100 FEMALE VOICES

Die audiovisuelle Installation 100 FEMALE VOICES von Martina Stock war vom 21.8. bis 12.9.2021 in der Salzburger Kollegienkirche ausgestellt. Das Kunstpro­jekt fand eigenständig, ohne Kooperation mit den Salzburger Festspielen, statt. Im Folgenden sind drei Beiträge abgedruckt, die zur Installation entstanden.

100 FEMALE VOICES zeigt eine Auswahl von 100 Künst­lerinnen, die durch ihre Persönlichkeit und ihr Wirken die Salzburger Festspiele auf und hinter der Bühne in ihrer 100-jährigen Geschichte entscheidend mitgeprägt haben. Das Kunstprojekt übernimmt die dokumentarische Aufga­be, die künstlerischen Leistungen dieser großartigen Künst­lerinnen anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Salzbur­ger Festspiele in das Licht unserer Wahrnehmung zu führen.

Die begehbare audiovisuelle Installation ist ein Zusammen­spiel aus 100 freistehenden Serigrafien auf Leinwand und Harfe. Die künstlerische Umsetzung der 100 Portraits erfolgt mittels Serigrafie, Ac­ryl auf Leinwand. Die auf Edelstahlrahmen befestigten Kunstwerke sind im Kir­chenraum freistehend angeordnet. Auf diese Weise wird das einzelne Werk mit seinem Porträt zum künstlerischen „Standbild“. Es überträgt die Wirkung direkt auf die Betrachter*innen, die dem jeweiligen Kunstwerk in Augenhöhe gegenüber­stehen. Die Anordnung ist in ihrer Gesamtheit als Kunstwerk an diesem besonde­ren Ort zu sehen.

Ebenso wie das Musikstück, das in Form einer Toninstallation zu hören ist. Getra­gen durch die Musik, durchschreiten die Besucher*innen die Ausstellung, die Kom­position unterstreicht die Wirkung der Motive und eröffnet den Betrachter*innen eine weitere Wahrnehmungsebene. Die Besucher*innen werden Teil einer beson­deren Klang- und Bildwelt.

MARTINA STOCK


Die Künstlerinnen bei 100 FEMALE VOICES

GESANG Laura Aikin | Grace Bumbry | Lisa della Casa (1919–2012) | Maria Cebotari (1910–1949) | Ileana Cotrubaș | Marianne Crebassa | Di­ana Damrau | Annette Dasch | Mojca Erdmann | Birgitte Fassbaender | Elīna Garanča | Edita Gruberová | Sumi Jo | Christiane Karg | Vesse­lina Kasarova | Angelika Kirchschlager | Lotte Lehmann (1888–1976) | Marjana Lipovšek | Federica Lombardi | Christa Ludwig (1928–2021) | Elisabeth von Magnus | Edda Moser | Anna Netrebko | Jessye Norman (1945–2019) | Anna Prohaska | Dorothea Röschmann | Irmgard Seefried (1919–1988) | Christine Schäfer | Elisabeth Schwarzkopf (1915–2006) | Krassimira Stoyanova | Anna Tomowa-Sintow | Sonya Yoncheva INST­RUMENTAL Martha Argerich | Sol Gabetta | Veronika Hagen | Patricia Kopatchinskaja | Sabine Meyer | Anne-Sophie Mutter MUSIKALISCHE LEITUNG Laurence Equilbey | Elisabeth Fuchs | Mirga Gražinytė-Tyla | Julia Jones | Joana Mallwitz | Anne Manson | Erina Yashima KOMPOSI­TION Sofia Gubaidulina | Gustav (Eva Jantschitsch) | Olga Neuwirth | Kaija Saariaho | Galina Ustwolskaja (1919–2006) SCHAUSPIEL VERENA ALTENBERGER| Marie Bäumer | Bibiana Beglau | Senta Berger | Edith Clever | Veronica Ferres | Ulrike Folkerts | Brigitte Hobmeier | Marianne Hoppe (1909–2002) | Gertraud Jesserer | Isabel Karajan | Sophie von Kessel | Jutta Lampe (1937–2020) | Ursina Lardi | Birgit Minichmayr | Elisabeth Orth | Christine Ostermayer | Elfriede Ott (1925–2019) | Caroline Peters | Liselotte Pulver | Stefanie Reinsperger | Dolores Schmidinger | Maria Schell (1926–2005) | Barbara Sukowa | Julia Stemberger | Johanna Terwin (1884–1962) | Elisabeth Trissenaar | Johanna Wokalek TANZ Tilly Losch (1903–1975) | Grete Wiesenthal (1885–1970) REGIE ANDREA BRETH | Friede­rike Heller | Bettina Hering | MARIA GUTHEIL-SCHODER(1874–1935) | Shirin Neshat | Helene Thimig (1889–1974) | Margarete Wallmann (1901–1992) KOSTÜM UND BÜHNENBILD Moidele Bickel (1937–2016) | Eva Dess­ecker | Marianne Glittenberg | Magda Gstrein |XENIA HAUSNER| REBECCA HORN | Ita Maximowna (1901–1988) | Dorothea Nicolai NEUE MEDIEN Anna Henckel-Donnersmarck | Melanie Wilson LITERATUR Ingeborg Bachmann (1926–1973) | Elfriede Jelinek THEATERFOTOGRAFIE Ruth Walz.


