil das Publikum nicht auf einen sichtbar darunterliegenden Frauenkörper rekurrieren kann; wir sehen also zwei Männer in einem intimen Setting. Auch Otto Hödels Argumentation, dass ein Sänger als Octavian mit Blick auf die Szenen mit der Marschallin im ersten Akt und mit Ochs im dritten Akt „geschmacklos“14 wäre, verweist auf diesen Punkt, macht aber darüber hinaus erneut klar, dass die Hosenrolle als sexuell unbedrohlich und passiv an einen Frauenkörper gebunden war.

    Darstellungen weiblicher Homosexualität taugen im westlichen Kulturbetrieb inzwischen nicht mehr als Aufreger – zumindest nicht in dieser Weise, in der etwas Verbotenes sichtbar gemacht wurde. Insofern haben die Produktionen von 2004 und 2014 keine szenischen Antworten auf ein gesellschaftliches Stigma finden müssen. Hier ist wiederum die Verfilmung der Hartmann/KarajanProduktion von 1962 interessant, die durch die Nähe der Kamera schon in der Eingangsszene zwei Frauenkörper mittleren Alters gemeinsam im Bett zeigt15; Make-Up und Frisuren tragen hierzu bei (als ich den Film um 2000 herum zum ersten Mal sah, musste ich an Lisa Kokins Sexual Deviations denken, die Edward Lucie-Smith zitiert: als dezidiert nicht queer kodierte Frauenfiguren im Stil der 1950er, die durch die Anordnung in einem Näheverhältnis plötzlich umkodierbar werden).16 Ich vermute, dass diese Sichtbarkeit in keiner Weise beabsichtigt war, die Übersetzung einer Opernbühnensprache in eine Kamerasprache findet an dieser Stelle einfach nicht statt;17 die Distanz zur Bühne im Großen Haus in Salzburg war vor der Studiokamera nicht gegeben. Die Dokumentation der „Universalproduktion“ von Hartmann/Karajan – die einleitenden Untertitel betonen die Wichtigkeit dieser Aufzeichnung für die Nachwelt – enthält somit ein Einsprengsel queer lesbarer Frauen- und Geschlechterdarstellung, das für stigmatisierte queere Frauen der 1960er und 1970er ein rarer Moment sozial akzeptierter Sichtbarkeit im Mainstream gewesen sein wird.

    Für queere Frauen ist der Rosenkavalier aber bereits seit der Uraufführung eine häufige Chiffre der Verständigung, die in der New Musicology ab den 1990er Jahren in der wissenschaftlichen Debatte offen thematisiert wurde, so z. B. bei Koestenbaum, Reynolds, Castle oder Pearl.18 Das war ein spezifisches Einschreiben in eine Wissenschaftstradition, bei dem sich gut beobachten lässt, wie eine stigmatisierte Perspektive zur Forschungsperspektive wird. Margaret Reynolds stellt etwa ihrem Aufsatz zur Hosenrolle von 1995 z.B. eine kurze, nicht weiter kontextualisierte Anekdote voraus, die folgendermaßen beginnt: „Some time since I knew a woman I desired. We were friends. We were polite.“ In ihrem Bestreben, das eigene, queere Begehren zu artikulieren – „to make her understand“ – ist Reynolds’ Lösung folgende: „[…] so I invited her to Der Rosenkavalier.“19 Monica Pearl, die sich auf Reynolds bezieht, erzählt eine ähnliche Anekdote: „I also once attended a production of Der Rosenkavalier with someone by whom I was beguiled.“ Diese Person – Pearl beschreibt „her glamour and allure: her dress, her mastery of the heels she was in, her décolletage, her magnificent lipsticked mouth, her noble carriage” – antwortet in der Pause auf Pearls Frage, warum alle anderen sie beide anschauen würden, mit „because we are the alternative ending“. Sie meint damit, so Pearl, einen Ausgang, in dem Octavian sich gegen die heteronormative Reproduktionslogik der Ehe mit Sophie und für den von dir angesprochenen „fluiden Zustand“ in der damals noch als transgressiv verstandenen Beziehung mit der Marschallin entscheidet.20

    Ein Bewusstsein für diesen queeren Subtext ist Teil der Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier, von Mary Gardens früher Weigerung, die Partie des Octavian zu übernehmen,21 bis hin zu Kiri Te Kanawas (zu deren Paraderollen die Marschallin gehörte) Urteil in den frühen 1990ern, dass die Rolle der Marschallin dann annehmbar sei, wenn die ersten fünf Minuten, die man mit einer anderen Frau im Bett verbringe, überstanden seien.22

    Wenn man die Salzburger Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier in Bezug auf diesen Subtext in den Blick nimmt, ist die 1962er-Verfilmung ein schiefer Vergleich, weil es sich nicht um eine Bühnenabfilmung, sondern um einen nachproduzierten Film unter Studiobedingungen handelt. Wenn Terry Castle etwa ein „fleeting physical embarrassment that mars Sena Jurinac’s otherwise perceptive performance“23 in der Eingangsszene bemängelt, stellt sich die Frage, ob sie das im Großen Festspielhaus im Zuschauerraum ähnlich wahrgenommen hätte. Wegen des Blockings für die Kamera wirkt diese erste Szene in der Verfilmung ohnehin sehr statisch, mit wenig Bewegung. Wir sehen zwar zwei Frauen mittleren Alters in einem Bett für den ganzen ersten Dialog, aber ihre Körper werden gegenüber ihren Stimmen ausgeblendet. Schwarzkopfs Marschallin bleibt nahezu regungslos, die Close-Up-Einstellung behält nur die Oberkörper im Bild, beide Sängerinnen sind vollständig bekleidet und frisiert. Die Regiesprache der Zeit mit ihrer Orientierung an der Rampe (das sogenannte „Park and Bark“) und die typisch manierierte Spielweise Schwarzkopfs verstärken diesen Eindruck noch. Eine flüssigere Interaktion findet eigentlich erst dann statt, wenn beide Protagonistinnen das Bett verlassen haben – und auch das sieht dann aus heutiger Perspektive eher aus wie zwei Bekannte beim Nachmittagskaffee als wie, mit Žižek, ein „Morgen danach“24.

    Der Bruch in den Darstellungs- und vor allem in den Wahrnehmungskonventionen zwischen 1962 und 1983 – dazwischen liegen u.a. die 1968er-Revolution und die zweite Frauenbewegung – ist interessant in Hinblick auf diesen Subtext, der 1983 offensichtlich vermieden werden sollte. Ob das aufgeht, ist eine andere Frage. Es gibt ein Bett auf der Bühne, aber die Marschallin sitzt, wenn der Vorhang sich nach der Programmmusik des Vorspiels hebt, auf einer neu eingefügten Chaiselongue. Octavian kniet davor, erneut in Strümpfen und Pumps zum hochgeschlossenen Hemd mit Kniehose. Das Video von 1983 ist eine Bühnenabfilmung, die gerade bei Karajan stets deutlichen Blicke zum Dirigentenpult dominieren die Bewegungen, aber trotzdem ist ihr Radius größer, weniger stilisiert und insgesamt energetischer, was bei Baltsa allgemein ins darstellerische Profil passt genauso wie die größere Ruhe bei Tomowa-Sintow. Was mir sehr auffiel beim erneuten Sichten der Produktion für dieses Gespräch, sind Baltsas feminin manikürte Fingernägel, die sie in den Close-Ups als weiblich markieren; da würden inzwischen andere Konventionen greifen.

    Die als sehr jung und der Marschallin klar untergeben gezeichnete Octavian-Figur, die sparsamen Bewegungen, die ausgeblendeten Körper und das 1983 gar nicht bespielte Bett werden dann 2004 mit viel Verve ins Gegenteil verkehrt. Auf der zunächst dunklen Bühne ist nur das große, mittig platzierte Bett beleuchtet, in dem die Marschallin und Octavian sitzen – die Marschallin mit bloßen Schultern, bis zur Frühstücksszene nur mit einem Bettlaken bekleidet. Daneben Octavian mit offenem Hemd überm Unterhemd, Boxershorts und bloßen Beinen, eine „Zigarette danach“ rauchend. Auch auf eine Perücke verzichtet die Ausstattung bei Octavian; stattdessen sind die längeren Haare der Sängerin mit Seitenscheitel zu einer Kurzhaarfrisur gesteckt. Ob wir hier zwei Frauen sehen oder eine Frau und eine zweite Person, ist eine Frage an unsere Wahrnehmung.

    In der Darstellung gibt es 2004 insgesamt eine viel größere Freiheit, was auch einen Wechsel im Regie- und Dirigierverständnis illustriert. Die Interaktion zwischen beiden Sängerinnen ist an eine gegenwärtige Alltagkörpersprache angepasst. Die erste Szene ist intim, verspielt und leidenschaftlich gestaltet; sie funktioniert nicht mehr über Posen und stilisierte Gesten, sondern über Berührung und Kommunikation. Es gibt keine Intention seitens der Regie, das Bett auszublenden oder die Sängerinnen möglichst rasch daraus zu entfernen, im Gegenteil: das Bett ist – dann auch im dritten Akt wieder – zentraler Schauplatz der Handlung. Hinzu kommt, dass die Körperlichkeit der Sängerinnen bewusst ausgestellt und bejaht wird. So tauscht die Marschallin auf offener Bühne, hinter einem von Octavian als Paravent hingehaltenen Hausmantel, das Bettlaken mit dem Morgenrock; die Szene ist nicht gegen, sondern für diese Körper angelegt, die für die Erzählung wichtig werden.

    Diese Haltung wird 2014 wieder revidiert, hin zu mehr Distanz. Der Eingangsmoment bei Kupfer zeigt linksseitig im Zimmer ein Bett, während die Marschallin rechtsseitig auf dem Flur in einen Spiegel schaut, in einen Morgenrock gekleidet, dessen schon erwähnte Pelzmanschetten den Eindruck eines Straßenmantels erwecken. Octavian steht vor dem Bett, gerade dabei, sich die Hose zuzuknöpfen, um dann sein Hemd zu greifen. Im Bett befindet sich hier niemand. Trotzdem ist auch hier, auf der sparsam dekorierten Bühne, eine Alltagskörpersprache präsent. Die Figuren wechseln häufig die Positionen, sie laufen mit Ungezwungenheit umher, setzen und legen sich auf den Boden. Trotz der anfrisierten Koteletten wirkt der Octavian von Sophie Koch, bei dem die Ausstattung wie 2004 ebenfalls auf eine Perücke verzichtet hat, wie eine Frau mittleren Alters, die weder dieses Alter noch ihre Geschlechtszugehörigkeit durch eine aufgesetzte Männlichkeitsperformance übertünchen muss, um als Octavian zu funktionieren. Ob hier zwei Frauen sichtbar sind oder eine Frau und ein Mann oder eine Frau und eine nicht festgelegte zweite Person, hängt erneut von unseren eigenen Wahrnehmungskonventionen ab.

    PIA JANKE: Wie wird die Verkleidung von Octavian zur Kammerzofe Mariandl, also des von einer Sängerin dargestellten Mannes in eine Frau (und wieder zurück) gelöst?

    ANKE CHARTON: In der Verfilmung von 1962 sehen wir diesen Umzug nicht. Ein vollständig bekleideter Octavian verschwindet im Wandschrank und kommt in einem vollständigen Kammerzofen-Dirndl wieder heraus. Die Bewegungen von Sena Jurinac sind danach nicht aufgesetzt männlich: sie spielt zwar ein Unbehagen gegenüber Ochs, aber sie spielt dieses Unbehagen nicht als Mann. Es gibt keine unvollständige Schichtung einer Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance, die sichtbar bleiben würde. Dasselbe gilt für den dritten Akt, für den Octavian bereits im Kleid auftritt, das auf den Körper der Sängerin maßgeschneidert ist und dementsprechend Sena Jurinac als Frau ins Bewusstsein rückt.

    1983 wiederholt sich diese Verschiebung: Das Mariandl-Kleid betont die Sängerin mit Dekolleté und Haube auf den Haaren – und man muss sich nochmal in Erinnerung rufen, dass das Publikum Baltsa 1983 vor allen Dingen mit einer körperbetonten Carmen-Darstellung assoziiert hat – und ist keine brüchige Performance von Weiblichkeit. Mariandl ist hübsch, sehr mädchenhaft, sie wird nicht lächerlich gemacht, auch nicht mit Ochs in der Beisl-Szene. Baltsa spielt im ersten Akt keinen Mann unter der Verkleidung, im dritten Akt hingegen schon, zumindest in Ansätzen. Diese Verschiebung in der Körpersprache würde deine Eingangsthese der Bewegung vom Fluiden in die Eindeutigkeit stützen.

    2004 markiert auch Mariandl einen deutlichen Bruch, allerdings sind Verkleidungen generell ein Thema der Inszenierung. Das fängt damit an, dass sich Octavian noch in der ersten Szene zum Spaß als Feldmarschall verkleidet – ein Rollenspiel, auf das die Marschallin nicht einsteigen mag – und setzt sich im Umzug der Marschallin vom Bettlaken in den Morgenmantel, der ihre soziale Stellung markiert, fort. Das Mariandl-Kostüm ist hier offensichtlich von Octavian rasch im Kleiderschrank improvisiert worden: ein umgebundenes Hemd als Schürze, ein BH als Häubchen. Kirchschlager spielt hier deutlich einen Mann unter einer instabilen Performance von Weiblichkeit, z. B. indem ausgestellt wird, dass Octavian auf den Absätzen der schicken Pantoffeln, die er sich aus dem Kleiderschrank geholt hat, nicht laufen kann.

    Carsens Produktion nimmt das Mariandl als Performance trotzdem ernster als die Vorgänger-Inszenierung: Octavian hat hier Spaß an der Verkleidung, an der Wirkung auf Ochs, aber auch an der fortgesetzten Wirkung auf die Marschallin, die die Verkleidung als für sie attraktiv anspielt und sich mit Ochs eine kleine Eifersüchtelei liefert um Octavians Aufmerksamkeit und körperliche Verfügbarkeit. Insofern ist Mariandl hier eine Maskerade von vielen, wird aber auch als eine weitere Schicht akzeptiert: alle Geschlechterzuschreibungen, so scheint es hier, sind nur Zuschreibungen, die immer wieder neu überschrieben werden können.

    Im dritten Akt tritt Octavian zunächst in Militäruniform auf. Carsen versetzt den Akt in ein Bordell, in dem alle Prostituierten – zu denen auch der Wirt als Madame zählt – als Frauen auftreten, aber nicht alle cisgeschlechtlich markiert sind. Octavian wird erst in diesem Setting als Prostituierte verkleidet; als er in diesem Kostüm wieder auftaucht – auch hier spielt Kirchschlager den Mann darunter mit –, wird dies bewusst ausgestellt, als Drag mit Perücke, und entsprechend von den anderen Anwesenden kommentiert.

    Das im Kleiderschrank hastig improvisierte Mariandl-Kostüm gibt es auch 2014: Das übergeworfene Kleid sitzt schlecht, Octavian wirkt in ihm männlicher als vorher. Ein Mariandl ist nur momentweise präsent; Koch stellt mehr den Octavian darunter aus. Dies zeigt sich auch in der fortgesetzten Interaktion mit der Marschallin, die den Fokus etwas wegnimmt von Ochs, der nicht mehr so selbstverständlich als Hahn im Korb gesetzt ist.

    Das Mariandl im dritten Akt ist bei Kupfer weniger adrett und wirkt, trotz nun passendem Kleid, abgerissener. Octavian tritt wie bei Hartmann/Karajan bereits in diesem Kleid auf, spielt aber auch hier, wie 2004, die Kostümierung als brüchig mit – es wird weniger eine Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance an einem Sängerinnenkörper gelegt, als dass die Bruchstellen dieser Performances thematisiert werden. Vielleicht ist das eine Fluidität, bei der es eine konsequente und eindeutige Geschlechterinszenierung nicht mehr braucht?

    Am Mariandl kann man den Umgang mit Genderfluidität in Bezug auf Octavian immer recht gut ablesen: ob Mariandl beispielsweise als unbeholfener Drag Act lächerlich gemacht wird, bei dem der Aristokrat Octavian in seinem Roller-Seidenhemd plötzlich geht wie ein Stallknecht, oder ob Mariandl Charme und Anmut zugestanden werden, die den Sängerinnenkörper als weiblich gelesen in den Vordergrund stellen, so wie 1962 und 1983. Und dann ist eine weitere Frage, wie die Marschallin mit diesem Mariandl umgeht – wird die Kostümierung als lächerlich oder als für sie attraktiv inszeniert? Die erste Mariandl-Sequenz kann hier ein sehr binär-normatives oder aber ein sehr queeres, fluides Geschlechterbild etablieren für eine Inszenierung.

    PIA JANKE: Wie wird ähnlich oder unterschiedlich mit der Figur des Octavian bei der Rosenüberreichung umgegangen – erscheint er hier als „geschlechtsloser“ Engel in größter Künstlichkeit oder als Sängerin, die einen Mann spielt, oder als dezidiert männlich konnotierter Brautwerber?

    ANKE CHARTON: Ich würde sagen, dass diese drei Ansätze durchaus kombiniert erscheinen, aber mit einer generellen Tendenz zum Engel. Wenn man den Roller-Entwurf für das Kostüm zur Rosenüberreichung betrachtet, könnte die Figurine in anderer Bekleidung auch als eine Klimt-Judith durchgehen, ganz im Geist der Zeit; eine Ambivalenz ist hier in jedem Fall von Anfang an mitgedacht.

    Die Oskar-Schlemmer-Ästhetik in den steifen Formen der Kostüme von 1962 hatten wir bereits erwähnt, Jurinac kommt dem Bild des geschlechtslosen Engels hier auch in der Statik sehr nahe. Zusammen mit den Rokoko-Perücken ergibt sich eine Spielkartenästhetik, die 1983 sehr exakt wieder aufgenommen wird – allerdings mit größeren Abständen zwischen den Figuren, vielleicht um Berührungen zu vermeiden, weil sich die Statik von 1962 nicht mehr umsetzen ließ angesichts veränderter Bühnensprache.

    2004 gab es dann den Auftritt hoch zu Ross – nicht wie im Libretto angegeben in der Kutsche – mit Octavian in Galauniform auf einem echten Pferd; das ist von den vier hier angesprochenen Interpretationen sicherlich am ehesten der „dezidiert männlich konnotierte Brautwerber“. 2014 hingegen ist Octavian mehr ein Dandy auf der schon erwähnten englischen Gartenparty. Das Rosenkavalier-Kostüm ist nicht steif im Schnitt, die Stoffe sind fließend. Kochs Octavian wirkt hier nicht wie der emblematische Spielkartenpage, wird aber auch nicht als kostümierte Frau ausgestellt wie etwa Liliana Nikiteanu in Hamburg 2002 als Marlene-Dietrich-Hommage mit Zylinder. Der Salzburger Octavian 2014 sieht entspannt aus wie ein Mann und wie eine Frau, gleichzeitig – als stünde hier eine Sängerin, die nicht unsichtbar gemacht werden muss, um einen überzeugenden jungen Mann darzustellen. Das allerdings kann auch einfach ein Reflex meiner eigenen Wahrnehmungskonventionen sein. Sophie Koch hatte die Partie wenige Jahre zuvor mit Herbert Wernicke für Baden-Baden erarbeitet, 2009. Da gab es übrigens den Zylinder zur Rosenüberreichung, aber Kochs Octavian war dort jugendlicher, jungenhafter und impulsiver angelegt als die elegische Figurenzeichnung in Salzburg 2014.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen mit dem Schluss der Oper und mit Octavians Bestimmung als Mann und seinem Abschied von der Marschallin bzw. mit dem Abschied der Marschallin von ihm als ihrem jugendlichen, genderfluiden Liebhaber um?

    ANKE CHARTON: Es gibt diesen klassischen Aufbau für das Schlussterzett: die Marschallin auf der einen Seite, Sophie auf der anderen, Octavian in der Mitte, und er bewegt sich erst etwas zur einen und schließlich gänzlich zur anderen Seite. Dieser Aufbau findet sich auch im Film von 1962 und er ist natürlich auf der Bühne im Großen Festspielhaus sehr wirkungsvoll. Auffällig ist, dass Octavians Interaktion mit Sophie 1962 flüssiger und mit geringeren Abständen geschieht als die mit der Marschallin, was aber sicherlich auch an dem liegt, was die Spielpartnerinnen Jurinac in der Situation jeweils angeboten haben.

    Dieser Abschied von der Marschallin und der Übergang in die Männerrolle an der Seite Sophies, die du ansprichst, wird traditionell im berühmten Handkuss vor dem finalen Abgang der Marschallin kondensiert, bei dem die Marschallin dann laut Regieanweisung die Hand wegziehen muss und Octavian somit auch die Entscheidung abnimmt. Diesen Moment gibt es auch im Film, in einer Bildsprache, deren Vermitteltheit wir inzwischen gar nicht mehr zur Verfügung haben. Wir haben diese Differenz zwischen Alltagskörperlichkeit und einer offen stilisierten Bühnensprache nicht mehr, in der dieser Moment so eine Symbolwirkung entfalten konnte. 1983 hat sich die Körpersprache hier schon verändert, was aber auch an Baltsas schauspielerischer Arbeit liegt, die den Octavian hier weniger sanft und am Ende auch weniger unentschlossen darstellt, auch wenn die Schlussszene insgesamt sehr traumwandlerisch angelegt ist, mit Sophie und Octavian immer noch als Spielkartenpaar: sehr jung und niedlich, sehr entsexualisiert und engelhaft.

    2004 verändert sich dieser Abschied vor allen Dingen dadurch, dass das Altersstigma verschwunden ist, welches den Wechsel Octavians von der älteren zur jüngeren Frau als soziale Erwartung markiert hatte. Es ist kein Stigma mehr, dass die Marschallin älter ist als Octavian oder dass sie verheiratet ist. Es geht auch nicht mehr um eine Machtposition Octavians als Mann gegenüber einer Frau, die er dominieren muss, um einem Männlichkeitsbild zu entsprechen.

    Bei Carsen ist die Marschallin in der Schlussszene eifersüchtig und verletzt (was zur Nähe in der Liebesbeziehung im ersten Akt passt), Sophie ist viel selbstbewusster und eigenständiger. Octavian wirkt in dieser Produktion hier am Ende zum ersten Mal jung und hilflos zwischen den beiden Frauenfiguren, aber trotzdem findet keine symbolische Übergabe statt; der berühmte Handkuss des „sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich“25 ist gestrichen. Octavian ist stattdessen in einen Kuss mit Sophie vertieft und bemerkt die Marschallin nicht einmal mehr, die dann rasch und verletzt abgeht: ein harter Schnitt statt eines schwebenden Abschieds. Dazu passt auch das letzte Bild, in dem der Feldmarschall den Ersten Weltkrieg an das Bett bringt, auf dem Sophie und Octavian miteinander liegen. Vielleicht ist dieser Gegensatz von Liebe und Krieg aber auch ein Appell gegen eine weitere Vermännlichung Octavians? Ob er ihr entkommen könnte, ist eine andere Frage.

