Schlagwort: Elfriede Jelinek

  • Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Geschlechterkonventionen und Genderfluidität

    Über Rosenkavalier-Inszenierungen bei den Salzburger Festspielen

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Salzburger Festspiele generell in Hinblick auf Gender-Aspekte – siehst du hier ein besonderes Bewusstsein für solche Fragen oder eher nicht?

    ANKE CHARTON: Das ist eine große Frage gleich zum Einstieg, und meiner Antwort muss ich ein doppeltes Caveat vorausschicken: Einerseits ist meine Perspektive auf die Salzburger Festspiele die einer Besucherin und nicht die einer mitarbeitenden Person. Festspielpublikum zu sein, ist (leider) keine Profession, im Gegensatz zur Musiktheater- und Geschlechterforschung, in der ich unterwegs bin. Andererseits sind die „Gender-Aspekte“ über die lange Geschichte der Salzburger Festspiele hinweg immer wieder andere gewesen, sind also nicht gut zu verallgemeinern.

    Mit einer Oper wie dem Rosenkavalier können wir über konventionelle binäre Geschlechterrollen sprechen, über die Cross-Casting-Praxis innerhalb eines solchen Referenzrahmens, aber auch über Zwischenräume, Übergänge und bewusste Unschärfen, die sich einer binären Logik potenziell verweigern. Die Debatte um Geschlechterrollen war zur Zeit der Uraufführung 1911 und der Festivalgründung 1920 nicht weniger intensiv als jetzt, hatte aber andere inhaltliche Akzente – einfach, weil der gesellschaftliche Kontext inzwischen ein anderer ist. Vor 100 Jahren hätte man z.B. nicht an einem Sommer-Wochenende auf einer der vielen europäischen Pride Parades sein können und am Wochenende darauf bei den Salzburger Festspielen. Die Emanzipationskämpfe im Bereich von Geschlechterrollen spielen sich inzwischen woanders ab, etwa in Bezug auf Intersektionalität oder auf Teilhabe von Trans*personen.

    Dass sich die Salzburger Festspiele hier explizit am Diskurs beteiligen, sehe ich als Besucherin so nicht, zumindest nicht im Bereich Musiktheater. Das finde ich allerdings auch nicht überraschend für einen solchen „Festspiel-Tanker“, der auf ein breites internationales Publikum hin ausgerichtet ist und eher mit einem konservativen Selbstnarrativ in Verbindung gebracht wird.

    PIA JANKE: Mir kommt vor, dass sich bei den Salzburger Festspielen im Bereich des Schauspiels in den letzten Jahren einiges in Hinblick auf die Problematisierung tradierter Geschlechterbilder getan hat, im Bereich der Oper aber kaum. Wieso ist das so, sind die Sphären der klassischen Musik und des Musiktheaters generell Bereiche, die konservativer sind und in denen patriarchale, autoritäre Strukturen immer noch dominant sind, oder ist das ein Salzburger Spezifikum?

    ANKE CHARTON: Für das Schauspiel würde ich dir zustimmen, da gibt es eine größere Offenheit sowohl in den Inszenierungen als auch im Repertoire, übrigens auch in den Early-Career-Formaten, den Outreach-Programmen und alledem, was oft Einzel-Veranstaltungen jenseits der Repertoire-Blockbuster sind. Da sind sehr innovative, tagesaktuelle Formate dabei. Dass sich im Musiktheater weniger bewegt, mag eine bewusste Marketing-Entscheidung der Salzburger Festspiele sein, liegt für mich aber zentral im Repertoire begründet. Die Opernstandards insbesondere des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts, die das Salzburger Profil prägen, bringen Geschlechterbilder mit, die im 21. Jahrhundert so nicht mehr gelten. Diese Bilder kann man weiter tradieren oder dezent umschiffen, oder man kann sie herausfordern.

    Dieses Herausfordern, als Arbeit an gesellschaftlichen Reibungsflächen, kann eine Festival-Identität prägen, wie das z.B. gegenwärtig bei den Wiener Festwochen oder auch in Aix-en-Provence sichtbar wird, aber so haben sich die Salzburger Festspiele nicht positioniert. Natürlich gibt es auch in Salzburg Raum etwa für die klassische Moderne (was jetzt kein Herausfordern patriarchaler, autoritärer Strukturen ist) – 2024 gibt es Schönberg, Weinberg, Prokofjew, aber neben Mozart, Offenbach und Strauss. Dass am Rande auch Olga Neuwirth gespielt wird (mit ihrer Filmmusik zu Stadt ohne Juden), macht vor allem die Abwesenheit weiblicher Kompositionshandschriften im Hauptprogramm sichtbar.

    Ähnlich ist das Geschlechterverhältnis in der Regie: Den neuen Don Giovanni verantwortet Castellucci szenisch, aber auch das ist keine Regiesprache, in der Geschlechterbilder zentral hinterfragt würden. Dazu Carsen, Sellars und Warlikowski: alles sehr etablierte Regisseure. Dazu immerhin MARIAME CLÉMENT, allerdings auch keine Unbekannte mehr, für Les Contes d’Hoffmann. Vielleicht ist auch in Salzburg klar, dass „All Male Panels“ – wie das im Wissenschaftsbetrieb auf Konferenzen heißt, wenn alle Vorträge einer Sektion von Männern gehalten werden –, eben nur eine eingeschränkte Perspektive auf den Zustand, die Wünsche und die Herausforderungen einer ganzen Gesellschaft liefern können.

    PIA JANKE: Herbert von Karajan hat fast ein Drittel der Salzburger Festspielgeschichte dominiert, seine Zeit scheint mir wenig aufgearbeitet zu sein. Kritische Stimmen sehen in Karajan den typisch männlichen „Diktator“, er steht für sie für das männliche Genie, das alles bestimmen und kontrollieren wollte und bei dem Frauen, vorrangig Sängerinnen, auf ihre traditionelle Rolle festgelegt waren. Wie siehst du das?

    ANKE CHARTON: Ganz kurz: Ja, ja und ja, obwohl auch da natürlich der gesellschaftliche Kontext ein anderer war und im Zusammenhang damit auch die sozial akzeptierte Vorstellung eines Dirigenten oder Festspielleiters. Sicherlich wäre es an der Zeit für ein größeres, interdisziplinäres Forschungsprojekt, das hier Bühnenästhetik und Festspielpolitik als ein Kontinuum befragt. Zu all den Anekdoten zu Karajans Führungsstil kommt beispielsweise hinzu, dass genau dieser Stil durch einen Zeitgeschmack gestützt und gewollt wurde und Sehnsüchte bestimmter gesellschaftlicher Gruppierungen bedient hat. Und Karajans idiosynkratisches Casting hat auch dazu geführt, dass Sängerinnen, die sich in der internationalen Logik bestimmte Repertoires sonst nicht hätten erarbeiten können, hier Rollen ausprobieren konnten – so wie z.B. AGNES BALTSA als Octavian, aber auch ANNA TOMOWA-SINTOW als Marschallin.

    PIA JANKE: Entspricht Karajans musikalische und szenische Ästhetik, also die, die er vorrangig in Salzburg realisiert hat, einem Weltbild mit herkömmlichen Rollenverteilungen?

    ANKE CHARTON: Das im Jahr 2024 als Frau aus der Distanz mit „ja“ zu beantworten, ist leicht, sicherlich zu leicht, da es die Verschiebung gesellschaftlicher Normvorstellungen nur in der Retrospektive wahrnimmt. Genau hierfür würde ein Forschungsprojekt den Rahmen bieten, um das historisch präzise aufzuarbeiten, z. B. über Zeitzeuginnen und ehemalige Mitarbeiterinnen, deren (teils chiffrierte) Möglichkeiten, Rollenverteilungen auch in Frage zu stellen, die sich aus einer unbeteiligten Gegenwartsperspektive nur eingeschränkt darstellen lassen.

    Die sogenannte „Karajan-Ästhetik“ gehört aber in einen zeitgeschichtlichen Kontext, der das Glatte, Monumentale, vermeintlich Apolitische und Universale favorisierte, ganz in der Verdrängungslogik der Nachkriegsgeschichte. Stephan Mösch von der HfM Karlsruhe hat das vor ein paar Jahren in einem Vortrag hervorragend analysiert anhand des Wiener Mozart-Stils der 1950er unter Karl Böhm.

    PIA JANKE: Die Salzburger Festspiele waren immer auch ein Ort, an dem Diven „kreiert“ wurden, man denke nur, in neuester Zeit, an Anna Netrebko oder ASMIK GRIGORIAN. Auch CECILIA BARTOLI ist hier tätig, nicht nur als Sängerin, sondern auch als Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele. Welche alten oder aber neuen Frauenbilder werden mit solchen Diven mitgeprägt?

    ANKE CHARTON: Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Die Leitungsposition von BARTOLI bietet sicherlich mehr Entscheidungsspielraum als ein Bühnenengagement, das aber die größere Strahlkraft haben kann in Bezug auf medienwirksame Frauenbilder. Frauen in Führungspositionen bedeuten aber auch nicht grundsätzlich ein Engagement für Gleichberechtigung, für feministische Themen oder für weibliche Regiehandschriften. Ein Festspielbetrieb mit der Größe und der Geschichte Salzburgs ist auch nochmal eine eigene Herausforderung, jenseits aller Intentionen. Das braucht Zeit und hängt auch von kulturpolitischen Entscheidungen ab. (Eine Randnotiz: An dem Tag, an dem wir dieses Gespräch führen, wird Markus Hinterhäuser für fünf weitere Jahre als Festspielleiter bestätigt. Ich bin gespannt, was er in dieser längeren Laufzeit nun für Akzente setzen kann.)

    Die Figur der „Diva“ ist hingegen immer eine Chiffre von Emanzipation innerhalb eines klar etablierten Geschlechterbildes, wo die Überschreitung dann positiv als mondän gelesen wird, ohne wirklich die Grundkonstellation zu verändern (es gibt einen schönen Sammelband zur Sängerin als Diva zu dieser Dynamik).1 Sicherlich prägen individuelle Künstlerinnen auch Geschlechterbilder, die in eine bestimmte Zeit passen, aber Künstlerinnen werden umgekehrt auch passend gemacht. Bei NETREBKO erinnere ich mich an die M22-Ausgabe von den Festspielen 2006, da gab es auf dem DVD-Set zur stilbildend wirkenden Guth-Inszenierung von Le nozze di Figaro Interviews als Extras.2 Netrebko, damals als Susanna, wurde im Freien interviewt, bei launiger Sommerstimmung, und dann fanden sich beiläufige Aussagen, die – würde ich vermuten – ganz bewusst so zusammengeschnitten waren, dass sie einem Diva-Bild entsprachen, das den Erfolg der Traviata 2005 über die Persona Netrebko wesentlich mitbegründet hatte. Und GRIGORIAN, um auf dein anderes Beispiel zu sprechen zu kommen, wird seit dem Pferdekopf in der Salome auch gern auf eine Dualität von unterkühlt und unbedingter szenischer Verausgabung reduziert, die dem Ausdrucksspektrum der Sängerin nicht gerecht wird und die vermutlich nur bedingt selbstgewählt ist.

    Dass ich hier gleich Beispiele parat habe, zeigt aber auch, dass bei den Festspielen tatsächlich Frauenbilder geprägt werden – durch Sängerinnen, aber eben auch durch das Marketing. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Musiktheater. Man denke nur, kurzer Exkurs ins Schauspiel, an die übergriffige Skandalisierung von VERENA ALTENBERGERS Kurzhaarfrisur im Zusammenhang mit ihrer Besetzung als Buhlschaft im Jedermann – da wurde ein reaktionäres Frauenbild herausgefordert und im Schnappreflex verteidigt in der Presse wie auch in den sozialen Medien. (Nächste Randnotiz: Das Jelinek-Forschungsnetzwerk hat 2022 für sein Kapital.Geschlecht-Symposium ein Szenenfoto aus diesem Jedermann verwendet für das Veranstaltungsposter. Es hängt heute bei mir im Büro.)

    PIA JANKE: Hofmannsthals und Strauss‘ Der Rosenkavalier ist eines der „Identitätsstücke“ der Salzburger Festspiele. Welche tradierten oder aber neuen Gender-Entwürfe siehst du in dieser Oper? Immerhin gibt es hier eine Hosenrolle, die komplex angelegt ist: eine Frau singt einen Mann, der sich wiederum als Frau verkleidet und zwischen den Geschlechtern zu changieren scheint.

    ANKE CHARTON: Was der Rosenkavalier, in Salzburg und auch anderswo, auf jeden Fall hat, ist eine Fähigkeit, wechselnde Geschlechterdiskussionen zu tragen und mit einprägsamen Bildern mitzugestalten. Chamberlain hat z.B. 1912 für die englische Erstaufführung das Bett aus dem ersten Akt entfernen lassen, nicht aber das Bett im Beisl im dritten Akt.3 Grund waren offenbar Sorgen um die offene Darstellung von Ehebruch, vor allen Dingen aber um die Sichtbarkeit von weiblicher Homosexualität; beide Bedenken entzündeten sich an der von dir angesprochenen Figur des Octavian. Und beide Aspekte waren Teil gesellschaftlicher Debatten, die bereits Hofmannsthal und Strauss zur Entstehungszeit der Oper umgaben.

    Wissen und Intention seitens dieser Autoren ist ein Aspekt, die vielseitige Lesbarkeit seitdem ist ein anderer, das lässt sich auch gut an den Formulierungen in der Forschungsliteratur ablesen. Eine „Hosenrolle“ – über das Thema habe ich anderswo ausführlich geschrieben4 – ist bereits eine Konstruktion, ab etwa dem späten 18. Jahrhundert, die daran hängt, dass eine jugendliche Männer-Partie von einer Frau gesungen werden soll, im Gegensatz zur früheren Praxis, bei der das Geschlecht jenseits der Bühne meistens kein Kriterium für die Besetzung war. Auch das bewusste Unterlaufen von Zuschreibungen, das du beschreibst – die Sängerin als junger Mann, der dann im Plot als Frau verkleidet wird –, verlässt sich auf genau diese Konvention und ist ein etabliertes Muster im Opernrepertoire, von Cherubino über Octavian bis Fatinitza. Das spielt mit tradierten Geschlechterbildern, fordert sie aber nicht nachhaltig heraus.

    Gleichzeitig schaffen solche Partien aber auch eine – chiffrierte – Sichtbarkeit für Menschen, die sich in diesen durchgespielten Möglichkeiten wiedererkennen und durch sie verständigen; das zeigt sich insbesondere auch beim Rosenkavalier. Insofern liegt in der ursprünglichen Arbeit von Hofmannsthal und Strauss schon das Potenzial, Gender-Entwürfe herauszufordern – und ich würde argumentieren, dass sie dieses Potenzial bewusst einkalkuliert haben und es bewusst mainstream-fähig gehalten haben –, aber es ist eine Frage von Inszenierung, Interpretation und Rezeption, ob dieses Potenzial weitergehend ausgespielt wird. In fast allem anderen ist der Rosenkavalier aus heutiger Perspektive erzkonservativ: in der nostalgischen Klasseninszenierung; in den spätkolonialen Auswüchsen in der Figur des schwarzen5 minderjährigen Dieners der Marschallin oder des Lokalkolorits der „Kronländer“ beim Lever und beim Aufmarsch zur Rosenüberreichung; in der abwertenden Charakterisierung Sophies als ignoranter junger Aufsteigerin; in der misogynen Ungleichbehandlung der sexuellen Selbstbestimmung von Männern und Frauen (zwar hat die Marschallin ihre Affäre, aber die Stigmatisierung durch das Alter folgt auf dem Fuße, verbrämt mit einer Dosis katholischer Bußfertigkeit, während Ochs seine sexualisierten Gewaltfantasien gegenüber sozial unter ihm stehenden Frauen offen darlegen darf – ob das Ende diese Gewichtung aufhebt, wäre zu diskutieren). Ein Fanal für Geschlechtergleichheit oder transgressive Genderentwürfe ist der Rosenkavalier nicht, zumindest nicht jenseits der Figur des Octavian, die aber ebenfalls auf ein traditionelles, binäres Geschlechtermodell rekurriert und nur in ihm funktioniert.

    PIA JANKE: Siehst du am Ende des Rosenkavalier eine Rekonstituierung von alten Geschlechter-Ordnungen? Octavian wendet sich, nun als Mann definiert, Sophie zu und verlässt offensichtlich die Phase der geschlechtlichen Unbestimmtheit und Freiheit.

    ANKE CHARTON: Das ist sicherlich eine plausible Lesart. Übrigens durchaus kompatibel mit Konwitschnys Hamburger Inszenierung von 2002, in der Octavian, die Marschallin und Sophie mit dem Schlussterzett genau dieses finale Einfrieren in Konventionen vollzogen: als Schaufensterpuppen, mit der silbernen Rose, die eine echte – rote – war, die dann in flüssigen Stickstoff getaucht wurde und schließlich auf dem Bühnenboden zerschellte. Ein spektakuläres Bild.

    Ich selbst habe 1999 bei einer Inszenierung von Rosamund Gilmore am Bremer Theater hospitiert, da war der Kammerknabe der Marschallin eine junge weiße Frau,6 eine Art zweites Mariandl. Da war die Botschaft ganz am Ende: Octavian wird „wie alle Männer“. Und zwar kam Octavian dort noch einmal zurück auf die Bühne nach dem traumwandlerischen Abgang ganz am Schluss, um das Taschentuch selbst einzusammeln, das Sophie hatte fallen lassen. Er nahm das Taschentuch dem zweiten Mariandl ab, das es gefunden hatte – und schaute ihr dann suggestiv hinterher.

    Ich denke, der Rosenkavalier bietet sich als Folie für Umbruchserzählungen an. Diese können auch utopisch sein – es gibt Inszenierungen, in denen am Schluss Octavian und Sophie in eine freie, unbestimmte Zukunft entlassen werden, indem beispielsweise das Bühnenbild, und mit ihm die Alters- und Standeskonventionen, vielleicht auch die Geschlechterrollen, in den Bühnenhimmel entschwinden. Auch Koskys neuere Inszenierung für München (2021) finde ich an dieser Stelle utopischer und fluider in den Geschlechterbildern. Die lang tradierte Vorgänger-Inszenierung von Schenk und Rose war stark geprägt von der Logik der Roller-Entwürfe.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Aufführungsgeschichte des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen anschaut, fällt auf, dass die Ästhetik, die Alfred Roller geprägt hat, bis in die 1950er Jahre bestimmend war. Denkst du, dass damit auch eine Weitertradierung von bereits in den 1910er und 1920er Jahren geprägten Geschlechterbildern verbunden war?

    ANKE CHARTON: Auf jeden Fall, vor allen Dingen in einem Regieverständnis, das noch stark der Idee eines Arrangements im Raum verhaftet war. Die Bühne und die Kostüme von Roller waren im Wesentlichen die Inszenierung, zusammen mit Hofmannsthals detaillierten Szenenangaben, und bis heute müssen Inszenierungen weltweit mit diesem so emblematischen Erbe irgendwie umgehen. Und es gibt auch immer noch Produktionen, die das im Kern relativ unverändert reproduzieren. Die Roller-Bühne hat ähnlich – und ähnlich lange – funktioniert wie die ebenfalls stark an ihr orientierte Schenk/Rose-Inszenierung in München 1972 oder wie die noch immer laufende Wiener Schenk-Produktion von 1968, die alle Jahre wieder für ein paar Vorstellungen ausgepackt wird – durchaus auch mit mir im Publikum, je nach Cast, ich nehme mich da nicht aus. Und in einer ererbten, nicht bewusst hinterfragten Ästhetik werden natürlich auch misogyne und rassistische Stereotype, Alters- und Klassendiskriminierungen in einer Weise weiterkolportiert, die in einer Neuproduktion so heute hoffentlich nicht mehr möglich wäre. Andererseits täte man den 1910er und 1920er Jahren unrecht, wenn man ihre engagierten geschlechterpolitischen Debatten einfach unter den Tisch kehren würde. Und die spiegeln sich natürlich auch in den Entwürfen Rollers.

    PIA JANKE: Wenn du nun die drei Neuinszenierungen des Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen betrachtest, mit denen wir uns genauer beschäftigen wollen, nämlich die von Rudolf Hartmann für Herbert von Karajan 19607 (erneut 1983 in Karajans Inszenierung)8, mit der auch das Große Festspielhaus eröffnet wurde, die Neuinszenierung von Robert Carsen 20049 und die von Harry Kupfer 2014:10 Wie gehen sie unterschiedlich mit den von uns angesprochenen GenderAspekten dieser Oper um?

    ANKE CHARTON: Alle diese Produktionen bilden, zumal aus heutiger Sicht, immer auch einen Zeitgeist ab, auch wenn die Inszenierungen der Salzburger Festspiele – mit der Ausnahme von Carsen 2004 – schon eine Gemeinsamkeit darin haben, ihre jeweiligen Gegenwartsdebatten nicht explizit anzusprechen.

    Ich möchte zunächst auf weitere Gemeinsamkeiten zu sprechen kommen. Die lange Repertoireposition der Hartmann/Karajan-Deutung hat dazu geführt, dass die Salzburger Rosenkavalier-Produktionen tendenziell einen zeitversetzten, hermetischen Umgang mit Geschlechterdebatten gepflegt haben. Wir werden gleich vor allen Dingen auf die Octavian-Figur zu sprechen kommen, da fällt in Salzburg auf, dass der Roller-Entwurf für Eva von der Osten viel länger wirkmächtig geblieben ist: die sogenannte Hourglass Figure, das Amoretten-Gesicht, die voluminösen, längeren Haare. Die Salzburger Octavian-Interpretationen, mit Ausnahme Kirchschlagers, waren tendenziell immer weniger jungenhaft und stärker androgyn im Sinne einer immer auch als weiblich lesbaren Verkörperung. Das gilt interessanterweise auch noch zu Zeiten, als selbst konservative Produktionen international mit einer athletischeren, jungenhafteren Silhouette und ihr entsprechenden Sängerinnen gearbeitet haben; ein Beispiel wäre die Neueinstudierung der Wiener Schenk-Produktion 1994 mit Anne Sofie von Otter als Octavian. Diese Entwicklungslinie hin zu einem Androgynen, das immer auch als männlich lesbar ist, ist z.B. sehr deutlich in der Inszenierung von 2017 an der Metropolitan Opera, übrigens auch von Carsen, in der ELĪNA GARANČA als Octavian ganz bewusst an den Leonardo di Caprio der mittleren 1990er Jahre angelehnt wurde.

    Genau diese Konzeption einer souveränen Männlichkeitsperformance an einem als weiblich gelesenen Körper ist aus der Hartmann/Karajan-Produktion dezidiert wegpoliert. Das lässt sich nicht nur als Konsequenz historischer Geschlechterbilder fassen: Zu Beginn der 1960er Jahre waren andere Bildlichkeiten sozial bereits präsent, auch jenseits spezifischer Subkulturen. Ich würde daher argumentieren, dass die 1960er-Produktion bewusst entschieden hat, Octavian nicht zu souverän und maskulin auftreten zu lassen, was aber im Gegenzug dazu geführt hat, dass die Figur stärker weiblich kodiert wurde. Davon abgesehen sind die Geschlechterbilder hier auch im Zusammenspiel mit den Darstellungskonventionen der Zeit sehr glatt und statisch, was insgesamt eine stärkere Stilisierung zur Folge hatte.

    In der Wiederaufnahme 1983 ist in den ersten beiden Akten diese Stilisierung überwiegend aufgelöst, was auch an einer großen Salzburger Festspiel-Qualität liegt: an individuell großartigen Sängerinnen, die in den 1980er Jahren natürlich bereits ein anderes Spielen gewohnt waren und diese Kompetenzen auch in die Zeitkapsel der 1960-Inszenierung hineingetragen haben. Wenn wir uns den Octavian von Agnes Baltsa anschauen, in der zurückgenommenen, sehr kindhaften – eben nicht männlichen – Körpersprache, gibt es aber auch Kontinuitäten in den Geschlechterbildern: viele statisch wirkende Posen und Weiblichkeit als Projektionsfläche mit Artefaktstatus, gerade bei der Marschallin.

    Die Carsen-Produktion markiert 2004 eine Zeitenwende in diesen Geschlechterbildern, sicherlich auch im zeithistorischen Zusammenhang von feministischen und queeren Errungenschaften. Ich würde Carsen hier einen intentionalen Bruch mit der Vorgängerinszenierung und den alten Roller‘schen Zöpfen attestieren. ANGELIKA KIRCHSCHLAGER gibt einen ungestümen, aufbrausenden und selbstbestimmten Octavian, der eben nicht mehr der sehr junge, folgsame „Bub“ der Hartmann/Karajan-Inszenierung ist, dessen Körper schon im Kostüm immer auch als weiblich lesbar war. Und ADRIANNE PIECZONKAS Marschallin ist zumindest im ersten Akt sehr viel nahbarer angelegt, mit einem viel offeneren Körpereinsatz, der die stilisierte Weiblichkeit einer Schwarzkopf aushebelt – aber Schwarzkopfs bewusste Verfremdung damit auch als Interpretationswerkzeug ausklammert. Wenn man Carsens Produktion für die Metropolitan Opera 2017 danebenlegt, gibt es größere Überschneidungen, auch in der stärkeren Problematisierung der Figur des Ochs, der weniger täppisch und harmlos-lustig angelegt ist – sicherlich ebenfalls ein Reflex zeitgenössischer Debatten von Geschlechterverhältnissen.

    Die Geschlechterbilder in der Inszenierung von 2014 schließlich – mit der eine Produktion, die weibliche Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmtheit in Bezug auf Gender und Alter deutlich thematisiert hatte, nach nur zehn Jahren durch eine in dieser Hinsicht unverbindlichere Neuinszenierung ersetzt wurde – sind unbestimmter, aber auch entspannter, da sich der gesellschaftliche Kontext noch einmal verändert hatte. SOPHIE KOCHS Octavian wirkt älter, gleichzeitig elegischer. Da gibt es keine pausbäckige Niedlichkeit mehr wie 1960 und 1983, doch auch das jugendlich Trotzige von 2004 ist kein zentraler Punkt mehr.

    Was sich von 1960 bis 2014 gesellschaftlich in Bezug auf Geschlechterbilder verändert hat, lässt sich anhand dieser vier Produktionen gut in Momentaufnahmen fassen. Das Altersstigma für Frauen geht zurück; die 1968er Bewegung baut Hierarchien von Gender und Klasse ab und verändert den Umgang mit Sexualität. In der Opernästhetik setzt sich in diesen 54 Jahren eine Alltagskörpersprache durch, die immer stärker auch schauspielerische und athletische Ansprüche an Opernsänger*innen stellt, unter dem Primat eines vermeintlichen Realismus.

    PIA JANKE: Siehst du bei diesen Inszenierungen eine Entwicklung hin zu einem immer größeren Bewusstsein für Gender-Ambivalenzen und Genderfluides?

    ANKE CHARTON: Aus heutiger Perspektive sehe ich das sicherlich, aber das ist immer auch eine Frage sozialer Kontexte, die von 1960 über 2004 bis 2014 eine Tendenz hin zu mehr Ambivalenz und Fluidität bedeuten. Dass sich das in den Salzburger Produktionen zumindest implizit niederschlägt, ist naheliegend, bedeutet aber keine Vorreiterrolle innerhalb des jeweiligen Momentes. Wenn wir in den internationalen Vergleich gehen: Konwitschnys bereits angesprochene Interpretation für Hamburg, in der er Octavian als Frau inszeniert hat und die Marschallin als suizidal in einem ausgestoßenen Begehren, war gerade nicht fluide in der Geschlechterdeutung. Sie war aber dichter dran an einer tagesaktuellen Debatte, in der gerade ein Konstrukt wie das Gesetz zur Eingetragenen Lebenspartnerschaft (2001) die soziale Akzeptanz von nonkonformem Begehren in Deutschland zum Streitpunkt gemacht hatte. Eine weitere Produktion, die dicht an aktuellen Geschlechterdebatten war, wäre die bildlich eher konventionelle Produktion der Den Norske Opera in Oslo 2019 mit dem Mezzosopran Adrian Angelico in der Rolle des Octavian.11 Dieser Octavian war in der Anfangsszene mit weit geöffnetem Hemd inszeniert – so weit, dass man bei jeder Mezzosopranistin den meist für Hosenrollen eingesetzten Binder gesehen hätte, mit dem die Brust flachgeschnürt wird, um eine weibliche Körpersilhouette der Sängerin zu minimieren. Bei Angelico waren hingegen die Operationsnarben auf seiner Brust erkennbar. Das war ein Moment von Trans*-Sichtbarkeit, der Sehgewohnheiten – auch meine eigenen – herausgefordert hat und deutlich gemacht hat, wie sehr die Rezeptions- und Inszenierungsgeschichte hier immer implizit von zwei Frauen ausgegangen ist.

    Im Vergleich dazu sind die Salzburger Inszenierungen weniger Herausforderungen für die Sehgewohnheiten, auch wenn die Octaviane hier die Tradition eines ambivalenten Bildes fortführen, das immer noch mehr an die Skizzen Rollers – insbesondere an jene für die Rosenüberreichung – und an Eva van der Osten erinnert, und weniger an Garančas di Caprio-Mimikry. Die Salzburger Ästhetik trifft sich in dieser Ambivalenz aber mit Debatten zur Fluidität von Geschlecht ab den 1990er Jahren. Das ist eine interessante Koinzidenz, die ich so nur aus den Salzburger Produktionen kenne.

    Von heute aus wirkt die Hartmann/Karajan-Produktion – sowohl 1962 als auch 1983 – in dieser Hinsicht ambivalenter auf mich, weil die Männlichkeits-Performances, die Sängerinnen dort zugestanden wurden, weitaus jüngere und weniger selbstbewusste Figuren geschaffen haben als die Produktionen von 2004 oder 2014. Da erscheinen Koch und Kirchschlager in der Körpersprache dann schnell eindeutig männlich im Vergleich zur weniger eindeutigen Kodierung bei JURINAC oder Baltsa, wobei man die Historizität auch der Wahrnehmungskonventionen bedenken muss. Vielleicht können wir von heute aus eine historische „female masculinity“12 einfach nicht mehr hinreichend nuanciert erkennen.

    PIA JANKE: Wie bewertest du es, dass Herbert von Karajan 1983 die Inszenierung von 1960 quasi „wiederaufgenommen“ hat (nun mit Agnes Baltsa als Octavian)? Bedeutet so eine „Rekonstruktion“ zugleich unweigerlich auch eine Konservierung von Rollenbildern von vor 23 Jahren?

    ANKE CHARTON: Das ist eine Art Vexierspiegel. Auch wenn eine Konservierung intendiert gewesen ist, lässt sich das bei einer Generation Unterschied nicht hundertprozentig umsetzen. Aber ebenso wenig kann man diesem traditionellen Zopf – bis hin zum Zopf an der Octavian-Frisur – entkommen, wenn man ihn so wieder auf die Bühne stellt, selbst dann, wenn man das wollte. Ich würde die Wiederaufnahme 1983 als einen Versuch sehen, eine Idealversion – aus Karajans Perspektive – fortzuschreiben, die als Universal- und Musterproduktion gelten sollte wie davor die Roller-Ausstattung. Und die Rosenkavalier-Ausstattung ist traditionell eine sehr spezifische, in all ihrer Nostalgie; wirkliche Brüche mit dieser Tradition setzen in der Breite eigentlich erst mit den 1990er Jahren ein – sicherlich nicht mit der Hartmann/Karajan-Produktion.

    PIA JANKE: Wie hat sich deiner Meinung nach der Sängerinnen-Typus bei den Rosenkavalier-Aufführungen verändert, stimmlich, aber auch vom Aussehen und von der szenischen Präsenz her? Ich meine die Sängerinnen, die in diesen Inszenierungen den Octavian interpretiert haben, also Sena Jurinac, Agnes Baltsa, Angelika Kirchschlager und Sophie Koch.

    ANKE CHARTON: Das wäre schon Thema genug für einen eigenen Aufsatz, allein schon zu den Stimmen! Was die Geschlechterbilder betrifft, haben wir das bereits in Teilen diskutiert. Ich fange auch hier an mit den Gemeinsamkeiten: Was stimmlich auffällt, ist, dass Salzburg tendenziell etwas dunklere, schwerere oder dramatischere Stimmen eingesetzt hat – auch dann, als anderswo leichtere lyrische Mezzi für die Partie gecastet wurden.

    In dieses leichtere Klangbild passt am ehesten noch Kirschschlager 2004. Jurinac lässt sich sicher ähnlich fassen vom Stimmtyp, aber ihr dunkleres Timbre, das auch einen Zeitgeschmack abbildet, lässt aufhorchen. Koch hatte 2014 parallel bereits Schwereres wie etwa die Werther-Charlotte gesungen: auch lyrisch, aber mit etwas mehr dramatischem Gewicht. Das bemerkenswerteste Casting war sicherlich Baltsa, die Mitte der 1980er die Carmen einer ganzen Generation war. Also ebenfalls etwas schwerer und dramatischer im Klang, wobei Baltsa ihr Material im Rosenkavalier sehr klug und überzeugend einsetzt. Als ich die Aufnahme von 1983 das erste Mal gehört habe, hatte auch ich ihre Carmen im Ohr, und ich habe gestaunt, wie man sie diesem Octavian nicht anhört. Aber Carmen war natürlich nicht nur die Stimme, das war auch die Darstellung, für die Baltsa bekannt war: nah am Veristischen, auch exotisiert als Griechin in einem Opernbetrieb, der sich immer stärker an Westeuropa orientiert hat. 1984 hat Baltsa in Wien eine legendäre Carmen-Reihe gesungen, einige Monate nach diesem Rosenkavalier. Das Casting muss so gewirkt haben, als würde man heute Anita Rachvelishvili als Octavian casten: eine Sängerin, die mit dramatischem Repertoire und mit einer Performance exotisierter Weiblichkeit assoziiert wird. Dass das Image einer solchen Sängerin – wie damals Baltsa – keinen primär männlich gelesenen Octavian ergeben würde, wird Karajan klar gewesen sein.

    Alle Sängerinnen sind bei Karajan 1962 wie auch 1983 tendenziell statisch inszeniert. Die Octavian-Porträts haben wenig Maskulines. Auch die Marschallin und Sophie bleiben zurückgenommen und erobern sich Freiräume am ehesten in den individuellen sängerischen Qualitäten. Der Kontrast zu Kirchschlagers agilem, draufgängerischem Octavian 2004, der den Frauenkörper einfach überschreibt, könnte kaum größer sein. Sicherlich spielt dabei auch die Betonung des Militaristischen, mit Carsens Versetzung der Oper in den Ersten Weltkrieg, eine Rolle. 2014 ist der Octavian bei Koch dann einerseits maskuliner, aber andererseits auch femininer als frühere Interpretationen. Vor allen Dingen wirkt er älter. Das lässt sich sicher auch als Reflex auf die Genderdebatten seit den 1990er Jahren lesen, die eine größere Sichtbarkeit queerer, gender-nonkonformer und nicht-binärer Lebensentwürfe mit sich gebracht haben, die nun kein Novum mehr waren. Gender ist in der Inszenierung von 2014 für mich stärker verknüpft mit dem Abbau von Altersschranken und Altershierarchien und mir fällt bei Kupfer insgesamt eher die Klassenmarkierung auf: Octavian und die Marschallin sind eingesessene Upper Class, Sophie nicht. Das ist zentral.

    Gender ist dort nicht das entscheidende Thema, was zur gesellschaftlichen Entwicklung passt. Den Frauenkörper einer Sängerin auszustellen in einer Hosenrolle funktioniert nur, solange dies als Transgression wahrgenommen wird. Und eine solche Transgression ist Octavian doppelt: in Bezug auf Geschlechtsidentität und in Bezug auf Begehren, die sich mit Judith Butlers heterosexueller Matrix wechselseitig bedingen.13 Geschlechtszuweisung bedingt demnach ein genderspezifisches Begehren, dieses Begehren affirmiert im Zirkelschluss und Gegenzug das angewiesene Geschlecht. Und Octavian durchkreuzt diese Matrix, weil die Figur widersprüchlich kodiert ist. Sobald der zugrundeliegende Körper in seiner Geschlechtszugehörigkeit aber egal ist für die Interpretation, ist Octavian keine Chiffre für Transgression mehr.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Kostüme des Octavian in diesen Inszenierungen – wird hier und wenn, in welcher Inszenierung wie, bewusst mit Ambivalenzen gespielt?

    ANKE CHARTON: Wie bewusst hier Ambivalenzen gesetzt wurden, lässt sich schwer überprüfen. Nehmen wir das Auftrittskostüm im Film von 1962 bei Jurinac, mit Seidenstrümpfen, schmal geschnittenem Pop-Over Hemd und Pumps: Das ist noch dicht an Roller. Die Seidenstrümpfe und die Pumps werden dann nahtlos in das Mariandl-Kostüm integriert, das ist schon eine bewusst gesetzte Überschneidung, die Jurinac als Frau ausstellt. Auffällig ist aus heutiger Sicht insgesamt die Flächigkeit der Kostüme, die stark entsexualisierend wirkt; die Körper sind Ausstellungsstücke, keine Akteure. Der Reitanzug am Ende des ersten Aktes ist hochgeschlossen und sehr steif, es gibt keine Unordnung, keine Falten. Der Gehrock für die Rosenüberreichung mit seinen ausgestellten Schößen erinnert in seiner Geometrik an Schlemmers Triadisches Ballett; das Mariandl-Kostüm in dritten Akt ist adrett und maßgeschneidert auf die Sängerin hinter dem Octavian. Geschlechter-Ambivalenzen entstehen hier nur durch ihre versuchte Vermeidung.

    1983 ist der interessante Versuch, etwas als universales Erbe zu setzen, was natürlich aus der Zeit gefallen war, auch in den Kostümen. Sie sind weniger steif, haben weniger Rüschen, weniger Schulterpolster, aber sind immer noch der Ausstattung von 1960 verpflichtet. Der weichere Fall der Stoffe erlaubt natürlichere Bewegungen und stellt diese entsprechend auch mehr aus, weswegen die Körper der Sängerinnen wahrnehmbarer werden. Tomowa-Sintow, bei aller inszenierten Statik, agiert viel flüssiger als Schwarzkopf zu Beginn, was sicherlich auch an den Kostümen liegt.

