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  • Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    PIA JANKE: Wie bewertest du die Gründungsphase der Salzburger Festspiele, wel­chen Stellenwert hatten Frauen in dieser Phase, waren die Festspiele ein patriar­chales Projekt?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich sehe die Gründung der Salzburger Festspiele nicht als patriarchales Projekt. Es ist der Zeit geschuldet, dass Männer damals die Akteure waren. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Salzburger Festspiele gegründet wurden, um Frauen zu unterdrücken oder aus dem Alltag herauszuhalten. Es gab damals zwei Flanken: Die „Mozartianer“, die sich Mozart widmen wollten, und die Gruppe um Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, denen es um die Bühne und das Schauspiel ging. Zur Zeit der Gründung der Salzburger Fest­spiele waren auch Frauen im Salzburger Kulturleben aktiv – eine als solche Pro­tagonistin, dass ohne sie die Salzburger Festspiele gar nicht entstanden wären – Lilli Lehmann.

    PIA JANKE: Hat man Lilli Lehmann letztlich nicht ausgebootet, weil sie eine andere Art von Festspielen wollte?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Endeffekt sind die Salzburger Festspiele im Streit mit Lilli Lehmann entstanden, weil sich Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch – zwei eingefleischte „Mozartianer“ und zentrale Figuren in der Gründungspha­se – mit ihr zerstritten haben. Gehmacher und Damisch wollten die Salzburger Festspiele gemeinsam mit dem Mozarteum aufziehen, Lilli Lehmann war gegen diese Zusammenarbeit. Mehrere Briefe belegen die entsprechenden Überlegun­gen und Auseinandersetzungen.

    PIA JANKE: Könnte man also sagen, dass Lilli Lehmann eine Art „Katalysatorin“ gewesen ist, indem die Festspiele im Streit mit ihr entstanden sind?

    HEDWIG KAINBERGER: Zum Schluss war sie zwar die Antipodin, zu Beginn hat sie aber viel dazu beigetragen, dass es überhaupt zur Festspielgründung kommen konnte. Als sie nach Salz­burg kam, war sie als Sängerin en­gagiert, später hat sie auch andere Aufgaben übernommen und die Mo­zartfeste mitgestaltet. Sie hat wich­tige Sänger nach Salzburg gebracht und 1906 Don Giovanni inszeniert. Sie war quasi Intendantin und Managerin und die erste Opernregisseurin in Salzburg. Hinzu kommt, dass sie offen­sichtlich Geld vom Kaiser organisiert hat, damit die Wiener Philharmoniker 1906 nach Salzburg kommen konnten, um anschließend das erste Mal in Salzburg eine Oper zu spielen. Durch den Bau des Mozarteums, der durch die von Lehmann organisierten Benefizkonzerte finanziert wurde, hat sie Salzburg als Mozart- und Festspiel-Stadt gefestigt und eine überregionale, internationale Reputation auf­gebaut. Sie war diejenige, die den Kauf von Mozarts Geburtshaus initiiert hat. Das wichtigste Projekt, das von ihr ausging, war die Gründung und der Bau des Mozarteums für Konzertsäle und als Ausbildungsstätte. Sie hat die musika­lische Sommerakademie begründet, die es auch heute noch gibt, und damit den Grundstein für die musikalische Ausbildung bis hin zur Universität Mozarteum gelegt. Das hat sie als Frau umgesetzt, was außergewöhnlich war. Zum Schluss kam es zum Konflikt mit Damisch und Gehmacher, der dazu führte, dass die beiden die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gründeten. Als Reinhardt den ersten „Jedermann“ vorbereitet hat, stellte er fest, dass dieser Verein bereits so gut etabliert war, dass er die Trägerschaft übernehmen konnte.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Festspielhaus-Gemeinde genauer ansieht, erkennt man, dass es dort deutschnationale Verbindungen gegeben hat. Aus heutiger Perspektive könnte man sie als Männerbund bezeichnen, bei denen Frauen auf der Strecke geblieben sind wie Lilli Lehmann. Auf den Fotos der damaligen Zeit sind ausschließlich Männer zu sehen. Die Frauen, die im Umfeld dieser Grün­dung zu verorten sind – z.B. Berta Zuckerkandl, Gusti Adler, Margarete Wall­mann und Helene Thimig – waren Frauen der zweiten Reihe, Sekretärinnen, Mit­arbeiterinnen, also Personen, die den Männern zugearbeitet haben.

    HEDWIG KAINBERGER: Die Festspielhaus-Gemeinde war ein großer Verein, der Fundraising betrieben hat. Ich weiß nicht, ob auch Frauen dabei waren. Ich habe aber nie herausgelesen, dass der Verein frauenfeindlich gewesen wäre. Die Rol­lenverteilung hat der Zeit entsprochen und ist eine, die die Gesellschaft bis in die 1970er Jahre geprägt hat. Auch das Deutschnationale hat zu dieser Zeit gehört. In Salzburg hat es damals drei große politische Parteien gegeben, darunter die sogenannten „Großdeutschen“, die die Vorläufer der heutigen Liberalen waren. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg haben sie nicht geglaubt, dass Österreich als Land allein bestehen kann. Dieser Gedanke ist nicht dasselbe wie das, was man heute als „nationalsozialistisch“ bezeichnet. Aus diesem Milieu sind Leute hervorgegangen, die später mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben, aber meiner Meinung nach ist es falsch, das eine mit dem anderen gleichzuset­zen. Es war ein liberales Milieu. Es war nicht klerikal, christlich-sozial und auch nicht sozialistisch, sozialdemokratisch oder kommunistisch, sondern das „Dritte Lager“. In diesem Dunstkreis gab es auch Antisemitismus und dezidierte antise­mitische Formulierungen und Klischees. Auch Damisch und Gehmacher haben sich gegenüber Reinhardt antisemitisch geäußert. Aber dieses Gedankengut war nicht der Motor für die Festspielgründung.

    PIA JANKE: In den Schriften von Hofmannsthal zur Gründung der Festspiele geht es um eine Rekonstruktion von Vergangenem und um eine Mythisierung des ländlichen Lebens, der Bauern und der Handwerker. Darüber hinaus gibt es eine dezidierte Bezugnahme auf Salzburg als Gegenstück zu Wien bzw. zur Groß­stadt grundsätzlich.

    HEDWIG KAINBERGER: Der Gegensatz Großstadt – Land spielt sicher mit. In Hof­mannsthals Schriften finden sich einige Dinge, bei denen man sich wundert. Er war disparat und vielfältig in seiner Argumentation. Trotzdem hatte er mit dem ländlichen Raum nichts zu tun, sondern war der Inbegriff eines Städters. Betrachtet man Hofmannsthals Texte heute und versucht, auf die Jahre zurück­zublicken, die seither vergangen sind, erkennt man, dass es sich dabei nicht um Programmatiken gehandelt hat, weil die darin formulierten Gedanken die Salz­burger Festspiele nicht allzu lange geprägt haben.

    PIA JANKE: Trotzdem berufen sich die Festspiele auch heute noch auf diese Schriften.

    HEDWIG KAINBERGER: Es sind eben die Gründungsschriften. Ich denke nicht, dass daraus alles andere gewachsen ist. Nach der ersten Gründung, die von den Mo­zartianern sowie Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss geprägt war und folglich auch von dem Antagonismus Wien – Salzburg, gab es noch viele weitere Zwi­schengründungen. Die nächste große Gründungszeit fand in den 1930er Jahren mit Bruno Walter und Arturo Toscanini statt – und zwar sowohl was das Politi­sche als auch was das Programmatische und Inhaltliche betrifft. Auch die großen Opern gab es zu Beginn in dieser Art noch nicht. Auch die Salzburger Festspiele der 1950er und 1960er Jahre kann man nicht mit den 1920er Jahren vergleichen, und auch in den Zeiten von Herbert von Karajan und Gerard Mortier lassen sich Zwischengründungen erkennen.

    PIA JANKE: Kommen wir zurück zu den Frauen in der zweiten Reihe.

    HEDWIG KAINBERGER: Meiner Meinung nach ist Berta Zuckerkandl, die im Umfeld von Max Reinhardt zu verorten ist, keine Frau der zweiten Reihe, sie hat Propa­ganda für die Salzburger Festspiele gemacht.

    PIA JANKE: Gibt es dazu Dokumente?

    HEDWIG KAINBERGER: Berta Zuckerkandl hat nichts selbst geschaffen, sondern das, was gemacht wurde, promotet. Im Operativen war sie nicht tätig. Gusti Adler und Helene Thimig waren mit ihren künstlerischen Impulsen in der operativen Arbeit wichtiger. Ohne diese beiden wäre Max Reinhardt nie das geworden, was er war. Auch Margarete Wallmann war wichtig für die Bühne. Es freut mich, dass Margarethe Lasinger – ebenfalls eine große Frau der zweiten Reihe – Wall­mann zum Forschungsthema machen will. Wallmann hat das Tanztheater nach Salzburg gebracht. Bruno Walter hat sie als junge Frau im Jahr 1931 nach Salz­burg geholt und mit ihr Orfeo ed Euridice herausgebracht. Das war eines der ers­ten Tanztheater in Europa und das erste bei den Salzburger Festspielen. Wall­mann war für die Choreographie einiger Stücke verantwortlich, auch für die bei Reinhardts Faust-Inszenierung 1933.

    PIA JANKE: Mir scheint, dass von den genannten Frauen ausschließlich in Bezug auf Max Reinhardt gesprochen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: Das war eben so, er war der große Motor. Trotzdem hat Mar­garete Wallmann die essenzielle Dimension des Tanzes eingebracht.

    PIA JANKE: Uns interessiert auch die Position von Helene Thimig, die die Jeder­mann-Inszenierung ihres im Exil verstorbenen Mannes, Max Reinhardt, bis in die 1960er Jahre fortgesetzt hat: eine Frau, die selbst Regisseurin ist, tradiert in ihrer Arbeit das künstlerische Erbe ihres Mannes. Meiner Meinung nach zeigt dieser Fall exemplarisch, dass Frauen hier auf „große“ Männer bezogen waren und die Funktion einer Mitarbeiterin, Sekretärin oder Förderin hatten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das ist das Problem der Frau im 20. Jahrhundert. Auch groß­artige Frauen haben aus dieser Rolle nicht ausbrechen können. Und wenn sie doch ausgebrochen sind, hat ihr Leben oft in Einsamkeit geendet. Wenige haben es wirklich geschafft wie Margarete Wallmann, die eigenständige Regisseurin geworden ist. Das setzt sich bis heute fort: ANDREA BRETH war lange ein Solitär in der Schauspiel- und Opern-Regie.

    PIA JANKE: Im Zuge unserer Recherchen haben wir Statistiken angefertigt, die bele­gen, dass Ursel Herrmann die erste Frau war, die hier, allerdings mit Karl-Ernst Herrmann – also wieder zusammen mit einem Mann – als Opernregisseurin ge­arbeitet hat. Anschließend kam Deborah Warner im Bereich des Schauspiels.

    HEDWIG KAINBERGER: Im Betrieb der Salzburger Festspiele – sowohl im Bereich der Oper als auch im Schauspiel – setzt sich die Diskriminierung von Frauen auch anhand von Verdienstmöglichkeiten bis heute fort.

    PIA JANKE: Frauen bekommen ab den 1970er und 1980er Jahren eine größere Bedeu­tung in der Gesellschaft und im Kulturbetrieb. Bei den Salzburger Festspielen scheint das nicht der Fall gewesen zu sein.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Diese Feststellung kann mit Blick auf den ge­samten Klassikbereich getroffen werden.

    PIA JANKE: Das Schauspiel ist in dieser Hinsicht beweglicher.

    HEDWIG KAINBERGER: Je größer und je renommierter die Spielstätte, desto weniger Frauen.

    PIA JANKE: Seit wann ist die Zahl der Frauen, die bei den Salzburger Festspielen tä­tig sind, angewachsen? Hast du den Eindruck, dass sich etwas weiter entwickelt? Muss sich noch etwas weiter entwickeln?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Bereich des Schauspiels hat die Entwicklung mit Bettina Hering 2017 begonnen. Wenn ich mir das Programm für das Jahr 2024 ansehe, ist diese Entwicklung aber schon wieder vorbei. Außer, dass es eine Schauspiel-Chefin gibt, habe ich im Schauspielprogramm von 2024 keine maßgebliche Frau in Leading-Teams gesehen. Bettina Hering hat dezidiert auf die Inklusion von Frauen geachtet, indem sie Regisseurinnen und Referentinnen nach Salzburg ge­holt hat. In der Oper, beim Dirigieren und in der Regie lassen sich mittlerweile zarte Anfänge erkennen.

    PIA JANKE: Im Verhältnis zu anderen Kunstinstitutionen setzt diese Entwicklung sehr spät ein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, es ist sehr spät.

    PIA JANKE: Hast du den Eindruck, dass versucht wird, ein bestimmtes Bewusstsein auszustrahlen, z.B. mittels Statements, dass es den Festspielen ein Anliegen ist, Frauen präsent zu machen?

    HEDWIG KAINBERGER: Nein, überhaupt nicht. Es wäre an der Zeit, dass die Benach­teiligung aufhört. Das ist erst dann der Fall, wenn eine Quote von 50 zu 50 fest­stellbar ist oder zumindest nicht von 100 zu Null oder 90 zu 10. Es muss deutlich werden, dass Frauen das Gleiche können wie Männer. In der Opern-Regie ist heuer nach ANDREA BRETH und Lydia Steier mit der Französin Mariame Clément für Hoffmanns Erzählungen die dritte Frau bei den Salzburger Festspielen tätig. Darüber hinaus gibt es auch wieder eine Dirigentin in der Oper. In der Geschich­te der Salzburger Festspiele gibt es zwar einige Dirigentinnen, allerdings sind das zumeist Einspringerinnen. Die erste reguläre Operndirigentin, die ein Werk erarbeitet hat, war Joana Mallwitz im Jahr 2020. Auch im Konzert hat es verein­zelt Dirigentinnen gegeben.

    PIA JANKE: Betrachtet man die Struktur der Festspiele, zeigt sich, dass es bisher ausschließlich Intendanten gab.

    HEDWIG KAINBERGER: In der Intendanz von Herbert von Karajan lassen sich einige Frauen in der zweiten Reihe finden, die niemand nennt. Eine davon ist die Kos­tümbildnerin Magda Gstrein. Sie war Kostümchefin, eine große Künstlerin und hatte ein fabelhaftes Wissen und Können. Außerdem fallen mir seine Bürochefin­nen ein, Beate Burchardt und Lore Salzburger. Genauso wie Gusti Adler hatten sie ein enormes Wissen, und ihre Aufgabe war viel mehr als das Verschicken von Briefen.

    PIA JANKE: Wir haben auch festgestellt, dass bei Karajan der Frauenanteil bei den Künstlerinnen wieder zurückging. Ist nicht die Zeit von Karajan eine, die bislang in keiner Weise angetastet wird? Für mich ist diese Zeit wie ein unaufgearbeite­ter Schatten. Wie siehst du diese Zeit?

    HEDWIG KAINBERGER: Die Karajan-Zeit war eine lichte, große Zeit. Karajan hat in Salzburg viel ermöglicht. Es wird immer gesagt, Karajan hätte nur die große Oper wie Boris Godunow gemacht, und ich kann sogar dem etwas abgewinnen, weil wir in der Oper – wie in jedem Popkonzert – Seherlebnisse und Sehinno­vationen brauchen. Karajan hat mehr Uraufführungen zugelassen als alle nach ihm. Darüber hinaus hat er Otto Sertl als Musikchef nach Salzburg geholt. Die Karajan-Zeit ist meiner Meinung nach also kein Schatten. Auch wenn er zu dem Bild beigetragen hat, dass die Salzburger Festspiele ausschließlich ein Festival für die Reichen und Schönen sind.

    PIA JANKE: Ich nehme die Karajan-Ära auch als Zeit eines Diktators wahr. Er war eine Einzelperson, die alles bestimmt hat und auf der der gesamte Fokus lag. Die Art, wie Karajan inszeniert wurde, ist aus heutiger Perspektive kaum noch erträglich. Er wurde als Genie und Gott-ähnliche Figur gezeigt, während die Frau­en, die viel zu seinem Erfolg beigetragen haben, kaum präsent sind.

    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrauensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen
    Zeit der Musik.
     
    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein bestimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Arbeit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist verschwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich entwickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: Jeanne Hersch: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Roland (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)

    HEDWIG KAINBERGER: Bei Karajan waren durchaus auch streitbare Frauen präsent, z.B. Sängerinnen wie Christa Ludwig oder Agnes Baltsa in Carmen, mit der es auch einen großen Konflikt gegeben hat. Jessye Norman hat zwar szenisch nicht zu Erneuerungen beigetragen, aber große Liederabende gegeben und ein fabel­haftes Wagner-Konzert mit Karajan gemacht. Karajan verkörpert meiner Mei­nung nach auch das Männer-Genie-Bild. Ihm hat die High Society gefallen, er hatte aber auch eine andere Seite. Er war unermesslich zielstrebig und fleißig, stets an Neuem und an Innovation interessiert – sei es für Bühnentechnik oder Tonträger, er hat junge, talentierte Künstler gefördert und begeistert.

    PIA JANKE: Das traditionelle Salzburger Festspiele-Bild, das sich in dieser Zeit ent­wickelte, hat sich zum Teil bis heute erhalten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das traditionelle Bild von großer Garderobe und Reichtum gab es in der Wiener Staatsoper genauso wie in der Mailänder Scala und in der Bayrischen Staatsoper.

    PIA JANKE: Die Repräsentation, die großen Garderoben, das Sich-Selbst-Bespiegeln sowie der Gott, der alle Fäden zieht, der alles bestimmt und hinter dem die Plat­tenfirmen stehen – das waren Strukturen, die bei den Salzburger Festspielen bis in die späten 1980er Jahre prägend waren. Ich glaube, dass sich in anderen Kunstinstitutionen damals bereits viel mehr geändert hat. Es ging hier vor allem um eine Selbstbestätigung, um Affirmation – auch szenisch.

    HEDWIG KAINBERGER: Karajan hat sicher nicht das Frauenbild geändert. Feminis­tisch betrachtet war diese Zeit keine große Innovationsperiode. Das Thema hat ihn nicht interessiert, warum hätte es ihn auch interessieren sollen?

    PIA JANKE: Weil der Feminismus und die Gleichberechtigung der Frau seit den 1970er Jahren wichtige gesellschaftliche Themen waren.

    HEDWIG KAINBERGER: Er war nicht nur der Despot. Abgesehen von seinem autoritä­ren Gehabe ist er für mich auch ein Künstler, der deswegen eine starke Autorität hatte, weil er viel wusste und konnte. Er hat anderen Künstlern etwas beige­bracht und großartig dirigiert. Karajan hat bei dem, was er wollte, sagenhaft viel erreicht.

    PIA JANKE: Seine Intention war keine Infragestellung, sondern Perfektion, es ging letztlich um Selbstbestätigung.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Trotzdem hat es auf seine Art seine Berechti­gung.

    PIA JANKE: Welche Frauenbilder wurden damals auf der Bühne transportiert, wo wurde etwas in Frage gestellt und etwas Neues etabliert?

    HEDWIG KAINBERGER: Diese Aspekte wird man bei Karajan nicht finden. Seine Zeit war trotzdem kein Schatten. Gerard Mortier hat zwar einmal das Jahr der Frau ausgerufen, aber das kann man für jede Oper und jedes Schauspiel ausrufen.

    PIA JANKE: Immerhin waren eine Dichterin und eine Komponistin zu Gast: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth. Zur Zeit von Gerard Mortier haben auch verstärkt Frauen inszeniert.

    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit einem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrnehmung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der europäischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)
     
    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden haben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoffnung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neuerliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.« Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch anzweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte dieser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Ländern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: Barbara Frischmuth: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)

    HEDWIG KAINBERGER: Peter Stein hat Deborah Warner geholt, obwohl er Antife­minist war. Ja, es haben damals erstmals Frauen inszeniert, und es gab einen Frauen-Schwerpunkt. Es gab zum ersten Mal eine Komponistin. Mehr als diese Frauen sind aber auch in der Zeit von Gerard Mortier nicht zu finden: Elfriede Jelinek, Deborah Warner – im Streit mit Stein geschieden – und Olga Neuwirth.

    PIA JANKE: Es gab im Jahr 2000 auch die einzige Uraufführung von einer Frau im Opernbereich in der gesamten Festspielgeschichte, und zwar L’amour de loin von Kaija Saariaho. So etwas hat es weder vor seiner Zeit noch danach gegeben.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt, aber für zehn Jahre ist das nicht sehr viel. Wenn man sich ansieht, wie viele Komponistinnen, Dirigentinnen, Autorinnen etc. ver­treten waren, kommt man nicht einmal auf 1 % Frauenanteil.

    PIA JANKE: Wir haben die „Dichter*innen zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen gezählt: In ca. 15 Jahren waren das lediglich zwei Frauen – Elfriede Jelinek und Christa Wolf.

    HEDWIG KAINBERGER: Es ist besser als nichts, als Frau hat man sich aber auch in der Intendanz von Gerard Mortier nicht vertreten gefühlt.

    PIA JANKE: Welche Frauen hat es abseits von Bettina Hering und Marina Davydova in Leitungspositionen gegeben?

    HEDWIG KAINBERGER: Es gab noch Helga Rabl-Stadler.

    PIA JANKE: Wie siehst du den kulturpolitischen Kontext der Bestellung von Helga Rabl-Stadler als ÖVP-Mitglied?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich glaube nicht, dass Rabl-Stadler Präsidentin geworden ist, weil sie eine Frau war, sondern wegen ihrer ÖVP-Mitgliedschaft und weil sie Management-Qualitäten hatte. Summa summarum hat sie ihren Job exzellent gemacht und sich bewährt.

    PIA JANKE: Wie ist es bei der neuen Präsidentin Kristina Hammer?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie hat für das Amt der Präsidentin große Qualifikationen; meinem Eindruck zufolge war das Frauen-Kriterium für ihre Auswahl mitentscheidend. Wenn Kristina Hammer nicht fähig wäre, das zu machen, was sie machen soll, hätte sie den Job als Präsidentin der Salzburger Festspiele nicht be­kommen. Trotzdem hat ihr Geschlecht durchaus eine Rolle gespielt.

    PIA JANKE: Seit den 1960er Jahren gibt es Rednerinnen und Redner im Rahmen des Festakts zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Hier gab es bislang nur drei Frauen als Eröffnungsrednerinnen. Wie siehst du das, auch im kulturpolitischen Kontext?

    HEDWIG KAINBERGER: Das finde ich lächerlich. Wenn es Konsens ist, dass eine Frau nicht dümmer als ein Mann ist, sind das viel zu wenig Frauen – vor allem in den letzten 20 Jahren. Es ist eigentlich auch Konsens, dass Frauen angemessene berufliche Erfahrungen sowie inhaltliche, wissenschaftliche und kulturelle Kom­petenz haben. In der Liste der Festredner spiegelt sich das nicht. Wobei es sich auch nicht spiegelt, dass es etwas anderes als deutschsprachige und europäische Männer gibt. Ich weiß nicht, warum nicht schon längst eine Afrikanerin, eine Türkin oder eine Frau aus dem Iran die Festrede gehalten hat. Nicht einmal für eine Nordamerikanerin hat es gereicht. Der geographische Radius ist sehr klein dafür, dass es angeblich ein großes, internationales Festival ist.

    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Programm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:
     
    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfordern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.
     
    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.
     
    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.
     
    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.
     
    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.
     
    Schließlich:
    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann gegen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.
     
    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:
     
    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,
    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.
    Der Traurige wird freudig sein,
    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

     
    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet. In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?
     
    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008)

    PIA JANKE: Wer trifft diese Entscheidungen?

    HEDWIG KAINBERGER: Früher lag es in der Kompetenz des Landeshauptmanns. Seit dem Desaster mit Jean Ziegler ist es in die Kompetenz des Direktoriums übertragen worden. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das Direktorium mit der Landesregierung abspricht. Es wird erzählt, dass Wilfried Haslauer senior jedes Jahr unter anderem in der Professorenschaft der Salzburger Universität nach Vorschlägen für Festredner gefragt hat; dieser informelle Wettbewerb quer durch viele Fachrichtungen hat offenbar gefruchtet.

    PIA JANKE: Offensichtlich fehlt es hier an Bewusstsein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, ich nehme das genauso als ein Manko wahr. Die Anzahl der Opern-Dirigentinnen und -Regisseurinnen ist vergleichbar mit der Anzahl der Festspielrednerinnen. Abgesehen von den Besetzungen der Rollen im Kunst­bereich und im Management steht bei den Salzburger Festspielen alles noch am Anfang.

    PIA JANKE: Hast du das Gefühl, dass es Visionen oder Aufbrüche gibt?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie kommen aus der zweiten Reihe. Von Margarethe Lasin­ger kommen etwa Aufbrüche wie z.B. ein Symposium 2019, bei dem Margarete Wallmann zum ersten Mal stärker thematisiert wurde. Das ist aber der einzige Aufbruch, der mir bekannt ist. Aber vielleicht ist in den inneren Gewinden des Festspielhauses schon etwas im Gange, von dem ich nichts weiß. Ein bisschen etwas ist offensichtlich im Gange, denn es ist kein Zufall, dass heuer zum zwei­ten Mal eine Frau eine Oper dirigiert und dass eine Frau Hofmanns Erzählungen inszeniert. Typisch ist aber auch, dass jenes Genre, wo Frauen für Regie und Dirigat geholt werden, die Kinderoper ist.

    PIA JANKE: Auch wir haben festgestellt, dass Frauen in diesem Bereich präsenter sind.

    HEDWIG KAINBERGER: Als Sonja Ablinger vor zehn Jahren Kultursprecherin der SPÖ war, hat sie das Thema aufgegriffen. Sie hat eine Analyse zu Frauen bei den Bun­destheatern gemacht und die Ergebnisse wie folgt zusammengefasst: „Zwischen Frauen mit Taktstock und Nadeln im Heuhaufen besteht eine enge Verbindung.“ Am Burgtheater wurde in vier Saisonen kein einziges Stück einer Autorin insze­niert. Prägnant war damals auch die Frauenbilanz für die Wiener Staatsoper: 100 % Männerquote in allen Jahren in den Kategorien Regie, Autor*in, Dirigent*in.

    PIA JANKE: Liegt es an den großen etablierten Institutionen?

    HEDWIG KAINBERGER: Selbstverständlich. Im Burgtheater gab es zwar einige Regis­seurinnen, sie durften aber alle nur auf den kleinsten Nebenbühnen, vielleicht noch im Akademietheater, nicht aber auf der großen Bühne inszenieren. Je größer das Renommee und je mehr man verdient, desto eher ist es ein Mann und desto weniger Chance hat eine Frau. Vielleicht liegt das daran, dass Frauen nicht so kämpferisch sind und das Inszenieren und Dirigieren freie und hochriskante Arbeitsformen sind. Wenn man zwei Mal eine Inszenierung in den Sand setzt, ist man weg. Das ist ein brutales Geschäft und etwas anderes als eine Angestellten­tätigkeit. Man exponiert sich, muss immer etwas Neues erfinden, sich bemühen und Ideen ausprobieren. Das ist psychischer und physischer Stress. Wenn man das ein Mal schafft, muss man schauen, dass man seine Pfründe erhält. Man hat keine Sicherheiten und braucht immer wieder Engagements.

    PIA JANKE: Das heißt, es liegt auch am Betrieb und an dessen Strukturen?

    HEDWIG KAINBERGER: Je weiter hinauf es geht, desto größer wird der Druck. In der Oper ist er stärker als im Schauspiel. Wenn man im freien Geschäft ist, ist Regie und Dirigat ein Kampf mit dem Tiger. Wer drinnen ist, lässt keinen anderen hin­ein. Es laufen Intrigen, jeder verteidigt seine Spitzenposition und geht schlimms­tenfalls quasi über Leichen, damit er sie behält, weil es dabei um Existenzen geht. Eine Frau bleibt lieber in der zweiten Reihe und kann trotzdem inhaltlich in die­sem Metier arbeiten. Sie hat zwar weniger Geld, aber das macht nichts, weil sie keine Yacht braucht. Sie ist hier auch schöpferisch an Kunst beteiligt.

    PIA JANKE: Salzburg war immer ein Ort für Diven und Stars. ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN wurden bei den Festspielen dazu gemacht. Wurde hier in den letzten Jahren versucht, traditionelle Frauenbilder aufzulösen? Der Begriff des Genderfluiden ist mittlerweile auch in Salzburg angekommen – Stichwort Jeder­mann. Ist das nur eine Modeerscheinung oder tatsächlich ein neuer Anspruch der Festspiele?

    HEDWIG KAINBERGER: Der Jedermann ist eine Ausnahmesituation, weil er ein mir kaum begreifliches Medieninteresse auslöst. Der Jedermann ist wichtig und mei­ner Meinung nach ein gutes Stück. Ich muss es mir aber nicht 47 Jahre lang jedes Jahr anschauen. Es scheint jedenfalls einen Nerv zu treffen, was auch der Grund dafür ist, warum es sich bewährt. Trotzdem ist mir dieser Medienhype, der sich vom Inhalt losgelöst hat, nicht begreiflich – und noch weniger der Buhlschafts­hype.

    PIA JANKE: Wird auf diese Weise nicht auch ein Frauenbild weitertradiert, das längst überholt ist?

    HEDWIG KAINBERGER: Es hat einmal eine Ausstellung gegeben, Die Kleider der Buhl­schaft, die sehr schön war. Die Salzburger Festspiele haben gute Kostümbildner. Es ist beeindruckend, wie man an den Materialen und den Stilen die jeweilige Zeit herauslesen kann. Aber die Präsentation des Buhlschaftskleids am Tag der Premiere empfinde ich als deplatziert. Die Leute wollen aber diese Pressekonfe­renz – man reagiert damit also auf einen Wunsch des Publikums.

    PIA JANKE: Margarethe Lasinger hat uns erzählt, dass die Leute bei den Festspielen die Pressekonferenz als einen Klotz am Bein empfinden und sie nur veranstaltet wird, weil von den Medien und dem Publikum danach verlangt wird. Die Salzburger Festspiele spielen also mit und transportieren dadurch ein Frauenbild, das nicht mehr zeitgemäß ist. Spannend ist auch, dass man den Jedermann vor 30 Jahren abschaffen wollte und er heutzutage als das Identitätsstück der Festspiele angesehen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: In den 1970er Jahren fürchtete das damalige Direktorium der Salzburger Festspiele, sie müssen den Jedermann absetzen, weil man die Karten nicht hat verkaufen können. Die Buhlschaft stellt auf gewisse Weise ein überhol­tes Frauenbild dar. Es kann trotzdem auf heutige Frauen passen, Brigitte Hob­meier hat die Rolle z.B. ganz anders gespielt.

    PIA JANKE: Birgit Minichmayr hat die Rolle ironisch gespielt.

    HEDWIG KAINBERGER: Auch Stefanie Reinsperger hat ein wunderschönes Ende ge­spielt. Als Tobias Moretti als Jedermann zu ihr gesagt hat, sie müsse nun mit ihm gehen, hat sie ihm auf eine sehr liebende Art geantwortet: Ich würde ja, aber ich kann nicht. Es geht nicht, du musst das jetzt allein tun.

    PIA JANKE: Bemerkenswert ist, dass es diese Szene bei Hofmannsthal gar nicht gibt.

    HEDWIG KAINBERGER: Aber man kann das Stück so inszenieren, als ob es sie gäbe. Das war eine Geste, durch die beide auf gleicher Augenhöhe waren. Das finde ich an dem Stück gut: Es hat eine Elastizität, und es sind unterschiedliche Inter­pretationen möglich.

    PIA JANKE: Es sind in den letzten Jahren einige Bücher über die Salzburger Festspie­le erschienen, die alle von Männern verfasst wurden. Was wäre deiner Meinung nach von der Geschichtsschreibung in unserem Kontext zu tun?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Sinne der Geschichtsschreibung müssten Salzburger Fest­spiele stattfinden, bei denen Frauen als Gestalterinnen und Schöpferinnen in maßgeblichen Positionen vorkommen, damit man in Zukunft etwas von Frauen erzählen kann, die hier etwas geschaffen und geschöpft haben. Das ist das Wich­tige: dass man eine Geschichte erzählen kann, in der Frauen vorkommen.


    HEDWIG KAINBERGER

    Studium der Betriebswirtschaftslehre, des Kulturellen Managements (Postgraduate-Lehrgang), der Finanzwissenschaft und der Kunstökonomie. Publikationen zur Finanzgeschichte der Salzburger Festspiele, darunter Ohne Geld kein Festspiel (2005). 1985-91 Tätigkeiten für die Salzburger Festspiele im Pressebüro sowie im Künstlerischen Betriebsbüro bzw. in der Dramaturgie. Seit 1989 Journalistin bei den Salzburger Nachrichten, 1997-2002 EU-Korrespondentin in Brüssel. Seit 2003 Leiterin des Kulturressorts der Salzburger Nachrichten.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Revision als Chance

    Revision als Chance

    Gender-Schwerpunkte im Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele

    PIA JANKE: Welche Wertigkeit haben Gender-Aspekte heute bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Da die Frage sehr allgemein gestellt ist, muss ich etwas ausholen, um das zu differenzieren. Die Struktur der Salzburger Festspiele ist relativ komplex: Der Salzburger Festspielfonds, der Rechtsträger der Salzburger Festspiele, setzt sich aus drei Gremien zusammen, aus der Delegiertenversammlung, dem Kuratorium und dem Direktorium. Das Direktorium, bestehend aus Präsident*in, Intendant*in und kaufmännischer Direktion, ist für die Programmierung, Budgetaufstellung und Durchführung der Salzburger Festspiele verantwortlich. Das Kuratorium ist als Aufsichtsorgan für die Genehmigung des Budgets, des Rechnungsabschlusses und des künstlerischen Programms zuständig sowie für die personelle Besetzung des Direktoriums. Die Delegiertenversammlung wiederum nimmt die vom Kuratorium genehmigten Beschlüsse entgegen.

    Mit anderen Worten: Die künstlerische Hoheit liegt beim Direktorium respektive seinen Bereichsleiter*innen, wozu auch die Schauspieldirektion gehört. Sämtliche Entscheidungen bezüglich Postenbesetzung innerhalb der Salzburger Festspiele liegen ebenfalls beim Direktorium – teilweise bei den Bereichsleiter*innen und der Personalabteilung.

    Diese zwei Bereiche – künstlerische Setzungen und personelle Besetzungen innerhalb der festen Belegschaft – spiegeln unterschiedliche Bilder wider. Im Bereich des fest angestellten Personals der Salzburger Festspiele spielen GenderAspekte jedenfalls eine Rolle, das zeigt sich auch in Hinblick auf die personellen Besetzungen in Schlüsselrollen und in verschiedenen Maßnahmen, die diese Prozesse unterstützen. Bezüglich des künstlerischen Programms obliegen die Entscheidungen den jeweiligen künstlerischen Leiter*innen der Sparten und sind dementsprechend inhomogen, da das Interesse an und die Wertigkeit von Gender-Aspekten divergieren. Diesbezüglich gibt es keinen „common sense“. Daraus folgend war das Spektrum in den Jahren, in denen ich die Leitung des Schauspiels innehatte, sehr groß und breit gefächert.

    PIA JANKE: Sind die Salzburger Festspiele deiner Einschätzung nach ein Ort, an dem Fragen zu geschlechtsbasierter Ausgrenzung und Diskriminierung diskutiert werden?

    BETTINA HERING: Aus dem oben Erläuterten kann ich nur für mich sprechen. Selbstverständlich wurden im Schauspiel in den letzten sieben Jahren künstlerisch viele dieser Fragen behandelt und standen eindeutig im Fokus des Programms. Eine künstlerische Auseinandersetzung ist keine Diskussion, aber entfacht Diskussionen, was im Falle des Schauspiels immer wieder der Fall war. Stücke wie Rose Bernd von Gerhart Hauptmann, Lulu von Frank Wedekind, Penthesilea von Kleist, Gorkis Sommergäste, Maria Stuart von Friedrich Schiller, Ingolstadt von Marieluise Fleißer und viele andere, die in meinen Jahren auf dem Spielplan standen, haben sich intensiv mit den Thematiken der Frau in der jeweiligen Gesellschaft auseinandergesetzt und auf künstlerisch unterschiedliche, aber auch sehr direkte Art den Jetzt-Stand sozusagen abgefragt. Die heutigen Interpretationen von Iphigenia, des Schnitzler‘schen Reigen, die Dramatisierung des Romans von Mareike Fallwickel Die Wut, die bleibt, um nur einige zu nennen, haben in aktuellen Überschreibungen und Neuschöpfungen direkte Konflikte aus der Gegenwart angesprochen und verhandelt, ein großes Publikum gefunden und starke Kontroversen ausgelöst.

    Aber nicht nur die Wahl der Stücke ist entscheidend, um die Sinne für Diskriminierung und Ausgrenzung zu schärfen und zur Verhandlung zu stellen, sondern selbstverständlich auch die Besetzungen und Umsetzungen der jeweiligen Stücke sowie die begleitenden Formate – in meinem Fall die Lesungen, SchauspielRecherchen, Filmschienen. Alles zusammen ergibt ein Bild.

    Wenn die Soziologin Eva Illouz über die neue Liebesordnung spricht, Martha Nussbaum über die Demokratie, Elisabeth Orth eine literarische Rede über das Jahrhundert hält, Lina Beckmann Richard The Kid & The King spielt, Manifeste aus Kultur und Kunst gelesen und diskutiert werden, Madame Bovary in einer Lesung auf die Bühne findet, das Kapital „Geschlecht“ diskutiert wird, Carolin Emcke in mehreren Vorträgen präzise das Programm analysiert, wenn mit Nicole Seifert über abgewertete Literatur von Frauen gesprochen wird und Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht von dreizehn großartigen Schauspielerinnen gelesen wird, um nur einige Programmpunkte zu nennen, wird ein Panorama entworfen, das sich mit verschiedensten künstlerischen Mitteln mitten im Diskurs befindet. Gleichzeitig ist es aber – und das ist ein äußerst wichtiger Aspekt – künstlerisch ganz eigenständig und aussagekräftig. Die vielen Regisseurinnen, die in den letzten sieben Jahren mit ihren künstlerischen Teams bei den Salzburger Festspielen inszeniert haben, brachten sehr viele neue Aspekte und Perspektiven zu den Festspielen, die in der Art und Ballung noch nicht zu sehen waren.

    PIA JANKE: War das schon immer so? Wann hat es hier, deiner Meinung nach, Änderungen gegeben?

    BETTINA HERING: Ich war die erste Frau, die die Sparte Schauspiel geleitet hat. Selbstverständlich hat dies – in meinem Fall ist dies so, und so sollte es auch in jedem Fall sein – einen großen Effekt auf die Programmierung mit ihren Inhalten und Umsetzungen. Es gab bei meinen Vorgängern in unterschiedlicher Ausführung große innovative Ansätze, die verschiedene Topoi ins Zentrum und damit zur Diskussion stellten. Der Shift hin zu einem Schauspiel, das in Hinblick auf die strukturelle Lage der Geschlechter und insbesondere der Frauen mit einem hohen Bewusstsein und entsprechenden Taten agiert hat – und zwar bezüglich aller Aspekte, von den inhaltlichen sowie zu den Besetzungen der künstlerischen Teams und der Rollenbesetzungen –, war in diesem Ausmaß vor meinem Antritt noch nicht vorhanden.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Gründung der Salzburger Festspiele in Hinblick auf Gender? War diese Gründung ein männlich-patriarchales und dezidiert konservatives, stark katholisch geprägtes Konstrukt?