    Bei Kupfer 2014 ist Octavian auch am Ende wesentlich erwachsener und gefasster, die Marschallin souverän und amüsiert. Krassimira Stoyanovas Marschallin wirkt nicht so verletzlich wie Pieczonkas 2004, aber keineswegs so ätherischentsagungsvoll wie SCHWARZKOPFS 1962. Der nonchalante Umgang mit Gender eignet sich nicht für finale Fixierungen – die Marschallin steht zum Terzett im Morgennebel unter einem Baum im Prater, Sophie sitzt auf einer Bank, Octavian kniet daneben, noch halb der Marschallin zugewandt. Das Alter der Sängerinnen markiert Octavian und die Marschallin stärker als einander zugehörig, was sich in der Klasseninszenierung spiegelt. Dies löst sich erst nach dem Abgang der Marschallin auf; im Schlussduett wirkt sogar der vorher eher blasierte Octavian jünger und begeisterter als vorher. Die Marschallin, die abschließend im Wagen vom Chauffeur am neuen Paar vorbeigefahren wird, schaut sich auch hier nicht mehr um: „ist halt vorbei“.26

    Insgesamt ist die Inszenierung von 2014 für mich aber ein Rückschritt im Vergleich zu 2004, in ihrer Loslösung aus sozialen Debatten und in ihrer Verlagerung ins Unbestimmte und Nostalgische, was sich aber vielleicht länger im Repertoire halten lässt.

    PIA JANKE: Inwieweit ist die Forschung gefordert, sich mit solchen, bislang kaum beachteten Fragen in Hinblick auf die Salzburger Festspiele und Aufführungen, die hier stattgefunden haben, auseinanderzusetzen? Was wären hier wichtige Desiderate der Forschung?

    ANKE CHARTON: Die Karajan-Ära liegt inzwischen weit genug zurück, hat aber noch so viele Zeitzeug*innen aufzubieten, dass sie gut beforschbar sein sollte. Generell denke ich, dass wir uns in der Forschung von der Hermeneutik der Aufführungsanalyse wegbewegen müssen, wenn es um die Festspiele geht, und dass wir Fragen der Aufführungsanalyse und der Stimmenforschung vor allen Dingen mit historischer Diskursanalyse, Zeitgeschichte und auch einer Geschichte der Emotionen, wie beispielsweise Ute Frevert sie vorschlägt,27 verknüpfen müssen.

    PIA JANKE: Was ist deiner Meinung nach von den Salzburger Festspielen selbst in Hinblick auf unsere Themenstellung zu tun und zu ändern?

    ANKE CHARTON: Pauschal würde ich sagen: eine größere Diversität und flachere Strukturen in Entscheidungsgremien, im Casting, in den eingeladenen Regiehandschriften. Dazu mehr Vielfalt in der Flagship-Programmierung, mehr Neuentwicklungen und Bearbeitungen. Aber ich muss einschränkend hinzufügen, dass ich eine Professur für Theaterwissenschaft habe, nicht für Kulturmanagement. Meine Perspektive ist eine kulturwissenschaftliche, keine betriebswirtschaftliche und auch keine dramaturgische. Wenn ich primär an Auslastung denken müsste, würde ich das vielleicht weicher formulieren, aber ich würde dem Publikum hoffentlich mehr zutrauen, insbesondere im Musiktheater.

    Vor allen Dingen wäre dies aber eine Frage für die Salzburger Festspiele selbst. Der erste prägende Eindruck der Festspiele auf mich waren nicht die Glocken am Domplatz oder die Mozart-Rezeption oder die ganz eigene Rosenkavalier-Tradition, sondern das Drop-Down-Menü im Bestellvorgang, in dem die Liste möglicher Titel, die ich für mich selbst angeben konnte, vermutlich die Titelliste aller Rofranos und Werdenbergs zusammen übertroffen hat. Und das hat natürlich intersektional auch mit Geschlechterbildern zu tun, aber vor allen Dingen mit der Inszenierung sozialer Milieus. Und dann wäre für mich die Frage, wen ich als Publikum haben möchte oder wen ich als Publikum dazugewinnen möchte und wie ich die Selbstinszenierung des Publikums rahmen oder auch herausfordern will. Und da ist die Diskussion von Geschlechterbildern jenseits tradierter Muster sicherlich ein Aspekt, der ein engagiertes Publikum außerhalb imaginierter Marketing-Schienen ansprechen kann – gerade auch im Rosenkavalier.


    Anmerkungen

    1. Vgl.: Grotjahn, Rebecca / Schmidt, Dörte / Seedorf, Thomas (Hg.): Diva – die Inszenierung der übermenschlichen Frau: interdisziplinäre Untersuchungen zu einem kulturellen Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts. Schliengen: Ed. Argus 2011 (= Forum Musikwissenschaft 7). ↩︎
    2. Vgl.: Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro. DVD. Hamburg: Deutsche Grammophon 2007. ↩︎
    3. Vgl.: Kaegi, Gabriela: Non so più, cosa son… In: Rauch, Bruno (Hg.): Welche Wonne, welche Lust. Ein anderes Opernbuch. Zü rich: Verlag Neue Zü rcher Zeitung 2001, S. 87-100, S. 93; Charton, Anke: prima donna, primo uomo, musico. Körper und Stimme: Geschlechterbilder in der Oper. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012 (= Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung 4), S. 302. Zur Bettenpolitik auf der Bühne vgl. Lazardzig, Jan: „Non admittitur“. Betten-Dramatik aus dem Archiv der Wiener Polizei. In: Hulfeld, Stefan (Hg.): Unerhörte Theatergeschichten. Ein Lesebuch. Wien: Hollitzer 2022, S. 153-170. ↩︎
    4. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 235-397. ↩︎
    5. Vgl.: Sow, Noah: weiß. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, S. 190-191. ↩︎
    6. Vgl.: Sow, Noah: Schwarz. Ein kurzer vergleichender Begriffsratgeber für Weiße. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast-Verlag 2015, S. 608-610. ↩︎
    7. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. DVD. GB: Poetic Films 1962. ↩︎
    8. Vgl.: Käch, Hugo: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Sony Classical 1983. ↩︎
    9. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. USA: ORF/ARTE/Salzburger Festspiele/TDK 2004. ↩︎
    10. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Unitel Classica/c major 2014. ↩︎
    11. Vgl.: Charton, Anke: Voicing Challenge: Trans* Singers and the Performance of Vocal Gender. In: Kohl, Marie-Anne (Hg.): Under Construction. Performing Critical Identity. Basel: MDPI 2020 (= State of the Arts. Reflecting Contemporary Culture Expression 1), S. 107-125. ↩︎
    12. Halberstam, Jack (ehem. Judith): Female Masculinity. Durham: Duke University Press 1998. ↩︎
    13. Vgl.: Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 68-122. ↩︎
    14. Zit. n.: Charton, Anke: prima donna, S. 296-300. ↩︎
    15. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. ↩︎
    16. Vgl.: Lucie-Smith, Edward (Hg.): Ars erotica. München: Heyne 1998, S. 121. ↩︎
    17. Bezeichnenderweise besetzt der Stummfilm von 1925 Octavian mit einem Schauspieler, Jacque Catelain (Vgl.: Wiene, Robert: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Pan-Film 1926). ↩︎
    18. Vgl.: Koestenbaum, Wayne: The queen’s throat: opera, homosexuality and the mystery of desire. New York: Poseidon Press 1993; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, Cherubino’s Distractions. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera. New York: Columbia University Press 1995, S. 132-151; Castle, Terry: In Praise of Brigitte Fassbaender. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera, S. 20-58; Pearl, Monica B.: Bliss: Opera’s Untenable Pleasures. In: Stacey, Jackie / Wolff, Janet: Writing Otherwise: Experiments in Cultural Criticism. Manchester: Manchester University Press 2013, S. 153-68. ↩︎
    19. Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S. 132. ↩︎
    20. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164. ↩︎
    21. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 302; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S.144. ↩︎
    22. Vgl.: Matheopoulos, Helena: Diva. Great Sopranos and Mezzos Discuss Their Art. Boston: Northeastern University Press 1992, S. 215. ↩︎
    23. Castle, Terry: In Praise, S. 46. ↩︎
    24. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164-165. ↩︎
    25. Strauss, Richard: Der Rosenkavalier op. 59. Partitur. Akt III, 3 Takte nach Ziffer 244. ↩︎
    26. Ebd., 3 Takte nach Ziffer 289. ↩︎
    27. Vgl.: Frevert, Ute: Gefühle in der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 245). ↩︎

    ANKE CHARTON

    Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in Leipzig, Bologna und Berkeley. Forschungsaufenthalte in Spanien und den USA. Lehrtätigkeiten am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Vorträge und Publikationen, u.a. zu Musiktheater und Gesangsgeschichte, Theaterhistoriographie, kulturhistorischer Geschlechterforschung und intersektionalen sowie dekolonialen Perspektiven. 2020-23 Forschungsprojekt Practices and Projections: New perspectives on Siglo de Oro Theatre.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist

    Starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist

    SARA LEITNER: Findet Ihrer Meinung nach bei den Salzburger Festspielen eine kriti­sche Auseinandersetzung mit Geschlechter- und Frauenbildern statt?

    CHRISTOF LOY: Seit der Gründung der Salzburger Festspiele gibt es eine Auseinan­dersetzung mit dem Menschen. Die Festspiele wurden zwar von Männern ge­gründet, zwei davon – nämlich Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – haben sich in ihren Werken aber eingehend mit der Psyche von Frauen aus­einandergesetzt. Das Verhältnis, das die Geschlechter in einer Gesellschaft zu­einander haben, wird bei den Salzburger Festspielen also seit ihrer Gründung thematisiert. Das setzt sich bis heute fort. Die Auseinandersetzung mit dem, wie Männer mit Frauen umgehen, aber auch, wie Frauen mit Männern umgehen, ist Teil jedes Festspielprogramms.

    SARA LEITNER: War das Bewusstsein für dieses Thema also von Beginn an da?

    CHRISTOF LOY: Bei wichtigen Künstlern ist dieses Thema schon immer da gewesen. Das erkennt man sowohl bei griechischen Tragödien als auch bei Stücken, die gegenwärtig entstehen. Auch in meinem Elternhaus war es selbstverständlich, dass eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht bzw. herr­schen muss.

    SARA LEITNER: Was für eine Rolle spielt dieses Thema in Ihrer Arbeit als Opernre­gisseur?

    CHRISTOF LOY: Ich bewerte die Unterscheidung von Geschlechtern nicht negativ, sondern empfinde sie als etwas Schönes. Ich mag Differenzierung und empfin­de es dementsprechend zunächst nicht als schlimm, wenn etwas als spezifisch weiblich oder männlich gelesen wird. Die Idee der Geschlechtertrennung kann schön sein, weil man durch Unterschiedlichkeit mehr über sich selbst erfahren kann, auch wenn man nicht zu der einen oder anderen Gruppe gehört. Dass zwischen den beiden Geschlechtern viele weitere Möglichkeiten existieren, ist eine wunderbare Sache. Die Un­terscheidung zwischen Frau und Mann hat aber auch zu schreckli­chen Dingen geführt – z.B. dazu, dass man die Handlungen von Männern als wichtiger empfun­den hat als die von Frauen. Das ist Humbug. Trotzdem finde ich, dass es eine schöne Orientierung in der Welt sein kann, zwischen zwei Po­len, von denen einer kälter und der andere weicher ist, zu unterscheiden. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist, dass diese Vorstellung eine historische ist, und man sich darüber im Klaren ist, dass Zivilisation heißt, sich von gewissen Dingen lösen zu können, um sie neu zu sortieren.

    SARA LEITNER: Wie stehen Sie dazu, bestimmte Rollenbilder im Musiktheater zu hin­terfragen und aufzubrechen?

    CHRISTOF LOY: Die Opern, die sich über die Jahrhunderte hinweg durchgesetzt haben und mittlerweile den Kanon bilden, haben sich immer von konventio­nellen Rollenbildern gelöst. Dass die Frauenfiguren in den Opern, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, leiden, hat damit zu tun, dass sie in dem Umfeld, in dem sie leben, keinen Platz finden. Es handelt sich bei diesen Figuren immer um starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist. Das ist etwas, das auch heute noch aktuell ist. Deswegen regt es mich auf, wenn gefordert wird, dass Bühnengeschehnisse politisch korrekt sein müssen. In Amerika äußert sich diese Forderung zurzeit besonders deutlich, indem auf der Bühne keine Gewalt gegen Frauen gezeigt werden darf. Wir müssen darum kämpfen, dass es eine politi­sche Korrektheit im Leben gibt, indem wir in der Kunst zeigen, was alles nicht funktioniert. Ein gegenteiliger Zugang ist kunstschädigend, weil er eine neue Zensur darstellt. Es ist die Aufgabe von Kunstschaffenden, Dinge aufzuzeigen, die Konfliktpotenzial in sich tragen. Die Stoffe, von denen die Oper lebt, sind alle noch aktuell.

    SARA LEITNER: Wie denken Sie in diesem Kontext über die Opern, die Sie bei den Salzburger Festspielen inszeniert haben?

    CHRISTOF LOY: Haydns Armida ist eine „Outcast“-Frau. Sie hat magische Kräfte und kann zaubern, wodurch sie ihren Mitmenschen unheimlich ist. Armida ist außer­dem eine Frau, die Power hat. Wenn aber Liebe ins Spiel kommt, können uralte Rollenbilder verstärkt oder vollkommen außer Kraft gesetzt werden – das ist ein Hauptthema der Salzburger Festspiele, weil es ein Hauptthema unseres Lebens ist. Helden werden schwach und dürfen schwach werden. Genauso entwickeln Frauen, denen nicht zugetraut wird, dass sie gewisse Entscheidungen treffen, unglaubliche Kräfte und setzen diese auch durch. Mich interessieren Figuren, die man nicht in eine Schublade stecken kann. Deswegen mag ich Helden, die Schwäche zeigen, genauso wie Frauen, die Stärke zeigen.

    Auch bei meiner Inszenierung von Theodora hat die Geschlechterauflösung eine Rolle gespielt. Das zeigt sich z.B. bei der Flucht, bei der die Kleider getauscht werden, sodass der Mann ein Kleid trägt und Theodora in einen Herrenanzug schlüpft, den sie bis zum Ende der Oper trägt. Eine weitere Steigerung hatte die Geschlechterauflösung bei der Inszenierung von Ariodante, bei der ich Zitate aus Virginia Woolfs Orlando eingearbeitet habe.

    Der Gattung Oper wird immer wieder vorgeworfen, dass sie an unserer Zeit vor­beigeht. Die Oper war aber immer nah dran am Nerv der Zeit und war diesem sogar voraus. Das zeigt sich auch an der Möglichkeit, dass Frauen in der Barockoper Männer spielen konnten. Der Fantasie der Darsteller*innen und des Publikums wurde in der Oper also immer schon viel zugemutet. In der Oper war vieles immer schon selbstverständlich. Von manchen Menschen wird das übersehen, was dazu führt, dass Dinge eingefordert werden, die in der Oper seit ihrem Beginn existieren.

    SARA LEITNER: Uns interessiert im Kontext von Geschlechterrollenbildern im Mu­siktheater vor allem auch die Hosenrolle, die sich bei den „Identitätsstücken“ der Salzburger Festspiele, z.B. im Rosenkavalier, findet. Wie kann eine Hosenrolle Ihrer Meinung nach genutzt werden, um Queerness sichtbar zu machen?

    CHRISTOF LOY: Ich habe den Rosenkavalier zwar noch nicht in Salzburg inszeniert, aber vor einigen Jahren in Stockholm. Octavian wurde in dieser Inszenierung mit einer Solistin besetzt, die sich sehr bewusst mit der Frage auseinandergesetzt hat, an welchen Stellen diese Figur feminine Züge tragen soll. Die Figur des Octavian verkleidet sich im 3. Akt tatsächlich als Frau und spielt anschließend fast den gesamten Akt als Frau, was in ein Terzett dreier Frauenstimmen mündet. Nor­malerweise ist Octavian zu diesem Zeitpunkt wieder als Mann gekleidet. Diese Rückverwandlung hat bei meiner Inszenierung nicht stattgefunden, wodurch viele Themen im Raum standen – auch die Frage, ob eine Identitätsfindung statt­gefunden hat. Die Inszenierung wurde durch die kahle Bühne aber auch zu einer Form eines Brecht’schen Theaters. Im Zentrum stand ausschließlich die Interak­tion von zwei bzw. drei Frauen, die zusammen eine Utopie bilden, in der viel­leicht nichts Männliches mehr Platz hat. Durch die Aufweichung der männlichen Komponenten von Octavian wurde aber auch die Figur des Ochs, die oft als Kari­katur eines Machos gezeigt wird, verunsichert. Dadurch entstand auch eine zarte Liebesgeschichte zwischen Octavian und Ochs. Als die Inszenierung drei Jahre später wiederaufgenommen wurde, entschied man, dass eine non-binäre Person die Rolle des Octavian übernahm. Als ich die Person bei den Proben kennenge­lernt habe, habe ich sie gebeten, die Figur des Octavian in manchen Momenten weicher zu spielen – und zwar gerade in den Szenen, in denen sie mit Ochs zu­sammentrifft, damit zwischen den beiden ein Moment der Verführung entstehen kann. Auf diese Anweisung hat die* Solist*in negativ reagiert, weil sie* Ochs als toxischen Mann verstanden hat. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen im Musiktheater darf meiner Meinung nach aber keinesfalls dazu führen, dass neue Feindbilder kreiert werden.

    SARA LEITNER: Wie stehen Sie dazu, wenn Texte überarbeitet werden? Beim Rosenka­valier also z.B. jener von Ochs.

    CHRISTOF LOY: Davon halte ich nichts. Ich finde es interessant und wichtig, wenn man etwas an einer Figur und der Art, wie sie sich äußert, negativ empfindet. Wenn etwas negativ ist, muss es auf der Bühne zur Sprache kommen. Andern­falls entwickelt sich das Bühnengeschehen zu einem Walt-Disney-Märchen­schloss. Ich gehe nicht ins Theater, um zu sehen, dass alles schön ist.

    SARA LEITNER: Welche Funktion schreiben Sie der Kunst zu?

    CHRISTOF LOY: Ich glaube fest daran, dass das Theater eine moralische Anstalt ist. Wir haben die Verantwortung, Geschichten zu erzählen, die von der Problematik des Zusammenlebens zeugen. Ich bin aber auch der Meinung, dass das Zuschau­en Spaß machen darf. Ich bin in diesem Sinn also Anhänger der Salzburger Fest­spiel-Idee, die das Theater als ein Fest versteht. Man feiert, dass man Visionen von einem Leben haben kann, das besser ist als das, in dem wir leben.

    SARA LEITNER: Bei den Hauptwerken der Salzburger Festspiele gibt es Frauenbilder, die antiquiert anmuten und z.T. ein konservatives Geschlechterbild erkennen lassen. Ein Beispiel dafür ist Die Frau ohne Schatten. Wie empfinden Sie das Frau­enbild, das in diesem und ähnlichen Werken transportiert wird?

    CHRISTOF LOY: Die Frau ohne Schatten ist ein komplizierter Fall und ein untypisches Beispiel für Stücke, die ich inszeniert habe. Die Geschlechterbilder der fünf Hauptrollen sind trotzdem ungewöhnlich, weil die Frauen nicht die „Braven“ und die Männer nicht die „Starken“ sind. Figurenzeichnungen wie diese zeigen auch die Relevanz von Richard Strauss für die Salzburger Festspiele. Es gibt den Witz, dass er nicht gerne für Tenöre geschrieben hat, sondern einen fast anti-wagnerianischen Zugang hatte, was man daran erkennt, dass seine männlichen Figuren bei weitem nicht so komplex sind wie die weiblichen. Man kann bei die­ser Oper nicht davon sprechen, dass sich darin klassische Geschlechterbilder finden. Die Männer sind fast überfordert mit der Kraft der Frauen. Problematisch ist aber die Idee, dass die Frau erst zum Menschen wird, wenn sie Kinder bekommt. Ich habe für mich noch keine Übersetzung für diesen Gedanken gefunden, bin aber davon überzeugt, dass Hofmannsthals Gedanke nicht so primitiv sein kann, wie man vermutet. Vielleicht versucht er in diesem Motiv die Idee zusammen­zufassen, dass sich zwei Menschen in Liebe vereinen und dadurch neues Leben entsteht. Er ist nicht daran interessiert, die Frau zur Gebärmaschine zu degradie­ren. Das kann nicht sein, weil es im Widerspruch zu dem steht, wie er Frauen in anderen Stücken zeichnet und welche ernsthafte Auseinandersetzung mit weib­lichen Rollen und den Rechten, die man Frauen zugestehen muss, erkennbar ist.

    Hofmannsthal wird aber auch bei anderen Werken falsch zitiert. Ein Beispiel da­für ist der zweite Akt von Arabella, in dem die titelgebende Figur ihrem zukünf­tigen Ehemann sagt, dass er ihr Gebieter sein wird. Es darf aber dabei nicht über­sehen werden, dass dieser direkt davor zu ihr sagt, dass er sie zu seiner Kaiserin macht und sie über ihn befehlen wird. Sie begegnen sich also auf Augenhöhe.

    SARA LEITNER: Wie geht man als Opernregisseur mit Momenten in Werken um, in denen eine Hierarchisierung der Geschlechter und ein damit einhergehendes konservatives Frauenbild erkennbar ist?

    CHRISTOF LOY: Die Werke, von denen wir reden, haben meiner Meinung nach ein „modernes“ bzw. angemessenes Bild von Frauen.

    SARA LEITNER: Obwohl es in Die Frau ohne Schatten die Komponente gibt, dass eine Frau erst zum Menschen wird, wenn sie Kinder gebären kann?

    CHRISTOF LOY: Ich habe mich bei meiner Inszenierung davor gedrückt, weil ich die­sen Gedanken als so monströs empfunden habe, dass die entsprechende Szene für mich nur in einem genauso monströsen Weihnachtskonzert mit Knaben- bzw. Kinderchor enden musste. Diese Oper stellt für mich aber tatsächlich eine Aus­nahme dar. Die anderen Opern, die ich inszeniert habe und inszeniere, gehen mit einer wesentlich größeren poetisch-theatralischen Qualität mit dem Thema um. Ein Beispiel dafür ist Ariodante. Das Kostüm, in das CECILIA BARTOLI, bei dieser Inszenierung geschlüpft ist, hat viele Menschen an Conchita Wurst erinnert, die ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht kannte, weil ich bei populärer Kultur nicht all­zu bewandert bin und damals auch nicht in Österreich gelebt habe. Das Kostüm von Ariodante war meine eigene Kreation, es war für mich aber vollkommen in Ordnung, dass es das Publikum an eine andere Kunstfigur erinnert, weil die Rolle dadurch an Subversion gewonnen hat. Das Kostüm für Ariodante war ein Pro­dukt meines Wunsches, eine Figur in absolute Androgynität zu verwandeln. Da CECILIA BARTOLI diese Androgynität sehr gut gepasst hat, ist bei der Inszenierung etwas Utopisches entstanden. Es wurde eine Figur geschaffen, die das biblische Profil eines alttestamentarischen Propheten hatte, zugleich aber auch extreme Zartheit verkörperte. Durch die Kostümierung ergab sich für CECILIA BARTOLI auch die Möglichkeit, auf der Bühne noch männlicher sein zu können als heterosexu­elle Männer, die auf der Bühne in männliche Rollen schlüpfen. Dass man genau diese Momente gesehen hat, war der Zauber des Abends.