    2004 gibt es im Vergleich dazu sehr viel mehr Haut. Trotzdem ist Octavian dort nicht mehr automatisch als Frauenkörper lesbar. Mit Carsen kommt die derzeit typische „Octavian-Uniform“ für die erste Szene der Oper in Salzburg an: Boxershorts, offenes Hemd oder Unterhemd, bloße Beine und sicherlich keine Pumps. Das ist eine Bewegung weg von der früheren Stilisierung und hin zu einem gegenwärtigen Filmrealismus im Schauspielen, auch in der Oper. Die Octavian-Inszenierung ist 2004 insgesamt bewusst männlich; ab dem Ende des ersten Aktes tritt Octavian beispielsweise nur noch in Militäruniform auf, die auf eine maskuline Silhouette hin geschnitten ist.

    2014 sieht das wieder anders aus, dezidiert nicht militaristisch und auch nicht bewusst maskulin. Zwar gibt es für Octavian eine Rocker-Lederhose, das offene Hemd und sogar hingekämmte Koteletten, aber zum Beispiel keine Perücke – übrigens auch nicht für Sophie, die hier in schmalen, dünnen Kleidern auftritt. Einzig die Marschallin bewahrt, trotz fließender Stoffe, eine mondäne Distanz. Das zeigt sich schön in den pelzbesetzten Ärmeln des Morgenrocks gleich zu Anfang. Kupfers Produktion geht insgesamt weg aus dem Rokoko, aber auch weg aus den 1910er Jahren der Vorgänger-Inszenierung. Die Kostüme passen zur Freiheit der fast leeren Bühne, die lediglich über Großfotografien Räume skizziert, Imaginationen eines nicht näher datierten, nostalgischen Wien. Am stärksten wirken diese weichen Kostüme für mich bei der Rosenüberreichung, die so wie eine englische Gartenparty ganz in Weiß wirkt. Das ist ein sehr fluides Bild, und es lässt auch den Octavian sehr nonchalant changieren zwischen möglichen Zuschreibungen von Gender.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen ähnlich oder unterschiedlich mit dem Beginn der Oper um, hier befinden sich ja, könnte man sagen, zwei „Frauen“ nach einer gemeinsamen Liebesnacht im bzw. vor dem Bett?

    ANKE CHARTON: Da komme ich für den breiteren Kontext noch einmal auf Chamberlains Verbot des Betts im ersten Akt zurück. Chamberlain hatte die zwei „Frauen“ ohne die von dir gesetzten Anführungszeichen wahrgenommen und wollte keine Homosexualität auf der Bühne – selbstredend auch keine männliche, was sich im dritten Akt nur mit einer Frau als Octavian lösen lässt. Die Beisl-Szene wirkt z.B. mit einem Sänger wie Adrian Angelico ganz anders, weil das Publikum nicht auf einen sichtbar darunterliegenden Frauenkörper rekurrieren kann; wir sehen also zwei Männer in einem intimen Setting. Auch Otto Hödels Argumentation, dass ein Sänger als Octavian mit Blick auf die Szenen mit der Marschallin im ersten Akt und mit Ochs im dritten Akt „geschmacklos“14 wäre, verweist auf diesen Punkt, macht aber darüber hinaus erneut klar, dass die Hosenrolle als sexuell unbedrohlich und passiv an einen Frauenkörper gebunden war.

    Darstellungen weiblicher Homosexualität taugen im westlichen Kulturbetrieb inzwischen nicht mehr als Aufreger – zumindest nicht in dieser Weise, in der etwas Verbotenes sichtbar gemacht wurde. Insofern haben die Produktionen von 2004 und 2014 keine szenischen Antworten auf ein gesellschaftliches Stigma finden müssen. Hier ist wiederum die Verfilmung der Hartmann/KarajanProduktion von 1962 interessant, die durch die Nähe der Kamera schon in der Eingangsszene zwei Frauenkörper mittleren Alters gemeinsam im Bett zeigt15; Make-Up und Frisuren tragen hierzu bei (als ich den Film um 2000 herum zum ersten Mal sah, musste ich an Lisa Kokins Sexual Deviations denken, die Edward Lucie-Smith zitiert: als dezidiert nicht queer kodierte Frauenfiguren im Stil der 1950er, die durch die Anordnung in einem Näheverhältnis plötzlich umkodierbar werden).16 Ich vermute, dass diese Sichtbarkeit in keiner Weise beabsichtigt war, die Übersetzung einer Opernbühnensprache in eine Kamerasprache findet an dieser Stelle einfach nicht statt;17 die Distanz zur Bühne im Großen Haus in Salzburg war vor der Studiokamera nicht gegeben. Die Dokumentation der „Universalproduktion“ von Hartmann/Karajan – die einleitenden Untertitel betonen die Wichtigkeit dieser Aufzeichnung für die Nachwelt – enthält somit ein Einsprengsel queer lesbarer Frauen- und Geschlechterdarstellung, das für stigmatisierte queere Frauen der 1960er und 1970er ein rarer Moment sozial akzeptierter Sichtbarkeit im Mainstream gewesen sein wird.

    Für queere Frauen ist der Rosenkavalier aber bereits seit der Uraufführung eine häufige Chiffre der Verständigung, die in der New Musicology ab den 1990er Jahren in der wissenschaftlichen Debatte offen thematisiert wurde, so z. B. bei Koestenbaum, Reynolds, Castle oder Pearl.18 Das war ein spezifisches Einschreiben in eine Wissenschaftstradition, bei dem sich gut beobachten lässt, wie eine stigmatisierte Perspektive zur Forschungsperspektive wird. Margaret Reynolds stellt etwa ihrem Aufsatz zur Hosenrolle von 1995 z.B. eine kurze, nicht weiter kontextualisierte Anekdote voraus, die folgendermaßen beginnt: „Some time since I knew a woman I desired. We were friends. We were polite.“ In ihrem Bestreben, das eigene, queere Begehren zu artikulieren – „to make her understand“ – ist Reynolds’ Lösung folgende: „[…] so I invited her to Der Rosenkavalier.“19 Monica Pearl, die sich auf Reynolds bezieht, erzählt eine ähnliche Anekdote: „I also once attended a production of Der Rosenkavalier with someone by whom I was beguiled.“ Diese Person – Pearl beschreibt „her glamour and allure: her dress, her mastery of the heels she was in, her décolletage, her magnificent lipsticked mouth, her noble carriage” – antwortet in der Pause auf Pearls Frage, warum alle anderen sie beide anschauen würden, mit „because we are the alternative ending“. Sie meint damit, so Pearl, einen Ausgang, in dem Octavian sich gegen die heteronormative Reproduktionslogik der Ehe mit Sophie und für den von dir angesprochenen „fluiden Zustand“ in der damals noch als transgressiv verstandenen Beziehung mit der Marschallin entscheidet.20

    Ein Bewusstsein für diesen queeren Subtext ist Teil der Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier, von Mary Gardens früher Weigerung, die Partie des Octavian zu übernehmen,21 bis hin zu Kiri Te Kanawas (zu deren Paraderollen die Marschallin gehörte) Urteil in den frühen 1990ern, dass die Rolle der Marschallin dann annehmbar sei, wenn die ersten fünf Minuten, die man mit einer anderen Frau im Bett verbringe, überstanden seien.22

    Wenn man die Salzburger Rezeptionsgeschichte des Rosenkavalier in Bezug auf diesen Subtext in den Blick nimmt, ist die 1962er-Verfilmung ein schiefer Vergleich, weil es sich nicht um eine Bühnenabfilmung, sondern um einen nachproduzierten Film unter Studiobedingungen handelt. Wenn Terry Castle etwa ein „fleeting physical embarrassment that mars Sena Jurinac’s otherwise perceptive performance“23 in der Eingangsszene bemängelt, stellt sich die Frage, ob sie das im Großen Festspielhaus im Zuschauerraum ähnlich wahrgenommen hätte. Wegen des Blockings für die Kamera wirkt diese erste Szene in der Verfilmung ohnehin sehr statisch, mit wenig Bewegung. Wir sehen zwar zwei Frauen mittleren Alters in einem Bett für den ganzen ersten Dialog, aber ihre Körper werden gegenüber ihren Stimmen ausgeblendet. Schwarzkopfs Marschallin bleibt nahezu regungslos, die Close-Up-Einstellung behält nur die Oberkörper im Bild, beide Sängerinnen sind vollständig bekleidet und frisiert. Die Regiesprache der Zeit mit ihrer Orientierung an der Rampe (das sogenannte „Park and Bark“) und die typisch manierierte Spielweise Schwarzkopfs verstärken diesen Eindruck noch. Eine flüssigere Interaktion findet eigentlich erst dann statt, wenn beide Protagonistinnen das Bett verlassen haben – und auch das sieht dann aus heutiger Perspektive eher aus wie zwei Bekannte beim Nachmittagskaffee als wie, mit Žižek, ein „Morgen danach“24.

    Der Bruch in den Darstellungs- und vor allem in den Wahrnehmungskonventionen zwischen 1962 und 1983 – dazwischen liegen u.a. die 1968er-Revolution und die zweite Frauenbewegung – ist interessant in Hinblick auf diesen Subtext, der 1983 offensichtlich vermieden werden sollte. Ob das aufgeht, ist eine andere Frage. Es gibt ein Bett auf der Bühne, aber die Marschallin sitzt, wenn der Vorhang sich nach der Programmmusik des Vorspiels hebt, auf einer neu eingefügten Chaiselongue. Octavian kniet davor, erneut in Strümpfen und Pumps zum hochgeschlossenen Hemd mit Kniehose. Das Video von 1983 ist eine Bühnenabfilmung, die gerade bei Karajan stets deutlichen Blicke zum Dirigentenpult dominieren die Bewegungen, aber trotzdem ist ihr Radius größer, weniger stilisiert und insgesamt energetischer, was bei Baltsa allgemein ins darstellerische Profil passt genauso wie die größere Ruhe bei Tomowa-Sintow. Was mir sehr auffiel beim erneuten Sichten der Produktion für dieses Gespräch, sind Baltsas feminin manikürte Fingernägel, die sie in den Close-Ups als weiblich markieren; da würden inzwischen andere Konventionen greifen.

    Die als sehr jung und der Marschallin klar untergeben gezeichnete Octavian-Figur, die sparsamen Bewegungen, die ausgeblendeten Körper und das 1983 gar nicht bespielte Bett werden dann 2004 mit viel Verve ins Gegenteil verkehrt. Auf der zunächst dunklen Bühne ist nur das große, mittig platzierte Bett beleuchtet, in dem die Marschallin und Octavian sitzen – die Marschallin mit bloßen Schultern, bis zur Frühstücksszene nur mit einem Bettlaken bekleidet. Daneben Octavian mit offenem Hemd überm Unterhemd, Boxershorts und bloßen Beinen, eine „Zigarette danach“ rauchend. Auch auf eine Perücke verzichtet die Ausstattung bei Octavian; stattdessen sind die längeren Haare der Sängerin mit Seitenscheitel zu einer Kurzhaarfrisur gesteckt. Ob wir hier zwei Frauen sehen oder eine Frau und eine zweite Person, ist eine Frage an unsere Wahrnehmung.

    In der Darstellung gibt es 2004 insgesamt eine viel größere Freiheit, was auch einen Wechsel im Regie- und Dirigierverständnis illustriert. Die Interaktion zwischen beiden Sängerinnen ist an eine gegenwärtige Alltagkörpersprache angepasst. Die erste Szene ist intim, verspielt und leidenschaftlich gestaltet; sie funktioniert nicht mehr über Posen und stilisierte Gesten, sondern über Berührung und Kommunikation. Es gibt keine Intention seitens der Regie, das Bett auszublenden oder die Sängerinnen möglichst rasch daraus zu entfernen, im Gegenteil: das Bett ist – dann auch im dritten Akt wieder – zentraler Schauplatz der Handlung. Hinzu kommt, dass die Körperlichkeit der Sängerinnen bewusst ausgestellt und bejaht wird. So tauscht die Marschallin auf offener Bühne, hinter einem von Octavian als Paravent hingehaltenen Hausmantel, das Bettlaken mit dem Morgenrock; die Szene ist nicht gegen, sondern für diese Körper angelegt, die für die Erzählung wichtig werden.

    Diese Haltung wird 2014 wieder revidiert, hin zu mehr Distanz. Der Eingangsmoment bei Kupfer zeigt linksseitig im Zimmer ein Bett, während die Marschallin rechtsseitig auf dem Flur in einen Spiegel schaut, in einen Morgenrock gekleidet, dessen schon erwähnte Pelzmanschetten den Eindruck eines Straßenmantels erwecken. Octavian steht vor dem Bett, gerade dabei, sich die Hose zuzuknöpfen, um dann sein Hemd zu greifen. Im Bett befindet sich hier niemand. Trotzdem ist auch hier, auf der sparsam dekorierten Bühne, eine Alltagskörpersprache präsent. Die Figuren wechseln häufig die Positionen, sie laufen mit Ungezwungenheit umher, setzen und legen sich auf den Boden. Trotz der anfrisierten Koteletten wirkt der Octavian von Sophie Koch, bei dem die Ausstattung wie 2004 ebenfalls auf eine Perücke verzichtet hat, wie eine Frau mittleren Alters, die weder dieses Alter noch ihre Geschlechtszugehörigkeit durch eine aufgesetzte Männlichkeitsperformance übertünchen muss, um als Octavian zu funktionieren. Ob hier zwei Frauen sichtbar sind oder eine Frau und ein Mann oder eine Frau und eine nicht festgelegte zweite Person, hängt erneut von unseren eigenen Wahrnehmungskonventionen ab.

    PIA JANKE: Wie wird die Verkleidung von Octavian zur Kammerzofe Mariandl, also des von einer Sängerin dargestellten Mannes in eine Frau (und wieder zurück) gelöst?

    ANKE CHARTON: In der Verfilmung von 1962 sehen wir diesen Umzug nicht. Ein vollständig bekleideter Octavian verschwindet im Wandschrank und kommt in einem vollständigen Kammerzofen-Dirndl wieder heraus. Die Bewegungen von Sena Jurinac sind danach nicht aufgesetzt männlich: sie spielt zwar ein Unbehagen gegenüber Ochs, aber sie spielt dieses Unbehagen nicht als Mann. Es gibt keine unvollständige Schichtung einer Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance, die sichtbar bleiben würde. Dasselbe gilt für den dritten Akt, für den Octavian bereits im Kleid auftritt, das auf den Körper der Sängerin maßgeschneidert ist und dementsprechend Sena Jurinac als Frau ins Bewusstsein rückt.

    1983 wiederholt sich diese Verschiebung: Das Mariandl-Kleid betont die Sängerin mit Dekolleté und Haube auf den Haaren – und man muss sich nochmal in Erinnerung rufen, dass das Publikum Baltsa 1983 vor allen Dingen mit einer körperbetonten Carmen-Darstellung assoziiert hat – und ist keine brüchige Performance von Weiblichkeit. Mariandl ist hübsch, sehr mädchenhaft, sie wird nicht lächerlich gemacht, auch nicht mit Ochs in der Beisl-Szene. Baltsa spielt im ersten Akt keinen Mann unter der Verkleidung, im dritten Akt hingegen schon, zumindest in Ansätzen. Diese Verschiebung in der Körpersprache würde deine Eingangsthese der Bewegung vom Fluiden in die Eindeutigkeit stützen.

    2004 markiert auch Mariandl einen deutlichen Bruch, allerdings sind Verkleidungen generell ein Thema der Inszenierung. Das fängt damit an, dass sich Octavian noch in der ersten Szene zum Spaß als Feldmarschall verkleidet – ein Rollenspiel, auf das die Marschallin nicht einsteigen mag – und setzt sich im Umzug der Marschallin vom Bettlaken in den Morgenmantel, der ihre soziale Stellung markiert, fort. Das Mariandl-Kostüm ist hier offensichtlich von Octavian rasch im Kleiderschrank improvisiert worden: ein umgebundenes Hemd als Schürze, ein BH als Häubchen. Kirchschlager spielt hier deutlich einen Mann unter einer instabilen Performance von Weiblichkeit, z. B. indem ausgestellt wird, dass Octavian auf den Absätzen der schicken Pantoffeln, die er sich aus dem Kleiderschrank geholt hat, nicht laufen kann.

    Carsens Produktion nimmt das Mariandl als Performance trotzdem ernster als die Vorgänger-Inszenierung: Octavian hat hier Spaß an der Verkleidung, an der Wirkung auf Ochs, aber auch an der fortgesetzten Wirkung auf die Marschallin, die die Verkleidung als für sie attraktiv anspielt und sich mit Ochs eine kleine Eifersüchtelei liefert um Octavians Aufmerksamkeit und körperliche Verfügbarkeit. Insofern ist Mariandl hier eine Maskerade von vielen, wird aber auch als eine weitere Schicht akzeptiert: alle Geschlechterzuschreibungen, so scheint es hier, sind nur Zuschreibungen, die immer wieder neu überschrieben werden können.

    Im dritten Akt tritt Octavian zunächst in Militäruniform auf. Carsen versetzt den Akt in ein Bordell, in dem alle Prostituierten – zu denen auch der Wirt als Madame zählt – als Frauen auftreten, aber nicht alle cisgeschlechtlich markiert sind. Octavian wird erst in diesem Setting als Prostituierte verkleidet; als er in diesem Kostüm wieder auftaucht – auch hier spielt Kirchschlager den Mann darunter mit –, wird dies bewusst ausgestellt, als Drag mit Perücke, und entsprechend von den anderen Anwesenden kommentiert.

    Das im Kleiderschrank hastig improvisierte Mariandl-Kostüm gibt es auch 2014: Das übergeworfene Kleid sitzt schlecht, Octavian wirkt in ihm männlicher als vorher. Ein Mariandl ist nur momentweise präsent; Koch stellt mehr den Octavian darunter aus. Dies zeigt sich auch in der fortgesetzten Interaktion mit der Marschallin, die den Fokus etwas wegnimmt von Ochs, der nicht mehr so selbstverständlich als Hahn im Korb gesetzt ist.

    Das Mariandl im dritten Akt ist bei Kupfer weniger adrett und wirkt, trotz nun passendem Kleid, abgerissener. Octavian tritt wie bei Hartmann/Karajan bereits in diesem Kleid auf, spielt aber auch hier, wie 2004, die Kostümierung als brüchig mit – es wird weniger eine Weiblichkeitsperformance über eine Männlichkeitsperformance an einem Sängerinnenkörper gelegt, als dass die Bruchstellen dieser Performances thematisiert werden. Vielleicht ist das eine Fluidität, bei der es eine konsequente und eindeutige Geschlechterinszenierung nicht mehr braucht?

    Am Mariandl kann man den Umgang mit Genderfluidität in Bezug auf Octavian immer recht gut ablesen: ob Mariandl beispielsweise als unbeholfener Drag Act lächerlich gemacht wird, bei dem der Aristokrat Octavian in seinem Roller-Seidenhemd plötzlich geht wie ein Stallknecht, oder ob Mariandl Charme und Anmut zugestanden werden, die den Sängerinnenkörper als weiblich gelesen in den Vordergrund stellen, so wie 1962 und 1983. Und dann ist eine weitere Frage, wie die Marschallin mit diesem Mariandl umgeht – wird die Kostümierung als lächerlich oder als für sie attraktiv inszeniert? Die erste Mariandl-Sequenz kann hier ein sehr binär-normatives oder aber ein sehr queeres, fluides Geschlechterbild etablieren für eine Inszenierung.

    PIA JANKE: Wie wird ähnlich oder unterschiedlich mit der Figur des Octavian bei der Rosenüberreichung umgegangen – erscheint er hier als „geschlechtsloser“ Engel in größter Künstlichkeit oder als Sängerin, die einen Mann spielt, oder als dezidiert männlich konnotierter Brautwerber?

    ANKE CHARTON: Ich würde sagen, dass diese drei Ansätze durchaus kombiniert erscheinen, aber mit einer generellen Tendenz zum Engel. Wenn man den Roller-Entwurf für das Kostüm zur Rosenüberreichung betrachtet, könnte die Figurine in anderer Bekleidung auch als eine Klimt-Judith durchgehen, ganz im Geist der Zeit; eine Ambivalenz ist hier in jedem Fall von Anfang an mitgedacht.

    Die Oskar-Schlemmer-Ästhetik in den steifen Formen der Kostüme von 1962 hatten wir bereits erwähnt, Jurinac kommt dem Bild des geschlechtslosen Engels hier auch in der Statik sehr nahe. Zusammen mit den Rokoko-Perücken ergibt sich eine Spielkartenästhetik, die 1983 sehr exakt wieder aufgenommen wird – allerdings mit größeren Abständen zwischen den Figuren, vielleicht um Berührungen zu vermeiden, weil sich die Statik von 1962 nicht mehr umsetzen ließ angesichts veränderter Bühnensprache.

    2004 gab es dann den Auftritt hoch zu Ross – nicht wie im Libretto angegeben in der Kutsche – mit Octavian in Galauniform auf einem echten Pferd; das ist von den vier hier angesprochenen Interpretationen sicherlich am ehesten der „dezidiert männlich konnotierte Brautwerber“. 2014 hingegen ist Octavian mehr ein Dandy auf der schon erwähnten englischen Gartenparty. Das Rosenkavalier-Kostüm ist nicht steif im Schnitt, die Stoffe sind fließend. Kochs Octavian wirkt hier nicht wie der emblematische Spielkartenpage, wird aber auch nicht als kostümierte Frau ausgestellt wie etwa Liliana Nikiteanu in Hamburg 2002 als Marlene-Dietrich-Hommage mit Zylinder. Der Salzburger Octavian 2014 sieht entspannt aus wie ein Mann und wie eine Frau, gleichzeitig – als stünde hier eine Sängerin, die nicht unsichtbar gemacht werden muss, um einen überzeugenden jungen Mann darzustellen. Das allerdings kann auch einfach ein Reflex meiner eigenen Wahrnehmungskonventionen sein. Sophie Koch hatte die Partie wenige Jahre zuvor mit Herbert Wernicke für Baden-Baden erarbeitet, 2009. Da gab es übrigens den Zylinder zur Rosenüberreichung, aber Kochs Octavian war dort jugendlicher, jungenhafter und impulsiver angelegt als die elegische Figurenzeichnung in Salzburg 2014.

    PIA JANKE: Wie gehen die Inszenierungen mit dem Schluss der Oper und mit Octavians Bestimmung als Mann und seinem Abschied von der Marschallin bzw. mit dem Abschied der Marschallin von ihm als ihrem jugendlichen, genderfluiden Liebhaber um?

    ANKE CHARTON: Es gibt diesen klassischen Aufbau für das Schlussterzett: die Marschallin auf der einen Seite, Sophie auf der anderen, Octavian in der Mitte, und er bewegt sich erst etwas zur einen und schließlich gänzlich zur anderen Seite. Dieser Aufbau findet sich auch im Film von 1962 und er ist natürlich auf der Bühne im Großen Festspielhaus sehr wirkungsvoll. Auffällig ist, dass Octavians Interaktion mit Sophie 1962 flüssiger und mit geringeren Abständen geschieht als die mit der Marschallin, was aber sicherlich auch an dem liegt, was die Spielpartnerinnen Jurinac in der Situation jeweils angeboten haben.

    Dieser Abschied von der Marschallin und der Übergang in die Männerrolle an der Seite Sophies, die du ansprichst, wird traditionell im berühmten Handkuss vor dem finalen Abgang der Marschallin kondensiert, bei dem die Marschallin dann laut Regieanweisung die Hand wegziehen muss und Octavian somit auch die Entscheidung abnimmt. Diesen Moment gibt es auch im Film, in einer Bildsprache, deren Vermitteltheit wir inzwischen gar nicht mehr zur Verfügung haben. Wir haben diese Differenz zwischen Alltagskörperlichkeit und einer offen stilisierten Bühnensprache nicht mehr, in der dieser Moment so eine Symbolwirkung entfalten konnte. 1983 hat sich die Körpersprache hier schon verändert, was aber auch an Baltsas schauspielerischer Arbeit liegt, die den Octavian hier weniger sanft und am Ende auch weniger unentschlossen darstellt, auch wenn die Schlussszene insgesamt sehr traumwandlerisch angelegt ist, mit Sophie und Octavian immer noch als Spielkartenpaar: sehr jung und niedlich, sehr entsexualisiert und engelhaft.

    2004 verändert sich dieser Abschied vor allen Dingen dadurch, dass das Altersstigma verschwunden ist, welches den Wechsel Octavians von der älteren zur jüngeren Frau als soziale Erwartung markiert hatte. Es ist kein Stigma mehr, dass die Marschallin älter ist als Octavian oder dass sie verheiratet ist. Es geht auch nicht mehr um eine Machtposition Octavians als Mann gegenüber einer Frau, die er dominieren muss, um einem Männlichkeitsbild zu entsprechen.

    Bei Carsen ist die Marschallin in der Schlussszene eifersüchtig und verletzt (was zur Nähe in der Liebesbeziehung im ersten Akt passt), Sophie ist viel selbstbewusster und eigenständiger. Octavian wirkt in dieser Produktion hier am Ende zum ersten Mal jung und hilflos zwischen den beiden Frauenfiguren, aber trotzdem findet keine symbolische Übergabe statt; der berühmte Handkuss des „sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich“25 ist gestrichen. Octavian ist stattdessen in einen Kuss mit Sophie vertieft und bemerkt die Marschallin nicht einmal mehr, die dann rasch und verletzt abgeht: ein harter Schnitt statt eines schwebenden Abschieds. Dazu passt auch das letzte Bild, in dem der Feldmarschall den Ersten Weltkrieg an das Bett bringt, auf dem Sophie und Octavian miteinander liegen. Vielleicht ist dieser Gegensatz von Liebe und Krieg aber auch ein Appell gegen eine weitere Vermännlichung Octavians? Ob er ihr entkommen könnte, ist eine andere Frage.

    Bei Kupfer 2014 ist Octavian auch am Ende wesentlich erwachsener und gefasster, die Marschallin souverän und amüsiert. Krassimira Stoyanovas Marschallin wirkt nicht so verletzlich wie Pieczonkas 2004, aber keineswegs so ätherischentsagungsvoll wie SCHWARZKOPFS 1962. Der nonchalante Umgang mit Gender eignet sich nicht für finale Fixierungen – die Marschallin steht zum Terzett im Morgennebel unter einem Baum im Prater, Sophie sitzt auf einer Bank, Octavian kniet daneben, noch halb der Marschallin zugewandt. Das Alter der Sängerinnen markiert Octavian und die Marschallin stärker als einander zugehörig, was sich in der Klasseninszenierung spiegelt. Dies löst sich erst nach dem Abgang der Marschallin auf; im Schlussduett wirkt sogar der vorher eher blasierte Octavian jünger und begeisterter als vorher. Die Marschallin, die abschließend im Wagen vom Chauffeur am neuen Paar vorbeigefahren wird, schaut sich auch hier nicht mehr um: „ist halt vorbei“.26

    Insgesamt ist die Inszenierung von 2014 für mich aber ein Rückschritt im Vergleich zu 2004, in ihrer Loslösung aus sozialen Debatten und in ihrer Verlagerung ins Unbestimmte und Nostalgische, was sich aber vielleicht länger im Repertoire halten lässt.

    PIA JANKE: Inwieweit ist die Forschung gefordert, sich mit solchen, bislang kaum beachteten Fragen in Hinblick auf die Salzburger Festspiele und Aufführungen, die hier stattgefunden haben, auseinanderzusetzen? Was wären hier wichtige Desiderate der Forschung?

    ANKE CHARTON: Die Karajan-Ära liegt inzwischen weit genug zurück, hat aber noch so viele Zeitzeug*innen aufzubieten, dass sie gut beforschbar sein sollte. Generell denke ich, dass wir uns in der Forschung von der Hermeneutik der Aufführungsanalyse wegbewegen müssen, wenn es um die Festspiele geht, und dass wir Fragen der Aufführungsanalyse und der Stimmenforschung vor allen Dingen mit historischer Diskursanalyse, Zeitgeschichte und auch einer Geschichte der Emotionen, wie beispielsweise Ute Frevert sie vorschlägt,27 verknüpfen müssen.

    PIA JANKE: Was ist deiner Meinung nach von den Salzburger Festspielen selbst in Hinblick auf unsere Themenstellung zu tun und zu ändern?

    ANKE CHARTON: Pauschal würde ich sagen: eine größere Diversität und flachere Strukturen in Entscheidungsgremien, im Casting, in den eingeladenen Regiehandschriften. Dazu mehr Vielfalt in der Flagship-Programmierung, mehr Neuentwicklungen und Bearbeitungen. Aber ich muss einschränkend hinzufügen, dass ich eine Professur für Theaterwissenschaft habe, nicht für Kulturmanagement. Meine Perspektive ist eine kulturwissenschaftliche, keine betriebswirtschaftliche und auch keine dramaturgische. Wenn ich primär an Auslastung denken müsste, würde ich das vielleicht weicher formulieren, aber ich würde dem Publikum hoffentlich mehr zutrauen, insbesondere im Musiktheater.

    Vor allen Dingen wäre dies aber eine Frage für die Salzburger Festspiele selbst. Der erste prägende Eindruck der Festspiele auf mich waren nicht die Glocken am Domplatz oder die Mozart-Rezeption oder die ganz eigene Rosenkavalier-Tradition, sondern das Drop-Down-Menü im Bestellvorgang, in dem die Liste möglicher Titel, die ich für mich selbst angeben konnte, vermutlich die Titelliste aller Rofranos und Werdenbergs zusammen übertroffen hat. Und das hat natürlich intersektional auch mit Geschlechterbildern zu tun, aber vor allen Dingen mit der Inszenierung sozialer Milieus. Und dann wäre für mich die Frage, wen ich als Publikum haben möchte oder wen ich als Publikum dazugewinnen möchte und wie ich die Selbstinszenierung des Publikums rahmen oder auch herausfordern will. Und da ist die Diskussion von Geschlechterbildern jenseits tradierter Muster sicherlich ein Aspekt, der ein engagiertes Publikum außerhalb imaginierter Marketing-Schienen ansprechen kann – gerade auch im Rosenkavalier.


    Anmerkungen

    1. Vgl.: Grotjahn, Rebecca / Schmidt, Dörte / Seedorf, Thomas (Hg.): Diva – die Inszenierung der übermenschlichen Frau: interdisziplinäre Untersuchungen zu einem kulturellen Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts. Schliengen: Ed. Argus 2011 (= Forum Musikwissenschaft 7). ↩︎
    2. Vgl.: Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro. DVD. Hamburg: Deutsche Grammophon 2007. ↩︎
    3. Vgl.: Kaegi, Gabriela: Non so più, cosa son… In: Rauch, Bruno (Hg.): Welche Wonne, welche Lust. Ein anderes Opernbuch. Zü rich: Verlag Neue Zü rcher Zeitung 2001, S. 87-100, S. 93; Charton, Anke: prima donna, primo uomo, musico. Körper und Stimme: Geschlechterbilder in der Oper. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012 (= Leipziger Beiträge zur Theatergeschichtsforschung 4), S. 302. Zur Bettenpolitik auf der Bühne vgl. Lazardzig, Jan: „Non admittitur“. Betten-Dramatik aus dem Archiv der Wiener Polizei. In: Hulfeld, Stefan (Hg.): Unerhörte Theatergeschichten. Ein Lesebuch. Wien: Hollitzer 2022, S. 153-170. ↩︎
    4. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 235-397. ↩︎
    5. Vgl.: Sow, Noah: weiß. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, S. 190-191. ↩︎
    6. Vgl.: Sow, Noah: Schwarz. Ein kurzer vergleichender Begriffsratgeber für Weiße. In: Arndt, Susan / Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast-Verlag 2015, S. 608-610. ↩︎
    7. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. DVD. GB: Poetic Films 1962. ↩︎
    8. Vgl.: Käch, Hugo: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Sony Classical 1983. ↩︎
    9. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. USA: ORF/ARTE/Salzburger Festspiele/TDK 2004. ↩︎
    10. Vgl.: Large, Brian: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Unitel Classica/c major 2014. ↩︎
    11. Vgl.: Charton, Anke: Voicing Challenge: Trans* Singers and the Performance of Vocal Gender. In: Kohl, Marie-Anne (Hg.): Under Construction. Performing Critical Identity. Basel: MDPI 2020 (= State of the Arts. Reflecting Contemporary Culture Expression 1), S. 107-125. ↩︎
    12. Halberstam, Jack (ehem. Judith): Female Masculinity. Durham: Duke University Press 1998. ↩︎
    13. Vgl.: Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 68-122. ↩︎
    14. Zit. n.: Charton, Anke: prima donna, S. 296-300. ↩︎
    15. Vgl.: Czinner, Paul: Der Rosenkavalier. ↩︎
    16. Vgl.: Lucie-Smith, Edward (Hg.): Ars erotica. München: Heyne 1998, S. 121. ↩︎
    17. Bezeichnenderweise besetzt der Stummfilm von 1925 Octavian mit einem Schauspieler, Jacque Catelain (Vgl.: Wiene, Robert: Der Rosenkavalier. DVD. Österreich: Pan-Film 1926). ↩︎
    18. Vgl.: Koestenbaum, Wayne: The queen’s throat: opera, homosexuality and the mystery of desire. New York: Poseidon Press 1993; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, Cherubino’s Distractions. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera. New York: Columbia University Press 1995, S. 132-151; Castle, Terry: In Praise of Brigitte Fassbaender. In: Blackmer, Corinne E. / Smith, Patricia Juliana (Hg.): En Travesti: Women, Gender Subversion, Opera, S. 20-58; Pearl, Monica B.: Bliss: Opera’s Untenable Pleasures. In: Stacey, Jackie / Wolff, Janet: Writing Otherwise: Experiments in Cultural Criticism. Manchester: Manchester University Press 2013, S. 153-68. ↩︎
    19. Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S. 132. ↩︎
    20. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164. ↩︎
    21. Vgl.: Charton, Anke: prima donna, S. 302; Reynolds, Margaret: Ruggiero’s Deceptions, S.144. ↩︎
    22. Vgl.: Matheopoulos, Helena: Diva. Great Sopranos and Mezzos Discuss Their Art. Boston: Northeastern University Press 1992, S. 215. ↩︎
    23. Castle, Terry: In Praise, S. 46. ↩︎
    24. Pearl, Monica B.: Bliss, S. 164-165. ↩︎
    25. Strauss, Richard: Der Rosenkavalier op. 59. Partitur. Akt III, 3 Takte nach Ziffer 244. ↩︎
    26. Ebd., 3 Takte nach Ziffer 289. ↩︎
    27. Vgl.: Frevert, Ute: Gefühle in der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 245). ↩︎

    ANKE CHARTON

    Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in Leipzig, Bologna und Berkeley. Forschungsaufenthalte in Spanien und den USA. Lehrtätigkeiten am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Vorträge und Publikationen, u.a. zu Musiktheater und Gesangsgeschichte, Theaterhistoriographie, kulturhistorischer Geschlechterforschung und intersektionalen sowie dekolonialen Perspektiven. 2020-23 Forschungsprojekt Practices and Projections: New perspectives on Siglo de Oro Theatre.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist

    Starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist

    SARA LEITNER: Findet Ihrer Meinung nach bei den Salzburger Festspielen eine kriti­sche Auseinandersetzung mit Geschlechter- und Frauenbildern statt?

    CHRISTOF LOY: Seit der Gründung der Salzburger Festspiele gibt es eine Auseinan­dersetzung mit dem Menschen. Die Festspiele wurden zwar von Männern ge­gründet, zwei davon – nämlich Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – haben sich in ihren Werken aber eingehend mit der Psyche von Frauen aus­einandergesetzt. Das Verhältnis, das die Geschlechter in einer Gesellschaft zu­einander haben, wird bei den Salzburger Festspielen also seit ihrer Gründung thematisiert. Das setzt sich bis heute fort. Die Auseinandersetzung mit dem, wie Männer mit Frauen umgehen, aber auch, wie Frauen mit Männern umgehen, ist Teil jedes Festspielprogramms.

    SARA LEITNER: War das Bewusstsein für dieses Thema also von Beginn an da?

    CHRISTOF LOY: Bei wichtigen Künstlern ist dieses Thema schon immer da gewesen. Das erkennt man sowohl bei griechischen Tragödien als auch bei Stücken, die gegenwärtig entstehen. Auch in meinem Elternhaus war es selbstverständlich, dass eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht bzw. herr­schen muss.

    SARA LEITNER: Was für eine Rolle spielt dieses Thema in Ihrer Arbeit als Opernre­gisseur?

    CHRISTOF LOY: Ich bewerte die Unterscheidung von Geschlechtern nicht negativ, sondern empfinde sie als etwas Schönes. Ich mag Differenzierung und empfin­de es dementsprechend zunächst nicht als schlimm, wenn etwas als spezifisch weiblich oder männlich gelesen wird. Die Idee der Geschlechtertrennung kann schön sein, weil man durch Unterschiedlichkeit mehr über sich selbst erfahren kann, auch wenn man nicht zu der einen oder anderen Gruppe gehört. Dass zwischen den beiden Geschlechtern viele weitere Möglichkeiten existieren, ist eine wunderbare Sache. Die Un­terscheidung zwischen Frau und Mann hat aber auch zu schreckli­chen Dingen geführt – z.B. dazu, dass man die Handlungen von Männern als wichtiger empfun­den hat als die von Frauen. Das ist Humbug. Trotzdem finde ich, dass es eine schöne Orientierung in der Welt sein kann, zwischen zwei Po­len, von denen einer kälter und der andere weicher ist, zu unterscheiden. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist, dass diese Vorstellung eine historische ist, und man sich darüber im Klaren ist, dass Zivilisation heißt, sich von gewissen Dingen lösen zu können, um sie neu zu sortieren.

    SARA LEITNER: Wie stehen Sie dazu, bestimmte Rollenbilder im Musiktheater zu hin­terfragen und aufzubrechen?