    BETTINA HERING: Der Gründung der Salzburger Festspiele liegt keine lineare Entwicklung zugrunde, wie allgemein bekannt ist. Die Stadt Salzburg hat eine reiche Tradition in Hinblick auf musikalische und szenische Darbietungen und dies schon vom Mittelalter ausgehend. Der fürsterzbischöfliche Hof, der Dom und die Universität als grundlegende Trias hat dieses künstlerische Klima auf mannigfaltige Art gespeist und gefördert. Mit der Geburt Mozarts und seinem Wirken im internationalen Bereich wie auch in Österreich wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dem Genie Mozart wurde nach seinem Ableben in unterschiedlichen Formen gehuldigt. Die Salzburger Mozartfeste, eine der Initiativen, die acht Mal bis 1910 stattfanden und von der Sopranistin Lilli Lehmann initiiert wurden, waren ein früher Vorläufer der Salzburger Festspiele. In den nachfolgenden Gründungsgremien waren keine Frauen integriert, und entsprechend gab es keine Frau, die sich an der Umsetzung der ersten Festspiele 1920 beteiligte. Die Journalistin und Kritikerin Berta Zuckerkandl, die gerne auch Salonnière genannt wurde, weil in ihrem Salon die wissenschaftliche und künstlerische Elite verkehrte, war zwar beratend für den ihr vertrauten Max Reinhardt tätig, erhielt aber keinerlei offizielle Funktion. So fügte sich das Gründungskomitee nahtlos in das männlich dominierte Bild dieser Zeit.

    Formal ja, aber inhaltlich würde ich die Gründung nicht als dezidiert konservativ bezeichnen, da mit Max Reinhardt ein Theatermann an vorderster Front agierte, der zu dem Zeitpunkt zwar nicht mehr, wie vor allem in den ersten Jahren als Intendant am Deutschen Theater in Berlin, junge kontroverse Autor*innen und Künstler*innen ganz aktiv förderte, aber immer noch in diesen Zusammenhängen lebte. Als Jude wurde er zudem von vornherein antisemitisch angefeindet – und zwar mit drastischen Folgen. Z.B. wurde ihm der Vorsitz der Salzburger Festspiele verwehrt, sodass er in dieser Gesellschaft, trotz der Anerkennung seiner künstlerischen Erfolge, ein quasi etablierter Outcast war und blieb. Hugo von Hofmannsthal wurde als assimilierter Katholik wiederum in der Bevölkerung nicht entsprechend wahrgenommen, und so galten die Salzburger Festspiele von Anfang ihrer Gründung an auch als jüdische Festspiele, die, so die damalige Politik zur Legitimation, einen starken und klaren Ausgleich in ihrer Organisation brauchten. In diesem komplexen Sinne waren die Festspiele zwar katholisch geprägt, aber mit einem Erzbischof, der religiöser Protektor der Festspiele und ihrer jüdischen künstlerischen Leitung wurde.

    PIA JANKE: In welchen Phasen der Festspiel-Geschichte hat es aus deiner Sicht eine Infragestellung dieses Gründungsmythos gegeben?

    BETTINA HERING: Schon in den ersten Jahren gab es mit musikalischen Uraufführungen und zeitgenössischem Tanz auch eine Form von Avantgarde bei den Salzburger Festspielen. Mit der Inszenierung von Goethes Faust in der Felsenreitschule und der Simultanbühne von Clemens Holzmeister schuf Reinhardt ein spektakuläres Setting, das den Ruf der Salzburger Festspiele als Ort, wo vieles möglich gemacht wird, untermauerte.

    Mit Gerard Mortier zog, meiner Meinung nach, nach den Jahren mit Herbert von Karajan als Intendant und des sich weiter Etablierens, Vergrößerns, nach Jahren der Internationalisierung, des Baus des Großen Festspielhauses als eine dieser Manifestationen, eine neue Perspektive ein. Mortier war kein Österreicher, was deswegen erwähnenswert ist, weil er zugleich geschichtsbewusst und trotzdem freier war in seiner Sicht auf dieses Land und eine seiner größten Kulturinstitutionen. Die Inhalte wurden provokanter und der Zugang zugleich offener, das Publikum wurde jünger – insgesamt ein Wendepunkt in der spezifischen Geschichte der Salzburger Festspiele und somit auch des Gründungsmythos, der seine Dominanz verlor.

    Karajan war durch seinen politischen Hintergrund gebrandmarkt. Dieses Momentum fiel nun ab und weitete den Blick, der wiederum andere Künstler*innen nach Salzburg brachte und das Profil – schwankend zwischen Tradition und Avantgarde – weiterhin schärfte.

    PIA JANKE: Warum bezieht sich das Direktorium der Salzburger Festspiele immer noch auf diesen Gründungsmythos, um die Festspiele aktuell zu legitimieren?

    BETTINA HERING: Der Gründungsmythos zeigt auf, wie stark die Kunst in Zeiten der Katastrophen und Unruhen sein kann, wie unersetzlich Kunst und Kultur ist und dass sie auch in Zeiten von finanziellen Krisen beibehalten werden muss. Darüber hinaus ist er ein Beispiel für visionäres, großes Denken, für geistige Verpflichtungen, die man eingehen kann, muss und die es zu kommunizieren gilt. Die Gründungsidee ist ebenfalls bestechend, weil sie europäisches Denken und eine entsprechende Vernetzung in den Mittelpunkt rückt, auch wenn diese seit vielen Jahren weiter expandiert ist. Mit anderen Worten: In Zeiten der Krisen und Katastrophen, die wir erleben, von der weltweiten Bedrohung der Demokratie bis zu Kriegen in Europa und Nahost, vom Coronavirus und von ökonomischen Katastrophen, von riesigen sozialen Unruhen und Verwerfungen, von massiven gesellschaftlichen Veränderungen, liegt eine Rückbesinnung auf die Grundtugenden respektive auf die Kraft von Kunst und Kultur auf der Hand.

    PIA JANKE: Muss die grundsätzliche Programmatik der Salzburger Festspiele, deiner Meinung nach, einer Revision unterzogen werden? Was ist bei den Salzburger Festspielen strukturell, also organisatorisch-hierarchisch in Hinblick auf Gender zu ändern?

    BETTINA HERING: Nach 100 Jahren ist es auf jeden Fall nötig, alles einer Revision zu unterziehen, und das, wie man so schön sagt, auch als Chance zu sehen. Auch den Gründungsmythos gilt es fortzuschreiben, was mit dem Memorandum 2020 in Angriff genommen wurde. Gerade in den letzten Jahren wurden mit Symposien viele wissenschaftliche Projekte bezüglich der Historie und der Praxis der Salzburger Festspiele angestoßen und vollbracht.

    Sicher wäre es wichtig, intern ausführlich über grundlegende Themen zur Programmatik zu diskutieren und dies dann mit Experten aus verschiedenen Gebieten weiter zu vertiefen. Das bedarf viel Zeit, die man im jährlichen Arbeitsrhythmus der Festspiele kaum hat. Deshalb können solche Projekte nur stattfinden, wenn ein ganz starker Motor diese antreibt und sie für unabdingbar hält. Dies war bis jetzt nicht der Fall. Auch strukturell gäbe es Klärungsbedarf, der nicht nur, wie in jedem Betrieb, sozusagen einer jährlichen Revision unterzogen wird, gerade in Hinblick auf Genderfragen.

    PIA JANKE: Wie siehst du deine Zeit als Leiterin des Schauspiels im Kontext eines neuen/anderen Gender-Bewusstseins?

    BETTINA HERING: In den sieben Jahren meiner Leitung des Schauspiels haben – ganz faktisch – so viele Frauen inszeniert, wie noch nie in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Ja, insgesamt haben so viele Frauen wie noch nie Projekte, Produktionen umgesetzt, Texte verfasst und Gespräche geführt, Vorträge und Lesungen abgehalten und waren künstlerisch und strukturell hinter der Bühne genauso zahlreich wie auf der Bühne. Das ist die gute Nachricht.

    Die Diskussionen, die vor allem über die Besetzungen der Buhlschaften geführt wurden, haben auf fast erschütternde Weise gezeigt, was für ein weiter Weg noch zu gehen ist. Mit Sicherheit haben die großartigen Schauspielerinnen Stefanie Reinsperger, Valery Tscheplanowa, Caroline Peters, VERENA ALTENBERGER und Valerie Pachner, die zum ersten Mal in der Jedermann-Historie den Tod und die Buhlschaft übernahm, dem konventionellen Frauenbild, das eine Jedermann-Inszenierung abzufordern scheint, gegen alle Widerstände viele neue Facetten erobert. Das ist auch eine gute Nachricht, der aber, wie erwähnt, ein Befund zugrunde liegt, den ich in seinem strammen Backlash so nicht erwartet hätte: Viele Frauen und auch Männer haben mich in den Jahren sehr dezidiert auf mein Programm angesprochen. Viele, weil sie sich thematisch wiedergefunden haben und auch davon gesprochen haben, dass sie froh sind, dass gesellschaftspolitische Themen in ihrer jeweiligen ganz eigenen künstlerischen Form selbstverständlich Platz im Theater haben, andere, die „trotz der manchmal feministischen Thesen“ auch etwas damit anfangen konnten – oder eben nicht. So wie meine Generation eine Art – hoffentlich! – Übergangsmodell darstellt, so konträr waren auch die Reaktionen. Da die Salzburger Festspiele eine wunderbar große Plattform bieten, muss diese Plattform auch kreativ genutzt werden.

    PIA JANKE: Welche Schwerpunkte und Initiativen waren für dich dabei besonders gelungen und warum?

    BETTINA HERING: Angetreten sind wir mit der Idee einer Festspieldramaturgie, das heißt, dass sich die Sparten über den jeweiligen Festspielsommer hinweg nicht mit einem Slogan, sondern mit einer gemeinsam verabredeten Thematik beschäftigen, sodass eine Gesamterzählung stattfinden kann. Diese – das kenne ich gut aus anderen Zusammenhängen – ergibt einen sogenannten „Spirit“, auch wenn die einzelnen Zuschauer*innen nicht alles davon wahrnehmen können. Aufgrund dieser Voraussetzung und weil die Oper einen weitaus größeren Planungsvorlauf hat als das Schauspiel, fungierte die Opernsparte als diejenige, die die inhaltlichen Setzungen in Hinblick auf das jährliche Thema früher vornahm.

    Das wiederum bedeutete für meine Programmierung, dass ich mich mit Freude – weil ich es viel interessanter finde, mich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die miteinander in Korrespondenz treten können – daran orientierte und es so zu einer jährlichen Schwerpunktsetzung kam. Im Umkehrschluss muss festgehalten werden, dass gewisse andere Themen wenig Widerhall finden konnten. Die Beschäftigung mit der Geschichte und deren zum Teil vergessenen Akteur*innen der Salzburger Festspiele wie zum Beispiel Ernst Lothar, war ein fixer Bestandteil meiner Überlegungen, und es gab – gemeinsam mit dem Publikum – viel zu entdecken.

    Die Erfindung der Schauspiel-Recherchen, die als offenes Gefäß das Programm begleiteten, fand ich äußerst gelungen und bereichernd. Die Schauspiel-Recherchen haben vom ersten Tag an ihr Publikum gefunden und erlaubten es uns, mit dem Publikum noch näher und in vielseitigen Kontakt zu kommen. Die Schauspiel-Recherchen haben meiner Meinung nach den Festspielgedanken sehr gut aufgenommen – nämlich, dass Kunst und Wissenschaft spannend zusammenfinden können und dass die Festspiele umso mehr zum Welttheater werden können, je mehr Wissen und Können an diesem Ort in diesen kurzen Sommerwochen zusammenkommen.

    Die Wiederbelebung des Genres Lesung war äußerst erfolgreich. Sie brachte – abgesehen von der Dramatik – Weltliteratur auf die Bühne und stemmte sich der schnellen digitalen Welt entgegen. Denn gerade für die Marathonlesungen musste man Zeit und Geduld mitbringen. Sie gaben einem im Gegenzug die einmalige Chance, Bücher, die alle kennen aber niemand gelesen hat, von fantastischen Kolleg*innen vorgelesen, erläutert und dargestellt zu bekommen.

    Die Filmschiene, die Olaf Möller jährlich in unterschiedlichem Ausmaß kuratierte, zeigte Filmkunst aus allen Zeiten auf höchstem Niveau, die man nirgendwo anders sehen konnte. Das ausführliche Filmprogramm über das Ensemble von Max Reinhardt, dessen Protagonist*innen auch den deutschen und österreichischen Film prägten, sowie das Programm über die Thimig-Dynastie, das wir für das Jubiläumsjahr 2020 entworfen hatten, aber erst 2021 zeigen konnten, war eine große Aufarbeitung dieses Teils der Filmgeschichte und ging in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria eine wichtige Partnerschaft ein.

    PIA JANKE: Wo hat es Probleme gegeben? Wo siehst du Defizite, die weiterwirken?

    BETTINA HERING: Probleme gab es sicher immer wieder in der Abstimmung. Wenn man konsequenter über die Sparten hinweg und enger miteinander arbeiten würde, könnte man einzigartige spartenübergreifende Projekte realisieren. Wo, wenn nicht da?

    Die Defizite entstehen an diesem Ort leicht, weil sie strukturell schon auf der Hand liegen. Dass Konzert- und Schauspieldirektion nicht Teile des Direktoriums sind – zwar künstlerisch autonom, aber trotzdem vom Direktorium abhängig, und zwar auch budgetär –, ist ein Widerspruch in sich selbst, mit dem schon meine Vorgänger zu kämpfen hatten. Die Problematiken, die dieser Struktur entwachsen, wirken weiter. Darüber hinaus sind es immer die Individuen, die einen gemeinsamen Klang ausmachen: C‘est le son qui fait la musique.

    PIA JANKE: Welche Stellung schreibst du Hofmannsthals Jedermann bei den Salzburger Festspielen zu? Welche Funktion hat das Stück?

    BETTINA HERING: Der Jedermann von Hofmannsthal auf dem Domplatz in Salzburg ist ein Zufall der Theatergeschichte. 1911 fand die Premiere im Berliner Circus Schumann statt und war kein großer Erfolg. Nach jahrelanger Vorbereitung, intensiven Überlegungen und Planungen von Hugo von Hofmannsthal, den dieser Stoff des mittelalterlichen Everyman schon lange beschäftigte und in Max Reinhardt einen Interessenten fand, landete die Moralität in der Hofmannsthal‘schen Fassung und einer neu kreierten Sprache, die ein Kunstkonstrukt in Anlehnung an die mittelalterliche Sprache war, nicht im Herzen der Berliner. Für Reinhardt, der sich in seinem ganzen künstlerischen Leben gewissen Stoffen immer wieder widmete – man denke nur an den Shakespeare‘schen Sommernachtstraum –, war die Geschichte des Jedermann damit noch nicht fertig geschrieben. Für die Erstausgabe der Salzburger Festspiele war allerdings eine Uraufführung vorgesehen. Hugo von Hofmannsthal sollte Das Salzburger Große Welttheater rechtzeitig fertigstellen, was ihm nicht gelungen ist. So wurde ganz schnell – und das zeigt den wahren Theatermann Reinhardt – eine Wiederaufnahme des Jedermann aus dem Hut gezaubert. Im Prinzip kein guter Einstieg für die lange geplante Gründung der Salzburger Festspiele, denn wer möchte schon mit einer nicht originären Inszenierung bei so einem Unternehmen antreten? Max Reinhardt machte das Beste daraus mit der alles entscheidenden Neuerung: dem Schauplatz vor dem Salzburger Dom. Wie so viele Stimmen sagten und sagen, fand der Jedermann erst damit seine künstlerische Heimat.

    Der Zeitpunkt war genauso mitentscheidend: Die Salzburger Festspiele wurden nach der devastierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen – wie einer grassierenden Hungersnot in Salzburg – als identitätsstiftende Initiative mit dem Wunsch nach völkerverbindenden kulturellen Erlebnissen gegründet, mit der Vision einer neuen europäischen Verbundenheit als Friedensprojekts, sowohl für Österreich wie für Europa, eingedenk eines neuen Kosmopolitismus. Auf Basis all dessen, verbunden mit den handfesten budgetären Problematiken der ersten Jahre, hatte der Jedermann an diesem Ort einen von vornherein speziellen Platz in der Theatergeschichte. Dieser hat sich durch viele Komponenten weiter zu einem einzigartigen Platz in der Theatergeschichte entwickelt: Zum einen anhand des Aspekts, dass ein Freiluftspiel auch für die darbende Bevölkerung konzipiert wurde, indem gewisse Vorstellungen den Salzburger*innen zur Verfügung gestellt wurden, dass die Stadt zur Bühne wurde, zum anderen aus künstlerischen Gründen, waren doch die Schauspiel-Besetzungen von Anfang an exquisit.

    Der Jedermann hatte in den 1920er Jahren mehrere Funktionen: Auf der politischen Ebene versuchte er der traumatisierten Bevölkerung Halt zu geben und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in eine andere Sphäre zu überführen, in der der Tod gegenwärtig ist, der Erlösungsgedanke aber dominiert. Bereits in diesen Jahren zog der Jedermann Sponsoren sowie ein internationaleres Publikum an. Dass der Jedermann einen so langen Lebensatem haben würde, davon konnte in diesen ersten Jahren niemand ausgehen, das war eine Entwicklung, die vom Interesse des Publikums wie von finanziellen Aspekten getragen wurde.

    Die künstlerische Ebene mit ihren wechselnden Besetzungen, später auch mit wechselnden Regiekonzepten, hat sich erst nach Jahren als Praxis niedergeschlagen und einen eigenen Schauspieler*innenkosmos eröffnet.

    Nachdem die Nationalsozialisten die Salzburger Festspiele übernommen hatten, setzte Joseph Goebbels im Jahre 1938 den Jedermann sofort ab. Im amerikanischen Exil verstarb Max Reinhardt, seine Witwe Helene Thimig, die in seinem Ensemble als Schauspielerin engagiert war und mit ihm die schwierigen Jahre im Exil in der Hoffnung auf eine zweite erfolgreiche künstlerische Karriere verbrachte, kehrte auf Bestreben von Ernst Lothar nach Salzburg zurück und spielte 1946, als der Jedermann wieder auf seine Spielstätte vor dem Salzburger Dom zurückkehrte, die Rolle des Glaubens.

    Diese Re-Installierung des Jedermann war ein hoch politischer Akt, der Versuch einer Form von Gutmachung – dieses Mal auf den Trümmern der unvergleichlichen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit seinen ungeheuren Opferzahlen eines mörderischen Regimes. Die Rolle des Glaubens mit der Witwe von Max Reinhardt zu besetzen und ihr für die nächsten Jahre die Regie des Jedermann anzuvertrauen, war als Vorgang so mit Bedeutung aufgeladen, dass es schon aufgrund dessen gar nicht möglich war und ist, den Jedermann abzusetzen. Er steht nicht nur als Stück, als Welt-Parabel jährlich auf dem Domplatz, sondern immer noch als politische Manifestation. In diesem Sinne vereint das Stück Vom Sterben des reichen Mannes mittlerweile viele Parameter: als beispielloses Phänomen im deutschsprachigen Theaterbereich, als spektakulär große Bühne für herausragende Schauspielkunst, als Parabel auf das Leben und Sterben des Mannes, des Menschen, als Manifestation der Vergangenheit, der Gegenwart.

    PIA JANKE: Wäre ein Jahr ohne Jedermann bei den Salzburger Festspielen für dich denkbar? Wäre dies vielleicht sogar nötig?

    BETTINA HERING: Aus den bereits genannten Gründen sind für mich die Salzburger Festspiele ohne ihr Gründungsstück weder nötig noch denkbar. Die Aufgabenstellung für die Beibehaltung ist eine wesentlich kompliziertere und insgesamt sehr herausfordernd. Sie muss ernst genommen werden, sonst verliert das Phänomen an Reibung. Gerade der Jedermann als riesige Projektionsfläche hat die Möglichkeit, die jeweilige Zeit auszuleuchten. Deswegen ist bzw. kann er auch ein Spiegelbild des aktuellen Theaters, seiner Akteure und Akteurinnen sowie des Zeitgeistes sein.

    PIA JANKE: Wie bewertest du das Frauenbild im Jedermann?

    BETTINA HERING: Die Dramaturgie des Jedermann entspricht quasi einem Stationentheater: Sie ist ganz auf den Protagonisten zugeschnitten, alle auftauchenden Figuren verkörpern eine Station und haben im großen Ganzen – mit wenigen Ausnahmen – eine Szene. Das ist der Überbau, in dem sich alle – damit auch die weiblichen Figuren wie die Buhlschaft, die Mutter und des Schuldknechts Weib – bewegen. Die allegorischen Figuren betrifft das ebenso. Glaube und Werke wurden traditionell weiblich besetzt; Mammon, Gott, Tod und Teufel männlich. Diese Kategorien der Besetzung haben sich schon lange aufgelöst – in den Jahren meiner Leitung noch viel markanter. Das heißt, dass Schauspielerinnen mittlerweile im Jedermann auch andere Positionen übernehmen als die ihnen traditionell zugesprochenen. Aber abgesehen von diesen weiblichen Besetzungen der Allegorien nehmen die Frauenporträts einen kleinen Platz ein – wie die meisten anderen Figuren auch.

    Des Schuldknechts Weib ist eine klassische Ausführung der Frau, die zwar nicht mitverantwortlich ist, aber durch das Tun des Mannes denselben Schaden erleidet wie der, der ihn verursacht hat. Die Mutter im Jedermann verantwortet eine zentrale Szene, durch die wir einiges über den Jedermann erfahren. Sie zeigt seine christliche Sozialisation auf, die er missachtet, ermahnt ihn an die Tradition, der er sich nicht verpflichtet fühlt. Die Buhlschaft wiederum verkörpert den Gegenpol zum Tod und zum Jedermann in seiner gesellschaftlichen Position. Sie ist die Unverheiratete, die Geliebte, die ihm aber emotional sehr nahe ist. Sie ist die Figur, die am meisten aufgeladen ist respektive dazu gemacht wurde. Woher das übergroße Interesse, das sich an der Buhlschaft entzündet und das nicht proportional zur Größe der Rolle steht, genau stammt, kann ich nur im Raum der Spekulation belassen. Ist es die Lust des Menschen an der Lust? Am Leben? Zumindest ursprünglich? Dass sich die Beschäftigung mit der Buhlschaft über die Jahrzehnte in einen fast schon eigenen Kult verwandelt hat, ist der Entwicklung des Parameters der „hall of fame“ zuzuschreiben – einer inneren Entwicklung, die mit dem Stück nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit der gewachsenen Schauspieler*innentradition, die vor allem ästhetisch dominiert.

    Das Frauenbild im Jedermann ist in dieser Verteilung von Mutter, Geliebter und Ehefrau keines, das wir heute so aufsetzen würden – genauso wenig, wie man ein heutiges personenreiches Stück so protagonistisch ausrichten würde. Die Figuren stammen in ihren Funktionen aus dem Mittelalter, und diese Funktionen gibt es immer noch. Die Abwertung gegenüber den Frauenfiguren, die prinzipiell auch von der aufgeklärten Öffentlichkeit, der Presse und den künstlerisch Verantwortlichen schnell aufgesetzt wird, entspricht, wenn man den ganzen Kontext betrachtet, nicht dem, was intendiert war. Wie bei so vielen Stücken können wir anhand der Frauenfiguren und der grundsätzlichen Struktur feststellen, wie weit der Abstand zum heutigen Theater und auch zur heutigen Gesellschaft geworden ist. Das ist im Grunde genommen ein froher Befund.

    In der Umsetzung wiegt diese historische Distanz allerdings ungeheuer schwer, weil wir eine Beziehung zeigen wollen, die sich nicht in dieses klischierte Bild pressen lässt, das sich hartnäckig bestimmend gibt. Gerade die zentrale Szene zwischen Buhlschaft und Jedermann ist nicht nur, aber auch deshalb eine besonders schwere. Sie ist zu kurz, um viel etablieren zu können, und zu lange für einen „smashigen“ Auftritt.

    PIA JANKE: Nach wie vor findet eine Pressekonferenz statt, bei der u.a. das Kleid der Buhlschaft präsentiert wird. Warum?

    BETTINA HERING: Auch das haben wir über die Jahre verändert. Wir haben nicht nur das Kleid der Buhlschaft präsentiert, sondern die Kostüme des Jedermann. Das heißt, wir haben die Kostüme der Öffentlichkeit vorgestellt, von der Buhlschaft bis zum Tod und darüber hinaus. Zum einen, weil wir damit das enorme Handwerk der Salzburger Festspiele zeigen, und zum anderen, weil wir dem Publikum dadurch klar machen können, was ein ästhetisches Konzept ist.

    PIA JANKE: Was entgegnest du denjenigen, die den Salzburger Festspielen vorwerfen, dass sie mit der jährlichen Inszenierung des Jedermann und allem, was dazu gehört (Besetzung, Pressekonferenz etc.), zur Bestätigung und Reproduktion eines antiquierten, sexistischen Frauenbildes beitragen?

    BETTINA HERING: Wie ich schon erörtert habe, finde ich das Frauenbild nicht per se sexistisch, weil es aus einer vollkommen anderen Sphäre kommt, es kann auf der Bühne aber ganz leicht so ausgelegt, so gelesen und auch so interpretiert werden. Es ist mittlerweile sehr komplex, es nicht als sexistisch erscheinen zu lassen. Das antiquierte Bild ist ein Bestandteil dieser Gesamtallegorie, das wird man ihm nicht austreiben können, muss man aber auch nicht. Wenn das moderne Spieler*innen spielen, wie in den letzten Jahren, dann bekommt es eine Frische, die erstaunlich sein kann.

    Als Leiterin des Schauspiels weiß ich, dass das Erbe Jedermann ein fixer und ungemein schwieriger Bestandteil der gesamten Aufgabe ist. Ich finde es richtig, eine neue Konzeption aufgrund des großen Interesses im Rahmen einer Pressekonferenz zu präsentieren. Denn lieber habe ich Zeit und Platz, um diesen Topos zu besprechen und den Akteur*innen ihren Raum zu geben, als dass ich das nicht habe.

    PIA JANKE: Was waren deine Beweggründe, ein Werk zum 100-Jahr-Jubiläum in Auftrag zu geben, das einen neuen Blick auf den Jedermann-Stoff werfen sollte?

    BETTINA HERING: Das war eine Kombination aus zwei Gründen: Schon lange Zeit beschäftigte ich mich mit dem Stück Das Mirakel von Karl Gustav Vollmoeller, das Max Reinhardt inszenierte. Das Mirakel ist ein sprachloses Stück mit religiösem Inhalt, der Musik von Engelbert Humperdinck und einem großen Tänzerensemble. Vor einem immensen Publikum wurde Das Mirakel 1925 auch in Salzburg aufgeführt, nachdem es bereits einen europäischen Triumphzug hinter sich hatte und noch bevor es den Broadway eroberte. Viele Salzburger*innen spielten als Statist*innen mit, und die Parole von Max Reinhardt, „die ganze Stadt ist Bühne“, hat sich in dieser Inszenierung materialisiert.

    In Gent sah ich unter anderem Milo Raus Inszenierung Lam Gods (Der Genter Altar), in der er dieses zentrale religiöse Element der Stadt und die ihm zugrundeliegenden Geschichten mit Laien – Bewohner*innen der Stadt – neu erfunden, neu erzählt hat. Das fand ich sehr inspirierend. Milo Rau fand und finde ich schon seit langer Zeit einen der wichtigsten europäischen Theatermacher, dessen dokumentarisch-fiktionale Arbeiten nicht nur enorm politisch waren und sind, sondern auch enorm wichtig, mutig und elementar für unser Gegenwartstheater. In unserem ersten Gespräch stellten wir fest, dass es grandios sein könnte, den Jedermann im Jubiläumsjahr, in einer Mischung aus der Erzählweise des Genter Altars und des Mirakels, u.a. mit Laien in der Stadt neu zu erzählen, also auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen – quasi als Stadtereignis. Aufgrund diverser Entwicklungen, die auch mit Milo Raus Arbeit im Amazonas zu tun hatten, die viel später in seiner Inszenierung von Antigone im Amazonas gipfelte, wurde das Projekt personell gesehen kleiner und immer fokussierter, bis wir gemeinsam bei Everywoman gelandet sind.

    PIA JANKE: Kannst du den Ansatz von Everywoman beschreiben? Wie verhält sich das Stück zu Hofmannsthals Jedermann?

    BETTINA HERING: Der Ansatz ist, dass eine erfolgreiche Schauspielerin, wunderbar verkörpert von Ursina Lardi, einer Frau mit der fatalen Diagnose einer tödlichen Krankheit, Helga Bedau, begegnet. Ihr letzter Wunsch ist es, noch einmal auf der Bühne zu stehen. Und ausgehend vom Jedermann führen die beiden ein Gespräch über die richtige Lebensführung, über den Glauben und wie das ist, wenn der Tod wirklich anklopft. Ganz im Gegenteil zu der wuchtigen Inszenierung auf dem Domplatz ist dies ein sehr intimes Stück geworden, das die Bedrohung der Existenz nicht allegorisch auf die Bühne wuchtet, sondern im Dialog mit einer wirklich sterbenskranken Frau erörtert. Diese leisen Töne der Inszenierung, die später in der Schaubühne zu sehen war – und noch immer ist! –, haben in ihrer Direktheit und Authentizität dem Jedermann von Hofmannsthal einen fundamental anderen Pol entgegengesetzt und einen zutiefst menschlichen – auch weiblichen – Blick auf den Tod gezeigt.

    PIA JANKE: Wäre deiner Meinung nach eine radikal feministische Fortbeschreibung des Jedermann-Stoffes sinnvoll?

    BETTINA HERING: Das könnte sinnvoll sein, aber nicht auf dem Domplatz! Eine radikal feministische Fortschreibung müsste eine neue Erfindung sein mit einem neuen genius loci.

    PIA JANKE: Was wünscht du dir von der neuen Schauspiel-Chefin im Hinblick auf Gender-Aspekte bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Dass Positionierungen nicht verwässert werden, dass sich der gesellschaftliche Backlash nicht eins zu eins abbildet.


    © Monika Rittershaus

    BETTINA HERING

    Studium der Germanistik, Philosophie und anthropologischen Psychologie. Tätigkeiten als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main sowie als freischaffende Regisseurin und Dramaturgin, beispielsweise für das Festival Literatur im Nebel in Heidenreichstein. 2012-16 Künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich. 2017-23 Leiterin des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Festredner*innen

    Festredner*innen

    Von den 60 Festredner*innen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1964-2025) waren fünf Frauen: JEANNE HERSCH(1985), BARBARA FRISCHMUTH(1999), ELKE HEIDENREICH(2008), Nina Chruschtschowa (2024), Anne Applebaum (2025):

    1964 Salvador de Madariaga: Lob Salzburgs

    1965 Gabriel Marcel: Die Musik als Heimat der Seele

    1966 Clemens Holzmeister: Das Bauwerk der Salzburger Festspiele

    1967 Bernhard Paumgartner: Die Aufgabe Salzburgs

    1968 W. H. Auden: Worte und Noten

    1969 Pietro Quaroni: Festspiele und Massenmedien

    1970 Carl Zuckmayer: Über die musische Bestimmung des Menschen

    1971 Helmuth Plessner: Das Geheimnis des Schauspielers

    1972 Eugène Ionesco: Die bedrohte Kultur

    1973 Giorgio Strehler: Max Reinhardt und heute

    1974 Oscar Fritz Schuh: Zum 100. Geb. H. v. Hofmannsthals

    1975 Carl Friedrich von Weizsäcker: Die geheimnisvolle Wirklichkeit des Schönen

    1976 Heinz Politzer: Musikerlöste Dämonie

    1977 Léopold Sédar Senghor: Österreich als Ausdruck der Weltkultur

    1978 Josef Klaus: Salzburger Weltoffenheit

    1979 Sir Karl Popper: Schöpferische Selbstkritik in Wissenschaft und Kunst

    1980 Wolfgang Hildesheimer: Was sagt Musik aus?

    1981 Hans-Georg Gadamer: Das Alte und das Neue

    1982 Hermann Josef Abs: Mäzenatentum als Verpflichtung und Beglückung

    1983 Leo Gabriel: Sprache und Gespräch – Schöpferische Weltgestaltung

    1984 Gerd Bacher: Die Beifallsgesellschaft und ihre Medien

    1986 Clemens August Andreae: Kunstwerke zwischen Ästhetik und Ökonomik

    1987 Kurt Hübner: Festspiele als mythisches Ereignis

    1988 Péter Hanák: Schöpferische Kraft und Pluralität in der mitteleuropäischen Kunst

    1989 Maurice Schumann: 1789-1791. Vom aufsteigenden Licht einer Revolution zum Er­löschen eines Genies

    1990 Václav Havel: Die Poesie ist zu Ende

    1991 Wolfgang Rihm: Was ,sagt‘ Musik?

    1992 Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama): Menschliches Mitgefühl und universelle Verant­wortung: Eine Grundlage des Glücks und des Friedens

    1993 Árpád Göncz: Tükörszilánkban az egész

    1994 George Steiner: Der Europa-Mythos

    1995 Nikolaus Harnoncourt: Was ist Wahrheit? oder Zeitgeist und Mode

    1996 Claudio Magris: Utopie und Entzauberung

    1997 Christoph Ransmayr: Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer

    1998 Franz König: Europa braucht ein neues geistiges Antlitz

    2000 Jakob Kellenberger: Friede ist das Ergebnis harter Arbeit

    2001 Peter Sloterdijk: Tau von den Bermudas

    2002 Peter Ruzicka: Das Spiel vom Ende der Feste. Eine Antrittsrede

    2003 Andrei Pleșu: Freude in Ost und West

    2004 István Szabó: Wie ein Gefühl oder ein Gedanke entsteht

    2005 keine Festrede

    2006 keine Festrede

    2007 Jürgen Flimm: Komm Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen

    2009 Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe

    2010 Daniel Barenboim: Nicht warten, sondern auf den anderen zugehen

    2011 Joachim Gauck: Auf die Mutigen wartete das Gefängnis

    2012 Peter von Matt: Kunst, Verschwendung und Gerechtigkeit

    2013 José Antonio Abreu: Kinder und Jugendliche in ein solidarisches Leben einführen

    2014 Christopher Clark: Wie ein Gewitter aus heiterem Himmel

    2015 Rüdiger Safranski: Revolution des Zeitregimes

    2016 Konrad Paul Liessmann: Und mehr bedarf‘s nicht. Über Kunst in bewegten Zeiten

    2017 Ferdinand von Schirach: Das Recht gegen die Macht stellen

    2018 Philipp Blom: Wir sind alle Kinder der Aufklärung

    2019 Peter Sellars: Listening to the Ocean: Planetary Change and Cultural Action – The meaning and urgency of ‚ecological civilization‘ in the next generation

    2020 Alexander Kluge: Rede über das Jahrhundert

    2021 Julian Nida-Rümelin: Eine humanistische Utopie

    2022 Ilija Trojanow: Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens

    2023 Anton Zeilinger: Wie kommt das Neue in die Welt?

    2025 Anne Applebaum: Demokratie und Festspiele


    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrau­ensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen Zeit der Musik.

    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein be­stimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Ar­beit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist ver­schwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich ent­wickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: JEANNE HERSCH: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Ro­land (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)


    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit ei­nem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrneh­mung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der euro­päischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)

    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden ha­ben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoff­nung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neu­erliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.«

    Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch an­zweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte die­ser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Län­dern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: BARBARA FRISCHMUTH: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)


    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Pro­gramm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:

    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfor­dern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.

    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.

    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.

    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.

    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.

    Schließlich:

    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann ge­gen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.

    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:

    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,

    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.

    Der Traurige wird freudig sein,

    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet.

    In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?

    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Fest­spiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzbur­ger Festspiele 2008)

  • International, zeitgenössisch

    International, zeitgenössisch

    Frauen, Frieden und die Salzburger Festspiele (1919-26)

    Ende Februar 1920 gab der Wiener Verlag Otto Maaß Söhne einen kurzen Leitfaden für einen dauerhaften Frieden im Nachkriegseuropa heraus.1 Obwohl das anonym verfasste Buch nur 24 Seiten lang war, entschädigte es seine Leserschaft mit einer üppig kolorierten, ausziehbaren Europakarte. Mit einer beeindruckenden Höhe von 60 cm und einer Breite von 80 cm zeigte die Karte die westliche Hälfte des Kontinents, aufgeteilt in 24 gleichmäßig unterteilte Verwaltungsabschnitte, die als Kantone bezeichnet wurden. Ähnlich ausschauend wie die Speichen eines riesigen Rades (oder die Scheiben einer Pizza) stellte sie Europa als eine einheitliche politische Union dar und platzierte Wien in ihrem Mittelpunkt. Während der Autor argumentierte, dass die ehemalige Reichshauptstadt das kulturelle und symbolische Herz Europas darstellte, kam er zum Schluss, dass zur Verwirklichung dieser friedlichen Konfiguration zwischen Zentrum und Peripherie zunächst eine Gruppe rational denkender Männer gefunden werden musste, die frei von allen nationalen und religiösen Vorurteilen und bereit waren, die Aufgabe der Führung zu übernehmen:

    Jede Nation, auch die kleinste, besitzt sicherlich verständige und kluge Männer genug, die mit reinem Gewissen, nach reiflicher Überlegung, frei von allem National- wie Religionshaß zu dem Schlusse kommen, daß nur allein durch nationale Verbrüderung, durch Eindämmung des Religionshasses der zukünftige Friede von Segen sein kann.2

    So edel dieser Lösungsvorschlag für die tiefsitzenden Probleme des damaligen Nachkriegseuropas auch klang, ein Vergleich solcher utopischen Vorstellungen mit den historischen Ereignissen, die sich nach Ausbruch des Krieges abspielten, zeigt nur, dass zwischen Realität und Fantasie eine große Kluft besteht. Nur einen Monat vor der Veröffentlichung des Buches beschlossen die europäischen Staats- und Regierungschefs auf der letzten Sitzung der Pariser Friedenskonferenz am 21.1.1920, dass die laufenden Aufgaben der internationalen Friedensstiftung von nun an in Genf, dem Sitz des Völkerbundes (League of Nations), durchgeführt werden sollten – nicht in Wien. Und es waren die sogenannten „verständigen und klugen Männer“, die den Kontinent im Sommer 1914 in den Krieg gestürzt hatten. Im Gegensatz dazu war es das „andere“ Geschlecht, das 1915 die Initiative zur Gründung der ersten großen internationalen Organisation ergriff, die sich dem Konflikt entgegenstellte und sich in der Zwischenkriegszeit für eine friedliche Aussöhnung einsetzte.3 Wie die Mitglieder der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit die Ereignisse provokativ interpretierten, war der Erste Weltkrieg im Grunde eine geschlechtsspezifische Angelegenheit: „Der Krieg wurde von den Männern gemacht, wir Frauen kennen keinen Krieg und werden einander immer verstehen.“4

    Karte Das neue Europa mit dem Dauernden Frieden. Die Unionisierung Mitteleuropas, 1920. Cornell University Library: Digital Collections. Das Neue Europa mit dem Dauernden Frieden. https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:19343441 (4.1.2023)

    Die Entstehung und die frühe Entwicklung der Salzburger Festspiele sind routinemäßig als internationales Friedensprojekt ihrer Gründerväter dargestellt, wobei Frauen innerhalb der künstlerischen Welt eine untergeordnete oder sekundäre Rolle spielten, d.h. in Bereichen, die hauptsächlich außerhalb der Entscheidungskontexte lagen, wie z.B. in den von Männern dominierten Vorstandsetagen, in denen die „eigentliche Arbeit“ der künstlerischen Programmgestaltung, der Organisation und der Friedensarbeit stattfinden sollte.5 Aber schon früh im Krieg erkannten Frauen nicht nur den Zusammenhang zwischen Kunst und Diplomatie und diskutierten ihn in organisierten Kreisen (und auch in Publikationen), sondern beteiligten sich auch aktiv an der praktischen Umsetzung solcher Ideen auf dem gesamten europäischen Kontinent nach 1918. Durch die Kunst trugen Frauen entscheidend zur neuen Identität Salzburgs als Ort der internationalen Friedensstiftung bei und verliehen der Festspielstadt zeitgemäße und fortschrittliche Elemente, die von bisherigen Studien übersehen wurden. So ungeschickt, wie der Wiener Autor die Ideen aus Immanuel Kants Zum ewigen Frieden aus dem Jahr 1795 neu verpackt hat, bietet seine wunderschön illustrierte Karte ungewollt – wie eine kaputte Uhr, die mindestens zweimal am Tag richtig steht – eine neue Perspektive, aus der sich die breiteren Netzwerke rekonstruieren lassen, durch die Frauen die frühen Salzburger Festspiele entscheidend prägten.