    SARA LEITNER: Was war der Grund, CECILIA BARTOLI so auszustatten, dass sie auf der Bühne eine genderfluide Figur verkörpert?

    CHRISTOF LOY: Ich verstehe mich als Kind, das auf der Bühne gerne Sachen sehen will, die man im alltäglichen Leben nicht sieht, die aber viel mit uns als Men­schen zu tun haben. Es klingt naiv, aber ich denke, dass Künstler*innen besser arbeiten, wenn sie dem Zeitgeist nicht nacheifern, sondern ihm durch ästhetische Visionen vorauszugreifen versuchen. Ich fand es einfach schön, mir Cecilia in dieser Erscheinung vorzustellen. Es hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich in dieser Zeit zufällig Orlando von Virginia Woolf gelesen habe. Hinzu kommt, dass ich mich bei meinen Inszenierungen immer gerne auf die Musik berufe. Bei Ariodante ist für mich die Arie zentral, in der sich die titelgebende Figur verraten fühlt. Durch die Zartheit, die sich dabei äußert und die ich mit einer Frau verbin­de – und zwar im besten Sinne –, kam mir die Idee, dass sich die männliche Figur während der Arie in eine Frau verwandelt.

    SARA LEITNER: Wie hat CECILIA BARTOLI auf diese Idee reagiert?

    CHRISTOF LOY: Ich habe ihr ein Bild von Jean Rondeau, einem französischen Cemba­listen, der den „Holzfäller-Look“ hat, dem man aber ansieht, dass sich dahinter ein feinnerviger Mensch befindet, gezeigt und sie gefragt, ob sie etwas dagegen hat, wenn sie diese Frisur und diesen Bart in Ariodante trägt. Sie fand das fantas­tisch. CECILIA BARTOLI hat eine große Verkleidungslust. Insofern war innerhalb von 20 Sekunden alles erledigt.

    SARA LEITNER: Wie haben die Salzburger Festspiele auf Ihre Idee reagiert?

    CHRISTOF LOY: Man genießt eine große Freiheit bei den Festspielen. Ich frage des­halb auch nicht um Erlaubnis, sondern mache es einfach. Wenn ich von etwas überzeugt bin, weiß ich, dass es von den Festspielen mitgetragen wird.

    SARA LEITNER: Gab es vom Publikum besonders positive oder negative Reaktionen?

    CHRISTOF LOY: Ich weiß es nicht, glaube aber, dass die Inszenierung gut angekommen ist. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Cecilia ihre Gestaltung mit einer gro­ßen Selbstverständlichkeit verkörpert hat. Ich war mir unsicher, wie das Publikum auf die Texte von Virginia Woolf reagiert, die ich ausgesucht habe und die auf Italienisch eingespielt wurden. Ich glaube aber, dass auch das den Horizont der Zuseher*innen erweitert hat. Grundsätzlich schätze ich das Publikum lieber höher als zu niedrig ein. Nur weil man Geld hat, ist man nicht blöd. Einige sind schon blöd und haben Geld, aber Geld haben heißt grundsätzlich nicht, blöd zu sein.

    SARA LEITNER: Welche bühnenästhetischen Mittel gibt es neben den bereits genann­ten, um Geschlechterrollenbilder aufbrechen und dekonstruieren zu können?

    CHRISTOF LOY: Ich verstehe meine Herangehensweise als Kombination aus psycho­logischer und choreografischer Arbeit, die das Menschliche per se thematisiert. Meine Arbeiten wirken vielleicht deshalb so modern, weil ich das Geschlecht eines Menschen nicht zum Thema mache.

    Bei Così fan tutte wird immer von bösen Frauen und einfältigen Männern gespro­chen. Meiner Meinung nach geht es in dem Stück aber vielmehr darum, dass Menschen merken, dass die Liebesbeziehung, in der sie sich befinden und von der sie dachten, dass sie durch nichts zu irritieren ist, sehrwohl ins Wanken ge­raten kann. Diese Erfahrung kann dazu führen, dass man sich in Mustern ver­heddert, und Männer krampfhaft am Glauben festhalten, dass sie wichtiger als Frauen sind, aber auf einmal merken, dass das Blödsinn ist. Ich beschäftige mich immer mit den schwächsten Punkten aller Beteiligten. Wenn ich Sänger*innen finde, die bereit sind, diese Transparenz zuzulassen, entsteht im Idealfall ein Ge­flecht, von dem man tatsächlich sagen kann, es sei utopisch.

    SARA LEITNER: Welche Rolle spielte MARGARETE WALLMANN, eine wichtige Frau der Gründungszeit der Salzburger Festspiele, für Ihre Inszenierung von Orfeo ed Eu­ridice?

    CHRISTOF LOY: Ich habe mich als Kind immer schon für Opern und Opernregie in­teressiert. Deshalb hatte ich schon früh ein Album von den Salzburger Festspie­len, in dem Fotos von Wallmanns Produktion von Orfeo ed Euridice abgedruckt waren. Dabei ist mir aufgefallen, dass bei dieser Inszenierung – anders als bei den anderen Opern – nicht ausschließlich männliche Namen bei den Mitwirken­den gelistet waren. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich also, dass auch Frauen bei Opern mitwirken. Später habe ich Margarete Wallmanns Inszenierung der Tosca kennengelernt. Ich mochte die ästhetischen Figuren, die sie geschaffen hat. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Zum ersten Mal habe ich dadurch aber auch ein Bewusstsein dafür bekommen, dass es Regisseurinnen und Regisseure gibt. Margarete Wallmann war also sowohl ästhetisch als auch theaterhistorisch wich­tig und ist somit in zweifacher Hinsicht eine Vorreiterin.

    SARA LEITNER: Haben Sie Visionen oder Wünsche für die Zukunft des Musiktheaters bei den Salzburger Festspielen?

    CHRISTOF LOY: Die einzige Hoffnung, die ich habe, ist, dass es sich nicht durchsetzt, dass im Musiktheater politische Korrektheit inszeniert werden muss.


    © Eva Mañez

    CHRISTOF LOY

    Studium der Musiktheaterregie an der Folkwang-Hochschule in Essen. 1990 Debüt als Regisseur mit der selbst zusammengestellten musikalischen Faust-Collage gretchen. Eine mädchentragödie. Seit 2007 Tätigkeit als Regisseur u.a. in Stuttgart, München, Brüssel, Frankfurt, London, Zürich, Berlin, Wien und bei den Salzburger Festspielen. Zu seinen Produktionen hier zählen u.a. Così fan tutte (2020) und Il trittico (2022). Seit 2019 Tätigkeit als Choreograf u.a. in Amsterdam. 2021 Regie und Drehbuch für den Spielfilm Springtime in Amsterdam.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Zum Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen

    SARA LEITNER: Welche Funktion haben die Salzburger Festspiele bei der Kreierung und der Präsentation von Diven?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind meiner Ansicht nach nicht dazu da, Diven zu kreieren und zu präsentieren. Vielmehr sind sie ein internationales Festival, das sich die Präsentation von Oper und Schauspiel auf die Fahnen ge­schrieben hat. Die Opernliteratur wird – genauso wie Texte im Schauspielbereich – von zentralen Frauenfiguren bestimmt, wodurch solche Themen automatisch auf der Bühne behandelt werden. Was man sich aber genauer ansehen muss, ist, wie man mit diesen Werken umgeht. Wird ein Stück angesetzt, um einer Diva quasi ein Forum zu bieten? Oder verbindet man scheinbar Rolle und Privatper­son, um seine Rolle als Macher zu befestigen und mit einem Hype zu versehen und Karten zu verkaufen?

    BARBARA BEYER: Ich finde es wichtig, zwischen Rolle und Darstellerin, also der Sän­gerin-Persönlichkeit, die diese Rolle verkörpert, zu unterscheiden. Mich würde in diesem Kontext die Frage interessieren, was die konkreten, gegenwärtigen „Diven“ der Salzburger Festspiele – etwa ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN – auszeichnet und welche Unterschiede es zu Sängerinnenpersönlichkeiten aus dem letzten Jahrhundert, Stichwort Maria Callas, gibt. Netrebko und Grigorian haben dieses Jahr beide die Lady Macbeth gesungen, Grigorian in Salzburg und Netrebko an der Staatsoper Berlin. Ich habe dazu zwei Zitate von unterschiedli­chen Kritiker*innen herausgesucht. Bei Jürgen Kesting heißt es:

    Sie [Asmik Grigorian] tut sich nicht leicht damit, Ornamente so zu formen, dass sie wie Flammenstöße auflodern, aber ihr Singen wird zu einem Sieg über die ex­pressiven Widerstände. Und wie gut sie sich darauf versteht, im ersten Duett mit Macbeth den gehetzten Ton für die finsteren Mordpläne zu finden, wie eindringlich sie die ariosen Phrasen des düs­teren Monologs La Luce Langue in die fahlen Farben eines fins­teren Traums hüllt, wie klug sie den Trillern des Trinklieds den Ton falscher Fröhlichkeit unterlegt, grandios endlich die Klimax, die Schlafwandelszene im vierten Akt. Die Heldin er­liegt sich bei Verdi nicht länger in einem Reigen von Koloraturen, sie taumelt sprachlich stockend und stammelnd in den Wahnsinn. Das hohe Des ist kein krönender Abschluss, sondern Klang des Sterbens.1

    Im Gegensatz dazu heißt es in der FAZ über Anna Netrebko: „Es gibt Momen­te der Hingabe, die sie genießt. Wahrscheinlich ist sie aber Profi genug, solche Szenen hervorzuzaubern ohne größere innere Beteiligung. Netrebko ist in ihrer Rolle ungefähr so kalkulierend und durchtrieben, wie man es draußen bei der Demonstration von ihr glaubt.“2

    Hier wird ein Rollenverständnis deutlich, das Anna Netrebko in Hinblick auf die Lady Macbeth hat und transportiert. Umgekehrt geht es Asmik Grigorian darum, sich an die Partitur von Verdi zu halten, um minutiös dem Willen Verdis entgegenzukommen. Dennoch geht es in beiden Fällen, würde ich sagen, um eine Form der Professionalität und der Perfektion.

    KLAUS BERTISCH: Das hat auch mit einer Erwartungshaltung zu tun, die auf einer Kenntnis der Partitur und der Literatur fußt. In der ersten Kritik wird auf die Brie­fe von Verdi Bezug genommen, in denen er schreibt, was er sich von einer Lady Macbeth wünscht. Ich habe die Generalprobe bei den Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian gesehen, und mir war es fast zu perfekt. Ich hätte gerne mehr Spannung, mehr Leid oder mehr – in diesem Zusammenhang ein schreckliches Wort – Hass gesehen. Ich hatte in der Vorstellung nicht das Gefühl, dass es sich bei ihr um eine Diva handelt. Vielmehr hat Asmik Grigorian auf der Bühne eine starke Frauenfigur verkörpert. Anna Netrebko wiederum scheint sich als Sängerin in eine Richtung entwickelt zu haben, die davon geprägt ist, möglichst wenig probieren zu müssen und möglichst wenig Intensität an den Tag zu legen, sondern vielmehr das abzuliefern, was von ihr bei einer Aufführung erwartet wird.

    BARBARA BEYER: Damit sind Aspekte angesprochen, die einen schönen Bogen zu Maria Callas herstellen. Maria Callas hat, als sie nicht mehr ganz auf der Höhe war, eine Vorstellung in der Scala gesungen, mit erheblichen Stimmproblemen. Sie wurde daraufhin vom Publikum als „Hure“ beschimpft. Sogar auf ihr Haus hat man „putana“ geschrieben. Was ist da passiert? Ruth Berghaus hat einmal gesagt, dass Sänger und Sängerinnen in ihrer Existenz immer lebensgefährlich bedroht sind, weil sie auf der Bühne stehen und den Ton treffen müssen. Sie müssen springen. Sie müssen ihre Angst überwinden und sich dem Publikum hingeben und darauf vertrauen, dass das Publikum sie auffängt. Dieser Vorgang hat viel mit Angst und der Überwindung von Angst zu tun. Aber nur darüber stellt sich ein wirklicher Kontakt zwischen der Darstellerin und dem Publikum her, hier entsteht so etwas wie Erotik und Berührt-Werden.

    KLAUS BERTISCH: Meinst du wirklich Erotik, also körperliche Spannung?

    BARBARA BEYER: Erotik in einem sehr weiten Sinne, nicht sexualisiert. Mit Blick auf diese Angst möchte ich zu Anna Netrebko und Asmik Grigorian zurückkom­men. Ich habe den Eindruck, die Angst wird bei ihnen aufgrund einer, wie ich finde, falsch verstandenen, aber vom Betrieb geforderten, Professionalität so ver­drängt, dass diese Form des Berührt-Werdens kaum noch möglich ist.

    SARA LEITNER: Sie haben zwischen Sängerin und Rolle differenziert. Findet in dem Moment, in dem eine Sängerin zum Star wird, eine Verschmelzung zwischen der Privatperson und der Rolle statt? Braucht es diese Verschmelzung, um zu einem Star zu werden?

    BARBARA BEYER: Ich glaube – und das gilt genauso für Schauspieler*innen –, dass das Verhältnis von Rolle und Person ein stark getrenntes ist, weil Sängerinnen hauptsächlich auf die Musik, auf das Singen konzentriert sind. Das Zusammen­fallen von Person und Rolle kann nie durchgängig der Fall sein, das sind immer nur kurze Momente in einer Aufführung. Aber diese Momente sind das Wert­volle, das Berührende.

    KLAUS BERTISCH: Dieses Zusammenfallen ist etwas, das bei den Zuschauer*innen passiert. Ich finde es toll, dass du das als Regisseurin sagst, weil es etwas ist, vor dem wir uns eigentlich hüten sollten. Es geht oft schief, wenn man glaubt, dass eine Sängerin der richtige Typ für eine bestimmte Rolle ist, weil das Erzeugen ei­ner emotionalen Situation keine emotionale, sondern eine mentale Arbeit ist. Für mich sind deshalb z. B. die Vorstellungen, bei denen ich weiß, dass eine Sängerin erkältet ist, oft die ergreifendsten, weil sich die Sängerin auf das konzentrieren muss, was gefordert wird. Technik ist gefragt. Sie darf sich nicht emotional trei­ben lassen.

    BARBARA BEYER: Die Vorstellung, dass der Gesang Emotionen ausdrückt, so wie man den Saft einer Zitrone auspresst, ist ein großes Missverständnis. Diese Emo­tionen werden von Sängerinnen größtenteils hergestellt, und es kommt, wie be­schrieben, nur momentweise zu einer Berührung.

    KLAUS BERTISCH: Es gibt auch Überlegungen, was für Sängerinnen eine gute Rol­le ist. Die Salzburger Festspiele sind der Ort gewesen, der die Karriere von Anna Netrebko begründet hat. Letzten Endes war die Traviata in Salzburg ihr – auch medialer – Durchbruch. Also überlegt man, was nun weitere gute Rollen für sie wären. Das sind Diskussionspunkte, bei denen auch andere Faktoren von Wichtigkeit sind. Dazu zählt z.B. das Publikum. Es waren die Zuschauer*innen, die Anna Netrebko in La Traviata auf Händen getragen und sie berühmt gemacht haben. Sie wollten sie nun wieder sehen. Aber will man sie auch immer wieder sehen, wenn man feststellen muss, dass sie eine andere politische Haltung hat, als man sie sich wünscht? Das sind Aspekte, die nicht notwendigerweise verbunden werden. Salzburg sieht es vielleicht als seine Aufgabe, Rollen für Sängerinnen zu finden, aber ich weiß nicht, wie viel Kal­kül dahintersteckt.

    SARA LEITNER: Haben Sie das Gefühl, dass der Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen von Wichtigkeit ist?

    KLAUS BERTISCH: Ja, ich denke schon. Wir haben gerade festgestellt, dass die Ver­schmelzung von Rolle und Persönlichkeit etwas ist, das vor allem in den Köpfen

    Mittel einsetzen kann, um Publikum zu gewinnen. Also haben die Salzburger Festspiele Anna Netrebko und Asmik Grigorian dort hingebracht, wo sie heute sind und auch dafür gesorgt, dass ihre Gage steigt.

    BARBARA BEYER: Sie haben im Vorfeld unseres Gesprächs gefragt, ob Sängerinnen zu „Objekten“ von Institutionen werden können. Ich glaube nicht, dass Sänge­rinnen, die in dieser Liga spielen, in irgendeiner Weise Opfer sind. Da hört jede Naivität auf. Diese Sängerinnen wissen genau, auf welchem Parkett sie sich be­wegen und machen das mit. Es ist – gleichgültig, ob bewusst oder unbewusst – in ihrem Interesse, dass ihre Karriere weitergeht und dass sie Aufträge bekommen, wenn sie sich entsprechend verhalten.

    SARA LEITNER: Inszenieren sich Sängerinnen als Repräsentantinnen eines bestimm­ten Frauenbildes, oder geht diese Inszenierung von Institutionen wie den Salz­burger Festspielen aus?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind bei Anna Netrebko das Risiko ein­gegangen, sie für große Rollen zu engagieren. Das ist ein Risiko, das man in Kauf nehmen muss, wenn man ein Potential sieht, das man nutzen will. Eine Image-Bildung im Sinne eines bestimmten Frauenbildes erfolgt letzten Endes durch die Regisseur*innen. Das ist etwas, was im Arbeitsprozess entsteht und davon ab­hängt, wie Regisseur*innen eine Figur sehen.

    BARBARA BEYER: In meiner Arbeit an Hochschulen habe ich jungen Sängerinnen im­mer gesagt, ihr seid in keinem Moment auf der Bühne Opfer. Egal, welche Rolle ihr spielt, ihr seid keine Opfer. Wenn man mit dieser Haltung an eine Frauen­figur herangeht, entstehen Kippmomente, die die Situation verdrehen und die Frauenfigur in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wir haben das Dilemma, dass die Werke, die gespielt werden, vor allem aus dem 19. Jahrhundert stam­men und sich dadurch auszeichnen, dass sie von Männern geschrieben wurden und Frauen einen besonderen Status darin haben. Barbara Vinken beschäftigt sich in ihrem gerade veröffentlichten Buch Diva. Eine etwas andere Opernführerin damit, die Opferrollen umzudenken. So sagt sie, dass Violetta in La Traviata am Ende ein bewusstes Opfer für die Liebe eingeht. Ich teile diese Lesart von Bar­bara Vinken nicht unbedingt, und es gibt Frauenfiguren, in La Bohème, Madama Butterfly oder Carmen, die stark in Klischees gefangen sind, aber dennoch sollte man als Regisseur*in immer den Versuch machen, die Figuren aus diesen Kli­schees zu befreien. Ich habe einmal Otello inszeniert, und Desdemona mit ihrem engelsgleichen Gesang als eine kalte, berechnende Frau von Macht inszeniert, die ihren spezifischen Gesang strategisch einsetzt, und das ist wunderbar auf­gegangen.

    KLAUS BERTISCH: In dem Moment, in dem man sagt: „Ihr seid kein Opfer“, setzt ein Bewusstseinsprozess bei den Sängerinnen ein, sie verändern etwas an ihrer Haltung gegenüber einer Rolle. Es beginnt ein neues Denken, und das ist das Allerbeste, was man erreichen kann.

    Ich muss darüber nachdenken, was eine Frau zur Diva macht. Will ich den Inhalt eines Stückes sehen und verstehen? Oder will ich meine eigene Erwartungshal­tung bestätigt haben?

    BARBARA BEYER: Ich finde, dass das Wort „Diva“, das mittlerweile auch in den all­täglichen Sprachgebrauch aufgenommen ist, nicht mehr dazu taugt, um eine besondere Qualität einer Sängerin herauszustellen. Ich würde damit vorsichtig umgehen.

    KLAUS BERTISCH: Aber kann man Anna Netrebko und Asmik Grigorian aus Sicht des Publikums als Diven bezeichnen? Möchte das Publikum gerne eine Diva haben?

    SARA LEITNER: Welche Konzepte einer Diva, welche Frauenbilder verkörpern Asmik Grigorian und Anna Netrebko? Braucht es eine Diva, damit eine Aufführung erfolgreich ist?

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum möchte gerne Diven haben. Das ist wie ein Markenzeichen. Man ist auf der sicheren Seite, weil man weiß, dass man ein Netrebko- oder Grigorian-Fan ist. Man muss nicht mehr differenziert hinhören oder hinschauen.

    KLAUS BERTISCH: Das Publikum sucht eine Identifikationsfigur, die toll singt, aber gleichzeitig in ihrer Not, ihrer Angst und ihrem Erfolg auch eine Art „Deformati­on“ hat, die zeigt, dass sie nicht nur eine Partitur erfüllt, sondern auch menschlich ist. In der Oper geht es darum, sich zu identifizieren oder etwas über sich selbst zu erfahren. Ich erinnere mich, dass Anna Netrebko eine Vorstellung wegen ih­rer Schwangerschaft absagen musste, aber trotzdem in Salzburg war und ihren Bauch präsentiert hat. Die Reaktion war: „Die Arme, sie bekommt ein Kind, sie kann nicht singen.“

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum ist gerne eine Fangemeinde und liebt es, einen Star zu verehren. Wenn der Star auch noch Kinder kriegen kann, ist das der Wahnsinn.

    KLAUS BERTISCH: In Salzburg zeigt sich das auch darin, dass ein Teil der Fange­meinde hinter der Balustrade steht, um zu erfahren, welche Berühmtheiten man in der jeweiligen Vorstellung sehen kann. Das ist nicht überall so. In Ams­terdam sind die Schlangen der Autogrammjäger*innen bei der Bühnenpfor­te sehr begrenzt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, in Stuttgart oder Frankfurt jemals Autogrammjäger*innen gesehen zu haben. Vor der Wiener Staatsoper warten allerdings ebenfalls Personen darauf, dass Künstler*innen nach der Vorstellung aus der Garderobe kommen und ihnen ein Autogramm geben. In diesen Opernzentren herrschen andere Traditionen als in einem „neutralen“ Ort wie Amsterdam, Stuttgart oder Frankfurt. Salzburg ist ein Traditionsort.

    BARBARA BEYER: Ich möchte noch einmal auf die Frauenbilder zu sprechen kommen. Der Titel von Jan Schmidt-Garres Film Fuoco Sacro – Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs sagt gut aus, was Sängerinnen zu leisten haben. In diesem Kontext spielt der weiblich konnotierte Begriff der „Hingabe“ eine Rolle. Sie müssen gro­ße Leidenschaften zeigen und sie auch verkörpern. Das heilige Feuer muss aus ihnen sprühen. Das sind Vorstellungen von Weiblichkeit, die heute kaum noch existieren. Sie stellen Sehnsüchte dar, die mit der wirklichen Welt nichts mehr zu tun haben. Ein weiblicher Star erfüllt also eine wichtige Funktion in Hinblick auf Sehnsüchte, die im Alltag nur noch als eine fragwürdige Illusion vorhanden sind.