    CHRISTOF LOY: Die Opern, die sich über die Jahrhunderte hinweg durchgesetzt haben und mittlerweile den Kanon bilden, haben sich immer von konventio­nellen Rollenbildern gelöst. Dass die Frauenfiguren in den Opern, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, leiden, hat damit zu tun, dass sie in dem Umfeld, in dem sie leben, keinen Platz finden. Es handelt sich bei diesen Figuren immer um starke Frauen, für die die Welt noch nicht bereit ist. Das ist etwas, das auch heute noch aktuell ist. Deswegen regt es mich auf, wenn gefordert wird, dass Bühnengeschehnisse politisch korrekt sein müssen. In Amerika äußert sich diese Forderung zurzeit besonders deutlich, indem auf der Bühne keine Gewalt gegen Frauen gezeigt werden darf. Wir müssen darum kämpfen, dass es eine politi­sche Korrektheit im Leben gibt, indem wir in der Kunst zeigen, was alles nicht funktioniert. Ein gegenteiliger Zugang ist kunstschädigend, weil er eine neue Zensur darstellt. Es ist die Aufgabe von Kunstschaffenden, Dinge aufzuzeigen, die Konfliktpotenzial in sich tragen. Die Stoffe, von denen die Oper lebt, sind alle noch aktuell.

    SARA LEITNER: Wie denken Sie in diesem Kontext über die Opern, die Sie bei den Salzburger Festspielen inszeniert haben?

    CHRISTOF LOY: Haydns Armida ist eine „Outcast“-Frau. Sie hat magische Kräfte und kann zaubern, wodurch sie ihren Mitmenschen unheimlich ist. Armida ist außer­dem eine Frau, die Power hat. Wenn aber Liebe ins Spiel kommt, können uralte Rollenbilder verstärkt oder vollkommen außer Kraft gesetzt werden – das ist ein Hauptthema der Salzburger Festspiele, weil es ein Hauptthema unseres Lebens ist. Helden werden schwach und dürfen schwach werden. Genauso entwickeln Frauen, denen nicht zugetraut wird, dass sie gewisse Entscheidungen treffen, unglaubliche Kräfte und setzen diese auch durch. Mich interessieren Figuren, die man nicht in eine Schublade stecken kann. Deswegen mag ich Helden, die Schwäche zeigen, genauso wie Frauen, die Stärke zeigen.

    Auch bei meiner Inszenierung von Theodora hat die Geschlechterauflösung eine Rolle gespielt. Das zeigt sich z.B. bei der Flucht, bei der die Kleider getauscht werden, sodass der Mann ein Kleid trägt und Theodora in einen Herrenanzug schlüpft, den sie bis zum Ende der Oper trägt. Eine weitere Steigerung hatte die Geschlechterauflösung bei der Inszenierung von Ariodante, bei der ich Zitate aus Virginia Woolfs Orlando eingearbeitet habe.

    Der Gattung Oper wird immer wieder vorgeworfen, dass sie an unserer Zeit vor­beigeht. Die Oper war aber immer nah dran am Nerv der Zeit und war diesem sogar voraus. Das zeigt sich auch an der Möglichkeit, dass Frauen in der Barockoper Männer spielen konnten. Der Fantasie der Darsteller*innen und des Publikums wurde in der Oper also immer schon viel zugemutet. In der Oper war vieles immer schon selbstverständlich. Von manchen Menschen wird das übersehen, was dazu führt, dass Dinge eingefordert werden, die in der Oper seit ihrem Beginn existieren.

    SARA LEITNER: Uns interessiert im Kontext von Geschlechterrollenbildern im Mu­siktheater vor allem auch die Hosenrolle, die sich bei den „Identitätsstücken“ der Salzburger Festspiele, z.B. im Rosenkavalier, findet. Wie kann eine Hosenrolle Ihrer Meinung nach genutzt werden, um Queerness sichtbar zu machen?

    CHRISTOF LOY: Ich habe den Rosenkavalier zwar noch nicht in Salzburg inszeniert, aber vor einigen Jahren in Stockholm. Octavian wurde in dieser Inszenierung mit einer Solistin besetzt, die sich sehr bewusst mit der Frage auseinandergesetzt hat, an welchen Stellen diese Figur feminine Züge tragen soll. Die Figur des Octavian verkleidet sich im 3. Akt tatsächlich als Frau und spielt anschließend fast den gesamten Akt als Frau, was in ein Terzett dreier Frauenstimmen mündet. Nor­malerweise ist Octavian zu diesem Zeitpunkt wieder als Mann gekleidet. Diese Rückverwandlung hat bei meiner Inszenierung nicht stattgefunden, wodurch viele Themen im Raum standen – auch die Frage, ob eine Identitätsfindung statt­gefunden hat. Die Inszenierung wurde durch die kahle Bühne aber auch zu einer Form eines Brecht’schen Theaters. Im Zentrum stand ausschließlich die Interak­tion von zwei bzw. drei Frauen, die zusammen eine Utopie bilden, in der viel­leicht nichts Männliches mehr Platz hat. Durch die Aufweichung der männlichen Komponenten von Octavian wurde aber auch die Figur des Ochs, die oft als Kari­katur eines Machos gezeigt wird, verunsichert. Dadurch entstand auch eine zarte Liebesgeschichte zwischen Octavian und Ochs. Als die Inszenierung drei Jahre später wiederaufgenommen wurde, entschied man, dass eine non-binäre Person die Rolle des Octavian übernahm. Als ich die Person bei den Proben kennenge­lernt habe, habe ich sie gebeten, die Figur des Octavian in manchen Momenten weicher zu spielen – und zwar gerade in den Szenen, in denen sie mit Ochs zu­sammentrifft, damit zwischen den beiden ein Moment der Verführung entstehen kann. Auf diese Anweisung hat die* Solist*in negativ reagiert, weil sie* Ochs als toxischen Mann verstanden hat. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen im Musiktheater darf meiner Meinung nach aber keinesfalls dazu führen, dass neue Feindbilder kreiert werden.

    SARA LEITNER: Wie stehen Sie dazu, wenn Texte überarbeitet werden? Beim Rosenka­valier also z.B. jener von Ochs.

    CHRISTOF LOY: Davon halte ich nichts. Ich finde es interessant und wichtig, wenn man etwas an einer Figur und der Art, wie sie sich äußert, negativ empfindet. Wenn etwas negativ ist, muss es auf der Bühne zur Sprache kommen. Andern­falls entwickelt sich das Bühnengeschehen zu einem Walt-Disney-Märchen­schloss. Ich gehe nicht ins Theater, um zu sehen, dass alles schön ist.

    SARA LEITNER: Welche Funktion schreiben Sie der Kunst zu?

    CHRISTOF LOY: Ich glaube fest daran, dass das Theater eine moralische Anstalt ist. Wir haben die Verantwortung, Geschichten zu erzählen, die von der Problematik des Zusammenlebens zeugen. Ich bin aber auch der Meinung, dass das Zuschau­en Spaß machen darf. Ich bin in diesem Sinn also Anhänger der Salzburger Fest­spiel-Idee, die das Theater als ein Fest versteht. Man feiert, dass man Visionen von einem Leben haben kann, das besser ist als das, in dem wir leben.

    SARA LEITNER: Bei den Hauptwerken der Salzburger Festspiele gibt es Frauenbilder, die antiquiert anmuten und z.T. ein konservatives Geschlechterbild erkennen lassen. Ein Beispiel dafür ist Die Frau ohne Schatten. Wie empfinden Sie das Frau­enbild, das in diesem und ähnlichen Werken transportiert wird?

    CHRISTOF LOY: Die Frau ohne Schatten ist ein komplizierter Fall und ein untypisches Beispiel für Stücke, die ich inszeniert habe. Die Geschlechterbilder der fünf Hauptrollen sind trotzdem ungewöhnlich, weil die Frauen nicht die „Braven“ und die Männer nicht die „Starken“ sind. Figurenzeichnungen wie diese zeigen auch die Relevanz von Richard Strauss für die Salzburger Festspiele. Es gibt den Witz, dass er nicht gerne für Tenöre geschrieben hat, sondern einen fast anti-wagnerianischen Zugang hatte, was man daran erkennt, dass seine männlichen Figuren bei weitem nicht so komplex sind wie die weiblichen. Man kann bei die­ser Oper nicht davon sprechen, dass sich darin klassische Geschlechterbilder finden. Die Männer sind fast überfordert mit der Kraft der Frauen. Problematisch ist aber die Idee, dass die Frau erst zum Menschen wird, wenn sie Kinder bekommt. Ich habe für mich noch keine Übersetzung für diesen Gedanken gefunden, bin aber davon überzeugt, dass Hofmannsthals Gedanke nicht so primitiv sein kann, wie man vermutet. Vielleicht versucht er in diesem Motiv die Idee zusammen­zufassen, dass sich zwei Menschen in Liebe vereinen und dadurch neues Leben entsteht. Er ist nicht daran interessiert, die Frau zur Gebärmaschine zu degradie­ren. Das kann nicht sein, weil es im Widerspruch zu dem steht, wie er Frauen in anderen Stücken zeichnet und welche ernsthafte Auseinandersetzung mit weib­lichen Rollen und den Rechten, die man Frauen zugestehen muss, erkennbar ist.

    Hofmannsthal wird aber auch bei anderen Werken falsch zitiert. Ein Beispiel da­für ist der zweite Akt von Arabella, in dem die titelgebende Figur ihrem zukünf­tigen Ehemann sagt, dass er ihr Gebieter sein wird. Es darf aber dabei nicht über­sehen werden, dass dieser direkt davor zu ihr sagt, dass er sie zu seiner Kaiserin macht und sie über ihn befehlen wird. Sie begegnen sich also auf Augenhöhe.

    SARA LEITNER: Wie geht man als Opernregisseur mit Momenten in Werken um, in denen eine Hierarchisierung der Geschlechter und ein damit einhergehendes konservatives Frauenbild erkennbar ist?

    CHRISTOF LOY: Die Werke, von denen wir reden, haben meiner Meinung nach ein „modernes“ bzw. angemessenes Bild von Frauen.

    SARA LEITNER: Obwohl es in Die Frau ohne Schatten die Komponente gibt, dass eine Frau erst zum Menschen wird, wenn sie Kinder gebären kann?

    CHRISTOF LOY: Ich habe mich bei meiner Inszenierung davor gedrückt, weil ich die­sen Gedanken als so monströs empfunden habe, dass die entsprechende Szene für mich nur in einem genauso monströsen Weihnachtskonzert mit Knaben- bzw. Kinderchor enden musste. Diese Oper stellt für mich aber tatsächlich eine Aus­nahme dar. Die anderen Opern, die ich inszeniert habe und inszeniere, gehen mit einer wesentlich größeren poetisch-theatralischen Qualität mit dem Thema um. Ein Beispiel dafür ist Ariodante. Das Kostüm, in das CECILIA BARTOLI, bei dieser Inszenierung geschlüpft ist, hat viele Menschen an Conchita Wurst erinnert, die ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht kannte, weil ich bei populärer Kultur nicht all­zu bewandert bin und damals auch nicht in Österreich gelebt habe. Das Kostüm von Ariodante war meine eigene Kreation, es war für mich aber vollkommen in Ordnung, dass es das Publikum an eine andere Kunstfigur erinnert, weil die Rolle dadurch an Subversion gewonnen hat. Das Kostüm für Ariodante war ein Pro­dukt meines Wunsches, eine Figur in absolute Androgynität zu verwandeln. Da CECILIA BARTOLI diese Androgynität sehr gut gepasst hat, ist bei der Inszenierung etwas Utopisches entstanden. Es wurde eine Figur geschaffen, die das biblische Profil eines alttestamentarischen Propheten hatte, zugleich aber auch extreme Zartheit verkörperte. Durch die Kostümierung ergab sich für CECILIA BARTOLI auch die Möglichkeit, auf der Bühne noch männlicher sein zu können als heterosexu­elle Männer, die auf der Bühne in männliche Rollen schlüpfen. Dass man genau diese Momente gesehen hat, war der Zauber des Abends.

    SARA LEITNER: Was war der Grund, CECILIA BARTOLI so auszustatten, dass sie auf der Bühne eine genderfluide Figur verkörpert?

    CHRISTOF LOY: Ich verstehe mich als Kind, das auf der Bühne gerne Sachen sehen will, die man im alltäglichen Leben nicht sieht, die aber viel mit uns als Men­schen zu tun haben. Es klingt naiv, aber ich denke, dass Künstler*innen besser arbeiten, wenn sie dem Zeitgeist nicht nacheifern, sondern ihm durch ästhetische Visionen vorauszugreifen versuchen. Ich fand es einfach schön, mir Cecilia in dieser Erscheinung vorzustellen. Es hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich in dieser Zeit zufällig Orlando von Virginia Woolf gelesen habe. Hinzu kommt, dass ich mich bei meinen Inszenierungen immer gerne auf die Musik berufe. Bei Ariodante ist für mich die Arie zentral, in der sich die titelgebende Figur verraten fühlt. Durch die Zartheit, die sich dabei äußert und die ich mit einer Frau verbin­de – und zwar im besten Sinne –, kam mir die Idee, dass sich die männliche Figur während der Arie in eine Frau verwandelt.

    SARA LEITNER: Wie hat CECILIA BARTOLI auf diese Idee reagiert?

    CHRISTOF LOY: Ich habe ihr ein Bild von Jean Rondeau, einem französischen Cemba­listen, der den „Holzfäller-Look“ hat, dem man aber ansieht, dass sich dahinter ein feinnerviger Mensch befindet, gezeigt und sie gefragt, ob sie etwas dagegen hat, wenn sie diese Frisur und diesen Bart in Ariodante trägt. Sie fand das fantas­tisch. CECILIA BARTOLI hat eine große Verkleidungslust. Insofern war innerhalb von 20 Sekunden alles erledigt.

    SARA LEITNER: Wie haben die Salzburger Festspiele auf Ihre Idee reagiert?

    CHRISTOF LOY: Man genießt eine große Freiheit bei den Festspielen. Ich frage des­halb auch nicht um Erlaubnis, sondern mache es einfach. Wenn ich von etwas überzeugt bin, weiß ich, dass es von den Festspielen mitgetragen wird.

    SARA LEITNER: Gab es vom Publikum besonders positive oder negative Reaktionen?

    CHRISTOF LOY: Ich weiß es nicht, glaube aber, dass die Inszenierung gut angekommen ist. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Cecilia ihre Gestaltung mit einer gro­ßen Selbstverständlichkeit verkörpert hat. Ich war mir unsicher, wie das Publikum auf die Texte von Virginia Woolf reagiert, die ich ausgesucht habe und die auf Italienisch eingespielt wurden. Ich glaube aber, dass auch das den Horizont der Zuseher*innen erweitert hat. Grundsätzlich schätze ich das Publikum lieber höher als zu niedrig ein. Nur weil man Geld hat, ist man nicht blöd. Einige sind schon blöd und haben Geld, aber Geld haben heißt grundsätzlich nicht, blöd zu sein.

    SARA LEITNER: Welche bühnenästhetischen Mittel gibt es neben den bereits genann­ten, um Geschlechterrollenbilder aufbrechen und dekonstruieren zu können?

    CHRISTOF LOY: Ich verstehe meine Herangehensweise als Kombination aus psycho­logischer und choreografischer Arbeit, die das Menschliche per se thematisiert. Meine Arbeiten wirken vielleicht deshalb so modern, weil ich das Geschlecht eines Menschen nicht zum Thema mache.

    Bei Così fan tutte wird immer von bösen Frauen und einfältigen Männern gespro­chen. Meiner Meinung nach geht es in dem Stück aber vielmehr darum, dass Menschen merken, dass die Liebesbeziehung, in der sie sich befinden und von der sie dachten, dass sie durch nichts zu irritieren ist, sehrwohl ins Wanken ge­raten kann. Diese Erfahrung kann dazu führen, dass man sich in Mustern ver­heddert, und Männer krampfhaft am Glauben festhalten, dass sie wichtiger als Frauen sind, aber auf einmal merken, dass das Blödsinn ist. Ich beschäftige mich immer mit den schwächsten Punkten aller Beteiligten. Wenn ich Sänger*innen finde, die bereit sind, diese Transparenz zuzulassen, entsteht im Idealfall ein Ge­flecht, von dem man tatsächlich sagen kann, es sei utopisch.

    SARA LEITNER: Welche Rolle spielte MARGARETE WALLMANN, eine wichtige Frau der Gründungszeit der Salzburger Festspiele, für Ihre Inszenierung von Orfeo ed Eu­ridice?

    CHRISTOF LOY: Ich habe mich als Kind immer schon für Opern und Opernregie in­teressiert. Deshalb hatte ich schon früh ein Album von den Salzburger Festspie­len, in dem Fotos von Wallmanns Produktion von Orfeo ed Euridice abgedruckt waren. Dabei ist mir aufgefallen, dass bei dieser Inszenierung – anders als bei den anderen Opern – nicht ausschließlich männliche Namen bei den Mitwirken­den gelistet waren. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich also, dass auch Frauen bei Opern mitwirken. Später habe ich Margarete Wallmanns Inszenierung der Tosca kennengelernt. Ich mochte die ästhetischen Figuren, die sie geschaffen hat. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Zum ersten Mal habe ich dadurch aber auch ein Bewusstsein dafür bekommen, dass es Regisseurinnen und Regisseure gibt. Margarete Wallmann war also sowohl ästhetisch als auch theaterhistorisch wich­tig und ist somit in zweifacher Hinsicht eine Vorreiterin.

    SARA LEITNER: Haben Sie Visionen oder Wünsche für die Zukunft des Musiktheaters bei den Salzburger Festspielen?

    CHRISTOF LOY: Die einzige Hoffnung, die ich habe, ist, dass es sich nicht durchsetzt, dass im Musiktheater politische Korrektheit inszeniert werden muss.


    © Eva Mañez

    CHRISTOF LOY

    Studium der Musiktheaterregie an der Folkwang-Hochschule in Essen. 1990 Debüt als Regisseur mit der selbst zusammengestellten musikalischen Faust-Collage gretchen. Eine mädchentragödie. Seit 2007 Tätigkeit als Regisseur u.a. in Stuttgart, München, Brüssel, Frankfurt, London, Zürich, Berlin, Wien und bei den Salzburger Festspielen. Zu seinen Produktionen hier zählen u.a. Così fan tutte (2020) und Il trittico (2022). Seit 2019 Tätigkeit als Choreograf u.a. in Amsterdam. 2021 Regie und Drehbuch für den Spielfilm Springtime in Amsterdam.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Der Wunsch nach Diven und das Publikum als Fangemeinde

    Zum Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen

    SARA LEITNER: Welche Funktion haben die Salzburger Festspiele bei der Kreierung und der Präsentation von Diven?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind meiner Ansicht nach nicht dazu da, Diven zu kreieren und zu präsentieren. Vielmehr sind sie ein internationales Festival, das sich die Präsentation von Oper und Schauspiel auf die Fahnen ge­schrieben hat. Die Opernliteratur wird – genauso wie Texte im Schauspielbereich – von zentralen Frauenfiguren bestimmt, wodurch solche Themen automatisch auf der Bühne behandelt werden. Was man sich aber genauer ansehen muss, ist, wie man mit diesen Werken umgeht. Wird ein Stück angesetzt, um einer Diva quasi ein Forum zu bieten? Oder verbindet man scheinbar Rolle und Privatper­son, um seine Rolle als Macher zu befestigen und mit einem Hype zu versehen und Karten zu verkaufen?

    BARBARA BEYER: Ich finde es wichtig, zwischen Rolle und Darstellerin, also der Sän­gerin-Persönlichkeit, die diese Rolle verkörpert, zu unterscheiden. Mich würde in diesem Kontext die Frage interessieren, was die konkreten, gegenwärtigen „Diven“ der Salzburger Festspiele – etwa ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN – auszeichnet und welche Unterschiede es zu Sängerinnenpersönlichkeiten aus dem letzten Jahrhundert, Stichwort Maria Callas, gibt. Netrebko und Grigorian haben dieses Jahr beide die Lady Macbeth gesungen, Grigorian in Salzburg und Netrebko an der Staatsoper Berlin. Ich habe dazu zwei Zitate von unterschiedli­chen Kritiker*innen herausgesucht. Bei Jürgen Kesting heißt es:

    Sie [Asmik Grigorian] tut sich nicht leicht damit, Ornamente so zu formen, dass sie wie Flammenstöße auflodern, aber ihr Singen wird zu einem Sieg über die ex­pressiven Widerstände. Und wie gut sie sich darauf versteht, im ersten Duett mit Macbeth den gehetzten Ton für die finsteren Mordpläne zu finden, wie eindringlich sie die ariosen Phrasen des düs­teren Monologs La Luce Langue in die fahlen Farben eines fins­teren Traums hüllt, wie klug sie den Trillern des Trinklieds den Ton falscher Fröhlichkeit unterlegt, grandios endlich die Klimax, die Schlafwandelszene im vierten Akt. Die Heldin er­liegt sich bei Verdi nicht länger in einem Reigen von Koloraturen, sie taumelt sprachlich stockend und stammelnd in den Wahnsinn. Das hohe Des ist kein krönender Abschluss, sondern Klang des Sterbens.1

    Im Gegensatz dazu heißt es in der FAZ über Anna Netrebko: „Es gibt Momen­te der Hingabe, die sie genießt. Wahrscheinlich ist sie aber Profi genug, solche Szenen hervorzuzaubern ohne größere innere Beteiligung. Netrebko ist in ihrer Rolle ungefähr so kalkulierend und durchtrieben, wie man es draußen bei der Demonstration von ihr glaubt.“2

    Hier wird ein Rollenverständnis deutlich, das Anna Netrebko in Hinblick auf die Lady Macbeth hat und transportiert. Umgekehrt geht es Asmik Grigorian darum, sich an die Partitur von Verdi zu halten, um minutiös dem Willen Verdis entgegenzukommen. Dennoch geht es in beiden Fällen, würde ich sagen, um eine Form der Professionalität und der Perfektion.

    KLAUS BERTISCH: Das hat auch mit einer Erwartungshaltung zu tun, die auf einer Kenntnis der Partitur und der Literatur fußt. In der ersten Kritik wird auf die Brie­fe von Verdi Bezug genommen, in denen er schreibt, was er sich von einer Lady Macbeth wünscht. Ich habe die Generalprobe bei den Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian gesehen, und mir war es fast zu perfekt. Ich hätte gerne mehr Spannung, mehr Leid oder mehr – in diesem Zusammenhang ein schreckliches Wort – Hass gesehen. Ich hatte in der Vorstellung nicht das Gefühl, dass es sich bei ihr um eine Diva handelt. Vielmehr hat Asmik Grigorian auf der Bühne eine starke Frauenfigur verkörpert. Anna Netrebko wiederum scheint sich als Sängerin in eine Richtung entwickelt zu haben, die davon geprägt ist, möglichst wenig probieren zu müssen und möglichst wenig Intensität an den Tag zu legen, sondern vielmehr das abzuliefern, was von ihr bei einer Aufführung erwartet wird.

    BARBARA BEYER: Damit sind Aspekte angesprochen, die einen schönen Bogen zu Maria Callas herstellen. Maria Callas hat, als sie nicht mehr ganz auf der Höhe war, eine Vorstellung in der Scala gesungen, mit erheblichen Stimmproblemen. Sie wurde daraufhin vom Publikum als „Hure“ beschimpft. Sogar auf ihr Haus hat man „putana“ geschrieben. Was ist da passiert? Ruth Berghaus hat einmal gesagt, dass Sänger und Sängerinnen in ihrer Existenz immer lebensgefährlich bedroht sind, weil sie auf der Bühne stehen und den Ton treffen müssen. Sie müssen springen. Sie müssen ihre Angst überwinden und sich dem Publikum hingeben und darauf vertrauen, dass das Publikum sie auffängt. Dieser Vorgang hat viel mit Angst und der Überwindung von Angst zu tun. Aber nur darüber stellt sich ein wirklicher Kontakt zwischen der Darstellerin und dem Publikum her, hier entsteht so etwas wie Erotik und Berührt-Werden.

    KLAUS BERTISCH: Meinst du wirklich Erotik, also körperliche Spannung?

    BARBARA BEYER: Erotik in einem sehr weiten Sinne, nicht sexualisiert. Mit Blick auf diese Angst möchte ich zu Anna Netrebko und Asmik Grigorian zurückkom­men. Ich habe den Eindruck, die Angst wird bei ihnen aufgrund einer, wie ich finde, falsch verstandenen, aber vom Betrieb geforderten, Professionalität so ver­drängt, dass diese Form des Berührt-Werdens kaum noch möglich ist.

    SARA LEITNER: Sie haben zwischen Sängerin und Rolle differenziert. Findet in dem Moment, in dem eine Sängerin zum Star wird, eine Verschmelzung zwischen der Privatperson und der Rolle statt? Braucht es diese Verschmelzung, um zu einem Star zu werden?

    BARBARA BEYER: Ich glaube – und das gilt genauso für Schauspieler*innen –, dass das Verhältnis von Rolle und Person ein stark getrenntes ist, weil Sängerinnen hauptsächlich auf die Musik, auf das Singen konzentriert sind. Das Zusammen­fallen von Person und Rolle kann nie durchgängig der Fall sein, das sind immer nur kurze Momente in einer Aufführung. Aber diese Momente sind das Wert­volle, das Berührende.

    KLAUS BERTISCH: Dieses Zusammenfallen ist etwas, das bei den Zuschauer*innen passiert. Ich finde es toll, dass du das als Regisseurin sagst, weil es etwas ist, vor dem wir uns eigentlich hüten sollten. Es geht oft schief, wenn man glaubt, dass eine Sängerin der richtige Typ für eine bestimmte Rolle ist, weil das Erzeugen ei­ner emotionalen Situation keine emotionale, sondern eine mentale Arbeit ist. Für mich sind deshalb z. B. die Vorstellungen, bei denen ich weiß, dass eine Sängerin erkältet ist, oft die ergreifendsten, weil sich die Sängerin auf das konzentrieren muss, was gefordert wird. Technik ist gefragt. Sie darf sich nicht emotional trei­ben lassen.

    BARBARA BEYER: Die Vorstellung, dass der Gesang Emotionen ausdrückt, so wie man den Saft einer Zitrone auspresst, ist ein großes Missverständnis. Diese Emo­tionen werden von Sängerinnen größtenteils hergestellt, und es kommt, wie be­schrieben, nur momentweise zu einer Berührung.

    KLAUS BERTISCH: Es gibt auch Überlegungen, was für Sängerinnen eine gute Rol­le ist. Die Salzburger Festspiele sind der Ort gewesen, der die Karriere von Anna Netrebko begründet hat. Letzten Endes war die Traviata in Salzburg ihr – auch medialer – Durchbruch. Also überlegt man, was nun weitere gute Rollen für sie wären. Das sind Diskussionspunkte, bei denen auch andere Faktoren von Wichtigkeit sind. Dazu zählt z.B. das Publikum. Es waren die Zuschauer*innen, die Anna Netrebko in La Traviata auf Händen getragen und sie berühmt gemacht haben. Sie wollten sie nun wieder sehen. Aber will man sie auch immer wieder sehen, wenn man feststellen muss, dass sie eine andere politische Haltung hat, als man sie sich wünscht? Das sind Aspekte, die nicht notwendigerweise verbunden werden. Salzburg sieht es vielleicht als seine Aufgabe, Rollen für Sängerinnen zu finden, aber ich weiß nicht, wie viel Kal­kül dahintersteckt.

    SARA LEITNER: Haben Sie das Gefühl, dass der Sängerinnenkult bei den Salzburger Festspielen von Wichtigkeit ist?

    KLAUS BERTISCH: Ja, ich denke schon. Wir haben gerade festgestellt, dass die Ver­schmelzung von Rolle und Persönlichkeit etwas ist, das vor allem in den Köpfen

    Mittel einsetzen kann, um Publikum zu gewinnen. Also haben die Salzburger Festspiele Anna Netrebko und Asmik Grigorian dort hingebracht, wo sie heute sind und auch dafür gesorgt, dass ihre Gage steigt.

    BARBARA BEYER: Sie haben im Vorfeld unseres Gesprächs gefragt, ob Sängerinnen zu „Objekten“ von Institutionen werden können. Ich glaube nicht, dass Sänge­rinnen, die in dieser Liga spielen, in irgendeiner Weise Opfer sind. Da hört jede Naivität auf. Diese Sängerinnen wissen genau, auf welchem Parkett sie sich be­wegen und machen das mit. Es ist – gleichgültig, ob bewusst oder unbewusst – in ihrem Interesse, dass ihre Karriere weitergeht und dass sie Aufträge bekommen, wenn sie sich entsprechend verhalten.

    SARA LEITNER: Inszenieren sich Sängerinnen als Repräsentantinnen eines bestimm­ten Frauenbildes, oder geht diese Inszenierung von Institutionen wie den Salz­burger Festspielen aus?

    KLAUS BERTISCH: Die Salzburger Festspiele sind bei Anna Netrebko das Risiko ein­gegangen, sie für große Rollen zu engagieren. Das ist ein Risiko, das man in Kauf nehmen muss, wenn man ein Potential sieht, das man nutzen will. Eine Image-Bildung im Sinne eines bestimmten Frauenbildes erfolgt letzten Endes durch die Regisseur*innen. Das ist etwas, was im Arbeitsprozess entsteht und davon ab­hängt, wie Regisseur*innen eine Figur sehen.

    BARBARA BEYER: In meiner Arbeit an Hochschulen habe ich jungen Sängerinnen im­mer gesagt, ihr seid in keinem Moment auf der Bühne Opfer. Egal, welche Rolle ihr spielt, ihr seid keine Opfer. Wenn man mit dieser Haltung an eine Frauen­figur herangeht, entstehen Kippmomente, die die Situation verdrehen und die Frauenfigur in einem anderen Licht erscheinen lassen. Wir haben das Dilemma, dass die Werke, die gespielt werden, vor allem aus dem 19. Jahrhundert stam­men und sich dadurch auszeichnen, dass sie von Männern geschrieben wurden und Frauen einen besonderen Status darin haben. Barbara Vinken beschäftigt sich in ihrem gerade veröffentlichten Buch Diva. Eine etwas andere Opernführerin damit, die Opferrollen umzudenken. So sagt sie, dass Violetta in La Traviata am Ende ein bewusstes Opfer für die Liebe eingeht. Ich teile diese Lesart von Bar­bara Vinken nicht unbedingt, und es gibt Frauenfiguren, in La Bohème, Madama Butterfly oder Carmen, die stark in Klischees gefangen sind, aber dennoch sollte man als Regisseur*in immer den Versuch machen, die Figuren aus diesen Kli­schees zu befreien. Ich habe einmal Otello inszeniert, und Desdemona mit ihrem engelsgleichen Gesang als eine kalte, berechnende Frau von Macht inszeniert, die ihren spezifischen Gesang strategisch einsetzt, und das ist wunderbar auf­gegangen.

    KLAUS BERTISCH: In dem Moment, in dem man sagt: „Ihr seid kein Opfer“, setzt ein Bewusstseinsprozess bei den Sängerinnen ein, sie verändern etwas an ihrer Haltung gegenüber einer Rolle. Es beginnt ein neues Denken, und das ist das Allerbeste, was man erreichen kann.

    Ich muss darüber nachdenken, was eine Frau zur Diva macht. Will ich den Inhalt eines Stückes sehen und verstehen? Oder will ich meine eigene Erwartungshal­tung bestätigt haben?

    BARBARA BEYER: Ich finde, dass das Wort „Diva“, das mittlerweile auch in den all­täglichen Sprachgebrauch aufgenommen ist, nicht mehr dazu taugt, um eine besondere Qualität einer Sängerin herauszustellen. Ich würde damit vorsichtig umgehen.

    KLAUS BERTISCH: Aber kann man Anna Netrebko und Asmik Grigorian aus Sicht des Publikums als Diven bezeichnen? Möchte das Publikum gerne eine Diva haben?

    SARA LEITNER: Welche Konzepte einer Diva, welche Frauenbilder verkörpern Asmik Grigorian und Anna Netrebko? Braucht es eine Diva, damit eine Aufführung erfolgreich ist?

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum möchte gerne Diven haben. Das ist wie ein Markenzeichen. Man ist auf der sicheren Seite, weil man weiß, dass man ein Netrebko- oder Grigorian-Fan ist. Man muss nicht mehr differenziert hinhören oder hinschauen.

    KLAUS BERTISCH: Das Publikum sucht eine Identifikationsfigur, die toll singt, aber gleichzeitig in ihrer Not, ihrer Angst und ihrem Erfolg auch eine Art „Deformati­on“ hat, die zeigt, dass sie nicht nur eine Partitur erfüllt, sondern auch menschlich ist. In der Oper geht es darum, sich zu identifizieren oder etwas über sich selbst zu erfahren. Ich erinnere mich, dass Anna Netrebko eine Vorstellung wegen ih­rer Schwangerschaft absagen musste, aber trotzdem in Salzburg war und ihren Bauch präsentiert hat. Die Reaktion war: „Die Arme, sie bekommt ein Kind, sie kann nicht singen.“

    BARBARA BEYER: Ich glaube, das Publikum ist gerne eine Fangemeinde und liebt es, einen Star zu verehren. Wenn der Star auch noch Kinder kriegen kann, ist das der Wahnsinn.

    KLAUS BERTISCH: In Salzburg zeigt sich das auch darin, dass ein Teil der Fange­meinde hinter der Balustrade steht, um zu erfahren, welche Berühmtheiten man in der jeweiligen Vorstellung sehen kann. Das ist nicht überall so. In Ams­terdam sind die Schlangen der Autogrammjäger*innen bei der Bühnenpfor­te sehr begrenzt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, in Stuttgart oder Frankfurt jemals Autogrammjäger*innen gesehen zu haben. Vor der Wiener Staatsoper warten allerdings ebenfalls Personen darauf, dass Künstler*innen nach der Vorstellung aus der Garderobe kommen und ihnen ein Autogramm geben. In diesen Opernzentren herrschen andere Traditionen als in einem „neutralen“ Ort wie Amsterdam, Stuttgart oder Frankfurt. Salzburg ist ein Traditionsort.

    BARBARA BEYER: Ich möchte noch einmal auf die Frauenbilder zu sprechen kommen. Der Titel von Jan Schmidt-Garres Film Fuoco Sacro – Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs sagt gut aus, was Sängerinnen zu leisten haben. In diesem Kontext spielt der weiblich konnotierte Begriff der „Hingabe“ eine Rolle. Sie müssen gro­ße Leidenschaften zeigen und sie auch verkörpern. Das heilige Feuer muss aus ihnen sprühen. Das sind Vorstellungen von Weiblichkeit, die heute kaum noch existieren. Sie stellen Sehnsüchte dar, die mit der wirklichen Welt nichts mehr zu tun haben. Ein weiblicher Star erfüllt also eine wichtige Funktion in Hinblick auf Sehnsüchte, die im Alltag nur noch als eine fragwürdige Illusion vorhanden sind.

    SARA LEITNER: Bekommen manche Sängerinnen deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil das antiquierte Bild, das sie auf der Bühne verkörpern, nicht mit dem heuti­gen „modernen“ Frauenbild übereinstimmt?

    BARBARA BEYER: Das Publikum will diese Frauenbilder wiederfinden, aber wir müs­sen konstatieren, dass unsere Welt weitergegangen ist und es heute ein anderes Frauenbild gibt. Anscheinend gibt es eine Sehnsucht, alte Frauenbilder wieder­zuerwecken.

    SARA LEITNER: Haben Sie den Eindruck, dass bei den Salzburger Festspielen bewusst mit dieser Sehnsucht gespielt wird?

    KLAUS BERTISCH: Es ist ein großes Problem der Salzburger Festspiele, dass es kei­ne Hinwendung zu neuer Musik gibt. Es gibt keinen Versuch, zentrale Werke wie Die Zauberflöte, Macbeth oder Tosca in ein neues Licht zu setzen, das eine zeitgenössische Auseinandersetzung oder eine neue Komposition ermöglicht. Das ist eine politische Entscheidung. Der künstlerische Leiter ist bekannt da­für, dass er früher Konzertprogramme mit neuer Musik zusammengestellt hat. Ich weiß nicht, warum mittlerweile nichts Neues in Auftrag gegeben wird oder kaum Komponistinnen aufgeführt werden, um so Tradiertes, was durch­aus seine Berechtigung hat, vielleicht zu konterkarieren oder zumindest zu ergänzen.

    BARBARA BEYER: Das kann man auch auf Dirigentinnen beziehen, die immer noch nur marginal vorkommen.

    SARA LEITNER: Was muss sich bei der Besetzung und bei der Auswahl der Werke ändern?

    BARBARA BEYER: Es muss mehr Zeitgenössisches aufgeführt werden. Ich bin zurück­haltend, wenn es heißt, dass Frauen anders inszenieren als Männer, aber sie ha­ben zumindest ein Bewusstsein für bestimmte Dinge, das Männer offensichtlich nicht haben, wenn man z.B. an Martin Kušejs Figaro in Salzburg denkt. Man sollte auch bei den Sänger*innen-Besetzungen anders vorgehen. Ich halte den Starkult für fatal, weil er alles aufsaugt. Die Aufmerksamkeit wird auf eine einzige Person gelenkt, sodass die Stücke untergehen. Man sollte das Risiko eingehen, jüngere Sängerinnen an den Start zu lassen, die auf der Suche nach einem persönlichen Ausdruck sind.

    KLAUS BERTISCH: Für mich ist das nur teilweise richtig, weil die Salzburger Festspie­le zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wohl ein Risiko auf sich genommen ha­ben. Sie haben in Anna Netrebko eine Persönlichkeit gesehen, der sie zugetraut haben, bestimmte Rollen adäquat zu interpretieren.

    BARBARA BEYER: Wie lange ist das her?

    KLAUS BERTISCH: La Traviata war 2004.

    BARBARA BEYER: Also 20 Jahre.

    KLAUS BERTISCH: Anna Netrebko hat im Sommer bei den Festspielen schon lange keine große Rolle mehr in einer Neuinszenierung gesungen. Der Starkult, für den Salzburg gesorgt hat, hat sich verselbstständigt und scheint nun an anderen Orten auf, wie z.B. an der Berliner Staatsoper.

    BARBARA BEYER: Findest du nicht, dass der Starkult vom Inhalt eines Stückes ab­lenkt?