    Der nach Westen weisende Keil auf der Karte, der als „Kanton Genêve“ bezeichnet wird, gruppiert vier Städte – Genf, Zürich, Salzburg und Wien –, die gemeinsam als „Friedensachse“ der Zwischenkriegszeit fungierten, um die herum eine breitere Anerkennung der Rolle der Musik in der internationalen Diplomatie erfolgte. Die Ideen und Personen, die in diesen Städten verkehrten, konzentrierten sich allmählich auf Salzburg als neues europäisches Zentrum, in dem die Künste als Katalysator für einen dauerhaften Frieden dienen sollten. Bekanntlich war die österreichische Hauptstadt (neben Altaussee) der Ort, an dem Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die „Salzburger Idee“ als Begriff zur Reparatur der zerrütteten kulturellen Netzwerke Europas am deutlichsten artikulierten. In einer geografischen Metapher formulierten sie das Potenzial der Stadt:

    Dass gerade von Oesterreich aus es möglich sein wird, die zerrissenen Fäden der europäischen Kulturgemeinschaft wieder anzuknüpfen und in keinem Zeichen eher als im Zeichen der Musik und des Theaters. Dass Salzburg für die darstellende Kunst das werden könnte, was Montecarlo und Aegypten für die Reisewelt, Italien für die Bewunderer der Malerei, Griechenland für den Mann der Wissenschaft.6

    Aber auch die beiden Schweizer Städte spielten eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Identität der Festspielstadt in der Nachkriegslandschaft. Zürich zeigte nicht nur Unternehmungsgeist, als es darum ging, ein großes Sommerfestspiel mit internationalem Profil und ehrgeizigem Programm zu etablieren,7 sondern sorgte mit seiner Existenz auch für eine freundschaftliche Konkurrenz, die die Salzburger Festspielhausgemeinde nach 1921 zum Handeln anspornte.8 Nur ein halbes Jahr vor den ersten Internationalen Festspielen Zürich hatte Hofmannsthal dort seine Rede auf Beethoven anlässlich des 150. Geburtstages des Komponisten gehalten.9 Große Festspielpläne für den nächsten Sommer zeichneten sich bereits im Dezember 1920 ab, als er vor zweitausend Zuhörern sprach. Während er Beethoven öffentlich als treibende Kraft für die Erneuerung der europäischen Kultur bezeichnete, lobte er die Schweiz im Privaten dafür, dass sie demokratische und patriotische Gefühle in Einklang bringe,10 was sich mit seinem künstlerischen Manifest für Salzburg, Das Salzburger Große Welttheater aus dem Jahr 1922, deckt.11 Aber die Saat für sein späteres Salzburger „Manifest“ wurde auch in seiner Züricher Rede gelegt, die sich zu einem Festspielthema in Form einer Bearbeitung von Beethovens Die Ruinen von Athen entwickelte, die er zwischen 1922 und 1924 mit Richard Strauss, Alfred Roller und Karl Alwin unternahm. Mit dem explizit aufgeladenen Untertitel Ein Festspiel mit Tänzen und Chören verwoben Hofmannsthals Text, Strauss’ Partitur und Rollers Bühnenbild Themen, die zu einer allegorischen Interpretation von Österreichs jüngster Kulturstadt als dem symbolischen Athen des Nachkriegseuropas einluden. Wie an anderer Stelle dargelegt wurde, hatten die führenden Mitglieder des Kunstrats dieses hybride Bühnenwerk ursprünglich für die Eröffnung bzw. Einweihung von Hans Poelzigs geplantem (aber letztlich nicht realisiertem) Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn vorgesehen.12

    Noch wichtiger ist, dass Zürich auch von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit für ihr erstes Treffen nach dem Ersten Weltkrieg ausgewählt wurde, und es war in dieser Stadt (gefolgt von weiteren Veranstaltungen in Oxford und Salzburg), dass ihr Ansatz zur Friedensschaffung eine „ästhetische Wende“ nahm. Die Persönlichkeiten und politischen Ziele der Frauenliga sind zwar gut erforscht, doch was sie als fortschrittliche Organisation auszeichnete, war nicht nur ihr Einsatz für die soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch ihr Eintreten für die Kunst als Mittel zur Schaffung und Erhaltung des Friedens im politischen Bereich. Die Frauenliga hatte bereits mehrere kurze Aufsätze über die verbindende Kraft von Kunst und Musik verbreitet (z.B. Joseph E. Southalls Art and Peace und Vernon Lees Bach’s Christmas Music in England and Germany),13 aber ihr Kongress in Zürich, der von 12.-17.5.1919 stattfand, legte mehr Gewicht auf diese Dimension als wirksame, langfristige Strategie. Während die Delegierten aus 13 Nationen an Workshops teilnahmen, Podiumsdiskussionen organisierten und Vorträge hielten,14 gipfelte die Woche in einer Theateraufführung, die von den eigenen Mitgliedern im berühmten Zunfthaus zur Meisen organisiert, inszeniert und geleitet wurde.15

    Dieses Thema wurde nur vier Monate später ausführlich behandelt, als die britische Sektion der Frauenliga von 1.-10.9.1919 im Ruskin College in Oxford eine Festival Conference on Creative Peace veranstaltete. Ein interner Bericht beschrieb die Veranstaltung als „einzigartig in ihrer Einbeziehung der Kunst als Ausdruck der schöpferischen und harmonisierenden Kraft, die bei allen Bemühungen um Frieden in der Welt aktiv sein muss“16. Mit einem Programm, das aus neun Konzerten und verschiedenen Theateraufführungen bestand, markierte diese „Festspielkonferenz“ eine gründlichere und praktisch orientierte Erkundung der Rolle der Musik bei der Herstellung eines internationalen Dialogs zwischen den Nationen. Am bemerkenswertesten war dabei eine Aufführung des Everyman – dem ersten dokumentierten Ereignis nach 1918, bei der das alte mittelalterliche Moralstück mit einem Festival oder der Friedensbewegung in Verbindung gebracht wurde.17 Obwohl aus zeitgenössischen Berichten nicht hervorgeht, welche der drei englischen Fassungen bei dieser Gelegenheit aufgeführt wurde, wäre George Sterlings und Ryszard (Richard) Ordynskis englische Blankvers-Übersetzung von Hofmannsthals Fassung aus dem Jahr 1911 eine gute Wahl gewesen, da sie durch die Hinzufügung von zwei neuen Charakteren, War und Workman (Krieg und Arbeiter), auf die weltpolitischen Umstände aufmerksam machte.18 Diese Aufführung war kein Einzelfall: Die britische Sektion der Frauenliga setzte diese Tradition auf ihrer nächsten großen Konferenz über Revolution und Frieden Anfang Januar 1920 fort, diesmal in einer Londoner Inszenierung von Harold Scott.19 Diese von Frauen geleitete britische Initiative, den Everyman mit dem Frieden zu verbinden, fand fast ein ganzes Jahr vor der ersten Jedermann-Aufführung in Salzburg statt. Tatsächlich diente die erste und einzige Aufführung eines Hofmannsthal-Dramas in Salzburg – nämlich die des Stückes Elektra, das am 2.1.1917 gespielt wurde – zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen, indem Geld für das Hausregiment Erzherzog Rainer Nr. 59 gesammelt wurde.20 Aus dieser scheinbaren Inkongruenz ergeben sich im europäischen Kontext folgende Fragen: Was wurde in den ersten drei Sommern für Salzburg in Bezug auf den Frieden tatsächlich behauptet, und gab es einen tieferen Zusammenhang zwischen der Identität der Stadt als Nachkriegs-Friedensstadt einerseits und den Aktivitäten, Zielen und Akteur*innen, die in diesen Jahren in den Netzwerken der Frauenliga zirkulierten, andererseits?

    Die frühen Dokumente der Salzburger Festspielhausgemeinde weisen deutlich auf die Idee der Salzburger Festspiele als internationales Friedensprojekt hin.21 In der Realität wurde die erste Jedermann-Aufführung am 22.8.1920 jedoch nicht in diesem Sinne von der Presse besprochen.22 Auch hatte sie kein internationales Publikum angezogen,23 und kein Zeitzeuge hat je behauptet, dass die sechs Vorstellungen auf dem Domplatz die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele darstellten.24 Zudem waren die Darbietungen von Das Salzburger Große Welttheater in den Jahren 1922 und 1925 ein kritischer Flop, und der Jedermann wurde erst 1926 wiederaufgenommen. Doch gerade in den Jahren 1921-25 begannen sich die Salzburger Festspiele zu einem Friedensprojekt von europäischer Bedeutung zu entwickeln.

    Zurück zu Zürich: In einer bisher übersehenen Rezension, die Ende August 1920 in der Neuen Zürcher Zeitung erschien, betrachtete der Wiener Kritiker, Mahler-Biograph und Verfechter der Neuen Musik Paul Stefan das neue künstlerische Interesse an Salzburg als eine fantasievolle Erweiterung der Vision, die Gustav Mahler 1906 mit seinen Festspielaufführungen von Le nozze di Figaro initiiert hat.25 Darüber hinaus scheint Stefan im August 1920 der einzige gewesen zu sein, der öffentlich das Potenzial der Stadt als Ort der internationalen Friedensstiftung ankündigte,26 und er arbeitete in den folgenden zwei Jahren unermüdlich daran, dieses Ziel zu erreichen. Im August 1922 verkündete der Wiener Kritiker unmissverständlich, dass der Erfolg der Salzburger Festspiele darauf zurückzuführen sei, dass hier ein internationaler Friedensgipfel für die Künste stattfand, der „von sieghafterer Wirkung als alle Kriegsmanöver“27 war. In der Tat waren über 200 internationale Pressevertreter anwesend, was im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Sommern einen deutlichen Gamechanger des globalen Medienprofils der Festspiele darstellte.28 Während neuere Forschungen ein neues Licht darauf geworfen haben, wie sich die Stadt in einen Bienenstock internationaler künstlerischer Synergien verwandelte (beginnend mit der Gründung des Wassermann-Vereins im Jänner 1919), spielten Frauen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Ihre Beteiligung bedarf weiterer Untersuchungen.29

    Die internationale Sommerschule der Frauenliga für Frieden und Freiheit, Mozarthaus (Wiener Saal) Salzburg, August 1921. Swarthmore College Peace Collection, Jane Addams Collection

    Die erste Veranstaltung in Salzburg der Nachkriegszeit, die entweder mit der Friedensbewegung oder dem Internationalismus in Verbindung stand, fand im August 1921 statt,30 als die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit die Stadt für ihre nächste Versammlung nach ihrer Züricher Konferenz wählte.31 Zwischen dem 10. und 16.7.1921 trafen sich die Mitglieder zunächst in Wien im Gebäude des Musikvereins, um allgemeine Fragen zu erörtern,32 bevor sie zum Mozarteum umzogen, in dem eine zweiwöchige Sommerschule für Frauen und Männer mit dem Titel „Erziehung zum Internationalismus“33 rund 280 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern begrüßte.34 Ziel dieses Programms war es, die Rolle der Künste und der Bildung zu erforschen, um die Nationen über eine rein statische Vorstellung von Frieden (definiert als Nicht-Kriegszustand) hinaus zu einer echten Atmosphäre der Vergebung und des Dialogs in produktiver, zukunftsorientierter Form zu führen. Wie im Zusammenhang mit der Eröffnungsfeier am 1.8.1921 berichtet wurde, sollte sich dieser allererste Sommerkurs der Frauenliga darauf konzentrieren, die Künste zu nutzen, um den Frieden zu verwirklichen, anstatt ihn nur zu diskutieren:

    Der Friede ist ja nun da, aber es ist ein Friede ohne Versöhnung und Güte. Das Ziel der Frauenliga […] ist somit noch keineswegs erfüllt und die Sommerschule soll eben dazu helfen, wieder einen Schritt vorwärts zu tun. Was sich in Kongressen trotz aller Resolutionen nicht erreichen lässt, wird hier sinnfälliger erfüllt durch die praktische Arbeit […]. So werden denn auch Konzerte stattfinden, für die die Salzburger Künstler ihre Mitwirkung zugesagt haben, Konzerte, die in erster Linie Mozart gewidmet sein sollen.35

    Die Idee, in der Mozartstadt eine Sommerschule zu veranstalten, die sich auf praktische und künstlerische Fragen konzentrierte, kam von derselben britischen Sektion der Frauenliga, die zwei Jahre zuvor die Festival Conference on Creative Peace initiiert hatte. Die österreichische Sektion hatte sich bereits im Juni 1920 am Mozarteum versammelt, als Hofmannsthals Jedermann in letzter Minute als Ersatz für das noch nicht fertiggestellte Salzburger Große Welttheater vorgeschlagen wurde. Spätestens im Oktober 1920 bestätigte die Zentralstelle der Frauenliga die Verfügbarkeit des Mozarteums für die nächste große internationale Konferenz.36 Da die Sekretärin der österreichischen Sektion, Friderike Zweig,37 und die Präsidentin Yella Hertzka,38 die lokalen Vorbereitungen übernahmen, sollte die Wahl des Veranstaltungsortes einen strategischen Beitrag zum aufkommenden Status der neuesten Kulturstadt Österreichs leisten.

    Die Schule überschnitt sich mit den „Festspielen in Salzburg“, die von 2.-21.8.1921 tagte und eine Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Mozarteum (Mozart-Konzerte), der Salzburger Festspielhausgemeinde (eine Wiederholung des Jedermann) und dem Salzburger Landestheater (russische Tänzer*innen) darstellte, das erst Anfang Juli als notdürftig zusammengeschusterte finanzielle Lösung auftauchte, um den vollständigen Zusammenbruch der Festspielidee zu verhindern.39 Die Sommerschule der Frauenliga wurde größtenteils ad hoc durchgeführt, und möglicherweise wurden Absprachen mit dem Mozarteum in Verbindung mit den laufenden Mozart-Aufführungen bei den Festspielen getroffen, wobei die letzte Sitzung der Schule mit der ersten Jedermann-Aufführung am 15.8. zusammenfiel.40 Aus den wenigen erhaltenen Dokumenten geht hervor, dass der Frauenbund eine formelle Zusammenarbeit mit dem Mozartbund eingeleitet und den „Manchester Girls Institute Choir“ unter der Leitung von Say Ashworth zu zwei Konzerten eingeladen hatte.41

    Das Programm der Referenten deckte ein Spektrum von Themen ab, das von der Wirtschaft bis zur Gesundheitsfürsorge reichte.42 Bemerkenswert waren jedoch die beiden Vorträge in der ersten Woche, die die Aufmerksamkeit besonders auf Musik und Frieden lenkten. Den Anfang machte der deutschstämmige Theologieprofessor Edvard Lehmann, der zum Thema „Kunst und Musik als internationales Erziehungsmittel“43 sprach. Es folgte eine „Einführung in die moderne Musik“44 durch den Mozarteum-Klavierprofessor und Verfechter der Neuen Musik Felix Petyrek. Petyrek spielte Mozart mit den Mitgliedern des Wiener Staatsopernorchesters am 6.8.1921 und war seit seiner Ankunft in Salzburg im Oktober 1919 zu einer bedeutenden Persönlichkeit geworden, die das neue Image Salzburgs als Stadt der internationalen und zeitgenössischen Musik prägte.45 Petyrek zählte Leute wie Stefan und Friderike Zweig zu seinen Freund*innen und er veröffentlichte seine Kompositionen bei der Universal-Edition, Wiens führendem Verlag für zeitgenössische Musik, der vom Ehemann der österreichischen Präsidentin des Frauenbundes, Yella Hertzka, geleitet wurde. Petyrek war auch in der modernen Tanzszene der Zwischenkriegszeit aktiv, einer performativen Kunstform, die weitgehend von den Ideen der feministischen Emanzipationsbewegung getragen wurde. An Orten wie dem Salzburger Hotel Bristol begleitete der Pianist Tänzerinnen wie Heddy Falk und Stella Kramrisch – letztere ist eine moderne Tänzerin, die 1919 an der Universität Wien über indische Kunst promovierte und kurz darauf eine angesehene Professorin in Philadelphia wurde.46 Diejenige aber, die als Brücke zwischen der Frauenliga und den Salzburger Festspielen stand und entscheidend dazu beitrug, dass sich letztere zu einem Friedensgipfel der Künste entwickelten, ist die britische Sopranistin Dorothy Moulton.

    Während und nach dem Ersten Weltkrieg war Dorothy Moulton eine gefeierte Interpretin zeitgenössischer Musik, die sich einen Ruf als zentrale Figur bei der Wiederherstellung der deutsch-englischen Musikbeziehungen erworben hatte. Die gebürtige Londonerin hatte ihre Ausbildung am Konservatorium nicht in England, sondern in Deutschland absolviert, was ihr den entscheidenden Vorteil verschaffte, dem britischen Publikum, das sich während des kriegsbedingten kulturellen „Blackouts“ nicht über ausländische Entwicklungen auf dem Laufenden halten konnte, bisher unbekannte Musik vom Kontinent vorzustellen. So behauptet Moulton, 1915 den Mut aufgebracht zu haben, in Manchester die Musik von Igor Strawinsky zu singen – also zu einer Zeit, „als Schönberg ein Schimpfwort war“47. Doch nach dem Frieden von 1918, als die Erinnerungen an die Kriegszeit noch frisch waren, erlangte sie internationales Ansehen, weil sie zum Singen deutscher Lieder in der Originalsprache zurückkehrte.48 Moultons Kampagne begann unmittelbar am 11.11.1918, dem offiziellen Tag des Waffenstillstands, als sie angeblich die erste Person in London war, die ein öffentliches Konzert mit Liedern von Schubert und Schumann in deutscher Sprache und nicht in englischer Übersetzung gab.49 Sie wiederholte dieses Konzert in der New Yorker Aeolian Hall anlässlich der Wiederkehr desselben historischen Datums im Jahr 1920. Die Kritiker feierten diese Aufführung als großen Erfolg, nicht nur weil sie die Klassiker der deutschen Romantik in ihrem ursprünglichen literarischen Umfeld wiederherstellte, sondern auch, weil sie das Publikum mit einer Reihe lebender Komponisten aus Frankreich, Spanien, England und Irland bekannt machte.50

    Moulton nahm auch an der Festival Conference on Creative Peace in Oxford im September 1919 teil und war sich des laufenden Diskurses über die Rolle der Musik im Friedensprozess bewusst. Obwohl es nicht klar ist, ob sie ein eingetragenes Mitglied der Frauenliga war, hatte die britische Sektion sie engagiert, um Repertoirewerke von Bach, Haydn, Schubert, Schumann und Brahms zu singen und eine Auswahl zeitgenössischer Lieder von Ernest Chausson, Claude Debussy, Maurice Ravel, Frank Bridge und Arnold Bax vorzustellen, darunter zwei relativ obskure Beiträge von Ernest Walker, dem musikalischen Urgestein des Balliol College, und Walter Morse Rummel, dem Klavierbegleiter von Isadora Duncan. Ihr Programm für das sechste Konzert entsprach dem Geist des Festivals, das eine sehr internationale Mischung von Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart bot. Auffallend ist jedoch die generelle Abwesenheit neuerer deutsch-österreichischer Musik bei der Veranstaltung, und wie die Musical Times berichtete, spielte ein Künstler, der ein Vortragskonzert über zeitgenössische Musik gab, „keine moderne deutsche oder österreichische Musik, da er [Edward Mitchell] keine spielenswerte gefunden hatte“51. Im selben Jahr heiratete Moulton den deutschstämmigen Geschäftsmann und Philanthropen Robert Mayer, mit dem sie ebenfalls noch im selben Jahr nach New York City reiste und im März 1921 nach London zurückkehrte. In der britischen Hauptstadt gründete das Ehepaar einen bedeutenden Musiksalon, in dem sie zahlreiche internationale Gäste empfingen, darunter Béla Bartók, Wilhelm Furtwängler, Darius Milhaud und Bruno Walter. Von nun an setzte sich Moulton aktiv für eine friedliche Völkerverständigung durch Musik ein und begab sich im Herbst 1921 auf eine „Propaganda-Tournee“ durch Deutschland, Österreich, die Niederlande und England.52

    Moulton debütierte in Wien am 10.10.1921 mit einem Liederabend, der einen Meilenstein in der Wiederöffnung der österreichischen Grenzen zur Welt darstellte.53 Mitte September unterstrichen die Vorankündigungen in der Presse das einzigartig internationale Profil ihres bevorstehenden Programms.54 In der Tat umfasste ihre Liedauswahl vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch) und stellte insgesamt 13 Komponisten vor, die in fünf verschiedene Abschnitte unterteilt waren. Sie eröffnete mit heiteren englischen Liedern aus dem siebzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart, gefolgt von einer Handvoll Goethe-Vertonungen von Franz Schubert, bevor sie zum Herzstück des Abends überging: Maurice Ravels Cinq mélodies populaires grecques aus dem Jahr 1906. Eine eklektische Mischung von Liedern von Ernest Chausson, André Caplet, Riccardo Zandonai und Gabriele Sibella rundete den Abend ab, bevor sie auf englisches Gebiet zurückkehrte. In diesem abschließenden Teil versuchte Moulton, das stereotype Image Großbritanniens als „Land ohne Musik“ zu zerstreuen, indem sie zeitgenössische Werke von Arnold Bax, Eugene Goosens und Arthur Bliss sang, die sie alle zu ihren persönlichen Freunden zählte.55 Bliss’ Madame Noy aus dem Jahr 1918 – eine geisterhafte Vertonung eines Gedichts von Edward Harry William Meyerstein mit Flöten-, Klarinetten-, Fagott-, Harfen-, Bratschen- und Kontrabassbegleitung – war ein besonders modernes Werk, das Moultons Debüt überzeugend abschloss.56 Die Kritiken zu ihrem Auftritt im 700 Plätze fassenden Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses waren äußerst positiv, und ein Kritiker meinte, ihre deutsche Diktion in den Schubert-Liedern sei so überzeugend, dass man sie für „eine geborene Wienerin“57 hätte halten können. Keine fünf Tage später meldete das Neue Wiener Tagblatt, dass „auf Grund des großen Erfolges“58 beim Publikum ein zweites Konzert für Januar 1922 bestätigt wurde.

    Programmzettel von Dorothy Moultons Konzert im Wiener Konzerthaus, 29.1.1922. Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft / Programmarchiv

    In Anbetracht der Tatsache, dass die Salzburger Sommerschule im August 1921 ein Projekt der britischen Sektion der Frauenliga war und Moulton an deren erster musikalischer Festivalkonferenz in Oxford teilnahm, ist es wahrscheinlich, dass die in Deutschland ausgebildete Sopranistin auch den Kurs am Mozarteum besuchte und die Gelegenheit nutzte, um im Vorfeld ihrer bevorstehenden Tournee Kontakte in Österreich zu knüpfen. Während ihrer Reise im Oktober lernte Moulton den Musikwissenschaftler, Komponisten und ehemaligen Schönberg-Schüler Egon Wellesz kennen. Wellesz hatte sich im Sommer 1918 in Altaussee mit Hofmannsthal angefreundet und wurde schnell zu einem wichtigen Partner bei der Umsetzung der Vision des Dichters für Salzburg als internationales, repräsentatives Festival – sicherlich etwas, das Hofmannsthal und Reinhardt nicht allein durch das deutsche Sprechtheater realisieren konnten. So durfte Wellesz beispielweise an Hofmannsthals Aufsatz Deutsche Festspiele zu Salzburg aus dem April 1919 eine Coda anfügen, als dieser im September 1919 in der Wiener Presse erschien.59 Weiters lobte er Die Frau ohne Schatten nach der Uraufführung im Oktober 1919 überschwänglich als „eine Festoper, wie die alten Barockopern“60, und er verfasste auch eine wichtige (und bisher übersehene) Rezension des Circle-Konzerts in Wien Ende Januar 1920 – offiziell das erste musikalische Event der Salzburger Festspielhausgemeinde.61 In den nächsten vier Jahren arbeiteten die beiden Männer an verschiedenen Projekten, die aus ihrem gemeinsamen Interesse am österreichischen Barock erwuchsen, darunter zwei moderne Bühnenwerke, Achilles auf Sykros (1921) und Alkestis (1923), die beide ihre Bemühungen um die Realisierung der Salzburger Festspiele im Jahr 1922 zu einem Friedensprojekt von internationaler Bedeutung begleiteten.62

    Teilnehmer*innen der Internationalen Kammermusik-Aufführungen der Salzburger Festspiele, 8.8.1922. v.l.n.r.: Walter Gieseking, Maurits Frank, Isaäc Mossel, Wanda Szigeti, Paul Weingarten, Licco Amar, Paul Hindemith (sitzend), Erika Stiedry-Wagner, Mary Dickenson-Auner, Hugo Heller (sitzend), Dorothy Moulton, Hedwig Heller, Elisabeth Schumann, Karl Alwin, Walter Casper, Joseph Szigeti, Louis Fleury. King‘s College Cambridge Archive, EJ Dent Papers

    Wellesz, der seit der Vorkriegszeit anglophil war, wurde von dem internationalen Spektrum von Moultons Programm im Oktober 1921 inspiriert, und es wird ihm zugeschrieben, dass er ihre Wiedereinladung nach Wien im Januar 1922 initiiert hat.63 Zweifellos in Absprache mit Richard Strauss und Heinrich Damisch scheint er ihr einen Platz bei den bevorstehenden Salzburger Festspielen eingeräumt zu haben, und zwar als deren erstes Konzert zeitgenössischer Musik (abgesehen vom Cercle-Konzert, das die Uraufführung von Strauss’ neobarocker Suite aus Der Bürger als Edelmann beinhaltete). Die Neue Freie Presse machte Moultons bevorstehendes Salzburg-Engagement strategisch am Tag vor ihrem Wiener Konzert bekannt,64 und weniger als zwei Wochen später verkündeten Zeitungen in Wien und Berlin,65 dass in Salzburg internationale Musikkonzerte unter der Leitung von Richard Strauss stattfinden würden. Am 26.1. war der Bayer aus Amerika nach einem zehntägigen Aufenthalt in London, den er wahrscheinlich mit Moulton koordinierte, nach Wien zurückgekehrt.66 Nachdem Paul Stefan und Rudolf Réti angeworben worden waren, wurde das Projekt später unter dem Namen „Internationale Kammermusik-Aufführungen in Salzburg“ bekannt und stellte praktisch ein Unterkomitee der Salzburger Festspielhausgemeinde dar, zu dem auch ihr Gründer Heinrich Damisch sowie Heinrich Kralik und Josef Reitler gehörten.67 Mehrere Werke aus Moultons Jänner-Recital in Wien wurden direkt in die Salzburger Konzerte übertragen, und sie sang auch das einzige Werk, das von Ethel Smyth auf dem Programm stand – nämlich Odelette aus dem Jahr 1909. Ethel Smyth, eine der prominenten englischen Komponistinnen und Suffragetten, die in früheren Ankündigungen nicht erwähnt worden war, kam wahrscheinlich auf Moultons Einladung nach Salzburg.68 Das Programm, das zwischen dem 7. und 10.8.1922 stattfand und ca. 60 Werke aus 15 Nationen enthielt, wurde vom Berliner Musikkritiker Adolf Weißmann in einer Sprache begrüßt, die direkt aus dem Reinhardt-Memoire von1918 stammen hätte können: „Die zerrissene Kunstwelt im Zeichen Mozarts wieder zusammenzuführen, Salzburg, die Mozartstadt und eine Kostbarkeit im armen Österreich, zum Treffpunkt des Internationalismus zu machen: ein glücklicher Gedanke.“69

    In den nächsten Sommern bzw. bis zur Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1925 galten die modernen Kammermusikkonzerte der am 11.8.1922 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) als Salzburger Festspiele.70 Nicht nur das internationale Profil der Zusammenkünfte entsprach dem Geist der ursprünglichen Vision der Festspielhausgemeinde, sondern auch die modernen Ensembles führten im Rahmen ihres musikalischen Angebots Mozart-Konzerte auf. Keiner der Teilnehmer*innen oder Organisatoren konnte im Jahr 1922 wissen, was 1923 oder gar 1924 geschehen würde, und sowohl die nationalen als auch die internationalen Kritiker stützten sich auf die verfügbare Terminologie, um den Ereignissen in Echtzeit die gebührende Anerkennung zu zollen.71 Bereits 1924, als die Salzburger Festspielhausgemeinde in ihrer bisherigen Form aufgelöst wurde, hatte Wellesz einen Lexikoneintrag über die Salzburger Festspiele verfasst, in dem er die Konzerte für zeitgenössische Musik von 1922 unter demselben Dachverband ansiedelte.72 Einer der führenden deutschen Musikkritiker, Adolf Aber, behauptete im Jahr 1937 sogar, dass der erste Präsident der IGNM, Edward J. Dent, den Moulton im Mai 1922 mit Wellesz zu einem Planungstreffen in London zusammengebracht hatte, neben Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss als einer der Gründungsväter der Salzburger Festspiele anzusehen sei.73

    Moulton sollte auch in diese Liste aufgenommen werden, aber ihre bahnbrechenden Bemühungen, Salzburg der Zwischenkriegszeit als Ort eines internationalen Friedensfestivals zu gestalten, wurden von Männern aus der Geschichte „herausgeschrieben“ – nicht einmal, sondern zweimal. Fünfzig Jahre nachdem Moulton ihre Wiener Konzerte gegeben und Dent und Wellesz vorgestellt hatte, drängte ihr Ehemann den inzwischen in Oxford lebenden Professor, das historische Versäumnis schriftlich zu korrigieren.74 Wellesz fertigte verschiedene Entwürfe einer Erklärung an, die bezeugen, dass sie eine Schlüsselrolle bei der Initiierung der Ereignisse gespielt hatte, die dazu führten, dass Salzburg 1922 zu einem internationalen Friedensprojekt wurde.75 Wellesz’ schwerer Schlaganfall im Jänner 1972 ließ die Geschichte jedoch genau zu dem Zeitpunkt unerzählt, als die IGNM ihren Tiefpunkt öffentlicher Relevanz erreicht hatte (zufälligerweise war dies auch der Zeitpunkt, an dem sich ihr halbes Jubiläum jährte). Zwei Jahre später ist Moulton tot, aber auch ihr Mann, der Gründer der bekannten Londoner Kinderkonzerte, erinnert sich:

    [Dorothy hatte] Egon Wellesz nach London eingeladen […], wo er in unserem Haus den angesehenen Musikwissenschaftler Edward J. Dent traf, den er für das Projekt der Gründung einer Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik interessierte. Dent willigte ein, ihr Präsident zu werden, und die IGNM wurde praktisch in unserem Haus geboren. Sie veranstaltete ihr erstes Festival 1922 in Salzburg.76

    Auch der Salzburger Historiker Robert Kriechbaumer verwechselte die Britin mit einer Amerikanerin, als er einen leidenschaftlichen Brief zitierte, den sie im November 1933 an Engelbert Dollfuß schrieb und in diesem den von Hofmannsthal inspirierten Diskurs über die Salzburger Idee wieder aufgriff, bei deren Umsetzung sie im Jahr 1922 beteiligt war. Die Festspielstadt, so argumentierte sie gegenüber dem Bundeskanzler, „ist bereits im Kleinen zu einem internationalen Musikzentrum herangereift“77. Moulton hatte die Salzburger Festspiele 1933 besucht und kehrte im August 1934 zurück, wo sie der Salzburg British Empire Society Herbert von Karajans Debüt mit den Wiener Philharmonikern für eine Reihe von Privatkonzerten (Debussy und Ravel) vermittelte, zu der auch internationale Gäste wie Francis Poulenc und Margarethe Wallmann zählten. Paul Stefan hat ihre Beteiligung (an)erkannt,78 und ihr Engagement – unterstrichen durch das sensationelle Salzburg-Debüt von Arturo Toscanini zwei Tage nach Karajans Soirée – veranlasste Rudolf Réti sogar dazu, sich für die „Wiederaufnahme“79 (nicht „Neuaufnahme“) der internationalen zeitgenössischen Kammerkonzerte in das Salzburger Festspielprogramm einzusetzen.

    Die Wiederherstellung internationaler Beziehungen durch zeitgenössische Musik war eines der zentralen Merkmale der Salzburger Idee.80 Nach der Wiederbelebung der Salzburger Festspielhausgemeinde im Jahr 1925 waren es zunächst transatlantische (oder vielleicht besser: transnationale) Musiker*innen, die diese Tradition fortführten. Bei den Salzburger Festspielen 1926 spielte der in Deutschland geborene und in Amerika lebende Pianist Oskar Ziegler zum Gründungstag der IGNM im Café Bazar am 11.8. Werke des Les six-Komponisten Arthur Honegger, des russischen Mystikers Alexander Skrjabin und des sowjetischen Modernisten Arthur Lourié (geb. Naum Israilewitsch Lurja). Eine Woche später spielte der in New York City lebende ungarisch-amerikanische Cellist Rózsi Várady Stücke von Zoltán Kodály und Maurice Ravel. Der französische Komponist war laut Theodor W. Adorno81 bis zu diesem Zeitpunkt im deutschsprachigen Raum noch relativ unbekannt, doch der internationale Ruf Salzburgs als „Welt-Revue“82-Festival hatte diesem Trend entgegengewirkt, da seine Musik von 1919-26 in der Stadt gut vertreten war.83 Várady hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Kontakt zur IGNM, und ihre Aufführung einer Kodály-Komposition aus einem privaten Manuskript stellte die erste Premiere eines zeitgenössischen Werkes bei den Salzburger Festspielen dar – und zwar sogar durch eine Frau.84

    Rózsi Váradys Programm für das 4. Kammerkonzert der Salzburger Festspiele, 19.8.1926. Archiv der Salzburger Festspiele
    Rózsi Várady, um 1922. © Library of Congress, Prints & Photographs Division [reproduction number, e.g., LC-B2-1234], Bain Collection

    Einige Monate nach den Salzburger Festspielen 1922 berichtete die Zeitschrift für Musik, dass eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergeben hatte, welche europäischen Länder den höchsten Prozentsatz an aufgeführten Kompositionen von Komponistinnen aufwiesen. England stand an der Spitze der Liste, während Deutschland das Schlusslicht bildete.85 Angesichts des damaligen gesellschaftspolitischen Engagements von Frauen in Europa überrascht es nicht, dass es eine britische Sopranistin war, die bei der Geburtsstunde der Salzburger Festspiele 1922 dazu beitrug, das Zeitgenössische und das Internationale in der DNA der Festspiele zu verankern und ihr Profil als Friedensprojekt der Künste zu schärfen, das in seiner Funktion mit dem Genfer Völkerbund (oder der Frauenliga, die ebenfalls dort ihren Sitz hatte) vergleichbar war. Heute ist der Vergleich mit dem diplomatischen Ruf dieser Schweizer Stadt auf der Weltbühne hinfällig. Aber es war der Salzburger Erzkritiker Ernst Krenek, der nur zwei Monate nach dem österreichischen Anschluss aus London schrieb, um die britischen Leser*innen daran zu erinnern, dass die Festspielstadt in der Nachkriegszeit diese friedensstiftende Funktion für die Musikwelt erfüllt hatte.86 Nach dem Zweiten Weltkrieg ernannte die IGNM auf ihrer Jahrestagung 1952 in Salzburg mit Pauline Hall (1890–1969) ihre erste Direktorin, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab IGNM-Mitglied Kaaija Saariaho mit L’Amour de loin aus dem Jahr 2000 ihr Operndebüt bei den Salzburger Festspielen – rund 20 Jahre bevor an der Wiener Staatsoper überhaupt ein Werk einer Komponistin, Olga Neuwirths Orlando, uraufgeführt wurde. Mit zwei Präsidentinnen, Helga Rabl-Stadler und Kristina Hammer, an der Spitze des weltberühmtesten Sommerfestivals bleibt Salzburgs Status als innovatives, zeitgenössisches Festival für europäische Musik und Friedensarbeit ein Vermächtnis, das einer von Frauen geführten künstlerischen Antwort auf die katastrophalen Umwälzungen des Ersten Weltkriegs zu verdanken ist.