    SARA LEITNER: Bekommen manche Sängerinnen deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil das antiquierte Bild, das sie auf der Bühne verkörpern, nicht mit dem heuti­gen „modernen“ Frauenbild übereinstimmt?

    BARBARA BEYER: Das Publikum will diese Frauenbilder wiederfinden, aber wir müs­sen konstatieren, dass unsere Welt weitergegangen ist und es heute ein anderes Frauenbild gibt. Anscheinend gibt es eine Sehnsucht, alte Frauenbilder wieder­zuerwecken.

    SARA LEITNER: Haben Sie den Eindruck, dass bei den Salzburger Festspielen bewusst mit dieser Sehnsucht gespielt wird?

    KLAUS BERTISCH: Es ist ein großes Problem der Salzburger Festspiele, dass es kei­ne Hinwendung zu neuer Musik gibt. Es gibt keinen Versuch, zentrale Werke wie Die Zauberflöte, Macbeth oder Tosca in ein neues Licht zu setzen, das eine zeitgenössische Auseinandersetzung oder eine neue Komposition ermöglicht. Das ist eine politische Entscheidung. Der künstlerische Leiter ist bekannt da­für, dass er früher Konzertprogramme mit neuer Musik zusammengestellt hat. Ich weiß nicht, warum mittlerweile nichts Neues in Auftrag gegeben wird oder kaum Komponistinnen aufgeführt werden, um so Tradiertes, was durch­aus seine Berechtigung hat, vielleicht zu konterkarieren oder zumindest zu ergänzen.

    BARBARA BEYER: Das kann man auch auf Dirigentinnen beziehen, die immer noch nur marginal vorkommen.

    SARA LEITNER: Was muss sich bei der Besetzung und bei der Auswahl der Werke ändern?

    BARBARA BEYER: Es muss mehr Zeitgenössisches aufgeführt werden. Ich bin zurück­haltend, wenn es heißt, dass Frauen anders inszenieren als Männer, aber sie ha­ben zumindest ein Bewusstsein für bestimmte Dinge, das Männer offensichtlich nicht haben, wenn man z.B. an Martin Kušejs Figaro in Salzburg denkt. Man sollte auch bei den Sänger*innen-Besetzungen anders vorgehen. Ich halte den Starkult für fatal, weil er alles aufsaugt. Die Aufmerksamkeit wird auf eine einzige Person gelenkt, sodass die Stücke untergehen. Man sollte das Risiko eingehen, jüngere Sängerinnen an den Start zu lassen, die auf der Suche nach einem persönlichen Ausdruck sind.

    KLAUS BERTISCH: Für mich ist das nur teilweise richtig, weil die Salzburger Festspie­le zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wohl ein Risiko auf sich genommen ha­ben. Sie haben in Anna Netrebko eine Persönlichkeit gesehen, der sie zugetraut haben, bestimmte Rollen adäquat zu interpretieren.

    BARBARA BEYER: Wie lange ist das her?

    KLAUS BERTISCH: La Traviata war 2004.

    BARBARA BEYER: Also 20 Jahre.

    KLAUS BERTISCH: Anna Netrebko hat im Sommer bei den Festspielen schon lange keine große Rolle mehr in einer Neuinszenierung gesungen. Der Starkult, für den Salzburg gesorgt hat, hat sich verselbstständigt und scheint nun an anderen Orten auf, wie z.B. an der Berliner Staatsoper.

    BARBARA BEYER: Findest du nicht, dass der Starkult vom Inhalt eines Stückes ab­lenkt?

    KLAUS BERTISCH: Meiner Ansicht nach liegt das Geheimnis in der Diversität – sowohl in Hinblick auf das Repertoire als auch auf die Macher*innen. Die unterschiedli­chen Rollen, die Asmik Grigorian in den letzten Jahren in Salzburg übernommen hat, weisen meiner Meinung nach Diversität auf. Für mich ist sie – jedenfalls, wie man sie öffentlich wahrnimmt – in keinem Fall eine Diva. Sie wird zu einer Diva hochstilisiert, weil sie die Rollen singt, die mit dem Begriff der Diva assoziiert werden. Das ist das Gefährliche.

    BARBARA BEYER: Eine Diva wird immer durch das Publikum und die Medien ge­macht. Asmik Grigorian ist dabei nicht unschuldig, aber sie möchte das vielleicht gar nicht. Es passiert mit ihr.

    KLAUS BERTISCH: Das ist etwas, das man als Sängerin selbst kaum lenken kann, wie der Werdegang von Maria Callas zeigt. Ihre Karriere hat begonnen, als sie „dick“ war und in Italien große, dramatische Rollen gesungen hat. Als sie abgenommen hat, hat sich ihr Repertoire geändert. Hinzu kamen die Medien, ihre Stimme, genauso wie Privatereignisse. Das sind Einflüsse, die immer mit Interesse ver­folgt werden. So etwas kann an einer Sängerin nicht spurlos vorübergehen. Wie reagiert man, wenn man ausgebuht oder in Grund und Boden geschrieben wird? Man fragt sich: Muss man etwas ändern? Bleibt man, wer man ist?

    SARA LEITNER: Gibt es bestimmte Eigenschaften, die eine Frau haben muss, damit sie bei den Salzburger Festspielen zum Star gemacht werden kann?

    KLAUS BERTISCH: Das kann man so pauschal nicht sagen, weil es viel damit zu tun hat, wie Sängerinnen eine Rolle interpretieren, wie die Reaktionen des Publi­kums und die von Agent*innen sind. Es hängt darüber hinaus aber auch damit zusammen, wer ein Haus leitet, wer die Entscheidungen trifft und welches Re­pertoire zur Verfügung steht.

    BARBARA BEYER: In der ZEIT schrieb Christine Lemke-Matwey in einer Kritik, dass Asmik Grigorian eigentlich ein lyrischer Sopran ist, weshalb die Rolle der Lady Macbeth für sie zu dramatisch sei. Der Betrieb greift teilweise rücksichtslos zu. Wir wissen nicht, was mit Asmik Grigorians Stimme passiert, aber wenn sie in dieser Weise weitermacht, ist sie bald am Ende. Es gibt Sängerinnen, die bereits während des Studiums von Agent*innen dazu gezwungen werden, sich inner­halb kürzester Zeit ein Repertoire anzueignen. Es ist obszön, wie Agent*innen vorgehen.

    KLAUS BERTISCH: Christine Schäfer – eine Sängerin, die heute nicht mehr singt, aber eine Zeit lang stark in den Fokus gerückt wurde – hat sich bewusst vom Betrieb abgewandt, weil sie sich dem Rollenverständnis und dem Klischee, das die Me­diengesellschaft auf sie zu projizieren versucht hat, nicht aussetzen wollte. Von den beiden Sängerinnen, über die wir sprechen, hat keine den Weg eingeschla­gen, den Christine Schäfer genommen hat, sondern beide sind auf den Medi­enwagen aufgesprungen. Bei Asmik Grigorian muss man abwarten. Mit Salome wurden große Dinge an sie herangetragen, aber ich habe den Eindruck, sie ist bei der Auswahl ihrer Rollen nicht wirklich kritisch. Trotzdem widersetzt sie sich den Erwartungshaltungen der Medien, die versuchen, sie zu vermarkten, was sich an den Partien zeigt, die sie bisher gesungen hat.

    SARA LEITNER: Verkörpern Anna Netrebko und Asmik Grigorian Ihrer Meinung nach zwei konträre Frauenbilder?

    KLAUS BERTISCH: Die Frage ist, ob sie die Erwartungshaltungen erfüllen, die an sie – auch von der Presse – herangetragen werden.

    BARBARA BEYER: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen, weil Anna Netrebko bereits seit mehreren Jahren im Geschäft ist und folglich eine bestimmte Robustheit sowie einen Grad an Perfektion entwickelt hat. Bei Asmik Grigorian lässt sich hingegen noch etwas Fragiles erkennen. Sie ist in diesem Sinne noch nicht „verdorben“. Ob sie gegebenenfalls die Kraft hat, wie Christine Schäfer mit dem Betrieb zu brechen, lässt sich nicht sagen. Ich glaube, irgend­wann tritt eine Form von Selbstschutz ein, der notwendig ist, damit man sich entscheidet – und zwar auch dafür, dass man eine Existenz als Diva begrüßt.

    KLAUS BERTISCH: Wie wir bereits zu Beginn festgestellt haben: Die Rollen sind nicht die Persönlichkeiten. Dem breiten Publikum bleiben Informationen aus dem Pri­vatleben von Asmik Grigorian verborgen, während wir von Anna Netrebko wis­sen, dass sie z.B. darauf besteht, dass ihr Mann gemeinsam mit ihr auftritt. Inso­fern ist Asmik Grigorian noch nicht auf diesen Wagen aufgesprungen. Trotzdem hat sie Erfolg in Salzburg. Sie wird vom Publikum geliebt und gehypt, versucht aber, ihr Privatleben außen vor zu lassen.

    SARA LEITNER: Spielt trotzdem auch bei Asmik Grigorian in Salzburg der Starkult eine Rolle?

    KLAUS BERTISCH: Auf jeden Fall. Die Salzburger Festspiele versuchen, einen Star zu kreieren. Meiner Meinung nach kommt es aber darauf an, wie man sich dazu ver­hält. 2023 wurde in Salzburg auch Falstaff neuinszeniert. Die titelgebende Figur wäre eine der wenigen Männerrollen, die das Potential zum Starkult hätte. Trotz­dem wurde in der breiten Öffentlichkeit nicht über Gerald Finley diskutiert, der den Falstaff gesungen hat.

    SARA LEITNER: Ist der Starkult also geschlechtlich konnotiert und an eine Frau ge­koppelt?

    BARBARA BEYER: Ja, aber nicht ausschließlich. Es gibt auch Tenöre, die den Status eines Stars erreicht haben.

    KLAUS BERTISCH: Domingo, Carreras und Pavarotti waren die drei Tenöre, bei de­nen man von einem Starkult sprechen kann. Man könnte vielleicht auch Rolando Villazón nennen. Aber sind wir an Villazón und seiner Entwicklung genauso interessiert wie an Netrebko, mit der er La Traviata gesungen hat? Nein, würde ich sagen.

    BARBARA BEYER: Hier zeigt sich auch etwas, das mit den Opern selbst zu tun hat. Die männlichen Rollen laden – zumindest bei Verdi – nicht zur Identifikation ein. Die Frauenfiguren sind oft die radikalen Figuren, die aus Liebe etwas vorantreiben und die Männer in Bedrängnis bringen und so das patriarchale System durchei­nanderbringen. Das ist als Identifikationsmoment wesentlich interessanter.

    KLAUS BERTISCH: Es liegt auch daran, dass das breite Publikum die Inhalte mit der Persönlichkeit einer Sängerin vermischt…

    BARBARA BEYER: …. oder ein Identifikationsmuster vorhanden ist, in das man sich gerne einklinkt.

    SARA LEITNER: Wie erklären Sie sich, dass der Starkult gerade bei den Salzburger Festspielen so präsent ist?

    BARBARA BEYER: Es hat mit den teuren Eintrittskarten zu tun. Salzburg bedeutet ein Fest, und das möchte man genießen. Man möchte für sein Geld etwas geboten bekommen, und das geht nur über Stars.

    KLAUS BERTISCH: Man erkauft sich durch die teuren Karten auch den Star. Man bezahlt dafür, dass man jemanden trifft, mit dem man sich identifizieren kann. Ich würde mir wünschen, dass der Gründungsgedanke von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal eine größere Rolle spielen würde, was in der Oper auch möglich wäre.

    BARBARA BEYER: Ich würde mir mehr Werkstattcharakter und eine inhaltliche Aus­einandersetzung mit den Stücken wünschen.

    SARA LEITNER: Haben die Sängerinnen, die bei den Salzburger Festspielen ins Zent­rum gerückt wurden, das Bild der Festspiele entscheidend mitgeprägt?

    KLAUS BERTISCH: Der Starkult kommt aus der Zeit von Herbert von Karajan, in der Fotos der Künstlerinnen in den Schaufenstern lagen und sich das Publikum vor dem Eingang positioniert hat, um einen Blick darauf erhaschen zu können, wenn die Sängerinnen die Festspielhäuser in ihrem privaten Kleid oder Dirndl betra­ten. Ich würde sagen: Bitte ein bisschen mehr auf den Inhalt schauen!

    SARA LEITNER: Wäre das Ihr Appell für die Zukunft?

    KLAUS BERTISCH: Die Themen der Opern sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich, weil wir einen Kanon haben, der vor allem aus Werken des 19. Jahrhunderts besteht. Brauchen wir sie? Oder haben wir nicht auch die Möglichkeit, diese Werke in einem Licht erscheinen zu lassen, das unsere eigene Zeit, unsere literarische und musikalische Entwicklung widerspiegelt, sodass begreifbar wird, warum Mac­beth heute noch aufgeführt wird? Ich glaube leider nicht, dass das in Salzburg eine Rolle spielt. Ich verstehe ein Festival aber als Möglichkeit, Dinge zu machen, die man sonst nicht machen kann. Man muss dem Publikum auch Stücke und Inszenierungen schmackhaft machen, die nicht landauf, landab gespielt werden. Seid doch bitte bereit, andere Sachen zu machen oder andere Werke in den Ka­non aufzunehmen!

    BARBARA BEYER: Das finde ich auch, vor allem sollte man Zeitgenössisches auffüh­ren.


    Anmerkungen

    1. Kesting, Jürgen: Eine Lady, wie von Verdi erträumt. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/verdis-macbeth-in-salzburg-19069660.html (13.3.2024), datiert mit 30.7.2023. ↩︎
    2. N. N.: Am Ende mehr Applaus als Buhrufe für Netrebko in Berlin. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/anna-netrebko-in-berlin-mehr-applaus-als-buhrufe-19178492.html (13.3.2024), datiert mit 16.9.2023. ↩︎

    BARBARA BEYER

    Studium der Musikwissenschaften, Psychologie und Germanistik. 1991-96 Dramaturgin am Staatstheater Darmstadt und Gastdramaturgin am Nationaltheater Mannheim sowie an der Freien Volksbühne Berlin. 2004-08 Lehrtätigkeiten an der Universität der Künste im Bereich Bühnenbild und an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ im Fachbereich Musiktheaterregie. 2009 Professur für Musikdramatische Darstellung an der Kunstuniversität Graz. Ab 2015 Leiterin der Opernklasse an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden.

    KLAUS BERTISCH

    Studium der Anglistik, Germanistik, Kunsterziehung und Pädagogik. 1987-90 Dramaturg und Autor für das Siemens Kulturprogramm in München. 1990-2018 Chefdramaturg an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam. Tätigkeiten als Regisseur mit Spezialisierung auf szenische Recitals. Lehrtätigkeit an der Dutch National Opera Academy in Amsterdam. 2023 Dramaturg bei der Oper Orfeo ed Euridice bei den Salzburger Festspielen sowie bei der Zauberflöte in der Dutch National Opera & Ballet in Amsterdam.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Play it Again, Herbert

    Play it Again, Herbert

    Die Präsenz von Herbert von Karajan bei den Salzburger Festspielen wird durch zahlreiche, manchmal paradoxale Dualitäten geprägt. Gleichzeitig als Diktator und dennoch geliebt, unverzichtbar aber kontrollierend, war er auch in gewisser Weise der „Jedermann“ des Festivals: Karajan schien überall zu sein, alles zu tun, jede Rolle zu erfüllen, die ganze Zeit.1 Trotz des drohenden Schattens seiner frü­heren NSDAP-Verbindungen, die zu einem Dirigierverbot bis 1947 führten und die seinen internationalen Ruf bis heute trüben, wandte Salzburg mit seiner Rück­kehr ans Dirigentenpult im Jahr 1948 schnell das Blatt.2 Karajan dirigierte nicht nur insgesamt 247 Opern und 90 Konzerte bei den Festspielen – zwischen den Os­terfestspielen und dem Sommerfestival – in seinem Leben, sondern erlangte auch einen Ruf für seine akribische Herangehensweise an jeden Teil seines Handwerks und forderte absolute Autorität in Produktionen.3 Dies, verstärkt durch seine hy­permaskuline Selbstdarstellung, wurde wesentlich für das Branding der Festspiele selbst. Während Karajan zum „Posterboy“ des Jetsets und dessen kulturell codier­ten Symbolen patriarchaler Macht wurde – mit seiner Model-Frau, Vorliebe für Segeln und Fliegen, gestylten Haaren und geliftetem Gesicht –, boten die Festspiele die Kulisse, in der die „richtigen Leute“ den Sommer verbrachten, Mozart-Opern genossen und Sekt schlürften. Karajans Macht wurde immer deutlicher, als er eine Vielzahl von Rollen übernahm, insbesondere nachdem er 1956 zum künstlerischen Leiter ernannt wurde. Von da an übernahm er sofort die Doppelspitze für Schlüs­selproduktionen, beginnend mit den Aufführungen von Beethovens Fidelio und Verdis Falstaff im Jahr 1957, bei denen er sowohl für die musikalische Leitung als auch für die Inszenierung bzw. Regie verantwortlich war. Im Laufe der Jahre insze­nierte er 14 neue Produktionen und war für große Teile der Musik verantwortlich. Sein Tod im Jahr 1989 während der Proben für Verdis Un ballo in maschera markier­te das Ende seines aktiven Einflusses auf das Festival, aber die tiefgreifende Wirkung, die er hatte – sowohl als wesent­liche, treibende Kraft seiner künstlerischen Entwicklung als auch als kontroverse Figur, deren Einfluss jede Facette seines Betriebs durchdrang – ist noch heute spürbar.

    Dieser Beitrag eröffnet mit einer atmosphärischen Analyse darüber, wie die Salzburger Festspiele und Herbert von Ka­rajan im Diskurs gerahmt sind. Dabei werden zwei Doku­mentarfilme, die offizielle Tourismuswebsite von Salzburg und einschlägige Literatur herangezogen, um einen Kontext zu schaffen. Danach werden die Programmgestaltung, Programmatik und die Darstellung innerhalb der Festspiel-Opern während Karajans über vier Jahrzehnte dauernder Beteiligung statistisch dargelegt, basierend auf den von den Festspiel­archiven digitalisierten Programminformationen.4 Als Gesamtdatensatz unter https://zenodo.org/records/10008717 verfügbar gemacht,5 wird dies durch eine kritische, geschlechtsspezifische Perspektive kontextualisiert, wobei kleine Exkur­se folgen, um einige der beeindruckenden Frauen zu besuchen, die es geschafft haben, sich in der von Karajan geleiteten Kulturlandschaft zu behaupten.

    Michael P. Steinberg hat ausführlich über die Salzburger Festspiele geschrieben und beschreibt sie – meiner Meinung nach treffend – als Theater, das größere sozi­ale und politische Strömungen widerspiegelt, die in Österreich als Ganzes angelegt sind. Für Steinberg präsentiert das Festspiel genau die Paradoxien, die im Kern des österreichischen politischen Körpers liegen, einschließlich „der Verbindung von Katholizismus und Nationalsozialismus, die im Kern der österreichischen faschistischen Vergangenheit liegt“6. Er nennt u.a. politische Momente, die über das Festival inszeniert werden, wie Kurt Waldheims kontroverse Eröffnung des Festivals 1987, die mitten in einem internationalen Skandal stattfand, sein damit verbundener Besuch der größten Veranstaltungen des Festspielprogramms – wie die Premiere von Die Zauberflöte, bei der Herbert von Karajan dirigierte – sowie die Fotowidmung an den Mitbegründer des Festivals, Max Reinhardt. Auf diese Weise legt Steinberg geschickt dar, wie innerhalb des Festivals die Grenzen zwi­schen scheinbar gegensätzlichen Kräften – wie Modernismus und Konservatismus – oder zumindest getrennten – wie Konservatismus und Faschismus – regelmäßig verschwimmen.7

    Diese scheinbaren Unstimmigkeiten in im Wesentlichen kleineren künstlerischen Aufführungen innerhalb einer größeren kulturellen Aufführung sind mit zwei zen­tralen Säulen des Festivals verbunden, die eng mit Salzburg verknüpft sind und als Bühnenkulisse dienen. Auf der einen Seite haben wir Hugo von Hofmanns­thals Moralitätsspiel Jedermann, das in der städtischen Werbung 2023 als „fester Bestandteil der Salzburger Festspiele“ beschrieben wird. „Vor der einzigartigen Kulisse des Salzburger Doms wird das ‚Spiel vom Sterben des reichen Mannes‘ je­des Jahr aufgeführt. Im Zentrum der Tragödie steht der ‚Jedermann‘, der kurz vor seinem Tod sein ausschweifendes Leben bereut und daraufhin von Gott begnadigt wird.“8 Hugo von Hofmannsthals Stück greift auf das englische Mysterienspiel des 16. Jahrhunderts Everyman zurück. Unter der Regie von Max Reinhardt war es Teil der allerersten Salzburger Festspiele am 22.8.1920, wo es vor dem Dom auf­geführt wurde, und es war – mit wenigen Ausnahmen – das jährliche Zentrum der Festspiele. Das Stück ist jetzt so eng mit der Stadt Salzburg verbunden, dass der Forscher Hermann Doswald, der seine Rezeption über die Jahrzehnte hinweg untersucht hat, 1967 schrieb: „Jetzt schien er in Salzburg den natürlichen Ort dafür gefunden zu haben und das erreicht zu haben, was der österreichische Theaterhis­toriker Joseph Gregor ‚die größte regieliche Tat seit den Tagen der Renaissance‘ nannte. Hofmannsthal selbst fand, dass die von Reinhardt verwirklichte Idee im­mer schon ein Teil des Ortes zu sein schien.“9 Dieses Moralitätsspiel, das die Be­deutung spiritueller Werte und die Abrechnung, der sich der Einzelne im Jenseits für seine Taten während seines irdischen Daseins stellen muss, betont, hat religiöse Themen wie die Vergänglichkeit des Lebens, die Konsequenzen des eigenen Han­delns und die Suche nach Sinn und Erlösung durch eine höhere Macht. Es könnte keine klarere Verurteilung der kapitalistischen Obsession mit Materiellem geben, steht aber gleichzeitig Hand in Hand mit der Feier der kapitalistischen, patriarcha­len Moderne, die ebenfalls zentral für das Branding der Festspiele ist. Die Jetset-Ideologie wurde nie deutlicher im Zusammenhang mit den Festspielen gefeiert als während der vier Jahrzehnte, in denen Herbert von Karajan das Ruder führte. Aber wie ich hier zeigen möchte, waren kulturelles Kapital und (religiös-patriarchale) Vermarktung im Festspiel-Diskurs lange vor Karajans Direktion explizit miteinan­der verbunden. Karajan bot jedoch einen äußerst wirkmächtigen Katalysator, um sie untrennbar zu verweben.