    KLAUS BERTISCH: Meiner Ansicht nach liegt das Geheimnis in der Diversität – sowohl in Hinblick auf das Repertoire als auch auf die Macher*innen. Die unterschiedli­chen Rollen, die Asmik Grigorian in den letzten Jahren in Salzburg übernommen hat, weisen meiner Meinung nach Diversität auf. Für mich ist sie – jedenfalls, wie man sie öffentlich wahrnimmt – in keinem Fall eine Diva. Sie wird zu einer Diva hochstilisiert, weil sie die Rollen singt, die mit dem Begriff der Diva assoziiert werden. Das ist das Gefährliche.

    BARBARA BEYER: Eine Diva wird immer durch das Publikum und die Medien ge­macht. Asmik Grigorian ist dabei nicht unschuldig, aber sie möchte das vielleicht gar nicht. Es passiert mit ihr.

    KLAUS BERTISCH: Das ist etwas, das man als Sängerin selbst kaum lenken kann, wie der Werdegang von Maria Callas zeigt. Ihre Karriere hat begonnen, als sie „dick“ war und in Italien große, dramatische Rollen gesungen hat. Als sie abgenommen hat, hat sich ihr Repertoire geändert. Hinzu kamen die Medien, ihre Stimme, genauso wie Privatereignisse. Das sind Einflüsse, die immer mit Interesse ver­folgt werden. So etwas kann an einer Sängerin nicht spurlos vorübergehen. Wie reagiert man, wenn man ausgebuht oder in Grund und Boden geschrieben wird? Man fragt sich: Muss man etwas ändern? Bleibt man, wer man ist?

    SARA LEITNER: Gibt es bestimmte Eigenschaften, die eine Frau haben muss, damit sie bei den Salzburger Festspielen zum Star gemacht werden kann?

    KLAUS BERTISCH: Das kann man so pauschal nicht sagen, weil es viel damit zu tun hat, wie Sängerinnen eine Rolle interpretieren, wie die Reaktionen des Publi­kums und die von Agent*innen sind. Es hängt darüber hinaus aber auch damit zusammen, wer ein Haus leitet, wer die Entscheidungen trifft und welches Re­pertoire zur Verfügung steht.

    BARBARA BEYER: In der ZEIT schrieb Christine Lemke-Matwey in einer Kritik, dass Asmik Grigorian eigentlich ein lyrischer Sopran ist, weshalb die Rolle der Lady Macbeth für sie zu dramatisch sei. Der Betrieb greift teilweise rücksichtslos zu. Wir wissen nicht, was mit Asmik Grigorians Stimme passiert, aber wenn sie in dieser Weise weitermacht, ist sie bald am Ende. Es gibt Sängerinnen, die bereits während des Studiums von Agent*innen dazu gezwungen werden, sich inner­halb kürzester Zeit ein Repertoire anzueignen. Es ist obszön, wie Agent*innen vorgehen.

    KLAUS BERTISCH: Christine Schäfer – eine Sängerin, die heute nicht mehr singt, aber eine Zeit lang stark in den Fokus gerückt wurde – hat sich bewusst vom Betrieb abgewandt, weil sie sich dem Rollenverständnis und dem Klischee, das die Me­diengesellschaft auf sie zu projizieren versucht hat, nicht aussetzen wollte. Von den beiden Sängerinnen, über die wir sprechen, hat keine den Weg eingeschla­gen, den Christine Schäfer genommen hat, sondern beide sind auf den Medi­enwagen aufgesprungen. Bei Asmik Grigorian muss man abwarten. Mit Salome wurden große Dinge an sie herangetragen, aber ich habe den Eindruck, sie ist bei der Auswahl ihrer Rollen nicht wirklich kritisch. Trotzdem widersetzt sie sich den Erwartungshaltungen der Medien, die versuchen, sie zu vermarkten, was sich an den Partien zeigt, die sie bisher gesungen hat.

    SARA LEITNER: Verkörpern Anna Netrebko und Asmik Grigorian Ihrer Meinung nach zwei konträre Frauenbilder?

    KLAUS BERTISCH: Die Frage ist, ob sie die Erwartungshaltungen erfüllen, die an sie – auch von der Presse – herangetragen werden.

    BARBARA BEYER: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen, weil Anna Netrebko bereits seit mehreren Jahren im Geschäft ist und folglich eine bestimmte Robustheit sowie einen Grad an Perfektion entwickelt hat. Bei Asmik Grigorian lässt sich hingegen noch etwas Fragiles erkennen. Sie ist in diesem Sinne noch nicht „verdorben“. Ob sie gegebenenfalls die Kraft hat, wie Christine Schäfer mit dem Betrieb zu brechen, lässt sich nicht sagen. Ich glaube, irgend­wann tritt eine Form von Selbstschutz ein, der notwendig ist, damit man sich entscheidet – und zwar auch dafür, dass man eine Existenz als Diva begrüßt.

    KLAUS BERTISCH: Wie wir bereits zu Beginn festgestellt haben: Die Rollen sind nicht die Persönlichkeiten. Dem breiten Publikum bleiben Informationen aus dem Pri­vatleben von Asmik Grigorian verborgen, während wir von Anna Netrebko wis­sen, dass sie z.B. darauf besteht, dass ihr Mann gemeinsam mit ihr auftritt. Inso­fern ist Asmik Grigorian noch nicht auf diesen Wagen aufgesprungen. Trotzdem hat sie Erfolg in Salzburg. Sie wird vom Publikum geliebt und gehypt, versucht aber, ihr Privatleben außen vor zu lassen.

    SARA LEITNER: Spielt trotzdem auch bei Asmik Grigorian in Salzburg der Starkult eine Rolle?

    KLAUS BERTISCH: Auf jeden Fall. Die Salzburger Festspiele versuchen, einen Star zu kreieren. Meiner Meinung nach kommt es aber darauf an, wie man sich dazu ver­hält. 2023 wurde in Salzburg auch Falstaff neuinszeniert. Die titelgebende Figur wäre eine der wenigen Männerrollen, die das Potential zum Starkult hätte. Trotz­dem wurde in der breiten Öffentlichkeit nicht über Gerald Finley diskutiert, der den Falstaff gesungen hat.

    SARA LEITNER: Ist der Starkult also geschlechtlich konnotiert und an eine Frau ge­koppelt?

    BARBARA BEYER: Ja, aber nicht ausschließlich. Es gibt auch Tenöre, die den Status eines Stars erreicht haben.

    KLAUS BERTISCH: Domingo, Carreras und Pavarotti waren die drei Tenöre, bei de­nen man von einem Starkult sprechen kann. Man könnte vielleicht auch Rolando Villazón nennen. Aber sind wir an Villazón und seiner Entwicklung genauso interessiert wie an Netrebko, mit der er La Traviata gesungen hat? Nein, würde ich sagen.

    BARBARA BEYER: Hier zeigt sich auch etwas, das mit den Opern selbst zu tun hat. Die männlichen Rollen laden – zumindest bei Verdi – nicht zur Identifikation ein. Die Frauenfiguren sind oft die radikalen Figuren, die aus Liebe etwas vorantreiben und die Männer in Bedrängnis bringen und so das patriarchale System durchei­nanderbringen. Das ist als Identifikationsmoment wesentlich interessanter.

    KLAUS BERTISCH: Es liegt auch daran, dass das breite Publikum die Inhalte mit der Persönlichkeit einer Sängerin vermischt…

    BARBARA BEYER: …. oder ein Identifikationsmuster vorhanden ist, in das man sich gerne einklinkt.

    SARA LEITNER: Wie erklären Sie sich, dass der Starkult gerade bei den Salzburger Festspielen so präsent ist?

    BARBARA BEYER: Es hat mit den teuren Eintrittskarten zu tun. Salzburg bedeutet ein Fest, und das möchte man genießen. Man möchte für sein Geld etwas geboten bekommen, und das geht nur über Stars.

    KLAUS BERTISCH: Man erkauft sich durch die teuren Karten auch den Star. Man bezahlt dafür, dass man jemanden trifft, mit dem man sich identifizieren kann. Ich würde mir wünschen, dass der Gründungsgedanke von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal eine größere Rolle spielen würde, was in der Oper auch möglich wäre.

    BARBARA BEYER: Ich würde mir mehr Werkstattcharakter und eine inhaltliche Aus­einandersetzung mit den Stücken wünschen.

    SARA LEITNER: Haben die Sängerinnen, die bei den Salzburger Festspielen ins Zent­rum gerückt wurden, das Bild der Festspiele entscheidend mitgeprägt?

    KLAUS BERTISCH: Der Starkult kommt aus der Zeit von Herbert von Karajan, in der Fotos der Künstlerinnen in den Schaufenstern lagen und sich das Publikum vor dem Eingang positioniert hat, um einen Blick darauf erhaschen zu können, wenn die Sängerinnen die Festspielhäuser in ihrem privaten Kleid oder Dirndl betra­ten. Ich würde sagen: Bitte ein bisschen mehr auf den Inhalt schauen!

    SARA LEITNER: Wäre das Ihr Appell für die Zukunft?

    KLAUS BERTISCH: Die Themen der Opern sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich, weil wir einen Kanon haben, der vor allem aus Werken des 19. Jahrhunderts besteht. Brauchen wir sie? Oder haben wir nicht auch die Möglichkeit, diese Werke in einem Licht erscheinen zu lassen, das unsere eigene Zeit, unsere literarische und musikalische Entwicklung widerspiegelt, sodass begreifbar wird, warum Mac­beth heute noch aufgeführt wird? Ich glaube leider nicht, dass das in Salzburg eine Rolle spielt. Ich verstehe ein Festival aber als Möglichkeit, Dinge zu machen, die man sonst nicht machen kann. Man muss dem Publikum auch Stücke und Inszenierungen schmackhaft machen, die nicht landauf, landab gespielt werden. Seid doch bitte bereit, andere Sachen zu machen oder andere Werke in den Ka­non aufzunehmen!

    BARBARA BEYER: Das finde ich auch, vor allem sollte man Zeitgenössisches auffüh­ren.


    Anmerkungen

    1. Kesting, Jürgen: Eine Lady, wie von Verdi erträumt. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/verdis-macbeth-in-salzburg-19069660.html (13.3.2024), datiert mit 30.7.2023. ↩︎
    2. N. N.: Am Ende mehr Applaus als Buhrufe für Netrebko in Berlin. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/anna-netrebko-in-berlin-mehr-applaus-als-buhrufe-19178492.html (13.3.2024), datiert mit 16.9.2023. ↩︎

    BARBARA BEYER

    Studium der Musikwissenschaften, Psychologie und Germanistik. 1991-96 Dramaturgin am Staatstheater Darmstadt und Gastdramaturgin am Nationaltheater Mannheim sowie an der Freien Volksbühne Berlin. 2004-08 Lehrtätigkeiten an der Universität der Künste im Bereich Bühnenbild und an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ im Fachbereich Musiktheaterregie. 2009 Professur für Musikdramatische Darstellung an der Kunstuniversität Graz. Ab 2015 Leiterin der Opernklasse an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden.

    KLAUS BERTISCH

    Studium der Anglistik, Germanistik, Kunsterziehung und Pädagogik. 1987-90 Dramaturg und Autor für das Siemens Kulturprogramm in München. 1990-2018 Chefdramaturg an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam. Tätigkeiten als Regisseur mit Spezialisierung auf szenische Recitals. Lehrtätigkeit an der Dutch National Opera Academy in Amsterdam. 2023 Dramaturg bei der Oper Orfeo ed Euridice bei den Salzburger Festspielen sowie bei der Zauberflöte in der Dutch National Opera & Ballet in Amsterdam.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • 100 FEMALE VOICES

    100 FEMALE VOICES

    Die audiovisuelle Installation 100 FEMALE VOICES von Martina Stock war vom 21.8. bis 12.9.2021 in der Salzburger Kollegienkirche ausgestellt. Das Kunstpro­jekt fand eigenständig, ohne Kooperation mit den Salzburger Festspielen, statt. Im Folgenden sind drei Beiträge abgedruckt, die zur Installation entstanden.

    100 FEMALE VOICES zeigt eine Auswahl von 100 Künst­lerinnen, die durch ihre Persönlichkeit und ihr Wirken die Salzburger Festspiele auf und hinter der Bühne in ihrer 100-jährigen Geschichte entscheidend mitgeprägt haben. Das Kunstprojekt übernimmt die dokumentarische Aufga­be, die künstlerischen Leistungen dieser großartigen Künst­lerinnen anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Salzbur­ger Festspiele in das Licht unserer Wahrnehmung zu führen.

    Die begehbare audiovisuelle Installation ist ein Zusammen­spiel aus 100 freistehenden Serigrafien auf Leinwand und Harfe. Die künstlerische Umsetzung der 100 Portraits erfolgt mittels Serigrafie, Ac­ryl auf Leinwand. Die auf Edelstahlrahmen befestigten Kunstwerke sind im Kir­chenraum freistehend angeordnet. Auf diese Weise wird das einzelne Werk mit seinem Porträt zum künstlerischen „Standbild“. Es überträgt die Wirkung direkt auf die Betrachter*innen, die dem jeweiligen Kunstwerk in Augenhöhe gegenüber­stehen. Die Anordnung ist in ihrer Gesamtheit als Kunstwerk an diesem besonde­ren Ort zu sehen.

    Ebenso wie das Musikstück, das in Form einer Toninstallation zu hören ist. Getra­gen durch die Musik, durchschreiten die Besucher*innen die Ausstellung, die Kom­position unterstreicht die Wirkung der Motive und eröffnet den Betrachter*innen eine weitere Wahrnehmungsebene. Die Besucher*innen werden Teil einer beson­deren Klang- und Bildwelt.

    MARTINA STOCK


    Die Künstlerinnen bei 100 FEMALE VOICES

    GESANG Laura Aikin | Grace Bumbry | Lisa della Casa (1919–2012) | Maria Cebotari (1910–1949) | Ileana Cotrubaș | Marianne Crebassa | Di­ana Damrau | Annette Dasch | Mojca Erdmann | Birgitte Fassbaender | Elīna Garanča | Edita Gruberová | Sumi Jo | Christiane Karg | Vesse­lina Kasarova | Angelika Kirchschlager | Lotte Lehmann (1888–1976) | Marjana Lipovšek | Federica Lombardi | Christa Ludwig (1928–2021) | Elisabeth von Magnus | Edda Moser | Anna Netrebko | Jessye Norman (1945–2019) | Anna Prohaska | Dorothea Röschmann | Irmgard Seefried (1919–1988) | Christine Schäfer | Elisabeth Schwarzkopf (1915–2006) | Krassimira Stoyanova | Anna Tomowa-Sintow | Sonya Yoncheva INST­RUMENTAL Martha Argerich | Sol Gabetta | Veronika Hagen | Patricia Kopatchinskaja | Sabine Meyer | Anne-Sophie Mutter MUSIKALISCHE LEITUNG Laurence Equilbey | Elisabeth Fuchs | Mirga Gražinytė-Tyla | Julia Jones | Joana Mallwitz | Anne Manson | Erina Yashima KOMPOSI­TION Sofia Gubaidulina | Gustav (Eva Jantschitsch) | Olga Neuwirth | Kaija Saariaho | Galina Ustwolskaja (1919–2006) SCHAUSPIEL VERENA ALTENBERGER| Marie Bäumer | Bibiana Beglau | Senta Berger | Edith Clever | Veronica Ferres | Ulrike Folkerts | Brigitte Hobmeier | Marianne Hoppe (1909–2002) | Gertraud Jesserer | Isabel Karajan | Sophie von Kessel | Jutta Lampe (1937–2020) | Ursina Lardi | Birgit Minichmayr | Elisabeth Orth | Christine Ostermayer | Elfriede Ott (1925–2019) | Caroline Peters | Liselotte Pulver | Stefanie Reinsperger | Dolores Schmidinger | Maria Schell (1926–2005) | Barbara Sukowa | Julia Stemberger | Johanna Terwin (1884–1962) | Elisabeth Trissenaar | Johanna Wokalek TANZ Tilly Losch (1903–1975) | Grete Wiesenthal (1885–1970) REGIE ANDREA BRETH | Friede­rike Heller | Bettina Hering | MARIA GUTHEIL-SCHODER(1874–1935) | Shirin Neshat | Helene Thimig (1889–1974) | Margarete Wallmann (1901–1992) KOSTÜM UND BÜHNENBILD Moidele Bickel (1937–2016) | Eva Dess­ecker | Marianne Glittenberg | Magda Gstrein |XENIA HAUSNER| REBECCA HORN | Ita Maximowna (1901–1988) | Dorothea Nicolai NEUE MEDIEN Anna Henckel-Donnersmarck | Melanie Wilson LITERATUR Ingeborg Bachmann (1926–1973) | Elfriede Jelinek THEATERFOTOGRAFIE Ruth Walz.


    Das audiovisuelle Projekt 100 FEMALE VOICES von Mar­tina Stock in der Kollegienkirche präsentiert in Ton und Bild eine weibliche Kulturgeschichte. Stock zeigt eine künstle­rische Genealogie von Frauen der letzten 100 Jahre Salzburger Festspiele, die in Oper, Schauspiel, Tanz, Bühnenbild, Regie, Komposition, Literatur, etc. wirkten. Das interdisziplinäre Projekt dient der Gleichstellung der Geschlechter. Es konst­ruiert mittels Porträts von herausragenden Künstlerinnen in Siebdruck-Unikaten und einer musikalischen Interpretation eine Historie, die so nicht existierte. Stock, deren Hauptmedien die akustische Harfe, die mit elektronischen Elementen, Beats und Soundflächen ver­feinert wird, sowie der einzigartige Siebdruck auf Leinwand sind, erzählt Geschichte anhand von ausgewählten Persönlichkeiten aufgelöst in einzelne Schlaglichter eines bestimmten Auftritts, einer bestimmten Rolle und einer bestimmten Präsentation.

    Die Zahl 100 hat symbolischen Charakter, es geht sowohl um jede einzelne der aus­gewählten Persönlichkeiten, als auch um die Gesamtheit des weiblichen Kunstschaf­fens, das österreichisches Kulturerbe ist und dennoch das Nationalitätenprinzip überschreitet. Die Besucher*innen werden auf einer multimedialen Ebene durch die Ausstellung geleitet, die sich in verschiedenen Layers und Loops, Saitenklän­gen und dem malerischen Schichtwerk in Rastern, Flächen und Punkten entfaltet. Martina Stock, die mit Rakel und Sieb malt, schafft ein reiches Beziehungsgefüge, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszilliert, Raum und Zeit multisenso­risch zusammenführt. Die Rücken an Rücken positionierten Werke, die im barocken Hauptschiff eine raumgreifende Installation bilden, verbinden das fotografische Ab­bild mit der abstrakten Fiktion und vermitteln eine starke Allianz von Frauen.

    Das als Gesamtkunstwerk angelegte Ausstellungsprojekt will keine weibliche Äs­thetik definieren, sondern entwirft ein vielfältiges Narrativ mit zahlreichen Brüchen und Spannungen, das mittels Porträts Zeit und Zeiten abbildet, reflektiert und revi­diert. Geschichte aus einer anderen Perspektive zu erzählen, heißt auch Fragen zu stellen: Wie etwa verhält sich eine geschlechtsspezifische Chronologie zu der kulturell vorherrschenden Dominante, die von männlichen Protagonisten geprägt war? Soll sich eine Geschichte, die das weibliche Kunstschaffen in den Blick nimmt, über die Abweichung von einem etablierten Narrativ definieren? Welche nachhaltige Wirkung haben sowohl emanzipatorische Bewegungen als auch Strategien der Selbstbehaup­tung in der Kunst von Frauen? Was kann man aus der Geschichte lernen? Müssen wir sie rückblickend korrigieren und verändern? 100 FEMALE VOICES von Martina Stock ist an erster Stelle eine Hommage an das weibliche Kunstschaffen und taucht Künstlerinnen im barocken Zentralbau – die Kollegienkirche war 1922 erste Spielstätte der Salzburger Festspiele, ist Schutzort der Künste und Frauenkirche – in ein goldenes Licht, das sich in vielen Reflexen zu einer Zeiten überdauernden Apotheose erhebt.

    ANGELA STIEF


    Einhundert Portraits bedeutender Künstlerinnen aus ein­hundert Jahren Festspielgeschichte werden von Martina Stock in der Salzburger Kollegienkirche lebensgroß präsen­tiert.

    Warum in einer Kirche, möchte frau/man fragen? Handelt es sich um einen Gottesdienst? Vielleicht, denn wenn frau/man durch die paarweise scheinbar zufällig im Raum posi­tionierten Bilder geht, wird Energie spürbar wie vor Beginn einer Vorstellung oder einer Wallfahrt. Hundert Frauen aus hundert Jahren versammelt in Salzburgs Frauenkirche im Hier und Jetzt – mitten unter ihnen Maria, dargestellt im Hochaltar, als ihre Pa­tronin.

    Die Bilder Martina Stocks leuchten in den Farben des Regenbogens und die realen Fotos der Frauen treten zurück. Erfüllte, begeisterungsfähige Menschen leuchten von Innen, wie Heilige. Dieses Leuchten hat die Künstlerin für uns alle sichtbar gemacht. Die Kollegienkirche in ihrem glitzernden, göttlichen Weiß spendet die dafür unerlässliche Leinwand.

    Die Kollegienkirche ist Salzburgs Kunstkirche. Fischer von Erlach schuf mit seiner Architektur einen der bedeutendsten Sakralbauten des Barock. Mit der Urauffüh­rung des Salzburger Großen Welttheaters von Hugo von Hofmannsthal war sie erster Aufführungsort der Festspiele für das Schauspiel. Heute pflegt die Universitäts­pfarre den regen Austausch mit vielfach jungen Künstler*innen. Ein gelungenes Beispiel ist der Dialog mit Martina Stock.

    Die Prozession der Frauen aus 100 Jahren fügt sich ein in das Konzept dieser Kir­che, in der der Architekt das „Himmlische Jerusalem“ darstellen wollte. Dort spie­len nicht Geschlecht oder Herkunft eine Rolle, sondern es zählt allein die Leiden­schaft von Menschen, die nach Wahrhaftigkeit streben.

    CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING


    © Atelier Stock

    MARTINA STOCK

    Studium der Geografie sowie Studien am Mozarteum Salzburg mit einem Erasmusaufenthalt in Krakau und an der Universität der Künste Berlin. Harfenistin und bildende Künstlerin im Bereich der Serigrafie. Tätigkeiten als Dozentin. Internationale und nationale Konzerte als Solo-Harfenistin mit selbst komponiertem Repertoire sowie Ausstellungen ihrer Werke. 2021 Konzeption und Umsetzung der audiovisuellen Installation 100 FEMALE VOICES in der Kollegienkirche in Salzburg. 2024 Veröffentlichung ihrer CD TinaMarti electroacoustic Harp.

    © Sandro Zanzinger

    ANGELA STIEF

    Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kulturpublizistin. 2002-13 Kuratorin an der Kunsthalle Wien. 2020 Gastprofessur für Kuratorische Praxis an der Universität Linz. Seit 2020 Chefkuratorin für die Kunst der Gegenwart in der Albertina. Zahlreiche Beiträge über Gegenwartskunst in Monografien, Katalogen und Magazinen. Kuratierte Ausstellungen wie z.B. POWER UP – Female Pop Art (2010), The 80s. Die Kunst der 80er Jahre (2021), Ways of Freedom. Jackson Pollock bis Maria Lassnig (2022), Katharina Grosse. Warum Drei Töne Kein Dreieck Bilden (2024), The Beauty of Diversity (2024).

    CHRISTIAN WALLISCH-BREITSCHING

    Studium der Theologie in Salzburg. Leiter der Kollegienkirche in Salzburg, sowie Leiter der dortigen Hochschulseelsorge und Verwaltungsdirektor. 2003-13 Verantwortlicher für die Renovierung des Innenraums sowie der Fassade der Kollegienkirche. Leiter von Führungen durch die Kollegienkirche sowie Befürworter und Unterstützer von künstlerischen Ausstellungen im Kirchengebäude, darunter 100 FEMALE VOICES (2021) und Innere Landschaft (2024).

  • Frauen als Urheberinnen – Uraufführungen und Schwerpunkte bei den Salzburger Festspielen

    Frauen als Urheberinnen – Uraufführungen und Schwerpunkte bei den Salzburger Festspielen

    Uraufführungen von Werken von Frauen bei den Salzburger Festspielen

    Zur Eingrenzung des Begriffs „Uraufführung“

    Eine Uraufführung ist die „erste Aufführung eines neuen Werkes“1. Doch was gilt als neues Werk? Während die Salzburger Festspiele in ihren Aufzeichnungen großzügig auch Aufführungen neuer Fassungen von alten Werken als Urauffüh­rungen ausweisen, werden derartige Aufführungen in diesem Beitrag nicht als Uraufführungen gewertet. Die diesem Beitrag zugrundeliegende Aufstellung, aus dem im Folgenden Zahlen genannt werden, ist grundsätzlich nach einem engeren Verständnis von „Uraufführung“ konzipiert: Werke, bei denen ein großer Teil, z.B. die Komposition, neu ist, sind enthalten. Falls nur das Libretto neu ist, ist das nicht ausreichend für eine Einstufung als Uraufführung. Wenn mehrere Musikstücke im Rahmen desselben Konzerts uraufgeführt wurden, dann wird jedes der Stücke einzeln als Uraufführung eingestuft.

    Zur Quellenlage

    Ich beziehe mich als Quelle auf das alte Online-Archiv der Salzburger Festspie­le, wobei ich hier bei der Recherche den Filter „Uraufführungen“ nicht aktivierte, denn dieser lässt manche Einträge aus, wie etwa L’Amour de loin und er nicht als er (zu, mit Robert Walser) – dabei sind gerade diese Beispiele besonders wichtige Uraufführungen von Frauen.2 Aus diesem Grund wurde für diesen Beitrag jeder einzelne Eintrag des Online-Archivs auf eine Nennung des Begriffs „Urauffüh­rung“ hin untersucht. Da das Online-Archiv nur Einträge bis 2018 liefert, wurden für die folgenden Jahre die benut­zerunfreundliche neue Online-Seite der Salzburger Fest­spiele und die online verfügbaren Programmbücher der Jahre 2021-23 als Quellen benutzt.3 Sowohl das alte als auch das neue Online-Archiv sind unvollständig. Ich beziehe mich trotzdem darauf, da diese Online-Quellen die offizi­ellen Quellen des Archivs der Salzburger Festspiele sind. Der letzte mögliche Kontrollschritt wäre der langwierige Einblick in die gedruckten Programmhefte aller Veranstaltungen. Es wäre aber die Aufgabe der Bereitsteller*innen der Archiv-Seite, ihre Einträge mit jenen in den gedruckten Programmen abzugleichen und demnach zu vervollständigen.

    Wären die schwerer zugänglichen Programmhefte das zugrunde liegende Quel­lenmaterial, so wäre ein ebenso fragwürdiger Datensatz das Resultat, da Ausfälle und Änderungen nach dem Druck dieser Programme nicht ausgewiesen sind. Da­gegen hat das Online-Archiv den Vorteil, dass es Ausfälle und Änderungen von geplanten Veranstaltungen zumindest teilweise beinhaltet. Um eine Aufstellung möglichst vollständig zu machen, benötigt man bei der derzeitigen Situation des Online-Archivs also beides: Online-Daten und Programmhefte.

    Da das Online-Archiv im Großen und Ganzen umfassend ist, präsentiere ich die folgenden Ergebnisse nicht mit einer Garantie auf Vollständigkeit, aber in der Überzeugung, dass sie ausreichend sind, um aussagekräftig zu sein. Zugleich ist die Unvollständigkeit des Online-Archivs der Salzburger Festspiele kritisch zu be­werten, eine Überarbeitung ist dringend nötig.

    Auswertung der Daten

    In den Jahren 1920-2023 gab es bei den Salzburger Festspielen 256 Uraufführun­gen. Davon waren 229 Werke von Männern, 18 Werke von Frauen und neun Wer­ke von Teams, die sich aus mindestens einem Mann und mindestens einer Frau zusammensetzen. Somit waren bis dahin 89,5 % der Uraufführungen Werke von Männern, 7 % waren Werke von Frauen und 3,5 % waren Werke von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren.

    Die erste Uraufführung eines Werks einer Frau fand im Jahr 1996 statt. Bei der Be­trachtung des Zeitraums, in dem es Uraufführungen von Werken von Frauen gab, 1996-2023, ergibt sich folgendes Bild: Es gab in diesem Zeitraum 145 Uraufführun­gen, davon waren 119 (82,1 %) von Werken von Männern, 18 (12,4 %) von Werken von Frauen und acht (5,5 %) von Werken von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren. Abgesehen von einer Mitarbeit bei einem Libretto 1966 hatten Frauen auch in der Zusammenarbeit mit Männern in einem Verfasser*innen-Team vor 1996 keine Uraufführungen bei den Salzburger Festspielen.

    Das prozentuale Verhältnis der Uraufführungen von Werken von Frauen zu den Uraufführungen von Werken von Männern wird in abgebildeten Diagrammen veranschaulicht.

    Die genannten Zahlen zeigen, dass Frauen bei der Vergabe des Privilegs einer Ur­aufführung bei den Salzburger Festspielen bisher stark benachteiligt waren. War­um war das so?

    Die Ursache ist der patriarchale, konservative Rahmen, in dem die Salzburger Fest­spiele gegründet wurden. Dieser Rahmen konnte sich über die Jahrzehnte hinweg als Tradition etablieren und stabil halten. Progressivere Ansichten konnten bisher nur wenig Eingang in die Salzburger Festspiele finden, sodass der Weg zu mehr Beteiligung von Frauen bei Uraufführungen bisher sehr langsam begangen wurde. Es war bis 2023 ein Weg, auf dem man immer nur ein, zwei Schritte vorwärts ge­hen konnte und dann vor einer roten Ampel warten musste, bis es wieder grünes Licht für Frauen gab. Diese Entwicklung wird durch ein weiteres Diagramm ver­anschaulicht.

    Im direkten Vergleich der Jahre ist ersichtlich: 2023 waren die Salzburger Festspiele mit ihren Uraufführungen wieder da, wo sie bereits 1996 waren. In der Darstellung ist auch augenfällig, dass die Salzburger Festspiele im Zeitraum 1996-2023 kein kontinuierlich gleichbleibendes Verständnis von der Bedeutung von Urauf­führungen hatten, sondern es Phasen gab, in denen Uraufführungen als unwichtig vernachlässigt wurden, und Phasen, in denen mehr Uraufführungen ins Programm aufgenommen und auch durch Auftragsvergaben gefördert wurden. So verhielt es sich bereits in früheren Zeiträumen. In den 1950er Jahren wurden elf Werke bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, in den 1960er Jahren gab es insgesamt nur fünf Uraufführungen, und in den 1970er Jahren fanden 20 Uraufführungen statt.

    Die Intendanten der Salzburger Festspiele waren bis jetzt ausschließlich Männer. Natürlich müssten Männer nicht unbedingt Männer bevorzugen, die Daten und Fakten zeichnen aber genau dieses Bild. Die Intendanten vor Gerard Mortier ließen keine Uraufführung eines Werks einer Frau zu. Mortier begann 1991 als Intendant. 1996 wurde unter seiner Leitung zum ersten Mal ein Werk einer Frau bei den Salz­burger Festspielen uraufgeführt.

    Welchen Anteil hatten die Uraufführungen von Frauen in den Intendanzen seit Mortier? Das zeigt der prozentuale Vergleich der Uraufführungen von Frauen un­ter den verschiedenen Intendanten: Mortier (1991-2001): 6,1 % (49 UA, drei von Frauen); Ruzicka (2002-06): 16,7 % (42 UA, sieben von Frauen); Flimm (2007-10): 0 % (12 UA, keine von Frauen); Pereira (2012-14): 11,8 % (34 UA, vier von Frauen) und Hinterhäuser (2011, 2017-23): 15,8 % (19 UA, drei von Frauen). Das Diagramm stellt das auch bildlich dar.

    Bei dieser Auflistung sticht Jürgen Flimm als ein weiterer Intendant, der keine Ur­aufführung von Werken von Frauen ermöglichte, hervor. Die Frage drängt sich auf: Wurden Frauen damals auch in anderen Bereichen der Salzburger Festspiele wieder zurückgedrängt?

    Positiv erscheint in diesem Vergleich hingegen Peter Ruzicka, unter dessen Lei­tung Uraufführungen von Frauen einen höheren Anteil hatten als je zuvor und danach. Allerdings gab es in den ersten drei Jahren seiner Intendanz (2002-04) auch eine Phase mit keiner Uraufführung eines Werks einer Frau.

    Der aktuelle Intendant Markus Hinterhäuser hat den zweithöchsten Anteil der Uraufführungen von Werken von Frauen und den höchsten Anteil von Werken, die in der Kooperation mindestens eines Mannes und mindestens einer Frau ge­schaffen wurden, sodass die insgesamte Beteiligung von Frauen als (Mit-)Verfas­serinnen an Uraufführungen in seiner Ära bis 2023 am höchsten und der Anteil der Uraufführungen rein von Männern am niedrigsten war. Niedriger als je zuvor, machte der Anteil der Uraufführungen rein von Männern aber immer noch mehr als zwei Drittel aus.

    Auch den Orten, an denen die Uraufführungen stattfanden, kommt Bedeutung zu. Fünf der 18 Uraufführungen von Frauen – das sind 27,8 % – fanden auf den großen Bühnen mit über 1.000 Plätzen, also im Großen Festspielhaus oder in der Felsenreitschule, statt. Im Zeitraum 1996-2023 gab es auf diesen großen Bühnen 22 Uraufführungen von Werken von Männern, diese machten allerdings nur 18,5 % aller Uraufführungen von Werken von männlichen Verfassern in diesem Zeitraum aus. Die kleineren Bühnen wurden häufiger bespielt. Anhand dieser Daten kann der Verdacht, dass Frauen auch bei der Ortszuweisung für ihre Uraufführungen benachteiligt würden, für den Beobachtungszeitraum widerlegt werden. Aber tat­sächlich gilt dieser Gegenbeweis nur bis zum Jahr 2006, denn seither gab es keine Uraufführung vom Werk einer Frau auf einer großen Bühne.

    Ein weiterer Verdacht war, dass uraufgeführte Werke von Frauen häufiger Werke für Kinder waren. Allerdings gab es bisher nur eine Uraufführung für Kinder rein von Frauen. Insgesamt gab es erst sechs Uraufführungen von Werken für Kinder, diese Schiene ist noch nicht lange im Programm der Salzburger Festspiele. Hinter zwei dieser sechs Uraufführungen steht ein Team mit mindestens einem Mann und mindestens einer Frau, das sind aber noch zu wenige Daten, um ein Muster zu erkennen.

    Innerhalb der Sparten der Salzburger Festspiele verteilten sich die Uraufführungen von Frauen folgendermaßen: acht Konzerte, drei Opern und sieben Theaterstücke. Die folgenden Anteile hatten die Uraufführungen von Frauen jeweils in den Spar­ten im Vergleich zu den Uraufführungen rein von Männern und mit männlicher Beteiligung im Beobachtungszeitraum 1996-2023: 8,7 % bei Konzerten, 21,4 % bei Opern und 17,9 % bei Schauspielen. Folgende Anteile haben die drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Frauen: 44,4 % Konzerte, 16,7 % Opern und 38,9 % Theaterstücke. Zum Vergleich die Anteile der drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Männern: 68,9 % Konzerte, 7,6 % Opern und 23,5 % Theaterstücke. Diese Daten zeigen, dass der Rückstand von Frauen als Verfasserin­nen von Uraufführungen im Vergleich zu Männern als Verfassern im Bereich der Konzerte am größten ist.

    Im Zeitraum seit 1996 gab es unter den 145 Uraufführungen 65 Auftragswerke der Salzburger Festspiele, davon waren 54 (83,1 %) von Männern, acht (12,3 %) von Frauen und drei (4,6 %) von einem Team aus Vertreter*innen beider Geschlechter. Diese prozentuale Aufteilung ist beinahe identisch mit jener von allen Urauffüh­rungen im Beobachtungszeitraum. Die Abweichung ist aber nicht so gering, weil der Anteil der Auftragswerke fast die Gesamtheit der Uraufführungen umfasst, denn er macht mit 44,8 % weniger als die Hälfte aus. Stattdessen ist die geringe Abweichung wohl darauf zurückzuführen, dass bei der Vergabe von Aufträgen dieselben Verantwortlichen wie beim Einbezug von Uraufführungen allgemein zuständig waren und bevorzugt männliche Verfasser wählten.

    Die Daten beweisen: Bei den Entscheidungsträger*innen ist die Annahme, dass Männer die besseren Kunstschaffenden wären, nicht nur im 20. Jahrhundert, son­dern auch im 21. Jahrhundert verankert.

    Ein Überblick über alle Uraufführungen rein von Frauen verfasster Werke bis 2023

    In der folgenden Tabelle ist in der Spalte „Sparte“ angegeben, in welcher der drei Sparten, in die die Salzburger Festspiele ihre Veranstaltungen einteilen, eine Auf­führung angesiedelt war. Dabei steht aus Platzgründen K für Konzert, O für Oper und S für Schauspiel. Wenn ein Werk ein Teil einer größeren Veranstaltung war, wird der Titel der Gesamtveranstaltung in der fünften Spalte genannt. Wenn das Werk allein die Veranstaltung ausmacht, stehen in der fünften Spalte nur weitere Angaben.