    Anmerkungen

    1. P.A.M. [= P.A. Maaß]: Die Unionisierung Mitteleuropas! Ein Wegweiser zum Dauerfrieden. Wien: Otto Maaß’ Söhne 1920. Der Verfasser dankt Ryan Prendergast (Pittsburgh), der ihn auf diese Publikation aufmerksam gemacht hat. ↩︎
    2. Ebd., S. 24. ↩︎
    3. Vgl.: N. N.: League of Peace and Freedom. Report and Financial Statement from August, 1915, to December, 1919. London: League of Peace and Freedom 1920, S. 2. ↩︎
    4. N. N.: Internationaler Frauenstreik zur Verhinderung von Kriegen. Der Schwur der Frauen auf dem Züricher Kongreß. In: Neues Wiener Journal, 20.5.1919. ↩︎
    5. Vgl.: Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima“. Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau 2021. ↩︎
    6. Hofmannsthal, Hugo von: Reinhardt-Memoire (Max Reinhardt an Leopold von Adrian, 5.9.1918). In: Hofmannsthal, Hugo von: Sämtliche Werke. Bd. 3.: Reden und Aufsätze. Hg. v. Klaus E. Bohnenkamp, Katja Kaluga und Klaus-Dieter Krabiel. Frankfurt am Main: S. Fischer 2011, S. 343. ↩︎
    7. Am 16.6.1921 wurden die von Alfred Reucker gegründeten Internationalen Festspiele und Konzerte Zürich mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie eröffnet. Mit Aufführungen von Richard Wagners Parsifal und W. A. Mozarts Die Entführung aus dem Serail (beide unter Leitung von Bruno Walter) wurde versucht, ein internationales Festspiel zu etablieren, das Bayreuth übertreffen sollte. Salzburg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Sicht. ↩︎
    8. Am 16.6.1921 lehnte das Finanzministerium in Wien die Förderansuchen der Salzburger Festspielhausgemeinde ab. Vgl.: Fuhrich, Edda / Prossnitz, Gisela: Die Salzburger Festspiele. Ihre Geschichte in Daten, Zeitzeugnissen und Bildern. Band I. 1920–1945. Salzburg: Residenz Verlag 1990, S. 27. ↩︎
    9. Am 10.12.1920 hielt Hofmannsthal seinen Vortrag, zwei Tage später wurde er in Wien veröffentlicht. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von: Beethoven. 1770–1920. 16. Dezember. In: Neue Freie Presse, 12.12.1920; N. N.: Das Projekt eines Salzburger Festspielhauses. Mitteilung der Festspielgemeinde und Beethoven-Feier in Zürich. In: Ebd., 13.12.1920. ↩︎
    10. [Gästebucheintrag von Hofmannsthal:] ‚Der patrizische Geist ist stark im Ablehnen, der demokratische stark im Aufnehmen; möge in den alten Schweizer Städten noch lange beides einander das Gleichgewicht halten.‘“ Stern, Martin: Schweiz. Asyl in fremder Nähe. In: Hemmecker, Wilhelm / Heumann, Konrad: Hofmannsthal. Orte. 20 biographische Erkundungen: Wien: Zsolnay 2014, S. 380. ↩︎
    11. Vgl.: Müller, Karl: „Das Herz vom Herzen Europas“, „Welttheateragenten“ – Fest und Feier nach 1918. In: Csáky, Moritz / Zeyringer, Klaus (Hg.): Pluralitäten, Religionen und kulturelle Codes. Innsbruck: Studien Verlag 2002, S. 91-116. ↩︎
    12. Vgl.: Graydon, Philip: „Rückkehr in die Heimat“: Postwar Cultural Politics and the 1924 Reworking of Beethoven’s Die Ruinen von Athen by Richard Strauss and Hugo von Hofmannsthal. In: The Musical Quarterly, 88/4 (2005), S. 630-671. ↩︎
    13. Southall, Joseph: Art and Peace. In: N. N.: Towards Ultimate Harmony. Report of Conference on Pacifist Philosophy of Life. London: Headley Brothers for The League of Peace and Freedom 1915, S. 67-74; Lee, Vernon: Bach’s Christmas Music in England and in Germany. In: Jus Suffragii, 1.1.1915. ↩︎
    14. Vgl.: N. N.: Internationaler Frauenkongreß. In: Neue Zürcher Zeitung, 12.5.1919; N. N.: International Congress of Women arranged by the International Committee of Women for Permanent Peace. International Congress of Women Schedule, May 12-17, 1919. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    15. Das Bühnenwerk wurde von dem Ostjüdischen Frauenverein organisiert und hat angeblich den Charakter eines Tanztees (thé dansant). Vgl.: Neue Zürcher Zeitung, 17.5.1919; Hürzeler, Rolf: Sie wollten es besser machen als die Männer. In: Tagesanzeiger, 11.5.2019. ↩︎
    16. „[…] was unique in its inclusion of Art as an expression of the creative and harmonising power which must be active in all efforts to produce peace in the world.“ N. N.: League of Peace and Freedom, S. 8. ↩︎
    17. Die Idee, Jedermann in Salzburg im August 1920 aufzuführen, nahm erst im April Gestalt an, und später in Zusammenhang mit Alexander Moissis Gastspiel in der Neuen Wiener Bühne, das mit einer Jedermann-Aufführung unter der Regie von Emil Geyer am 19.6.1920 stattfand. Vgl.: N. N.: Neue Wiener Bühne. – Gastspiel Alexander Moissi. In: Wiener Zeitung, 21.6.1920; Hugo von Hofmannsthal an Ottonie Gräfin Degenfeld, 8.6.1920. In: Hugo von Hofmannsthal – Ottonie Gräfin Degenfeld. Briefwechsel. Hg. v. Marie Therese Miller-Degenfeld und Eugene Weber. Frankfurt am Main: Fischer 1974,S. 431. ↩︎
    18. Vgl.: N. N.: The Play of Everyman: Based on the old English morality play. New Version by Hugo von Hofmannsthal set to blank verse by George Sterling in collaboration with Richard Ordynski. San Francisco: A. M. Robertson 1917. Das Original aus der Tudor-Ära, The Sumonyng of Everyman, wurde im Jahr 1901 von Peter Dorland als Everyman. A Morality Play ins moderne Englisch bearbeitet. ↩︎
    19. Vgl.: League of Peace and Freedom, S. 10. ↩︎
    20. Die Elektra-Vorstellung (als Drama) fand im Salzburger Stadttheater am 2.1.1917 unter der Regie und Mitwirkung von Anna Bahr-Mildenburg statt. Vgl.: H. S.: Elektra. In: Salzburger Volksblatt, 7.3.1919; N. N.: Eine Spende des Erzherzogs Eugen. In: Salzburger Volksblatt, 2.1.1917; Bahr, Hermann: 1917 [Tagebuch]. Innsbruck: Verlagsanstalt Tyrolia 1918, S. 46-48. ↩︎
    21. Vgl.: Wolf, Norbert Christian: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg: Jung und Jung 2014. ↩︎
    22. Vgl.: R. A.: „Jedermann“ in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 23.8.1920; Steinberg, Michael P.: Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele. 1890–1938, übers. v. Marion Kagerer. Salzburg: Anton Pustet 2000, S. 190-195. ↩︎
    23. Für die erste Jedermann-Aufführung hat die Salzburg Festspielhausgemeinde mit „internationalen“ Besuchen von Kurgästen aus der bayerischen Umgebung Salzburgs, nämlich Berchtesgaden und Bad Reichenhall, gerechnet. Vgl.: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1. 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 560-561. ↩︎
    24. Vgl.: Kainberger, Hedwig: Alles beginnt mit Stimmengewirr. Viele Ideen. „Nein, die Salzburger Festspiele haben nicht mit dem ‚Jedermann‘ angefangen“, sagt Klemens Renoldner. In: Salzburger Nachrichten Spezial. Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele, S. 13. ↩︎
    25. Vgl.: Stefan, Paul: Reinhardt Spiel in Salzburg. In: Neue Zürcher Zeitung und schweizerisches Handelsblatt, 27.8.1920. ↩︎
    26. Ebd.: „Salzburg lockt. Es müßte das nicht. […] Denn Salzburg, so hörten wir, wollte und will Festspielstadt werden und Reinhardt, Hofmannsthal und Roller wecken und fördern diese Luft der ehrgeizigen Väter, die noch immer den Traum eines friedlichen, verkehrsreichen Europa träumen und doch selbst je und je die Fremden von ihrer Schwelle weisen müssen, die ihnen so willkommen wären. Eine weltumspannende Gemeinde ist begründet […]. Salzburg ist nicht mehr, was es früher war, die sommerliche Fremdenstadt, das Hotel Mitteleuropas: es ist wieder ein Zentrum, und, ich glaube, ein glückhaftes.“ ↩︎
    27. Stefan, Paul: Ein Weltbild der Musik. Anmerkungen zu den Musikfesten in Donaueschingen und Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 243. ↩︎
    28. Vgl.: Wolf, Norbert: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst, S. 239. ↩︎
    29. Vgl.: von Dassanowsky, Robert / Arens, Katherine (Hg.): Interwar Salzburg Austrian Culture Beyond Vienna. London: Bloomsbury 2024; Werley, Matthew (Hg.): Achtung International! Salzburg & 100 Jahre Internationale Gesellschaft für Neue Musik. Wien: Hollitzer 2024. ↩︎
    30. Die österreichische Sektion der Frauenliga hielt eine große Versammlung bereits im Mozarteum am Juni 1920. Vgl.: N. N.: !!Große Versammlung!!. In: Salzburger Wacht, 16.6.1920. ↩︎
    31. Vgl.: N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Salzburger Wacht, 5.5.1921; N. N.: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit. Eine Internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Wacht, 3.6.1921. ↩︎
    32. Vgl.: N. N.: Dritter Kongreß der Internationalen Frauenliga. In: Salzburger Wacht, 11.7.1921; N. N.: Tagesordnung des Dritten Kongresses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Wien: Frisch 1921. ↩︎
    33. In einem Bericht ist die Dauer der Sommerschule von 1. bis 31.8. angekündigt. Vgl.: N. N.: Die internationale Sommerschule in Salzburg. In: Salzburger Volksblatt, 1.8.1921; N. N.: Jane Addams. In: Salzburger Volksblatt, 4.8.1921. ↩︎
    34. Vgl.: Emily Greene Balch to Women’s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, August 31, 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Bussey, Gertrude / Tims, Margaret: Pioneers for Peace. Women’s International League for Peace and Freedom 1915–1965. Oxford: Alden Press 1980, S. 41. ↩︎
    35. N. N..: Die internationale Sommerschule, 1.8.1921. ↩︎
    36. Im Februar 1920 hat die britische Sektion der Frauenliga schon Pläne für eine Sommerschule besprochen (Heidelberg und Genf wurden vorgeschlagen). Erst im Juni/Juli 1920 kam das Mozarteum durch persönlichen Kontakt zwischen Emmeline Pethick-Lawrence und Bernhard Paumgartner in Frage. „We propose to have a congress every other year hereafter and plan to hold the next one in Austria the last week of July, 1921. This is to be followed by a summer-school covering the first two weeks of August to be held at the Mozarteum in lovely Salzburg“. N. N.: Women’s International League for Peace and Freedom. Genf: Selbstverlag 1920, S. 4; Vgl: Emily Greene Balch an Yella Fuchs Hertzka, 23.12.1920; Emily Greene Balch to Women‘s International League for Peace and Freedom National Sections and Secretaries, 31.8.1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024); Emily Greene Balchs Rundschreiben an den internationalen Vorstand der Frauenliga, 9.2.1921. Ebd. ↩︎
    37. Vgl.: Emily Green Balch an Yella Hertzka, 23.12.1920. In: Ebd.; Gürtler, Christa: Friderike Winternitz Zweig – Intellektuelle und Friedensaktivistin. Das Engagement in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. In: Holmes, Deborah / Wörgötter, Martina (Hg.): Friderike „Zweig“. Weibliche Intellektualität im frühen 20. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023, S. 43-57. ↩︎
    38. Vgl.: Oesch, Corinna: Yella Hertzka (1873–1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauenbewegung. Innsbruck: Studien Verlag 2014. ↩︎
    39. Vgl.: Richard Strauss an Hugo von Hofmannsthal, 19.8.1921. In: Schuh, Willi (Hg.): Richard Strauss – Hugo von Hofmannsthal: Briefwechsel. Zürich: Atlantis 1978, S. 469-471. ↩︎
    40. Eine Teilnahme des Direktors des Mozarteums, Bernhard Paumgartner, der seit 1914 mit der Tochter des steirischen Heimatdichters Peter Rosegger verheiratet war, scheint ausschließbar zu sein. Die katholische Frauen-Organisation in Salzburg betrachtet die Internationale Frauenliga als eine Konkurrenz, die jüdische Anliegen vertritt. Vgl.: N. N.: Internationale Frauen-Liga für Frieden und Freiheit. In: Mitteilungen des Landesverbandes der Katholischen Frauen-Organisation für das Land Salzburg 4/1921, S. 19. ↩︎
    41. Vgl.: N. N.: Die Friedensschule in Salzburg. Die Friedensschule in Salzburg, ca. July 1921 · Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    42. Anfang Jänner 1921 hat Helena Swanwick einen Entwurf des Programms gemacht, die praktische Organisation der Schule wurde von Kathleen Elizabeth Royds koordiniert. Vgl.: N. N.: Women’s International League Protokolle vom 7. Jänner, 6. Mai und 2. September 1921. UKLSE_DL1_PI01_003_001_0004_0001.pdf – LSE Digital Library (arkivum.net) (3.1.2024). ↩︎
    43. Balach, Emily Green: Notizen von ca. September 1921. Description of East European Journey and WILPF Summer School, ca. September 1921. Jane Addams Digital Edition (ramapo.edu) (3.1.2024). ↩︎
    44. N. N.: Nachtrag. Eröffnung der internationalen Sommerschule. In: Salzburger Wacht, 1.8.1921; N. N.: Die Salzburger Sommerschule. In: Salzburger Chronik, 14.8.1921. ↩︎
    45. Vgl.: Werley, Matthew: Genf der Musikwelt? Salzburg, Werner Reinhart und die Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. In: Taddy, Ulrich (Hg.): Werner Reinhart. Mäzen der Moderne. München: Edition Text + Kritik 2023, S. 109-128. ↩︎
    46. Vgl.: Kramrisch, Stella: Untersuchungen zum Wesen der frühbuddhistischen Bildnerei Indiens. Wien, Diss. 1919. Ihr Doktorvater Josef Strzygowski betreute auch die Doktorarbeit von Egon Welleszs Ehefrau Emmy Ghandara im Rahmen vergleichender Kunstforschung. Wien, Diss. 1921. ↩︎
    47. Dorothy Moulton (Lady Mayer) an Egon Wellesz, 22.6.1962. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (F 13 Wellesz 1409/6). ↩︎
    48. In einem Überblick über die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das amerikanische Musikleben hob ein deutscher Kritiker Moulton als eine etablierte Verfechterin der musikalischen Versöhnung hervor: „[…] eine englische Sängerin, Dorothy Moulton, [war] […] eine der ersten [die] sich wieder der Originalsprache bedient“. Möller, Heinrich: New Yorker Musikleben während des Krieges. In: Signale für die musikalische Welt, 2.3.1921. ↩︎
    49. Vgl.: Moulton, Dorothy: The Forgotten Master. The Life and Times of Louis Spohr. London: Weidenfeld and Nicolson 1959, Klappentext. ↩︎
    50. Auf dem Programm waren Lieder von Henri Duparc, Pierre de Bréville, Ernest Chausson, Maurice Ravel, Manuel de Falla, Roger Quilter, Arnold Bax, Hamilton Harty, Cyril Scott und Frank Bridge. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton, Soprano. In: Musial Courier, 18.11.1920; A.W.K.: Dorothy Moulton Makes Fine Impression at Début. In: Musical America, 20.11.1920. ↩︎
    51. Fitch, C. Harold: Music at the Festival Conference on Creative Peace. In: The Musical Times, 1.10.1919. ↩︎
    52. Vgl.: Lucas, Clarence: London’s Autumn Season Opens With Plethora Of Concerts. In: Musical Courier, 3.11.1921; N. N.: Vienna Hears Kreisler and British Visitors. In: Musical America, 10.12.1921. ↩︎
    53. Vgl.: N. N.: Konzerte. In: Musikalischer Kurier, 7.11.1921; Wellesz, Egon: Gründung der I.G.N.M. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    54. N. N.: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 22.9.1921; N. N.: Dorothy Moulton. In: Neues Wiener Tagblatt, 28.9.1921; Hoffmann, Rudolph Stephan: Musik in Wien. In: Musikblätter des Anbruch 3/1921, S. 324. ↩︎
    55. Vgl.: N. N.: British Music Celebrities Meet. In: Musical America, 24.12.1921. ↩︎
    56. Für den Liederabend engagierte die Konzertdirektion Gutmann (Hugo Knepler) das Gottesmann Quartett (mit Hugo Kauder als Bratschist) und etliche Mitglieder der Wiener Symphoniker. Der bekannte Pianist Otto Schulhof hat die Sopranistin am Klavier begleitet. ↩︎
    57. „Wäre nicht einiges Fremde in der Aussprache des Deutschen zu bemerken gewesen, hätte man sie ohneweiteres für eine geborene Wienerin ansehen können. Dorothy Moultons Stimme ist für den Vortrag von Liedern prädestiniert“. N. N.: Liederabend Dorothy Moulton. In: Reichspost, 21.10.1921. ↩︎
    58. N. N..: Konzertnachrichten. In: Neues Wiener Tagblatt, 15.10.1921. ↩︎
    59. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von / Wellesz, Egon: Deutsche Festspiele zu Salzburg. In: Der neue Tag, 21.9.1919. ↩︎
    60. Wellesz, Egon: Die Frau ohne Schatten. In: Musikblätter des Anbruch 1/1919, S. 15. ↩︎
    61. „Der Gedanke, in der Umgebung dieser einzigartigen Stadt, dem Knotenpunkte zwischen Westen und Osten, Norden und Süden, Festspiele zu halten, ist ja verlockend; er dürfte sich auch auf weltbürgerlicher Basis leichter verwirklichen lassen, als auf nationaler, in der Art, daß das Beste, was der europäische Geist geschaffen hat, hier in vollendeter Form aufgeführt wird“. Wellesz, Egon: Konzert der Salzburger Festspielhausgemeinde. Richard Strauß. Suite aus „Der Bürger als Edelmann“. In: Der
      neue Tag, 4.2.1920. ↩︎
    62. Die Zusammenarbeit zwischen Wellesz und Hofmannsthal begleitete auch eine Auftragsarbeit in der von Hofmannsthal und Hermann Bahr herausgegebenen Bücherreihe Theater und Kultur (Band 6). Wellesz, Egon: Der Beginn des musikalischen Barock und die Anfänge der Oper in Wien. Wien: Wiener Literarische Anstalt 1922. ↩︎
    63. Vgl.: Mayer, Robert: My First Hundred Years. The Revised Version of an Informal Address given at the British Institute of Recorded Sound on Friday, 3rd December, 1971. Gerrards Cross: Van Duren 1976.x ↩︎
    64. Vgl.: N. N.: Dorothy Moulton. In: Neue Freie Presse, 28.1.1922. ↩︎
    65. Vgl.: N. N.: Internationales Musikfest in Salzburg. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 10.2.1922; N. N.: Wiener Kammermusik-Vereinigung. In: Vossische Zeitung, 12.2.1922. ↩︎
    66. Vgl.: Hoffmann, Robert: Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“? Wo waren die Frauen bei der Gründung der Salzburger Festspiele? In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – KeineFrau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024,S. 58-73, S. 64. ↩︎
    67. „Schon im letzten Jahr kamen Fremde aus allen Ländern nach Salzburg. Wenn ihnen nun die Festspielhausgemeinde Gaben großer Vergangenheit bietet: lag es nicht nahe, sie, in einem bescheidenen Rahmen, mit der Musik von heute vertraut zu machen?“. Stefan, Paul: Internationale Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Musikblätter des Anbruch 4/1922, S. 34. ↩︎
    68. Erstaunlicherweise wurde Moulton überhaupt nicht in der deutschsprachigen Literatur über die Internationale Gesellschaft für Neue Musik berücksichtigt. Im April besuchte Smyth in Begleitung von Moulton die Stadt Wien, wo zwei Orchesterkonzerte zeitgenössischer britischer Musik unter Leitung von Adrian Boult stattfanden. ↩︎
    69. Weißmann, Adolf: Salzburg: (Festspiele 1922). In: Die Musik 15, 1.10.1922. ↩︎
    70. Vgl.: Bechert, Paul: First „Regular“ Salzburg Festival A Great Success. In: Musical Courier, 13.9.1923; Korngold, Julius: Neukammermusik als Salzburger Festspiel (1923). In: Stollberg, Arne / Panagl, Oswald (Hg.): Korngold, Julius: Atonale Götzendämmerung. Kritische Beiträge zur Geschichte der Neumusik-Ismen (Wien 1937). Würzburg: Königshausen & Neumann 2019, S. 289–98; N. N.: To Form Section of New Music Society. International Composers’ Guild Calls Meeting to Pave Way for American Group. In: Musical America, 6.1.1923. ↩︎
    71. Alle Insider wussten, dass sämtliche im August stattgefundene Veranstaltungen in Salzburg als die Salzburger Festspiele bekannt waren. Vgl.: Felber, Rudolf: Die internationalen Kammermusikaufführungen und die Mozart-Festspiele in Salzburg. In: Zeitschrift für Musik. Halbmonatsschrift für Musiker und Freunde der Tonkunst 89/1922. ↩︎
    72. Vgl.: Wellesz, Egon: Salzburg Festival. In: Eaglefield-Hull, Arthur (Hg.): A Dictionary of Modern Music and Musicians. London: J. M. Dent & Sons 1924, S. 432. Dieser Eintrag wurde von der Wellesz-, Festspiel- und IGNM-Forschung bisher übersehen. ↩︎
    73. Vgl.: Aber, Adolf: Salzburg after Fifteen Years. In: The Musical Times 78 (1937), S. 832. ↩︎
    74. Vgl.: Robert Mayer an Egon Wellesz, 11.5.1971. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 1409a); Mayer, Robert: My First Hundred Years, S. 14. ↩︎
    75. Vgl.: Wellesz [Gründung der I.G.N.M.]. In: ÖNB Musiksammlung, Egon Wellesz Nachlass (Signatur, F 13 Wellesz 2315). ↩︎
    76. „Moulton invited Egon Wellesz to London, where he met at our house the distinguished musical scholar Edward J. Dent, whom he interested in the project to start an International Society for Contemporary Music. Dent agreed to become its President, and the S.C.M. was practically born in our house. It held its first festival in 1922 in Salzburg“. Mayer, Robert: My First Hundred Years [3.12.1971]. In: Mayer, Robert: My First Hundred Years, 1979, S. 17-18; Henry, Leigh: London Letter. In: The Chesterian, 1.6.1922. ↩︎
    77. Dorothy Moulton an Engelbert Dollfuß, 16.11.1933. In: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Abteilung Neues politisches Archiv, Liasse Österreich 33/36 (Signatur, AVFH Zl. 99.297 13/33). Zit. n.: Kriechbaumer, Robert: Zwischen Österreich und Großdeutschland. Eine politische Geschichte der Salzburger Festspiele 1933–1944. Wien: Böhlau 2013, S. 165-166. ↩︎
    78. „[…] die Salzburg British Empire Society, um deren Organisation sich Frau [Baronin Evamaria] von Wunschheim [geb. Seidl von Hohenveldern] in Wien besondere Verdienste erworben hat. […] In der Nacht, […], bietet die englische Sängerin Dorothy Moulton eine Veranstaltung teils im Freien (Naturtheater des Mirabellgartens), teils in Sälen, wo moderne Kammermusik und Lieder neuer Komponisten geboten werden; Ende beiläufig 2 Uhr, soweit sich das abschätzen läßt“. Stefan, Paul: „Außer Programm“ in Salzburg“. In: Die Stunde, 21.8.1934; Stefan, Paul: Französisches Musikfest englisch-amerikanischer Gäste. In: Die Stunde, 25.8.1934. ↩︎
    79. Réti, Rudolf: Salzburg – Verheißung und Gefahr. In: 23. Eine Wiener Musikzeitschrift, 25.11.1934; Rudolf Réti an Bernhard Paumgartner, 9.10.1934. In: Paris Lodron Universität Salzburg, Nachlass Bernhard Paumgartner (ohne Signatur). ↩︎
    80. Das erste Auftragswerk der Salzburger Festspiele ging an Arthur Bliss (Music for Strings, UA 11.8.1935) und wurde von Paul Stefan genau in dieser Tradition von Hofmannsthal besprochen. „Internationally, […] the festival program seeks to offer something to each nation, to give representation to each nation, mindful of the truly cosmopolitan recommendation of Hofmannsthal“. Stefan, Paul: Variety in Profusion of Salzburg Concerts. In: Musical America, 10.10.1935. ↩︎
    81. Strawinsky und Ravel, die meistgespielten zeitgenössischen Autoren der westlichen Länder, werden allmählich in Deutschland bekannter“. Adorno, Theodor: Zeitgenössische Musik in Frankfurt a. M.. In: Zeitschrift für Musik. Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen Musik 92 (1925), S. 216. ↩︎
    82. N. N.: Die Kammermusikaufführungen in Salzburg. In: Neue Freie Presse, 27.6.1922. ↩︎
    83. Am 19. September 1919 fand das erste und einzige Konzert des Collegium Musicums bzw. des Wassermann-Vereins mit einem Programm aus Werken von Wilhelm Grosz, Claude Debussy und Maurice Ravel statt. ↩︎
    84. Vgl.: Rószi Várady an Edward J. Dent, 26.3.1925. In: King’s College Cambridge Archives, EJ Dent Papers (Signatur, EJD-2-8-7-070). ↩︎
    85. „Nach einer Statistik, die kürzlich über die in einem bestimmten Zeitraum zur Aufführung gelangten musikalischen Werke aufgestellt wurde, befanden sich unter den Kompositionen 350 Stücke von 200 weiblichen Komponisten. Dabei steht England (62 Komponistinnen mit 80 Werken) an der Spitze. Es folgt Frankreich mit 60 weiblichen Komponisten. Italien zählt kaum die Hälfte. Auf Deutschland treffen nur 27 Komponistinnen mit 47 Werken“. N. N.: Kreuz und quer. In: Zeitschrift für Musik 89 (1922), S. 461. ↩︎
    86. Vgl.: Krenek, Ernst: Contemporary Problems. Functions of the I.S.C.M. Festival. In: The Daily Telegraph, ca. Juni 1938. ↩︎

    MATTHEW WERLEY

    Studium der Musikwissenschaften, Musik und Theologie. Seit 1997 Lehrtätigkeiten u.a. an der Paris Lodron Universität Salzburg, der University of Cambridge und der Temple University in Philadelphia. Forscht zu den Salzburger Festspielen sowie zur Musik und Literatur in Österreich. Zahlreiche Publikationen, darunter „… eine Synthese aus sakralem-dekorativmonumentalem Musikdrama“.: Karajan, Glucks Orpheus und Eurydike und die Umwidmung der Felsenreitschule zur Opernbühne der Salzburger Festspiele 1948 (2023).

  • Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“?

    Nur „Gründungsväter“ und keine „Gründungsmütter“?

    Wo waren die Frauen bei der Gründung der Salzburger Festspiele?

    In der Geschichte politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Institutionen spiegeln sich – wie sollte es anders sein – die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Die Salzburger Festspiele stellen diesbezüglich keine Ausnahme dar. Wenn also in der Historiographie der Salzburger Festspiele nur von deren „Gründungsvätern“ Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Rede ist, darüber hinaus am Rande vielleicht noch Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch als Gründer der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde Erwähnung finden, dann entspricht diese ausschließliche Fokussierung auf Akteure einer gesellschaftlichen Realität, die heute befremdlich anmutet.1 „Gründungsmütter“ gab es tatsächlich keine, was aber nicht verwundern kann, da Frauen innerhalb der damaligen patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen die Mitwirkung an der Konstituierung von Vereinen, Parteien, Verbänden etc. in der Regel verwehrt blieb. In diesem Sinn sind die Salzburger Festspiele im Kontext ihrer Gründung ohne Zweifel ein patriarchalisches Konstrukt ebenso wie fast alle vergleichbaren Institutionen der damaligen Epoche. Daran änderte sich auch im Verlauf der folgenden Jahrzehnte nur wenig. Die Absenz von Frauen in den Leitungsgremien der Festspiele bestand letztlich bis in die jüngere Vergangenheit fort, sieht man von der nur kurz währenden Episode der Kooptierung einer Sängerin 1921 in die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde einmal ab.2 Letztlich sollte es nach der Festspielgründung 75 Jahre dauern, ehe mit Helga Rabl-Stadler erstmals eine Frau an die Spitze des Festspielkuratoriums als Präsidentin berufen wurde.

    Die pauschale Annahme einer männerbündischen Verschwörung zum Ausschluss der Frauen vom Gründungsprozess der Festspiele erscheint dennoch abwegig. Allein schon der Umstand, dass sich die Gründung der Festspiele in einem langwährenden Prozess der wechselseitigen Annäherung von zwei in weltanschaulicher und künstlerischer Ausrichtung grundverschiedenen Festspielinitiativen vollzog, lässt den Verdacht einer derartigen Verschwörung als unbegründet erscheinen. Überdies waren Frauen de facto in allen Phasen des Geschehens in der einen oder anderen Weise präsent, zwar nur ausnahmsweise als einflussreiche Akteurinnen, vielfach aber als nützliche und hilfreiche Förderinnen des Festspielgedankens, wenn auch überwiegend im Hintergrund wirkend. Zudem standen Theater, Oper und Konzert, die Säulen des Kulturbetriebs im bürgerlichen Zeitalter, den Frauen gegenüber grundsätzlich offen, und auch in Salzburg waren Schauspielerinnen und Sängerinnen als Mitwirkende von Festspielveranstaltungen von Anbeginn präsent. Ebenso unverzichtbar waren Frauen naturgemäß als Teil des Publikums, womit sich das Bild von ausschließlich von Männern geprägten Festspielen zusätzlich relativiert.

    Im Folgenden sei der Versuch unternommen, die bislang nur selten und meist am Rande thematisierte Mitwirkung von Frauen am Gründungsprozess der Festspiele an einigen ausgewählten Beispielen nachzuzeichnen. Begonnen sei mit jener Frau, deren Einflussnahme den Gang der Entwicklung insofern entscheidend beeinflusste, als sie – konträr zu den Intentionen der Gründungsväter der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde – verhinderte, dass die Internationale Stiftung Mozarteum zur Trägerin der Festspielidee wurde.

    Die Bühnen von Theater und Oper boten Schauspielerinnen und Sängerinnen – insbesondere für Letztere bürgerte sich im späten 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Diva“ ein − bekanntlich bereits vor dem Zeitalter der Emanzipation die Möglichkeit, in beruflich und gesellschaftlich herausragende Positionen aufzusteigen, wie sie in fast allen anderen Bereichen nur Männern vorbehalten waren.3 Ein Beispiel dafür ist Lilli Lehmann, damals eine der am meisten gefeierten Opernsängerinnen Deutschlands, die seit 1901 bei allen von der Internationalen Stiftung Mozarteum veranstalteten Salzburger Musikfesten als Interpretin mitwirkte, bei jenen von 1906 und 1910 darüber hinaus – was im zeitgenössischen Rahmen eine singuläre Ausnahme war − auch als Regisseurin und künstlerische Leiterin.4 Dank ihrer Vernetzung im internationalen Musikbetrieb gelang es ihr, zahlreiche renommierte Künstler des In- und Auslandes zur Mitwirkung zu gewinnen. Ihr Einfluss auf die Stiftung Mozarteum wurde daher mit jenem von Richard Wagners Witwe Cosima auf die Bayreuther Festspiele verglichen, weshalb man sie auch als „Salzburgs Cosima“5 bezeichnete.

    Die Devise „Mozart über alles“ kennzeichnete über mehr als zwei Jahrzehnte Lilli Lehmanns Aktivitäten im Umfeld des Mozarteums. Als einziges weibliches Mitglied des Stiftungs-Kuratoriums verstand es die Sängerin, die in Scharfling am Mondsee eine Villa besaß, ihren Einfluss in allen wesentlichen Mozarteums-Angelegenheiten geltend zu machen. Die regelmäßige Abhaltung von Musikfesten zählte seit 1901 zu Lilli Lehmanns Kernanliegen. Zugleich stand sie allen Plänen einer Ausweitung der Festspielidee nach dem Vorbild von Bayreuth strikt ablehnend gegenüber. Als Anhängerin eines kultivierten, jedoch puristischen Mozartkults lehnte sie insbesondere den Bau eines großdimensionierten „Mozart-Festspielhauses“ entschieden ab, welchen Friedrich Gehmacher, selbst Funktionär des Mozarteums, seit 1913 forcierte. Lehmann befürchtete nicht nur eine finanzielle Überbelastung des Mozarteums. Der Bau eines großen Operntheaters stand für sie per se im Widerspruch zu einem intimen Aufführungsstil, wie sie ihn als unabdingbar für Mozarts Opern hielt.

    Wenn schon ein Festspielhaus für notwendig gehalten werde, so teilte Lehmann es in der für sie typischen apodiktischen Ausdrucksweise ihrem Vertrauten, dem Musikwissenschaftler Rudolf von Lewicki, mit, dann dürfe ein solches zwar „neuen Ansprüchen“ gerecht werden, „durchweg aber nur für Mozartopern in kleinen intimen Räumen und Stile, ohne Reinhardtideen6 an Decorationen, Regie oder Comparserien“. Die Opern „der damaligen Zeit sollen das alte Gepräge der Intimität und die Sänger und Schauspieler bester Art [haben, diese] aber ohne jede verrückte [Schaudermärchen] in der Gesangskunst die Hauptaufgabe sehen“. Vor allem aber fordert sie, dass „Mozart die Kokarde7 bleiben“ müsse. „Und man soll gerade darin, daß man in Salzb. die Mozartopern in der alten, von Mozart gedachten Art beibehält, die Hauptattraktion erblicken und diese Art zum Stempel der Unternehmung machen.“8

    Der Streit zwischen Lehmann und Gehmacher, der vom Wiener Musikjournalisten Heinrich Damisch tatkräftig unterstützt wurde, eskalierte nach der von beiden im August 1917 vollzogenen Gründung der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde bis hin zur offenen Auseinandersetzung von Gegnern und Befürwortern der Festspielhausidee innerhalb des Kuratoriums der Stiftung Mozarteum. Nach Lilli Lehmanns Drohung, die Würde der Ehrenpräsidentin der Stiftung zurückzulegen, setzte sich die von ihr und von Lewicki geführte Fraktion im Kuratorium durch, was Gehmacher veranlasste, von seinen Funktionen zurückzutreten. Damit war der Bruch zwischen dem Mozarteum und der Festspielhausidee vollzogen.9 Wenn die Stiftung Mozarteum und die Salzburger Festspiele heute als zwei voneinander unabhängige Institutionen florieren, dann war diese langfristig bedeutsame Weichenstellung vor allem das Werk einer selbstbewussten Frau, der es im damaligen von Männern dominierten gesellschaftlichen Umfeld gelungen war, ihre Ansichten zur Geltung zu bringen und eine klare Entscheidung im Sinne einer getrennten Entwicklung von Mozarteum und Festspielen herbeizuführen, welche sich aus heutiger Perspektive langfristig durchaus bewährte.

    Mit der Gründung der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde am 1.8.1917 sollte die organisatorische Grundlage für die Beschaffung der Mittel zur Erbauung eines Festspielhauses und in weiterer Folge auch für die Abhaltung von Festspielen geschaffen werden. Die damit verbundenen Aufgaben erwiesen sich – von der Vereinsgründung an – als arbeits- und vor allem auch kostenaufwändig. Somit lag es nahe, dass Heinrich Damisch bereits im Vorfeld der Gründung des Vereins mit Einverständnis seines Salzburger Freundes Friedrich Gehmacher daran ging, für diese Idee in Wien einflussreiche und darüber hinaus auch wohlhabende Unterstützer und Förderer zu gewinnen, wobei – im Sinne des generischen Maskulinums − Frauen nicht nur mitgedacht, sondern willkommen waren, sofern von ihrer Mitwirkung ein praktischer, das heißt vor allem finanzieller Nutzen zu erwarten war. Da die Aufbringung der für die Errichtung eines Festspielhauses erforderlichen finanziellen Mittel das Vereinsziel war, ging es zunächst vor allem um die Anwerbung möglichst potenter „Gründer“ (oder „Stifter“), „Spender“ und „Förderer“ – so die Hierarchie der Vereinsmitglieder. Hier zeigte sich von Beginn der Vereinstätigkeit an, dass Frauen auf allen Ebenen vertreten waren – und zwar nicht nur in Verbindung mit dem Gatten, sondern vielfach eigenständig und mit durchaus beträchtlichen Summen. Bereits 1916 hatte Damisch die Beauftragung von zwei Industriellengattinnen mit „weiblicher Propaganda“ in Betracht gezogen.10 Wie groß der Anteil von Frauen unter den Mitgliedern der Festspielhaus-Gemeinde war, lässt sich aber nicht feststellen, da deren Zahl nicht gesondert ausgewiesen wurde, weder für den Gesamtverein noch dessen Zweigvereine und Ortsgruppen. In Summe hatte der Verein Ende 1921 immerhin mehr als 3.000 Mitglieder.11

    Die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde, aufgenommen nach einer Direktionssitzung im Marmorsaal von Schloss Mirabell, 1919. Sitzend, v.l.n.r.: Friedrich Gehmacher, Karl Ritter von Wiener, Heinrich Damisch. Stehend, v.l.n.r.: Richard Tomaselli, Arthur Sacher, Franz Willvonseder, Sektionsrat Gustav Huber, Richard Mayr, Edwin Schurich, Emil Ronsperger, Georg Jung, Richard Wagner, Paul Hellmann, Arthur Schey. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Aktiv geworben wurde von Seiten des Vereins nicht nur um Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens, also um Industrielle, Fabrikanten und Bankiers, von denen man sich die entscheidenden Impulse bei der Finanzierung des Festspielhausprojekts erhoffte. Ebenso wichtig erschien die propagandistische Unterstützung durch Persönlichkeiten des Kunstlebens, welche die Verbreitung der Festspielidee im In-und Ausland übernehmen sollten. Schon bald zeigte sich, dass eine Reihe von prominenten Sängern und Sängerinnen im Gegensatz zu ihrer Kollegin Lilli Lehmann der Errichtung eines Festspielhauses in Salzburg durchaus wohlwollend gegenüberstanden. Dabei fällt auf, dass es vor allem Sängerinnen waren, die eine aktive Unterstützung in Aussicht stellten. Damisch berichtete etwa im September 1917 seinem Freund Gehmacher: „Gestern abends habe ich mit Frau Kiurina-Leuer12 gesprochen; sie ist von unserer Idee begeistert und hat erklärt, daß sie da mit allen Kräften dabei sein wolle.“13

    Überaus positive Rückmeldungen von Künstlerinnen erreichten die Festspielhaus-Gemeinde auch auf Aufrufe und Anfragen, welche Anfang 1918 an Persönlichkeiten des Kunstlebens in Deutschland und Österreich weitergeleitet wurden. Sowohl die an der Berliner Hofoper wirkende Lola Artôt de Padilla14 als auch Hermine Bosetti15 von der Münchner Hofoper, beide renommierte Mozartinterpretinnen, würden, wie die Festspielhaus-Gemeinde stolz verkündete, „die Salzburger Initiative zur Errichtung eines Mozart gewidmeten ‚Österreichischen Festspielhauses […] auf das Freudigste‘ begrüßen“16. Wie sehr man gerade auf die Mitwirkung von Künstlern, und zwar beiderlei Geschlechts, bei der Verbreitung des Festspielgedankens baute, lässt sich einem Schreiben Damischs vom November 1919 entnehmen, in dem davon die Rede ist, dass der Wiener Zweig der Festspielhaus-Gemeinde erfolgreich dabei sei, Ortsgruppen der Festspielhaus-Gemeinde an allen Wiener Theatern ins Leben zu rufen. Und zwar würden „Frau Erika Wagner17 eine Ortsgruppe Deutsches Volkstheater“, der Sänger Richard Mayr18 eine „Ortsgruppe Staatsoper“, Frau Lucille Weingartner19 eine „Ortsgruppe Volksoper“ und „Herr Weingartner20 eine Ortsgruppe Wiener Philharmoniker“ gründen. Ob die geplanten Ortsgruppen tatsächlich gegründet wurden, scheint fraglich, denn weder der Vollzug einer Gründung noch der Nachweis einer Tätigkeit sind überliefert.