    Für einen Einblick in das allgegenwärtige Bild von Karajan und ein wunderbares Beispiel für noch mehr kognitive Dissonanz werfen wir einen Blick auf Inside Ka­rajan, eine englischsprachige Dokumentation aus dem Jahr 2009, die vom ORF und dem ARD koproduziert und von Otto Schwarz inszeniert wurde.10 Der Film fällt hartnäckig in Karajans kuratierte Erzählfallen, gibt jedoch auch Kenntnis von den umfangreichen Maßnahmen, die der Dirigent ergriff, um seine mediale Inszenierung zu beeinflussen. Obwohl die Authentizität seines Jetset-Medienlebensstils in Frage gestellt wird und sogar Karajans eigene umfangreiche (und kostspielige) Bemühun­gen zur Sicherung seines Vermächtnisses nach seinen Bedingungen thematisiert werden, die bis zur Gründung 1982 von Telemondial reichen, seiner TV-Firma mit Sitz in Monaco, kehrt die Dokumentation immer wieder zu den gleichen verführeri­schen Handlungssträngen zurück und verstärkt sie kontinuierlich.11 Der Vorspann und der komplette Abspann zeigen ausschließlich Aufnahmen des Dirigenten beim Fahren neuer Autos, im Cockpit von Flugzeugen und beim Dirigieren vor Wolken, durchsetzt mit Bildern von Champagnergläsern und Außenaufnahmen von noch mehr Flugzeugen. „Herbert von Karajan schien aus einer anderen Welt zu kommen. Karajan über den Wolken, ein Playboy und ein Genie“, donnert die erste Zeile des Voiceovers und eröffnet den Film über die epischen Streicher, Gesang und das drän­gende Schlagzeug von Terry Devine-Kings Chor-Fusion-Nummer Diva’s Dream.12

    Der Film verstärkt die patriarchale Weltanschauung auch auf andere Weise. Ob­wohl Karajan drei Ehefrauen und zwei Töchter hatte, die er „anbetete“, bestätigt das Voiceover offen, dass „er nicht alles haben konnte“, denn „sein größter Wunsch war es, einen Sohn zu haben, dem er all die guten Dinge weitergeben könnte, die ihm das Leben gebracht hatte“13. Ein solides Drittel der Dokumentation konzent­riert sich entweder explizit oder implizit durch Bildsprache auf als männlich ko­difizierte Aktivitäten, angefangen von Flugzeugflügen, dem Steuern seiner Yacht, dem Paddeln eines Kajaks, Schwimmen, dem Fahren glänzender Autos – manch­mal sogar Rennwagen – bis hin zum Skifahren in St. Moritz. Die umfangreichste Interviewzeit wird seinem Personal gewährt, insbesondere seinem Butler, der Frau des Managers seiner Filmfirma und seinem persönlichen Fahrer: Symbole für die soziale Kontrolle, die Karajan ausübt. An einer Stelle sagt der Fahrer, dass Karajan eine Waffe besaß, um sich zu schützen, und sie sogar einmal im Urlaub benutzte. Immer wieder wird deutlich, dass die Filmemacher unbewusst Karajans eigene Ängste und hypermaskuline Selbstdarstellung übernommen haben, eine der Stra­tegien der „Vergeltung“ („retaliation“), die Susan McClary bereits vor Jahrzehnten erkannte und mit der männliche Musiker versuchen, der weit verbreiteten „An­klage, dass Musiker oder Musikbegeisterte ‚weiblich‘ seien [, die] bis zu den ersten Aufzeichnungen über Musik zurückreicht“14 zu begegnen.

    Wenn er nicht gerade trainiert, mit „boys’ toys“ spielt oder gelegentlich dirigiert, wird Karajan dargestellt, wie er Zeit mit seiner Familie verbringt oder sich mit Geistlichen trifft. Familie wird hier fast ausschließlich als seine dritte Frau, das ehemalige Dior-Model Eliette Mouret, verstanden, beinhaltet jedoch auch mehrere inszenierte Clips von ihm im Anzug am Strand mit seinen Kindern. Seine 16-jäh­rige Ehe mit Anna Maria Sauest wird nie diskutiert. Ihr werden weniger als 30 Se­kunden Bildschirmzeit gewährt. Ihrer ersten Behauptung, dass Karajan im Grunde genommen einsam war, wird sofort widersprochen, und ihre zweite, dass er ein miserabler Beurteiler des menschlichen Charakters war, wird kommentarlos hin­genommen.15 Die Handlung kehrt stattdessen zum Thema „Kontrolle“ zurück, das allem zugrunde liegt: Karajan am Steuer seines Familienlebens, seiner Zeit, seines Aussehens und seines Medienimages, ebenso wie in den Cockpits von Booten und Flugzeugen.

    Inside Karajan ist keine Ausnahme, sondern Teil einer allgegenwärtigen diskursi­ven Tradition, die sowohl in die Vergangenheit zurückreicht als auch heute noch fortbesteht. Am 13.8.2020 veröffentlichte das Eliette und Herbert von Karajan Insti­tut einen Teil eines Films von 1963 mit dem Titel Karajan at the Salzburg Festival als dritten Teil ihrer Serie Schätze aus dem Archiv neu.16 Die ersten 20 Sekunden zeigen ihr aktuelles Markenlogo, das durch Vignetten von Karajan in großer Schnellig­keit präsent wird, der sich in einer Vielzahl von männlichen Aktivitäten engagiert, darunter Dirigieren, aber auch das Schwingen eines Götterhammers, das Insze­nieren auf der Bühne, das intensive Umfassen einer jungen Sängerin, Posen vor einem dramatischen Filmhintergrund und das Einsteigen in ein schickes Auto. Diese Vignetten werden mit englischen Titeln durchsetzt: „Stage Director“, „Film Producer“, „Century Conductor“,17 „Mentor“, „Tech Enthusiast“ und „Style Icon“, die alle über den Bildschirm flackern, bevor der Titel The Life and Works of Herbert von Karajan gezeigt wird, zusammen mit Karajans ausladender Unterschrift – ein Hinweis darauf, dass er immer noch mit seiner persönlichen Zustimmung doku­mentiert, ja geradezu seine eigene Dokumentation aus dem Grab heraus dirigiert.

    Der Übergang zu den Dokumentaraufnahmen von 1963 fühlt sich danach ver­wirrend, aber gleichzeitig unheimlich vertraut an, wie sie die Festspiele sowohl durch idyllische Szenen und klassische Musik als auch durch alle glänzenden Symbole des konsumistischen Modernismus präsentieren, bevor sie Karajan als ihren Gott vorstellen. Zuerst wird der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart als Impuls für die Festspiele und sogar für die Stadt selbst präsentiert. Aufnahmen von Flugzeugen, glänzenden neuen Autos und moderner Architektur werden mit Natur, Skulpturen und makelloser barocker Architektur durchsetzt. Das Voiceover versichert, dass obwohl „100.000 Autos während der Festspielzeit durch das Salz­burg-Barock irren“, sie dennoch alle „pianissimo“ fahren – Musik ist das einzige Geräusch, das man hört.18 Danach werden Schlüsselzitate von Stefan Zweig ver­wendet, um Mozart selbst als den wahren Gestalter der Stadt zu etablieren – Gott, der Vater, sozusagen. Die Szene wechselt dann zum großen Festspielhaus – auf Karajans Wunsch erbaut – und einem Bericht darüber, wie 1963 während der Pro­ben zu Der Rosenkavalier ein Feuer ausbrach. Schnell wird Karajan als der alleinige Retter des Tages vorgestellt. „Maestro Karajan packte sogleich einen Feuerlöscher und ging den Brandherd an, außerdem kamen noch 16 Feuerwehren auf die Bühne gestürmt […]. Jedoch Herr von Karajan hatte den Salzburger Feuerzauber bereits eingedämmt ohne Helm und Rauchmaske.“19 Der Rest der Dokumentation kon­zentriert sich auf eine Probe des Rosenkavalier, wobei Karajan jede Rolle übernimmt – auf der Bühne dirigierend, durch eine Partitur blätternd, mit Regisseur Rudolf Hartmann interagierend und sogar auf das Klavier springend, um einen Teil der Rosen-Überreichung zu spielen – dabei eindeutig dem Korrepetitor zeigend, wie es gemacht wird –, bevor er das Instrument wieder loslässt. Der Subtext ist klar: Karajan ist überall, leitet alles, ist der Dreh- und Angelpunkt von Infrastruktur und Theater und die Fortsetzung des Genies und musikalischen Erbes, das Salzburg von Wolfgang Amadeus Mozart hinterlassen hat. Er ist der autoritäre Meister, sei es, indem er der Feuerwehr zeigt, wie man ein Feuer löscht, oder, indem er die neue Inszenierung einer der ikonischsten Szenen der Oper bis auf die mikroskopi­sche Ebene diktiert.

    Und wie sahen Karajans Festspiele in Bezug auf Programmgestaltung und Pro­grammatik aus? Welche bedeutenden Musiktheaterproduktionen wurden insze­niert und wer wurde darin repräsentiert? Statistisch betrachtet wurden von 1948 bis zu Karajans Tod kurz vor der Eröffnung von Un ballo in maschera im Jahr 1989 insgesamt 270 Opern aufgeführt. Knapp die Hälfte – genau 131 – stammten von Wolfgang Amadeus Mozart. Die fünf am häufigsten aufgeführten Opern waren alle von Mozart, wobei Le nozze di Figaro mit 25 Aufführungen in etwas mehr als vier Jahrzehnten am häufigsten inszeniert wurde, gefolgt von Così fan tutte mit 24, Die Zauberflöte mit 22 und Die Entführung aus dem Serail mit 21 Aufführungen. Den fünften Platz belegt Don Giovanni mit 13 Aufführungen. Dies entspricht dem Bild der Festspiele und der Stadt, die eng mit dem Komponisten verbunden ist. Karajan als Vermittler von Mozart spiegelt sich sowohl in den Programmierungspräferen­zen als auch in der Andeutung des Dokumentarfilms von 1963 wider. Natürlich werden auch Opern anderer Komponisten aufgeführt, aber Mozart war und ist zentral. Während der Karajan-Ära gab es nie ein Jahr ohne mindestens zwei Mo­zart-Opern im Programm, und nach seinem Aufstieg zum künstlerischen Leiter wuchs der Durchschnitt schnell auf drei bis vier pro Jahr.

    1948, im ersten Jahr von Karajans Beteiligung an den Festspielen nach 1945, in dem er Orfeo ed Euridice und Le nozze di Figaro von Mozart dirigierte sowie zahlreiche Konzerte gab, veröffentlichte die Salzburger Volkszeitung eine Sonderausgabe, die dem Festival gewidmet war. In einem Artikel von Pressechef Franz Laval wird Mozart in quasi-religiösen Begriffen als machtvoll verbindende kulturelle Kraft be­schworen, die musikalische Missionare schafft und seine kulturellen Jünger jähr­lich zu einem katholischen Mekka zurückruft, das Zeit und Ort überwindet:

    Salzburg wurde das Reiseziel von Menschen aus aller Welt, im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen. Als Besucher derselben huldigten tausende und aber­tausende dem Namen Mozarts und zogen als begeisterte Verkünder österreichi­scher Kunst und der Schönheit Salzburgs, als Verehrer einer besonderen Kunstleis­tung, die sie hier erlebten wieder in ihr Vaterland. Wenn heute, nach rund dreißig­jährigem Bestehen, die Salzburger Festspiele ein Stück Kulturgut geworden sind, das über Raum und Zeit hinweg alle kunstbegeisterten Menschen dieser Welt eint, so darf die Presse ohne Überhebung von sich sagen, daß sie ihre weltumspannende Macht in vollem Umfang in den Dienst der Festspiele gestellt hat. Sie wird dies auch weiter tun, sie wird mithelfen, die vergangenen schweren Jahre zu vergessen und sie wird die Verehrer Mozarts aufrufen, wieder in das österreichische Kultur­zentrum Salzburg und damit in unsere Heimat zu kommen.20

    Und im benachbarten Artikel oben auf der Seite mit dem Titel Salzburgs Wirtschaft für die Festspiele wird die Verbindung zwischen Kunst und Handel explizit herge­stellt. Der Eröffnungsabsatz lautet:

    Wenn von den Salzburger Festspielen gesprochen wird, so darf man dabei nicht nur an die wundervolle Harmonie unserer Landschaft mit den festlichen Auffüh­rungen denken, sondern muß neben den hohen künstlerischen Leistungen auch deren große wirtschaftliche Bedeutung würdigen. In unserem Vaterland Österreich kommt dem Fremdenverkehr eine besondere wirtschaftliche Bedeutung zu. So wie jeder Wirtschaftszweig seine natürlichen Grundlagen und Gegebenheiten braucht, so benötigt sie um so mehr den Fremdenverkehr.21

    Die im gleichen Artikel erläuterten Ursprünge der Festspiele machen die Verbin­dung zwischen Patriarchat und Wirtschaft noch deutlicher: „Von wenigen kunst­begeisterten Männern ins Leben gerufen, haben sie sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens zu einem Weltbegriff emporgearbeitet. Ihre künstlerische Bedeutung ist dank des unermüdlichen Schaffens der hiezu berufenen Männer auf diese Höhe gebracht worden.“22 Dies wird durch einen abschließenden Aufruf an die „Wirt­schaftstreibenden“ ergänzt, ebenfalls ihren Beitrag zu leisten, um das Festival zum Erfolg zu machen. Aus dem Nichts geschaffen und die Welt erobert – dank der Männer aus der Kultur und der Industrie. So stellt sich die Frage, ob Frauen über­haupt einen Platz innerhalb der inneren Abläufe der Festspiele haben.

    Frauen waren sicherlich nicht Teil der „Schöpfung“ von Libretti oder Musik für die Opernkompositionen der Festspiele. Unter den 39 Komponist*innen von Opern, die zwischen 1948 und 1989 aufgeführt wurden, ist keine Komponistin oder Lib­rettistin zu finden. Der zweithäufigste Komponist nach Mozart ist Richard Strauss mit 34 Aufführungen, gefolgt von Giuseppe Verdi mit 24 und dann Beethoven mit 10 Jahren Fidelio. Der Opernkanon enthält keine Werke von Frauen, aber was ist mit Uraufführungen? Es gab elf Uraufführungen während Karajans Amtszeit, obwohl er laut den Archiven keine davon selbst dirigierte. Alle waren Werke von Männern, von männlichen Komponisten und männlichen Librettisten. Außer­dem wurden alle bis Mitte der 1980er Jahre ausschließlich von Männern aus dem deutschsprachigen Raum komponiert.23

    Die erste, im Jahr 1949, war Carl Orffs Antigonae, uraufgeführt am 9.8.1949 und vom Komponisten als musikalische Vertonung der gleichnamigen griechischen Tragödie von Sophokles beschrieben. Genau ein Jahr später wurde Romeo und Julia, die Kammeroper von Boris Blacher nach Shakespeares Geschichte, uraufgeführt. Mehr Mythologie in der Musik folgte am 14.8.1952 mit Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae, gefolgt im nächsten Jahr von etwas, das in Bezug auf seinen literarischen Einfluss ziemlich modern war, Gottfried von Einems Der Prozess am 17.8.1953. Von Einem holte das Libretto von seinem ehemaligen Kompositionslehrer Boris Blacher ein, und die Geschichte basiert eng auf dem gleichnamigen Kafka-Roman. Rolf Lie­bermanns Penelope wurde am 17.8.1954 uraufgeführt, ein Werk, das seine Inspirati­on aus Homers Odyssee schöpft und von Werner Egks Irische Legende am 17.8.1955 gefolgt wurde, basierend auf einem späten Drama von Yeats mit dem Titel The Countess Cathleen. Danach wurden Uraufführungen immer seltener. Sechs Jahre vergingen, bevor Rudolf Wagner-Régenys Das Bergwerk zu Falun am 16.8.1961 uraufgeführt wurde, basierend auf Hugo von Hofmannsthal. Fünf weitere Jahre vergingen, bevor Die Bassariden von Hans Werner Henze, eine weitere mythologi­sche Geschichte, diesmal basierend auf der Tragödie Die Bakchen des Euripides, am 6.8.1966 auf die Bühne kam. Die 1970er Jahre vergingen dann ohne eine einzige Ur­aufführung. Nach einer 15-jährigen Pause wurde Friedrich Cerhas Baal am 7.8.1981 uraufgeführt, basierend auf Bertolt Brechts erstem fertiggestellten Theaterstück, und drei Jahre später wurde Luciano Berios Un re in ascolto am 7.8.1984 zum ersten Mal gespielt, die erste nicht deutschsprachige Opernpremiere. Schließlich wurde Krzysztof Pendereckis Die schwarze Maske, eine Geschichte von Rache bei einem Dinner, basierend auf einem Theaterstück von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1928, am 15.8.1986 uraufgeführt.

    Die Bühne ist der Ort, an dem der größte Anteil an Frauen, die an den Festspielen beteiligt waren (und immer noch sind), zu finden ist. Das bedeutet keinesfalls, dass es ausschließlich auf der Opernbühne der Salzburger Festspiele eine Ungleichheit bei der Geschlechterverteilung gibt. Ein solches Ungleichgewicht ist beinahe auf allen Bühnen des Musiktheaters anzutreffen. Denn die Oper wird von Werken dominiert, in denen führende Rollen stark männlich geprägt sind. Obwohl es ei­nige kanonische Werke gibt, in denen weibliche Rollen überwiegen, wie zum Bei­spiel Dialogues des Carmélites, Elektra, Hänsel und Gretel oder Tosca, gibt es in den 25 weltweit am häufigsten aufgeführten Opern heute 152 Hauptrollen für Männer im Vergleich zu nur 107 für Frauen.24 Diese Tatsache, verbunden mit der Realität von Angebot und Nachfrage, dass heute drei von vier Absolvent*innen mit einem Gesangsabschluss in der Musik weiblich sind, hat zu einem System geführt, in dem männliche Sänger sowohl bessere Berufsaussichten haben als auch für die glei­che Arbeit höhere Löhne verlangen können. Eine systematische Studie von Dana Lynne Varga aus dem Jahr 2020 zeigt, dass weltweit „der Opernkanon so stark zu Gunsten von Männern neigt, dass männliche Opernsänger dreieinhalbmal häufi­ger besetzt werden als weibliche Opernsänger“25.

    Betrachtet man die Zahlen im Hinblick auf die Salzburger Festspiele während der Karajan-Ära, traten laut Archiven der Festspiele 2.089 männliche Opernsänger im Vergleich zu 1.249 weiblichen Sängerinnen auf.26 Anders ausgedrückt gab es durchschnittlich 7,74 Männer in Hauptrollen pro Produktion im Vergleich zu 4,63 Frauen. Wirft man einen Blick auf die Repräsentation bzw. Sichtbarkeit von Frauen bei materiellen Gegenständen – wie Plakaten oder Programmen – zeigt sich, dass die Namen von Frauen 37,4 % des Veröffentlichungsraums für Sänger*innen in ge­druckten Programmheften einnehmen. Im Orchestergraben war es noch unausge­wogener. Abgesehen von der Abwesenheit von Dirigentinnen spielten die Wiener Philharmoniker bei allen großen Opernproduktionen, was die Chancen, eine Frau zu sehen, gering machte, Ausnahmen für inoffizielle Harfenistinnen ausgenom­men.27 Bei kleineren Produktionen wie Mozarts Bastien und Bastienne, Ascanio in Alba oder La finta semplice oder barocken Werken wie Emilio de‘ Cavalieris Rappre­sentatione di anima e di corpo, bei denen das Mozarteum-Orchester spielte, mag es im Orchestergraben durchaus mehr Frauen gegeben haben, aber wir können an­nehmen, dass nur im Chor und im Ballett weibliche Darstellerinnen dominierten.

    Continuo-Spieler, Cembalospezialisten, wurden erstmals 1968 mit Namen und Funktion in den Programmen als Teil des Ensembles angeführt, wobei Walter Taussig für seine Arbeit in Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro sowie Theo­dor Guschlbauer für Il barbiere di Siviglia genannt wurden. Danach werden Cem­balisten systematisch aufgeführt, obwohl der allererste weibliche Name in dieser Funktion Janine Reiss ist, die 1988 für Così fan tutte spielte. Das erscheint spät, je­doch ist es tatsächlich eine Besonderheit, eine Frau in einer als leitend angesehenen Position auf der Bühne Klavier spielen zu sehen. Beim Durchsehen der Daten zu den zahlreichen Liederabenden der Festspiele, einer Tradition seit 1954, zeigt sich, dass Liedbegleiterinnen fast genauso selten sind wie Komponistinnen.28 In den 212 Liederabenden gibt es nahezu Geschlechterparität für Sänger*innen, mit 102 Kon­zerten mit einer weiblichen Sängerin, 113 mit einem männlichen Sänger und sieben mit mehreren Sänger*innen – sowohl männlich als auch weiblich. In Bezug auf Pianist*innen gibt es jedoch nur drei Konzerte, bei denen eine Frau diese Funktion übernahm.29 Die erste war Hilda Berger-Weyerwald, die 1957 ihren Ehemann An­ton Dermota begleitete. Erst 1987 gab es eine weitere Pianistin, die Lieder begleite­te. In diesem Jahr begleitete die Solistin Elisabeth Leonskaja Marjana Lipovšek in einem Programm mit Schubert-, Brahms-, Tschaikowski- und Mussorgski-Liedern, und die ukrainische Pianistin Ludmilla Ivanova begleitete Paata Burchuladze in einem russischen Programm ausschließlich mit Mussorgski- und Rachmaninoff-Liedern. Von den fast 60 männlichen Liedbegleitern war der am häufigsten prä­sente Eric Werba mit 53 Auftritten, gefolgt von Gerald Moore mit 20 Liederabend-Auftritten während der Karajan-Ära.

    Genug über die Künstler*innen. Wer bildete die führenden Teams der Festspiel-Produktionen?

    Die Top-Besetzung, die musikalische Leitung, war während der Karajan-Ära we­nig überraschend ausschließlich eine Männerdomäne, obwohl es vielleicht er­staunt, dass er nur die zweithäufigste Figur war, die das Orchester leitete. Karl Böhm stand insgesamt 54 Mal am Pult, konzentrierte sich dabei auf Mozart- und Strauss-Opern sowie Beethovens Fidelio, Bergs Wozzeck und Glucks Iphigénie in Au­lis. Karajan hatte den Taktstock bzw. den Titel der musikalischen Leitung 48 Mal solo und zweimal in Zusammenarbeit – einmal 1976 für Figaro mit Bernard Klee und dann wieder 1988 mit Bruno Weil für Don Giovanni. James Levine vervollstän­digte die „Top Drei“ mit 24 Einsätzen im Laufe der Jahre. Die einzige andere Ka­tegorie, die vollständig ohne weibliche Arbeitskraft auskam, ist am Ende der Liste der führenden Teams zu finden: Choreinstudierung. Hier erscheint der Name von Walter Hagen-Groll 124 Mal von den insgesamt 153 Einträgen und macht ihn zum häufigsten Namen in den Opernprogrammen von Salzburg insgesamt.