    JahrName der VerfasserinTitel des WerksSpartebei V: Teil d. Veranstaltung
    bei A: Untertitel, Angaben
    1996Kaija SaariahoChateau de lʼameKV: Kaija Saariaho 1 (Next Generation)
    1998Elfriede Jeli­neker nicht als er (zu, mit Robert Walser)SA: Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    2000Kaija SaariahoLʼAmour de loinOA: Oper in fünf Akten, Libretto: Amin Maalouf, Gem. Auftragswerk u. Koproduktion: Théatre du Chatelet, Paris u. The Santa Fe Opera
    2005Chaya Czerno­winIII. Water of Dissent (Fragment)KV: Heftige Landschaften (Passagen 7)
    2005Liza Limsongs found in dream für EnsembleKV: Songs found in Dream (Passagen 6)
    2006Adriana HölszkyDämonen für Chor und OrchesterKV: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
    2006Olga Neuwirth…miramondo multiplo… für Trompete und OrchesterKV: Pierre Boulez
    2006Chaya Czerno­winAdamaOV: Wolfgang A. Mozart, Chaya Czernowin – Zaide – Adama A: Reaktion auf Zaide, Auftragswerk, Koproduktion: Theater Basel
    2006Meg StuartItʼs not funny!SA: Meg Stuart = „Damaged Goods“
    2006Barbara WeberViktor! Happiness is a warm gunSA: nach Motiven von Roger Vitrac, (Young Directors Project II), Zusammenarbeit: Theater Freiburg und HAU Berlin (Hebbel am Ufer)
    2012Princess Zinzi MhlongoTrappedSA: Young Directors Project, Tick Tock Productions/Südafrika
    2013Nina Šenkzu „Gurken“ von Erwin WurmKV: Salzburg contemporary – Scha­roun Ensemble
    2013Olga Neuwirthzu „Ziffern im Wald“ von Mario MerzKV: Salzburg contemporary – Scha­roun Ensemble
    2014Suzanne AndradeGolemSA: Nach Motiven von Gustav Meyrink, Koproduktion: 1927, Young Vic / London und Théâtre de la Ville / Paris
    2015Olga NeuwirthEleanor Suite für Bluessängerin, Schlagzeug und EnsembleKV: Salzburg contemporary – Boulez – Klangforum Wien II
    2019Theresia WalserDie EmpörtenSA: Eine finstere Komödie, Koproduktion: Schauspiel Stuttgart
    2021Elisabeth Naske, Ela Bau­mannVom Stern, der nicht leuchten konnteOA: Oper für Kinder
    2023Mareike FallwicklDie Wut, die bleibtSA: Koproduktion: Schauspiel Hannover

    Bei vielen der Werke, die aus einer Kooperation von mindestens einem Mann und mindestens einer Frau entstanden sind, war der Beitrag der Frau lediglich der Text, während die Musik von einem Mann stammte. Es gibt hier zwei nennenswerte Theaterarbeiten:

    2020: Everywoman. Von: Milo Rau, Ursina Lardi. Ausgehend vom Jedermann. Ko­produktion: Schaubühne Berlin.

    2022: Reigen. Von: Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leïla Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Kata Wéber, Lukas Bärfuss, Hengameh Yaghoo­bifarah, Jonas H. Khemiri. Nach Arthur Schnitzler. Koproduktion: Schauspielhaus Zürich.

    Die Verfasserinnen von bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Werken

    Zu Elfriede Jelineks Präsenz bei den Salzburger Festspielen gibt es einen eigenen Beitrag, daher findet sie hier nur kurze Erwähnung.

    Olga Neuwirth, von der drei Werke uraufgeführt wurden, war in den Jahren 1995-2015 in elf Konzerten mit ihren Kompositionen vertreten. 1998 hatte sie einen Bei­nahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Porträtkonzerten, also im selben Jahr des Schwerpunkts zu Elfriede Jelinek.

    Von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho wurden in den Jahren 1996-2017 in sieben Veranstaltungen der Salzburger Festspiele Werke aufgeführt. Sie hatte 1996 ebenfalls einen Beinahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Konzerten, beim ersten davon fand die Uraufführung von Chateau de lame statt. Von Chaya Czernowin wurden von 2005-13 fünf Werke bei Veranstaltungen der Salzburger Festspiele aufgeführt. Von Saariaho und Czernowin gab es jeweils zwei Urauffüh­rungen bei den Salzburger Festspiele.

    MAREIKE FALLWICKL war mit einem Werk, Die Wut, die bleibt, bei den Salzburger Fest­spielen vertreten. Im Kontext ihrer Uraufführung führte sie das feministische The­ma ihres Stücks aus, etwa beim TerrassenTalk der Salzburger Festspiele4 oder in einem Interview mit dem Standard, in dem sie Folgendes sagte: „Es freut mich, dass es ein Stoff wie meiner zu den Festspielen schafft. Ich bin die einzige Autorin im Schauspielprogramm, und ich lebe sogar noch. Mein Stück könnte eine Handgra­nate sein, die wir zünden, um Strukturen von innen aufzubrechen.“5

    Schwerpunkte zu Frauen

    Ein Überblick

    Bei einer Definition von „Schwerpunkt“ als einer auch als solcher ausgewiesenen Reihe von mindestens drei Veranstaltungen innerhalb eines Jahres sind bei den Salzburger Festspielen bis 2023 nur drei Schwerpunkte zu je einer Frau als Kom­ponistin oder Autorin zu finden. Die Schwerpunkte zu Männern im Vergleich konnten bislang noch nicht erfasst werden, doch bereits beim Überfliegen des Pro­gramms ist zu erkennen, dass viel mehr Schwerpunkte zu Männern stattfanden und darunter auch viele größere waren. Der mit Abstand umfassendste Schwer­punkt zu einer Frau – und der einzige große – war jener zu Elfriede Jelinek, der in den folgenden Beiträgen erörtert wird.

    Einzelveranstaltungen sind noch kein Schwerpunkt, doch es gab in den letzten Jahren immerhin einige Randveranstaltungen mit feministischen Themen, die als honourable mentions genannt werden:

    -2022: Kapital.Geschlecht. Dieses Symposium wurde vom Interuniversitären For­schungsverbund Elfriede Jelinek initiiert und hat in Kooperationen mit den Salzburger Festspielen und dem Literaturarchiv Salzburg stattgefunden.

    – 2023: Recherche 2 Frauen Literatur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

    – 2023: Lesung von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht

    Auch eine Erwähnung wert ist ein kleiner Schwerpunkt zu einer Pianistin, der aus dem Programm hervorsticht: MITSUKO UCHIDA 1-3 im Jahr 1995. In den Jahren 1989-2023 hat Mitsuko Uchida den Online-Archiven zufolge in 21 Konzerten der Salzburger Festspiele gespielt und wurde auch im Titel von elf dieser Konzerte genannt.

    Eine verpasste Chance für einen Schwerpunkt soll an dieser Stelle auch angeführt werden: 2005-06 war Chaya Czernowin „Composer in Residence“ der Salzburger Festspiele.6 Werke von ihr wurden im Jahr 2005 bei drei Konzerten gespielt, von denen eines ein Porträtkonzert war. Hier hätten die Salzburger Festspiele in ih­rem Programm für 2005 nur mehr einen Zusammenhang über die Komponistin ausweisen brauchen, und es wäre bereits genug für einen ausbaufähigen Schwer­punkt gewesen. Stattdessen haben sie das nicht gemacht und auch nirgends auf der Homepage oder im gedruckten Programm von 2005 vermerkt, dass Czernowin in diesem Jahr „Composer in Residence“ war.

    Christa Wolf 2003 – Die vergessene Dichterin zu Gast

    Christa Wolf war im Jahr 2003 als Dichterin zu Gast in der Reihe Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen. Das wird im 2003-Eintrag der Timeline der Salzburger Festspiele erwähnt, und im alten Online-Archiv existiert ein Eintrag, der nur aus der Überschrift Dichter zu Gast CHRISTA WOLF besteht.7 Auf der Homepage der Salzburger Festspiele finden sich keine weiteren Angaben zu diesem Schwerpunkt. Die Informationen zu den Programmpunkten sollten eigentlich im Online-Archiv zu finden sein. Ihr Fehlen dort bis ins Jahr 2024 ist ein Versäumnis. Nur im ge­druckten Programmheft zum Schwerpunkt sind die Angaben dazu noch zu fin­den, aber dafür muss man ein solches Programmheft erst einmal auftreiben.8

    Der Schwerpunkt gliederte sich in die folgenden drei Programmpunkte, die alle im Salzburger Landestheater stattfanden:

    – Sonntag, 17.8.2003, 11 Uhr: Christa Wolf liest Christa Wolf: Leibhaftig

    – Montag, 18.8.2003, 19.30 Uhr: „Hero(i)sches Testament“. Texte von Inge Mül­ler, Brigitte Reimann, Maxie Wanderer und Irmtraud Morgner ausgewählt von Christa Wolf

    Jutta Hoffmann liest aus: Inge Müller, Daß ich nicht ersticke am Leisesein. Maxie Wanderer, Leben wär‘ eine prima Alternative und Guten Morgen, du Schöne. Jo­hanna Schall liest aus: Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand. Irmtraud Morg­ner, Das heroische Testament

    – Mittwoch, 20.8.2003, 22 Uhr: Performance nach Medea. Stimmen von Christa Wolf. Text – Musik – Malerei. Livepainting am Overheadprojektor. Mit Christa Wolf, Helge Leiberg (Overheadprojektion, Live-Painting), Lothar Fiedler (Gi­tarre, Live-Elektronik, Tapes) und Heiner Reinhardt (Bassklarinette, Sopran­saxophon)

    Mit dem Programmheft zum Schwerpunkt haben dessen Gestalterinnen um die Redakteurin Ulli Stepan – ein rein weibliches Team – eine bemerkenswerte Publi­kation geschaffen, die weit mehr als die Basisinformationen zu den Veranstaltun­gen beinhaltet. Es umfasst 40 Seiten zu Christa Wolf und ihrem Programm (und acht Seiten Werbung) und inkludiert viele Zitate aus Werken der Autorin sowie je einen Ausschnitt aus den Werken der von ihr für ihre Favoritenlesung ausgewähl­ten Autorinnen. Außerdem gibt es darin Texte von Christa Wolf: den Essay Asso­ziationen in Blau, den kurzen Text Verletzt. im Kontext der Lesung ihres Romans Leibhaftig, den Begleittext Hero(i)sches Testament zur gleichnamigen Veranstaltung sowie im Kontext der Performance nach dem Roman Medea. Stimmen die Begleit­texte Medea. Stimmen und Von Kassandra zu Medea. Die Autorin hat damit einen großen Teil zu diesem Programmheft beigetragen. Neben den Texten Wolfs und der anderen gelesenen Autorinnen beinhaltet es noch Biografien und Bilder zu al­len am Schwerpunkt beteiligten Künstler*innen, eine Rezension zu Leibhaftig von Therese Hörnigk und den Klappentext dieses Romans sowie eine alte Laudatio für Wolf von Günter Grass.

    Im Begleittext zu der Lesung der von ihr gewählten Texte anderer Autorinnen schrieb Christa Wolf: „Ich habe Texte von diesen vier Kolleginnen ausgewählt, weil sie es verdienen, im Gedächtnis bewahrt zu werden und weil ich der Gefahr entgegenarbeiten möchte, daß auch sie und ihr Werk, wie so vieles, in den Strudel des Vergessens gerissen wird.“9 Die Autorin warnte hier vor dem Vergessen als einer Gefahr, der sie dann selbst zum Opfer fiel. Ihr Anspruch, dagegen zu wirken, wurde zwar abgedruckt, aber von den Verantwortlichen für die Archivierung bei den Salzburger Festspielen nicht respektiert, da die Veranstaltungen des Schwer­punkts bisher nicht in das große Gedächtnis, als das das Online-Archiv fungiert, aufgenommen wurden, sodass das Zitat von Wolf im Jahr 2024 eine traurige Ironie darstellt.

    Galina Ustwolskaja 2018 – „Zeit mit Ustwolskaja“

    Der Schwerpunkt gliederte sich in fünf Konzerte, bei denen insgesamt 16 Kompo­sitionen von Galina Ustwolskaja gespielt wurden.

    Am 21.7. um 21.30 Uhr in der Kollegienkirche wurde die Symphonie Nr. 5 „Amen“ für Sprecher, Oboe, Trompete, Tuba, Violine und Holzwürfel aufgeführt.

    Am 22.7. um 18 Uhr wurden zwei Stücke von Ustwolskaja gespielt: Sonate für Violi­ne und Klavier und Duett für Violine und Klavier. Im Anschluss fand im Großen Saal um 22 Uhr die Veranstaltung Klaviersonaten – Hinterhäuser statt, bei der Markus Hinterhäuser die Sonaten für Klavier Nr. 1-6 spielte.

    Am 23.7. um 20.30 Uhr wurden in der Kollegienkirche drei Kompositionen von Ustwolskaja aufgeführt: Komposition 1 „Dona nobis pacem“ für Piccoloflöte, Tuba und Klavier, Komposition 2 „Dies irae“ für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier und Komposition 3 „Benedictus, qui venit“ für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier.

    Am 24.7. um 18 Uhr wurden die folgenden vier Stücke gespielt: Trio für Klarinette, Violine und Klavier, Symphonie Nr. 2 „Wahre, ewige Seligkeit” für Orchester und Solo­stimme, Oktett für zwei Oboen, vier Violinen, Pauken und Klavier und Symphonie Nr. 3 „Jesus Messias, errette uns!“ für Sprechgesang und Orchester.

    Bei drei von den fünf Konzerten wurden auch Stücke von anderen Komponist*innen gespielt. Die zweite Veranstaltung am 22.7.2023 und die Veranstaltung am 24.7. wurden von Ustwolskaja alleine bespielt.

    Im alten Online-Archiv der Salzburger Festspiele gibt es eine Suchmaske, über die man Einträge mit den Namen von Personen suchen kann. Dem Suchergebnis zufolge wurden Stücke von Galina Ustwolskaja bereits vorher bei sieben Veran­staltungen der Salzburger Festspiele gespielt, zum ersten Mal 1995. Kompositio­nen von ihr, die bei diesen Konzerten aufgeführt wurden, wurden im Rahmen des Schwerpunkts wiedereingesetzt. Dabei handelt es sich um die Musikstücke, die am 21.7., 22.7. und 23.7. gespielt wurden. Es wurde also wiederholt, was sich bereits bewährt hatte.

    Nach dem Schwerpunkt gab es 2021 noch eine Aufführung von ihr. Beim Blick auf alle Aufführungen von Werken der russischen Komponistin bei den Salzburger Festspielen ist eine Verbindung zu Markus Hinterhäuser, der (nicht nur) 2018 der Intendant war, erkennbar: Er war als Pianist bei vier der früheren Veranstaltun­gen – zwei davon nach ihm benannt – dabei und spielte auch bei Konzerten des Schwerpunkts.

    Die fünf Veranstaltungen des Schwerpunkts sind alle im Online-Archiv eingetra­gen. Auch der Zusammenhang als „Zeit mit Ustwolskaja“ ist dort ersichtlich, al­lerdings erst als Zusatznotiz unten auf der Seite, und eine Verlinkung durch den Schwerpunkt ist nicht gegeben. Im gedruckten Programm ist der Schwerpunkt besser ausgewiesen.10

    Schlussworte

    Das war es auch schon mit Uraufführungen von Werken von Frauen und den Schwerpunkten zu Frauen in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Salz­burger Festspiele bis 2023. Es gibt also einen großen Aufholbedarf. Ein komplettes, übersichtliches und zuverlässig filterbares Online-Archiv ist ebenso wünschens­wert.


    Reihe „Dichter*in zu Gast“ 1998-2010

    JAHR DICHTER*IN

    1998 Elfriede Jelinek

    1999 Hans Magnus Enzensberger

    2000 Christoph Ransmayr

    2001 Imre Kertész, Péter Nádas, Péter Esterházy

    2002 Robert Gernhardt

    2003 Christa Wolf

    2004 Tankred Dorst

    2005 António Lobo Antunes, John M. Coetzee, Elfriede Jelinek

    2007 Jeffrey Eugenides, Richard Ford

    2008 Dimitré Dinev, Orhan Pamuk

    2009 Daniel Kehlmann

    2010 Claudio Magris


    Anmerkungen

    1. N. N.: Uraufführung, die. https://www.dwds.de/wb/Urauff%C3%BChrung (14.01.2024); N. N.: Uraufführung, die. https://www.duden.de/rechtschreibung/Urauffuehrung (14.01.2024). ↩︎
    2. Vgl.: SALZBURGER FESTSPIELE ARCHIV. https://archive.salzburgerfestspiele.at/archiv (29.03.2024). ↩︎
    3. Vgl.: Homepage der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/programm (29.03.2024); Programm der Salzburger Festspiele 2021; Programm der Salzburger Festspiele 2022; Programm der Salzburger Festspiele 2023. ↩︎
    4. Vgl.: Pressetext zum TerrassenTalk „Die Wut, die bleibt“. „Veränderungen können auch im Kleinen beginnen.“ https://www.salzburgerfestspiele.at/cms/wp-content/uploads/2023/07/pressetext-tt-wut.pdf (11.4.2024). ↩︎
    5. Tasi, Gyöngyi: Autorin Mareike Fallwickl: „Mein Stück könnte eine Handgranate sein“. https://www.derstandard.at/story/3000000181773/mein-st252ck-k246nnte-eine-handgranate-sein, datiert mit 5.8.2023 (9.4.2024). ↩︎
    6. Vgl. N. N.: CHAYA CZERNOWIN. https://www.schott-music.com/de/person/index/index/urlkey/chaya-czernowin (4.4.2024). ↩︎
    7. Vgl.: 26. Juli bis 31. August. https://www.salzburgerfestspiele.at/geschichte/26-juli-bis-31-august (3.4.2024); Dichter zu Gast CHRISTA WOLF; https://archive.salzburgerfestspiele.at/archive_detail/programid/457/id/0/j/2003 (3.4.2024). ↩︎
    8. Vgl.: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
    9. Wolf, Christa: Hero(i)sches Testament. In: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
    10. Vgl.: Programm der Salzburger Festspiele 2018. ↩︎

    DORIS PRACHINGER

    Studium der Deutschen Philologie und der Austrian Studies an der Universität Wien. Im
    Wintersemester 2023 Teilnahme an Pia Jankes Konservatorium NdL: Jedermann – keine Frau? Frauen bei den Salzburger Festspielen. 2023 Praktikum beim Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sowie 2023-24 bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. 2023 Volontariat und 2024-25 Mitarbeit am Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek.

  • Die abwesende Präsenz von Frauen

    Die abwesende Präsenz von Frauen

    Eine persönliche Vorbemerkung

    Die Idee, als Frau selbstbestimmt zu leben, war zu Beginn der 1990er Jahre noch nicht weitreichend etabliert. Ich empfinde mich als Angehörige einer Generation, in der es Frauen zum ersten Mal tatsächlich möglich war, sich frei und unbeein­flusst für einen Beruf, einen Lebensweg und ein Partnerschafts- oder Familienmo­dell zu entscheiden. Damals wie heute darf wohl gelten, dass sich die Unabhän­gigkeit von Frauen vor allem in ökonomischen Verhältnissen manifestiert, die es erlauben, freie Entscheidungen zu treffen oder eben nicht. Der große Irrtum an der Idee von der großen Freiheit bestand allerdings darin, dass wir vielfach der Vorstellung aufsaßen, „bessere“ Männer sein zu müssen – und zugleich größere Anstrengungen leisten mussten, nicht nur um beruflich zu reüssieren. Kam dann noch der Wunsch nach Partnerschaft oder gar Kindern auf, dann bedeutete das eine extreme Überforderung in allen Bereichen – beruflich, privat und familiär. Das Phänomen der erschöpften Frau bezeichnet nicht von ungefähr Frauen meiner Generation.

    Lydia Haider während ihrer Performance

    Frauen bekleiden seit längerer Zeit verantwortungsvolle Positionen bei den Salz­burger Festspielen. In die erste Führungsriege schaffen es aber nur wenige – und diese kommen auch nicht aus den internen Abteilungen, sondern werden extern von politischen Gremien, wie die Präsidentin, oder vom Direktorium eingesetzt, so etwa die Schauspielleitung.

    Assistenzstellen der Intendanz, des Präsidiums und allgemein des Direktoriums waren in den vergangenen Jahrzehnten traditionellerweise mit Frauen besetzt. Mit einer großen Ausnahme: Während der Intendanz von Gerard Mortier bekleideten Männer die Stelle des Referenten des Intendanten. Interessanterweise wurden aus allen ehemaligen Referenten hoch angesehene Intendanten im weltweiten Theater- und Opernbetrieb. Es ist mir allerdings kein Beispiel einer Assistentin oder Referentin des Intendanten oder eines an­deren Direktoriumsmitglieds bekannt, die es auf einen In­tendantinnen- oder ähnlichen Posten geschafft hätte. Auch künstlerische Betriebsbüros, Pressebüro, Dramaturgie und zum Teil auch Verwaltungsbereiche sind seit mehr als zwei Jahrzehnten von Frauen geführt – klassische Frauenabtei­lungen, die wenig Außenwirkung, aber viel Hingabe be­deuten. Darin manifestiert sich für mich ein anachronisti­sches Phänomen: das der abwesenden Präsenz von Frauen.

    Perspektiven

    Diese Vorbemerkung sei mir erlaubt, um auf das grundsätzliche Thema „Abwe­senheit/Präsenz und der Stellenwert von Frauen in Programm und Programmatik der Salzburger Festspiele“ einzugehen. Als ich die Ankündigung der Lehrveran­staltung Jedermann – keine Frau? Frauen bei den Salzburger Festspielen von Pia Janke im Wintersemester 2023/24 an der Universität Wien gelesen habe, bin ich etwas erschrocken ob der Komplexität und des Umfangs des Themas und schrieb an Pia Janke folgende (gekürzte) Nachricht:

    Es stellen sich mir diesbezüglich viele Fragen, so etwa jene, wie die „Abwesenheit/Präsenz und der Stellenwert von Frauen in Programm und Programmatik der Salz­burger Festspiele“ analysiert werden können anhand von Archivdatenbankeinträgen, die als Literatur angeführt sind? Was spielen – im Gegenzug dazu – die konkreten Interpretationen von Werken für eine Rolle? Welche Opernproduktionen etwa wur­den für eine solche Analyse ausgewählt, besucht oder wenigstens auf Datenträgern rezipiert – in den kürzlich vergangenen Saisonen oder auch schon früher? Wer von den Teilnehmenden hat etwa die Salome-Aufführung von Romeo Castellucci erlebt (an der die Dramaturgin Piersandra Di Matteo gewichtigen Anteil hatte) und jenen Moment, als sich ein übermächtiger Steinblock langsam auf den kauernden Körper von ASMIK GRIGORIAN zubewegt und ihn verschlingt? Oder wer hat Katie Mitchells Inszenierung von Nonos Al gran sole carico d’amore gesehen und gehört und die ein­same Verzweiflung der Frauen pochen gefühlt? Wer hat CECILIA BARTOLIS genderfluide Ariodante-Interpretation verfolgt und wer die Uraufführungen von Kaija Saariahos L’amour de loin oder Chaya Czernowins Zaide/Adama? Und wer hat die zugehörigen Programmhefte studiert? – Oder werden Programmatiken mit Marketing-orientier­ten Texten verwechselt? Welche Programmatiken werden überhaupt analysiert – und wer entscheidet, was eine Programmatik ist? Und wird darüber diskutiert, wer diese Texte verfasst hat, wie sie entstehen und an wen sie sich richten?

    Das waren bzw. sind nur einige von vielen Fragen, die mich in der Auseinander­setzung mit dem Thema bewegen und auch etwas ratlos zurücklassen, und zwar ob der Komplexität – und weil es immer auch um die Wahl einer Perspektive geht: Blicke ich auf die Versäumnisse, auf die „Lebenslügen“, vielleicht auch auf die Erfolge einer Unternehmung von außen in eine Institution hinein und lege folg­lich externe Parameter an? Oder ziehe ich auch interne Kriterien, Erfordernisse, Erkenntnisse in Betracht?

    Wie gehen Festspiele?

    Ein ähnliches Phänomen, das zumeist im Zusammenhang mit dem Bildungsbe­reich zu konstatieren ist, gilt auch für die Programmierung von Festspielen. Ei­gentlich wissen alle, wie Festspiele zu programmieren seien, wo die Versäumnisse liegen, wie man es besser macht – das mag mit Blick auf vielerlei Details stimmen;

    im Gesamten meine ich sagen zu können, dass das Programmieren von Festspielen – nachdem ich die Handschriften von viereinhalb Intendant*innen kennengelernt habe – eine ziemliche Herausforderung bedeutet und alles andere als ein einfaches Spielen mit Programmklötzchen bedeutet.

    Parameter wie Erwartungen von Publikum, Presse und Gesellschaften; Budgets und Einnahmen; Befindlichkeiten von Künstler*innen und Ensembles; gesetzliche Grundlagen wie Arbeitnehmer*innenschutz und Sicherheit (auf und in den Spiel­stätten); die Einbindung in einen (aktuellen) Kontext – das sind nur einige wenige Schlagworte, die es an dieser Stelle nicht weiter zu behandeln gilt. In der verkürz­ten Darstellung darf aber konstatiert werden: Die Einschränkungen überwältigen manchmal die Möglichkeiten; die Realität die Visionen. Und dann muss oftmals pragmatisch entschieden werden.

    Das waren nur einige wenige Stichworte und Fragen, die sich mir sogleich auf­drängten, als ich den Ankündigungstext im Vorlesungsverzeichnis las. Wer hat sich also überlegt und recherchiert, wie das Programmieren von Festspielen funk­tioniert, welche Parameter zu berücksichtigen sind, welche Absagen, Umprogram­mierungen und andere Verwicklungen auf der Tagesordnung stehen, bevor ein Programm fertig ist, eine Disposition steht, die 178 Aufführungen an 15 Spielstät­ten in sieben Wochen umfasst (plus Proben)?

    Und ja, natürlich ist festzuhalten: Die Salzburger Festspiele verstehen sich nicht als Avantgardefestival. Das ist bekannt. In der Tat wissen wir um das patriarchal-kon­servative Konstrukt der Gründung. Wir wissen auch, dass sich die Theater- und Operngeschichte jahrhundertelang um den (weißen) Mann drehte – was nicht zu begrüßen ist, aber ein Faktum darstellt. Diese Werke, diese Autoren und Kompo­nisten „spiel(t)en“ auch die „Hauptrolle“ bei den Festspielen – was naturgemäß nicht für heute und die Zukunft gelten muss oder darf.

    Aus vielen der Überlegungen heraus und der Tatsache, dass ich eine Festspiele­rin bin, empfinde ich eine unauflösbare Ambivalenz bei der Annäherung an das Thema: einerseits nicht einem Rechtfertigungsimpuls und damit einer Relativie­rungsrethorik anheim zu fallen und andererseits ein persönliches Commitment aufzukündigen.

    Mikrokosmos

    Eine Beobachtung, die sich in der Institutionengeschichte immer wieder machen lässt, ist auf den einfachen Nenner zu bringen: Im Mikrokosmos Festspiele spiegelt sich der Makrokosmos wider – sei das nun in Bezug auf die regionale, nationale oder globale Geschichte, die Theatergeschichte oder gesellschaftspolitische Ent­wicklungen. Das wird sich – so meine These – auch im Hinblick auf die Sichtbar­keit von Frauen bei den Salzburger Festspielen in den jeweils zu bestimmenden Epochen manifestieren.

    Deshalb nähern wir uns der Fragestellung vielleicht am besten anhand von Zeit­räumen und Epochen an, die einerseits mit dem Wirken bestimmter Intendanten zu bemessen sind und andererseits zumeist auch mit historischen Zäsuren zusam­menfallen.

    Es sind dies:

    – Die frühen Jahre der Salzburger Festspiele von der Gründung 1920 bis zum „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938

    – Die Zeit des Nationalsozialismus bis zur Abhaltung der ersten Nachkriegsfest­spiele 1945

    – Die sogenannte Ära Karajan von den 1950er Jahren bis zu seinem Tod im Som­mer 1989 – einem Wendepunkt kulturpolitischer, landespolitischer und welt­politischer Dimension

    – Die Intendanz von Gerard Mortier von 1992 bis 2001

    – Nach Mortier: Die Salzburger Festspiele von der Jahrtausendwende bis zur aktuellen Intendanz von Markus Hinterhäuser.

    Die zuletzt genannten Dekaden wären auch im Hinblick auf die langjährige Präsi­dentschaft von Helga Rabl-Stadler zu betrachten.

    Für keine der fünf erkannten Epochen gibt es eine wissenschaftlich fundierte Ana­lyse über die Präsenz bzw. Abwesenheit von Frauen bei den Salzburger Festspie­len, wobei zuvorderst für jede Epoche naturgemäß auch das jeweils zugrundelie­gende Frauenbild (Selbstbild, Fremdbild, projiziertes Bild etc.) analysiert werden muss.

    Ich versuche im Folgenden zu jeder der fünf Epochen eine Annahme zu formulie­ren, und zwar anhand einiger weniger Beispiele.

    I. Zwischenkriegszeit

    Wir haben schon festgestellt, dass die Gründung der Salzburger Festspiele in ei­nem patriarchal-konservativen Umfeld erfolgte und im Rückbezug auf die Tradi­tion in einer kulturellen Restauration kulminierte. Die Geschichte der Salzburger Festspiele ist geprägt von Ambivalenzen. Am sinnfälligsten ist die Ambivalenz zwischen den Polen „Tradition“ und „Moderne“ gefasst, denn die Salzburger Fest­spiele situierten sich als „anti-modernes Produkt der Moderne“1, in einem Antago­nismus von Bürgerlichkeit und Fortschrittlichkeit, von konservativem Katholizis­mus bzw. nationaler Neudefinition und neu erwachtem Kosmopolitismus.2

    Geprägt waren die Gründungsjahre von Männern, allen voran Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – drei unter vielen. In ihrem Schat­ten standen etwa Künstlerinnen wie Helene Thimig, MARIE GUTHEIL-SCHODER und Margarete Wallmann oder auch Gusti Adler, die Referentin des Intendanten. In der Vorbereitung von Projekten zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele veranstalteten wir im Frühsommer 2019 ein Symposium, das der Frage nachging, welche Frauen – Schauspielerinnen, Sängerinnen, Regisseurinnen, Intellektuelle – bei der Gründung der Salzburger Festspiele bzw. in den ersten Jahren des Beste­hens eine wichtige Rolle spielten, um damit der Fokussierung auf die sogenannten „Gründerväter“ entgegenzuwirken.

    Bei den Einschätzungen der Referentinnen, die die gewichtigen Aufgaben betref­fen, die Frauen in der Gründungszeit wahrnehmen, war einerseits Folgendes be­merkenswert: „Angesichts [der] erstaunlichen Frauenquote erscheint das aktuelle Ringen um Gendergerechtigkeit geradezu regressiv. Könnte es sein, dass wir vor rund einhundert Jahren in dieser Frage bereits sehr viel weiter waren?“3, fragte etwa Sabine Fellner anhand der erfolgreichen, aber weithin vergessenen Karrieren von Frauen im Kontext von Kunst und Kultur in der frühen Phase der beruflichen und künstlerischen Emanzipation. Für die Salzburger Festspiele galt das im Beson­deren in Bezug auf den Tanz, der integraler Bestandteil von Reinhardts Salzburger Inszenierungen war und zumeist Choreografinnen übertragen worden war. „Grete Wiesenthal, Tilly Losch und natürlich die Choreografin Margarete Wallmann wa­ren die Protagonistinnen.“4

    Andererseits manifestierte sich in einigen der Vorträge auch das Bild von adorie­renden Frauen, die die patriarchalen Strukturen stützten. Aufgrund des disparaten und lückenhaften Bildes, das sich daraus ergab, wurde die ursprünglich geplante Publikation der Beiträge verschoben, um detailliertere Studien in Auftrag zu ge­ben. Dann kam die Pandemie und alle Pläne mussten umgeworfen werden. Eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung ist ausständig; umfassende biografische Studien, die etwa das Wirken von Margarete Wallmann – nicht nur in Bezug auf die Salzburger Festspiele, sondern auch auf die Wiener Staatsoper etc. – berücksichti­gen, sollten dringend in Angriff genommen werden. Interessante Einblicke könnte etwa auch die Aufarbeitung des Nachlasses von Gusti Adler liefern. Etc. etc.

    Unabhängig davon fehlt es aber vor allem auch an der Erforschung jener Frau­enbilder, die in den Stücken des Spielplans und deren jeweiligen Inszenierungen konstruiert wurden; ein umso schwierigeres Unterfangen, da aus der Frühzeit na­turgemäß audiovisuelle Aufzeichnungen fehlen, die Programmhefte selten den Umfang von Besetzungsfoldern übertrafen und nicht zu allen Produktionen Re­gie- und/oder Inspizientenbücher, Aufführungsnotizen, Skizzen oder ähnliches im Festspielarchiv vorhanden oder erhalten sind.

    Ein Projekt, das wir anlässlich des Reinhardt-Jahres angestoßen haben, ist die de­taillierte Analyse von Reinhardts Faust-Inszenierung anhand des im Festspielar­chiv vorhandenen Dokumentationsmaterials sowie dessen Faust-Regiebuch aus dem Theatermuseum Wien. Dieses Projekt ist in Arbeit und sollte u.a. auch das restaurative Frauenbild untersuchen, das sich etwa im Bild des Gretchen manifes­tiert, in dem sich die Rekatholisierung der Gesellschaft und die Wiederherstellung einer hierarchischen Geschlechterordnung in den 1930er Jahren widerspiegelt.

    II. Nationalsozialismus

    Die in den 1920er Jahren erstarkende Eman­zipation begann sich mit der Etablierung des Ständestaats zu nivellieren und fand mit dem Anschluss 1938 ein jähes Ende. Viele der aus assimilierten jüdischen Familien stammenden Künstlerinnen fielen der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime zum Opfer. Ande­re erfolgreiche Künstlerinnen, die ihrer künstle­rischen Heimat nicht beraubt wurden, biederten sich den neuen Machthabern an. Stellvertretend können hier etwa Paula Wessely oder Poldi Woj­tek, die 1928 das Festspiellogo entworfen hat, genannt werden. An Poldi Wojteks Biografie entzündete sich eine Diskussion um die Ver­wendung des Logos der Salzburger Festspiele. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums gaben die Salzburger Festspiele deshalb ein zweiteiliges Gutachten zur Person und zum Werk von Poldi Wojtek in Auftrag.

    Wojtek hatte 1928 das Emblem für die Salzburger Festspiele gestaltet, das seither – mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus – das Festspiellogo ist. An ihrer Person, die sich später dem Nationalsozialismus andiente, entfaltete sich der Kon­flikt zwischen der moralischen Verantwortung der Künstler*innen und dem künst­lerischen Wert ihrer Werke. Dass eine solche Diskussion am Wirken einer Frau dar­gestellt werden musste, birgt eine bittere Note, beschreibt aber exemplarisch die Tatsache des Mitläufer*innentums, das Anbiedern an ein diktatorisches Regime, die persönliche Vorteilsnahme und schamlose Bereicherung an jüdischem Eigentum.

    In dem abschließenden Bericht zu Poldi Wojtek heißt es:

    Poldi Wojtek war durchaus bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialis­ten in Deutschland 1933 und dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 eine anerkannte junge Künstlerin in Salzburg. Sie arbeitete im Hintergrund schon vor ihrem Erfolg mit dem Festspielplakat 1928 an großen Projekten in Salzburg mit und gehörte zum Umfeld von Künstlern wie Anton Faistauer und Anton Ko­lig. […]

    Den Wettbewerb um ein Plakat für die Salzburger Festspiele hat sie 1928 – obwohl nicht Erstgereihte der Jury der Kunstgewerbeschule in Wien – mit ihrem an zwei­ter Stelle gereihten Entwurf für sich entschieden. Im Hintergrund hatte dabei ihr Freund und späterer Ehemann, der Kunsthistoriker und Pressemitarbeiter des Ös­terreichischen Propagandabüros, Kajetan Mühlmann, erfolgreich Regie geführt. Mühlmann erledigte damals die Pressearbeit für die Salzburger Festspielhaus-Ge­meinde, die zu 50 Prozent an dieser Werbeagentur beteiligt war.

    Poldi Wojteks Nähe zu nationalsozialistischen Auftraggebern und ihre Mitwirkung an NS-Propa­gandaarbeiten entstanden aufgrund der privaten Beziehung zu Mühlmann. Obwohl eher aus einer sozialdemokratischen Gesinnung kommend, ver­suchte dieser nach seiner Entlassung – aufgrund diverser finanzieller Malversationen – aus dem Ös­terreichischen Propagandabüro in Salzburg nach dem blutigen und gescheiterten Juli-Putsch 1934 innerhalb der mit dem autoritären Schuschnigg-Regime verhandlungsbereiten Gruppe von Natio­nalsozialisten mitzuarbeiten. Durch seine Kontakte mit dem nationalsozialistischen Innenminister und Kurzzeitbundeskanzler sowie Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart während des „Anschlusses“ 1938 in Wien stieg er in den innersten Zirkel der Entscheidungsträger der NSDAP auf und wurde Staatssekretär, zuständig für Kunstfragen. […]

    Bezüglich des Naheverhältnisses von Poldi Wojtek zur NS-Ideologie ist – neben ihren immer wieder oberflächlichen Illustrationen von NS-Propaganda oder NS-Symbolik bereits vor 1938 – vor allem der aktiv betriebene Entzug und der Erwerb des Hau­ses der verfolgten jüdischen Malerin Helene von Taussig in Anif hervorzuheben.5

    III. Nachkriegsjahre und Ära Karajan

    Die historischen Zäsuren 1933/1938/1945 sind im oben genannten Gutachten be­reits benannt; sie sind von biografischen Brüchen und Kontinuitäten über die Re­gime hinweg geprägt.

    Als zwei wichtige Proponentinnen im Festspielprogramm jener Zeit(en) können stellvertretend Helene Thimig und Paula Wessely gelten. Ihre zwei Kurzbiogra­fien im Hinblick auf ihr Wirken bei den Salzburger Festspielen seien hier annotiert bzw. gegenübergestellt:

    Helene Thimig (geboren 1889 in Wien, gestorben 1974 in Wien) war eine öster­reichische Schauspielerin, Regisseurin und Schauspiellehrerin, Tochter des Hof­schauspielers und späteren Burgtheaterdirektors Hugo Thimig und Schwester der Schauspieler Hermann und Hans Thimig. 1917 wurde sie ans Deutsche Theater in Berlin engagiert, wo sie Max Reinhardt kennenlernte. Schon bei den ersten Salz­burger Festspielen 1920 stand sie im Jedermann auf der Bühne und wirkte u.a. auch in Reinhardts Inszenierungen von Das Salzburger Große Welttheater 1922, Der Diener zweier Herren 1926, Kabale und Liebe 1927, Iphigenie auf Tauris 1928 und Stella 1931 mit. In Reinhardts Faust-Inszenierung war sie zwischen 1933 und 1937 als Böser Geist zu sehen. 1935 heiratete sie Reinhardt, mit dem sie in Salzburg auch Schloss Leo­poldskron wiederbelebt hatte; 1937 folgte sie ihm ins amerikanische Exil. 1946 kehrte Thimig nach Österreich zurück und trat wieder als Glaube im Jedermann auf. Von 1947 bis 1951 inszenierte sie Jedermann im Sinne ihres im Exil verstorbenen Mannes. Als sie das Stück 1951 nach Salzburger Vorbild vor dem Dom zu Basel herausbrach­te, entzog ihr die Festspielleitung die Regie. Von 1963 bis 1968 wurde Helene Thimig abermals mit der Jedermann-Regie betraut. 1973, in einer Matinee zur 100. Wieder­kehr von Reinhardts Geburtstag, war Thimig letztmalig in Salzburg zu erleben.