Das audiovisuelle Projekt 100 FEMALE VOICES von Mar­tina Stock in der Kollegienkirche präsentiert in Ton und Bild eine weibliche Kulturgeschichte. Stock zeigt eine künstle­rische Genealogie von Frauen der letzten 100 Jahre Salzburger Festspiele, die in Oper, Schauspiel, Tanz, Bühnenbild, Regie, Komposition, Literatur, etc. wirkten. Das interdisziplinäre Projekt dient der Gleichstellung der Geschlechter. Es konst­ruiert mittels Porträts von herausragenden Künstlerinnen in Siebdruck-Unikaten und einer musikalischen Interpretation eine Historie, die so nicht existierte. Stock, deren Hauptmedien die akustische Harfe, die mit elektronischen Elementen, Beats und Soundflächen ver­feinert wird, sowie der einzigartige Siebdruck auf Leinwand sind, erzählt Geschichte anhand von ausgewählten Persönlichkeiten aufgelöst in einzelne Schlaglichter eines bestimmten Auftritts, einer bestimmten Rolle und einer bestimmten Präsentation.

Die Zahl 100 hat symbolischen Charakter, es geht sowohl um jede einzelne der aus­gewählten Persönlichkeiten, als auch um die Gesamtheit des weiblichen Kunstschaf­fens, das österreichisches Kulturerbe ist und dennoch das Nationalitätenprinzip überschreitet. Die Besucher*innen werden auf einer multimedialen Ebene durch die Ausstellung geleitet, die sich in verschiedenen Layers und Loops, Saitenklän­gen und dem malerischen Schichtwerk in Rastern, Flächen und Punkten entfaltet. Martina Stock, die mit Rakel und Sieb malt, schafft ein reiches Beziehungsgefüge, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszilliert, Raum und Zeit multisenso­risch zusammenführt. Die Rücken an Rücken positionierten Werke, die im barocken Hauptschiff eine raumgreifende Installation bilden, verbinden das fotografische Ab­bild mit der abstrakten Fiktion und vermitteln eine starke Allianz von Frauen.

Das als Gesamtkunstwerk angelegte Ausstellungsprojekt will keine weibliche Äs­thetik definieren, sondern entwirft ein vielfältiges Narrativ mit zahlreichen Brüchen und Spannungen, das mittels Porträts Zeit und Zeiten abbildet, reflektiert und revi­diert. Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen, heißt auch Fragen zu stellen: Wie etwa verhält sich eine geschlechtsspezifische Chronologie zu der kulturell vorherrschenden Dominante, die von männlichen Protagonisten geprägt war? Soll sich eine Geschichte, die das weibliche Kunstschaffen in den Blick nimmt, über die Abweichung von einem etablierten Narrativ definieren? Welche nachhaltige Wirkung haben sowohl emanzipatorische Bewegungen als auch Strategien der Selbstbehaup­tung in der Kunst von Frauen? Was kann man aus der Geschichte lernen? Müssen wir sie rückblickend korrigieren und verändern? 100 FEMALE VOICES von Martina Stock ist an erster Stelle eine Hommage an das weibliche Kunstschaffen und taucht Künstlerinnen im barocken Zentralbau – die Kollegienkirche war 1922 erste Spielstätte der Salzburger Festspiele, ist Schutzort der Künste und Frauenkirche – in ein goldenes Licht, das sich in vielen Reflexen zu einer Zeiten überdauernden Apotheose erhebt.