    Mit der Zeit stieg der Anteil an Frauen, die es in den Kreis schafften, nämlich in Form von Choreografinnen. Dies war die einzige führende Rolle im Team, in der eine annähernde Geschlechterparität ersichtlich ist. Obwohl der Großteil der Pro­duktionen keinen Choreografen einsetzte, sind von den 58 Aufführungen, in denen Choreograf*innen aufgeführt sind, 24 weiblich und 35 männlich. Unter den Frauen arbeitete Erika Hanka, Ballettmeisterin an der Wiener Staatsoper seit 1942, 1950 für Salzburg.30 Sie war verantwortlich für die Choreografie in Capriccio, Don Giovanni und Romeo und Julia, dann im folgenden Jahr für Idomeneo. Grete Wiesenthal, die seit 1930 gelegentlich mit Salzburg zusammengearbeitet hatte, choreografierte Le nozze di Figaro 1952, gefolgt von drei Produktionen in der folgenden Saison: Così fan tutte, Le nozze di Figaro und Don Giovanni. Die letzte Choreografin des Jahrzehnts war die Tänzerin Yvonne Giorgi, die den Großteil ihrer Karriere zwischen Deutschland und Holland verbracht hatte und 1959 zwei Produktionen inszenierte: Heimo Erbses Ju­lietta und Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck. Die einzige Choreografin, die es in die Charts der 1960er Jahre schaffte, war eine spanische Tänzerin namens Mariemma. Ihr vollständiger Name war Guillermina Teodosia Martínez Cabreja, und sie wurde mit den Carmen-Produktionen von 1966 und 1967 beauftragt, bei bei­den inszenierte und dirigierte Karajan. Eine Besonderheit dieser Produktion war, dass Karajans Inszenierung Musik aus Bizets L‘Arlésienne enthielt, einschließlich der berühmten Farandole, die für die erweiterte spanische Tanzsequenz in Lillas Pastias Taverne verwendet wurde. Dies sollte offensichtlich ein Schaufenster für das Ballet de España unter Mariemmas Leitung sein. Die gesamte Produktion wurde in einem Studio neu aufgenommen und 1967 als Film veröffentlicht, in dem Grace Gumbry, Mirella Freni und Jon Vickers erneut in ihren Bühnenrollen zu sehen waren.31 Da­nach verging ein Jahrzehnt, bis die Münchnerin Heidrun Schwaarz Strauss‘ Salome 1977 und 1978 choreografierte, ebenfalls mit Karajan im Doppelpack, obwohl man aus den Kritiken denken könnte, Karajan sei auch der Choreograf gewesen.32 Er hol­te Schwaarz unter ähnlichen Bedingungen für Falstaff 1981 und 1982 ins Boot. In den letzten Jahren von Karajan, von 1985 bis 1989, choreografierten drei Frauen: Marise Flach (Il ritorno d‘Ulisse in patria, Capriccio), Susanne Kirnbauer (Don Giovanni) und Eleanor Fazan (Un ballo in maschera). Obwohl männliche Choreografen immer noch in der Überzahl waren, hatten Frauen zumindest im feminin codierten Bereich des Tanzes eine Stimme bei den Festspielen.

    Das Gleiche gilt für die beiden „dekorativen“ Rollen von Bühnenbild und Kostüm, wenn auch in deutlich geringerem Maße. Hier wechseln viele der gleichen Namen von Spalte zu Spalte, und Frauen haben zwar eine immer noch begrenzte, aber signifikant höhere Präsenz, wobei eine sogar unter die Top fünf für Bühnenbild gelangt. Nach Jean-Pierre Ponnelle (mit 37 Inszenierungen), Caspar Neher (35), Günther Schneider-Siemssen (25) und Teo Otto (22) folgt Ita Maximowna mit 13 Inszenierungen. Als hochdekorierte Designerin entwarf die in Russland geborene Künstlerin Bühnenbilder oder Kostüme für etwa 400 Produktionen und war für das Bühnenbild in Salzburg bei Le nozze di Figaro im Jahr 1957, Die Zauberflöte ab 1959, Ariadne auf Naxos ab 1964 und Così fan tutte im Jahr 1972 verantwortlich.33 Die andere Frau, die unter Karajans Leitung im Bühnenbild in Salzburg hervorstach, war die in Deutschland geborene Leni Bauer-Ecsy mit neun Inszenierungen zwi­schen 1960 und 1966, einschließlich ihrer hochgelobten Così fan tutte-Produktion von Günther Rennert im Jahr 1960, die bis 1965 jährlich lief.34 Sie entwarf auch für die Uraufführung von Rudolf Wagner-Régenys Das Bergwerk zu Falun im Jahr 1961 und Mozarts La finta giardiniera im Jahr 1965.

    Maximowna und Bauer-Ecsy entwarfen immer auch die Kostüme, wenn sie die Bühnenbilder gestalteten, aber auch anderen Frauen wurde vertraut, sich nur um die Kleidung zu kümmern. Obwohl es statistisch nur Maximowna unter die „Top Fünf“ schaffte (nach Caspar Neher, Jean-Pierre Ponnelle und Geor­ges Wakhevitch), wird Eva Pohl für Verdis Otello in den Jahren 1951/52 ge­nannt, und 1960 entwarf Erni Kniepert, die seit 1944 häufig für die Festspiele arbeitete, nachdem sie 1939 Kostüme für den Hollywood-Film Der Zauberer von Oz entworfen hatte, die von Ka­rajan gelobten Kostüme für Der Ro­senkavalier zur Eröffnung des Großen Festspielhauses. Die Produktion war beliebt genug, um in den nächsten fünf Jahren jährlich aufgeführt zu werden. Dies leitete eine Explosion von Kos­tümdesignerinnen ein mit Namen wie Hill Reihs-Gromes, Liselotte Erler, Charlotte Flemming und Anni Keim-Strauss, sodass zwischen 1960 und 1965 kurzzeitig Geschlechterparität beim Kostümdesign erreicht wurde. Danach schwankten die Dinge jedoch zurück, und Männer dominierten erneut, wobei alle bis auf Maximowna in den 1970er Jah­ren aus dem Festspielprogramm verschwanden. Schließlich begannen in den 1980er Jahren wieder Frauen aufzutauchen, darunter so namhafte wie Sylta Busse, Franca Squarciapino, Magda Gstrein, Silvia Strahammer und Luciana Arrighi.

    In der Rolle der Regisseurin war Margarete Wallmann die einzige weibliche Aus­nahme in der ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Ära von Kara­jan, wie es die Festspielarchive zeigen. Obwohl ihre Regiearbeit von 1960 auf den ersten Blick wie eine Anomalie erscheint, war Wallmann eine erfahrene Persön­lichkeit, die einen unauslöschlichen Eindruck auf die kulturelle Szene von Wien und Salzburg hinterlassen sollte, die sie über ihre lange und vielseitige Karriere maßgeblich mitgeprägt hat – eine Karriere, die sich aus dem Zusammenspiel von Tanz, Choreografie und Opernregie ergab.

    Am 22.6.1904 in Berlin geboren, war Wallmann die ältere von zwei Töchtern von Selma und Paul Wallmann, beide jüdischer Herkunft. Sie bewahrte Geheimhal­tung über ihre Herkunft, Konversion zum Katholizismus und das Schicksal ihrer Eltern im Konzentrationslager Bergen-Belsen, hauptsächlich aufgrund der Heraus­forderungen, denen Künstler*innen jüdischer Abstammung im antisemitischen Klima ihrer Zeit ausgesetzt waren.35 Wallmanns frühe Karriere war in Berlin im Bereich Tanz und Choreografie verwurzelt, nahm jedoch 1931 eine bedeutende Wendung, als Bruno Walter sie einlud, zu den Salzburger Festspielen mit ihrem eigenen Tanzensemble, dem Tänzer-Kollektiv, beizutragen. Ihr choreografisches Debüt bei den Festspielen, Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice, dirigiert von Walter, begeisterte Publikum und Kritiker gleichermaßen und erhielt hohe Anerkennung vom Dirigenten.36 Während ihre Choreografie einen neuartigen Stil einführte, erntete sie Lob für die Erhebung der Kunst des Tanzes zu neuen Höhen. In derselben Saison präsentierte Wallmann Felix Emmels Das jüngste Gericht, ein Bewegungsdrama. Ihre Rolle erstreckte sich über die Choreografie hinaus; sie führte Regie, choreografierte und tanzte sogar die Rolle des Angel of Grace. Kritiker lob­ten die Aufführung und erkannten sie als ein Pendant zur ikonischen Jedermann-Produktion an: „Das Experiment, das Felix Emmel und Margarete Wallmann un­ternahmen, ist restlos gelungen. Ich möchte dieses Drama – Ballett ist ein viel zu banaler und irreführender Name, der vermieden werden sollte – als ein Pendant zu Jedermann bezeichnen.“37

    Von 1933 bis 1938 hatte Wallmann auch die Position der Ballettmeisterin an der Wiener Staatsoper inne und leitete das Wiener Staatsopernballett, wo sie eine ent­scheidende Rolle bei der Gestaltung des neuen Genres „Theatertanz“ spielte. Pro­duktionen wie Fanny Elßler im Jahr 1934 und Der liebe Augustin im Jahr 1936 be­gründeten dieses Genre mit, das als Synthese aus traditionellem Ballett, verwurzelt in der Oper, und der ausdrucksstarken Kunst des Tanzes entstand.38 Wallmann spielte bis 1937 eine herausragende Rolle beim Salzburger Festival und trug zur Schaffung wegweisender Produktionen wie Goethes Faust, Carl Maria von Webers Oberon und Euryanthe, Mozarts Don Giovanni und Le nozze di Figaro sowie Verdis Falstaff bei. 1934 heiratete sie Hugo Burghauser, eine führende Figur der Wiener Philharmoniker. Ihre Hochzeit, die während einer Londoner Gastvorstellung mit Stefan und Friderike Zweig als Zeug*innen gefeiert wurde, erregte in Österreich erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Während der turbulenten Kriegsjahre floh Wallmann nach Buenos Aires, und ihre Ehe wurde vom NS-Staat aufgelöst. Sie wurde Ballettdirektorin am Teatro Colón, erwarb die argentinische Staatsbürger­schaft und änderte ihren Namen in Margarita Wallmann. Nach 1945 interessierte sie sich zunehmend für die Opernregie und hinterließ bleibende Spuren in renom­mierten Opernhäusern in Mailand, Rom, Paris, New York, Monaco, Berlin und Wien. Sie kehrte in den Sommern 1954, 1955 und 1960 nach Salzburg zurück. Ihre Beiträge umfassten bemerkenswerte Produktionen wie das Salzburger Divertimen­to mit Musik von Mozart, La Danse des Morts von Arthur Honegger, Perséphone von Strawinsky und schließlich Frank Martins Mysterium von der Geburt des Herrn. Sie beendete ihre Karriere als Teil des künstlerischen Leitungsteams in der Mailänder Scala von 1952 bis 1972.39

    Dieser Artikel endet mit einer Untersuchung und statistischen Analyse der Ge­schlechterrepräsentation in Gesangsaufführungen der Festspiele im Bereich der Oper und des Liedgesangs recht weit von seinem Ausgangspunkt entfernt. Die Untersuchung der verknüpften Marken von Karajan und den Festspielen und die Beantwortung der Frage, wie Geschlechterdynamiken in den untersuchten Auffüh­rungen der Festspiele funktionierten, mag inkongruent erscheinen, aber, meiner Meinung nach, sind die beiden nicht nur miteinander verbunden, sondern tatsäch­lich eng miteinander verflochten. Die Übernahme der Festspiele durch Karajan, seine ikonische Markenbildung und die Besetzung großer Gesangsaufführungen im Bereich Oper und Liedgesang trugen alle dazu bei, patriarchale Normen zu festigen, um geschlechtsspezifische soziale Ängste in der Nachkriegszeit zu be­schwichtigen. Dies war eine Zeit, in der Österreich sich bemühte, seine neue Identi­tät sowohl nach außen als auch nach innen zu etablieren und zu stärken. Nachdem es über einige Jahrzehnte von einem riesigen Imperium zu einem winzigen Land geschrumpft war, wirtschaftlich gelähmt, von NS-Deutschland absorbiert und von seinen Kriegs-Gegnern besetzt, war es politisch und wirtschaftlich erheblich geschwächt. Die neue Identität Österreichs – und der verzweifelt zugeschriebe­ne wirtschaftliche Wert – wurde als „Musikland Österreich“ konzipiert, was die geschlechtsspezifischen Vorstellungen von Musik als im Wesentlichen emotional, weiblich, schwach usw. mit sich brachte. Dies musste in einer Zeit ausgeglichen werden, in der Geschlechterrollen sowohl lokal als auch global in Frage gestellt wurden. Karajans hypermaskuline Marke, seine opportunistische Ambition und seine Aura vollständiger Autorität und Kontrolle erfüllten diese Rolle passgenau.

    Dies lässt sich auch an den Besetzungen ablesen. Obwohl es wenig überraschend ist, dass Männer in jeder führenden Rolle auf und hinter der Bühne die Frauen zahlenmäßig übertrafen und Frauen im Allgemeinen in weniger prestigeträchti­gen Positionen zu finden waren – d.h. mit niedrigerem „Billing“40 –, gibt es auch Anomalien. Choreinstudierung hat einen geringeren Status als Choreographie, Bühne oder Kostüme – wie in den Programmen ersichtlich ist –, war jedoch wäh­rend der Karajan-Ära ebenso ausschließlich mit Männern besetzt wie Dirigieren oder Komponieren. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass es immer noch eine Führungsposition ist, die die Leitung einer Gruppe und die Handha­bung eines Kontrollinstruments, des Dirigentenstabes, umfasst. Auf eine andere, jedoch verwandte Weise – obwohl die Liedbegleitung als Beruf marginalisiert ist und historisch gesehen überwiegend von Frauen ausgeübt wurde – erlaubten die renommierten Liederabende in Europa, einschließlich der Festspiele, selten eine Liedbegleiterin. Dieses Fehlen könnte durch die emotionale Natur der romanti­schen Texte des 19. Jahrhunderts, vertont von Schubert, Brahms und Wolf, erklärt werden, könnte aber auch mit den unterbewussten sexuellen Implikationen zu­sammenhängen: zwei Menschen, die zusammen hochintime Musik machen, wobei eine Person ein großes, nahezu automobilgroßes Instrument „lenkt“. Ungeachtet dessen ist bemerkenswert, dass die einzige Frau, der es bis in die späten 1980er Jah­re erlaubt war, Lieder vom Fahrersitz aus zu interpretieren, mit ihrem Duo-Partner verheiratet war.

    Die restlichen Mitglieder des Leitungsteams setzten sich aus denjenigen zusam­men, die Kostüme und Bühnenbilder entwarfen sowie Choreographien organisier­ten – Dekorateure also, die zum „(visuell) Schönen“ beitrugen. Karajans misogynes Geschlechterverständnis wird mehrmals in Inside Karajan hervorgehoben und in einem Interview mit Eleonore Märkle, die als „Ehefrau des Managers von Karajans Filmgesellschaft“ vorgestellt wird, diskutiert. Märkle sagt: „Er schätzte sehr weib­liche Schönheit. Ich habe ihm oft gesagt, dass das ungerecht sei; wenn eine Frau nicht attraktiv sei, egal ob sie eine Künstlerin sei oder nicht, dann war sie für ihn uninteressant. Er war ein großer Ästhet, aber für weibliche Schönheit war er sehr, sehr empfänglich.“41 Die Frauen in Karajans Leben durften keine Führungsrollen übernehmen, sondern wurden stattdessen belohnt, indem sie ästhetische, visuel­le Schönheit lieferten. Genau wie Eliette, Karajans dritte Frau, für ihre Schönheit und Dekorativität geschätzt wurde, wurden auch die Frauen unter seiner Leitung bei den Festspielen belohnt. Die meisten stammten aus dem Bereich des Tanzes – selbst die einzige Regisseurin, Wallmann, war in erster Linie Tänzerin. Sie wa­ren nicht nur selbst konventionell physisch attraktiv, sondern auch die von ihnen produzierte Arbeit war ihr Kapital. Erni Kneiperts Rosenkavalier-Kostüme von 1960 wurden von Karajan bevorzugt, weil er „für Herbert von Karajan der schönste gewesen sein soll“42.

    Einiges hat sich bei den Festspielen danach geändert und, wenn man durch die Programmübersichten des 21. Jahrhunderts schaut, gibt es generell viel mehr Frau­en in führenden Teams – sei es bei Kostüm, Bühnenbild und Videoinstallationen, in leitenden Choreografien – und gelegentlich sogar in Regiepositionen. Dennoch erweisen sich bestimmte Rollen konsequent als äußerst resistent gegenüber Ge­schlechtervielfalt. Bei den Festspielen, wo das Gespenst von Karajan immer noch groß erscheint, ist Dirigieren eine solche Rolle.43 Und natürlich werden, mit sehr wenigen Ausnahmen, die Opern – einschließlich der Auftragswerke – fast aus­schließlich von Männern geschrieben, was zu Kritik geführt hat.44 Ein Blick auf die zahlreichen Liederabende im 21. Jahrhundert zeigt, dass sich dort ebenfalls wenig geändert hat. Die Frauen am Klavier, die Kunstlieder in Salzburg aufführen, lassen sich fast an den Fingern einer Hand abzählen. Noch immer in der Erinnerung an Karajan, ihren „letzten absolutistischen Herrscher“ an der Spitze, ist die Identität der Festspiele weiterhin mit vergleichbaren patriarchalen Werten verwoben und schließt daher immer noch Frauen, die Macht in männlich codierten, autoritativen Positionen zeigen, stillschweigend aus.45