    Paula Wessely (geboren 1907 in Wien, gestorben 2000 in Wien) war eine österrei­chische Schauspielerin. Unter Max Reinhardt, der sie vom Theater in der Josefstadt her kannte, debütierte sie 1930 als Luise in Schillers Kabale und Liebe bei den Salz­burger Festspielen und verkörperte im selben Jahr auch die Smeraldina in Goldo­nis Diener zweier Herren. Von 1933 bis 1937 wurde sie in der Rolle des Gretchen in Reinhardts Inszenierung von Goethes Faust in der Felsenreitschule gefeiert. Nach dem „Anschluss“ arrangierte sich Wessely mit dem NS-Regime; 1941 wirkte sie an dem brutal antisemitischen und rassistischen Propagandamachwerk Heimkehr mit. Im August 1944 – in der Endphase des Zweiten Weltkriegs – wurde sie von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen. Während der Kriegsjahre trat sie nicht in Salzburg auf. 1948 kehrte Paula Wessely auf die Festspiel-Bühne zurück und gab Hero in Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen. Im selben Jahr wurde im Festspielhaus auch der Film Der Engel mit der Posaune uraufgeführt, in dem Wessely eine der Hauptrollen spielte. 1953 wurde sie Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. 1961 wirkte sie in Salzburg in Ferdinand Raimunds Der Bauer als Millionär mit und trat in diesem und dem darauffolgenden Jahr als Glaube im Jedermann auf. Zum letzten Mal war Wessely 1973 in einer Max-Reinhardt-Matinee aus Anlass von dessen 100. Geburtstag bei den Salzburger Festspielen zu erleben.

    Soweit zwei Beispiele zu biografischen Brüchen und Kontinuitäten von Festspiel­künstlerinnen von der Zwischenkriegs- über die Nazi- zur Nachkriegszeit.

    Doch welche Frauenbilder wurden im konservativen Klima des Wiederaufbaus in den 1950er und 1960er Jahren gezeichnet? In welchen Rollen waren Frauen bei den Salzburger Festspielen präsent?

    2015 untersuchte ich die Präsenz von Pianistinnen und Pianisten auf den Festspiel­bühnen im Zusammenhang mit der Ausstellung Piano Pieces im Salzburg Museum:

    Interessant [im] frühen geschichtlichen Kontext ist die Mitwirkung bedeutender Pi­anistinnen bei den Salzburger Festspielen. Bereits 1921, noch bevor ein regelmäßi­ges Konzertprogramm für die Salzburger Festspiele geplant wurde, trat bereits Elly Ney bei den Salzburger Festspielen auf. In diesem Jahr firmierten die Orchesterkon­zerte übrigens noch als „Veranstaltungen des Mozarteums“. Die deutsche Pianistin Elly Ney, „Ludwig van Beethovens Verkünderin auf Erden“ (Die Zeit, 9. April 1965) und Mitbegründerin des Beethoven-Festes in Bonn, das sie ab 1931 profilierte, war bekanntlich aufgrund ihres späteren Engagements für den Nationalsozialismus als Person äußerst umstritten.

    Frauen am Flügel

    Sowohl in den frühen Jahren der Salzburger Festspiele als auch in den 1940er- und noch 1950er-Jahren fällt ein Umstand auf: Frauen am Flügel waren präsenter als etwa in den 1960er-Jahren, die man gemeinhin mit gesellschaftlicher Revolution in Verbindung bringt. Zu dieser Zeit traten in Salzburg die international gefeierten Pianisten auf den Plan: Wilhelm Backhaus, Emil Gilels, Géza Anda, Alfred Brendel, Glenn Gould, Friedrich Gulda, Shura Cherkassky, Nikita Magaloff u.v.a.m. Diese Beobachtung geht jedoch nur vordergründig nicht konform mit den gesellschaftli­chen Entwicklungen der Zeit […].

    Das Phänomen lässt sich vielmehr so erklären: Im 19. Jahrhundert hatten die Frau­en das Klavier für sich erobert, nachdem es im 18. Jahrhundert zu einem Instrument des Bürgertums geworden war. Der Sozialgeschichte des Klaviers ist eine enge Be­ziehung zwischen dem Instrument und dem Bürgertum eingeschrieben, und bis heute ist das Klavier jenes Instrument, welches das bürgerliche Selbstverständnis wohl am besten symbolisiert.

    Die Wandlung des Pianofortes vom weiblichen zum männlichen Instrument schließ­lich, die Hand in Hand mit der technischen Entwicklung des Instruments ging und ab Ende des 19. Jahrhunderts von bedeutenden Musikern forciert wurde, dauerte länger als vielfach angenommen. 1890 etwa beklagte der Pianist Anton Rubinstein „[d]ie Über­handnahme der Frauen in der Musikkunst“, denen seiner Meinung nach „die Vertie­fung, die Konzentration, die Denkkraft, die Weite der Gefühlshorizonte, die Freiheit des Striches usw.“ fehlte. [Vgl.: Eva Rieger und Monica Steegmann (Hg.): Frauen mit Flügel. Lebensberichte berühmter Pianistinnen. Von Clara Schumann bis Clara Haskil, 1996.]

    Der Verdrängungswettbewerb der Pianistinnen – nach der Sozialisation des Kla­vierspiels als Frauendomäne von der Romantik weg – erfolgte kontinuierlich. Zu­gleich kristallisierte sich ein spezifisch „weibliches“ Repertoire heraus: Mozart, Schumann, Schubert. Die kraftvolle Beherrschung der Klaviatur, die Virtuosität auf dem Instrument und exaltiertes Spiel galten hingegen als männlich. Gepaart war die Beschränkung des Repertoires zumeist mit einer „unglückseligen Wechselwirkung von optischem und akustischem Eindruck“ [ebd.]. „Das Aussehen, die Kleidung der Pianistinnen wurden in den Kritiken ohnehin meist vermerkt, aber daß Clara Haskil, bei all ihrer Prägnanz, Intensität und verhaltenen Aggressivität, wegen ihrer gebrechlichen Erscheinung vor allem als Lyrikerin des Klaviers aufgefaßt wurde, ist Wahrnehmungstäuschung, heißt nichts anderes, als mit den Augen hören“ [ebd.].

    Offenbar assoziierte man bei den Salzburger Festspielen noch 1989 das weibliche Klavierspiel mit Mozart: Zum einen ist schon der Umstand interessant, dass in al­len fünf Mozart-Matineen pianistische Beiträge auf dem Programm standen. Noch interessanter ist jedoch die Tatsache, dass sämtliche Klavierkonzerte (KV 271, 414, 356, 491, 595) von Pianistinnen interpretiert wurden: Mitsuko Uchida, Konstanze Eickhorst, Güher und Süher Pekinel, Dinorah Varsi sowie Tatjana Nikolajewa.

    Auch wenn das Phänomen eines deutlich höheren Frauenanteils auf der klavieris­tischen Bühne nach der Zeitenwende 1945 anhielt – begründet wohl auch dadurch, dass Frauen eher als Männer unbelastet aus dem Nationalsozialismus in die neuen Zeiten wechseln konnten –, wurden Frauen am Klavier immer öfter vom Podium verdrängt. Speziell in den 1960er-Jahren finden sich kaum mehr Pianistinnen auf den Festspielbühnen, ausgenommen Ingrid Haebler, die von 1954 bis 1987 regelmä­ßig bei den Salzburger Festspielen auftrat und 1998 nochmals für das Klavierkon­zert KV 453 in einer Mozart-Matinee auf die Festspielbühne zurückkehrte. Ingrid Haebler hatte in den 1940er-Jahren in Salzburg studiert. Nach ihrer internationalen Karriere in den 1950er-Jahren unterrichtete sie ab 1969 am Mozarteum und war Salzburg somit eng verbunden.

    Clara Haskil schrieb von 1950 bis 1957 mit ihren Mozart-Interpretationen Klavierge­schichte bei den Salzburger Festspielen. 1895 in Bukarest geboren, lebte Clara Haskil ab 1927 in Frankreich. 1942 musste sie als Jüdin vor den deutschen Besatzern in die Schweiz fliehen. Zeit ihres Lebens war Clara Haskil von schweren Krankheiten ge­zeichnet und ihre Karriere von politischen Umwälzungen beeinflusst. Obwohl schon ab den 1920er-Jahren viel bewundert, konnte sie erst nach dem Ende des Krieges von ihrer Kunst leben. „Erst im Alter war sie so, wie sie als Pianistin sein durfte: augen­scheinlich schwach und dem für Frauen erlaubten Repertoire mit Werken von Mo­zart, Schubert und Schumann zugewandt“, konstatierte Monica Steegmann [ebd.].

    Die Pianistinnen [modernen] Typs eroberten sich ab den 1970er-Jahren zögerlich die Festspielbühne. Martha Argerich (sie war Schülerin von Friedrich Gulda) debü­tierte zwar schon als Dreißigjährige, 1971, mit Beethovens Erstem Klavierkonzert bei den Festspielen, aber erst ab 1990 war sie öfter zu Gast in Salzburg. Elisabeth Leonskaja gab 1979, Mitsuko Uchida 1989 ihr Festspieldebüt.6

    Ähnliche Untersuchungen etwa von Sängerinnenkarrieren und deren Repertoire in der Ära Karajan wären gewiss aufschlussreich, wie überhaupt eine wissen­schaftliche Darstellung dieser „longue durée“ unter unterschiedlichsten Aspekten dringend notwendig scheint, auch im Hinblick auf die Konstruktion von Bildern und Ideen des Weiblichen. Während einige weibliche Stars auf den Festspielbüh­nen reüssierten und Kult und Glamour an die Salzach brachten, waren die Ent­scheidungsgremien fest in männlicher Hand.

    IV. Die Intendanz von Gerard Mortier

    Mit dem Tod Herbert von Karajans fand eine in den 1980er Jahren erschöpfte Ära ihr Ende, und eine neue zeichnete sich ab. Zur selben Zeit, als sich mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs Europa und die ganze Welt neu erfinden mussten, wurde in Salzburg ein neues Kapitel der Festspielgeschichte aufgeschlagen.

    Ein neues – bis 1994 immer noch rein männlich besetztes – Direktorium verfolgte eine Politik der Öffnung: hin zu einem breiteren und moderneren Repertoire, zu zeitgemäßen, mitunter auch provokanten Sichtweisen, zu anderen und jüngeren Publikumsschichten. Es eröffneten sich auch festspielintern Wirkungsmöglichkei­ten für Frauen in gehobeneren Positionen als dem Sekretariat.

    Bühnen- und Kostümbildnerinnen wie Moidele Bickel, Frida Parmeggiani, Mari­anne Glittenberg, Anna Viebrock und Ursel Herrmann waren weithin sichtbare und wahrgenommene Festspielkünstlerinnen. An Uraufführungen hatten Frauen bedeutenden Anteil, so etwa gelangte Kaija Saariahos Oper L’amour de loin 2000 in der Felsenreitschule erstmals auf die Bühne. Das Libretto zu Luciano Berios Azione musicale Cronaca del luogo – mit Hildegard Behrens als zentraler Figur R – verfasste Talia Pecker Berio. Bedeutende Opernwerke des 20. Jahrhunderts, in denen weib­liche Protagonistinnen agierten – wie Lulu von Alban Berg oder Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk – erlebten ihre Salzburger Erstaufführung.

    Mit Sofia Gubaidulina, Olga Neuwirth, Pauline Oliveros, Kaija Saariaho, Clara Schumann und Galina Ustwolskaja finden sich gewichtige Werke von Komponistinnen im Konzertprogramm. Im Schauspiel reüssiert Deborah Warner als Regis­seurin; sie ist aber in dieser Funktion – mit Ausnahme von Ursel Herrmann, die mit Karl-Ernst Herrmann zahlreiche Inszenierungen beisteuert – allein auf weiter Flur. 1998 wird Elfriede Jelinek erstmals als Dichterin zu Gast geehrt. Dirigentinnen fin­den sich bis 1994 nicht, danach nur sehr sporadisch in der Festspiel-Chronik: Die erste, einer Dirigentin – Joana Mallwitz – anvertraute Neuproduktion einer Oper kam 2020 auf eine Festspiel-Bühne.

    V. Von der Jahrtausendwende bis zur aktuellen Intendanz von Markus Hinterhäuser

    Die Liste an Festspiel-Künstlerinnen unter den Intendanten Peter Ruzicka, Jür­gen Flimm, Alexander Pereira und Markus Hinterhäuser wäre in etwa wie folgt weiterzuschreiben: Regisseurinnen treten ab 2002 vermehrt ins Rampenlicht, so etwa Christine Mielitz mit Zemlinskys Der König Kandaules. ANDREA BRETH insze­niert Schnitzlers Das weite Land (2002/2003), Dostojewskis Verbrechen und Strafe (2008/2009), Kleists Prinz Friedrich von Homburg (2012), Tschaikowskis Eugen One­gin (2007) und Pinters Geburtstagsfeier (2017). REBECCA HORN setzt 2008 Sciarrinos Luci mie traditrici in Szene, Katie Mitchell 2009 Nonos Al gran sole carico d’amore… Das Young Directors Project setzt ab 2008 neue Akzente: Junge Theaterkollekti­ve, Autorinnen und Regisseurinnen treten auf den Plan. 2012 wird mit CECILIA BARTOLI erstmals eine Frau Intendantin der Pfingstfestspiele. 2017 beginnt Bettina Herings Schauspieldirektion und damit eine programmatische Ausrichtung des Schauspiels auch auf die Konzeptualisierung von Macht und Identität, Körper und Geschlecht, auf feministische Diskurse, Genderperformance etc. – Die Liste an Na­men, an Werken, an Künstlerinnen wäre nun fortzuschreiben bis ins Heute. Sinn macht ein solches Vorgehen aber nur in Verbindung mit Performance-Analysen und Inszenierungsinterpretationen im Abgleich mit gesellschaftlichen Diskursen und sozioökonomischen Zusammenhängen.

    Aufgrund der Leerstelle, die diese fehlenden Untersuchungen markieren, gilt das Diktum von der abwesenden Präsenz der Frauen bis heute. „Dieses Schweigen ist überall; es durchzieht unsere gesamte Kultur, von Filmen über Nachrichten, Literatur, Wissenschaft und Stadtplanung bis in die Wirtschaft hinein. Alle Ge­schichten, die wir über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen, sind von Abwesenheit geprägt […]“7, beschreibt Caroline Criado-Perez in Invisible Women diese „Datenlücke“.


    Anmerkungen

    1. Kreis, Georg / Engler, Balz (Hg.): Das Festspiel. Formen, Funktionen, Perspektiven. Willisau: Theaterkultur-Verlag 1988. Zit. n.: Lasinger, Margarethe: Unsere Geschichte. Gründung und Idee der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/ueber-uns (5.12.2023). ↩︎
    2. Vgl.: Steinberg, Michael: Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele 1890-1938. München: Anton Pustet Verlag 2000. ↩︎
    3. Fellner, Sabine: Wider das Vergessen. Künstlerinnen und ihr Beitrag zur Avantgarde 1900 bis 1938. Unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags, gehalten beim Symposium Künstlerinnen bei den Salzburger Festspielen 1920-1937, Salzburg 21.8.2019. ↩︎
    4. Ebd. ↩︎
    5. Rathkolb, Oliver: Zeithistorisches Gutachten zu den Beziehungen von Leopoldine (Poldi) Wojtek(-Mühlmann) mit Nationalsozialisten 1933 – 1938 – 1945 und zu etwaigen Kontinuitäten ideologischer Einstellungen zum NS-Regime nach 1945. In: Lasinger, Margarethe u.a. (Hg.): Das Logo der Salzburger Festspiele und seine Gestalterin Poldi Wojtek. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Salzburger Festspielfonds 2020, S. 5-32, S. 27-29. ↩︎
    6. Lasinger, Margarethe: Geschichte mit Flügel. Die Salzburger Festspiele im Lichte pianistischer Meisterschaft. In: Piano Pieces – Klaviere. Klänge. Kunst. Salzburg: Salzburg Museum 2015, S. 21-33, S. 24. (=Katalog zur Ausstellung Piano Pieces – Klaviere. Klänge. Kunst im Salzburg Museum vom 27.2.-6.9.2015). ↩︎
    7. Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München: btb 2020, S. 11. ↩︎

    © Leo Neumayr Salzburger Festspiele

    MARGARETHE LASINGER

    Studium der Germanistik sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Tätigkeiten als Redakteurin, Lektorin und Kuratorin von Ausstellungen und Formaten, die sich mit der Geschichte der Salzburger Festspiele auseinandersetzen. Co-Kuratorin der Landesausstellung Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele (2020). Seit 1997 bei den Salzburger Festspielen tätig. Leiterin der Abteilung Dramaturgie und Publikationen sowie des Archivs der Salzburger Festspiele.

  • Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    Eine Geschichte der Festspiele erzählen, in der Frauen vorkommen

    PIA JANKE: Wie bewertest du die Gründungsphase der Salzburger Festspiele, wel­chen Stellenwert hatten Frauen in dieser Phase, waren die Festspiele ein patriar­chales Projekt?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich sehe die Gründung der Salzburger Festspiele nicht als patriarchales Projekt. Es ist der Zeit geschuldet, dass Männer damals die Akteure waren. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Salzburger Festspiele gegründet wurden, um Frauen zu unterdrücken oder aus dem Alltag herauszuhalten. Es gab damals zwei Flanken: Die „Mozartianer“, die sich Mozart widmen wollten, und die Gruppe um Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, denen es um die Bühne und das Schauspiel ging. Zur Zeit der Gründung der Salzburger Fest­spiele waren auch Frauen im Salzburger Kulturleben aktiv – eine als solche Pro­tagonistin, dass ohne sie die Salzburger Festspiele gar nicht entstanden wären – Lilli Lehmann.

    PIA JANKE: Hat man Lilli Lehmann letztlich nicht ausgebootet, weil sie eine andere Art von Festspielen wollte?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Endeffekt sind die Salzburger Festspiele im Streit mit Lilli Lehmann entstanden, weil sich Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch – zwei eingefleischte „Mozartianer“ und zentrale Figuren in der Gründungspha­se – mit ihr zerstritten haben. Gehmacher und Damisch wollten die Salzburger Festspiele gemeinsam mit dem Mozarteum aufziehen, Lilli Lehmann war gegen diese Zusammenarbeit. Mehrere Briefe belegen die entsprechenden Überlegun­gen und Auseinandersetzungen.

    PIA JANKE: Könnte man also sagen, dass Lilli Lehmann eine Art „Katalysatorin“ gewesen ist, indem die Festspiele im Streit mit ihr entstanden sind?

    HEDWIG KAINBERGER: Zum Schluss war sie zwar die Antipodin, zu Beginn hat sie aber viel dazu beigetragen, dass es überhaupt zur Festspielgründung kommen konnte. Als sie nach Salz­burg kam, war sie als Sängerin en­gagiert, später hat sie auch andere Aufgaben übernommen und die Mo­zartfeste mitgestaltet. Sie hat wich­tige Sänger nach Salzburg gebracht und 1906 Don Giovanni inszeniert. Sie war quasi Intendantin und Managerin und die erste Opernregisseurin in Salzburg. Hinzu kommt, dass sie offen­sichtlich Geld vom Kaiser organisiert hat, damit die Wiener Philharmoniker 1906 nach Salzburg kommen konnten, um anschließend das erste Mal in Salzburg eine Oper zu spielen. Durch den Bau des Mozarteums, der durch die von Lehmann organisierten Benefizkonzerte finanziert wurde, hat sie Salzburg als Mozart- und Festspiel-Stadt gefestigt und eine überregionale, internationale Reputation auf­gebaut. Sie war diejenige, die den Kauf von Mozarts Geburtshaus initiiert hat. Das wichtigste Projekt, das von ihr ausging, war die Gründung und der Bau des Mozarteums für Konzertsäle und als Ausbildungsstätte. Sie hat die musika­lische Sommerakademie begründet, die es auch heute noch gibt, und damit den Grundstein für die musikalische Ausbildung bis hin zur Universität Mozarteum gelegt. Das hat sie als Frau umgesetzt, was außergewöhnlich war. Zum Schluss kam es zum Konflikt mit Damisch und Gehmacher, der dazu führte, dass die beiden die Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gründeten. Als Reinhardt den ersten „Jedermann“ vorbereitet hat, stellte er fest, dass dieser Verein bereits so gut etabliert war, dass er die Trägerschaft übernehmen konnte.

    PIA JANKE: Wenn man sich die Festspielhaus-Gemeinde genauer ansieht, erkennt man, dass es dort deutschnationale Verbindungen gegeben hat. Aus heutiger Perspektive könnte man sie als Männerbund bezeichnen, bei denen Frauen auf der Strecke geblieben sind wie Lilli Lehmann. Auf den Fotos der damaligen Zeit sind ausschließlich Männer zu sehen. Die Frauen, die im Umfeld dieser Grün­dung zu verorten sind – z.B. Berta Zuckerkandl, Gusti Adler, Margarete Wall­mann und Helene Thimig – waren Frauen der zweiten Reihe, Sekretärinnen, Mit­arbeiterinnen, also Personen, die den Männern zugearbeitet haben.

    HEDWIG KAINBERGER: Die Festspielhaus-Gemeinde war ein großer Verein, der Fundraising betrieben hat. Ich weiß nicht, ob auch Frauen dabei waren. Ich habe aber nie herausgelesen, dass der Verein frauenfeindlich gewesen wäre. Die Rol­lenverteilung hat der Zeit entsprochen und ist eine, die die Gesellschaft bis in die 1970er Jahre geprägt hat. Auch das Deutschnationale hat zu dieser Zeit gehört. In Salzburg hat es damals drei große politische Parteien gegeben, darunter die sogenannten „Großdeutschen“, die die Vorläufer der heutigen Liberalen waren. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg haben sie nicht geglaubt, dass Österreich als Land allein bestehen kann. Dieser Gedanke ist nicht dasselbe wie das, was man heute als „nationalsozialistisch“ bezeichnet. Aus diesem Milieu sind Leute hervorgegangen, die später mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben, aber meiner Meinung nach ist es falsch, das eine mit dem anderen gleichzuset­zen. Es war ein liberales Milieu. Es war nicht klerikal, christlich-sozial und auch nicht sozialistisch, sozialdemokratisch oder kommunistisch, sondern das „Dritte Lager“. In diesem Dunstkreis gab es auch Antisemitismus und dezidierte antise­mitische Formulierungen und Klischees. Auch Damisch und Gehmacher haben sich gegenüber Reinhardt antisemitisch geäußert. Aber dieses Gedankengut war nicht der Motor für die Festspielgründung.

    PIA JANKE: In den Schriften von Hofmannsthal zur Gründung der Festspiele geht es um eine Rekonstruktion von Vergangenem und um eine Mythisierung des ländlichen Lebens, der Bauern und der Handwerker. Darüber hinaus gibt es eine dezidierte Bezugnahme auf Salzburg als Gegenstück zu Wien bzw. zur Groß­stadt grundsätzlich.

    HEDWIG KAINBERGER: Der Gegensatz Großstadt – Land spielt sicher mit. In Hof­mannsthals Schriften finden sich einige Dinge, bei denen man sich wundert. Er war disparat und vielfältig in seiner Argumentation. Trotzdem hatte er mit dem ländlichen Raum nichts zu tun, sondern war der Inbegriff eines Städters. Betrachtet man Hofmannsthals Texte heute und versucht, auf die Jahre zurück­zublicken, die seither vergangen sind, erkennt man, dass es sich dabei nicht um Programmatiken gehandelt hat, weil die darin formulierten Gedanken die Salz­burger Festspiele nicht allzu lange geprägt haben.

    PIA JANKE: Trotzdem berufen sich die Festspiele auch heute noch auf diese Schriften.

    HEDWIG KAINBERGER: Es sind eben die Gründungsschriften. Ich denke nicht, dass daraus alles andere gewachsen ist. Nach der ersten Gründung, die von den Mo­zartianern sowie Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss geprägt war und folglich auch von dem Antagonismus Wien – Salzburg, gab es noch viele weitere Zwi­schengründungen. Die nächste große Gründungszeit fand in den 1930er Jahren mit Bruno Walter und Arturo Toscanini statt – und zwar sowohl was das Politi­sche als auch was das Programmatische und Inhaltliche betrifft. Auch die großen Opern gab es zu Beginn in dieser Art noch nicht. Auch die Salzburger Festspiele der 1950er und 1960er Jahre kann man nicht mit den 1920er Jahren vergleichen, und auch in den Zeiten von Herbert von Karajan und Gerard Mortier lassen sich Zwischengründungen erkennen.

    PIA JANKE: Kommen wir zurück zu den Frauen in der zweiten Reihe.

    HEDWIG KAINBERGER: Meiner Meinung nach ist Berta Zuckerkandl, die im Umfeld von Max Reinhardt zu verorten ist, keine Frau der zweiten Reihe, sie hat Propa­ganda für die Salzburger Festspiele gemacht.

    PIA JANKE: Gibt es dazu Dokumente?

    HEDWIG KAINBERGER: Berta Zuckerkandl hat nichts selbst geschaffen, sondern das, was gemacht wurde, promotet. Im Operativen war sie nicht tätig. Gusti Adler und Helene Thimig waren mit ihren künstlerischen Impulsen in der operativen Arbeit wichtiger. Ohne diese beiden wäre Max Reinhardt nie das geworden, was er war. Auch Margarete Wallmann war wichtig für die Bühne. Es freut mich, dass Margarethe Lasinger – ebenfalls eine große Frau der zweiten Reihe – Wall­mann zum Forschungsthema machen will. Wallmann hat das Tanztheater nach Salzburg gebracht. Bruno Walter hat sie als junge Frau im Jahr 1931 nach Salz­burg geholt und mit ihr Orfeo ed Euridice herausgebracht. Das war eines der ers­ten Tanztheater in Europa und das erste bei den Salzburger Festspielen. Wall­mann war für die Choreographie einiger Stücke verantwortlich, auch für die bei Reinhardts Faust-Inszenierung 1933.

    PIA JANKE: Mir scheint, dass von den genannten Frauen ausschließlich in Bezug auf Max Reinhardt gesprochen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: Das war eben so, er war der große Motor. Trotzdem hat Mar­garete Wallmann die essenzielle Dimension des Tanzes eingebracht.

    PIA JANKE: Uns interessiert auch die Position von Helene Thimig, die die Jeder­mann-Inszenierung ihres im Exil verstorbenen Mannes, Max Reinhardt, bis in die 1960er Jahre fortgesetzt hat: eine Frau, die selbst Regisseurin ist, tradiert in ihrer Arbeit das künstlerische Erbe ihres Mannes. Meiner Meinung nach zeigt dieser Fall exemplarisch, dass Frauen hier auf „große“ Männer bezogen waren und die Funktion einer Mitarbeiterin, Sekretärin oder Förderin hatten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das ist das Problem der Frau im 20. Jahrhundert. Auch groß­artige Frauen haben aus dieser Rolle nicht ausbrechen können. Und wenn sie doch ausgebrochen sind, hat ihr Leben oft in Einsamkeit geendet. Wenige haben es wirklich geschafft wie Margarete Wallmann, die eigenständige Regisseurin geworden ist. Das setzt sich bis heute fort: ANDREA BRETH war lange ein Solitär in der Schauspiel- und Opern-Regie.

    PIA JANKE: Im Zuge unserer Recherchen haben wir Statistiken angefertigt, die bele­gen, dass Ursel Herrmann die erste Frau war, die hier, allerdings mit Karl-Ernst Herrmann – also wieder zusammen mit einem Mann – als Opernregisseurin ge­arbeitet hat. Anschließend kam Deborah Warner im Bereich des Schauspiels.

    HEDWIG KAINBERGER: Im Betrieb der Salzburger Festspiele – sowohl im Bereich der Oper als auch im Schauspiel – setzt sich die Diskriminierung von Frauen auch anhand von Verdienstmöglichkeiten bis heute fort.

    PIA JANKE: Frauen bekommen ab den 1970er und 1980er Jahren eine größere Bedeu­tung in der Gesellschaft und im Kulturbetrieb. Bei den Salzburger Festspielen scheint das nicht der Fall gewesen zu sein.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Diese Feststellung kann mit Blick auf den ge­samten Klassikbereich getroffen werden.

    PIA JANKE: Das Schauspiel ist in dieser Hinsicht beweglicher.

    HEDWIG KAINBERGER: Je größer und je renommierter die Spielstätte, desto weniger Frauen.

    PIA JANKE: Seit wann ist die Zahl der Frauen, die bei den Salzburger Festspielen tä­tig sind, angewachsen? Hast du den Eindruck, dass sich etwas weiter entwickelt? Muss sich noch etwas weiter entwickeln?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Bereich des Schauspiels hat die Entwicklung mit Bettina Hering 2017 begonnen. Wenn ich mir das Programm für das Jahr 2024 ansehe, ist diese Entwicklung aber schon wieder vorbei. Außer, dass es eine Schauspiel-Chefin gibt, habe ich im Schauspielprogramm von 2024 keine maßgebliche Frau in Leading-Teams gesehen. Bettina Hering hat dezidiert auf die Inklusion von Frauen geachtet, indem sie Regisseurinnen und Referentinnen nach Salzburg ge­holt hat. In der Oper, beim Dirigieren und in der Regie lassen sich mittlerweile zarte Anfänge erkennen.

    PIA JANKE: Im Verhältnis zu anderen Kunstinstitutionen setzt diese Entwicklung sehr spät ein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, es ist sehr spät.

    PIA JANKE: Hast du den Eindruck, dass versucht wird, ein bestimmtes Bewusstsein auszustrahlen, z.B. mittels Statements, dass es den Festspielen ein Anliegen ist, Frauen präsent zu machen?

    HEDWIG KAINBERGER: Nein, überhaupt nicht. Es wäre an der Zeit, dass die Benach­teiligung aufhört. Das ist erst dann der Fall, wenn eine Quote von 50 zu 50 fest­stellbar ist oder zumindest nicht von 100 zu Null oder 90 zu 10. Es muss deutlich werden, dass Frauen das Gleiche können wie Männer. In der Opern-Regie ist heuer nach ANDREA BRETH und Lydia Steier mit der Französin Mariame Clément für Hoffmanns Erzählungen die dritte Frau bei den Salzburger Festspielen tätig. Darüber hinaus gibt es auch wieder eine Dirigentin in der Oper. In der Geschich­te der Salzburger Festspiele gibt es zwar einige Dirigentinnen, allerdings sind das zumeist Einspringerinnen. Die erste reguläre Operndirigentin, die ein Werk erarbeitet hat, war Joana Mallwitz im Jahr 2020. Auch im Konzert hat es verein­zelt Dirigentinnen gegeben.

    PIA JANKE: Betrachtet man die Struktur der Festspiele, zeigt sich, dass es bisher ausschließlich Intendanten gab.

    HEDWIG KAINBERGER: In der Intendanz von Herbert von Karajan lassen sich einige Frauen in der zweiten Reihe finden, die niemand nennt. Eine davon ist die Kos­tümbildnerin Magda Gstrein. Sie war Kostümchefin, eine große Künstlerin und hatte ein fabelhaftes Wissen und Können. Außerdem fallen mir seine Bürochefin­nen ein, Beate Burchardt und Lore Salzburger. Genauso wie Gusti Adler hatten sie ein enormes Wissen, und ihre Aufgabe war viel mehr als das Verschicken von Briefen.

    PIA JANKE: Wir haben auch festgestellt, dass bei Karajan der Frauenanteil bei den Künstlerinnen wieder zurückging. Ist nicht die Zeit von Karajan eine, die bislang in keiner Weise angetastet wird? Für mich ist diese Zeit wie ein unaufgearbeite­ter Schatten. Wie siehst du diese Zeit?

    HEDWIG KAINBERGER: Die Karajan-Zeit war eine lichte, große Zeit. Karajan hat in Salzburg viel ermöglicht. Es wird immer gesagt, Karajan hätte nur die große Oper wie Boris Godunow gemacht, und ich kann sogar dem etwas abgewinnen, weil wir in der Oper – wie in jedem Popkonzert – Seherlebnisse und Sehinno­vationen brauchen. Karajan hat mehr Uraufführungen zugelassen als alle nach ihm. Darüber hinaus hat er Otto Sertl als Musikchef nach Salzburg geholt. Die Karajan-Zeit ist meiner Meinung nach also kein Schatten. Auch wenn er zu dem Bild beigetragen hat, dass die Salzburger Festspiele ausschließlich ein Festival für die Reichen und Schönen sind.

    PIA JANKE: Ich nehme die Karajan-Ära auch als Zeit eines Diktators wahr. Er war eine Einzelperson, die alles bestimmt hat und auf der der gesamte Fokus lag. Die Art, wie Karajan inszeniert wurde, ist aus heutiger Perspektive kaum noch erträglich. Er wurde als Genie und Gott-ähnliche Figur gezeigt, während die Frau­en, die viel zu seinem Erfolg beigetragen haben, kaum präsent sind.

    Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrauensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen
    Zeit der Musik.
     
    Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein bestimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Arbeit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist verschwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich entwickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

    aus: Jeanne Hersch: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Roland (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)

    HEDWIG KAINBERGER: Bei Karajan waren durchaus auch streitbare Frauen präsent, z.B. Sängerinnen wie Christa Ludwig oder Agnes Baltsa in Carmen, mit der es auch einen großen Konflikt gegeben hat. Jessye Norman hat zwar szenisch nicht zu Erneuerungen beigetragen, aber große Liederabende gegeben und ein fabel­haftes Wagner-Konzert mit Karajan gemacht. Karajan verkörpert meiner Mei­nung nach auch das Männer-Genie-Bild. Ihm hat die High Society gefallen, er hatte aber auch eine andere Seite. Er war unermesslich zielstrebig und fleißig, stets an Neuem und an Innovation interessiert – sei es für Bühnentechnik oder Tonträger, er hat junge, talentierte Künstler gefördert und begeistert.

    PIA JANKE: Das traditionelle Salzburger Festspiele-Bild, das sich in dieser Zeit ent­wickelte, hat sich zum Teil bis heute erhalten.

    HEDWIG KAINBERGER: Das traditionelle Bild von großer Garderobe und Reichtum gab es in der Wiener Staatsoper genauso wie in der Mailänder Scala und in der Bayrischen Staatsoper.

    PIA JANKE: Die Repräsentation, die großen Garderoben, das Sich-Selbst-Bespiegeln sowie der Gott, der alle Fäden zieht, der alles bestimmt und hinter dem die Plat­tenfirmen stehen – das waren Strukturen, die bei den Salzburger Festspielen bis in die späten 1980er Jahre prägend waren. Ich glaube, dass sich in anderen Kunstinstitutionen damals bereits viel mehr geändert hat. Es ging hier vor allem um eine Selbstbestätigung, um Affirmation – auch szenisch.

    HEDWIG KAINBERGER: Karajan hat sicher nicht das Frauenbild geändert. Feminis­tisch betrachtet war diese Zeit keine große Innovationsperiode. Das Thema hat ihn nicht interessiert, warum hätte es ihn auch interessieren sollen?

    PIA JANKE: Weil der Feminismus und die Gleichberechtigung der Frau seit den 1970er Jahren wichtige gesellschaftliche Themen waren.

    HEDWIG KAINBERGER: Er war nicht nur der Despot. Abgesehen von seinem autoritä­ren Gehabe ist er für mich auch ein Künstler, der deswegen eine starke Autorität hatte, weil er viel wusste und konnte. Er hat anderen Künstlern etwas beige­bracht und großartig dirigiert. Karajan hat bei dem, was er wollte, sagenhaft viel erreicht.

    PIA JANKE: Seine Intention war keine Infragestellung, sondern Perfektion, es ging letztlich um Selbstbestätigung.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt. Trotzdem hat es auf seine Art seine Berechti­gung.

    PIA JANKE: Welche Frauenbilder wurden damals auf der Bühne transportiert, wo wurde etwas in Frage gestellt und etwas Neues etabliert?

    HEDWIG KAINBERGER: Diese Aspekte wird man bei Karajan nicht finden. Seine Zeit war trotzdem kein Schatten. Gerard Mortier hat zwar einmal das Jahr der Frau ausgerufen, aber das kann man für jede Oper und jedes Schauspiel ausrufen.

    PIA JANKE: Immerhin waren eine Dichterin und eine Komponistin zu Gast: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth. Zur Zeit von Gerard Mortier haben auch verstärkt Frauen inszeniert.

    Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit einem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrnehmung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der europäischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)
     
    Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden haben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoffnung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neuerliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.« Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch anzweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte dieser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Ländern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

    aus: Barbara Frischmuth: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)

    HEDWIG KAINBERGER: Peter Stein hat Deborah Warner geholt, obwohl er Antife­minist war. Ja, es haben damals erstmals Frauen inszeniert, und es gab einen Frauen-Schwerpunkt. Es gab zum ersten Mal eine Komponistin. Mehr als diese Frauen sind aber auch in der Zeit von Gerard Mortier nicht zu finden: Elfriede Jelinek, Deborah Warner – im Streit mit Stein geschieden – und Olga Neuwirth.

    PIA JANKE: Es gab im Jahr 2000 auch die einzige Uraufführung von einer Frau im Opernbereich in der gesamten Festspielgeschichte, und zwar L’amour de loin von Kaija Saariaho. So etwas hat es weder vor seiner Zeit noch danach gegeben.

    HEDWIG KAINBERGER: Das stimmt, aber für zehn Jahre ist das nicht sehr viel. Wenn man sich ansieht, wie viele Komponistinnen, Dirigentinnen, Autorinnen etc. ver­treten waren, kommt man nicht einmal auf 1 % Frauenanteil.

    PIA JANKE: Wir haben die „Dichter*innen zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen gezählt: In ca. 15 Jahren waren das lediglich zwei Frauen – Elfriede Jelinek und Christa Wolf.