    Die Direktion der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde nach einer Direktionssitzung im Hof der Residenz, 1920. Sitzend, v.l.n.r.: Eugen Merkl, Edwin Schurich, Arthur Schey, Franz Willvonsender Stehend, v.l.n.r.: Richard Wagner, Arthur Sacher, Friedrich Gehmacher, Heinrich Damisch, Botschek, Hans Poelzig, Josef Ridler, Emil Ronsperger, Adolf Frank, Hartmann, Emanuel Jenal, Heinrich Clessin, Richard Tomaselli. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Sehr wohl überliefert ist männliches Lob für die hilfreiche weibliche Beteiligung an der Vereinsarbeit des Wiener Zweigvereins, etwa durch Heinrich Damisch: „Für regelmäßige, gute Wiener Musikberichte und wertvolle Artikel habe ich als ständige Mitarbeiterin Fräulein Hedwig Perger, die Tochter des verstorbenen Richard von Perger,21 gewonnen. Sie schreibt ausgezeichnet und ist ein sehr kluges und geschicktes Mädel.“ Oder: „Als werbende Kraft hat sich ein Mitglied des Zweigvereins Wien, Fräulein Valerie Tröthann, große Verdienste erworben und ihre unermüdliche Tätigkeit zur Gewinnung neuer Mitglieder kann als beispielgebend hingestellt werden.“22

    Nur ausnahmsweise wurde allerdings die Unterstützung einer Frau als derart wertvoll betrachtet, dass sich die Festspielhaus-Gemeinde zu einem außergewöhnlichen Schritt der Anerkennung entschied. Als die frühere, gefeierte Altistin der Wiener Hofoper, Frau Charles Cahier23, im Verlauf einer Konzertreise durch Skandinavien auf sämtlichen Programmen ihrer Konzerte einen Aufruf zum Beitritt in die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde drucken ließ, daraufhin binnen kurzem als Erfolg ihrer Werbetätigkeit 34 Anmeldungen aus Schweden eintrafen und damit verbunden Mitgliedsbeiträge in kostbaren Devisen, kooptierte die ausschließlich männlich besetzte Direktion der Festspielhaus-Gemeinde die Sängerin 1921 ohne zu zögern in ihren Kreis.24 Auch wenn es keinen Beleg dafür gibt, dass Madame Charles Cahier – sie trat ausschließlich unter dem Namen ihres Gatten in Erscheinung − ihre Funktion jemals aktiv ausübte, so bleibt doch das Faktum, dass Frauen nicht nur als einfache Mitglieder der Festspielhaus-Gemeinde akzeptiert waren, sondern ihre Mitwirkung in den Leitungsgremien willkommen war, sofern man sich davon einen Nutzen versprach.

    Auch in der exklusiven Gruppe von Unterstützern der Festspielhaus-Gemeinde, welche dieser Spenden in inflationssicheren Währungen zukommen ließen, gab es einige Frauen. Zu diesen zählte die niederländische Sängerin Julia Bertha Culp (1880- 1970), die seit 1919 mit dem Wiener Großindustriellen Wilhelm Ritter von Ginzkey verheiratet war, der seit 1918 dem Vorstand des Wiener Zweigvereins und ab 1920 auch der Direktion der Festspielhaus-Gemeinde angehörte. Die Sängerin entfaltete 1921 bei ihrer Tournee durch Nordamerika eine rege Propaganda, wodurch es ihr gelang, die New Yorker „Beethoven Association“ zu veranlassen, der Festspielhaus-Gemeinde mit einem Stifterbetrag von 2000 Dollar beizutreten.25

    Auch Richard Strauss, selbst Mitglied des Kunstrats der Festspielhaus-Gemeinde und ab 1922 deren Präsident, gelang es 1921 bei seiner Tournee den Kontakt zu US-amerikanischen Mäzenen herzustellen. Im Dezember 1921 berichtete er voller Stolz nach Wien: „Ich habe hier ein großes Comitee für Salzburg in Bildung, an der Spitze die vortreffliche Mrs. Untermyer […] und hoffe Ihnen Dollars und gute Nachrichten mitzubringen.“26 Bei der von ihm erwähnten edlen Spenderin handelte es sich um Minnie Untermyer27, die Gattin des einflussreichen New Yorker Rechtsanwalts, politischen Beraters und Mäzens Samuel Untermyer (1858-1940).28 Diese war in kulturbeflissenen Kreisen der New York City durch ihr vielfältiges Engagement bekannt. Unter anderem hatte sie 1909 an der Spitze einer Gruppe wohlhabender New Yorker Bürger gestanden, welche das in die Krise geratene New York Philharmonic Orchestra auf ein stabiles finanzielles Fundament gestellt und Gustav Mahler als Chefdirigenten berufen hatte.29 Darüber hinaus setzte sie sich gemeinsam mit ihrem Gatten für das Frauenwahlrecht ein, wobei dessen juristische Fähigkeiten ebenso nützlich waren wie die beträchtliche finanzielle Unterstützung, die er diesen Initiativen gewährte.30 Angeregt durch Richard Strauss gründete Mrs. Untermyer ein Komitee, das innerhalb kurzer Zeit 4.000 Dollar für den Bau eines Festspielhauses in Salzburg aufbrachte und darüber hinaus 9.000 Dollar für die Wiener Oper sammelte, was für damalige Verhältnisse beträchtliche Summen darstellten.31 Auf Grund ihres Engagements wurden Minnie Untermyer und Richard Strauss auf der Generalversammlung der Festspielhaus-Gemeinde am 13.8.1922 zu deren ersten Ehrenmitgliedern ernannt.32 Mrs. Untermyer nahm die Ehrung persönlich entgegen, besuchte bei den Festspielen auch eine Aufführung von Hofmannsthals Das Salzburger Große Welttheater, dessen Regisseur Max Reinhardt sie als „eine sehr kunstfreundliche und schöngeistige ältere Dame“ bezeichnete, die „von unserer Salzburger Aufführung ganz enthusiasmiert“33 gewesen sei. „In herzlicher Freundschaft“ widmete Richard Strauss der Mäzenin Drei Hymnen von Friedrich Hölderlin für eine hohe Singstimme und großes Orchester 34.

    Welche Rolle Frauen im alltäglichen Vereinsleben der Festspielhaus-Gemeinde zugedacht war, lässt sich insbesondere am Beispiel der Ortsgruppe Salzburg des Salzburger Zweigvereins zeigen. Der im Februar 1919 gewählte Vereinsausschuss bestand nämlich zur Hälfte aus Frauen, und es scheint, dass vor allem junge bürgerliche Damen – acht der elf weiblichen Ausschussmitglieder werden als „Fräuleins“ bezeichnet – hier ein Betätigungsfeld suchten. Auch der Vorstand der Ortsgruppe war paritätisch besetzt. Zwar gab es nur Obmänner und keine „Obfrauen“, aber als Kassiererin, Schriftführerin und Beirätin scheinen mehrheitlich Frauen auf.35 Auch der Vergnügungsausschuss war paritätisch besetzt, was insofern nicht verwundert, als sich das Vereinsleben und damit auch die Werbetätigkeit für das Festspielhaus-Projekt − wie den Tätigkeitsberichten zu entnehmen ist − hauptsächlich im Rahmen geselliger Veranstaltungen wie „Tanzkränzchen“, „Bunter Abenden“, „Familienkonzerten“ und Ausflügen abspielte, bei denen die Mitwirkung von Frauen unverzichtbar war.

    Max Reinhardt bei der Probe zur Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes Faust in der Felsenreitschule, 1936. © Archiv der Salzburger Festspiele / Photo Ellinger

    Dank der starken Beteiligung von Frauen, so kann man annehmen, stieg die Ortsgruppe Salzburg binnen kurzem zur mitgliederstärksten Teilorganisation der Festspielhaus-Gemeinde auf. Bereits ein halbes Jahr nach der Gründung verzeichnete die Ortsgruppe 371 Mitglieder, im April 1920 waren es bereits 500. Aus dem Umstand, dass in der Folgezeit in der Vereinsstatistik nur mehr die Mitglieder zahlen des übergeordneten Zweigvereins Salzburg der Festspielhaus-Gemeinde ausgewiesen wurden, lässt sich schließen, dass es 1920 de facto zu einer Fusion der erfolgreichen Ortsgruppe mit dem Zweigverein kam. Mit 1.867 Mitgliedern übertraf dessen Mitgliederzahl im Dezember 1921 schließlich jene des konkurrierenden Zweigvereins Wien bei weitem, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die zahlenmäßige Stärke des Salzburger Zweigvereins nicht zuletzt auf einen hohen Frauenanteil unter dessen Mitgliedern zurückzuführen ist.36 Im Juli 1920 scheint man diesem Umstand insofern Rechnung getragen zu haben, als „die Damen Brandenstein37, Kutschera und Schrems in die Vereinsleitung“38 des Zweigvereins Salzburg der Festspielhaus-Gemeinde berufen wurden. Im darauffolgenden Jahr scheinen die genannten Damen allerdings nicht mehr in diesem Gremium auf. Als in den Jahren 1922 bis 1924 im Verlauf einer erbittert geführten Konfrontation zwischen dem Wiener und dem Salzburger Zweigverein um die Führung der Festspielhaus-Gemeinde und damit um die zukünftige Ausrichtung der Festspiele gerungen wurde, waren die Männer im Vorstand wieder unter sich.

    Die sprichwörtliche Redewendung, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe, die ihm den Rücken freihalte, mutet heutzutage zu Recht als antiquiert an. Dennoch wird in der Literatur über Max Reinhardt vielfach auch heute noch der Eindruck vermittelt, dass die Rollen, welche Helene Thimig und GUSTI ADLER in dessen Leben spielten, diesem Klischee entsprechen würden, weil beide dem genialen und zugleich überaus sensiblen Regisseur sowohl im privaten als auch im künstlerischen Bereich tatsächlich „den Rücken frei“ gehalten hätten, soweit es ihnen möglich gewesen sei. Diese eingeschränkte Sicht wurde freilich, darauf sollte hingewiesen werden, von Helene Thimig und GUSTI ADLER selbst mitbegründet, die beide in ihren autobiographisch geprägten Lebensdarstellungen Max Reinhardts dazu tendieren, die eigene Bedeutung in aller Bescheidenheit zu minimieren.

    Helene Thimig. © Archiv der Salzburger Festspiele / Photo Ellinger

    In nüchterner Betrachtung ihres Wirkens wird jedoch deutlich erkennbar, dass beider Frauen Rolle im Gründungsprozess der Salzburger Festspiele durchaus relevant war und es als glückliche Fügung angesehen werden kann, dass beide gerade zu einem Zeitpunkt in Reinhardts Leben traten, als dieser das Salzburger Festspielprojekt in Angriff nahm. Die Schauspielerin Helene Thimig stand Reinhardt seit 1917 als Lebensgefährtin und engste Vertraute zur Seite, und sie war es auch, welche ihre Schulfreundin GUSTI ADLER, die sich bereits einen Namen als Feuilletonistin gemacht hatte, diesem im August 1919 als Privatsekretärin vermittelte.39 ADLER übernahm neben zahlreichen weiteren Aufgaben von nun an auch die briefliche Kommunikation Reinhardts mit Hofmannsthal, bei dem sie sich in der für sie charakteristischen bescheidenen Art, wie folgt, vorstellte:

    Wenn ich in den nächsten Monaten öfters im Auftrage von Herrn Professor Reinhardt an Sie zu schreiben haben werde, so möchte ich es nicht als völlig Unbekannte tun. Freilich sagt Ihnen mein Name, stelle ich mich als AUGUSTE ADLER vor, einstweilen noch gar nichts. Bestenfalls ergibt sich eine Gedankenverbindung zu Einem dieses Namens, der das Glück hatte, von vielen Menschen geliebt zu werden: mein Onkel Viktor Adler.40

    Der Anstellung GUSTI ADLERS war, wie sie selbst schildert, ein „ernstes Gespräch“ vorausgegangen, in dem ihr Max Reinhardt auseinandergesetzt habe, was er von seiner Privatsekretärin erwarten würde:

    Es war viel, aber bloß die Keimzelle späterer Wirklichkeit, denn das Schreiben von Briefen sollte nur der geringste Teil meiner Arbeit für ihn werden. Die Hauptaufgaben der nächsten Jahre waren Verhandlungen mit Behörden, Architekten und Theatern […] und vor allem selbstverständlich die Anwesenheit bei Proben, um Reinhardts Bemerkungen und Anweisungen festzuhalten.41

    Vor allem im Zuge der ersten Jahre ihrer Tätigkeit hielt GUSTI ADLER während Reinhardts langen Absencen die Stellung in Salzburg, wobei sie nach eigener Aussage „die volle Verantwortung für alles tragen“42 musste. Zu ihren Aufgaben zählten insbesondere die aufwändigen Verhandlungen mit der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde über sämtliche organisatorische Details der Festspielveranstaltungen sowie die Beaufsichtigung der Ausgestaltung von Schloss Leopoldskron und dessen Park, welche Reinhardt ein besonderes Anliegen war.

    Helene Thimig berichtet in ihren Erinnerungen, dass GUSTI ADLER so unentbehrlich gewesen sei, dass ihr selbst „ab und zu nichts anderes übrig“ geblieben sei, „als eifersüchtig zu sein“. Dem fügte sie freilich hinzu, dass „der Erfolg der Salzburger Festspiele nicht zuletzt auch“ GUSTI ADLERS „aufopfernder Tatkraft zu danken“ gewesen sei. Nur eines habe sie nicht gekonnt: „[…] den Freilichtaufführungen des ‚Jedermann‘ gutes Wetter besorgen“43. Der Ruf GUSTI ADLERS als „Graue Eminenz“ hinter Max Reinhardt scheint bereits zeitgenössisch so legendär gewesen zu sein, dass ihr im Februar 1936 das Neue Wiener Journal unter dem Titel Die Privatsekretärin. Karrieren hinter Schreibmaschen eine Laudatio widmete, in der es unter anderem hieß:

    Die ungemein gebildete, kultivierte und künstlerisch sehr begabte Frau liebt es absolut nicht, in die Öffentlichkeit zu treten. Bei den Festpremieren Max Reinhardts steht sie im dunkeln Hintergrund einer Loge, bei Empfängen auf Schloß Leopoldskron stellt sie die Liste der Gäste auf und unterstützt unauffällig Helene Thimig in ihren Hausfrauenpflichten. GUSTI ADLER ist sehr verschwiegen. Wenn der Professor ungestört bleiben will, so wird sie keiner Macht der Welt seinen Aufenthalt verraten.44

    Rudolf Kommer, Gusti Adler, Ernest de Weerth. Archiv der Salzburger Festspiele / Foto: ohne Angabe

    Auch Helene Thimig stellte sich, wenn auch unter anderen Auspizien, bedingungslos in den Dienst Reinhardts, der sie nicht nur bei all seinen Vorhaben ins Vertrauen zog, sondern sie wiederholt beauftragte, in seiner Abwesenheit mit wichtigen Ansprechpartnern wie etwa Richard Strauss oder Hofmannsthal diffizile künstlerische Fragen zu klären.45 Davon zeugt etwa ein Schreiben Thimigs an Hofmannsthal vom Mai 1922, in dem sie diesem in Vorbereitung der Uraufführung des Salzburger Großen Welttheaters bei den Salzburger Festspielen im August 1922 eine lange Liste von Reinhardts Änderungswünschen präsentiert, wobei sie sich diplomatisch darum bemüht, den damit verbundenen Arbeitsaufwand als keineswegs erheblich darzustellen, ohne letztlich aber die Entscheidungsfreiheit Hofmannsthals in Frage zu stellen: „Dann aber vor Allem: Alles was hier gesagt wurde, entspringt, wie Sie fühlen, ja blos R.’s [Reinhardts] Gepacktsein u. Ergriffenheit bei der Arbeit, denn er ist im Grunde doch natürlich durchdrungen davon, daß die Schönheit Ihres Werks in nichts tangiert wird, wenn Sie irgendwelche Widerstände, die Sie gegen neue Eingriffe haben könnten, hindern.“46

    Helene Thimig war in der Gründungsphase der Festspiele auf allen Ebenen präsent. Als Lebensgefährtin Reinhardts kam ihr – eher ungewollt − die Rolle der „Schlossherrin“ von Leopoldskron zu und damit jene der Gastgeberin bei Reinhardts prunkvollen Empfängen während der Festspielwochen. Als Schauspielerin wirkte sie bereits beim ersten Jedermann des Jahres 1920 sowie bei der Premiere von Hofmannsthals Das Salzburger Große Welttheater 1922 mit. Im Übrigen scheint sich mitunter eine Art von Arbeitsteilung mit GUSTI ADLER ergeben zu haben, denn auch Helene Thimig übernahm während längerer Abwesenheit von Reinhardt die Verwaltungsagenden von Schloss Leopoldskron sowie – wie der oben zitierte Brief an Hofmannsthal belegt – die Fortführung wichtiger Korrespondenzen. So berichtet sie über die Abwesenheit Reinhardts während dessen Gastspielreise nach Skandinavien im April und Mai 1923: „Während dieser Trennung lebte ich sehr einsam und zurückgezogen in Leopoldskron und erlebte zum ersten Mal so richtig, was es heißt, ein derartig großes Haus zu führen. Außerdem verbrachte ich nach alter Gewohnheit viele Stunden damit, täglich Briefe an Reinhardt zu schreiben.“47

    Last but not least sei im Kreis jener „starken Frauen“, die sich im Umfeld von Reinhardt und Hofmannsthal um die Gründung der Salzburger Festspiele Verdienste erwarben, die Schriftstellerin, Journalistin und Salonière Berta Zuckerkandl angeführt, deren literarischer Salon als Treffpunkt für Wiener Künstler und Intellektuelle berühmt war.48 Zuckerkandl machte sich unter dem Eindruck des Untergangs der Habsburgermonarchie Hofmannsthals Vision einer kulturellen Wiederaufrichtung Österreichs im Zeichen eines vom barocken Geist geprägten Gesamtkunstwerks zu eigen. Dieser sei, so berichtet sie, Anfang 1919 bei ihr erschienen und habe sie davon überzeugt, dass „Österreichs unwiederholbare Kultur“ gerettet werden müsse, und zwar auf folgendem Weg:

    Wir wollen die Perle österreichischer Städte, wir wollen Mozarts Vaterstadt, wollen Salzburg zum Symbol erheben. Max Reinhardt und ich wollen, nachdem das Reich politisch untergegangen ist, seine Seele unsterblich erhalten. Sie sollen unser Herold sein. In Ihrer Zeitung müssen Sie verkünden: ein Österreich lebt, das nie untergehen wird.49

    Berta Zuckerkandl zögerte nicht und veröffentlichte am 25.1.1919 in der Wiener Allgemeinen Zeitung unter dem Titel Das Erste einen flammenden Aufruf zur Errichtung eines Mozart-Festspielhauses in Salzburg: „Ein dem Göttlichsten geweihter Tempel, der im Hain von Hellbrunn50 sich erheben soll, als Sinnbild des unzerstörbaren Oesterreichertums, als Wahrzeichen unverwüstbarer Wesensart, Deutschösterreichs religiöses Weihebekenntnis.“51

    Berta Zuckerkandl erwies sich auch in weiterer Folge als unermüdliche Propagandistin der Festspiele. So fand sich am 3.2.1922 in ihrer Wohnung in der Oppolzergasse eine illustre Gesellschaft von 100 Gästen ein, darunter Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Arthur Schnitzler und Felix Salten, um Hofmannsthals Lesung des Salzburger Großen Welttheaters beizuwohnen.52 Voller Begeisterung verfasste sie nach der Uraufführung des Stücks im August 1922 gleich drei Rezensionen in der Wiener Allgemeinen Zeitung.53 Bis 1937 blieb Berta Zuckerkandl eine treue Besucherin der Salzburger Festspiele, und noch 1941 bemühte sie sich – von ihrem Exil in Algier aus – bei GUSTI ADLER in Kalifornien um die Übermittlung von Unterlagen über die Entstehung der Salzburger Festspiele, die sie für eine Neuauflage ihrer Memoiren zu verwenden gedachte.54

    Als Resümee dieser kleinen Abhandlung bietet sich somit die knappe Schlussfolgerung an, dass die Gründung der Salzburger Festspiele zwar im Kontext der damaligen patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen erfolgte und somit bis heute sehr wesentlich durch den Nimbus einiger weniger Gründungsväter geprägt erscheint. Bei einer genaueren Analyse des Geschehens zeigt sich freilich, dass Frauen – wie eigentlich nicht anders zu erwarten − in allen Phasen des Gründungsprozesses sehr wohl in der einen oder anderen Form aktiv am Gelingen dieses bis heute florierenden Projekts beteiligt waren und man einigen von ihnen wie etwa Helene Thimig, GUSTI ADLER und Berta Zuckerkandl mit einiger Berechtigung durchaus den Rang von „Gründungsmüttern“ der Festspiele verleihen könnte, sofern man einer derartigen Formulierung heute noch etwas abzugewinnen vermag.


    Anmerkungen

    1. Dieser einseitigen Sicht entgegenzuwirken war bereits die deklarierte Absicht der im Rahmen der Salzburger Festspiele stattfindenden Tagung „Als Frau bin ich mit Leidenschaft subjektiv; mit Begeisterung einseitig“ (Berta Zuckerkandl). Künstlerinnen bei den Salzburger Festspielen 1920-1937 auf Schloss Leopoldskron am 21.8.2019. ↩︎
    2. Siehe weiter unten. ↩︎
    3. Zum Begriff der „Diva“ vgl.: Hügel, Hans-Otto / Moltke, Johannes von: Diva. In: Hügel, Hans-Otto / Moltke, Johannes von (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Stuttgart: Metzler 2003, S. 159- 160. ↩︎
    4. Zu Lilli Lehmann vgl.: Cole, Rosamund: A Critical Study „of the Performance Style, Writing, and Directing of Lilli Lehmann (1848–1929). Würzburg: Königshausen & Neumann 2020; Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“ Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau Verlag 2021. ↩︎
    5. Salzburger Chronik, 19.8.1912. ↩︎
    6. Bezieht sich auf Max Reinhardt und seine Inszenierungen. ↩︎
    7. Synonym für „Abzeichen“. Hier im Sinne von „Erkennungsmerkmal“ bzw. „Markennamen“ verwendet. ↩︎
    8. Lilli Lehmann an Rudolf von Lewicki, 21.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Wien: Böhlau Verlag 2020, S. 198-199, S. 199. ↩︎
    9. Vgl.: Hoffmann, Robert: Abriss der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 57-66. ↩︎
    10. Vgl.: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 24.8.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 146-147, S. 147. ↩︎
    11. Vgl. Anm. 36. ↩︎
    12. Berta Kiurina (1888-1933), österr. Sängerin (Sopran), 1904 Debüt an der Wiener Hofoper, dort bis 1921 und 1926/27 engagiert. Gastspiele in Europa und 1928 in Buenos Aires. Auftritte bei den Salzburger Festspielen. Verheiratet mit Hubert Leuer. ↩︎
    13. Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 14.9.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 281-282, S. 282. ↩︎
    14. Lola Artôt de Padilla (1876-1933), frz.-span. Sopranistin, die vor allem in Berlin wirkte. ↩︎
    15. Hermine Bosetti (d. i. Hermine von Flick, 1875-1936), dt. Sopranistin, 1901-24 an der Bayerischen Staatsoper ↩︎
    16. Stimmen zum Salzburger Festspielhaus, 9.3.1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 367-370, S. 368. ↩︎
    17. Erika Stiedry-Wagner (1890-1974), dt. Schauspielerin am Deutschen Volkstheater in Wien. ↩︎
    18. Richard Mayr (1877-1935), österr. Sänger (Bariton), Sohn einer Salzburger Gastwirtsfamilie, international erfolgreich u. a. bei den Bayreuther Festspielen sowie als Ochs auf Lerchenau in Richard Strauss’ Der Rosenkavalier. Sang regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. ↩︎
    19. Lucille Marcel-Weingartner (1883 od. 1884-1921), US-amerikanische Opernsängerin, ab 1913 mit Felix Weingartner verheiratet. ↩︎
    20. Felix Weingartner (1863-1942), österr. Dirigent, Komponist, Pianist und Musikschriftsteller. ↩︎
    21. Richard von Perger (1854-1911), Dirigent, Komponist, Musikschriftsteller. ↩︎
    22. Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 3/1918, S. 64; Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 4/1918, S. 64. ↩︎
    23. Madame Charles Cahier, geboren als Sara Jane Layton Walker (1870-1951), US-amerikanische Lied-und Opernsängerin des frühen 20. Jahrhunderts. Sie wurde von Gustav Mahler an das k. k. Hof-Operntheater in Wien verpflichtet. Verheiratet mit dem schwedischen Impresario Charles Cahier. ↩︎
    24. Vgl.: Protokoll der Direktionssitzung, 21.2.1922. ↩︎
    25. Vgl.: Deutschösterreichische Tages-Zeitung, 22.5.1921. ↩︎
    26. Richard Strauss an Emil Ronsperger, 5.12.1921. Archiv Salzburger Festspiele: Abschrift eines Manuskripts. ↩︎
    27. Vgl.: Minnie Untermyer-Carl (1857-1924). https://mahlerfoundation.org/mahler/locations/america/ new-york-city/new-york-philharmonic-orchestra-npo/ (30.8.2023). ↩︎
    28. Vgl.: Hawkins, Richard A.: Progressive Politics in the Democratic Party. Samuel Untermyer and the Jewish Anti-Nazi Boycott. London: Bloomsbury Academic 2022. ↩︎
    29. Vgl.: Working to Restore and Enhance Untermyer Park and Gardens Yonkers, New York. https://www. untermyergardens.org/untermyer-history.html (16.3.2022). ↩︎
    30. Vgl.: Hawkins, Richard A.: Progressive Politics, S. 2. ↩︎
    31. Vgl.: Kröncke, Dietrich: Richard Strauss und die Juden. Jüdische Freunde, Dichter und Musiker. Wien: Hollitzer 1921, S. 121. ↩︎
    32. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 5/1922, S. 11. ↩︎
    33. Max Reinhardt an Leo von Singer, 22.10.1922. Theatermuseum Wien: Nachlass Max Reinhardt, A 13474. ↩︎
    34. Kröncke, Dietrich: Richard Strauss und die Juden, S. 121. ↩︎
    35. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 2/1919, S. 23-24. ↩︎
    36. Der Mitgliederstand betrug am 1.12.1921 3129, davon zählten 1867 zum Zweigverein Salzburg und 609 zum Zweigverein Wien. Der Rest gehörte den verschiedenen Ortgruppen an. Vgl.: Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 11/1921, S. 9. ↩︎
    37. Marianne von Brandenstein. ↩︎
    38. Mitteilungen der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde 8/1920, S. 14. ↩︎
    39. Zu Gusti Adler vgl.: Fiedler, Leonhard: Nachwort. In: Adler, Gusti: …aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen. Erinnerungen an Max Reinhardt. München: Langen Müller 1980, S. 390- 398. ↩︎
    40. Gusti Adler an Hugo von Hofmannsthal, 21.9.1919. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 486-499, S. 496. (Viktor Adler (1852-1918) war der Gründer der Sozialdemokratischen Partei.) ↩︎
    41. Adler, Gusti: …aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen. Erinnerungen am Max Reinhardt, S. 13-14. ↩︎
    42. Ebd., S. 14. ↩︎
    43. Thimig-Reinhardt, Helene: Wie Max Reinhardt lebte. …eine Handbreit über dem Boden. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1975, S. 79. ↩︎
    44. Neues Wiener Journal, 16.2.1936. Zit. n.: Fiedler, Leonhard: Nachwort, S. 391. ↩︎
    45. Vgl.: Ebd., S. 110. ↩︎
    46. Helene Thimig an Hugo von Hofmannsthal, 7.5.1922. Kunsthistorisches Museum Wien: Theatermuseum Wien, Inv. Nr.: HS_AM13579Re. ↩︎
    47. Thimig-Reinhardt, Helene: Wie Max Reinhardt lebte, S. 111. ↩︎
    48. Berta Zuckerkandl-Szeps (1864-1945). Vgl.: Fetz, Bernhard: Eine Fahne für die Kunst! Eine Fahne für Österreich! Berta Zuckerkandl als Publizistin und Memoirenschreiberin. In: Fetz, Bernhard (Hg.): Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne. Wien: Paul Zsolnay 2018, S. 191-211. ↩︎
    49. Szeps-Zuckerkandl, Berta: Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S. 264. ↩︎
    50. Im Original irrtümlich „Hellerau“. ↩︎
    51. Zuckerkandl, Berta: Das Erste. Ein Wort zum Mozart-Festspielhaus. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 457-458. ↩︎
    52. Vgl.: Zuckerkandl, Berta: Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942. Wien: Amalthea 1981, S. 147; zur Datierung des Termins der Lesung vgl.: Christiane von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 28.1.192[2]. https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02374.html? (18.9.2023). ↩︎
    53. Vgl.: Fetz, Bernhard: Eine Fahne für die Kunst!, S. 209. ↩︎
    54. Vgl.: Gusti Adler an Berta Zuckerkandl, 2.9.1941. Österreichische Nationalbibliothek: Österreichisches Literaturarchiv, Sign. 405/B1 bis B1-Beil. ↩︎

    ROBERT HOFFMANN

    Studium der Geschichte in Salzburg und Zürich. Lehrte bis zu seiner Pensionierung neuere und österreichische Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Er forscht und publiziert u.a. zur Gesellschafts-, Kultur- und Zeitgeschichte Salzburgs, Geschichte des Bürgertums in der Habsburgermonarchie, Tourismusgeschichte sowie Geschichte des Wohn- und Siedlungswesens. Der Schwerpunkt seines Forschungsinteresses liegt derzeit bei der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele.

  • Intro

    Intro zur Publikation „JederMann –KeineFrau?“

    Ein Bild, so sagt man, erzählt oft mehr als 1.000 Worte. Es ist eines der ersten offiziellen Fotos der Salzburger Festspiele. Ein Gruppenbild, nach einer Sitzung im Sommer 1919 aufgenommen, zeigt die Mitglieder der Direktion der Salzburger Festspielhausgemeinde. 14 Männer, allesamt Stützen der Salzburger und Wiener Gesellschaft, die voller Zuversicht in die Kamera blicken – überzeugt davon, dass Festspiele in Salzburg bald möglich sein werden. Frauen sucht man auf dem Bild und in dem Gremium vergeblich.

    Das Recht der Frauen, sich am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehen gleichberechtigt zu beteiligen, war vor 100 Jahren nicht selbstverständlich. Es musste mühsam erkämpft werden. Und es gibt – wie die Geschichte zeigt – auf dem Weg zur Gleichstellung nicht nur Fortschritte, sondern auch Rückschritte. Es ist gerade einmal 125 Jahre her, dass den Frauen in Österreich höhere und Hochschulen offenstehen. Und das Wahlrecht für Frauen ist nur wenig älter als die Festspiele selbst. Kein Wunder also, dass man auf den Schwaz-Weiß-Fotos aus den Anfangsjahren der Festspielhausgemeinde fast ausschließlich honorige Männer sieht und wir immer von den Gründervätern sprechen.

    Erst 1995, zum 75-Jahr-Jubiläum, wurde mit meiner Vorgängerin im Amt, Helga Rabl-Stadler, erstmals eine Frau Mitglied im Festspieldirektorium. Ich bin die Zweite in 104 Jahren. Damit stehen die Salzburger Festspiele aber nicht alleine da. Auch heute noch sind die Leitungspositionen vor allem in den großen und repräsentativen Kulturbetrieben überwiegend männlich besetzt. Von den bedeutendsten Wirtschaftsunternehmen des Landes ganz zu schweigen. In den umsatzstärksten 200 Unternehmen Österreichs wurden Anfang 2024 von 605 Geschäftsführerpositionen 531 Funktionen von Männern bekleidet. Noch deutlicher fällt die Unterrepräsentanz von Frauen in den Vorständen der börsennotierten Gesellschaften aus: Lediglich 11,7 % oder 26 von 223 Vorstandspositionen sind weiblich besetzt.

    Doch der Nachholbedarf im Kulturbetrieb ist für mich dabei besonders bitter. Wir, die wir gerne den Anspruch erheben, für Offenheit und den freien Geist zu stehen, wir, die wir den Anspruch erheben, Motor und Vorreiter gesellschaftlicher Diskurse und Veränderungen zu sein, wir zeigen das mit Blick auf die Gleichberechtigung noch viel zu wenig: Komponistinnen, Autorinnen, Regisseurinnen und Dirigentinnen sind auf den Spielplänen der großen Häuser und renommierten Orchester eklatant unterrepräsentiert. Intendantinnen findet man, falls überhaupt, vor allem an kleineren und mittleren Institutionen. Frauen allgemein sind in Kulturinstitutionen weniger sichtbar. Wir finden sie vor allem in zweiter Reihe – als Assistentinnen, Mitarbeiterinnen und gute Geister im Hintergrund.

    Doch wie lassen sich jahrhundertelang gewachsene Strukturen ändern? Bedarf es einer Quote oder greift diese in die Freiheit der Kunst ein? Müssen Strukturen verändert und angepasst werden, brauchen wir besondere Förderung für weiblichen Führungsnachwuchs, oder braucht es einfach Zeit, die Strukturen langsam zu durchbrechen? Sind es vielleicht die individuellen Entscheidungen einzelner Intendanten für bewusste Programmierungen mit Komponistinnen und Autorinnen, die den Status quo schneller verändern können?

    Für mich persönlich war es durch meine Erziehung eine absolute Selbstverständlichkeit, dass Frauen in unserer aufgeklärten Gesellschaft alles erreichen können und dieselben Chancen haben wie Männer. Die Realität war jedoch oftmals eine andere, und ich musste begreifen – die gläserne Decke existiert!

    Dennoch bin ich strikt gegen Quoten, sondern für Exzellenz. Es geht um Qualität und um nichts Anderes. Die Vorspiele für neu zu besetzende Orchesterstellen, die mittlerweile hinter einem Paravent stattfinden, sind ein gutes Beispiel und eine erste kluge Maßnahme.

    In jedem Fall benötigen wir frisches Denken und neue Strukturen, um weiblichen Führungsnachwuchs bewusst zu fördern. Wir müssen (alleinerziehenden) Müttern oder Wiedereinsteigerinnen neue Möglichkeiten eröffnen. Ich habe im Laufe meines beruflichen Weges immer wieder erlebt, welchen Einsatz und Loyalität man als Arbeitgeber zurückerhält, wenn man auf die Bedürfnisse dieser Frauen eingeht. Doch es geht auch um Vernetzung, um Austausch oder einfach das Stärken von Selbstbewusstsein. In den hunderten von Bewerbungsgesprächen, die ich in meinem Leben geführt habe, waren es zum Großteil Frauen, die sich etwas „nicht zutrauten“ oder auf eigene, „fehlende Kenntnisse“ hinwiesen.

    Und es gilt auch, die männlich dominierten Denkmuster zu hinterfragen. Frauen, die sehr selbstbewusst auftreten, werden leider immer noch als „schwierig“ oder „hysterisch“ tituliert. Ein Mann, der selbstbewusst seine Position verteidigt, gilt als „führungsstark“, eine Frau oft als „zu dominant“ oder sogar „zu männlich“. Dabei liegt der Vorteil, mehr Frauen zu rekrutieren, auf der Hand. Vielfalt führt zu einer breiteren Palette von Perspektiven und Erfahrungen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass weibliche Führungskräfte eine höhere Resilienz, eine bessere Kommunikation und ein effektiveres Krisenmanagement an den Tag legen, gepaart mit sozialer Verantwortung. Transformationale Führungseigenschaften wie Inspiration, Motivation und die Förderung der persönlichen Entwicklung der Mitarbeiter*innen liegen ihnen besonders am Herzen. Und gerade das ist es, das auch im Kulturbereich von besonderer Bedeutung sein sollte.

    Über Jahrhunderte standen Komponistinnen, Autorinnen und ihr Werk im Schatten männlicher Kollegen. Durch die maskuline Rezeptionsgeschichte und die von Männern geschriebenen Geschichtsbücher gelten ihre Werke vielfach auch heute noch als weniger wertvoll. Ihnen den Platz und die Anerkennung zu verschaffen, der ihnen zusteht, muss ein wichtiger Ansatz unserer Vermittlungstätigkeit sein. Was wir brauchen – nicht nur in der Kunst –, ist eine neue Wachheit, eine erhöhte Sensibilität. Je mehr wir ein Bewusstsein schaffen, je mehr Räume und Perspektiven wir allen eröffnen, umso besser kann Exzellenz gedeihen. Denn die künstlerische Qualität war und ist die eigentliche Festspiel-Idee.


    © Erika Mayer

    KRISTINA HAMMER

    Studium der Rechtswissenschaften. 1995-2000 Tätigkeit für die Gerngross Kaufhaus AG. 2007-09 Leitung des globalen Marketing Communication Teams von Mercedes-Benz in Stuttgart. 2009 Gründung der Beratungsfirma HammerSolutions. Als Executive Coach beriet sie zu den Themen Leadership und Change-Management und lehrte als Gastdozentin an der Universität St. Gallen sowie an der ETH Zürich. Sie war Mitglied des Vorstands der Freunde des Opernhauses Zürich. Seit 2022 Präsidentin der Salzburger Festspiele.

  • Ausbruch aus der Linearität

    Ausbruch aus der Linearität

    KAROLINE EXNER: Wir wurden vom Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek gebeten, uns im folgenden Gespräch Gedanken zu den Salzburger Festspielen zu machen. Im Vorfeld haben wir einen recht umfangreichen Fragenkatalog erhalten, in denen verschiedene Aspekte von Diversität und Queerness thematisiert werden. Das erscheint mir eine zunächst irritierende Auftragslage zu sein, da die Salzburger Festspiele nicht zu den Festivals gehören, die ich unbedingt mit diesen Begriffen in Verbindung bringen würde. Wenn du an die Salzburger Festspiele und Queerness denkst, woran denkst du?

    MAZLUM NERGIZ: Erstmal an gar nichts.

    KAROLINE EXNER: Wieso?

    MAZLUM NERGIZ: Auf den ersten Blick erscheint es mir absurd und abwegig, einer derart etablierten Institution, deren Kernprogramm sich vor allem in der Oper, in der klassischen Musik und im alljährlichen Spektakel des Jedermann verortet, mit queeren Überlegungen beizukommen. Die erste Frage, die sich mir stellt: Was heißt das überhaupt: Eine Institution „queeren“? Und wo sollen wir denn da bei den Salzburger Festspielen anfangen? Ein Vorschlag für einen möglichen, persönlicheren Anfang: Kannst du dich noch an deinen ersten Besuch bei den Salzburger Festspielen erinnern? Wie oft hast du die Festspiele besucht? Welche Entwicklungen und Kontinuitäten hast du im Laufe der Zeit beobachtet?

    KAROLINE EXNER: Meine ersten Begegnungen mit den Salzburger Festspielen haben zu meiner Studienzeit stattgefunden: Da war ich zwei Mal über ein Stipendienprogramm dort, und ich habe diese Sommer sehr positiv in Erinnerung. Insbesondere die Gespräche, die wir mit dem Geiger Gidon Kremer sowie mit der Komponistin Kaija Saariaho geführt haben, haben mich als junger Mensch nachhaltig beeindruckt. Bei Gidon Kremer bin ich sicherlich schon mit einer gewissen „Heldenverehrung“ in die Begegnung gegangen, da ich bereits als junger Mensch seine Einspielungen geliebt habe. Bei den Festspielen durften wir bei einer Probe mit dem Kammerorchester Kremerata Baltica zuhören und hatten anschließend ein Gespräch mit Gidon Kremer. Ich erinnere mich, dass es vor allem darum ging, dass er sich als Künstler in seiner Begegnung mit einem neuen Werk intensiv mit den Einspielungen anderer Interpretierenden auseinandersetzt. Wichtig sei ihm zu erforschen, ob es einen Aspekt gibt, den er den bereits vorhandenen Einspielungen hinzufügen möchte, denn die Welt brauche keine weitere Aufnahme eines Konzerts von ihm, wenn es allein darum ginge, dass es ihm gerade Spaß macht, dieses zu spielen. Diese Offenheit für die künstlerische Arbeit anderer hat mich in Bezug auf das Theater inspiriert. Denn während meines Studiums am Reinhardt Seminar habe ich diesen Gedanken, dass sich Kunst auf Kunst bezieht und gegenseitig befeuert, eher vermisst. Die Idee, dass es wichtig ist, vom Geniegedanken wegzukommen, wenn man ein Stück inszeniert oder spielen will, indem man sich mit den bereits vorhandenen Interpretationen eines Textes auseinandersetzt, gab es nicht. Dabei heißt es bei Clemens Brentano nicht umsonst: „Nur Spinnen und Dummköpfe produzieren aus sich selber heraus.“11 Bei Kaija Saariaho hat mich schon allein die Tatsache, dass wir mit L‘amour de loin ein Werk einer Opernkomponistin bei den Salzburger Festspielen hören werden, begeistert. Im Gespräch hat mich beeindruckt, wie ruhig und zurückhaltend sie in den Kontakt mit uns getreten ist: Als ein junger Student sie immer wieder mit Fragen bombardiert hat, hat sie ihn lächelnd aber bestimmt darauf hingewiesen, dass er so sicherlich keine schnellere Antwort erhalten werde, wenn er sie dermaßen bedrängt, da sie für jede Antwort eine gewisse Bedenkzeit brauche. Immer, wenn er erneut fragt, weil sie noch nicht geantwortet hat, würde sie sozusagen wieder von vorne anfangen müssen. Diese Ruhe und Klarheit haben nicht in das Bild gepasst, das ich damals von erfolgreichen Frauen im Kulturbetrieb hatte. Bis zu diesem Tag gab es für mich eigentlich nur ANDREA BRETH.