    Anmerkungen

    1. Die offizielle Tourismuswebsite von Salzburg, betrieben von der TSG Tourismus Salzburg GmbH, drückt dies unmissverständlich aus: „Der ‚Alleinherrscher‘ der Festspiele. Ab 1960 amtierte Karajan nicht mehr allein als Künstlerischer Leiter, ab 1964 war er in ein Direktorium eingebunden. Dennoch traf er als ‚letzter absolutistischer Herrscher‘ – so sein Nachruf – alle wichtigen Entscheidungen. Bis zu seinem Tod 1989 zog er die Fäden bei den Festspielen.“. N. N.: Herbert von Karajan. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/chronik/herbert-von-karajan (24.10.2023); Vgl. auch: Osborne, Richard: Herbert von Karajan. A Life in Music. London: Sinclair-Stevenson 1998. ↩︎
    2. Trotz zahlreicher Beschönigungen und Ausflüchte von Verteidigern und Biografen bleibt festzustellen, dass der zweifache Beitritt zur NSDAP und die freundschaftliche Beziehung zu Goebbels schwer zu übersehen sind und waren. Hier werde ich nicht erneut die Vor- und Zurückweisungen durchgehen; es genügt zu sagen, dass Karajan während der NS-Zeit zumindest ein äußerst ehrgeiziger Opportunist in Bezug auf sein Handeln war. ↩︎
    3. Vgl.: N. N.: Legendäre Gestalter und Charakterköpfe – Die prägenden Dirigenten bei den Salzburger Festspielen. https://www.klassikakzente.de/diverse-kuenstler/news-und-rezensionen/legendaere-gestalter-und-charakterkoepfe-die-praegenden-dirigenten-bei-den-salzburger-festspielen-259224 (24.10.2023). ↩︎
    4. Vgl.: Online-Archiv der Salzburger Festspiele. https://archive.salzburgerfestspiele.at/archiv (14.10. 2023). ↩︎
    5. Vgl.: VanderHart, Chanda: Gender Representation in Vocal Productions at the Salzburger Festspiele During the Karajan-Era. https://doi:10.5281/zenodo.10008717 (2.5.2024). ↩︎
    6. „[…] the association of Catholicism and Nazism that lies at the core of the Austrian fascist past.“ Steinberg, Michael P.: Austria as Theater and Ideology: The Meaning of the Salzburg Festival. New York: Cornell University Press 2000, S. 11. ↩︎
    7. Steinberg muss verziehen werden, wenn er eine Stadt gelegentlich mit dem Land als Ganzes verwechselt, ein Fehler, der besonders im Hinblick auf die Hauptstadt Österreichs, Wien, am häufigsten vorkommt. Wie Lang festgestellt hat, waren die Salzburger Festspiele in vielerlei Hinsicht eine katholische, politisch konservative kulturelle Veranstaltung, die als Alternative zu Musikstadt Wien konzipiert war. In Bezug auf die Vermischung von Wiener mit österreichischer Kultur nach dem Ersten Weltkrieg, als die Hauptstadt ein Drittel der Bevölkerung beherbergte, schreibt sie: „For those outside the capital city, Vienna did not accurately reflect their culture, perhaps best shown by the Salzburg Festival, which emphasized a South German identity rooted in the baroque and Catholicism.“ Lang, Zoë A.: The Legacy of Johann Strauss: Political Influence and Twentieth-Century Identity. Florida: Cambridge University Press 2014, S. 38; Zum Konstrukt „Musikstadt Wien“ vgl.: Nußbaumer, Martina: Musikstadt Wien. Die Konstruktion eines Images. Freiburg: Rombach 2007. ↩︎
    8. Homepage der Stadt Salzburg. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/jedermann (5.9.2023). ↩︎
    9. „Now in Salzburg he seemed to have found the natural location for it and to have achieved what the Austrian theater historian, Joseph Gregor, called ‚die größte regieliche Tat seit den Tagen der Renaissance.‘ Hofmannsthal himself found Reinhardt‘s idea, once fulfilled, to have always seemed a part of the location.“ Doswald, Herman K.: The Reception of Jedermann in Salzburg 1920-1966. In: The German Quarterly 40/2 (1967), S. 212-225, S. 213. ↩︎
    10. Verfügbar über Medici TV. https://www.medici.tv/en/documentaries/inside-karajan (24.10.2023); zum Zeitpunkt des Verfassens auch auf YouTube zu finden, hochgeladen von Francesco Massimi im Jahr 2023: Massimi, Francesco: „Inside Karajan“. https://www.youtube.com/watch?v=BG-9fD9JoOc (9.5.2023). ↩︎
    11. Zu Karajans umfangreichen Eigenproduktionen, einschließlich der 45 Opernaufnahmen für zukünftige Veröffentlichung als Video Discs, die dazu bestimmt waren, sein ewiges Vermächtnis zu zementieren, sowie Investitionen in Telemondial – eine von Uli Märkle geleitete TV-Firma mit Sitz in Monaco, die von Karajan im Jahr 1982 gegründet wurde und in die privat enorm hohe Summen investiert wurden: Sanjuán Mínguez, Ramón: El Controvertido Legado FÍlmico de Herbert von Karajan: Una Necesaria Revisión de los Desheredados. In: Revista de Musicología 41/1 (2018), S. 307-330; Zu Karajans Hyperkontrolle und dem Einsatz von Film, um eine maskuline Erzählung zu unterstreichen
      vgl.: Behan, Adam: Reading Creativity Forwards and Backwards: Process and Product Revisited with Herbert Von Karajan’s Legato Aesthetic and Hypermasculinity. In: Music & Letters 103/4 (2022), S. 708-728; für eine umfassendere Kontextualisierung vgl.: Kannonier, Reinhard: Musikleben – Medien – Markt. In: Österreichische Musikzeitschrift 50/1 (1995), S. 17-20. ↩︎
    12. Es ist möglich, dass der ORF Karajans sorgfältig erstellte Erzählung unbeabsichtigt übernommen hat, als sie 2004 Telemondial erwarben. ↩︎
    13. „he could not have everything“; „his greatest wish was to have a son to whom he could pass on all the good things that life had brought him. “ Schwarz, Otto: Inside Karajan, 09:55. ↩︎
    14. „[…] charge that musicians or devotees of music are ‚effeminate’ [which] goes back as far as recorded documentation about music“. McClary, Susan: Feminine Endings: Music, Gender, and Sexuality. Minneapolis: University of Minnesota Press 1991, S. 17. ↩︎
    15. Vgl.: Schwarz, Otto: „Inside Karajan“, 30:28-30:50; 32:07-32:18. ↩︎
    16. N. N.: Karajan at the Salzburg Festival 1963. https://www.youtube.com/watch?v=PzvEkMem80I (24.10.2023), veröffentlicht über den offiziellen Kanal des Karajan-Instituts, verwaltet vom Eliette und Herbert von Karajan Institut.x ↩︎
    17. Hierbei handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen fehlgeschlagenen Versuch, „Jahrhundertdirigent“ zu übersetzen. ↩︎
    18. N. N.: Karajan at the Salzburg Festival 1963, 02:27-02:39. ↩︎
    19. Ebd., 04:18 – 04:35. ↩︎
    20. Salzburger Volkszeitung, 8.7.1948. ↩︎
    21. Ebd. ↩︎
    22. Ebd. ↩︎
    23. Obwohl Rudolf Wagner-Régeny in Transsylvanien geboren wurde, studierte er in Leipzig und nahm als junger Mann die deutsche Staatsbürgerschaft an, seine musikalische Sozialisation war daher eher deutsch geprägt. ↩︎
    24. Larimer, Brooke: Role Breakdown for Top 25 Most-Performed Operas. https://docs.google.com/spreadsheets/d/e/2PACX-1vRjPpqeGTkJaPziOZiooHGRvQeCOGsRv3XbjVGkjtjNvn6vLZysk5B1E8VkjwP8sNMKKaA2O3E8PVAe/pubhtml (14.10.2023). In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet dies, dass Frauen global nur eine Chance auf 41,3% der Arbeitsplätze haben, während Männer die übrigen fast 60% erhalten.x ↩︎
    25. „The opera canon skews so heavily towards men that male opera singers are three and a half times as likely to be cast as women opera singers.“ Varga, Dana Lynne: Excluded, Penalized, Indebted, Harassed: Systemic Discrimination against Women in Opera. https://www.theempoweredmusician.com/articles/excluded-penalized-indebted-harassed-systemic-discrimination-against-women-in-opera (28.3.2024). ↩︎
    26. Dies umfasst Doppelbesetzungen, wie sie in den Programmen aufgeführt sind. Da jedoch sowohl Männer als auch Frauen in gleicher Weise doppelt besetzt wurden, hat dies keinen Einfluss auf die Statistiken. ↩︎
    27. Die Harfenistin Anna Leikes, die 1997 die erste offizielle Philharmonikerin wurde, spielte bereits seit 26 Jahren mit dem Orchester. ↩︎
    28. Vgl.: VanderHart, Chanda / Lloyd, Bill: Too Many Frocks – the Art Song Pianist Podcast. https://mediathek.mdw.ac.at/toomanyfrocks (24.10.2023). ↩︎
    29. Vgl.: VanderHart, Chanda: Gender Representation in Vocal Productions at the Salzburger Festspiele during the Karajan-Era. ↩︎
    30. Vgl.: Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Hanka, Erika. In: Oesterreichisches Musiklexikon Online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits. https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d06e (24.10.2023). ↩︎
    31. Vgl.: N. N.: MyFidelio. https://www.myfidelio.at/de-en/bizet-carmen-1967-salzburger-festspiele/assets/2077 (23.10.2023). ↩︎
    32. Vgl.: Pichler, Kathrin: Te Saxa Loquuntur; Salome – Eine Inszenierung der Salzburger Festspiele 2018. Salzburg, Masterarbeit 2019, S. 56-58. ↩︎
    33. Vgl.: N. N.: Opernproduktionen der Salzburger Festspiele. In: Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Opernproduktionen_der_Salzburger_Festspiele (21.9.2023). ↩︎
    34. Vgl.: Ackerl, Isabella / Weissensteiner, Friedrich: Kniepert, Erni. In: Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/Bücher/Österreichisches_Personenlexikon_1992/Kniepert,_Erni (21.9.2023). ↩︎
    35. Homepage der Initiative Stolpersteine Salzburg. https://www.stolpersteine-salzburg.at/stolperstein/wallmann_margarete/ (23.10.2023). ↩︎
    36. „Wenn ich von meiner Salzburger Aufführung und später Anpassung des dort Erreichten an die Wiener Staatsoper spreche, so muß ich Margarethe Wallmann rühmen, die ich auf Karlheinz Martins Empfehlung hin dafür als Ballettmeisterin gewonnen hatte. Wir haben von da an viel miteinander gearbeitet und mir wurde jede neue gemeinsame Aufgabe durch ihr waches Verständnis und ihre erstaunliche Fähigkeit zu phantasievoller tänzerischer oder pantomimischer Ausdeutung der Musik erleichtert. Mehr aber als Verstehen von Anregungen zeigte sich in ihrer ganz selbständigen Gestaltung der Trauerzeremonie im ersten Akt und der wilden Hades-Szenen im zweiten. Hier war alles ihrer eigenen Einfühlung in Glucks Musik und ihrer tänzerischen Phantasie zu danken, und ich werde ihre Leistung und die der von ihr mitgebrachten Tanzgruppe nicht vergessen. Sie blieb denn auch meine Mitarbeiterin in Salzburg und wurde es in Wien, als ich zusammen mit Kerber die Staatsoper übernahm. Der internationale Ruf, den sie sich erworben, führte sie schließlich als Ballettmeisterin an das Teatro Colón in Buenos Aires.“ Walter, Bruno: Thema und Variationen. Erinnerungen und Gedanken. Stockholm: Fischer 1974, S. 455. ↩︎
    37. Vgl.: Neuigkeits-Welt-Blatt, 29.8.1931. ↩︎
    38. Oberzaucher-Schüller, Gunhild: Wallmann, Margarethe (Margarita). In: Oesterreichisches Musiklexikon Online. Begr. V. Rudolf Flotzinger, hg. v. Barbara Boisits. https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e61c (23.10.2023). ↩︎
    39. Vgl.: Gavazzeni, Gianandrea (Hg.): La forma dinamica dell’opera lirica. Regie del Teatro alla Scala 1947-1984. Mailand: Silvana 1984. ↩︎
    40. Als „Billing“ wird im englischsprachigen Raum die hierarchische Auflistung von Namen in einem gedruckten Konzertprogramm bezeichnet. ↩︎
    41. Schwarz, Otto: „Inside Karajan“, 06:54-07:18. ↩︎
    42. Austria-Forum. https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/B%C3%BCcher/%C3%96sterreichisches_Personenlexikon_1992/Kniepert%2C_Erni (23.10.2023). ↩︎
    43. Vgl.: Harb, Karl: Salzburger Festspiele: Nur eine Frau als Dirigentin. In: Salzburger Nachrichten, 25.07.2019. ↩︎
    44. Vgl.: N. N.: Komponistin Neuwirth kritisiert Salzburger Intendanten Ruzicka scharf. Deutschlandfunk, 1.9.2006. ↩︎
    45. https://www.salzburg.info/de/salzburg/salzburger-festspiele/chronik/herbert-von-karajan; vgl.: Osborne, Richard E.: Herbert von Karajan: A Life in Music. London: Pimlico 2014. ↩︎

    © Stefan Panfili

    CHANDA VANDERHART

    Studium des Konzertfachstudiums sowie der Diplomstudiengänge für Vokalbegleitung und -korrepetition. Musikwissenschaftlerin, Pianistin und Musikvermittlungsexpertin. 2016 Promotion an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. 2017-19 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Projekt Wie klingt Österreich ebendort. Internationale Konzerttätigkeit u.a. im Musikverein Wien, in der Oper in Malmö und in der City Recital Hall in Sydney sowie Lehrtätigkeiten u.a. an der Sorbonne Paris und an der Malta School of Music.

  • 100 FEMALE VOICES

    100 FEMALE VOICES

    Die audiovisuelle Installation 100 FEMALE VOICES von Martina Stock war vom 21.8. bis 12.9.2021 in der Salzburger Kollegienkirche ausgestellt. Das Kunstpro­jekt fand eigenständig, ohne Kooperation mit den Salzburger Festspielen, statt. Im Folgenden sind drei Beiträge abgedruckt, die zur Installation entstanden.

    100 FEMALE VOICES zeigt eine Auswahl von 100 Künst­lerinnen, die durch ihre Persönlichkeit und ihr Wirken die Salzburger Festspiele auf und hinter der Bühne in ihrer 100-jährigen Geschichte entscheidend mitgeprägt haben. Das Kunstprojekt übernimmt die dokumentarische Aufga­be, die künstlerischen Leistungen dieser großartigen Künst­lerinnen anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Salzbur­ger Festspiele in das Licht unserer Wahrnehmung zu führen.

    Die begehbare audiovisuelle Installation ist ein Zusammen­spiel aus 100 freistehenden Serigrafien auf Leinwand und Harfe. Die künstlerische Umsetzung der 100 Portraits erfolgt mittels Serigrafie, Ac­ryl auf Leinwand. Die auf Edelstahlrahmen befestigten Kunstwerke sind im Kir­chenraum freistehend angeordnet. Auf diese Weise wird das einzelne Werk mit seinem Porträt zum künstlerischen „Standbild“. Es überträgt die Wirkung direkt auf die Betrachter*innen, die dem jeweiligen Kunstwerk in Augenhöhe gegenüber­stehen. Die Anordnung ist in ihrer Gesamtheit als Kunstwerk an diesem besonde­ren Ort zu sehen.

    Ebenso wie das Musikstück, das in Form einer Toninstallation zu hören ist. Getra­gen durch die Musik, durchschreiten die Besucher*innen die Ausstellung, die Kom­position unterstreicht die Wirkung der Motive und eröffnet den Betrachter*innen eine weitere Wahrnehmungsebene. Die Besucher*innen werden Teil einer beson­deren Klang- und Bildwelt.

    MARTINA STOCK


    Die Künstlerinnen bei 100 FEMALE VOICES

    GESANG Laura Aikin | Grace Bumbry | Lisa della Casa (1919–2012) | Maria Cebotari (1910–1949) | Ileana Cotrubaș | Marianne Crebassa | Di­ana Damrau | Annette Dasch | Mojca Erdmann | Birgitte Fassbaender | Elīna Garanča | Edita Gruberová | Sumi Jo | Christiane Karg | Vesse­lina Kasarova | Angelika Kirchschlager | Lotte Lehmann (1888–1976) | Marjana Lipovšek | Federica Lombardi | Christa Ludwig (1928–2021) | Elisabeth von Magnus | Edda Moser | Anna Netrebko | Jessye Norman (1945–2019) | Anna Prohaska | Dorothea Röschmann | Irmgard Seefried (1919–1988) | Christine Schäfer | Elisabeth Schwarzkopf (1915–2006) | Krassimira Stoyanova | Anna Tomowa-Sintow | Sonya Yoncheva INST­RUMENTAL Martha Argerich | Sol Gabetta | Veronika Hagen | Patricia Kopatchinskaja | Sabine Meyer | Anne-Sophie Mutter MUSIKALISCHE LEITUNG Laurence Equilbey | Elisabeth Fuchs | Mirga Gražinytė-Tyla | Julia Jones | Joana Mallwitz | Anne Manson | Erina Yashima KOMPOSI­TION Sofia Gubaidulina | Gustav (Eva Jantschitsch) | Olga Neuwirth | Kaija Saariaho | Galina Ustwolskaja (1919–2006) SCHAUSPIEL VERENA ALTENBERGER| Marie Bäumer | Bibiana Beglau | Senta Berger | Edith Clever | Veronica Ferres | Ulrike Folkerts | Brigitte Hobmeier | Marianne Hoppe (1909–2002) | Gertraud Jesserer | Isabel Karajan | Sophie von Kessel | Jutta Lampe (1937–2020) | Ursina Lardi | Birgit Minichmayr | Elisabeth Orth | Christine Ostermayer | Elfriede Ott (1925–2019) | Caroline Peters | Liselotte Pulver | Stefanie Reinsperger | Dolores Schmidinger | Maria Schell (1926–2005) | Barbara Sukowa | Julia Stemberger | Johanna Terwin (1884–1962) | Elisabeth Trissenaar | Johanna Wokalek TANZ Tilly Losch (1903–1975) | Grete Wiesenthal (1885–1970) REGIE ANDREA BRETH | Friede­rike Heller | Bettina Hering | MARIA GUTHEIL-SCHODER(1874–1935) | Shirin Neshat | Helene Thimig (1889–1974) | Margarete Wallmann (1901–1992) KOSTÜM UND BÜHNENBILD Moidele Bickel (1937–2016) | Eva Dess­ecker | Marianne Glittenberg | Magda Gstrein |XENIA HAUSNER| REBECCA HORN | Ita Maximowna (1901–1988) | Dorothea Nicolai NEUE MEDIEN Anna Henckel-Donnersmarck | Melanie Wilson LITERATUR Ingeborg Bachmann (1926–1973) | Elfriede Jelinek THEATERFOTOGRAFIE Ruth Walz.


    Das audiovisuelle Projekt 100 FEMALE VOICES von Mar­tina Stock in der Kollegienkirche präsentiert in Ton und Bild eine weibliche Kulturgeschichte. Stock zeigt eine künstle­rische Genealogie von Frauen der letzten 100 Jahre Salzburger Festspiele, die in Oper, Schauspiel, Tanz, Bühnenbild, Regie, Komposition, Literatur, etc. wirkten. Das interdisziplinäre Projekt dient der Gleichstellung der Geschlechter. Es konst­ruiert mittels Porträts von herausragenden Künstlerinnen in Siebdruck-Unikaten und einer musikalischen Interpretation eine Historie, die so nicht existierte. Stock, deren Hauptmedien die akustische Harfe, die mit elektronischen Elementen, Beats und Soundflächen ver­feinert wird, sowie der einzigartige Siebdruck auf Leinwand sind, erzählt Geschichte anhand von ausgewählten Persönlichkeiten aufgelöst in einzelne Schlaglichter eines bestimmten Auftritts, einer bestimmten Rolle und einer bestimmten Präsentation.

    Die Zahl 100 hat symbolischen Charakter, es geht sowohl um jede einzelne der aus­gewählten Persönlichkeiten, als auch um die Gesamtheit des weiblichen Kunstschaf­fens, das österreichisches Kulturerbe ist und dennoch das Nationalitätenprinzip überschreitet. Die Besucher*innen werden auf einer multimedialen Ebene durch die Ausstellung geleitet, die sich in verschiedenen Layers und Loops, Saitenklän­gen und dem malerischen Schichtwerk in Rastern, Flächen und Punkten entfaltet. Martina Stock, die mit Rakel und Sieb malt, schafft ein reiches Beziehungsgefüge, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszilliert, Raum und Zeit multisenso­risch zusammenführt. Die Rücken an Rücken positionierten Werke, die im barocken Hauptschiff eine raumgreifende Installation bilden, verbinden das fotografische Ab­bild mit der abstrakten Fiktion und vermitteln eine starke Allianz von Frauen.

    Das als Gesamtkunstwerk angelegte Ausstellungsprojekt will keine weibliche Äs­thetik definieren, sondern entwirft ein vielfältiges Narrativ mit zahlreichen Brüchen und Spannungen, das mittels Porträts Zeit und Zeiten abbildet, reflektiert und revi­diert. Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen, heißt auch Fragen zu stellen: Wie etwa verhält sich eine geschlechtsspezifische Chronologie zu der kulturell vorherrschenden Dominante, die von männlichen Protagonisten geprägt war? Soll sich eine Geschichte, die das weibliche Kunstschaffen in den Blick nimmt, über die Abweichung von einem etablierten Narrativ definieren? Welche nachhaltige Wirkung haben sowohl emanzipatorische Bewegungen als auch Strategien der Selbstbehaup­tung in der Kunst von Frauen? Was kann man aus der Geschichte lernen? Müssen wir sie rückblickend korrigieren und verändern? 100 FEMALE VOICES von Martina Stock ist an erster Stelle eine Hommage an das weibliche Kunstschaffen und taucht Künstlerinnen im barocken Zentralbau – die Kollegienkirche war 1922 erste Spielstätte der Salzburger Festspiele, ist Schutzort der Künste und Frauenkirche – in ein goldenes Licht, das sich in vielen Reflexen zu einer Zeiten überdauernden Apotheose erhebt.

    ANGELA STIEF


    Einhundert Portraits bedeutender Künstlerinnen aus ein­hundert Jahren Festspielgeschichte werden von Martina Stock in der Salzburger Kollegienkirche lebensgroß präsen­tiert.

    Warum in einer Kirche, möchte frau/man fragen? Handelt es sich um einen Gottesdienst? Vielleicht, denn wenn frau/man durch die paarweise scheinbar zufällig im Raum posi­tionierten Bilder geht, wird Energie spürbar wie vor Beginn einer Vorstellung oder einer Wallfahrt. Hundert Frauen aus hundert Jahren versammelt in Salzburgs Frauenkirche im Hier und Jetzt – mitten unter ihnen Maria, dargestellt im Hochaltar, als ihre Pa­tronin.

    Die Bilder Martina Stocks leuchten in den Farben des Regenbogens und die realen Fotos der Frauen treten zurück. Erfüllte, begeisterungsfähige Menschen leuchten von Innen, wie Heilige. Dieses Leuchten hat die Künstlerin für uns alle sichtbar gemacht. Die Kollegienkirche in ihrem glitzernden, göttlichen Weiß spendet die dafür unerlässliche Leinwand.

    Die Kollegienkirche ist Salzburgs Kunstkirche. Fischer von Erlach schuf mit seiner Architektur einen der bedeutendsten Sakralbauten des Barock. Mit der Urauffüh­rung des Salzburger Großen Welttheaters von Hugo von Hofmannsthal war sie erster Aufführungsort der Festspiele für das Schauspiel. Heute pflegt die Universitäts­pfarre den regen Austausch mit vielfach jungen Künstler*innen. Ein gelungenes Beispiel ist der Dialog mit Martina Stock.

    Die Prozession der Frauen aus 100 Jahren fügt sich ein in das Konzept dieser Kir­che, in der der Architekt das „Himmlische Jerusalem“ darstellen wollte. Dort spie­len nicht Geschlecht oder Herkunft eine Rolle, sondern es zählt allein die Leiden­schaft von Menschen, die nach Wahrhaftigkeit streben.

    CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING


    © Atelier Stock

    MARTINA STOCK

    Studium der Geografie sowie Studien am Mozarteum Salzburg mit einem Erasmusaufenthalt in Krakau und an der Universität der Künste Berlin. Harfenistin und bildende Künstlerin im Bereich der Serigrafie. Tätigkeiten als Dozentin. Internationale und nationale Konzerte als Solo-Harfenistin mit selbst komponiertem Repertoire sowie Ausstellungen ihrer Werke. 2021 Konzeption und Umsetzung der audiovisuellen Installation 100 FEMALE VOICES in der Kollegienkirche in Salzburg. 2024 Veröffentlichung ihrer CD TinaMarti electroacoustic Harp.

    © Sandro Zanzinger

    ANGELA STIEF

    Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kulturpublizistin. 2002-13 Kuratorin an der Kunsthalle Wien. 2020 Gastprofessur für Kuratorische Praxis an der Universität Linz. Seit 2020 Chefkuratorin für die Kunst der Gegenwart in der Albertina. Zahlreiche Beiträge über Gegenwartskunst in Monografien, Katalogen und Magazinen. Kuratierte Ausstellungen wie z.B. POWER UP – Female Pop Art (2010), The 80s. Die Kunst der 80er Jahre (2021), Ways of Freedom. Jackson Pollock bis Maria Lassnig (2022), Katharina Grosse. Warum Drei Töne Kein Dreieck Bilden (2024), The Beauty of Diversity (2024).

    CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING

    Studium der Theologie in Salzburg. Leiter der Kollegienkirche in Salzburg, sowie Leiter der dortigen Hochschulseelsorge und Verwaltungsdirektor. 2003-13 Verantwortlicher für die Renovierung des Innenraums sowie der Fassade der Kollegienkirche. Leiter von Führungen durch die Kollegienkirche sowie Befürworter und Unterstützer von künstlerischen Ausstellungen im Kirchengebäude, darunter 100 FEMALE VOICES (2021) und Innere Landschaft (2024).

  • Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?

    Regisseurinnen, Dirigentinnen, Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen

    Die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit Frauen als Regisseurinnen, Di­rigentinnen und Choreographinnen (hier auch R/D/C) bei den Salzburger Fest­spielen bildet eine Lehrveranstaltung mit Prof. Pia Janke, in deren Rahmen wir den Fragen nachgingen, inwiefern diese Rollen überhaupt weiblich besetzt waren und sind, wie sich die diesbezügliche öffentliche Sichtbarkeit (und die damit impli­zierte interne Aufarbeitung) gestaltet und welche weiteren Forschungsfragen bzw. Visionen sich daraus für die Salzburger Festspiele ergeben. Es folgt ein Überblick über unsere Arbeit und vorläufigen Ergebnisse.

    Die zahlreichen Leerstellen in den bisherigen Untersuchungen zu den Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen fordern eine diesbezügli­che Grundlagenarbeit. Zum einen gilt es also, die Daten zu 100+ Jahren Festspiel­betrieb mit Fokus auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen zu sichten und die daraus hervortretenden Entwicklungslinien aufzubereiten. Zum anderen ist dieses Unterfangen nur dann sinnvoll, wenn es unter konkre­ten Fragestellungen passiert. Als roter Faden der Analyse kann grundsätzlich die Sichtbarkeit der Frauen in den untersuchten Rollen festgehalten werden. „Sicht­barkeit“ kann hier, zur begrifflichen Übersichtlichkeit, sowohl als Sichtbarkeit im quantitativen Sinne (= die Summe der Nennungen im statistischen Sinn) als auch im qualitativen Sinne (= der Kontext der Nennungen im inhaltlichen Sinn) verstan­den werden. So stellen sich etwa im Zuge der quantitativen Sichtbarkeit die Fra­gen: Wie viele (verschiedene) Frauen finden sich in der Rolle der Regisseurin, Di­rigentin oder Choreographin wieder? Wie oft wurden individuelle Frauen für Pro­duktionen in diesen Rollen engagiert? Wann gab es die erste Regisseurin, Dirigen­tin und Choreographin? Gibt es über den Verlauf der Festspiele Phasen, in denen die weibliche Besetzung ansteigt, rückläufig ist oder andere Auffäl­ligkeiten aufweist? Im Sinne der qualitativen Sichtbarkeit, die wei­terführende Fragen zur adäquaten Darstellung der (Führungs-)Positi­onen der Frauen bei den Salzbur­ger Festspielen im biographischen, institutionellen und strukturellen Sinn aufwirft, ergeben sich Fragestellungen wie: Wie sind die ermittelten Daten in unterschiedlichen Zusammen­hängen einzuordnen und zu bewerten? Welche Zusammenhänge bestehen zwi­schen unseren Beobachtungen/Recherchearbeiten und der allgemeinen Timeline bzw. den Phasen der Salzburger Festspiele? Was lässt sich außer den Namen noch zu den Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen finden? Inwiefern wurden die Tätigkeiten der Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen von den Salzburger Festspielen dokumentiert (z.B. kreative Entwürfe, Probenpro­tokolle, Besprechungsprotokolle, Korrespondenzen, Verträge usw.)? Gibt es For­schungs- oder Kunstprojekte zur Sichtbarmachung der Frauen seitens der Salz­burger Festspiele und außerhalb der Institution? Aus diesen Sichtbarkeitsbegriffen sollen im Anschluss an die Datensichtung, Recherche und Analyse zudem weitere Forschungsinteressen und Impulse für die Salzburger Festspiele selbst abgeleitet werden.