ANGELA STIEF


Einhundert Portraits bedeutender Künstlerinnen aus ein­hundert Jahren Festspielgeschichte werden von Martina Stock in der Salzburger Kollegienkirche lebensgroß präsen­tiert.

Warum in einer Kirche, möchte frau/man fragen? Handelt es sich um einen Gottesdienst? Vielleicht, denn wenn frau/man durch die paarweise scheinbar zufällig im Raum posi­tionierten Bilder geht, wird Energie spürbar wie vor Beginn einer Vorstellung oder einer Wallfahrt. Hundert Frauen aus hundert Jahren versammelt in Salzburgs Frauenkirche im Hier und Jetzt – mitten unter ihnen Maria, dargestellt im Hochaltar, als ihre Pa­tronin.

Die Bilder Martina Stocks leuchten in den Farben des Regenbogens und die realen Fotos der Frauen treten zurück. Erfüllte, begeisterungsfähige Menschen leuchten von Innen, wie Heilige. Dieses Leuchten hat die Künstlerin für uns alle sichtbar gemacht. Die Kollegienkirche in ihrem glitzernden, göttlichen Weiß spendet die dafür unerlässliche Leinwand.

Die Kollegienkirche ist Salzburgs Kunstkirche. Fischer von Erlach schuf mit seiner Architektur einen der bedeutendsten Sakralbauten des Barock. Mit der Urauffüh­rung des Salzburger Großen Welttheaters von Hugo von Hofmannsthal war sie erster Aufführungsort der Festspiele für das Schauspiel. Heute pflegt die Universitäts­pfarre den regen Austausch mit vielfach jungen Künstler*innen. Ein gelungenes Beispiel ist der Dialog mit Martina Stock.

Die Prozession der Frauen aus 100 Jahren fügt sich ein in das Konzept dieser Kir­che, in der der Architekt das „Himmlische Jerusalem“ darstellen wollte. Dort spie­len nicht Geschlecht oder Herkunft eine Rolle, sondern es zählt allein die Leiden­schaft von Menschen, die nach Wahrhaftigkeit streben.

CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING


© Atelier Stock

MARTINA STOCK

Studium der Geografie sowie Studien am Mozarteum Salzburg mit einem Erasmusaufenthalt in Krakau und an der Universität der Künste Berlin. Harfenistin und bildende Künstlerin im Bereich der Serigrafie. Tätigkeiten als Dozentin. Internationale und nationale Konzerte als Solo-Harfenistin mit selbst komponiertem Repertoire sowie Ausstellungen ihrer Werke. 2021 Konzeption und Umsetzung der audiovisuellen Installation 100 FEMALE VOICES in der Kollegienkirche in Salzburg. 2024 Veröffentlichung ihrer CD TinaMarti electroacoustic Harp.

© Sandro Zanzinger

ANGELA STIEF

Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kulturpublizistin. 2002-13 Kuratorin an der Kunsthalle Wien. 2020 Gastprofessur für Kuratorische Praxis an der Universität Linz. Seit 2020 Chefkuratorin für die Kunst der Gegenwart in der Albertina. Zahlreiche Beiträge über Gegenwartskunst in Monografien, Katalogen und Magazinen. Kuratierte Ausstellungen wie z.B. POWER UP – Female Pop Art (2010), The 80s. Die Kunst der 80er Jahre (2021), Ways of Freedom. Jackson Pollock bis Maria Lassnig (2022), Katharina Grosse. Warum Drei Töne Kein Dreieck Bilden (2024), The Beauty of Diversity (2024).

CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING

Studium der Theologie in Salzburg. Leiter der Kollegienkirche in Salzburg, sowie Leiter der dortigen Hochschulseelsorge und Verwaltungsdirektor. 2003-13 Verantwortlicher für die Renovierung des Innenraums sowie der Fassade der Kollegienkirche. Leiter von Führungen durch die Kollegienkirche sowie Befürworter und Unterstützer von künstlerischen Ausstellungen im Kirchengebäude, darunter 100 FEMALE VOICES (2021) und Innere Landschaft (2024).