    Interessant ist, dass mir schon damals auffiel, dass es für mich zwei Seiten der Medaille bei den Salzburger Festspielen gibt: Die Begegnung der Künstler*innen untereinander (und zu denen habe ich mich als Reinhardt Seminar-Regiestudentin selbstverständlich dazu gezählt) und die öffentliche Seite: Das Publikum, die Politik, die Häppchen, Schnittchen und weißen Spritzer. Da gab es keinerlei Teilhabe für uns – mangels Finanz, mangels Position, mangels Interesse. Sobald es „wichtig“ wurde, blieben wir außen vor. Das war auch eine frustrierende Erfahrung, die bis heute eine gewisse Ablehnung zur Folge hat, mich im Sommer ins Salzburger Getümmel zu schmeißen (seitdem war ich nur noch einen weiteren Sommer dort), obwohl ich mittlerweile auch auf der anderen Seite der Absperrungen stehen könnte. Ich freue mich für alle unsere Studierenden, die dort Bühnenerfahrungen machen können, und selbstverständlich war ich stolz, dass VERENA ALTENBERGER so wenige Jahre nach ihrem Abschluss an der MUK zwei Sommer lang als Buhlschaft auf der Bühne stand. Letzten Sommer war ich dann zeitgleich wegen eines Vortrags in Salzburg. Die Vorstellung war zu dem Zeitpunkt bereits restlos ausverkauft. Dazwischen war ich nur einen weiteren Sommer dort, um Ulrike Folkerts als Tod mitzuerleben. Die Abstände sind zu groß, um aus eigener Erfahrung über Kontinuitäten sprechen zu können. Aber wenn ich hier schon VERENA ALTENBERGER erwähne: Als sie gemeinsam mit Lars Eidinger im Jedermann auf der Bühne stand, wurde in der Presse viel über die genderfluiden Kostüme diskutiert.

    MAZLUM NERGIZ: Ich habe mir den Spielplan der Schauspiel-Sektion von 2023 angesehen. Dort begegne ich mutigen Konzepten: Themen wie Fürsorge, Alter und Liebe, Wut und Radikalität aus feministischer Sicht scheinen verhandelt worden zu sein. Dies existiert in Gleichzeitigkeit mit dem Jedermann. Bisher wurde diese Rolle jedes Jahr von einem Mann gespielt, bisher wurde dieses Stück immer von Männern inszeniert. Über mehrere Jahre hinweg ja sogar derselbe Regisseur. Abweichlerische Fragen von Wiederholungszwang und -mustern und erzwungener Bemühung um Normalität könnten hier gestellt werden. Abweichlerisch deswegen, weil ich glaube, dass darin die Aufgabe besteht, wenn wir queer denken und handeln wollen; den Rahmen in Frage zu stellen, der uns definiert; den Blick umzukehren, der uns Begriffe und Handlungen vorsetzt, die Realität als heterosexuelle Normalität behaupten.

    Einer Institution wie den Salzburger Festspielen mit einem Blickwinkel zu begegnen, der von Aspekten der Queer Theory herrührt, bietet Impulse für neue Fragestellungen: Wie stellt eine solche Kulturinstitution Wirklichkeit her? Welche Ketten von Geschlechternormativität sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch innerhalb der Institution am Werk? Wie verbinden diese sich mit anderen sozialen Fliehkräften, die Aspekte von Klasse, Race und Mobilität berühren? Wie verstärken sie diese sogar? Welche Rolle spielen in diesem Prozess Kommunikation, Teilhabe und Umverteilung? Mich interessiert daher, wie ein queeres Denken nicht nur Abweichungen außerhalb etablierter Geschlechternormen erlaubt, sondern aufzeigt, wie verzweigt und ineinander verflochten Phänomene der Macht wirken. Eine Institution queer zu denken, bedeutet auch die Reformierung ihrer Strukturen ganzheitlicher zu denken.

    KAROLINE EXNER: Bevor wir den Begriff allzu schnell auf die Salzburger Festspiele umstülpen, ohne zu wissen, worüber wir sprechen: Wie würdest du den Begriff umreißen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich kann mich dem grundlegenden Gedanken anschließen, dass queer keine Identität ist, ja geradezu identitäres Denken unterläuft. Vielmehr ist queer eine ausdrücklich relationale Bewegung des Denkens, Sprechens und Handelns, die, wie Judith Butler schreibt, in eine ganz andere als die ausdrücklich anerkannte Richtung verläuft. Die Verbundenheit innerhalb einer ausgedachten Gemeinschaft, innerhalb eines reellen Bündnisses, innerhalb einer Beziehung ist dabei immer mitgedacht. Queer meint immer die Art und Weise, wie wir uns neu ins Verhältnis zueinander, zur Welt setzen können. Insofern ist der Begriff ebenfalls gut geeignet, wenn es darum geht, neue, unerwartete, überraschende Allianzen und Bündnisse einzugehen im Kampf für gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Auch diesen Gedanken formuliert Judith Butler, den sie in Anmerkung zu einer performativen Theorie der Versammlung präzisiert.

    KAROLINE EXNER: Vielleicht wäre es an dieser Stelle interessant, einen Blick in die internationale Festivalszene zu werfen. Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, hat 2019 die Frauenquote für das Festival eingeführt. In dem kürzlich erschienenen Buch Status Quote. Theater im Umbruch beschreibt sie in einem Interview, dass es Zuspruch, Ablehnung, Jubel gab. Es gab Stimmen, die die Kunstfreiheit beschädigt sahen, andere werteten die Frauenquote als Signal der Freiheit für die Kunst. Diese Pro- und Kontra-Positionen gäbe es bis heute und zwar geschlechterunabhängig, beschreibt sie in ihrem Resümee. Die abgedruckten Interviews mit den Regisseurinnen des Berliner Theatertreffens lassen schnell erkennen, dass die Frauenquote eine viel umfassendere Vielfalt mit sich gebracht hat als allein die Frage, ob nun mehr regieführende Frauen beim Festival vertreten sind: Sie sind unterschiedlichsten Alters, bringen auf Grund unterschiedlicher Lebensrealitäten unterschiedliche Ästhetiken mit, haben körperliche Beeinträchtigungen oder auch nicht. Einige von ihnen stehen der Quote kritisch gegenüber, da sie ein binäres Menschenbild bestätigt, und sie wird doch als wichtiger Zwischenschritt gesehen. Die Regisseurin Claudia Bauer vertritt in einem der abgedruckten Interviews die These, die Frauenquote sei eingeführt worden, damit sie in Folge wieder abgeschafft werden kann. Es scheint, als würde die Tatsache, dass einem Aspekt – nämlich der Teilhabe von Frauen in einem männerdominierten Regieberuf – mit Aufmerksamkeit begegnet wurde, auch auf andere Bereiche ausstrahlen. Vielleicht können verschiedene Theater die Hebel an unterschiedlichen Bereichen ansetzen? Könnte eine Quote im Sinne einer offen kommunizierten Selbstverpflichtung ein Mittel sein, um durch die Vielfalt der künstlerischen Teams auch mehr queerere Themen und Ästhetiken auf die Bühne zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich bin ein ausdrücklicher Befürworter der Quote. Seit der Spielzeit 2023/24 bin ich Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. Fünf von sieben Produktionen inszenieren Regisseurinnen. Eine Quote ist aber keine Garantie für einen queeren Spielplan. Diese Überlegungen erfordern einen umfassenderen Blick für strukturelle Prozesse und Ästhetiken, die mit einer Quote nicht vollständig erfüllt werden können.

    KAROLINE EXNER: Das stimmt. Das eine sind die künstlerischen Leitungsteams, das andere sind die Themen. In unserem bisherigen Gespräch sind wir bisher ausschließlich auf das Sprechtheater eingegangen, was sicherlich damit zu tun hat, dass wir beide auch aus diesem Bereich kommen. Die Salzburger Festspiele stehen in der Außenwahrnehmung aber vor allem für die Oper. Diese folgt, so meine Erfahrung, ihren eigenen Gesetzen und Argumentationen. Oft werden im Bereich des Musiktheaters die verschiedenen Herkunftsländer der Mitwirkenden betont. Da die Menschen auf der Bühne ebenso wie die Mitglieder des Orchesters aus unterschiedlichen Nationen kommen, ist die Frage nach der Teilhabe meist schnell vom Tisch. Der Debatte um Gendergerechtigkeit auf der Bühne wird mit dem Hinweis begegnet, die Besetzung ergebe sich aus der Stimmlage der Partien, und zudem sei die Oper immer schon sehr fortschrittlich gewesen, denn es gäbe ja die lange Tradition der Hosenrolle. Zu diesem Thema verweise ich auf ein Gespräch, das letzten Sommer im Rahmen des Interdisziplinären Symposiums Kapital.Geschlecht im Salzburger Literaturarchiv stattgefunden hat und auf der Homepage des Forschungsnetzwerks abgerufen werden kann. Unter dem Titel O mio babbino caro – Starke Stimmen von Frauen im Musiktheater hat Klaus Bertisch ein Gespräch mit Juliette Mars und Hanna Schwarz geführt, in dem die Sängerinnen der Tradition der Hosenrolle durchaus kritisch gegenüberstanden.

    MAZLUM NERGIZ: Interessant ist doch auch, dass niemand von der Oper das verlangt, was vom Schauspiel gefordert wird: Repräsentation und Relevanz. Die Oper ist eine derart archaische Form, dass es wohl trotz der sicherlich diversen, internationalen Zusammensetzung der Teilnehmenden im Diskurs eine allgemeine Übereinkunft darüber gibt, dass es ziemlich sinnlos wäre, zeitgenössisch relevante, gesellschaftspolitische Forderungen an diese Kunstform zu stellen oder eine ebenfalls sinnvolle Antwort zu erwarten. Die Antiquiertheit entbindet die Oper sozusagen von jedem Versuch der Legitimation, die vom Theater gefordert wird.

    Vielmehr als Legitimationsversuche interessieren mich auch die möglichen Organisationsformen von Gemeinschaft, mit denen sich Theater immer wieder aufs Neue auseinandersetzen muss, so wie Maria Kuberg in ihrem Buch Chor und Theorie schreibt. Der Versuch, die Art und Weise, wie wir Gesellschaft und Gemeinschaft permanent neu stiften, irritieren und befragen, ist in dieser Funktion eingeschrieben. In diesem Versuch einer kontinuierlichen Suche nach Veränderungen sozialer Rituale liegt das Potential, niemals eine Form als das „Original“ anzuerkennen. Welche Alternativen liegen noch vor, sind ungedacht, vielleicht auch desorientierend, vielleicht auch befreiend? Sicherlich auch interessante Fragen für den Jedermann.

    KAROLINE EXNER: Obwohl ich dieses Jahr nicht zu den Salzburger Festspielen gefahren bin, lese ich gerne die ORF-Topos-Kommentare zu den Produktionen. In seinem Kommentar zu Bohuslav Martinůs Oper The Greek Passion bezeichnet Gerald Heidegger das Auftauchen der Flüchtlinge auf der Bühne als „rechtschaffende Humanitätsfrömmelei“2: Das Festspielpublikum würde sich in eine moralische Erinnerung applaudieren und sagt schließlich wie der Chor: Amen. Ich komme deswegen darauf zu sprechen, weil genau dieser Vorgang leider immer wieder in den Institutionen zu beobachten ist: Da werden auf der Bühne gesellschaftspolitisch wichtige Themen verhandelt, die politischen Bekenntnisse haben jedoch keinerlei Auswirkungen auf eine Veränderung der Strukturen jenseits der Bühne.

    MAZLUM NERGIZ: Ich stimme zu. Diversität ist mitnichten erreicht, indem man ausschließlich visuell klar lesbare Zeichen einsetzt, um eine Illusion von Teilhabe oder Veränderung zu postulieren. Es ist nicht damit getan, wenn wir die komplexe, vielschichtige Frage von Organisationsformen im Theater – in dem ja auch noch mehr Menschen arbeiten als nur die, die wir auf der Bühne sehen – mit öffentlichkeitswirksamen visuellen Zeichen kurzschließen, die Diversität und politische Involviertheit vorgaukeln, und dabei interne Prozesse der Teilhabe, Machtverteilung und Barrierefreiheit nicht mitgedacht werden.

    KAROLINE EXNER: Die Frage nach der Herkunft, der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion, körperlichen Beeinträchtigung ist – für sich genommen – für die Bühne nicht relevant. Erst, wenn die Menschen in ihrer Vielfalt gesehen werden und teilhaben können, auch an der Hochkultur eines Landes, sowohl als Publikum als auch als Kunstschaffende selbst, können wir von einer gerechteren Gesellschaft sprechen. In seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2023 hat Alexander Van der Bellen das Bild einer Gesellschaft entworfen, an der die Einzelnen gerne teilnehmen, weil sie das Gefühl hätten, das sei auch ihre Gesellschaft. Er zeichnete mit seinen Worten den „Weg eines begründeten Optimismus“3 und vermittelte das Gefühl, das Ziel sei eigentlich schon erreicht: Jede und jeder könne in Österreich lieben, wen er will (mit dem kurzen Hinweis seinerseits, dass mit „er“ der Mensch gemeint sei), wir leben in einer liberalen Demokratie und seien dementsprechend frei!

    MAZLUM NERGIZ: Ich sperre mich schon gegen eine befriedende, harmonisierende Rahmenprogrammkultur mit kritischen Impulsen, die sich gegönnt wird, um weiterhin das zu tun, was man tut, anstatt grundlegende Veränderungsprozesse anzustoßen und auszuprobieren. Eine relativ simple Maßnahme, wie zum Beispiel den Jedermann mit einer Frau zu besetzen – oder vielleicht etwas weniger radikal: das Stück von einer Frau inszenieren zu lassen –, kann sicherlich einen künstlerisch und gesellschaftspolitisch interessanten Impuls setzen. Haben wir damit das Patriarchat aus den Festspielen ausgemerzt? Nein. Haben wir die Festspiele gequeert? Vielleicht. Je nach Ansatz und Perspektive. Und jetzt? Symbolstarke Maßnahmen wie diese können nicht ausreichen, um notwendige Transformationsprozesse anzustoßen, die gleichwohl Tradition und Erbe nicht vergessen.

    KAROLINE EXNER: Siehst du jetzt Potentiale, die Salzburger Festspiele mit Queerness in Verbindung zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich sehe in prestigeträchtigen, renommierteren genauso wie in kleineren, unbekannteren Festivals die Möglichkeit des radikalen Bruchs mit unserer gewohnten Zeit und möchte den Theaterwissenschaftler José Esteban Muñoz zitieren, der queere Zeit als „stepping out of the linearity of straight time“4 beschreibt, was man ungefähr so übersetzen könnte: queere Zeit als Ausbruch aus der Linearität der heterosexuellen Zeit.

    Jedes Festspiel ist doch ein besonderes Ereignis und damit auch ganz zwangsläufig ein Bruch mit der gewohnten Zeit, mit der Zeit, wie wir sie normalerweise wahrnehmen. Allein dieser Tatsache müssen wir uns vergewissern. Und hier knüpfe ich auch an die Queer Theory an, die in meiner Lesart mindestens zwei wichtige Errungenschaften hervorgebracht hat: die Dekonstruktion eines Verständnisses einer diskreten, inselhaften Identität und die Dekonstruktion von Normativität, die sich als Natur maskiert.

    Ist das Fest nur zum Spiel, Spaß und Vergnügen da? Ich denke nicht. Es geht auch darum, die Untaten einer Gesellschaft zu benennen. Ein Festspiel ist auch dazu da, den vielen Schmerzen einer Gesellschaft Namen zu geben. Also: Die gewohnte (auch eine mögliche Übersetzung von „straight“, obgleich Muñoz ganz klar „heterosexuell“ meint, aber so weit auseinander liegen auf semantischer Ebene „gewohnt“ und „heterosexuell“ in der deutschen Sprache doch nicht) Zeit anzuhalten und sich zu erinnern, wer nicht mehr da ist, wer fehlt; körperlichen und gesellschaftlichen Wunden nachzugehen, vielleicht auch: sie zu heilen. Ein Festspiel bewegt sich von sich aus schon in queerer Zeitlichkeit, wenn es sie auch als solche wahrnimmt. Vielleicht gehen wir auch einen Schritt zurück und versuchen nochmal anders zu verstehen, woran wir uns annähern: Formen der Institutionskritik mit queeren Theorien von Zeitlichkeit miteinander zu verbinden.

    Die Künstlerin und Philosophin Hito Steyerl zeichnet in ihrem Essay Die Institution der Kritik in großen Bögen eine europäische Geschichte der Institutionskritik nach, um sich am Ende des Textes die Frage zu stellen, was heutzutage die Funktion der Institutionskritik sein könnte. Sie kommt immer wieder auf einen grundsätzlichen, ambivalenten Punkt der Kritik zu sprechen, den ein Subjekt (politisch, sozial, individuell) gegenüber einer Institution der Obrigkeit wie dem Staat einnimmt (oder in unserem Fall: dem Theater). Diese Ambivalenz liegt, genau gesprochen, in der bewussten Begrenztheit der Kritik.

    KAROLINE EXNER: Wie sieht diese Grenze aus?

    MAZLUM NERGIZ: Die Urszene der Geburt der Institutionskritik und damit auch der bürgerlichen Subjektivität sieht Steyerl, nicht überraschend und wie viele vor ihr auch, in der Aufklärung. „Sapere aude!“5 – Kants berühmte Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“6, die er in einem Text von 1784 in einer Zeitschrift formuliert hat, definiert die Aufklärung im Verhältnis zu einem Zustand der Unmündigkeit, in welchem die Menschheit – autoritärerweise – gehalten werde. Diese Unmündigkeit wird weiter spezifiziert. Sie ist eine Unfähigkeit, in der die Menschheit gehalten wird: die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, weil einerseits eine machtvolle Autorität die Menschheit in dem Zustand der Unmündigkeit hält, andererseits das Individuum selber als eines betrachtet wird, dem Mut und Entschlossenheit fehlt. Diese selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich zu lassen, hat durch einen Prozess der Kritik überhaupt erst eine bürgerliche Subjektivität gebildet.

    Kant berührt mit seiner Aufforderung abstrakte Bereiche des Lebens, die vor allem Fragen des Wissens aufwerfen: Weißt du auch, wie weit du wissen kannst? Es geht hier vor allem um Erkenntnis und ihre Grenzen, die ich mir nicht von einer höheren Autorität diktieren lassen muss, sondern von der ich mir selber eine richtige Idee zu machen habe. Ansprüche an das Wissen und die Lebensführung sollen sich nicht mehr dem Traditionellen unterordnen, sondern auf autonomer Subjektivität gegründet werden. Steyerl macht hier einen sehr interessanten Punkt: In diesem neuen Selbstbewusstsein war die Kritik an der Obrigkeit oder gar Widerstand nie vorgesehen, sondern die Grenzen der Erkenntnis, des Wissens zu (er)kennen. Steyerl schließt hier auch an Foucault an, der schreibt, dass bei Kant Autonomie keineswegs bedeutet, Gehorsam gegenüber den Souveränen aufzugeben.

    Durch diese Art von Kritik wird ein Subjekt erzeugt, so Steyerl, das ambivalent und regierbar ist. Kritik wird also auch zu einem Mittel der Regierung, genauso wie sie ein Mittel ist, um widerständige Gedanken zu formulieren, gar auf Erneuerung zu pochen, solange die allgemeine Form der Herrschaft dabei nicht angezweifelt wird. Die bürgerliche Klasse wurde also durch eine sozusagen begrenzte Institutionskritik produziert, wie Steyerl schreibt, und sie erhält und reproduziert sich auch durch diese Art der Institutionskritik. Und so wurde Kritik eine eigenständige Institution; ein Mittel der Regierung, das angepasste Subjekte herstellt. Oder wie Foucault Kritik allgemein als die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden, charakterisiert. Regiert werden ja, aber nicht dermaßen: Widerstand unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Grenzen.

    KAROLINE EXNER: Mich interessiert dieses Moment der begrenzten Institutionskritik im Hinblick auf die Salzburger Festspiele.

    MAZLUM NERGIZ: Wie viel Institutionskritik leisten wir uns wirklich? Wie und unter welchen Bedingungen wird sie umgesetzt, wenn sie überhaupt umgesetzt wird? Spulen wir einige Jahrhunderte vor. Wir sehen, dass Institutionskritik in Repräsentationskritik überführt worden ist, an die sich Forderungen nach demokratischeren Formen der Darstellung anknüpfen, die viel tiefgreifender sind als punktuelle, öffentlichkeitswirksame Zeichen. Längst kann es nicht nur darum gehen, ein sogenanntes diverses Ensemble zu gestalten und damit den Prozess der Institutionskritik als beendet zu erklären. Es müssen Faktoren auf und hinter der Bühne miteinbezogen werden, die genauso mit Diversität in Verbindung stehen: Teilhabe, Barrierefreiheit und Zugänglichkeit, architektonisch und sozial zugleich gedacht. Es geht nicht nur um die Fragen „Wer spricht hier?“ und „Wer ist hier?“, sondern auch um ihre Verneinung: „Wer spricht hier nicht?“ und „Wer ist hier nicht?“

    KAROLINE EXNER: Diese von dir genannten Appelle auf struktureller Ebene könnten wir als konkrete Impulse für die Salzburger Festspiele formulieren. Denn auf thematischer Ebene, das sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, hat die Schauspielintendantin der Festspiele BETTINA HERING in den letzten Jahren bereits wichtige Akzente gesetzt. Wenn ich mir den Spielplan anschaue, gibt es auf jeden Fall mehr weibliche Themen als noch vor einigen Jahren. Von der diesjährigen Produktion Die Wut, die bleibt (nach einem Roman von MAREIKE FALLWICKL) haben sich viele (insbesondere weibliche) Personen im Publikum angesprochen gefühlt. Der Schlussapplaus muss teilweise frenetisch gewesen sein. Ich kann nur spekulieren, aber ich nehme an, dass hier eine weibliche Erfahrungswelt erzählt wurde, mit der sich viele Zuseher*innen verbinden konnten: Gefühle wurden entfesselt, die ihre Vergangenheit und Gegenwart geprägt haben, die eingesperrt waren, und die gemeinsame Erfahrung, einem Theaterstück beizuwohnen, das Möglichkeiten anbietet, über eine Erfahrung der Ausgrenzung und Überforderung nachzudenken, die viele Zuseher*innen erlebt haben, war sicherlich ein Grund für diese Reaktion.

    MAZLUM NERGIZ: Solche Stoffe und Themen sind von größter Bedeutung, wenn wir darüber nachdenken, inwiefern ein Festspiel auch die vielfältigen Erfahrungswelten seiner Zuschauer*innenschaft reflektieren kann. Es gibt solche Impulse, die auf den Spielplan gesetzt werden können und eine starke Publikumsreaktion hervorrufen.

    Wir dürfen aber nicht aus den Augen verlieren, dass grundlegende Veränderungen auch Zeit brauchen. Das Stück Bühnenbeschimpfung von Sivan Ben Yishai wurde 2023 vom Magazin Theater heute zum „Stück des Jahres“ gewählt. Ich finde, dieses Stück ist eine Meditation darüber, wie viel Zeit und Kraft es braucht, genauso wie Expertise und Erfahrung von allen Beteiligten, um Veränderungen innerhalb von Institutionen (wie der Theaterbesuch ja selber eine Institution ist) anzustoßen. In drei Teilen zerlegt sie in dem Stück die Institution Theater in alle Einzelteile. Dies tut das Stück aber nicht, um in der Zerstörung zu verweilen, sondern um das Theater wieder aufzubauen. Zwischen den drei Teilen wird dafür auch ein anderer Weg ausgebreitet: Alle 20 Jahre wird der große Schrein Ise-jingū, das Heiligtum im Shintō-Glauben in Japan, vollständig abgebaut und in einem angrenzenden Gebiet wieder aufgebaut. Der Prozess gilt als abgeschlossen, wenn die Geister der Vorfahren vom alten in den neuen Schrein überführt sind. Diese Tradition von Tod und Erneuerung, Verfall und Wiederaufbau wird kontinuierlich in Szene gesetzt. Ich glaube, man kann nur kritisieren, was man liebt. Wie könnte man die Salzburger Festspiele voller Liebe neu aufbauen, wenn sie denn neu aufgebaut werden wollen? Was hieße es, wenn wir die Festspiele wie einen japanischen Schrein auseinandernehmen würden? Auf welchen Widerstand, auf welche Grenzen der Institutionskritik würden wir stoßen?

    KAROLINE EXNER: Wie du sagst: Wenn sie neu aufgebaut werden wollen. Ich habe den Eindruck, dass in Österreich diejenigen, die bereits teilhaben, gar kein Interesse daran haben, etwas an den Salzburger Festspielen zu verändern. Die Notwendigkeit dafür wird gar nicht wahrgenommen.

    MAZLUM NERGIZ: Wäre es interessant zu überlegen, die Festspiele wirklich mit der Stadt, mit der konkreten Nachbarschaft reden zu lassen und, beispielsweise, schmerzliche und drängende Fragen wie die der lokalen Wohnungspolitik zu verhandeln? Wie viele Femizide gab es in Salzburg in den letzten Jahren? Und warum? Wäre es interessant, die Salzburger Festspiele über die jüdische Geschichte Salzburgs arbeiten zu lassen? Welche Geschichten würden dabei herauskommen? Was hieße es, ein Stück bei den Festspielen zu haben, das sich mit dem Archiv des Uniklinikum Salzburg in der Zeit von 1938 bis 1945 auseinandersetzt? Was hieße es, diese Fragen auch noch von Künstler*innen aus dem globalen Süden bespiegeln zu lassen? Wie könnten die Festspiele über verschlungene, unbekannte Aspekte der österreichischen Kolonialgeschichte sprechen? Das sind keine Spielplanvorschläge. Mich würde einfach interessieren, inwiefern die Festspiele auch für die Stadt da sein könnten und nicht nur ausschließlich andersherum. Neben der Frage, wer die Geschichten auf der Bühne erzählt, geht es auch um die Details einer Erzählung und ihrer Perspektive innerhalb der Institution selber. Ich bin überzeugt, dass eine widerständige Vielfalt von Perspektiven, die auch stören und schmerzen müssen, zu jedem Festspiel dazu gehören. Queerness bedeutet nicht (nur) Freude.


    Anmerkungen

    1. Brentano, Clemens: Nur Dummköpfe und Spinnen produzieren aus sich selber heraus. https://www.gratis-spruch.de/sprueche/id/15885 (4.3.2024). ↩︎
    2. Heidegger, Gerald: „The Greek Passion“. Die Grenzen der Politoper. https://topos.orf.at/salzburgerfestspiele23-greekpassion100 (4.3.2024). ↩︎
    3. Van der Bellen, Alexander: Eröffnungsrede Salzburger Festspiele 2023. https://www.youtube.com/watch?v=jbOdoVrZYmM (4.3.2024). ↩︎
    4. Muñoz José Esteban: Cruising utopia : the then and there of queer futurity. New York: New York University Press 2019 (10th Anniversary Edition), S. 25. ↩︎
    5. N. N.: Sapere aude. https://wortwuchs.net/sapere-aude/ (4.3.2023). ↩︎
    6. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Dezember-Heft 1784, S. 481-494, zit. n.: Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? In: UTOPIE kreativ, H. 159 (Januar 2004), S. 5-10, S. 5. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf (4.3.2024). ↩︎

    © Jasmine Bannauer

    KAROLINE EXNER

    Studium der Germanistik und Philosophie sowie Regiestudium am Max Reinhardt Seminar. 2005-08 Dramaturgin am Landestheater Niederösterreich. 2009-13 Leitende Schauspieldramaturgin am Theater St. Gallen. Seit 2013 Leiterin des Studiengangs Schauspiel an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, seit 2014 Dekanin der Fakultät Darstellende Kunst. Seit 2018 Jurymitglied für das Wiener Dramatik-Stipendium. Stellvertretende Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

    © KerstinSchomburg

    MAZLUM NERGIZ

    Studium der Kulturanthropologie sowie der Literatur- und Religionswissenschaft und des Masterstudiengangs DAS Theatre der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten. Dramaturg und Autor. Verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke, zuletzt u.a. 1000 Eyes (2023) und Am Fluss (2023). Seit der Spielzeit 2023/24 Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. 2023 Graphic Novel KOMA, eine Illustration Leonie Otts seines 2021 mit dem Hans Gratzer-Stipendium ausgezeichneten Theaterstücks COMA.

  • „Ich bin nicht berühmt“ – die Produzentin Berta Zuckerkandl-Szeps

    „Ich bin nicht berühmt“ – die Produzentin Berta Zuckerkandl-Szeps

    Writing, Erasing, Silencing – was über Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography1 als eine der vielen herausgeschriebenen Künstlerinnen gesagt wird, gilt noch viel mehr für die herausgeschriebenen Produzentinnen. BERTA ZUCKERKANDL, die sich selbst ohne h und im Exil als Berthe schrieb, wurde als Mäzenin und Mittlerin wenig Anerkennung zuteil. Die Musikbranche ist ignorant gegenüber ihren Mäzeninnen, gönnt ihnen keine Teilhabe an der Wertschöpfung. Die Vermittlungsarbeit von BERTA ZUCKERKANDL – die den zeitgenössischen Komponisten Maurice Ravel nach Wien einlud und hier persönlich betreute – steht in einer Tradition von PAULINE METTERNICH, FANNY VON ARNSTEIN, ALMA MAHLER, ELSA BIENENFELD, EUGENIE SCHWARZWALD oder LILLY LIESER. In der Wertschöpfungskette nicht enthalten, ist sie lange von der Musikwissenschaft geringgeschätzt worden. Der biographische Nachteil einer mangelnden Einschreibung in eine wirtschaftliche Beteiligung – an den Tantiemen, Verkauf, Vertrieb – wird noch mit Häme und Schmähungen vertieft. Die Vergehen der Mäzeninnen – seien es antisemitische Bemerkungen in privaten Briefen oder die falschen Freund*innen und Liebhaber*innen – wiegen in „His-Story“ schwerer als ihre Leistungen für die Zeitgenossen! Anstatt ihren Taten würdigend zu folgen, werden die Schmähungen ihrer Zeitgenoss*innen wörtlich genommen, His-Story folgt ungeprüft den abschätzigen Zeitgenoss*innen.

    Die Musikbranche gönnt ihren Vermittler*innen, Agent*innen – wenn überhaupt – bloß eine Widmungszeile in der Partitur, klein gedruckt unter dem Titel, eine Information, die auf noch kleiner gedruckten Booklet-Seiten der Tonträgeralben gern übersehen wird. FANNY VON ARNSTEIN wurde bislang von der Musikwissenschaft hartnäckig ignoriert, die erste Roman-Biographie von HILDE SPIEL bekam vernichtende Kritiken und bissige Bemerkungen aus der familiären Umgebung, tatsächliche „Ungenauigkeiten, beziehungsweise nur auf Gerüchten basierenden Gegebenheiten“ sind auch für HOMA JORDIS Antrieb für eine Dissertation, 2017 publiziert.2 Der Fakultät für Musikwissenschaft war die Mitbegründerin der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien wie auch der Gesellschaft der Musikfreunde keine Dissertationsforschung wert.3 Die erste Monographie über Fanny von Arnstein wurde nicht von einer musikwissenschaftlichen Fakultät, sondern vom Institut für Publizistik der Universität Wien initiiert. 2022 hat Homa Jordis eine wegweisende Monographie über Fanny von Arnstein publiziert,4 mit einer grundlegenden Begriffserklärung des Salons als institutionelle Plattform für Kommunikation. Jordis stellt fest, dass „Salons eine halböffentliche Plattform für Kommunikation auf gleicher Augenhöhe waren“5 , sie waren Plattformen der medialen Verbreitung, ohne den Risiken einer Veröffentlichung ausgesetzt zu sein, sei es Zensur oder Klagen, die ja – wie die Biographie von Zuckerkandls Vater Moritz Szeps zeigt – bis zum Gefängnis reichen konnten.6

    Modellhaft ist die Analyse der Netzwerke, die von Arnstein begründete und in denen sie wirkte. Längst hat eine Frauen-zentrierte historische Forschung die Netzwerke als bedeutungsvoll erkannt, wie es die digitale Plattform Ariadne – Frauen in Bewegung aufzeigt.7 Jordis erkennt Fanny von Arnstein als Zentrum eines Netzwerks „zur jüdischen Frage“8 ; sie zeichnet ein „politisch-staatsmännisches Netzwerk“, in dem von Arnsteins Salon „als gewichtige jedoch inoffizielle Vermittlungsstelle“9 aufscheint. Ein Absatz ist ihrer Gründungsarbeit zur Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet, in dem sie vom langjährigen Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde „geistige Mutter“10 genannt wird. Wieder ein Titel abseits einer professionellen Berufsbezeichnung!

    Das erste Netzwerk, in das Bertha – noch in dieser Schreibweise – eingetragen wurde, war das Geburtsbuch der Israelitischen Kulturgemeinde, jedoch, sie verlässt es: Schon die Trauung ist nicht nach jüdischem Ritual, für ihren Sohn Fritz wählt sie die evangelische Religion und Gemeinde. Das nächste Netzwerk: „Frei von jedem Schulzwang, wünschte mein Vater uns eine Art Hochschulerziehung im eigenen Heim zu geben.“11 Der Unterricht findet zwar zu Hause statt, jedoch kreiert sie ein Netzwerk nicht nur mit den führenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ihrer Zeit, mit deren Häusern, an denen sie leitende Funktionen inne haben, sondern auch mit den Lernkameradinnen, mit ihrer Schwester Sophie und der Cousine Mitzi Schlesinger, die wiederum Freundin und Reisebegleiterin von Katharina Schratt war.12 Zuckerkandl war gemeinsam mit ihrem Mann an der Förderung der Bewegung „Volksbildungswerk“ beteiligt sowie am Aufbau des Wiener Volksheims.13 Bildungsarbeit ist Friedensarbeit. „Sie wollen Ihre Zeitschrift das ,Wissen für Alle‘ nennen. Sie wird mithelfen zum ,Frieden für Alle‘“14, schreibt ihr Marcelin Berthelot anlässlich der Gründung einer populär-wissenschaftlichen Zeitschrift; Berthelot, der sich zu einer „Association Philotechnique“15 zählt, die „Hörer beiderlei Geschlechts“16 anspricht. Wissen für alle, die Zeitschrift, bestand von 1900 bis 1903, ein Jahr über den Tod des Vaters Moritz Szeps hinaus.

    Eine Netzwerkforschung zu Berta Zuckerkandl ist ausständig. „Berta Zuckerkandl-Szeps ist in den Mitgliederlisten des VSKW17 nicht verzeichnet“18, wie Marianne Baumgartner bemerkt; und auch als Pazifistin und Streiterin für Humanismus und Menschenrechte wurde sie weder Mitglied der Internationalen Liga der Frauen für Frieden und Freiheit noch Mitglied des (Neuen) Wiener Frauenklubs, was keine thematische Abgrenzung war. Mit einzelnen Protagonistinnen war sie aktiv verbunden. Von ihrem Ehemann Emil Zuckerkandl wurde sie in den Anliegen der Frauen-Gleichstellung unterstützt, jener setzte sich für die Freigabe des Medizinstudiums für Frauen ein und eröffnete 1900 mit einigen gleichgesinnten Professoren eine Frauenakademie, die bis 1918 bestand. Für eine bedürftige Medizinstudentin wurde ein Zuckerkandl-Stipendium eingerichtet.19 In der Biographie einer ihrer „Schwestern“, Pauline Metternich, die ihre politische und künstlerische Kunst unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit für die Normen ihrer Gesellschaft „erträglich“ macht, ist Berta Zuckerkandl präsent. Die Wohltätigkeits-Veranstaltung erweitert den Salon aus dem Häuslichen in einen Raum der Vor-Öffentlichkeit: Frauen dürfen die ihnen zugeschriebenen Rollen überschreiten und austauschen.20 Bei einem von Pauline Metternich organisierten künstlerischen Gartenfest „zugunsten […] des Wiener Frauenklubs“21 in Weigls Dreher-Park an der Schönbrunner Strasse ist Berta Zuckerkandl am 6.6.1907 auf einem Foto zu sehen: bei der Lebzelten- und Bäckereibude.22 „Festfirma Pauline“ wird Metternich abwertend-ausschließend genannt23, und die mit ihr arbeitenden Frauen sind „treue“ „Patronessen“ und „Comitédamen“.24 Die Biographie Paulines erweist die Verbindungen Berta Zuckerkandls zur Wiener Werkstätte und zum Hagenbund. Im Mai 1906 organisiert ein Damenkomitee unter dem Vorsitz von Yella Hertzka, Friedensaktivistin, Leiterin wie Mitbegründerin des Cottage-Lyzeums für Mädchen in der Gymnasiumstrasse, ein Gartenfest im Park des Maria-Theresien-Schlössels. Mitglieder der Wiener Werkstätte bzw. der Künstler*innen-Gruppe Wiener Kunst im Hause – ein Zusammenschluss von Schülern und Schülerinnen Josef Hoffmanns, begründet 1901, tätig für Innenarchitektur und Mobiliar25 – steuern die Produkte für die Verkaufsbuden bei.26 Die Verbindung zur Wiener Werkstätte verstärkt sich im Gründungsjahr 1903, als Bertas Mutter für die Wiener Werkstätte verzierte Taschen und Lampenschirme mit Perlen kreiert. Die Gründer der zeitgenössischen künstlerischen Unternehmungen sind tätig im Freundes- und Familienkreis rund um Pauline Metternich und Berta Zuckerkandl und stellen ein „prägnantes Beispiel weiblichen Mäzenatentums“27 dar, wie Sophie Lillie erkennt. Dafür seien drei Aspekte wesentlich: die Ambition der Unternehmung, die beteiligten Proponentinnen und letztlich der künstlerische Output.28 Patronage müsste eigentlich Matronage heißen.

    Dass die großen und als vorbildlich gepriesenen Beschreibungen des Österreichs der Jahrhundertwende – von Willam Johnston 1983 oder Carl Schorske 1980 – Berta Zuckerkandl nicht in ihrer Bedeutung erkennen, wiegt schwer. Schon 1976 wurde Berta Zuckerkandl, die Journalistin, wissenschaftlich erfasst, als erste bedeutende Journalistin – neben Alice Schalek –, die regelmäßig, fast alltäglich, für die Wiener Presse arbeitet.29 Als Journalistin hat sie ihre künstlerischen Unternehmungen sichtbar gemacht, sie hat jenen den Frauen zugewiesenen Bereich des Privaten und Halböffentlichen überschritten und sich der öffentlichen Reflexion ausgesetzt.