    Als Grundlage für die Datenerhebung kann die öffentliche Datenbank des Ar­chivs der Salzburger Festspiele1 herangezogen werden, anhand derer die Präsenz von Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen im Festspielbetrieb von 1920 bis 2023 ermittelt werden sollte. Zur Eingrenzung des Themas wurden Schwerpunkte der Datenaufbereitung gesetzt. Diese liegen auf den Sparten Schau­spiel und Oper sowie der seit 2017 bestehenden Sparte „Jung und Jede*r“, welche jährlich im Vorfeld der Sommerfestspiele stattfindet.

    Wir haben uns dazu entschieden, vorerst öffentlich und digital zugängliche Daten auszuwerten, da deren relativ niedrigschwellige Zugänglichkeit bereits gewisse Rückschlüsse auf die Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung der Frauen erlaubt. Eine Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele ist zwar online frei verfügbar, zur präzisen Recherche ist diese jedoch nur bedingt geeignet. Gründe dafür sind etwa eingeschränkte Filterfunktionen, uneinheitliche Schlagwort-Verlinkungen in einzelnen Produktionen, fehlerhafte Verlinkungen und recht umständliche Nutzer*innen-Pfade auf der Website, was die Anfälligkeit für Fehler unweiger­lich erhöht. In weiteren Forschungen wäre also eine zusätzliche Überprüfung etwa mit den internen digitalen und analogen Daten des Archivs der Salzburger Fest­spiele durchaus sinnvoll, um die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten zu gewährleisten. Insgesamt können anhand der vorliegenden Untersuchungen je­denfalls Tendenzen, Leerstellen und Fragestellungen adäquat formuliert und For­schungsimpulse sowie Visionen für die Salzburger Festspiele und deren Archiv gesetzt werden.

    Pionierinnen, Entwicklungslinien und die große Lücke: Datensichtung und erste Beobachtungen

    Zunächst zeigt die Erfassung der Produktionen mit R/D/C bei den Salzburger Festspielen von 1920 bis 2023 bisher 59 Regisseurinnen (bei 116 Produktionen), sieben Dirigentinnen (eine davon ist ein Co-Dirigat mit einem männlichen Kollegen; bei elf Produktionen) und 57 Choreographinnen (bei 169 Produktionen).2 Bereits im ersten Festspieljahr ist mit Hede Nilson-Schaffgotsch bei Hugo von Hofmanns­thals Jedermann eine Choreographin vertreten. Die erste Regisseurin ist 1926 bei Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni MARIE GUTHEIL-SCHODER, die erste Diri­gentin ist 1994 Anne Manson in Boris Godunow von Modest Mussorgski. Wer sich allerdings zur Annahme hinreißen lassen möchte, dass ab diesem Zeitpunkt die Di­rigentinnen standardmäßig Einzug bei den Salzburger Festspielen halten, irrt – die nächste Dirigentin,Julia Jones, ist erst wieder zehn Jahre später in der Datenbank zu finden. Oder anders formuliert: Nach rund 80 Jahren Mozart-Produktionen bei den Salzburger Festspielen dirigiert im Jahr 2004 erstmals eine Frau Die Entführung aus dem Serail (digital version). Bei den Dirigentinnen ist zudem festzuhalten, dass drei der elf Produktionen im Rahmen von „Jung und Jede*r“ stattfanden (bei den Regisseurinnen sind es neun), also im Vorfeld der zentralen Sommerfestspiele.

    Besonders markant hebt sich die Präsenz der Choreographinnen ab dem ersten Festspielsommer hervor. Dem gegenüber steht die Absenz von Dirigentinnen bis in die 1990er Jahre und die bis zum Festspielsommer 2023 verhältnismäßig über­mächtige männliche Besetzung dieser Position. Im Bereich Regie wird ein sukzes­siver Anstieg der weiblichen Regisseurinnen deutlich. Bis in die 1960er Jahre sind es mit MARIE GUTHEIL-SCHODER,Margarete Wallmann und Helene Thimig jedoch lediglich drei unterschiedliche Regisseurinnen in 20 Produktionen. Bis Ende der 1990er Jahre sind insgesamt acht Frauen in dieser Position. Ab der Jahrtausend­wende sind Regisseurinnen, wenn auch die Besetzung im Vergleich mit den männ­lichen Kollegen nicht ausgeglichen ist, zumindest mit steigender Tendenz bei den Salzburger Festspielen im Einsatz.

    Neben den bereits erwähnten Beobachtungen, die sich primär auf die Anfangsjahre der Salzburger Festspiele und auf die Zeit ab den 1990er Jahren beziehen, stechen nun auch die Jahre zwischen etwa 1970 und 1990 hervor. Besonders auffällig wird die Leerstelle von weiblich besetzten Regiepositionen zu dieser Zeit, aber auch bei den Choreographinnen zeigt sich eine deutliche Abnahme der Engagements. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, womit diese Lücke bzw. der Rückgang zusam­menhängen könnte. Einen Ansatz zur Untersuchung der Kausalitäten bietet die (vorerst ledigliche) Korrelation zwischen den jeweiligen Intendanten3 und Produk­tionsteams des bisherigen Festspielbetriebs.

    Herbert von Karajan und die Absenz der Frauen in (künstlerischen) Leitungspositionen

    Blickt man auf die Jahre zwischen 1970 und 1990, so wird deutlich, dass Herbert von Karajan diesen Zeitraum mit seiner langjährigen Intendanz prägte. Beginnend im Jahr 1957 hatte er bis ins Jahr 1989 die künstlerische Leitung der Festspiele inne.4 In Bezug auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen geht aus der Datensichtung hervor, dass unter Karajan nur wenige bis gar keine Frauen in diesen Bereichen zum Zug kamen. So gab es zwar einige Choreographinnen, jedoch nur Margarete Wallmann und Helene Thimig in insgesamt acht Produkti­onen als Regisseurinnen (beide waren bereits vor Karajan in dieser Rolle bei den Festspielen etabliert) und keine einzige Dirigentin. Die Aufarbeitung dieser Um­stände ist kaum oder gar nicht vorhanden. Grundsätzlich lässt sich aber die The­se argumentieren, dass unter Karajan persönliche, strukturelle und institutionelle Ungleichstellungen und Diskriminierungen gegenüber weiblichen Künstlerinnen aufrechterhalten und verstärkt wurden, die sich – aufgrund mangelnder Aufar­beitung – auch in den heutigen Strukturen der Salzburger Festspiele nachweisen lassen. In Hinblick auf Karajans langjährige Intendanz und seine bis in die zeitge­nössische Festspielkultur reichende Rolle als eine der Identifikationsfiguren der Salzburger Festspiele wäre es also in weiterer Folge interessant, seine Rolle in den heutigen Strukturen innerhalb der Festspiele zu erforschen; zudem – auch dieser Zusammenhang scheint uns relevant – wie die Aufarbeitung und Reflexion des „Vermächtnis Karajan“ der Salzburger Festspiele gestaltet wird.

    In diesem Zusammenhang seien noch die Herbert von Karajan Young Conductors Awards genannt. Sie sind einerseits ein Beispiel für die nach wie vor deutliche Präsenz Ka­rajans bei den Salzburger Festspielen, in diesem Fall in der Nachwuchsförderung. Gleichzeitig ist auffällig, dass die achtköpfige Jury der Young Conductors Awards aus sieben Männern und nur einer Frau besteht. Auch die Auszeichnungen werden größ­tenteils an männliche Künstler vergeben.5 Die Gründe dafür mögen im Kontext der (klassischen) Musikbranche vielfältig sein – jedoch kann thesenhaft von der fehlenden Reflexion und Aufarbeitung der diskriminierenden Besetzungspolitik Karajans (und anderen Aspekten seines Wirkens) als relevanter Faktor ausgegangen werden.

    Entsprechend gilt es für die Salzburger Festspiele in Zukunft Maßnahmen zu setzen, die einerseits die Zeit und Rückstände der „Ära Karajan“ kritisch aufarbeiten und die andererseits konkrete Schwerpunkte zur Förderung und Sichtbarmachung ins­besondere von Dirigentinnen, aber auch von Regisseurinnen und Choreographin­nen setzen. Im Fall der Herbert von Karajan Young Conductors Awards ergibt sich die Forderung nach Diversifizierung in allen Bereichen (Jury, Preisträger*innen etc.).

    Neben der Intendanz von Herbert von Karajan erscheint auch eine genauere Be­obachtung und Analyse anderer Intendanten als sinnvoll und unumgänglich für eine aussagekräftige Beschäftigung mit der Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in künstlerisch leitenden Positionen bei Produktionen der Salzburger Festspiele. Da es den Rahmen dieses in erster Linie grundlagenbasierten und überblicksschaf­fenden Beitrags jedoch sprengen würde, lassen sich hier lediglich die Vision und Forderung nach einer solchen Beschäftigung und Herangehensweise zu dem The­ma Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salz­burger Festspielen formulieren und in Aussicht stellen.

    Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen: Führungsperson oder schmückendes Beiwerk?

    Wirft man einen Blick auf die erhobenen Daten, wird deutlich, dass der Bereich Choreographie von Anfang an überwiegend von Frauen ausgeübt wurde und nach wie vor wird. Besonders auffällig ist, dass es bereits seit Beginn der Salzbur­ger Festspiele im Jahr 1920 Choreographinnen in den Produktionsteams gab. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass hinter den Choreographinnen in den Anfangsjahren der Salzburger Festspiele nur wenig Wechsel und Diversität in Bezug auf (verschiedene) Frauen stand.

    Während verhältnismäßig viele Produktionen mit weiblich besetzter Choreogra­phie aufgeführt wurden, wird hier sichtbar, dass es wenige unterschiedliche Cho­reographinnen sind, die einen Großteil der Produktionen übernahmen. Darunter sind zwischen 1920 und 1969 vor allem Margarete Wallmann, Hede Nilson-Schaff­gotsch und Grete Wiesenthal hervorzuheben.

    In der Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele werden jene Produkti­onsteams, denen auch die Choreographinnen angehören, durchgängig unter dem Begriff „Leading Team“ angeführt, was eine gewisse Hierarchielosigkeit innerhalb der Produktionsteams impliziert. Ausgehend von der These, dass im künstleri­schen Betrieb ebenso wie in nahezu allen strukturell männlich dominierten Be­reichen einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Gesellschaft die Positionierung von Frauen in Führungspositionen das Ergebnis eines jahrzehnte- bzw. jahrhun­dertelangen Aktivismus ist, stellt sich an dieser Stelle folgende weiterführende Forschungsfrage: Nehmen Choreographinnen angesichts ihrer Häufigkeit im Ver­gleich zu den Regisseurinnen und Dirigentinnen bei den Salzburger Festspielen eine Vorreiterinnenstellung in Bezug auf weiblich besetzte Führungspositionen bei den Produktionen der Salzburger Festspiele ein?

    Geht man davon aus, dass eine solche Hierarchielosigkeit – wie sie der Begriff des „Leading Teams“ suggeriert – tatsächlich vorhanden war bzw. ist, so müsste die Antwort lauten: Ja. Ob diese Annahme jedoch für die Choreographinnen bzw. für das Verhältnis von Choreographin und (meist männlich besetzter) Regie in der Praxis haltbar ist, ist durchaus fraglich. Andrea Amort deutet die Gewichtung der Rollen innerhalb der Produktionsteams allein durch den Titel ihres Beitrags im vorliegenden Band an: Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele.6 Die Choreographie ist damit ein Teil der Inszenierung von Max Reinhardt. Schließ­lich wird der tänzerische und choreographische Erfolg der Künstlerinnen in Salz­burg stets in Zusammenhang mit Max Reinhardts „genialer“ Besetzungspolitik erwähnt.7 So schreibt Amort u.a.:

    Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vi­sion Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur ide­alen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner brausenden Ideen brauchte.8

    Demnach gehe es also in erster Linie um Reinhardts Vorstellungen. Die Ideen und die künstlerischen Leistungen der Choreographinnen stehen (wenn überhaupt) an zweiter Stelle. Amort stellt diesbezüglich auch die Frage nach einem konkreten Bild der Arbeitsbereiche, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Verortung innerhalb möglicher Produktionshierarchien der Rolle Choreographie in den Raum: „Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten.“9

    Im Kontext des Memorandums des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 202010 wird eine solche Frage nach Arbeitsbedingungen und -umständen wesentlich, nachdem sich die Festspiele hier explizit zu jenen Grundsätzen, die bereits in der Vergangenheit gegolten haben und auch für die Zukunft der Salz­burger Festspiele gelten sollen, bekennen. Im vierten Grundsatz heißt es demnach: „Die Salzburger Festspiele bekennen sich weiterhin zum Dreispartenbetrieb (Oper, Schauspiel, Konzert) sowie entschieden zur Qualität, der sie den Vorrang vor der Kommerzialität geben. Die Salzburger Festspiele leben das Bekenntnis zu höchster Qualität als zentralen Schlüssel zum Erfolg.“11 Hier wird deutlich: Tanz war nie und wird auch zukünftig keine eigens angestrebte Sparte in der Programmierung der Salzburger Festspiele werden. Entsprechend findet sich in den bisherigen 103 Jahren Salzburger Festspielbetrieb lediglich eine einzige eigens als Tanzperfor­mance ausgewiesene und von einer Frau choreographierte Produktion: Into The Hairy aus dem Sommer 2023.12 Anders als in sämtlichen anderen Produktionen ist die Choreographin, Sharon Eyal, hier keiner Regie unterstellt, und so ist anzuneh­men, dass es sich bei der Rolle der Choreographie in diesem Ausnahmefall wohl wirklich um eine „Leading“-, also um eine Leitungsposition handelt. Es bleibt zu beobachten, ob Into The Hairy eine solche Ausnahme bleiben wird oder – obwohl Tanz nicht als eigene Sparte bei den Salzburger Festspielen vorgesehen ist – weite­re Choreographinnen in Leitungspositionen folgen werden.

    Diesen Ergebnissen zufolge kann zumindest die These geäußert werden, dass die Position der Choreographie hierarchisch unter jener der Regie zu verorten ist und sich an dieser Ordnung vermutlich auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Auf die Frage, ob Choreographinnen eine Vorreiterinnenstellung als weibliche Füh­rungspersonen bei den Salzburger Festspielen einnehmen, lautet die Antwort also: Es ist anzunehmen, dass es sich – zumindest in den klassischen drei Sparten Oper, Schauspiel und Konzert – bei der Rolle der Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wohl nicht um eine produktionsleitende, künstlerische Führungsfunk­tion handelt. Choreographinnen haben also, wenn sie auch bereits seit Beginn der Festspiele eine nicht zu schmälernde Rolle innerhalb der Produktionen einnehmen, keine Vorreiterinnenstellung als weibliche Führungspersonen inne.

    Weitere Forschungsinteressen und Visionen für die Salzburger Festspiele

    Abschließend bleibt eine Reihe an offenen Fragen und Impulsen für weitergehende Forschungsvorhaben bezüglich der Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wie auch Forderungen und Vi­sionen mit dem Ziel, eine umfassende Gleichstellung von Frauen und Männern bei den Salzburger Festspielen zu ermöglichen und umzusetzen.

    Im Rahmen unserer Recherche und Analyse wurde deutlich, dass die Datenlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit beispielsweise den Intendanten der Salzburger Festspiele wie auch der Rolle der Frauen bei den Festspielen im histo­rischen Kontext weitgehend Lücken aufweist. Da eine solche Aufarbeitung jedoch besonders relevant für die Untersuchung von struktureller und institutioneller Un­gleichstellung von Frauen bei den Salzburger Festspielen erscheint, ergibt sich als erste grundlegende Forderung jene nach einer öffentlich zugänglichen, vollständi­gen bzw. transparenten Datenbank mit dem Fokus auf Sichtbarkeit und Sichtbar­machung von Frauen, z.B. in Form adäquater Filteroptionen, Verlinkungen zu den Künstler*innen-Profilen auf der Webseite der Salzburger Festspiele und Kontextu­alisierungen in Form von bereitgestellten Artikeln, Rezensionen etc. zu Produkti­onen und Beteiligten.

    Die Bereitstellung von Quellen und Datenmaterial kann auch eine zukünftige Aus­einandersetzung mit der „Timeline“ der Salzburger Festspiele erleichtern. Fragen nach Zusammenhängen zwischen den in der Datensichtung beobachteten Trends und den Phasen der Festspiele können somit quellenbasiert analysiert und beant­wortet werden.

    Die Datensichtung hat außerdem gezeigt, dass etwa der Bereich Choreographie von Anfang an vorherrschend mit Frauen besetzt war und nach wie vor ist. Gleichzeitig lässt sich für die Bereiche Regie und Dirigat ein eher schwerfälliger Trend in Richtung einer weiblichen Besetzung beobachten – von einem gleichberechtigten Standard kann nicht die Rede sein. Auch in dem 2020 erschienenen Memorandum zum 100-jäh­rigen Jubiläum der Festspiele treten die konkreten Maßnahmen zur Sichtbarmachung und Gleichberechtigung von Frauen bei den Salzburger Festspielen als Leerstelle auf. Das heißt im Rückschluss nicht unbedingt, dass es keine Maßnahmen gibt, eine proaktivere Herangehensweise und transparente Kommunikation wären jedoch wünschenswert. Dementsprechend lässt sich ein weiterführendes Forschungsinte­resse formulieren, welches das (historische) Entstehen von „Frauen-“ und „Män­nerdomänen“ in Bezug auf die Salzburger Festspiele kritisch reflektiert, etwaige Ungleichheitsstrukturen aufarbeitet und in weiterer Folge proaktiv dekonstruiert. In diesem Kontext sind die Salzburger Festspiele konkret gefordert, ein explizites Gegensteuern der „klassischen“ Rollenverteilung, eventuell durch entsprechende Projekte, Schwerpunkte oder auch den Einsatz von Entscheidungsträger*innen oder Personen in leitenden Funktionen zur Fokussierung auf Gleichberechtigungs­agenden zu ermöglichen und schließlich auch zu realisieren.

    In Bezug auf die Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bleiben letztlich auch einige Fragen unbeantwortet, welche für zukünftige For­schungsvorhaben als interessant und relevant erscheinen. So drängt sich vor allem die Frage auf, ob (und falls ja, warum) Frauen in künstlerisch leitenden Funktio­nen vor allem in Produktionen in „Randveranstaltungen“ zu finden sind. Konkret wären das beispielsweise das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ oder Produk­tionen an kleineren Spielstätten im Gegensatz zu den großen, für die Selbstdar­stellung der Festspiele zentralen Bühnen: Wo werden die Produktionen, an denen Frauen beteiligt sind, hauptsächlich gezeigt? Auch eine Auseinandersetzung mit den Pfingstfestspielen, welche seit 2012 von einer Frau, CECILIA BARTOLI, geleitet wer­den, erscheint interessant.

    Es bleiben also viele Themen unbehandelt und zahlreiche Fragen offen, mit denen es sich in Zukunft zu beschäftigen gilt. Die Forschung rund um die Frauen bei den Salzburger Festspielen hat damit viel zu tun. So auch die Festspiele selbst.

    Ein Blick auf das Festspiel-Programm für den Sommer 2024 zeigt, ohne konkrete und verbindliche Zielsetzungen und Maßnahmen geht es nicht. Regisseurinnen, Choreographinnen und Dirigentinnen kommen in unterschiedlichen (wenn auch wenigen) Produktionen vor, eine radikale Veränderung bleibt aus. Das Memoran­dum 2020 schließt mit den Worten ab: „Die Salzburger Festspiele müssen nicht im­mer neu geträumt oder erfunden werden. Sie müssen aber immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden, und diese neue Gegenwart kann nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit heraus entstehen.“13 Fast zynisch liest sich dieser Abschluss angesichts der dargestellten grundlegenden Leerstellen in der (histori­schen) Aufarbeitung und der offensichtlichen Ungleichheitsstrukturen, die nicht den Ansprüchen des Jahres 2024 entsprechen. Abschließend kann gesagt werden: Es geht keineswegs darum „immer neu zu träumen“, sondern darum, endlich zu handeln.


    Anmerkungen

    1. Archiv der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/kalender (26.3.2024). ↩︎
    2. Zu beachten ist, dass hier nach jetzigem Erhebungsstand der Begriff „Produktionen“ nicht zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen unterscheidet. Erfasst wurden lediglich die unterscheidbaren Programmpunkte pro Jahr, weshalb etwa die Produktion des Jedermann in den Jahren 1920 und 1921 mit der Choreographie von Hede Nilson-Schaffgotsch als zwei Produktionen gewertet werden, obwohl es sich wohl um eine Wiederaufnahme handelt. Die individuellen Aufführungen in einem Festspieljahr, etwa sechs Aufführungen des Jedermann im Jahr 1920, werden als eine Produktion angegeben. In weiteren inhaltlichen Untersuchungen wäre es also sinnvoll, die einzelnen Produktionen genauer zu untersuchen und festzuhalten, was sich aus der Unterscheidung zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen ergibt. ↩︎
    3. Zu gendern ist hier hinfällig, da es sich um eine bisher ausschließlich von Männern ausgeübte künstlerische Leitungsposition handelt. ↩︎
    4. Bayrischer Rundfunk: Salzburger Festspiele. Intendanten von Karajan bis heute. https://www.br-klassik.de/themen/salzburger-festspiele/intendanten-salzburger-festspiele-100.html (26.3.2024), datiert mit 20.7.2017. ↩︎
    5. N. N.: Herbert von Karajan Young Conductors Awards. https://www.salzburgerfestspiele.at/yca#preistrgerinnen (26.3.2024). ↩︎
    6. Amort, Andrea: Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele. Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Im vorliegenden Band, S. 110-120, S. 110. ↩︎
    7. Vgl.: Ebd., S. 115-116. ↩︎
    8. Ebd., S. 115. ↩︎
    9. Ebd., S. 116. ↩︎
    10. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎
    11. Ebd. ↩︎
    12. N. N.: Into The Hairy. https://www.salzburgerfestspiele.at/p/into-the-hairy-2023 (27.3.2024). ↩︎
    13. MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎

    IRIS SCHMIDINGER

    Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur. Weiterbildungen und ehrenamtliche Tätigkeiten im Bereich Kinder- und Jugendliteratur sowie Kulturmanagement im Bereich Chormusik. 2016-18 Mitarbeiterin bei den Wiener Festwochen. Seit 2021 Leiterin des Veranstaltungsbereichs des Österreichischen Buchklubs der Jugend sowie redaktionelle Mitarbeit.

    ANNA SCHWEIGER

    2019-23 Bachelorstudium Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch mit Spezialisierungen in den Fachbereichen Linguistik und Deutsch als Fremdsprache bzw. Zweitsprache mit Fokus auf Critical digital Discourse Analysis bzw. Kritische Diskursanalyse medialer Berichterstattung. Seit 2023 Master Austrian Studies und Master Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch an der Universität Wien.