    HEDWIG KAINBERGER: Es ist besser als nichts, als Frau hat man sich aber auch in der Intendanz von Gerard Mortier nicht vertreten gefühlt.

    PIA JANKE: Welche Frauen hat es abseits von Bettina Hering und Marina Davydova in Leitungspositionen gegeben?

    HEDWIG KAINBERGER: Es gab noch Helga Rabl-Stadler.

    PIA JANKE: Wie siehst du den kulturpolitischen Kontext der Bestellung von Helga Rabl-Stadler als ÖVP-Mitglied?

    HEDWIG KAINBERGER: Ich glaube nicht, dass Rabl-Stadler Präsidentin geworden ist, weil sie eine Frau war, sondern wegen ihrer ÖVP-Mitgliedschaft und weil sie Management-Qualitäten hatte. Summa summarum hat sie ihren Job exzellent gemacht und sich bewährt.

    PIA JANKE: Wie ist es bei der neuen Präsidentin Kristina Hammer?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie hat für das Amt der Präsidentin große Qualifikationen; meinem Eindruck zufolge war das Frauen-Kriterium für ihre Auswahl mitentscheidend. Wenn Kristina Hammer nicht fähig wäre, das zu machen, was sie machen soll, hätte sie den Job als Präsidentin der Salzburger Festspiele nicht be­kommen. Trotzdem hat ihr Geschlecht durchaus eine Rolle gespielt.

    PIA JANKE: Seit den 1960er Jahren gibt es Rednerinnen und Redner im Rahmen des Festakts zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Hier gab es bislang nur drei Frauen als Eröffnungsrednerinnen. Wie siehst du das, auch im kulturpolitischen Kontext?

    HEDWIG KAINBERGER: Das finde ich lächerlich. Wenn es Konsens ist, dass eine Frau nicht dümmer als ein Mann ist, sind das viel zu wenig Frauen – vor allem in den letzten 20 Jahren. Es ist eigentlich auch Konsens, dass Frauen angemessene berufliche Erfahrungen sowie inhaltliche, wissenschaftliche und kulturelle Kom­petenz haben. In der Liste der Festredner spiegelt sich das nicht. Wobei es sich auch nicht spiegelt, dass es etwas anderes als deutschsprachige und europäische Männer gibt. Ich weiß nicht, warum nicht schon längst eine Afrikanerin, eine Türkin oder eine Frau aus dem Iran die Festrede gehalten hat. Nicht einmal für eine Nordamerikanerin hat es gereicht. Der geographische Radius ist sehr klein dafür, dass es angeblich ein großes, internationales Festival ist.

    Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Programm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:
     
    Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfordern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.
     
    Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.
     
    Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.
     
    Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.
     
    Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.
     
    Schließlich:
    Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann gegen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.
     
    Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:
     
    „Hiermit kannst du allmächtig handeln,
    Der Menschen Leidenschaft verwandeln.
    Der Traurige wird freudig sein,
    den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

     
    Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet. In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?
     
    Und: Wer wären die Eltern?

    aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008)

    PIA JANKE: Wer trifft diese Entscheidungen?

    HEDWIG KAINBERGER: Früher lag es in der Kompetenz des Landeshauptmanns. Seit dem Desaster mit Jean Ziegler ist es in die Kompetenz des Direktoriums übertragen worden. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das Direktorium mit der Landesregierung abspricht. Es wird erzählt, dass Wilfried Haslauer senior jedes Jahr unter anderem in der Professorenschaft der Salzburger Universität nach Vorschlägen für Festredner gefragt hat; dieser informelle Wettbewerb quer durch viele Fachrichtungen hat offenbar gefruchtet.

    PIA JANKE: Offensichtlich fehlt es hier an Bewusstsein.

    HEDWIG KAINBERGER: Ja, ich nehme das genauso als ein Manko wahr. Die Anzahl der Opern-Dirigentinnen und -Regisseurinnen ist vergleichbar mit der Anzahl der Festspielrednerinnen. Abgesehen von den Besetzungen der Rollen im Kunst­bereich und im Management steht bei den Salzburger Festspielen alles noch am Anfang.

    PIA JANKE: Hast du das Gefühl, dass es Visionen oder Aufbrüche gibt?

    HEDWIG KAINBERGER: Sie kommen aus der zweiten Reihe. Von Margarethe Lasin­ger kommen etwa Aufbrüche wie z.B. ein Symposium 2019, bei dem Margarete Wallmann zum ersten Mal stärker thematisiert wurde. Das ist aber der einzige Aufbruch, der mir bekannt ist. Aber vielleicht ist in den inneren Gewinden des Festspielhauses schon etwas im Gange, von dem ich nichts weiß. Ein bisschen etwas ist offensichtlich im Gange, denn es ist kein Zufall, dass heuer zum zwei­ten Mal eine Frau eine Oper dirigiert und dass eine Frau Hofmanns Erzählungen inszeniert. Typisch ist aber auch, dass jenes Genre, wo Frauen für Regie und Dirigat geholt werden, die Kinderoper ist.

    PIA JANKE: Auch wir haben festgestellt, dass Frauen in diesem Bereich präsenter sind.

    HEDWIG KAINBERGER: Als Sonja Ablinger vor zehn Jahren Kultursprecherin der SPÖ war, hat sie das Thema aufgegriffen. Sie hat eine Analyse zu Frauen bei den Bun­destheatern gemacht und die Ergebnisse wie folgt zusammengefasst: „Zwischen Frauen mit Taktstock und Nadeln im Heuhaufen besteht eine enge Verbindung.“ Am Burgtheater wurde in vier Saisonen kein einziges Stück einer Autorin insze­niert. Prägnant war damals auch die Frauenbilanz für die Wiener Staatsoper: 100 % Männerquote in allen Jahren in den Kategorien Regie, Autor*in, Dirigent*in.

    PIA JANKE: Liegt es an den großen etablierten Institutionen?

    HEDWIG KAINBERGER: Selbstverständlich. Im Burgtheater gab es zwar einige Regis­seurinnen, sie durften aber alle nur auf den kleinsten Nebenbühnen, vielleicht noch im Akademietheater, nicht aber auf der großen Bühne inszenieren. Je größer das Renommee und je mehr man verdient, desto eher ist es ein Mann und desto weniger Chance hat eine Frau. Vielleicht liegt das daran, dass Frauen nicht so kämpferisch sind und das Inszenieren und Dirigieren freie und hochriskante Arbeitsformen sind. Wenn man zwei Mal eine Inszenierung in den Sand setzt, ist man weg. Das ist ein brutales Geschäft und etwas anderes als eine Angestellten­tätigkeit. Man exponiert sich, muss immer etwas Neues erfinden, sich bemühen und Ideen ausprobieren. Das ist psychischer und physischer Stress. Wenn man das ein Mal schafft, muss man schauen, dass man seine Pfründe erhält. Man hat keine Sicherheiten und braucht immer wieder Engagements.

    PIA JANKE: Das heißt, es liegt auch am Betrieb und an dessen Strukturen?

    HEDWIG KAINBERGER: Je weiter hinauf es geht, desto größer wird der Druck. In der Oper ist er stärker als im Schauspiel. Wenn man im freien Geschäft ist, ist Regie und Dirigat ein Kampf mit dem Tiger. Wer drinnen ist, lässt keinen anderen hin­ein. Es laufen Intrigen, jeder verteidigt seine Spitzenposition und geht schlimms­tenfalls quasi über Leichen, damit er sie behält, weil es dabei um Existenzen geht. Eine Frau bleibt lieber in der zweiten Reihe und kann trotzdem inhaltlich in die­sem Metier arbeiten. Sie hat zwar weniger Geld, aber das macht nichts, weil sie keine Yacht braucht. Sie ist hier auch schöpferisch an Kunst beteiligt.

    PIA JANKE: Salzburg war immer ein Ort für Diven und Stars. ANNA NETREBKO und ASMIK GRIGORIAN wurden bei den Festspielen dazu gemacht. Wurde hier in den letzten Jahren versucht, traditionelle Frauenbilder aufzulösen? Der Begriff des Genderfluiden ist mittlerweile auch in Salzburg angekommen – Stichwort Jeder­mann. Ist das nur eine Modeerscheinung oder tatsächlich ein neuer Anspruch der Festspiele?

    HEDWIG KAINBERGER: Der Jedermann ist eine Ausnahmesituation, weil er ein mir kaum begreifliches Medieninteresse auslöst. Der Jedermann ist wichtig und mei­ner Meinung nach ein gutes Stück. Ich muss es mir aber nicht 47 Jahre lang jedes Jahr anschauen. Es scheint jedenfalls einen Nerv zu treffen, was auch der Grund dafür ist, warum es sich bewährt. Trotzdem ist mir dieser Medienhype, der sich vom Inhalt losgelöst hat, nicht begreiflich – und noch weniger der Buhlschafts­hype.

    PIA JANKE: Wird auf diese Weise nicht auch ein Frauenbild weitertradiert, das längst überholt ist?

    HEDWIG KAINBERGER: Es hat einmal eine Ausstellung gegeben, Die Kleider der Buhl­schaft, die sehr schön war. Die Salzburger Festspiele haben gute Kostümbildner. Es ist beeindruckend, wie man an den Materialen und den Stilen die jeweilige Zeit herauslesen kann. Aber die Präsentation des Buhlschaftskleids am Tag der Premiere empfinde ich als deplatziert. Die Leute wollen aber diese Pressekonfe­renz – man reagiert damit also auf einen Wunsch des Publikums.

    PIA JANKE: Margarethe Lasinger hat uns erzählt, dass die Leute bei den Festspielen die Pressekonferenz als einen Klotz am Bein empfinden und sie nur veranstaltet wird, weil von den Medien und dem Publikum danach verlangt wird. Die Salzburger Festspiele spielen also mit und transportieren dadurch ein Frauenbild, das nicht mehr zeitgemäß ist. Spannend ist auch, dass man den Jedermann vor 30 Jahren abschaffen wollte und er heutzutage als das Identitätsstück der Festspiele angesehen wird.

    HEDWIG KAINBERGER: In den 1970er Jahren fürchtete das damalige Direktorium der Salzburger Festspiele, sie müssen den Jedermann absetzen, weil man die Karten nicht hat verkaufen können. Die Buhlschaft stellt auf gewisse Weise ein überhol­tes Frauenbild dar. Es kann trotzdem auf heutige Frauen passen, Brigitte Hob­meier hat die Rolle z.B. ganz anders gespielt.

    PIA JANKE: Birgit Minichmayr hat die Rolle ironisch gespielt.

    HEDWIG KAINBERGER: Auch Stefanie Reinsperger hat ein wunderschönes Ende ge­spielt. Als Tobias Moretti als Jedermann zu ihr gesagt hat, sie müsse nun mit ihm gehen, hat sie ihm auf eine sehr liebende Art geantwortet: Ich würde ja, aber ich kann nicht. Es geht nicht, du musst das jetzt allein tun.

    PIA JANKE: Bemerkenswert ist, dass es diese Szene bei Hofmannsthal gar nicht gibt.

    HEDWIG KAINBERGER: Aber man kann das Stück so inszenieren, als ob es sie gäbe. Das war eine Geste, durch die beide auf gleicher Augenhöhe waren. Das finde ich an dem Stück gut: Es hat eine Elastizität, und es sind unterschiedliche Inter­pretationen möglich.

    PIA JANKE: Es sind in den letzten Jahren einige Bücher über die Salzburger Festspie­le erschienen, die alle von Männern verfasst wurden. Was wäre deiner Meinung nach von der Geschichtsschreibung in unserem Kontext zu tun?

    HEDWIG KAINBERGER: Im Sinne der Geschichtsschreibung müssten Salzburger Fest­spiele stattfinden, bei denen Frauen als Gestalterinnen und Schöpferinnen in maßgeblichen Positionen vorkommen, damit man in Zukunft etwas von Frauen erzählen kann, die hier etwas geschaffen und geschöpft haben. Das ist das Wich­tige: dass man eine Geschichte erzählen kann, in der Frauen vorkommen.


    HEDWIG KAINBERGER

    Studium der Betriebswirtschaftslehre, des Kulturellen Managements (Postgraduate-Lehrgang), der Finanzwissenschaft und der Kunstökonomie. Publikationen zur Finanzgeschichte der Salzburger Festspiele, darunter Ohne Geld kein Festspiel (2005). 1985-91 Tätigkeiten für die Salzburger Festspiele im Pressebüro sowie im Künstlerischen Betriebsbüro bzw. in der Dramaturgie. Seit 1989 Journalistin bei den Salzburger Nachrichten, 1997-2002 EU-Korrespondentin in Brüssel. Seit 2003 Leiterin des Kulturressorts der Salzburger Nachrichten.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Revision als Chance

    Revision als Chance

    Gender-Schwerpunkte im Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele

    PIA JANKE: Welche Wertigkeit haben Gender-Aspekte heute bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Da die Frage sehr allgemein gestellt ist, muss ich etwas ausholen, um das zu differenzieren. Die Struktur der Salzburger Festspiele ist relativ komplex: Der Salzburger Festspielfonds, der Rechtsträger der Salzburger Festspiele, setzt sich aus drei Gremien zusammen, aus der Delegiertenversammlung, dem Kuratorium und dem Direktorium. Das Direktorium, bestehend aus Präsident*in, Intendant*in und kaufmännischer Direktion, ist für die Programmierung, Budgetaufstellung und Durchführung der Salzburger Festspiele verantwortlich. Das Kuratorium ist als Aufsichtsorgan für die Genehmigung des Budgets, des Rechnungsabschlusses und des künstlerischen Programms zuständig sowie für die personelle Besetzung des Direktoriums. Die Delegiertenversammlung wiederum nimmt die vom Kuratorium genehmigten Beschlüsse entgegen.

    Mit anderen Worten: Die künstlerische Hoheit liegt beim Direktorium respektive seinen Bereichsleiter*innen, wozu auch die Schauspieldirektion gehört. Sämtliche Entscheidungen bezüglich Postenbesetzung innerhalb der Salzburger Festspiele liegen ebenfalls beim Direktorium – teilweise bei den Bereichsleiter*innen und der Personalabteilung.

    Diese zwei Bereiche – künstlerische Setzungen und personelle Besetzungen innerhalb der festen Belegschaft – spiegeln unterschiedliche Bilder wider. Im Bereich des fest angestellten Personals der Salzburger Festspiele spielen GenderAspekte jedenfalls eine Rolle, das zeigt sich auch in Hinblick auf die personellen Besetzungen in Schlüsselrollen und in verschiedenen Maßnahmen, die diese Prozesse unterstützen. Bezüglich des künstlerischen Programms obliegen die Entscheidungen den jeweiligen künstlerischen Leiter*innen der Sparten und sind dementsprechend inhomogen, da das Interesse an und die Wertigkeit von Gender-Aspekten divergieren. Diesbezüglich gibt es keinen „common sense“. Daraus folgend war das Spektrum in den Jahren, in denen ich die Leitung des Schauspiels innehatte, sehr groß und breit gefächert.

    PIA JANKE: Sind die Salzburger Festspiele deiner Einschätzung nach ein Ort, an dem Fragen zu geschlechtsbasierter Ausgrenzung und Diskriminierung diskutiert werden?

    BETTINA HERING: Aus dem oben Erläuterten kann ich nur für mich sprechen. Selbstverständlich wurden im Schauspiel in den letzten sieben Jahren künstlerisch viele dieser Fragen behandelt und standen eindeutig im Fokus des Programms. Eine künstlerische Auseinandersetzung ist keine Diskussion, aber entfacht Diskussionen, was im Falle des Schauspiels immer wieder der Fall war. Stücke wie Rose Bernd von Gerhart Hauptmann, Lulu von Frank Wedekind, Penthesilea von Kleist, Gorkis Sommergäste, Maria Stuart von Friedrich Schiller, Ingolstadt von Marieluise Fleißer und viele andere, die in meinen Jahren auf dem Spielplan standen, haben sich intensiv mit den Thematiken der Frau in der jeweiligen Gesellschaft auseinandergesetzt und auf künstlerisch unterschiedliche, aber auch sehr direkte Art den Jetzt-Stand sozusagen abgefragt. Die heutigen Interpretationen von Iphigenia, des Schnitzler‘schen Reigen, die Dramatisierung des Romans von Mareike Fallwickel Die Wut, die bleibt, um nur einige zu nennen, haben in aktuellen Überschreibungen und Neuschöpfungen direkte Konflikte aus der Gegenwart angesprochen und verhandelt, ein großes Publikum gefunden und starke Kontroversen ausgelöst.

    Aber nicht nur die Wahl der Stücke ist entscheidend, um die Sinne für Diskriminierung und Ausgrenzung zu schärfen und zur Verhandlung zu stellen, sondern selbstverständlich auch die Besetzungen und Umsetzungen der jeweiligen Stücke sowie die begleitenden Formate – in meinem Fall die Lesungen, SchauspielRecherchen, Filmschienen. Alles zusammen ergibt ein Bild.

    Wenn die Soziologin Eva Illouz über die neue Liebesordnung spricht, Martha Nussbaum über die Demokratie, Elisabeth Orth eine literarische Rede über das Jahrhundert hält, Lina Beckmann Richard The Kid & The King spielt, Manifeste aus Kultur und Kunst gelesen und diskutiert werden, Madame Bovary in einer Lesung auf die Bühne findet, das Kapital „Geschlecht“ diskutiert wird, Carolin Emcke in mehreren Vorträgen präzise das Programm analysiert, wenn mit Nicole Seifert über abgewertete Literatur von Frauen gesprochen wird und Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht von dreizehn großartigen Schauspielerinnen gelesen wird, um nur einige Programmpunkte zu nennen, wird ein Panorama entworfen, das sich mit verschiedensten künstlerischen Mitteln mitten im Diskurs befindet. Gleichzeitig ist es aber – und das ist ein äußerst wichtiger Aspekt – künstlerisch ganz eigenständig und aussagekräftig. Die vielen Regisseurinnen, die in den letzten sieben Jahren mit ihren künstlerischen Teams bei den Salzburger Festspielen inszeniert haben, brachten sehr viele neue Aspekte und Perspektiven zu den Festspielen, die in der Art und Ballung noch nicht zu sehen waren.

    PIA JANKE: War das schon immer so? Wann hat es hier, deiner Meinung nach, Änderungen gegeben?

    BETTINA HERING: Ich war die erste Frau, die die Sparte Schauspiel geleitet hat. Selbstverständlich hat dies – in meinem Fall ist dies so, und so sollte es auch in jedem Fall sein – einen großen Effekt auf die Programmierung mit ihren Inhalten und Umsetzungen. Es gab bei meinen Vorgängern in unterschiedlicher Ausführung große innovative Ansätze, die verschiedene Topoi ins Zentrum und damit zur Diskussion stellten. Der Shift hin zu einem Schauspiel, das in Hinblick auf die strukturelle Lage der Geschlechter und insbesondere der Frauen mit einem hohen Bewusstsein und entsprechenden Taten agiert hat – und zwar bezüglich aller Aspekte, von den inhaltlichen sowie zu den Besetzungen der künstlerischen Teams und der Rollenbesetzungen –, war in diesem Ausmaß vor meinem Antritt noch nicht vorhanden.

    PIA JANKE: Wie beurteilst du die Gründung der Salzburger Festspiele in Hinblick auf Gender? War diese Gründung ein männlich-patriarchales und dezidiert konservatives, stark katholisch geprägtes Konstrukt?

    BETTINA HERING: Der Gründung der Salzburger Festspiele liegt keine lineare Entwicklung zugrunde, wie allgemein bekannt ist. Die Stadt Salzburg hat eine reiche Tradition in Hinblick auf musikalische und szenische Darbietungen und dies schon vom Mittelalter ausgehend. Der fürsterzbischöfliche Hof, der Dom und die Universität als grundlegende Trias hat dieses künstlerische Klima auf mannigfaltige Art gespeist und gefördert. Mit der Geburt Mozarts und seinem Wirken im internationalen Bereich wie auch in Österreich wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dem Genie Mozart wurde nach seinem Ableben in unterschiedlichen Formen gehuldigt. Die Salzburger Mozartfeste, eine der Initiativen, die acht Mal bis 1910 stattfanden und von der Sopranistin Lilli Lehmann initiiert wurden, waren ein früher Vorläufer der Salzburger Festspiele. In den nachfolgenden Gründungsgremien waren keine Frauen integriert, und entsprechend gab es keine Frau, die sich an der Umsetzung der ersten Festspiele 1920 beteiligte. Die Journalistin und Kritikerin Berta Zuckerkandl, die gerne auch Salonnière genannt wurde, weil in ihrem Salon die wissenschaftliche und künstlerische Elite verkehrte, war zwar beratend für den ihr vertrauten Max Reinhardt tätig, erhielt aber keinerlei offizielle Funktion. So fügte sich das Gründungskomitee nahtlos in das männlich dominierte Bild dieser Zeit.

    Formal ja, aber inhaltlich würde ich die Gründung nicht als dezidiert konservativ bezeichnen, da mit Max Reinhardt ein Theatermann an vorderster Front agierte, der zu dem Zeitpunkt zwar nicht mehr, wie vor allem in den ersten Jahren als Intendant am Deutschen Theater in Berlin, junge kontroverse Autor*innen und Künstler*innen ganz aktiv förderte, aber immer noch in diesen Zusammenhängen lebte. Als Jude wurde er zudem von vornherein antisemitisch angefeindet – und zwar mit drastischen Folgen. Z.B. wurde ihm der Vorsitz der Salzburger Festspiele verwehrt, sodass er in dieser Gesellschaft, trotz der Anerkennung seiner künstlerischen Erfolge, ein quasi etablierter Outcast war und blieb. Hugo von Hofmannsthal wurde als assimilierter Katholik wiederum in der Bevölkerung nicht entsprechend wahrgenommen, und so galten die Salzburger Festspiele von Anfang ihrer Gründung an auch als jüdische Festspiele, die, so die damalige Politik zur Legitimation, einen starken und klaren Ausgleich in ihrer Organisation brauchten. In diesem komplexen Sinne waren die Festspiele zwar katholisch geprägt, aber mit einem Erzbischof, der religiöser Protektor der Festspiele und ihrer jüdischen künstlerischen Leitung wurde.

    PIA JANKE: In welchen Phasen der Festspiel-Geschichte hat es aus deiner Sicht eine Infragestellung dieses Gründungsmythos gegeben?

    BETTINA HERING: Schon in den ersten Jahren gab es mit musikalischen Uraufführungen und zeitgenössischem Tanz auch eine Form von Avantgarde bei den Salzburger Festspielen. Mit der Inszenierung von Goethes Faust in der Felsenreitschule und der Simultanbühne von Clemens Holzmeister schuf Reinhardt ein spektakuläres Setting, das den Ruf der Salzburger Festspiele als Ort, wo vieles möglich gemacht wird, untermauerte.

    Mit Gerard Mortier zog, meiner Meinung nach, nach den Jahren mit Herbert von Karajan als Intendant und des sich weiter Etablierens, Vergrößerns, nach Jahren der Internationalisierung, des Baus des Großen Festspielhauses als eine dieser Manifestationen, eine neue Perspektive ein. Mortier war kein Österreicher, was deswegen erwähnenswert ist, weil er zugleich geschichtsbewusst und trotzdem freier war in seiner Sicht auf dieses Land und eine seiner größten Kulturinstitutionen. Die Inhalte wurden provokanter und der Zugang zugleich offener, das Publikum wurde jünger – insgesamt ein Wendepunkt in der spezifischen Geschichte der Salzburger Festspiele und somit auch des Gründungsmythos, der seine Dominanz verlor.

    Karajan war durch seinen politischen Hintergrund gebrandmarkt. Dieses Momentum fiel nun ab und weitete den Blick, der wiederum andere Künstler*innen nach Salzburg brachte und das Profil – schwankend zwischen Tradition und Avantgarde – weiterhin schärfte.

    PIA JANKE: Warum bezieht sich das Direktorium der Salzburger Festspiele immer noch auf diesen Gründungsmythos, um die Festspiele aktuell zu legitimieren?

    BETTINA HERING: Der Gründungsmythos zeigt auf, wie stark die Kunst in Zeiten der Katastrophen und Unruhen sein kann, wie unersetzlich Kunst und Kultur ist und dass sie auch in Zeiten von finanziellen Krisen beibehalten werden muss. Darüber hinaus ist er ein Beispiel für visionäres, großes Denken, für geistige Verpflichtungen, die man eingehen kann, muss und die es zu kommunizieren gilt. Die Gründungsidee ist ebenfalls bestechend, weil sie europäisches Denken und eine entsprechende Vernetzung in den Mittelpunkt rückt, auch wenn diese seit vielen Jahren weiter expandiert ist. Mit anderen Worten: In Zeiten der Krisen und Katastrophen, die wir erleben, von der weltweiten Bedrohung der Demokratie bis zu Kriegen in Europa und Nahost, vom Coronavirus und von ökonomischen Katastrophen, von riesigen sozialen Unruhen und Verwerfungen, von massiven gesellschaftlichen Veränderungen, liegt eine Rückbesinnung auf die Grundtugenden respektive auf die Kraft von Kunst und Kultur auf der Hand.

    PIA JANKE: Muss die grundsätzliche Programmatik der Salzburger Festspiele, deiner Meinung nach, einer Revision unterzogen werden? Was ist bei den Salzburger Festspielen strukturell, also organisatorisch-hierarchisch in Hinblick auf Gender zu ändern?

    BETTINA HERING: Nach 100 Jahren ist es auf jeden Fall nötig, alles einer Revision zu unterziehen, und das, wie man so schön sagt, auch als Chance zu sehen. Auch den Gründungsmythos gilt es fortzuschreiben, was mit dem Memorandum 2020 in Angriff genommen wurde. Gerade in den letzten Jahren wurden mit Symposien viele wissenschaftliche Projekte bezüglich der Historie und der Praxis der Salzburger Festspiele angestoßen und vollbracht.

    Sicher wäre es wichtig, intern ausführlich über grundlegende Themen zur Programmatik zu diskutieren und dies dann mit Experten aus verschiedenen Gebieten weiter zu vertiefen. Das bedarf viel Zeit, die man im jährlichen Arbeitsrhythmus der Festspiele kaum hat. Deshalb können solche Projekte nur stattfinden, wenn ein ganz starker Motor diese antreibt und sie für unabdingbar hält. Dies war bis jetzt nicht der Fall. Auch strukturell gäbe es Klärungsbedarf, der nicht nur, wie in jedem Betrieb, sozusagen einer jährlichen Revision unterzogen wird, gerade in Hinblick auf Genderfragen.

    PIA JANKE: Wie siehst du deine Zeit als Leiterin des Schauspiels im Kontext eines neuen/anderen Gender-Bewusstseins?

    BETTINA HERING: In den sieben Jahren meiner Leitung des Schauspiels haben – ganz faktisch – so viele Frauen inszeniert, wie noch nie in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Ja, insgesamt haben so viele Frauen wie noch nie Projekte, Produktionen umgesetzt, Texte verfasst und Gespräche geführt, Vorträge und Lesungen abgehalten und waren künstlerisch und strukturell hinter der Bühne genauso zahlreich wie auf der Bühne. Das ist die gute Nachricht.

    Die Diskussionen, die vor allem über die Besetzungen der Buhlschaften geführt wurden, haben auf fast erschütternde Weise gezeigt, was für ein weiter Weg noch zu gehen ist. Mit Sicherheit haben die großartigen Schauspielerinnen Stefanie Reinsperger, Valery Tscheplanowa, Caroline Peters, VERENA ALTENBERGER und Valerie Pachner, die zum ersten Mal in der Jedermann-Historie den Tod und die Buhlschaft übernahm, dem konventionellen Frauenbild, das eine Jedermann-Inszenierung abzufordern scheint, gegen alle Widerstände viele neue Facetten erobert. Das ist auch eine gute Nachricht, der aber, wie erwähnt, ein Befund zugrunde liegt, den ich in seinem strammen Backlash so nicht erwartet hätte: Viele Frauen und auch Männer haben mich in den Jahren sehr dezidiert auf mein Programm angesprochen. Viele, weil sie sich thematisch wiedergefunden haben und auch davon gesprochen haben, dass sie froh sind, dass gesellschaftspolitische Themen in ihrer jeweiligen ganz eigenen künstlerischen Form selbstverständlich Platz im Theater haben, andere, die „trotz der manchmal feministischen Thesen“ auch etwas damit anfangen konnten – oder eben nicht. So wie meine Generation eine Art – hoffentlich! – Übergangsmodell darstellt, so konträr waren auch die Reaktionen. Da die Salzburger Festspiele eine wunderbar große Plattform bieten, muss diese Plattform auch kreativ genutzt werden.

    PIA JANKE: Welche Schwerpunkte und Initiativen waren für dich dabei besonders gelungen und warum?

    BETTINA HERING: Angetreten sind wir mit der Idee einer Festspieldramaturgie, das heißt, dass sich die Sparten über den jeweiligen Festspielsommer hinweg nicht mit einem Slogan, sondern mit einer gemeinsam verabredeten Thematik beschäftigen, sodass eine Gesamterzählung stattfinden kann. Diese – das kenne ich gut aus anderen Zusammenhängen – ergibt einen sogenannten „Spirit“, auch wenn die einzelnen Zuschauer*innen nicht alles davon wahrnehmen können. Aufgrund dieser Voraussetzung und weil die Oper einen weitaus größeren Planungsvorlauf hat als das Schauspiel, fungierte die Opernsparte als diejenige, die die inhaltlichen Setzungen in Hinblick auf das jährliche Thema früher vornahm.

    Das wiederum bedeutete für meine Programmierung, dass ich mich mit Freude – weil ich es viel interessanter finde, mich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die miteinander in Korrespondenz treten können – daran orientierte und es so zu einer jährlichen Schwerpunktsetzung kam. Im Umkehrschluss muss festgehalten werden, dass gewisse andere Themen wenig Widerhall finden konnten. Die Beschäftigung mit der Geschichte und deren zum Teil vergessenen Akteur*innen der Salzburger Festspiele wie zum Beispiel Ernst Lothar, war ein fixer Bestandteil meiner Überlegungen, und es gab – gemeinsam mit dem Publikum – viel zu entdecken.

    Die Erfindung der Schauspiel-Recherchen, die als offenes Gefäß das Programm begleiteten, fand ich äußerst gelungen und bereichernd. Die Schauspiel-Recherchen haben vom ersten Tag an ihr Publikum gefunden und erlaubten es uns, mit dem Publikum noch näher und in vielseitigen Kontakt zu kommen. Die Schauspiel-Recherchen haben meiner Meinung nach den Festspielgedanken sehr gut aufgenommen – nämlich, dass Kunst und Wissenschaft spannend zusammenfinden können und dass die Festspiele umso mehr zum Welttheater werden können, je mehr Wissen und Können an diesem Ort in diesen kurzen Sommerwochen zusammenkommen.

    Die Wiederbelebung des Genres Lesung war äußerst erfolgreich. Sie brachte – abgesehen von der Dramatik – Weltliteratur auf die Bühne und stemmte sich der schnellen digitalen Welt entgegen. Denn gerade für die Marathonlesungen musste man Zeit und Geduld mitbringen. Sie gaben einem im Gegenzug die einmalige Chance, Bücher, die alle kennen aber niemand gelesen hat, von fantastischen Kolleg*innen vorgelesen, erläutert und dargestellt zu bekommen.

    Die Filmschiene, die Olaf Möller jährlich in unterschiedlichem Ausmaß kuratierte, zeigte Filmkunst aus allen Zeiten auf höchstem Niveau, die man nirgendwo anders sehen konnte. Das ausführliche Filmprogramm über das Ensemble von Max Reinhardt, dessen Protagonist*innen auch den deutschen und österreichischen Film prägten, sowie das Programm über die Thimig-Dynastie, das wir für das Jubiläumsjahr 2020 entworfen hatten, aber erst 2021 zeigen konnten, war eine große Aufarbeitung dieses Teils der Filmgeschichte und ging in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria eine wichtige Partnerschaft ein.

    PIA JANKE: Wo hat es Probleme gegeben? Wo siehst du Defizite, die weiterwirken?

    BETTINA HERING: Probleme gab es sicher immer wieder in der Abstimmung. Wenn man konsequenter über die Sparten hinweg und enger miteinander arbeiten würde, könnte man einzigartige spartenübergreifende Projekte realisieren. Wo, wenn nicht da?

    Die Defizite entstehen an diesem Ort leicht, weil sie strukturell schon auf der Hand liegen. Dass Konzert- und Schauspieldirektion nicht Teile des Direktoriums sind – zwar künstlerisch autonom, aber trotzdem vom Direktorium abhängig, und zwar auch budgetär –, ist ein Widerspruch in sich selbst, mit dem schon meine Vorgänger zu kämpfen hatten. Die Problematiken, die dieser Struktur entwachsen, wirken weiter. Darüber hinaus sind es immer die Individuen, die einen gemeinsamen Klang ausmachen: C‘est le son qui fait la musique.

    PIA JANKE: Welche Stellung schreibst du Hofmannsthals Jedermann bei den Salzburger Festspielen zu? Welche Funktion hat das Stück?

    BETTINA HERING: Der Jedermann von Hofmannsthal auf dem Domplatz in Salzburg ist ein Zufall der Theatergeschichte. 1911 fand die Premiere im Berliner Circus Schumann statt und war kein großer Erfolg. Nach jahrelanger Vorbereitung, intensiven Überlegungen und Planungen von Hugo von Hofmannsthal, den dieser Stoff des mittelalterlichen Everyman schon lange beschäftigte und in Max Reinhardt einen Interessenten fand, landete die Moralität in der Hofmannsthal‘schen Fassung und einer neu kreierten Sprache, die ein Kunstkonstrukt in Anlehnung an die mittelalterliche Sprache war, nicht im Herzen der Berliner. Für Reinhardt, der sich in seinem ganzen künstlerischen Leben gewissen Stoffen immer wieder widmete – man denke nur an den Shakespeare‘schen Sommernachtstraum –, war die Geschichte des Jedermann damit noch nicht fertig geschrieben. Für die Erstausgabe der Salzburger Festspiele war allerdings eine Uraufführung vorgesehen. Hugo von Hofmannsthal sollte Das Salzburger Große Welttheater rechtzeitig fertigstellen, was ihm nicht gelungen ist. So wurde ganz schnell – und das zeigt den wahren Theatermann Reinhardt – eine Wiederaufnahme des Jedermann aus dem Hut gezaubert. Im Prinzip kein guter Einstieg für die lange geplante Gründung der Salzburger Festspiele, denn wer möchte schon mit einer nicht originären Inszenierung bei so einem Unternehmen antreten? Max Reinhardt machte das Beste daraus mit der alles entscheidenden Neuerung: dem Schauplatz vor dem Salzburger Dom. Wie so viele Stimmen sagten und sagen, fand der Jedermann erst damit seine künstlerische Heimat.

    Der Zeitpunkt war genauso mitentscheidend: Die Salzburger Festspiele wurden nach der devastierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen – wie einer grassierenden Hungersnot in Salzburg – als identitätsstiftende Initiative mit dem Wunsch nach völkerverbindenden kulturellen Erlebnissen gegründet, mit der Vision einer neuen europäischen Verbundenheit als Friedensprojekts, sowohl für Österreich wie für Europa, eingedenk eines neuen Kosmopolitismus. Auf Basis all dessen, verbunden mit den handfesten budgetären Problematiken der ersten Jahre, hatte der Jedermann an diesem Ort einen von vornherein speziellen Platz in der Theatergeschichte. Dieser hat sich durch viele Komponenten weiter zu einem einzigartigen Platz in der Theatergeschichte entwickelt: Zum einen anhand des Aspekts, dass ein Freiluftspiel auch für die darbende Bevölkerung konzipiert wurde, indem gewisse Vorstellungen den Salzburger*innen zur Verfügung gestellt wurden, dass die Stadt zur Bühne wurde, zum anderen aus künstlerischen Gründen, waren doch die Schauspiel-Besetzungen von Anfang an exquisit.

    Der Jedermann hatte in den 1920er Jahren mehrere Funktionen: Auf der politischen Ebene versuchte er der traumatisierten Bevölkerung Halt zu geben und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in eine andere Sphäre zu überführen, in der der Tod gegenwärtig ist, der Erlösungsgedanke aber dominiert. Bereits in diesen Jahren zog der Jedermann Sponsoren sowie ein internationaleres Publikum an. Dass der Jedermann einen so langen Lebensatem haben würde, davon konnte in diesen ersten Jahren niemand ausgehen, das war eine Entwicklung, die vom Interesse des Publikums wie von finanziellen Aspekten getragen wurde.

    Die künstlerische Ebene mit ihren wechselnden Besetzungen, später auch mit wechselnden Regiekonzepten, hat sich erst nach Jahren als Praxis niedergeschlagen und einen eigenen Schauspieler*innenkosmos eröffnet.

    Nachdem die Nationalsozialisten die Salzburger Festspiele übernommen hatten, setzte Joseph Goebbels im Jahre 1938 den Jedermann sofort ab. Im amerikanischen Exil verstarb Max Reinhardt, seine Witwe Helene Thimig, die in seinem Ensemble als Schauspielerin engagiert war und mit ihm die schwierigen Jahre im Exil in der Hoffnung auf eine zweite erfolgreiche künstlerische Karriere verbrachte, kehrte auf Bestreben von Ernst Lothar nach Salzburg zurück und spielte 1946, als der Jedermann wieder auf seine Spielstätte vor dem Salzburger Dom zurückkehrte, die Rolle des Glaubens.

    Diese Re-Installierung des Jedermann war ein hoch politischer Akt, der Versuch einer Form von Gutmachung – dieses Mal auf den Trümmern der unvergleichlichen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit seinen ungeheuren Opferzahlen eines mörderischen Regimes. Die Rolle des Glaubens mit der Witwe von Max Reinhardt zu besetzen und ihr für die nächsten Jahre die Regie des Jedermann anzuvertrauen, war als Vorgang so mit Bedeutung aufgeladen, dass es schon aufgrund dessen gar nicht möglich war und ist, den Jedermann abzusetzen. Er steht nicht nur als Stück, als Welt-Parabel jährlich auf dem Domplatz, sondern immer noch als politische Manifestation. In diesem Sinne vereint das Stück Vom Sterben des reichen Mannes mittlerweile viele Parameter: als beispielloses Phänomen im deutschsprachigen Theaterbereich, als spektakulär große Bühne für herausragende Schauspielkunst, als Parabel auf das Leben und Sterben des Mannes, des Menschen, als Manifestation der Vergangenheit, der Gegenwart.