    Aus den Gesprächen, die Reinhardt und Hofmannsthal führten, entnahm ich, daß es um eine Renaissance der Barocke ging. Ich war stolz und glücklich über den Auftrag, in der ersten Festnummer den Salzburger Festspielen das Geleit zu geben. Mein Heroldsruf mag hier als Abschied nochmals ertönen – jetzt, wo es kein Österreich mehr gibt und der großen Initiatoren Hofmannsthal und Reinhardt Geist verjagt wurde.

    aus: Berta Zuckerkandl: Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte. Stockholm: Bermann-Fischer Verlag, S. 264-265.

    Berta Zuckerkandl war zwar auch Gastgeberin, Regisseurin und Dramaturgin der Events in der Auswahl der Gäste, der Sitzordnung, jedoch: sie war Aktivistin, sie war professionell, sie war Journalistin. In dieser Funktion hat sie künstlerische Neugründungen ausgewählt und hervorgehoben. Sie wurde um ihre prominente Stimme zur Eröffnung von Wiener Kulturinstitutionen gefragt. Anlässlich der Gründung des Kabarett Fledermaus lobt sie die „kraftvolle Originalität, die in der Wiener Schule steckt“30. Als Journalistin hat sie die Affäre Klimt, wie ihr erster Biograph Lucian Meysels schreibt, „in vorderster Kampflinie“31 begleitet.

    Die Zuckerkandl-Rezeption macht Leerstellen bewusst: In den Wandelhallen des Wiener Burgtheaters fehlt in der Gemälde- und Büstengalerie eine Zuckerkandl-Büste, von ihr, die über 100 Übersetzungen für das Burgtheater geleistet hat, u.a. drei Theaterstücke von Henri Lenormand aus dem Französischen ins Deutsche – ihr Enkel Emile erinnert sich an einen Salon zu Ehren von Henri Lenormand. Das Netzwerk des Burgtheaters, dem sie seit 1917 mit der Übersiedlung ihres Salons von der Nusswaldgasse in die Oppolzergasse auch räumlich nahe war, ist Ausgangspunkt für die gemeinsame Idee der Salzburger Festspiele. Cornelius Obonya hat im Gebäude ihres Salons, am Ort des Geschehens, in Landtmann’s Bel-Étage im Palais Lieben-Auspitz, Jedermann hautnah – auf den Spuren Berta Zuckerkandls gelesen. In der Tradition der Wohltätigkeit wurde diese Veranstaltung am 13.11.2013 zu Gunsten der Wiener Tafel organisiert. Zuckerkandl sollte als „Brückenbauerin“ erlebt werden.

    Als Journalistin hat Berta Zuckerkandl das „Friedenswerk Salzburger Festspiele“ als „Angelegenheit der europäischen Kultur und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung“, wie es Hugo von Hofmannsthal nennt, mit auf den Weg gebracht. „Gemeinsam mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal wurde Berta Zuckerkandl zur treibenden Kraft hinter der Gründung der Salzburger Festspiele“32, schreiben Theresia Klugsberger und Ruth Pleyer als Begründung für ihr Forschungsprojekt, der Herausgabe ihres Fluchttagebuchs. „Treibende Kraft“ hinter der Begründung des renommierten und wirtschafts- wie kulturpolitisch bedeutendsten Festival Österreichs genannt zu werden, zugleich eines der politischen Schaufenster unter den Sommerspielen Europas, macht die Biographie Zuckerkandls bedeutend für weitere Forschung, das Fluchttagebuch erschien als Begleitkatalog zu einer Ausstellung.

    Wenig Dank, wenig Erwähnung: In einer ORF-Radio-Serie Gedanken für den Tag, erzählt von Helga Rabl-Stadler, von 4. bis 9.9.2023, auf ORF Radio Ö1 jeweils von 6.55 bis 7.00 Uhr, wird sie nicht erwähnt. Rabl-Stadler schreibt begeistert vom Töchtervater und ehemaligen Präsidenten Heinrich Wiesmüller – die großen Töchter Österreichs sind dennoch vergessen. Die Salzburger Festspiele spielen eine zwiespältige Rolle in der Ehrung ihrer Mäzene und Mäzeninnen: Den aktuellen Sponsor*innen wird sehr viel Entgegenkommen gezeigt. Eine „Fördererlounge“ im ersten Stock des Großen Festspielhauses wurde eingerichtet, finanziert von Donald und Jeanne Kahn, ein Nestle-Café für den Sponsor Nestlé. Die Salzburger Festspiele haben in ihrer „Heldenverehrung“ keinen Platz für ihre „treibende Kraft“.

    Es fehlen Denkmäler in Wien für sie als Friedensaktivistin wie für ihre „Schwestern“ – sei es für Bertha von Suttner, der eine anonyme Figurengruppe einer Frau mit zwei Kindern gewidmet ist, oder für Yella Hertzka, der nicht einmal eine Gedenktafel gewidmet ist. Die Salzburger Festspiele haben ihr weder einen Ort, eine Tafel noch eine Büste gewidmet. Auch die Austrian Fashion Show lässt einen Zuckerkandl-Preis vermissen, ihr gewidmet, die nicht nur die ersten Modenschauen mit Kleidung tragenden Damen – bis dahin wurde neue Mode lediglich auf Kleiderstangen präsentiert – in Österreich initiierte, sondern auch der österreichischen Modekunst neue Bühnen, neue Sichtbarkeit – und sei es mit Skandalen – verschaffte. Und doch: Im öffentlichen Raum Wiens ist Berta Zuckerkandl in den letzten Jahren sichtbar geworden. 2009 wurde der Bertha-Zuckerkandl-Weg im 9. Bezirk nach der „Journalistin, Übersetzerin, Schriftstellerin und Salonnière“33 benannt. Eine Gedenktafel für Berta Zuckerkandl findet sich im 1. Bezirk, auf ihrer ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätte neben dem Burgtheater. Diese Erläuterungstafel nennt sie „Schriftstellerin“ und „Friedenskämpferin“34. Friedenskämpferin ist keine Berufsbezeichnung, Salonniere ebenso wenig, wenn auch – aus historischer Perspektive – der Salon weit über die Rolle der Gastgeberin hinaus einen professionellen Rahmen abbildet. Salonniere, der Begriff, hat zwar keine männliche Entsprechung, dennoch ist eine Abwertung des Begriffs zu relativieren.

    Der Begriff „Salon“ verbindet verschiedene architektonische, soziale und gesellige Bedeutungen, allein die architektonische Bedeutung ist geblieben. „Salons“ bezeichneten Kunstausstellungen im Louvre im 18. Jahrhundert bis zum Raum der Kunstkritik und zur literarischen Gesellschaft.35 „Salon“ bezeichnete ein Konzert mit Publikum, ähnlich der „Soiree“, unter „Salons“ verstand man in Paris Anfang des 19. Jahrhunderts Gesellschaften und unter „Soiréen“ Konzerte, zu denen Eintritt gezahlt werden musste.36 Salons waren, auch wenn kein Eintritt verlangt wurde, professionelle Orte der Darbietung und des Diskurses, die Gäste, falls sie nicht nahe bekannt waren, meldeten sich mit Visitenkarten an, es waren keine opulenten Gesellschaften – der Imbiss bei Berta Zuckerkandl war legendär asketisch –, die Gastgeberinnen der Salons waren musikalisch gebildet und versiert.

    Fanny von Arnstein, eine der berühmten „Schwestern“ und Vorgängerinnen Berta Zuckerkandls als Gastgeberin, spielte zeitgenössische Musik vierhändig37 – ein Klavier stand üblicherweise im Empfangsraum der Salons.38 Auch Berta Zuckerkandl war eine versierte Pianistin. Berta Zuckerkandl ist nicht in den Schülerlisten des Konservatoriums gelistet, sie bekam Klavierunterricht bei „Emilie Goldberger: Meine Klavierlehrerin, eine ehemalige Schülerin Anton Rubinsteins, eine ganz kleine, gebrechliche, ältliche Dame“39.

    Diese Erinnerung Zuckerkandls, stellt die akribisch recherchierende Musikwissenschafterin Susanne Wosnitzka fest, ist die bislang einzige Beschreibung davon, wie Emilie Goldberger ausgesehen haben mag.40 Die Pianistin Emilie Goldberger ist eine Virtuosin und ein Star, sie passt in das Lehrenden-Ensemble der Berta Zuckerkandl-Szeps. Die gebürtig aus Buda stammende Klaviervirtuosin Emilie Goldberger (1858-1942) hatte schon, wie Wosnitzka recherchierte, bestechende Examina am Wiener Konservatorium und glänzende Bühnenerfolge vorzuweisen, als sie von Herbst 1878 bis Ostern 1879 bei Clara Schumann in Frankfurt Unterricht nahm und damit zu den ersten zwölf Schülerinnen und Schülern Clara Schumanns nach Antritt ihrer Stellung als Klavierprofessorin am Hoch’schen Konservatorium gehörte. Von einem Auftritt oder einem Vorspiel der Berta Zuckerkandl ist nichts überliefert, ihr Verständnis für Musik ist ableitbar nicht nur von der prominenten Lehrenden, sondern auch durch die Tatsache, dass sie Gesprächspartnerin, Begleiterin und Förderin der berühmten komponierenden Zeitgenoss*innen war. Es liegt auf der Hand: Wenn Mäzen*innen und Produzent*innen der Musik ihren Geförderten Gesprächspartnerin sein wollen, dann müssen sie auch Kenntnisse des Metiers der Komposition und der Interpretation haben.

    Die aktuelle Zuckerkandl-Rezeption der letzten Jahre ist weniger auf wissenschaftlicher Seite als auf künstlerischer. Auch wenn ihr kein musikalisches Werk gewidmet ist – im Gegensatz dazu widmet ihr Paul Poiret Skizzen von Zeichnungen41 –, ein Schicksal, das sie mit den großen Mäzeninnen wie Lilly Lieser teilt, so gibt es doch „ihre“ Musik, die Musik der von ihr verehrten Zeitgenossen, unter denen Richard Wagner und Franz Liszt sind. Gottlieb Wallisch hat aus Lesungen mit der Schauspielerin Karin Lischka ein Musikprogramm mit Ravel, Liszt, Brahms, Leopold von Godowsky oder Zemlinsky zusammengestellt, das 2017 als Hörbuch im Mono Verlag erschien. Die künstlerische Beschäftigung führte zur weiteren Recherche: Gertrud Enderle-Burcel wurde damit die „Leerstelle Zuckerkandl“ bewusst, sie hat – davon ausgehend – den Briefwechsel von Zuckerkandl mit Gottfried Kunwald entdeckt und erarbeitet.42

    In Paulus Mankers Alma tritt Zuckerkandl nicht auf, obwohl sie doch die Gastgeberin ist, in deren Haus sich Alma und Gustav kennengelernt haben. Die neueste künstlerische Reflexion ist der Film EMILE von Rainer Frimmel, der am 21.9.2023 in die österreichischen Kinos kam.43 Darin erzählt Emile Zuckerkandl auch von seiner Großmutter, während er seine Tagebücher und Briefe in Kisten zusammenpackt, um sie nach Österreich zu bringen und der Österreichischen Nationalbibliothek zu übergeben.

    Meine Großmutter Berta. Die schönsten Erinnerungen. Sie war ungemein bedeutend für mich. Ich habe sie sehr geliebt. Und sie mich auch. Sie war wirklich eine ganz außerordentliche Frau. Ich bin in meiner Gymnasiumschulzeit – wir haben damals in Purkersdorf bei Wien gewohnt, meine Eltern und ich, aber ich bin jede Woche Samstag nach der Schule zu meiner Großmutter in der Oppolzergasse gefahren und habe mich dort immer auf ein wunderbares „dejeuner“ gefreut. Die Köchin meiner Großmutter, Marie, war eine große Künstlerin. Und dann war das, das ich „Marie-Hendl“ nannte, immer das Hauptgericht, wenn ich kam. Da war ein normales Brathendl, aber aus irgendwelchem Grund besser als irgendeines, das ich irgendwo gehabt hätte.

    Es war keine große Wohnung. Sie hatte vier Hauptzimmer. Und wenn ein Salon stattgefunden hat, waren alle Türe offen, so, dass diese vier Zimmer eine Einheit bildeten. Die Salons haben jede Woche stattgefunden. Ich weiß nicht so ganz sicher, ob es am Samstag war, scheint mir so. Das war nachmittags, manchmal auch am Abend, glaube ich. Zum Beispiel, als ich etwa zwölf Jahre war, habe ich plötzlich entschieden – ich sammle Autogramme. Ich habe mir ein Büchel gekauft und das habe ich noch, weil viele andere Sachen aus meinem Leben verschwunden sind in der Nazi-Zeit, und das beginnt mit der Gesellschaft bei meiner Großmutter Berta – ungefähr 50 Personen. Obwohl die Wohnung nicht groß war, waren doch viele Leute dort. Und da war eine Gesellschaft zu Ehren von Henri Lenormand. Meine Großmutter habe ich gebeten, sich als erste einzuschreiben und sie schrieb:

    „Ich bin nicht berühmt, aber ich habe dich so lieb, dass ich dieses Buch als erste zeichnen will. Die Omama Berta Zuckerkandl-Szeps“.

    Maria, Königin von Rumänien. Max Reinhardt. Und Moissi war der Schauspieler, den habe ich ganz besonders gern gehabt. Und Seitz, Bürgermeister von Wien. Mein Großvater Stekel: „Lass durch dieses Buch dich mahnen, bleibe würdig deiner Ahnen!“ Das zeigt auch, dass er in der Tat viel von sich selbst gehalten hat. Er hat sich in relativ frühere Zeit für Psychoanalyse zu interessieren begonnen und hat viele psychoanalytische Werke geschrieben und auch eine bedeutende Ordination als Arzt gehabt. Er war natürlich ein großer Anhänger Freuds, aber dann hat sich unabhängig von Freud weiterbetätigt und es ist zu einem Bruch mit Freud gekommen. Und da war nie eine Versöhnung. Als Freud im Sterben lag, ist Stekel nicht zu ihm gekommen.

    Meine Großmutter ist immer auf dem Divan gelegen, als ich zu ihr kam, immer zur Mittagszeit aus der Schule. Die Wohnung war von Josef Hoffmann gemacht. Meine Großmutter war von ungemeiner Intelligenz und Güte. Und diese beiden Eigenschaften kommen nicht oft in so einem Maße in einer Person zusammen. Sie war sehr geliebt von denen, die sie gekannt haben. Und ihr inneres Leben und ihr äußeres Leben war immer sehr aktiv und interessant. Sie war wahrscheinlich die besonderste aus allen Menschen, die um mich waren, als ich ein Kind war. „Wahr sein, gütig sein, gerecht sein. In frohen Tagen nicht übermütig, in traurigen Tagen nicht verzagt. Stark sein! Denn Schwäche zerstört das edelste Wollen. Deine Großmama Berta Zuckerkandl-Szeps, 10. Juli 1935“.

    Felix Weingartner, Joseph Roth, Henri Lenormand, Edmund Eisler, Kardinal Innitzer, Stefan Zweig, Alban Berg, Bruno Walter, Carl Moll, Alma Mahler war auch sehr oft dort. Ich habe sie als Charakter nicht besonders gern gehabt. Ich habe gefunden, dass meine Großmutter ihr gegenüber viel zu nachsichtlich war, sie hat sie nie kritisiert. Eine Rivalität konnte es für meine Großmutter überhaupt nicht geben, das war ihrer Natur absolut fremd. Und ich glaube, das hat gar keine Rolle in der Beziehung meiner Großmutter mit Alma gespielt.

    Und vielleicht der speziellste und größte Freund meiner Großmutter war Egon Friedell. Er hat wie viele Freunde meiner Großmutter sich später das Leben genommen. Meine Großmutter war damals bei meinen Eltern in Purkersdorf und ich erinnere mich noch an den Anruf, den meine Großmutter gehabt hat, wo ihr mitgeteilt wurde, dass ihr engster Freund Egon Friedell aus dem Fenster gesprungen war.

    Sie war sehr oft in Paris, hat dort viele politische Sachen erfahren, wie es andere Leute gar nicht so gut gewusst haben, und wusste vor dem Anschluss, dass so eine Gefahr bestand. Sie hat aus Paris geschrieben, dass wir alle eiligst nach Paris übersiedeln müssen. Aber als sie von dieser Reise zurück war, war ich vielleicht mitschuldig: Großmama, du übertreibst immer, das wird schon nicht so arg sein! Im Zug aus Wien, als meine Großmutter aus dem Fenster raus sah, als wir an Salzburg vorbeigefahren sind, und sie sagte – das werde ich niemals wieder sehen. Und sie hat leider recht gehabt.44


    Anmerkungen

    1. Johnson, Julie M.: Writing, Erasing, Silencing: Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography. Nineteenth century Art Worldwide. https://www.19thc-artworldwide.org/58-autumn05/autumn05article/208-writing-erasing-silencing-tina-blau-and-the-woman-artists-biography (20.9.2023). ↩︎
    2. Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäischer Machtpolitik. Erfahrungsräume, Netzwerke und Leitmotive der Fanny von Arnstein in der Zeit vor und während des Wiener Kongresses. Wien, Diss. 2017. ↩︎
    3. Vgl. Spiel, Hilde: Fanny von Arnstein oder die Emanzipation; ein Frauenleben an der Zeitenwende, 1758-1818. Frankfurt am Main: Fischer 1962. ↩︎
    4. Vgl. Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 59. ↩︎
    5. Ebd., S. 59. ↩︎
    6. Vgl.: Ebd., S. 55. ↩︎
    7. Vgl.: N. N.: Frauen in Bewegung. https://fraueninbewegung.onb.ac.at/node/2787 (20.9.2023). ↩︎
    8. Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 204-206. ↩︎
    9. Ebd., S. 194. ↩︎
    10. Ebd., S. 258. ↩︎
    11. Steinhäusl, Ulrike: Berta Zuckerkandl – „Hebamme der Wiener Moderne“. In: Plane-Sabaté, Dolors / Feijóo, Jaime (Hg.): Apropos Avantgarde: Neue Einblick nach einhundert Jahren. Berlin: Frank & Timme 2012, S. 81-97, S. 91. ↩︎
    12. Vgl.: Schlesinger, Moriz: Das verlorene Paradies: Ein improvisiertes Leben in Wien um 1900. Wien: Picus 1993, S. 106-109. ↩︎
    13. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S. 167. ↩︎
    14. Ebd., S. 168. ↩︎
    15. Ebd., S. 168. ↩︎
    16. Ebd., S. 168. ↩︎
    17. Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 168. ↩︎
    18. Baumgartner, Marianne: Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien (1885-1938). Wien: Böhlau 2015, S. 31. ↩︎
    19. Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928-1938. Wien: Böhlau: 2018, S. 20. ↩︎
    20. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 45. ↩︎
    21. Ebd., S. 47. ↩︎
    22. Vgl.: Ebd., S. 47 ↩︎
    23. Vgl.: Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“. In: Shapira, Elana / Rossberg, Anne-Katrin (Hg.): Gestalterinnen: Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit. Berlin: De Gruyter 2023, S. 33. ↩︎
    24. Ebd., S. 33. ↩︎
    25. Vgl.: N. N.: Bel Etage. https://www.beletage.com/de/objekte/moebel-einrichtungsgegenstaende/1749-moebelensemble-wiener-kunst-im-hause (20.9.2021). ↩︎
    26. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 46. ↩︎
    27. Ebd., S. 33. ↩︎
    28. Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“, S. 33. ↩︎
    29. Vgl.: Wagener, Mary Louise: Pioneer Journalistinnen. Two early twentieth century Viennese cases: Berta Zuckerkandl and Alice Schalek. Ohio, Diss. 1976. ↩︎
    30. Buhrs, Michael / Lesak, Barbara / Trabitsch, Thomas (Hg.): Fledermaus Kabarett. 1907-1913. Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Wien: Christian Brandstätter 2008, S. 72; Wiener Allgemeine Zeitung, 19.10.1907. ↩︎
    31. Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 95. ↩︎
    32. Klugsberger, Theresia / Pleyer, Ruth (Hg.): Berta Zuckerkandl – Flucht! Von Bourges nach Algier im Sommer 1940. Wien: Czernin 2013, S. 8. ↩︎
    33. N. N.: Gedenktafel Berta Zuckerkandl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gedenktafel_Berta_Zu
      ckerkandl (19.10.2023). ↩︎
    34. Ebd. ↩︎
    35. Vgl.: Seibert, Peter: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart: Metzler 1993. S. 8-10. ↩︎
    36. Vgl.: Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Brief an seine Schwester Fanny, 9.5.1825. In: Hensel, Sebastian (Hg.): Die Familie Mendelssohn 1729-1847, Nach Briefen und Tagebüchern. Leipzig: Insel 1924, S. 171. ↩︎
    37. Vgl.: Reichardt, Johann Friedrich: 11. Brief, Wien, 30.11.1808. In: Reichardt, Johann Friedrich: Vertraute Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809. Amsterdam: Kunst- und Industrie-Comptoir 1810, S. 158. ↩︎
    38. Vgl.: Giesbrecht, Sabine: Orte 5. Salon. In: Kreutziger-Herr, Anette / Unseld, Melanie (Hg.): Lexikon Musik und Gender. Kassel: Bärenreiter 2010, S. 109-534, S. 407. ↩︎
    39. Trenkler, Thomas: Das Zeitalter der Verluste: Gespräche über ein dunkles Kapitel. Wien: Czernin 2013, S. 84. ↩︎
    40. Vgl.: N. N.: Emilie Goldberger (1858–1942). https://www.schumann-portal.de/emilie-goldberger.html
      (20.9.2023). ↩︎
    41. Vgl.: Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 130. ↩︎
    42. Vgl.: Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928–1938. Wien: Böhlau 2018, S. 7-9. ↩︎
    43. Frimmel, Rainer: Emile – Erinnerungen eines Vertriebenen. Dokumentarfilm. Wien: Vento Film 2023. ↩︎
    44. Ebd. ↩︎

    © Andreas Schlager

    IRENE SUCHY

    Studium der Germanistik und des Instrumentalstudiums für Violoncello. Musik- und Kulturwissenschaftlerin sowie Dramaturgin und Literatin. Seit 1990 Musikredakteurin bei Ö1. Lehrtätigkeiten u.a. an der FH St. Pölten, der KFU Graz, der Universität Wien und der Kunstuniversität Graz. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, u.a. zu Paul Wittgenstein, Otto M. Zykan und Friedrich Gulda. Seit 2018 Leiterin des EU Creative Culture Projekts MusicaFemina – women made music.

  • Zumutungen

    Zumutungen

    Die Wut, die bleibt. MAREIKE FALLWICKLS Roman, 2023 für die Bühne des Salzburger Landestheaters adaptiert,1 verhandelt ein brandaktuelles und zugleich sehr altes Thema: die Zumutungen, die eine patriarchale Gesellschaftsordnung für Frauen2 bereithält und vielfältige Formen des Widerstands dagegen. Nicht nur auf Salzburgs Bühnen, sondern weltweit sind Frauen und Transgenderpersonen gegenwärtig mit Diskriminierung, Überforderung, Ausbeutung und Gewalt konfrontiert und kämpfen auf vielfältige, oft originelle Weise gegen verschiedene Ausprägungen asymmetrischer Macht- und Geschlechterverhältnisse an. 

    In Salzburgs Straßen etwa machen seit 2020 bunte Kreidezeichen im öffentlichen Raum sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Transgenderpersonen sichtbar. Der Übergriff wird an dem Ort, an dem er stattfand, von Aktivist*innen mit Kreide in wenigen Worten beschrieben und gleichzeitig unter dem Hashtag #catcallsofsalzburg und #ankreiden in den sozialen Medien thematisiert. Es geht um sexualisierte Gewalt, um Belästigungen auf der Straße, die sich gemeinhin der öffentlichen Wahrnehmung entziehen und durch die Aktion vor Ort ins „Licht der Öffentlichkeit“ gerückt werden sollen. Zeitgleich wird mit der Aktion öffentliche Aufmerksamkeit in den sozialen Medien adressiert.3

    Öffentlichkeit und Privatheit haben sich im 21. Jahrhundert grundlegend verändert und ausdifferenziert. Damit haben sich auch die Formen patriarchaler Gewaltausübung und politischen Handelns gewandelt. Viele rechtliche und politische Diskriminierungen von Frauen konnten in langen Prozessen politischer Ausverhandlung während der letzten 200 Jahre beseitigt werden. Sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz, die Zuweisung aller Sorgepflichten an Frauen, Mehrfachbelastung, ungleiche Lohn- und Einkommensverhältnisse, Kriminalisierung von Abtreibung und die Normierung und Optimierung insbesondere des weiblichen Körpers sind im 21. Jahrhundert unter Chiffren wie „MeToo“, „Care-Arbeit“, „My Body my Choice“ oder „Gender-Pay Gap“ nach wie vor offene „Baustellen“ des Kampfes von Frauen in demokratischen und autokratischen Gesellschaften des globalen Nordens.

    Im Folgenden werde ich ausgewählte Schauplätze der zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogenannten „Frauenfrage“ skizzieren, wie sie sich für Salzburg in den 1920er Jahren darstellen. Mikro- und makrogeschichtliche Kontext-Splitter werden dabei mit ausgewählten Stimmen von historischen Akteur*innen kombiniert. Der Fokus liegt auf der Stadt Salzburg, deren gesellschaftliche Dynamiken mit jenen der Landgemeinden eng verbunden waren. Andererseits waren die regionalen Besonderheiten der Salzburger Landgemeinden für die Erfahrungen und Normierungen historischer Akteur*innen (z.B. Bäuer*innen, Kleinhäusler*innen, Dienstmägde) ebenfalls bedeutsam. Ich werde einige der im Titel meines Beitrages angesprochenen Zumutungen benennen und die oftmals erfolgreichen Kämpfe von Frauen für die Veränderung jener geschlechterpolitischen Verhältnisse beschreiben, die die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und damit auch das gesellschaftliche Klima der Gründungsphase der Festspiele prägten. 

    Die Salzburger Festspiele nahmen mit der Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal in der Regie von Max Reinhardt am 22.8.1920 ihren Betrieb auf. Ebenfalls im August 1920 trafen sich in Salzburg Nationalsozialist*innen des gesamten deutschen Sprachraums und erklärten das Hakenkreuz zum offiziellen Banner der NSDAP.4 Das Bürgertum in Salzburg war bereits seit dem 19. Jahrhundert stark deutschnational geprägt5. Der damit verbundene Antisemitismus wirkte auch in den frühen Jahren der Republik weiter, ja verschärfte sich nach Kriegsende ab 1918 noch deutlich. Der Antisemitismus war bereits im späten 19. Jahrhundert durchaus auch als kultureller Code wirksam, der deutlich machen sollte, welche ideologische, politische, moralische Position und Identität im gesellschaftlichen Leben eingenommen und repräsentiert werden sollte. Seit den 1880er Jahren kam es zum sukzessiven Ausschluss von Jüd*innen aus bürgerlichen Vereinen wie dem Deutschen Schulverein, dem Salzburger Turnverein oder dem Österreichischen Alpenverein. Mattsee oder St. Johann im Pongau bezeichneten sich 1921 als „judenfreie“ Tourismusgemeinden und versprachen sich damit wohl „Wettbewerbsvorteile“ in Hinblick auf die deutschnational eingestellten Gäste.6 Der „Sommerfrischen-Antisemitismus“ in Salzburg ähnelte dem „Bäder-Antisemitismus“ in vielen Badeorten an der Ost- und Nordsee7. Beides waren spezifische und von konkurrierenden Interessen und Akteur*innen getragene Formen des Antisemitismus, bei denen es um die räumliche Ausgrenzung von Jüd*innen im sozialen und wirtschaftlichen Feld des neu entstandenen touristischen Komplexes ging. Der in Salzburg überwiegend katholisch grundierte Antisemitismus traf die zumeist bürgerlichen, jüdischen Sommer-Gäste aus Wien ebenso wie die in Salzburg Stadt Lebenden (oft Assimilierten) oder die nach 1918 aus Galizien geflüchteten, großteils armen, orthodox und traditionell lebenden Jüd*innen. Die wenigen Wohlhabenderen unter ihnen lebten aufgrund der Anfeindungen und Ausschlüsse von der bürgerlichen Gesellschaft Salzburgs weitgehend isoliert.

    Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt. Salzburger Festspiele, Inszenierung: Jorinde Dröse, 2023. Plakat. Salzburger Festspiele / Kerstin Schomburg

    Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren für große Teile der Bevölkerung der jungen Republik und auch der Stadt Salzburg von Hungererfahrungen, Entbehrung und Mangel geprägt. Feindbilder waren nachgefragt und Vorurteile stark verbreitet. 1923 wurde eine Geburtstagsfeier für Sarah Bonyhadi, Präsidentin des Israelitischen Frauenvereins, in Salzburg aufgrund befürchteter Störaktionen vom Kurhaus ins Hotel Bristol verlegt. Die mehr als 100 Gäste des wohltätigen Israelitischen Frauenvereins wurden allerdings auch dort von einer Gruppe von Nationalsozialisten bedroht, die vergeblich versuchte, ins Hotel einzudringen.8 Sarah Bonyhadi, die mit dem wohlhabenden Lederhändler und Versicherungsagenten Daniel Bonyhadi verheiratet war, neben ihren vielfältigen sozialen und wohltätigen Aktivitäten auch zwei Söhne großzog und ihre Mutter im gemeinsamen Haushalt betreute, starb im Mai 1931 im 67. Lebensjahr in Salzburg. Sie ist das einzige Familienmitglied einer großen Salzburger Familie, dessen Grab sich heute auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen befindet.9

    Anfeindungen und antisemitische Ressentiments einer breiten Bevölkerungsschicht richteten sich in den frühen 1920er Jahren auch gegen die Salzburger Festspiele, die „mitten in den Nachkriegshunger hinein“ gegründet worden waren und verbreitet als antisemitisch aufgeladenes Sinnbild für Dekadenz und „Verkommenheit“ der Metropolen Wien und Berlin fungierten.10 Provinzialismus, Ressentiments und die Enge eines katholisch-religiös, national und antimarxistisch geprägten gesellschaftlichen Lebens in der Stadt Salzburg traf insbesondere Frauen, die ein autonomes Leben und Arbeiten anstrebten. Viele, denen es möglich war, verließen – das gilt seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart – Salzburg in Richtung Wien oder Berlin, um den Beschränkungen des Lebens in der provinziellen Kleinstadt zu entkommen. Die Schriftstellerin und bedeutende Vorkämpferin für Frauenrechte in Salzburg Irma von Troll-Borostyáni hatte das konservative gesellschaftspolitische Klima der Stadt in einem Brief vom 12.3.1892 an die spätere Mitbegründerin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins Auguste Fickert bereits Ende des 19. Jahrhunderts eindrücklich beschrieben: Sie sei gern bereit, einen frauenpolitischen Aufruf zu unterzeichnen, sehe aber wenig Chancen, dass dieser im redaktionellen Teil einer Salzburger Zeitung veröffentlicht würde, zudem fürchte sie auch, „dass unter den Kreisen der hiesigen Bevölkerung der Sache sehr wenig Interesse entgegengebracht werden dürfte. Die Salzburger Frauenwelt (ich verkehre mit niemandem, aber ich kenne sie) ist teils entschieden gegen die Frauenemanzipation teils furchtbar lethargisch“11.

    Drei Jahrzehnte nach Troll-Borostyáni verließ auch die aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Salzburg stammende Grete Weiskopf als 17-jähriges Mädchen die Stadt Salzburg zunächst nach Innsbruck, ging 1925 weiter nach Berlin, wo sie als Journalistin und Kinderbuchautorin unter dem Pseudonym Alex Wedding mit großem Erfolg publizierte, ein gewählter Künstler*innenname, der die Sehnsucht und Verbundenheit mit Berlin und der Arbeiter*innenschaft ausdrückte, die am Alexanderplatz und in Wedding ihre zentralen Orte fand.12 Als Jüdin und Kommunistin war Grete Weiskopfs Leben von politisch erzwungenen Emigrationen nach Prag, in die USA und schließlich 1953 nach Berlin-Ost geprägt.

    An sie erinnert, wie auch an Irma Troll-Borostyáni, eine von 17 Gedenktafeln, die als Projekt „Frauenspuren“ von dem Frauenbüro der Stadt Salzburg realisiert und 2021/22 von der Literaturwissenschafterin Christa Gürtler und der Historikerin Sabine Veits-Falk rekonfiguriert und erweitert wurde.13 Gedenken und öffentliche Sichtbarmachung von „bedeutenden“ Frauen sind in Salzburg weiterhin politische Praxis und bleiben in Bewegung. Auch symbolische Anerkennungsformen sind Produkt gesellschaftlicher und politischer Aushandlungsprozesse, jedenfalls aber auch das Ergebnis des langen und erfolgreichen Kampfes von Frauen unterschiedlicher politischer Orientierung um Anerkennung und Sichtbarkeit.

    Akteur*innen der Internationalen Frauenbewegungen haben seit dem 18. Jahrhundert über soziale Klassen und nationale Grenzen hinweg in vielen Bereichen der Gesellschaft sukzessive politische Rechte sowie ökonomische und juristische Gleichstellung erkämpft. Die Durchsetzung des Rechts auf politische Teilhabe, das „Frauenwahlrecht“ und die Erkämpfung des Rechts auf Bildung, der „Zugang zu Höheren Schulen und Universitäten“, lag zum Zeitpunkt der Gründung der Salzburger Festspiele nur wenige Jahre zurück. Der Prozess der langsamen Ausweitung der politischen Teilhabe war im Salzburger Landtag so wie auch auf gesamtstaatlicher Ebene seit Ende des 19. Jahrhunderts von paradoxen Entwicklungen gekennzeichnet.

    Während in der Monarchie die Teilhabe am politischen Entscheidungsprozess nicht grundsätzlich an das Geschlecht, sondern an Besitz und Steuerleistung gebunden war, also privilegierte Frauen in den drei Wählerklassen (Großgrundbesitz, Städte und Märkte, Landgemeinden) ab der Konstituierung der Landtage 1861 zur Stimmabgabe zugelassen waren, wurde mit der Erweiterung der politischen Mitbestimmung von Männern, im Sinne eines allgemeinen Wahlrechts, die Zulassung von Frauen zum Wahlrecht zunehmend beschnitten. Im Salzburger Landtag war, anders als in Oberösterreich oder Niederösterreich, die Stimmabgabe von sogenannten „Frauenspersonen“ ab 1868 nur durch einen Bevollmächtigten möglich.14 Mit der Einführung des „Allgemeinen Wahlrechts“ im Jahr 1907, das die sozialen Zugangsbeschränkungen aufhob und auf der Idee des Wahlrechts als Grundrecht für jedes Individuum gründete (das offensichtlich als männlich und weiß gedacht wurde), wurden Frauen auf Grund ihres Geschlechts generell vom Wahlrecht ausgeschlossen.15 Erst 1918/19 – und damit im Zuge der Konstituierung der Ersten Österreichischen Republik – waren alle Staatsbürger*innen wahlberechtigt. Ausgenommen blieben bis 1923 die Prostituierten, also eine Gruppe von Frauen, die seit dem 19. Jahrhundert im Mittelpunkt zahlreicher kultureller Mythisierungen und öffentlicher Debatten stand, aber gleichzeitig vielfachen Diskriminierungen ausgesetzt war. Staatliche, kirchliche, medizinische, literarische und auch frauenbewegte Diskurse verhandelten in der Prostitutionsdebatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sich wandelnde Vorstellungen von Sexualität, Intimität und Moral bzw. „Sittlichkeit“. Die Internationalen Frauenbewegungen nahmen seit dem 19. Jahrhundert, und das gilt auch für die sogenannten „Neuen Frauenbewegungen“ der 1960er und 1970er Jahre bis heute, zum Thema Prostitution durchaus kontroversielle ideologische Standpunkte ein, die von der Forderung nach einem Prostitutionsverbot bis hin zur gesellschaftlichen Anerkennung des Prostitutionsgewerbes reichen.16 In den 1920er Jahren jedenfalls wurde auch innerhalb der Frauenbewegungen noch primär „über“ und nicht „mit“ Prostituierten gesprochen. „Sexarbeiter*innen“, wie Prostituierte sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst nannten, waren in den 1920er Jahren in Österreich noch nicht über Vereine oder Interessensvertretungen organisiert. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts beanspruchte insbesondere der bürgerliche und radikale Flügel der Frauenbewegung – Irma Troll-Borostyáni war ein berühmtes Beispiel – für sich, die Interessen der zumeist aus sozial schwachen Schichten stammenden Frauen zu vertreten. In der Schrift Die Prostitution ist kein notwendiges Übel argumentierte Troll-Borostyáni bereits 1884 polemisch gegen ein von patriarchaler Doppelmoral gekennzeichnetes Weiblichkeitsbild, das Frauen in der Prostitutionsdebatte – aber auch darüber hinaus – kulturell und sozial in „Heilige“ und „Huren“ spaltete:

    Wenn ihr aber die Behauptung aufrechterhalten wollt, daß die durch moralischen Zwang vollendete Schändung der Frauen eine Bedingung für die Existenz des männlichen Geschlechts ausmacht, daß die Prostitution ein notwendiges Übel ist wie der Krieg und man käufliche Dirnen braucht wie Soldaten, dann existiert diese Notwendigkeit für alle, dann fordert die Gerechtigkeit, daß ihr Männer Euch bereit erklärt, Eure Mutter, Tochter, Schwester, Eure eigene Frau dieser Notwendigkeit zum Opfer zu bringen; dann müßt ihr eine allgemeine Prostitutionspflicht einführen für das weibliche Geschlecht, wie wir eine allgemeine Wehrpflicht haben für das männliche.17

    Die Prostitutionsdebatten zur Jahrhundertwende und in der Ersten Republik sind für Wien, aber auch für andere Städte der Monarchie und der Ersten Republik in der historischen Forschung bereits gut aufgearbeitet. Allen Studien gemeinsam ist, dass die Perspektive der Frauen, die als Prostituierte arbeiteten, in den Quellen – zum Beispiel in Gerichtsakten – nur sehr bedingt rekonstruierbar ist. Das privat geführte Prostitutionsgewerbe in Salzburg lag um 1900 vorwiegend in weiblicher Hand.18 Zum einen gab es überwiegend junge Frauen, die zuvor häufig als Dienstmädchen gearbeitet hatten oder nur zum Schein als Dienstbotinnen angestellt worden waren, zum anderen die sogenannten „Kupplerinnen“, die schon älter waren und meist zuvor selbst als Prostituierte tätig gewesen sind. Beide Gruppen gehörten häufig sozial und finanziell schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen der Stadt Salzburg an.19 Prostituierte waren jedenfalls bei den Landtagswahlen in Salzburg am 6.4.1919, bei denen Frauen* erstmals das unbeschränkte aktive und passive Wahlrecht ausüben konnten, von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Als neue Wählerinnen wurden Frauen* in den frühen 1920er Jahren von den wahlwerbenden Parteien auch in Salzburg intensiv umworben, zumindest zwei weibliche Abgeordnete waren nach der Wahl erstmals im Salzburger Landtag vertreten, eine Sozialdemokratin und eine Abgeordnete der Großdeutschen Volkspartei. Die stärkste Partei im Landtag und vermutlich auch bei der Gunst der Wählerinnen,20 die Christlich-Sozialen, blieb im Salzburger Landtag weiterhin frauenlos.21Die Beteiligung der Frauen an der Wahl zur Nationalversammlung am 16.2.1919 lag bei 82 %, und sie stellten mit 52 % die Mehrheit der Wähler*innen.

    100 Jahre später, am 8. und 9.3.2019, fand im Haus der Stadtgeschichte in Salzburg eine mit hochkarätigen Wissenschaftlerinnen besetzte Jubiläums-Tagung statt.22 Der gegenwärtigen Präsenz von Frauen im Wissenschaftsbetrieb ging ein langer Kampf der historischen Frauenbewegungen um Zugang zur Bildung voraus. In Österreich konnten Frauen erst seit 1896 ein Universitätsstudium an einer philosophischen Fakultät beginnen, der Zugang zu den anderen Fakultäten wie etwa zu den Technischen Hochschulen wurde ihnen erst nach dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Mit Erlass vom 7.4.1919 durften Frauen endlich auch an Technischen Hochschulen inskribieren – allerdings nur, soweit sie „ohne Schädigung und Beeinträchtigung der männlichen Studierenden nach den vorhandenen räumlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen der einzelnen Hochschulen Platz finden können“23.

    Was seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als „Frauenfrage“ bezeichnet, als „Frauenemanzipation“ abgewertet oder auch propagiert wurde, prägte das gesellschaftliche und kulturelle Klima der 1920er Jahre entscheidend mit. Auch für die alltäglichen Erfahrungen von Frauen unterschiedlicher Herkunft, generationaler, sozialer, nationaler und religiöser Zugehörigkeit war die gesellschaftliche Teilung in öffentliche und private Räume, wenn auch in verschiedener Weise, wichtig. Die dichotomen Vorstellungen der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit hatten sich seit dem 18. Jahrhundert grundlegend mit normativen Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit verknüpft und bildeten damit ein wesentliches Fundament der patriarchalen Struktur des bürgerlichen Liberalismus. Die Zuständigkeit für die vielfältigen, alltäglichen Aufgaben, für die Haus- und Sorgeverantwortung wurde Frauen „wesensmäßig“ und naturrechtlich begründet zugeschrieben. Hausarbeit und ein großer Teil der Sorgearbeit wurde in diesem Prozess als Nicht-Arbeit und damit als nicht entlohnt definiert wie auch in ihrer systemrelevanten und wertschöpfenden Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft systematisch ausgeblendet.

    Mit der Herausbildung der kapitalistischen Industriegesellschaft und der Nationalökonomie als Wissenschaftsdisziplin setzte sich eine hierarchische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern durch und verankerte sich daraufhin in vielen gesellschaftlichen Feldern institutionell.24 Das bürgerliche Familienmodell („Mann – Ernährer“/ „Frau – Mutter und Hausfrau“) wirkte zunehmend sowohl als Idealbild wie auch als Norm, wenn auch ein großer Teil der Bevölkerung bis in die 1950er Jahre keineswegs nach diesem Modell oder seinen kleinbürgerlichen Varianten leben konnte oder wollte. In bürgerlichen Haushalten waren nach 1918 Dienstmädchen häufig nicht mehr leistbar. Bürgerliche Hausfrauen waren teilweise gezwungen, den Haushalt selbst zu übernehmen. Für Hausgehilfinnen bedeutete der Anstellungsverlust oft auch Wohnungslosigkeit (arbeitslose Dienstmädchen waren bis in die 1930er Jahre von der Sozialversicherung ausgeschlossen).25 Berta Pflanzl, die mit dreizehn Jahren als Vollwaise in Salzburg in den häuslichen Dienst treten musste, erinnert sich in ihrem Tagebuch an die patriarchal geprägte, bürgerliche Doppelmoral ihrer Dienstgeber:

    Die Männer sahen mich schon mit vielsagenden Blicken an und ich freute mich in meiner so großen Bescheidenheit und Armut, wenn sie mir sagten, ich sei hübsches Mädl und ich bräuchte nicht arbeiten, ich könnte ein schönes Leben bekommen etc. Viele wollten mich auf ihre Seite bekommen auf diese Art, diese Bestien glaubten, wenn man arm ist, kann man auch moralisch minderwertig sein, aber sie täuschten sich alle.26

    Die katholische Frauenbewegung engagierte sich bei der Gründung einer Interessensvertretung für die große Gruppe der weiblichen Hausangestellten, die mit nicht regulierten Arbeitsbedingungen häufig mit sexueller Gewalt und den täglichen Zumutungen ihrer Arbeitgeber*innen konfrontiert waren. Der Reichsverband der christlichen Hausgehilfinnen wurde 1909 gegründet und setzte sich für die Einführung eines Dienstvertrags für Hausgehilf*innen ein, was 1920 mit dem sogenannten „Hausgehilfengesetz“ auch gelang. Das Gesetz trug wesentlich zur rechtlichen Absicherung von ca. 400.000 mehrheitlich weiblichen Personen in Österreich bei (Entlohnung, Arbeitszeitregelung und Altersversorgung). Auch in Salzburg wurde etwa ein Heim für pensionierte Hausgehilf*innen errichtet. Die Arbeiterbewegung – insbesondere die sozialistische Frauenbewegung – versuchte sich, wenn auch eher halbherzig,27 an alternativen Wohn-Modellen, die zur „Befreiung der Frau von der Hausarbeit“ hätten führen können. Das Einküchenhaus, das auf die sozialistischen Akteur*innen der Frauenbewegung Lily Braun und Therese Schlesinger zurückging,28 war zunächst als Wohnform für berufstätige und alleinstehende Frauen projektiert. Während in Wien zwei Einküchenhaus-Projekte namens Heimhof realisiert wurden (das erste wurde von Auguste Fickert initiiert),29 gab es in Salzburg Stadt kein vergleichbares alternatives Wohnmodell.

    Gegenwärtig hingegen haben die hohen Mietpreise in der Stadt Salzburg wohl nicht nur zum Wahlerfolg der Kommunistischen Partei mit einem zweistelligen Ergebnis im April 2023 beigetragen, sondern auch zur Realisierung der Wohnfabrik, eines alternativen und kollektiven Wohnprojektes unter dem Dachverband habiTat geführt, der auch in Innsbruck, Linz und Wien seit einigen Jahren selbstorganisierte Wohnformen jenseits traditioneller Familienmodelle und des kapitalisierten Wohnungsmarktes betreibt. Die Wohnfabrik in Salzburg ist kein dezidiertes Wohnmodell für Frauen, auf der Homepage wird jedoch transparent gemacht, dass die Auswahl der Mitbewohner*innen von der De-Privilegierung weißer, heterosexueller Männer geprägt ist.30

    Zur Gründungzeit der Salzburger Festspiele in den frühen 1920er Jahren war die Ehe als Versorgungsmodell wohl das Idealbild eines Großteils aller in Österreich lebenden Frauen. 1934 allerdings lebten, wie Ellmauer und Kirchmayr anhand der Volkszählung aufgezeigt haben, nur 45,7 % der weiblichen Bevölkerung im heiratsfähigen Alter im gesamten Land Salzburg in einer ehelichen Beziehung.31 In den 1920er Jahren war es für Katholik*innen, anders als für Jüd*innen und Protestant*innen, nach wie vor nicht möglich, eine reine Zivilehe nach dem ABGB zu schließen. Eine „Trennung von Tisch und Bett“ war von der Kirche geduldet, die Scheidung einer ehelichen Verbindung hingegen nicht.

    Die Einspruchsmöglichkeiten der Kirche machten eine Wiederverheiratung nach einer Trennung von Tisch und Bett unmöglich. Der sozialistische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever, versuchte unter Ausnutzung einer Gesetzeslücke des ABGB, diese Situation zu umgehen und so geschiedenen KatholikInnen eine Wiederverheiratung möglich zu machen. Als Landeshauptmann hatte er laut ABGB die Möglichkeit, eine Dispensation – also eine Freisprechung – von bestehenden Ehehindernissen auszusprechen. Was diese Ehehindernisse sein können, war im ABGB nicht näher definiert, Sever fasste auch ein bestehendes katholisches Eheband darunter. Er konnte die Dispense allerdings nur für Bürger der Länder aussprechen, in denen er Landeshauptmann war – Salzburger und Salzburgerinnen, die eine so genannte „Sever-Ehe“ schließen wollten, mussten zuvor nach Wien oder Niederösterreich übersiedeln.32

    Das kirchlich dominierte Eherecht wurde also in der Ersten Republik regional durchaus unterschiedlich gehandhabt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Eherecht modernisiert und vereinheitlicht. Die Scheidung wurde legalisiert, allerdings regelten die Nürnberger Rassengesetze die eheliche Partnerwahl nach rassistischem Prinzip, Ehen zwischen so genannten „arischen“ und „nichtarischen“ Personen waren damit ab 1938 verboten. In der Zweiten Republik haben sozialdemokratisch geprägte Eherechtsreformen der 1970er und 1990er Jahre die Rechte von Frauen in ehelichen Beziehungen zunehmend ausgebaut und den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Seit 1.1.2019 können auch gleichgeschlechtliche und queere Paare in Österreich standesamtlich heiraten.

    Erst ab den späten 1920er bis in die 1950er Jahre hatte sich das kleinbürgerliche Familienmodell langsam verbreitert und wurde in unterschiedlichen politischen und sozialen Kontexten und Regionen unterschiedlich wirksam. Die Zumutung der Doppelbelastung von Beruf, Haushalt und Familie traf damit im 20. Jahrhundert zunehmend den überwiegenden Teil aller Frauen*, die in Österreich leben.

    Anfang des 21. Jahrhunderts ist „Vollzeit-Mann“ / „Teilzeit-Frau“ das statistisch dominierende Modell der Arbeitsaufteilung bei heterosexuellen Paaren mit Kindern in Österreich, was sich nicht mehr primär dem Ernährer-Modell, sondern dem „gender pay gap“ und der anhaltenden Zuständigkeit von Frauen für alle Formen der Sorge-Arbeit verdankt.

    Der weibliche Körper war und ist – so auch in den 1920er Jahren – Austragungsort staatlicher, ideologischer, religiöser und kultureller Normierungen und Zumutungen, aber auch ein Schauplatz von Rebellion, Eigensinn und Widerstand von Frauen. Der soziale und moralische Druck der katholischen Kirche auf ledige Mütter war insbesondere am Land, gerade im konservativ-katholischen Salzburg besonders hoch, wie die Erinnerungen einer Dienstmagd, Jahrgang 1907, belegen:

    Damals ist auch noch der Brauch gewesen, dass man nicht in die Kirche hinein hat dürfen, wenn man ein lediges Kind gehabt hat. Sobald man vom Wochenbett aufgestanden ist, am Sonntag drauf hat man in die Kirche gehen müssen „Virisegnen“. Und da hat man vor der Kirchentüre niederknien müssen – da ist so ein Steinpflaster gewesen – und warten, bis der Pfarrer kommt, dich segnen. Dann hast du erst in die Kirche reingehen dürfen […] Ich hab mich so geschämt. Ich hab mir überhaupt nirgends hinzuschauen getraut. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich bin nicht die einzige mit einem ledigen Kind, die da vor der Kirche warten muss, bis sie wieder reingehen darf.33

    Die Erinnerungen dokumentieren die Zumutungen, aber auch den Mut und das zumindest innere Aufbegehren von ledigen Müttern. Wenn Frauen ungewollt schwanger wurden, galt auch in den 1920er Jahren noch immer der Paragraph §144 des Strafgesetzbuches aus dem Jahr 1852, der Abtreibung als Verbrechen klassifizierte. Frauen fanden Wege, illegale Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen und riskierten dabei ihre psychische und physische Gesundheit, oftmals ihr Leben. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Einführung des Frauenwahlrechts wurde die Abtreibung zum politisch heftig diskutierten Thema. Die Liberalisierung oder Aufhebung des Abtreibungsverbots war eine Forderung sozialdemokratischer und kommunistischer Frauenorganisationen, aber auch der autonomen bürgerlichen Frauenbewegungen. Der Bund für Mutterschutz etwa, Teil des Bundes österreichischer Frauenvereine, in dessen Gründungskomitee sowohl Rosa Mayreder wie auch Sigmund Freud vertreten waren, setzte sich für die Verbesserung der Lage unehelicher Mütter und ihrer Kinder ein und kritisierte auch das strenge Abtreibungsverbot.34 Der jahrzehntelange Kampf von sozialistischen, kommunistischen und autonomen Frauenbewegungen um eine Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs – ein Kampf, der nur durch den Nationalsozialismus unterdrückt und unterbrochen wurde – führte 1975 im Rahmen der Strafrechtsreform zur Fristenregelung, die bis heute in Kraft ist. Die Fristenregelung stellt den Schwangerschaftsabbruch auf Verlangen der schwangeren Frau durch Ärzt*innen innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei. Die praktische Umsetzung der Fristenlösung wurde von der katholischen Kirche, von einigen Bundesländern und verschiedenen Vereinen seither immer wieder behindert oder in Frage gestellt.


    Marianne Saxl: Plakat zur Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen, 1912.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Saxl-Deutsch (12.12.2023)

    Sexualität und die Frage der Reproduktion, also des Gebärens und der Betreuung von Kindern, blieb auch das gesamte 20. Jahrhundert über ein zentraler Schauplatz kirchlicher, staatlicher, medizinischer Politiken, Zugriffe und Zumutungen. In vielen gesellschaftlichen Bereichen war spätestens nach dem Ersten Weltkrieg, und das gilt auch für die Gründungsjahre der Salzburger Festspiele, die erkämpfte Ausweitung individueller Handlungsspielräume von Frauen gleichzeitig mit einer Zunahme an Kontrolle, Disziplinierung und Normierung ihrer Körper und ihrer täglichen Arbeit zu Hause und an den Orten ihrer beruflichen Arbeit verbunden. Widersprüche und Ambivalenzen in den Transformationsprozessen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit waren und sind entlang intersektionaler Positionierungen sehr unterschiedlich ausgeprägt gewesen und erfahren worden.

    Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8.3. vergibt das Frauenbüro der Stadt Salzburg und die Stabsstelle für Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und Frauenförderung des Landes Salzburg seit 1995 den Troll-Borostyáni-Preis an Frauen oder Projekte, die sich für „Verbesserungen der Lebensbedingungen und Rechte von Frauen und Mädchen in Land und Stadt Salzburg engagieren, regional nachhaltig und erfolgreich wirken und Zivilcourage zeigen“35. 1998 ging der Preis etwa an die renommierte Salzburger Historikerin Helga Embacher oder an Jeanette Moore, die Gründerin des Frauenhauses Pinzgau Land. 2010 führte die Nominierung der Salzburger Landeskliniken, in der es für Frauen* aus Salzburg seit 2005 möglich ist, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, für den Preis zu einer aufgeregten öffentlichen Diskussion, die das Weiterwirken jahrzehntelanger gesellschaftlicher Konflikte um die Frage der Abtreibung reartikulierte. Das in Österreich und vielen Staaten erkämpfte Recht auf einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper gründet keineswegs auf einem unbestrittenen gesellschaftlichen Konsens. Das emotionalisierende Thema wurde, darauf hat die Historikerin Maria Mesner immer wieder hingewiesen, historisch mehrfach für parteipolitische Taktiken instrumentalisiert, die häufig wenig mit der Autonomie oder dem Wohl von Frauen im Umgang mit ihrem Körper, sondern mit bevölkerungspolitischen, eugenischen oder ideologischen Interessen zu tun hatten.36 Liberalisierungstendenzen der Abtreibungsgesetzgebung – wie zuletzt in einigen afrikanischen Staaten – korrespondieren im 21. Jahrhundert mit legistischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Re-Illegalisierung – wie in den USA oder in Polen. Der Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch für alle Bürger*innen wird, wenn er überhaupt landesweit möglich ist, auch gegenwärtig immer wieder und mit unterschiedlichen Strategien in der Kombination von Motivforschung, Evidenzproduktion und rechtlichen Verschärfungen in Frage gestellt.

    Erkämpfte Rechte und Räume, so zeigt sich, sind in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verteidigen, auch das Recht von Frauen, sich für oder gegen ein Leben als Mutter zu entscheiden. Die Komplexität der Zumutungen, die FALLWICKLS Stück 2023 auf die Salzburger Bühne der Festspiele brachte, potenziert sich gerade jetzt vor dem Hintergrund der von Krieg und Gewalt geprägten politischen Situation der Gegenwart. Die Wut, die bleibt.


    Anmerkungen:

    1. Nach der Premiere des Stücks in Salzburg hält Stephan Hilpold in der Tageszeitung Der Standard den öffentlichen Diskurs eines gesellschaftlichen Konflikts im kulturellen Feld am Laufen: „Wohl noch nie wurde Wokeness bei den Salzburger Festspielen auf eine derart explizite Weise thematisiert, noch nie hat man hier die Themen Mutterschaft und Care-Arbeit, MeToo und Frauen-Solidarität mit einer derart expliziten Botschaft zu einem Theaterabend verrührt.“ Hilpold, Stephan: „Die Wut, die bleibt“ als grober Feminismus-Infight in Salzburg. In: Der Standard, 19.8.2023. Wie auch immer die Aufführung ästhetisch zu bewerten sein mag, es amüsiert, dass ein Kultur-Journalist in seiner polemisierenden Wortwahl die Regisseurin* implizit zu einer Köchin macht, die aus der Perspektive des männlich gelesenen Kritikers „Frauenthemen“ wie in einem Kochtopf verrührt. ↩︎
    2. Universalisierend von „den“ Frauen zu sprechen, ist schwierig, das haben Jahrzehnte postkolonialer und queer-feministischer Erkenntnisproduktion deutlich gemacht. Die gelegentliche Schreibweise mit „*“ im Text drückt Distanz von der scheinbaren Evidenz der Zweigeschlechtlichkeit aus und soll den historischen Bedeutungswandel des Begriffs markieren. Ich versuche, relatioale, differente und intersektionale Aspekte, Erfahrungen und Normierungen von Frauen* zur Gründungszeit der Salzburger Festspiele aus ihrer gegenwartsrelevanten Bedeutung in den Blick zu nehmen. Aus queer-feministischer Perspektive ist es unabdingbar, wenn auch herausfordernd, das Verhältnis von Geschlecht und Sexualität, von Zweigeschlechtlichkeit, hierarchischer Geschlechterdifferenz und normativer Heterosexualität wieder kritisch zu reflektieren und in konkreten historischen Kontexten empirisch zu situieren. Vgl.: Engel, Antke: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Frankfurt am Main: Campus 2002. ↩︎
    3. Vgl.: Instagram-Account catcallsofsalzburg. https://www.instagram.com/catcallsofsalzburg/?hl=de (27.9.2023) ↩︎
    4. Vgl.: Ellmauer, Daniela / Embacher, Helga / Lichtblau, Albert (Hg.): Geduldet, Geschmäht und Vertrieben. Salzburger Juden erzählen. Salzburg: O. Müller 1998. ↩︎
    5. Vgl.: Embacher, Helga: Die Salzburger jüdische Gemeinde von ihrer Neugründung im Liberalismus bis zur Gegenwart. In: Embacher, Helga (Hg.): Juden in Salzburg. History, Cultures, Fates. Salzburg: Pustet 2002, S. 38-66; Erker, Linda / Rosecker, Michael (Hg.): Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit. Zur Bedeutung informeller Machtstrukturen für die politische Radikalisierung in Österreich. Wien: Karl-Renner-Institut 2023. ↩︎
    6. Vgl.: Lichtblau, Albert: Domplatz statt Synagoge. Festspiele. Sommerfrische und Antisemitismus.
      In: Jüdisches Museum Wien (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Re
      sidenz 2021, S. 76-85; Mühlbacher, Sybille: Von Gästen und Geächteten. Sommerfrische-Idyll und
      Antisemitismus am Mattsee (1860–1920)
      . In: historioPLUS 5 (2018), S. 94-117. ↩︎
    7. Vgl.: Bajohr, Frank: „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert.
      Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2003. ↩︎
    8. Vgl.: Wachsender Antisemitismus bis zum Nationalsozialismus. https://www.stadt-salzburg.at/stadtarchiv/juedische-geschichte-salzburgs/wiederansiedlung-1867-bis-vertreibung-1938/wachsenderantisemitismus-bis-zum-nationalsozialismus/ (12.8.2023). ↩︎
    9. Vgl.: Kerschbaumer, Gert: Familie Bonyhadi. https://www.stolpersteinesalzburg.at/stolperstein/bonyhadi_ruth/ (27.10.2023). (Stolperstein verlegt am 25.9.2018 in Salzburg, Rainerstraße 4) ↩︎
    10. Vgl.: Jüdisches Museum Wien (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. ↩︎
    11. Gürtler, Christa (Hg.): Irma von Troll-Borostyáni. Ungehalten. Vermächtnis einer Freidenkerin. Salzburg: O. Müller 1994, S.40. ↩︎
    12. Vgl.: Grete Weiskopf (Alex Wedding). https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/greteweiskopf-alex-wedding/ (27.10.2023). ↩︎
    13. Vgl.: Projekt Frauenspuren. https://www.stadt-salzburg.at/index.php?id=59890 (27.10.2023). ↩︎
    14. Vgl.: Bauer, Ingrid: Frauenwahlrecht und Geschlechterdemokratie in Landtagen – Das Beispiel Salz
      burg in Geschichte und Gegenwart.
      https://www.stadt-salzburg.at/fileadmin/landingpages/stadtge
      schichte/frauengeschichte/tagung_zu_100_jahre_frauenwahlrecht/bauer.pdf (27.10.2023). (Vortrag im Rahmen der Tagung 100 Jahre Frauenwahlrecht in Salzburg und Österreich im europäischen Vergleich); Bauer, Ingrid: Eine maßgebende Ressource der Demokratie – Frauen im Salzburger Landesparlament. In: Kriechbaumer, Robert / Voithofer, Richard (Hg.): Politik im Wandel. Der Salzburger Landtag im Chiemseehof 1868-2018. Wien: Böhlau 2018, S.139-151. ↩︎
    15. Vgl.: Bader-Zaar, Birgitta: Die Demokratisierung des Wahlrechts. In: Kriechbaumer, Robert u.a. (Hg.): Die junge Republik. Österreich 1918/19. Wien: Böhlau 2018, S. 101-112. ↩︎
    16. Vgl.: Bock, Jessica: Die Prostitutionsdebatte innerhalb der Neuen Frauenbewegung. https://www.
      digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-prostitutionsdebatte-innerhalb-der-neuen-frauen
      bewegung (27.10.2023). ↩︎
    17. Troll-Borostyáni, Irma von: Die Prostitution ist kein notwendiges Übel. In: Gürtler, Christa (Hg.): Irma von Troll-Borostyáni. Ungehalten. Vermächtnis einer Freidenkerin. Salzburg: O. Müller 1994, S. 188-189. ↩︎
    18. Vgl.: Kronsteiner, Bianca: Zwischen Pragmatismus, Verurteilung und Verdrängung – Blicke von „au
      ßen“ auf die Prostitution in Salzburg um 1900
      . In: historioPLUS 2 (2015), S. 28-52, S. 32. ↩︎
    19. Vgl.: Ebd., S. 33. ↩︎
    20. Erst 1920 wurde eine nach Geschlechtern getrennte Stimmauszählung vorgenommen, wodurch
      deutlich wurde, dass eine Mehrheit der Frauen christlich-sozial gewählt hatte. Vgl.: Blaustrumpf Ahoi! (Hg.): „Sie meinen es politisch!“. 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung. Wien: Löcker 2019. ↩︎
    21. Vgl.: Bauer, Ingrid: Eine maßgebende Ressource der Demokratie – Frauen im Salzburger Landespar
      lament
      , S.139-151. ↩︎
    22. Vgl.: Frauenwahlrecht am Beispiel Salzburg: Gemeinderat und Salzburg. https://www.stadt-sal
      zburg.at/stadtarchiv/frauen-und-geschlechtergeschichte/tagung-zu-100-jahre-frauenwahlrecht/
      (27.10.2023). ↩︎
    23. Mikoletzky, Juliane: Frauenspuren GESTERN. https://www.tuwien.at/tu-wien/organisation/zentralebereiche/genderkompetenz/frauenspuren/frauenspuren-gestern (27.10.2023). ↩︎
    24. Vgl.: Meier-Gräwe, Uta: Wirtschaft neu ausrichten. Wege in eine care-zentrierte Ökonomie. ht
      tps://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/care-arbeit-2020/317855/wirtschaft-neu-ausrichten/
      (27.10.2023). ↩︎
    25. Vgl.: Hauch, Gabriella: Frauen bewegen Politik: Österreich 1848-1938. Innsbruck: Studienverlag
      2009. ↩︎
    26. Pflanzl, Berta: Tagebucheintrag, 24.1.1952. In: Mazohl-Wallnig, Brigitte u.a. (Hg.): Die andere Ge
      schichte. Eine Salzburger Frauengeschichte von der ersten Mädchenschule (1695) bis zum Frauen
      wahlrecht (1918). Salzburg: Pustet 1995, S. 233; Vgl.: Pflanzl, Robert H. (Hg): Berta Pflanzl – vom
      Dienstmädchen zur gnädigen Frau. Salzburger Tagebücher 1893-1953.
      Wien: Böhlau 2008. ↩︎
    27. In der Parteielite des „Roten Wiens“ überwog die Kritik an der Einküchenhaus-Idee. Im Sitzungsprotokoll der Gemeinderatssitzung vom 9.3.1923 heißt es: „Es ist ein Unsinn, wenn eine Familie in einem solchen Einküchenhaus wohnt. Es ist auch aus sittlichen Gründen nicht anzuraten, der Hausfrau alle Sorgen für den Haushalt abzunehmen. Die junge Hausfrau soll sich nur sorgen, sie soll wirtschaften und sparen lernen, das wird ihr für die Zukunft nur von Nutzen sein.“ N. N.: Das Einküchenhaus: Der Heimhof. http://www.bezirksmuseum.at/de/bezirksmuseum_15/bezirksgeschichte/das_einkuechen
      haus/ (27.10.2023). ↩︎
    28. Das Forschungskollektiv „Einküchenhaus. Verein zur Erforschung emanzipatorischer Wohnprojekte“ (bestehend aus zwei Historikerinnen und einer Urbanistin: Katrin Pilz, Marie-Noelle Yazdnapanah, Christine Schraml) erforscht seit 2021 ausgehend von den historischen Wiener Einküchenhaus-Projekten, Historiografien und Potentiale des kollektiven und emanzipatorischen Wohnens. ↩︎
    29. Auguste Fickert gründete 1909 mit „Heimhof“ die erste gemeinnützige Bau- und Wohnungsgenos
      senschaft für Frauen, 1911 wurde das erste Einküchenhaus in Wien für alleinstehende, berufstätige
      Frauen in der Peter-Jordan-Straße 32-34 im 19. Bezirk eröffnet. Der Heimhof für Ehepaare und Fa
      milien im 15. Bezirk war die von der Gemeinde Wien getragene Fortsetzung dieser Initiative in den
      1920er Jahren. ↩︎
    30. „Bei unserer Auswahl neuer Mitbewohner_innen haben alle, die keine Cis-Männer sind, den Vorzug.“ Wir suchen weitere neue Mitbewohner*innen! https://wohnfabrik.at/ (15.9.2023). ↩︎
    31. Vgl.: Ellmauer, Daniela / Kirchmayr, Birgit: Zwischen den Kriegen: Frauenleben in Salzburg 1918 bis 1938. In: Thurher, Erika / Stranzinger, Dagmar (Hg.): Die andere Geschichte. Eine Salzburger Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts. Salzburg: Pustet 1996, S. 13-66, S. 34. ↩︎
    32. Fuchs, Sabine: Hochzeit und Scheidung. https://www.brauch.at/folge03/ch02s19.html (27.10.2023). ↩︎
    33. Zit. n.: Thurner, Erika / Stranzinger, Dagmar (Hg.): Die andere Geschichte. Eine Salzburger Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts, S. 34. ↩︎
    34. Vgl.: Mesner, Maria: Der §144 und die Frauenbewegung in Österreich. https://www.digitales
      deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/144-und-die-frauenbe
      wegung-in-oesterreich (27.10.2023). ↩︎
    35. Irma von Troll-Borostyáni-Preis. https://www.stadt-salzburg.at/frauen/irma-von-troll-borostyani-preis/(27.10.2023). ↩︎
    36. Vgl.: Mesner, Maria: Von der (Un-)Gunst der Stunde und der Kunst, sie zu erkennen. In: Kreisky, Eva/ Niederhuber, Margit (Hg.): Johanna Dohnal. Eine andere Festschrift. Wien: Milena 1998, S. 78-82. ↩︎

    © Barbara Mair

    MONIKA BERNOLD

    Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie. Zeithistorikerin, Kultur- und Medienwissenschaftlerin. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. zu feministischer Biographieforschung sowie zu Konsum- und Mediengeschichte. 2014 Gastprofessur für Gender Studies an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2016 Senior Lecturer am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Seit 2022 Vertretungsprofessur für Kulturgeschichte audiovisueller Medien am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

  • Festspiele – eine Spurensuche

    Festspiele – eine Spurensuche

    Persönliches

    Einen meiner ganz besonderen Besuche bei den Salzburger Festspielen hatte ich im Jahre 2008, als ich gerade meinen ersten Vertrag mit dem S. Fischer-Verlag unterschrieben habe. Und ich muss sagen: So sehr mich das schauspielerische Können der Darsteller*innen auf der Bühne faszinierte, so seltsam berührt war ich beim Anblick der Leute im Publikum. Reiche Männer, so kam es mir vor, zeigten ihre Frauen her – und die Frauen ihre Kleider. Daran hat sich, wie ich letzten Sommer feststellen musste, bei aller Qualität der Stücke – ich bin eine große Freundin der Archetypen in Hugo von Hofmannsthals Jedermann und finde seine Sprache wunderbar –, nicht viel geändert. Dass es hier ums Äußere geht, und das mehr denn je, und vor allem Frauen sehr schnell einen „Shitstorm“ ernten können, der sie vernichtet, wenn sie nicht in das gewünschte Bild passen, zeigt übrigens auch der Fall Mavie Hörbigers: Anstatt sich inhaltlich über die neue Inszenierung des Jedermann zu äußern, schrieben die Medien im Sommer 2022 hauptsächlich über die Nippel der Schauspielerin, die bei der Premiere durch das T-Shirt zu sehen waren. „Ein Jedermann, der zum JederGender verkommt!“1 hieß es beispielsweise im Kurier. Doch über inhaltliche Ebenen, den Geschlechter-Aspekt betreffend, die zum Beispiel in der Inszenierung selbst zu finden gewesen wären, wurde wieder einmal geschwiegen. Woran mag das liegen?

    Die Basis Fangen wir bei der Basis an: Das Kernstück der Salzburger Festspiele war und ist zweifellos der Jedermann. Und das Wort „Mann“ steckt nicht nur im Titel selbst – auch der Autor des Textes war männlich. Dass der Text bereits seit rund 100 Jahren gespielt wird, macht es nicht unbedingt einfach, in der Inszenierung des Stückes neue und andere Aspekte des Begriffes „Gender“ zu etablieren. Sowohl die Struktur des Jedermann als auch die darin auftretenden Rollenbilder sind stark in alten Mann-Frau-Dichotomien verankert. Ohne diese propagieren zu wollen, werden in Hofmannsthals Jedermann antiquierte Archetypen dargestellt und hielten bzw. halten dem gesellschaftlichen System, in dem sie entstanden sind, einen Spiegel vor.

    Die Zeiten haben sich geändert – die Inszenierungen des Jedermann ähnelten einander jedoch viele Jahre. Bemühungen, eine historische Herangehensweise an die Inszenierung zu wagen, sind mehrmals gescheitert – so etwa der Versuch der beiden Puppentheater- und Maskenspiel-Spezialisten Mertes und Crouch, andere theatrale Aspekte als die des klassischen Schauspiels einzusetzen. Das Publikum will, meint man, sich nicht so richtig auf eine Form des Neudenkens einlassen. Denn der Jedermann hat in Österreich mit Tradition zu tun – und Tradition bedeutet Sicherheit. Die Kehrseite dieser Sicherheit ist, dass sowohl Text als auch Aufführung mit der Zeit einen „musealen“ Charakter bekamen und die Beweglichkeit, mit der Kunst nahe am Leben bleiben kann, nach und nach verloren ging. So wurde beispielsweise Nicole Heesters vorgeworfen, ihre Buhlschaft sei „zu intellektuell“, und auch die raue und in ihrer „Kantigkeit“ unvergleichliche Sophie Rois versuchte man schon in ihren ersten Ansätzen, diese spezielle Rolle anders anzulegen, zu „glätten“.

    Neue Gehversuche

    Zum Glück ist die Inszenierung des Jedermann im Jahr 2023 ein Versuch, mit alten Bildern und Zuschreibungen zu brechen. So tritt beispielsweise Soap&Skin-Sängerin Anja Plaschg ohne Haare auf und der Teufel darf endlich mal von einer Frau, nämlich von Sarah Viktoria Frick, dargestellt werden. In den Jahren 2021 und 2022 ist die Buhlschaft erstmals nicht nur An- und Zuspielerin des Protagonisten – nein, VERENA ALTENBERGER stellt einen gleichwertigen Gegenpart zu Lars Eidinger dar, der in die Rolle des Jedermann schlüpft. Nun geht es, was das Paar betrifft, um Beziehung, um ein gegenseitiges sich Abreiben und aneinander Wachsen. Interessanterweise sind diese Aspekte, die die Inszenierung thematisiert, im ursprünglichen Jedermann-Text bereits angelegt. Ja, auch in der rund 100 Jahre alten Sprache und im Kontext des Archetypischen kann es gelingen, relevant und pointiert über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu reflektieren, wenn man ein begnadeter Dichter wie Hugo von Hofmannsthal ist, der seiner Zeit voraus ist!

    Zum Glück hat der Jedermann viele Ebenen: Neue Bedeutungen können jederzeit aus dem Text herausgeschält werden, wenn man ihm Raum zum Atmen lässt und nicht alles als „gesetzt“ empfindet, bloß weil es immer so war. Doch man braucht auch die richtige Regie dafür. Aber bedeutet eine neue Herangehensweise an die Inszenierung schon, dass im Kontext der Festspiele kritisch mit dem Begriff „Gender“ umgegangen wird? Und abgesehen davon – der Jedermann ist ja nur eines von mehreren Stücken, die in Salzburg produziert werden. Wie sieht es mit anderen Produktionen aus? Sind die Salzburger Festspiele eine Plattform, die für Männer, Frauen und alle, die sich in einem Bereich dazwischen verortet fühlen, Möglichkeiten bietet?

    Historische Aufarbeitung

    Ich denke, wenn man sich mit dem Bereich „Gender“ bei den Salzburger Festspielen auseinander setzt, dann muss man mit der Aufarbeitung der Wurzeln beginnen und fragen: Wo sind die Frauen in der Geschichte der Salzburger Festspiele versteckt? Dass das besondere Festival, das sich eines über 100-jährigen Bestehens erfreuen darf, von Männern gegründet wurde, ist freilich klar. Aber welche weiblichen Energien standen hinter diesen spannenden Individuen? Ihnen ein Gesicht, eine Stimme zu geben, wäre der erste Schritt, um sich überhaupt neuen Ideen moderner Geschlechts- und Rollenentwürfe nähern zu können.

    Heute wissen wir: Auch der Erfolg eines Richard Strauss, so genial er gewesen sein mag, wäre ohne seine Frau undenkbar gewesen. Pauline Maria Strauss-de Ahna trat ihr Leben lang als Sängerin auf und feierte große Erfolge auf großen Musikbühnen – und sie inspirierte und stützte ihren Ehemann Zeit seines Lebens. Doch nicht nur hinter Richard Strauss verbirgt sich eine eigenwillige und ganz und gar unkonventionelle Gattin. Nein, auch Max Reinhardt war mit einer sehr aktiven Frau verheiratet. Die Rede ist hier von Else Heims-Reinhardt, einer Tischlerstochter und damals sehr bekannten Schauspielerin, die nach der Trennung von ihrem Mann das Land verließ. Setzt man sich mit diesen beiden Gründern des Festivals auseinander, dann ist eines sicher: Die Salzburger Festspiele wären undenkbar ohne Else Heims-Reinhardt und Pauline Strauss-de Ahna gewesen. Dass diese Frauen einen großen Teil zur künstlerischen Entwicklung ihrer Männer beigetragen haben, wird gern vergessen – und dass sie selbst große Künstlerinnen waren, davon ist überhaupt nicht die Rede.

    Andere Themen

    Womit wir schon beim Thema wären: In einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft sind die Themen, ist das, worüber verhandelt wird, andersartig gelagert als es das im Moment bei den Salzburger Festspielen ist. Ich würde mir in diesem Rahmen beispielsweise eine Art Stationendrama wünschen – möglicherweise in Form von Installationen im öffentlichen Raum und für „Jedermann“ und „Jedefrau“ begehbar –, das die Biographien all jener vergessenen Frauen, die Teil der riesigen Maschinerie der Festspiele waren, erfahrbar macht.

    Andere Sprachstrukturen

    Doch nun zum „Wie“: Welche Struktur muss eine Theater-Sprache haben, die reflektiert mit dem Begriff „Gender“ umgeht? Ich denke dabei besonders an Schriftsteller*innen, die sich in ihrer Sprachbehandlung von dem im Moment vorherrschenden Prosastil des Mainstreams abheben, mit semantischen Strukturen brechen und neue Formen des Ausdrucks suchen. Ein Beispiel hierfür wäre Héléne Cixous, die in ihrer Écriture feminine eine Art des Schreibens betreibt, das sich viel eher am Klang der Sprache entlang tastet, als dass es sich an einem stimmigen Gesamtkonzept abarbeitet oder eine traditionelle Form bedient. Durch so eine Herangehensweise wird die Produktionsmaschinerie nicht einfach beliefert; vielmehr kommt es zur Auslotung neuer Bereiche und Möglichkeiten, Sprache zu denken.2 Die Salzburger Festspiele bräuchten meiner Meinung nach also (Theater-)Texte, die in diesem Duktus geschrieben sind.

    Ausblick

    Dass sich das gesellschaftliche Denken jenseits klassischer Dichotomien nur langsam verändern wird, ist klar. Doch es ist notwendig, in einen neuen Bereich aufzubrechen, in dem alte, festgefahrene Rollenbilder hinterfragt werden können und müssen. Dabei muss auch nicht auf alte Texte wie den Jedermann, der mich immer noch sehr berührt, verzichtet werden – im Gegenteil. Wer weitergehen will, muss seine Wurzeln kennen. Er muss sie analysieren – aber auch mit einer gewissen Distanz und im historischen Kontext betrachten können. Eine neue Form des Umgangs wäre, Etabliertes zu hinterfragen, ohne es zu idealisieren, es aber auch nicht zu verteufeln, ja, eine Plattform für Austausch zuzulassen, die unterschiedliche Formen der Rezeption bestehen lässt und denen, die aufgrund der Geschichte nur an den Rändern vorkamen – nämlich den Frauen – endlich medial ein Gesicht zu geben.


    Anmerkungen

    1. N. N.: Salzburger Festspiele: Warum ein fehlender BH für Aufregung sorgt. In: Kurier, 28.7.2022. ↩︎
    2. Vgl.: Stützl, Wolfgang: Aktivistische Brieftauben. Medienaktivismus und Wissen im Zeitalter der Biomacht. In: Barberi, Alessandro (Hg.): Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 2012-2013. Wien: new academic press 2014, S. 76-88, S. 81. ↩︎

    © Konstantin Reyer

    SOPHIE REYER

    Studium der Germanistik in Wien und der Komposition in Graz sowie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Promotion an der Universität für angewandte Kunst Wien. Freischaffende Autorin, Lyrikerin und Komponistin. Zuletzt u.a. Nach den Gesichtern (2023). 2019 Nominierung ihres Romans Mutter brennt für die Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Seit 2020 Lehrende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich an der Abteilung Elementarpädagogik. 2024 Uraufführung ihres Theaterstücks Sisi im Theater im Keller in Graz.