    PIA JANKE: Wäre ein Jahr ohne Jedermann bei den Salzburger Festspielen für dich denkbar? Wäre dies vielleicht sogar nötig?

    BETTINA HERING: Aus den bereits genannten Gründen sind für mich die Salzburger Festspiele ohne ihr Gründungsstück weder nötig noch denkbar. Die Aufgabenstellung für die Beibehaltung ist eine wesentlich kompliziertere und insgesamt sehr herausfordernd. Sie muss ernst genommen werden, sonst verliert das Phänomen an Reibung. Gerade der Jedermann als riesige Projektionsfläche hat die Möglichkeit, die jeweilige Zeit auszuleuchten. Deswegen ist bzw. kann er auch ein Spiegelbild des aktuellen Theaters, seiner Akteure und Akteurinnen sowie des Zeitgeistes sein.

    PIA JANKE: Wie bewertest du das Frauenbild im Jedermann?

    BETTINA HERING: Die Dramaturgie des Jedermann entspricht quasi einem Stationentheater: Sie ist ganz auf den Protagonisten zugeschnitten, alle auftauchenden Figuren verkörpern eine Station und haben im großen Ganzen – mit wenigen Ausnahmen – eine Szene. Das ist der Überbau, in dem sich alle – damit auch die weiblichen Figuren wie die Buhlschaft, die Mutter und des Schuldknechts Weib – bewegen. Die allegorischen Figuren betrifft das ebenso. Glaube und Werke wurden traditionell weiblich besetzt; Mammon, Gott, Tod und Teufel männlich. Diese Kategorien der Besetzung haben sich schon lange aufgelöst – in den Jahren meiner Leitung noch viel markanter. Das heißt, dass Schauspielerinnen mittlerweile im Jedermann auch andere Positionen übernehmen als die ihnen traditionell zugesprochenen. Aber abgesehen von diesen weiblichen Besetzungen der Allegorien nehmen die Frauenporträts einen kleinen Platz ein – wie die meisten anderen Figuren auch.

    Des Schuldknechts Weib ist eine klassische Ausführung der Frau, die zwar nicht mitverantwortlich ist, aber durch das Tun des Mannes denselben Schaden erleidet wie der, der ihn verursacht hat. Die Mutter im Jedermann verantwortet eine zentrale Szene, durch die wir einiges über den Jedermann erfahren. Sie zeigt seine christliche Sozialisation auf, die er missachtet, ermahnt ihn an die Tradition, der er sich nicht verpflichtet fühlt. Die Buhlschaft wiederum verkörpert den Gegenpol zum Tod und zum Jedermann in seiner gesellschaftlichen Position. Sie ist die Unverheiratete, die Geliebte, die ihm aber emotional sehr nahe ist. Sie ist die Figur, die am meisten aufgeladen ist respektive dazu gemacht wurde. Woher das übergroße Interesse, das sich an der Buhlschaft entzündet und das nicht proportional zur Größe der Rolle steht, genau stammt, kann ich nur im Raum der Spekulation belassen. Ist es die Lust des Menschen an der Lust? Am Leben? Zumindest ursprünglich? Dass sich die Beschäftigung mit der Buhlschaft über die Jahrzehnte in einen fast schon eigenen Kult verwandelt hat, ist der Entwicklung des Parameters der „hall of fame“ zuzuschreiben – einer inneren Entwicklung, die mit dem Stück nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit der gewachsenen Schauspieler*innentradition, die vor allem ästhetisch dominiert.

    Das Frauenbild im Jedermann ist in dieser Verteilung von Mutter, Geliebter und Ehefrau keines, das wir heute so aufsetzen würden – genauso wenig, wie man ein heutiges personenreiches Stück so protagonistisch ausrichten würde. Die Figuren stammen in ihren Funktionen aus dem Mittelalter, und diese Funktionen gibt es immer noch. Die Abwertung gegenüber den Frauenfiguren, die prinzipiell auch von der aufgeklärten Öffentlichkeit, der Presse und den künstlerisch Verantwortlichen schnell aufgesetzt wird, entspricht, wenn man den ganzen Kontext betrachtet, nicht dem, was intendiert war. Wie bei so vielen Stücken können wir anhand der Frauenfiguren und der grundsätzlichen Struktur feststellen, wie weit der Abstand zum heutigen Theater und auch zur heutigen Gesellschaft geworden ist. Das ist im Grunde genommen ein froher Befund.

    In der Umsetzung wiegt diese historische Distanz allerdings ungeheuer schwer, weil wir eine Beziehung zeigen wollen, die sich nicht in dieses klischierte Bild pressen lässt, das sich hartnäckig bestimmend gibt. Gerade die zentrale Szene zwischen Buhlschaft und Jedermann ist nicht nur, aber auch deshalb eine besonders schwere. Sie ist zu kurz, um viel etablieren zu können, und zu lange für einen „smashigen“ Auftritt.

    PIA JANKE: Nach wie vor findet eine Pressekonferenz statt, bei der u.a. das Kleid der Buhlschaft präsentiert wird. Warum?

    BETTINA HERING: Auch das haben wir über die Jahre verändert. Wir haben nicht nur das Kleid der Buhlschaft präsentiert, sondern die Kostüme des Jedermann. Das heißt, wir haben die Kostüme der Öffentlichkeit vorgestellt, von der Buhlschaft bis zum Tod und darüber hinaus. Zum einen, weil wir damit das enorme Handwerk der Salzburger Festspiele zeigen, und zum anderen, weil wir dem Publikum dadurch klar machen können, was ein ästhetisches Konzept ist.

    PIA JANKE: Was entgegnest du denjenigen, die den Salzburger Festspielen vorwerfen, dass sie mit der jährlichen Inszenierung des Jedermann und allem, was dazu gehört (Besetzung, Pressekonferenz etc.), zur Bestätigung und Reproduktion eines antiquierten, sexistischen Frauenbildes beitragen?

    BETTINA HERING: Wie ich schon erörtert habe, finde ich das Frauenbild nicht per se sexistisch, weil es aus einer vollkommen anderen Sphäre kommt, es kann auf der Bühne aber ganz leicht so ausgelegt, so gelesen und auch so interpretiert werden. Es ist mittlerweile sehr komplex, es nicht als sexistisch erscheinen zu lassen. Das antiquierte Bild ist ein Bestandteil dieser Gesamtallegorie, das wird man ihm nicht austreiben können, muss man aber auch nicht. Wenn das moderne Spieler*innen spielen, wie in den letzten Jahren, dann bekommt es eine Frische, die erstaunlich sein kann.

    Als Leiterin des Schauspiels weiß ich, dass das Erbe Jedermann ein fixer und ungemein schwieriger Bestandteil der gesamten Aufgabe ist. Ich finde es richtig, eine neue Konzeption aufgrund des großen Interesses im Rahmen einer Pressekonferenz zu präsentieren. Denn lieber habe ich Zeit und Platz, um diesen Topos zu besprechen und den Akteur*innen ihren Raum zu geben, als dass ich das nicht habe.

    PIA JANKE: Was waren deine Beweggründe, ein Werk zum 100-Jahr-Jubiläum in Auftrag zu geben, das einen neuen Blick auf den Jedermann-Stoff werfen sollte?

    BETTINA HERING: Das war eine Kombination aus zwei Gründen: Schon lange Zeit beschäftigte ich mich mit dem Stück Das Mirakel von Karl Gustav Vollmoeller, das Max Reinhardt inszenierte. Das Mirakel ist ein sprachloses Stück mit religiösem Inhalt, der Musik von Engelbert Humperdinck und einem großen Tänzerensemble. Vor einem immensen Publikum wurde Das Mirakel 1925 auch in Salzburg aufgeführt, nachdem es bereits einen europäischen Triumphzug hinter sich hatte und noch bevor es den Broadway eroberte. Viele Salzburger*innen spielten als Statist*innen mit, und die Parole von Max Reinhardt, „die ganze Stadt ist Bühne“, hat sich in dieser Inszenierung materialisiert.

    In Gent sah ich unter anderem Milo Raus Inszenierung Lam Gods (Der Genter Altar), in der er dieses zentrale religiöse Element der Stadt und die ihm zugrundeliegenden Geschichten mit Laien – Bewohner*innen der Stadt – neu erfunden, neu erzählt hat. Das fand ich sehr inspirierend. Milo Rau fand und finde ich schon seit langer Zeit einen der wichtigsten europäischen Theatermacher, dessen dokumentarisch-fiktionale Arbeiten nicht nur enorm politisch waren und sind, sondern auch enorm wichtig, mutig und elementar für unser Gegenwartstheater. In unserem ersten Gespräch stellten wir fest, dass es grandios sein könnte, den Jedermann im Jubiläumsjahr, in einer Mischung aus der Erzählweise des Genter Altars und des Mirakels, u.a. mit Laien in der Stadt neu zu erzählen, also auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen – quasi als Stadtereignis. Aufgrund diverser Entwicklungen, die auch mit Milo Raus Arbeit im Amazonas zu tun hatten, die viel später in seiner Inszenierung von Antigone im Amazonas gipfelte, wurde das Projekt personell gesehen kleiner und immer fokussierter, bis wir gemeinsam bei Everywoman gelandet sind.

    PIA JANKE: Kannst du den Ansatz von Everywoman beschreiben? Wie verhält sich das Stück zu Hofmannsthals Jedermann?

    BETTINA HERING: Der Ansatz ist, dass eine erfolgreiche Schauspielerin, wunderbar verkörpert von Ursina Lardi, einer Frau mit der fatalen Diagnose einer tödlichen Krankheit, Helga Bedau, begegnet. Ihr letzter Wunsch ist es, noch einmal auf der Bühne zu stehen. Und ausgehend vom Jedermann führen die beiden ein Gespräch über die richtige Lebensführung, über den Glauben und wie das ist, wenn der Tod wirklich anklopft. Ganz im Gegenteil zu der wuchtigen Inszenierung auf dem Domplatz ist dies ein sehr intimes Stück geworden, das die Bedrohung der Existenz nicht allegorisch auf die Bühne wuchtet, sondern im Dialog mit einer wirklich sterbenskranken Frau erörtert. Diese leisen Töne der Inszenierung, die später in der Schaubühne zu sehen war – und noch immer ist! –, haben in ihrer Direktheit und Authentizität dem Jedermann von Hofmannsthal einen fundamental anderen Pol entgegengesetzt und einen zutiefst menschlichen – auch weiblichen – Blick auf den Tod gezeigt.

    PIA JANKE: Wäre deiner Meinung nach eine radikal feministische Fortbeschreibung des Jedermann-Stoffes sinnvoll?

    BETTINA HERING: Das könnte sinnvoll sein, aber nicht auf dem Domplatz! Eine radikal feministische Fortschreibung müsste eine neue Erfindung sein mit einem neuen genius loci.

    PIA JANKE: Was wünscht du dir von der neuen Schauspiel-Chefin im Hinblick auf Gender-Aspekte bei den Salzburger Festspielen?

    BETTINA HERING: Dass Positionierungen nicht verwässert werden, dass sich der gesellschaftliche Backlash nicht eins zu eins abbildet.


    © Monika Rittershaus

    BETTINA HERING

    Studium der Germanistik, Philosophie und anthropologischen Psychologie. Tätigkeiten als Regieassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main sowie als freischaffende Regisseurin und Dramaturgin, beispielsweise für das Festival Literatur im Nebel in Heidenreichstein. 2012-16 Künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich. 2017-23 Leiterin des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen.

    PIA JANKE

    Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und an der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK; Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. Bücher u.a. zu Elfriede Jelinek, Peter Handke, Thomas Bernhard, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

  • Ausbruch aus der Linearität

    Ausbruch aus der Linearität

    KAROLINE EXNER: Wir wurden vom Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek gebeten, uns im folgenden Gespräch Gedanken zu den Salzburger Festspielen zu machen. Im Vorfeld haben wir einen recht umfangreichen Fragenkatalog erhalten, in denen verschiedene Aspekte von Diversität und Queerness thematisiert werden. Das erscheint mir eine zunächst irritierende Auftragslage zu sein, da die Salzburger Festspiele nicht zu den Festivals gehören, die ich unbedingt mit diesen Begriffen in Verbindung bringen würde. Wenn du an die Salzburger Festspiele und Queerness denkst, woran denkst du?

    MAZLUM NERGIZ: Erstmal an gar nichts.

    KAROLINE EXNER: Wieso?

    MAZLUM NERGIZ: Auf den ersten Blick erscheint es mir absurd und abwegig, einer derart etablierten Institution, deren Kernprogramm sich vor allem in der Oper, in der klassischen Musik und im alljährlichen Spektakel des Jedermann verortet, mit queeren Überlegungen beizukommen. Die erste Frage, die sich mir stellt: Was heißt das überhaupt: Eine Institution „queeren“? Und wo sollen wir denn da bei den Salzburger Festspielen anfangen? Ein Vorschlag für einen möglichen, persönlicheren Anfang: Kannst du dich noch an deinen ersten Besuch bei den Salzburger Festspielen erinnern? Wie oft hast du die Festspiele besucht? Welche Entwicklungen und Kontinuitäten hast du im Laufe der Zeit beobachtet?

    KAROLINE EXNER: Meine ersten Begegnungen mit den Salzburger Festspielen haben zu meiner Studienzeit stattgefunden: Da war ich zwei Mal über ein Stipendienprogramm dort, und ich habe diese Sommer sehr positiv in Erinnerung. Insbesondere die Gespräche, die wir mit dem Geiger Gidon Kremer sowie mit der Komponistin Kaija Saariaho geführt haben, haben mich als junger Mensch nachhaltig beeindruckt. Bei Gidon Kremer bin ich sicherlich schon mit einer gewissen „Heldenverehrung“ in die Begegnung gegangen, da ich bereits als junger Mensch seine Einspielungen geliebt habe. Bei den Festspielen durften wir bei einer Probe mit dem Kammerorchester Kremerata Baltica zuhören und hatten anschließend ein Gespräch mit Gidon Kremer. Ich erinnere mich, dass es vor allem darum ging, dass er sich als Künstler in seiner Begegnung mit einem neuen Werk intensiv mit den Einspielungen anderer Interpretierenden auseinandersetzt. Wichtig sei ihm zu erforschen, ob es einen Aspekt gibt, den er den bereits vorhandenen Einspielungen hinzufügen möchte, denn die Welt brauche keine weitere Aufnahme eines Konzerts von ihm, wenn es allein darum ginge, dass es ihm gerade Spaß macht, dieses zu spielen. Diese Offenheit für die künstlerische Arbeit anderer hat mich in Bezug auf das Theater inspiriert. Denn während meines Studiums am Reinhardt Seminar habe ich diesen Gedanken, dass sich Kunst auf Kunst bezieht und gegenseitig befeuert, eher vermisst. Die Idee, dass es wichtig ist, vom Geniegedanken wegzukommen, wenn man ein Stück inszeniert oder spielen will, indem man sich mit den bereits vorhandenen Interpretationen eines Textes auseinandersetzt, gab es nicht. Dabei heißt es bei Clemens Brentano nicht umsonst: „Nur Spinnen und Dummköpfe produzieren aus sich selber heraus.“11 Bei Kaija Saariaho hat mich schon allein die Tatsache, dass wir mit L‘amour de loin ein Werk einer Opernkomponistin bei den Salzburger Festspielen hören werden, begeistert. Im Gespräch hat mich beeindruckt, wie ruhig und zurückhaltend sie in den Kontakt mit uns getreten ist: Als ein junger Student sie immer wieder mit Fragen bombardiert hat, hat sie ihn lächelnd aber bestimmt darauf hingewiesen, dass er so sicherlich keine schnellere Antwort erhalten werde, wenn er sie dermaßen bedrängt, da sie für jede Antwort eine gewisse Bedenkzeit brauche. Immer, wenn er erneut fragt, weil sie noch nicht geantwortet hat, würde sie sozusagen wieder von vorne anfangen müssen. Diese Ruhe und Klarheit haben nicht in das Bild gepasst, das ich damals von erfolgreichen Frauen im Kulturbetrieb hatte. Bis zu diesem Tag gab es für mich eigentlich nur ANDREA BRETH.

    Interessant ist, dass mir schon damals auffiel, dass es für mich zwei Seiten der Medaille bei den Salzburger Festspielen gibt: Die Begegnung der Künstler*innen untereinander (und zu denen habe ich mich als Reinhardt Seminar-Regiestudentin selbstverständlich dazu gezählt) und die öffentliche Seite: Das Publikum, die Politik, die Häppchen, Schnittchen und weißen Spritzer. Da gab es keinerlei Teilhabe für uns – mangels Finanz, mangels Position, mangels Interesse. Sobald es „wichtig“ wurde, blieben wir außen vor. Das war auch eine frustrierende Erfahrung, die bis heute eine gewisse Ablehnung zur Folge hat, mich im Sommer ins Salzburger Getümmel zu schmeißen (seitdem war ich nur noch einen weiteren Sommer dort), obwohl ich mittlerweile auch auf der anderen Seite der Absperrungen stehen könnte. Ich freue mich für alle unsere Studierenden, die dort Bühnenerfahrungen machen können, und selbstverständlich war ich stolz, dass VERENA ALTENBERGER so wenige Jahre nach ihrem Abschluss an der MUK zwei Sommer lang als Buhlschaft auf der Bühne stand. Letzten Sommer war ich dann zeitgleich wegen eines Vortrags in Salzburg. Die Vorstellung war zu dem Zeitpunkt bereits restlos ausverkauft. Dazwischen war ich nur einen weiteren Sommer dort, um Ulrike Folkerts als Tod mitzuerleben. Die Abstände sind zu groß, um aus eigener Erfahrung über Kontinuitäten sprechen zu können. Aber wenn ich hier schon VERENA ALTENBERGER erwähne: Als sie gemeinsam mit Lars Eidinger im Jedermann auf der Bühne stand, wurde in der Presse viel über die genderfluiden Kostüme diskutiert.

    MAZLUM NERGIZ: Ich habe mir den Spielplan der Schauspiel-Sektion von 2023 angesehen. Dort begegne ich mutigen Konzepten: Themen wie Fürsorge, Alter und Liebe, Wut und Radikalität aus feministischer Sicht scheinen verhandelt worden zu sein. Dies existiert in Gleichzeitigkeit mit dem Jedermann. Bisher wurde diese Rolle jedes Jahr von einem Mann gespielt, bisher wurde dieses Stück immer von Männern inszeniert. Über mehrere Jahre hinweg ja sogar derselbe Regisseur. Abweichlerische Fragen von Wiederholungszwang und -mustern und erzwungener Bemühung um Normalität könnten hier gestellt werden. Abweichlerisch deswegen, weil ich glaube, dass darin die Aufgabe besteht, wenn wir queer denken und handeln wollen; den Rahmen in Frage zu stellen, der uns definiert; den Blick umzukehren, der uns Begriffe und Handlungen vorsetzt, die Realität als heterosexuelle Normalität behaupten.

    Einer Institution wie den Salzburger Festspielen mit einem Blickwinkel zu begegnen, der von Aspekten der Queer Theory herrührt, bietet Impulse für neue Fragestellungen: Wie stellt eine solche Kulturinstitution Wirklichkeit her? Welche Ketten von Geschlechternormativität sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch innerhalb der Institution am Werk? Wie verbinden diese sich mit anderen sozialen Fliehkräften, die Aspekte von Klasse, Race und Mobilität berühren? Wie verstärken sie diese sogar? Welche Rolle spielen in diesem Prozess Kommunikation, Teilhabe und Umverteilung? Mich interessiert daher, wie ein queeres Denken nicht nur Abweichungen außerhalb etablierter Geschlechternormen erlaubt, sondern aufzeigt, wie verzweigt und ineinander verflochten Phänomene der Macht wirken. Eine Institution queer zu denken, bedeutet auch die Reformierung ihrer Strukturen ganzheitlicher zu denken.

    KAROLINE EXNER: Bevor wir den Begriff allzu schnell auf die Salzburger Festspiele umstülpen, ohne zu wissen, worüber wir sprechen: Wie würdest du den Begriff umreißen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich kann mich dem grundlegenden Gedanken anschließen, dass queer keine Identität ist, ja geradezu identitäres Denken unterläuft. Vielmehr ist queer eine ausdrücklich relationale Bewegung des Denkens, Sprechens und Handelns, die, wie Judith Butler schreibt, in eine ganz andere als die ausdrücklich anerkannte Richtung verläuft. Die Verbundenheit innerhalb einer ausgedachten Gemeinschaft, innerhalb eines reellen Bündnisses, innerhalb einer Beziehung ist dabei immer mitgedacht. Queer meint immer die Art und Weise, wie wir uns neu ins Verhältnis zueinander, zur Welt setzen können. Insofern ist der Begriff ebenfalls gut geeignet, wenn es darum geht, neue, unerwartete, überraschende Allianzen und Bündnisse einzugehen im Kampf für gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Auch diesen Gedanken formuliert Judith Butler, den sie in Anmerkung zu einer performativen Theorie der Versammlung präzisiert.

    KAROLINE EXNER: Vielleicht wäre es an dieser Stelle interessant, einen Blick in die internationale Festivalszene zu werfen. Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, hat 2019 die Frauenquote für das Festival eingeführt. In dem kürzlich erschienenen Buch Status Quote. Theater im Umbruch beschreibt sie in einem Interview, dass es Zuspruch, Ablehnung, Jubel gab. Es gab Stimmen, die die Kunstfreiheit beschädigt sahen, andere werteten die Frauenquote als Signal der Freiheit für die Kunst. Diese Pro- und Kontra-Positionen gäbe es bis heute und zwar geschlechterunabhängig, beschreibt sie in ihrem Resümee. Die abgedruckten Interviews mit den Regisseurinnen des Berliner Theatertreffens lassen schnell erkennen, dass die Frauenquote eine viel umfassendere Vielfalt mit sich gebracht hat als allein die Frage, ob nun mehr regieführende Frauen beim Festival vertreten sind: Sie sind unterschiedlichsten Alters, bringen auf Grund unterschiedlicher Lebensrealitäten unterschiedliche Ästhetiken mit, haben körperliche Beeinträchtigungen oder auch nicht. Einige von ihnen stehen der Quote kritisch gegenüber, da sie ein binäres Menschenbild bestätigt, und sie wird doch als wichtiger Zwischenschritt gesehen. Die Regisseurin Claudia Bauer vertritt in einem der abgedruckten Interviews die These, die Frauenquote sei eingeführt worden, damit sie in Folge wieder abgeschafft werden kann. Es scheint, als würde die Tatsache, dass einem Aspekt – nämlich der Teilhabe von Frauen in einem männerdominierten Regieberuf – mit Aufmerksamkeit begegnet wurde, auch auf andere Bereiche ausstrahlen. Vielleicht können verschiedene Theater die Hebel an unterschiedlichen Bereichen ansetzen? Könnte eine Quote im Sinne einer offen kommunizierten Selbstverpflichtung ein Mittel sein, um durch die Vielfalt der künstlerischen Teams auch mehr queerere Themen und Ästhetiken auf die Bühne zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich bin ein ausdrücklicher Befürworter der Quote. Seit der Spielzeit 2023/24 bin ich Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. Fünf von sieben Produktionen inszenieren Regisseurinnen. Eine Quote ist aber keine Garantie für einen queeren Spielplan. Diese Überlegungen erfordern einen umfassenderen Blick für strukturelle Prozesse und Ästhetiken, die mit einer Quote nicht vollständig erfüllt werden können.

    KAROLINE EXNER: Das stimmt. Das eine sind die künstlerischen Leitungsteams, das andere sind die Themen. In unserem bisherigen Gespräch sind wir bisher ausschließlich auf das Sprechtheater eingegangen, was sicherlich damit zu tun hat, dass wir beide auch aus diesem Bereich kommen. Die Salzburger Festspiele stehen in der Außenwahrnehmung aber vor allem für die Oper. Diese folgt, so meine Erfahrung, ihren eigenen Gesetzen und Argumentationen. Oft werden im Bereich des Musiktheaters die verschiedenen Herkunftsländer der Mitwirkenden betont. Da die Menschen auf der Bühne ebenso wie die Mitglieder des Orchesters aus unterschiedlichen Nationen kommen, ist die Frage nach der Teilhabe meist schnell vom Tisch. Der Debatte um Gendergerechtigkeit auf der Bühne wird mit dem Hinweis begegnet, die Besetzung ergebe sich aus der Stimmlage der Partien, und zudem sei die Oper immer schon sehr fortschrittlich gewesen, denn es gäbe ja die lange Tradition der Hosenrolle. Zu diesem Thema verweise ich auf ein Gespräch, das letzten Sommer im Rahmen des Interdisziplinären Symposiums Kapital.Geschlecht im Salzburger Literaturarchiv stattgefunden hat und auf der Homepage des Forschungsnetzwerks abgerufen werden kann. Unter dem Titel O mio babbino caro – Starke Stimmen von Frauen im Musiktheater hat Klaus Bertisch ein Gespräch mit Juliette Mars und Hanna Schwarz geführt, in dem die Sängerinnen der Tradition der Hosenrolle durchaus kritisch gegenüberstanden.

    MAZLUM NERGIZ: Interessant ist doch auch, dass niemand von der Oper das verlangt, was vom Schauspiel gefordert wird: Repräsentation und Relevanz. Die Oper ist eine derart archaische Form, dass es wohl trotz der sicherlich diversen, internationalen Zusammensetzung der Teilnehmenden im Diskurs eine allgemeine Übereinkunft darüber gibt, dass es ziemlich sinnlos wäre, zeitgenössisch relevante, gesellschaftspolitische Forderungen an diese Kunstform zu stellen oder eine ebenfalls sinnvolle Antwort zu erwarten. Die Antiquiertheit entbindet die Oper sozusagen von jedem Versuch der Legitimation, die vom Theater gefordert wird.

    Vielmehr als Legitimationsversuche interessieren mich auch die möglichen Organisationsformen von Gemeinschaft, mit denen sich Theater immer wieder aufs Neue auseinandersetzen muss, so wie Maria Kuberg in ihrem Buch Chor und Theorie schreibt. Der Versuch, die Art und Weise, wie wir Gesellschaft und Gemeinschaft permanent neu stiften, irritieren und befragen, ist in dieser Funktion eingeschrieben. In diesem Versuch einer kontinuierlichen Suche nach Veränderungen sozialer Rituale liegt das Potential, niemals eine Form als das „Original“ anzuerkennen. Welche Alternativen liegen noch vor, sind ungedacht, vielleicht auch desorientierend, vielleicht auch befreiend? Sicherlich auch interessante Fragen für den Jedermann.

    KAROLINE EXNER: Obwohl ich dieses Jahr nicht zu den Salzburger Festspielen gefahren bin, lese ich gerne die ORF-Topos-Kommentare zu den Produktionen. In seinem Kommentar zu Bohuslav Martinůs Oper The Greek Passion bezeichnet Gerald Heidegger das Auftauchen der Flüchtlinge auf der Bühne als „rechtschaffende Humanitätsfrömmelei“2: Das Festspielpublikum würde sich in eine moralische Erinnerung applaudieren und sagt schließlich wie der Chor: Amen. Ich komme deswegen darauf zu sprechen, weil genau dieser Vorgang leider immer wieder in den Institutionen zu beobachten ist: Da werden auf der Bühne gesellschaftspolitisch wichtige Themen verhandelt, die politischen Bekenntnisse haben jedoch keinerlei Auswirkungen auf eine Veränderung der Strukturen jenseits der Bühne.

    MAZLUM NERGIZ: Ich stimme zu. Diversität ist mitnichten erreicht, indem man ausschließlich visuell klar lesbare Zeichen einsetzt, um eine Illusion von Teilhabe oder Veränderung zu postulieren. Es ist nicht damit getan, wenn wir die komplexe, vielschichtige Frage von Organisationsformen im Theater – in dem ja auch noch mehr Menschen arbeiten als nur die, die wir auf der Bühne sehen – mit öffentlichkeitswirksamen visuellen Zeichen kurzschließen, die Diversität und politische Involviertheit vorgaukeln, und dabei interne Prozesse der Teilhabe, Machtverteilung und Barrierefreiheit nicht mitgedacht werden.

    KAROLINE EXNER: Die Frage nach der Herkunft, der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion, körperlichen Beeinträchtigung ist – für sich genommen – für die Bühne nicht relevant. Erst, wenn die Menschen in ihrer Vielfalt gesehen werden und teilhaben können, auch an der Hochkultur eines Landes, sowohl als Publikum als auch als Kunstschaffende selbst, können wir von einer gerechteren Gesellschaft sprechen. In seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2023 hat Alexander Van der Bellen das Bild einer Gesellschaft entworfen, an der die Einzelnen gerne teilnehmen, weil sie das Gefühl hätten, das sei auch ihre Gesellschaft. Er zeichnete mit seinen Worten den „Weg eines begründeten Optimismus“3 und vermittelte das Gefühl, das Ziel sei eigentlich schon erreicht: Jede und jeder könne in Österreich lieben, wen er will (mit dem kurzen Hinweis seinerseits, dass mit „er“ der Mensch gemeint sei), wir leben in einer liberalen Demokratie und seien dementsprechend frei!

    MAZLUM NERGIZ: Ich sperre mich schon gegen eine befriedende, harmonisierende Rahmenprogrammkultur mit kritischen Impulsen, die sich gegönnt wird, um weiterhin das zu tun, was man tut, anstatt grundlegende Veränderungsprozesse anzustoßen und auszuprobieren. Eine relativ simple Maßnahme, wie zum Beispiel den Jedermann mit einer Frau zu besetzen – oder vielleicht etwas weniger radikal: das Stück von einer Frau inszenieren zu lassen –, kann sicherlich einen künstlerisch und gesellschaftspolitisch interessanten Impuls setzen. Haben wir damit das Patriarchat aus den Festspielen ausgemerzt? Nein. Haben wir die Festspiele gequeert? Vielleicht. Je nach Ansatz und Perspektive. Und jetzt? Symbolstarke Maßnahmen wie diese können nicht ausreichen, um notwendige Transformationsprozesse anzustoßen, die gleichwohl Tradition und Erbe nicht vergessen.

    KAROLINE EXNER: Siehst du jetzt Potentiale, die Salzburger Festspiele mit Queerness in Verbindung zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich sehe in prestigeträchtigen, renommierteren genauso wie in kleineren, unbekannteren Festivals die Möglichkeit des radikalen Bruchs mit unserer gewohnten Zeit und möchte den Theaterwissenschaftler José Esteban Muñoz zitieren, der queere Zeit als „stepping out of the linearity of straight time“4 beschreibt, was man ungefähr so übersetzen könnte: queere Zeit als Ausbruch aus der Linearität der heterosexuellen Zeit.

    Jedes Festspiel ist doch ein besonderes Ereignis und damit auch ganz zwangsläufig ein Bruch mit der gewohnten Zeit, mit der Zeit, wie wir sie normalerweise wahrnehmen. Allein dieser Tatsache müssen wir uns vergewissern. Und hier knüpfe ich auch an die Queer Theory an, die in meiner Lesart mindestens zwei wichtige Errungenschaften hervorgebracht hat: die Dekonstruktion eines Verständnisses einer diskreten, inselhaften Identität und die Dekonstruktion von Normativität, die sich als Natur maskiert.

    Ist das Fest nur zum Spiel, Spaß und Vergnügen da? Ich denke nicht. Es geht auch darum, die Untaten einer Gesellschaft zu benennen. Ein Festspiel ist auch dazu da, den vielen Schmerzen einer Gesellschaft Namen zu geben. Also: Die gewohnte (auch eine mögliche Übersetzung von „straight“, obgleich Muñoz ganz klar „heterosexuell“ meint, aber so weit auseinander liegen auf semantischer Ebene „gewohnt“ und „heterosexuell“ in der deutschen Sprache doch nicht) Zeit anzuhalten und sich zu erinnern, wer nicht mehr da ist, wer fehlt; körperlichen und gesellschaftlichen Wunden nachzugehen, vielleicht auch: sie zu heilen. Ein Festspiel bewegt sich von sich aus schon in queerer Zeitlichkeit, wenn es sie auch als solche wahrnimmt. Vielleicht gehen wir auch einen Schritt zurück und versuchen nochmal anders zu verstehen, woran wir uns annähern: Formen der Institutionskritik mit queeren Theorien von Zeitlichkeit miteinander zu verbinden.

    Die Künstlerin und Philosophin Hito Steyerl zeichnet in ihrem Essay Die Institution der Kritik in großen Bögen eine europäische Geschichte der Institutionskritik nach, um sich am Ende des Textes die Frage zu stellen, was heutzutage die Funktion der Institutionskritik sein könnte. Sie kommt immer wieder auf einen grundsätzlichen, ambivalenten Punkt der Kritik zu sprechen, den ein Subjekt (politisch, sozial, individuell) gegenüber einer Institution der Obrigkeit wie dem Staat einnimmt (oder in unserem Fall: dem Theater). Diese Ambivalenz liegt, genau gesprochen, in der bewussten Begrenztheit der Kritik.

    KAROLINE EXNER: Wie sieht diese Grenze aus?

    MAZLUM NERGIZ: Die Urszene der Geburt der Institutionskritik und damit auch der bürgerlichen Subjektivität sieht Steyerl, nicht überraschend und wie viele vor ihr auch, in der Aufklärung. „Sapere aude!“5 – Kants berühmte Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“6, die er in einem Text von 1784 in einer Zeitschrift formuliert hat, definiert die Aufklärung im Verhältnis zu einem Zustand der Unmündigkeit, in welchem die Menschheit – autoritärerweise – gehalten werde. Diese Unmündigkeit wird weiter spezifiziert. Sie ist eine Unfähigkeit, in der die Menschheit gehalten wird: die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, weil einerseits eine machtvolle Autorität die Menschheit in dem Zustand der Unmündigkeit hält, andererseits das Individuum selber als eines betrachtet wird, dem Mut und Entschlossenheit fehlt. Diese selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich zu lassen, hat durch einen Prozess der Kritik überhaupt erst eine bürgerliche Subjektivität gebildet.

    Kant berührt mit seiner Aufforderung abstrakte Bereiche des Lebens, die vor allem Fragen des Wissens aufwerfen: Weißt du auch, wie weit du wissen kannst? Es geht hier vor allem um Erkenntnis und ihre Grenzen, die ich mir nicht von einer höheren Autorität diktieren lassen muss, sondern von der ich mir selber eine richtige Idee zu machen habe. Ansprüche an das Wissen und die Lebensführung sollen sich nicht mehr dem Traditionellen unterordnen, sondern auf autonomer Subjektivität gegründet werden. Steyerl macht hier einen sehr interessanten Punkt: In diesem neuen Selbstbewusstsein war die Kritik an der Obrigkeit oder gar Widerstand nie vorgesehen, sondern die Grenzen der Erkenntnis, des Wissens zu (er)kennen. Steyerl schließt hier auch an Foucault an, der schreibt, dass bei Kant Autonomie keineswegs bedeutet, Gehorsam gegenüber den Souveränen aufzugeben.

    Durch diese Art von Kritik wird ein Subjekt erzeugt, so Steyerl, das ambivalent und regierbar ist. Kritik wird also auch zu einem Mittel der Regierung, genauso wie sie ein Mittel ist, um widerständige Gedanken zu formulieren, gar auf Erneuerung zu pochen, solange die allgemeine Form der Herrschaft dabei nicht angezweifelt wird. Die bürgerliche Klasse wurde also durch eine sozusagen begrenzte Institutionskritik produziert, wie Steyerl schreibt, und sie erhält und reproduziert sich auch durch diese Art der Institutionskritik. Und so wurde Kritik eine eigenständige Institution; ein Mittel der Regierung, das angepasste Subjekte herstellt. Oder wie Foucault Kritik allgemein als die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden, charakterisiert. Regiert werden ja, aber nicht dermaßen: Widerstand unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Grenzen.

    KAROLINE EXNER: Mich interessiert dieses Moment der begrenzten Institutionskritik im Hinblick auf die Salzburger Festspiele.

    MAZLUM NERGIZ: Wie viel Institutionskritik leisten wir uns wirklich? Wie und unter welchen Bedingungen wird sie umgesetzt, wenn sie überhaupt umgesetzt wird? Spulen wir einige Jahrhunderte vor. Wir sehen, dass Institutionskritik in Repräsentationskritik überführt worden ist, an die sich Forderungen nach demokratischeren Formen der Darstellung anknüpfen, die viel tiefgreifender sind als punktuelle, öffentlichkeitswirksame Zeichen. Längst kann es nicht nur darum gehen, ein sogenanntes diverses Ensemble zu gestalten und damit den Prozess der Institutionskritik als beendet zu erklären. Es müssen Faktoren auf und hinter der Bühne miteinbezogen werden, die genauso mit Diversität in Verbindung stehen: Teilhabe, Barrierefreiheit und Zugänglichkeit, architektonisch und sozial zugleich gedacht. Es geht nicht nur um die Fragen „Wer spricht hier?“ und „Wer ist hier?“, sondern auch um ihre Verneinung: „Wer spricht hier nicht?“ und „Wer ist hier nicht?“

    KAROLINE EXNER: Diese von dir genannten Appelle auf struktureller Ebene könnten wir als konkrete Impulse für die Salzburger Festspiele formulieren. Denn auf thematischer Ebene, das sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, hat die Schauspielintendantin der Festspiele BETTINA HERING in den letzten Jahren bereits wichtige Akzente gesetzt. Wenn ich mir den Spielplan anschaue, gibt es auf jeden Fall mehr weibliche Themen als noch vor einigen Jahren. Von der diesjährigen Produktion Die Wut, die bleibt (nach einem Roman von MAREIKE FALLWICKL) haben sich viele (insbesondere weibliche) Personen im Publikum angesprochen gefühlt. Der Schlussapplaus muss teilweise frenetisch gewesen sein. Ich kann nur spekulieren, aber ich nehme an, dass hier eine weibliche Erfahrungswelt erzählt wurde, mit der sich viele Zuseher*innen verbinden konnten: Gefühle wurden entfesselt, die ihre Vergangenheit und Gegenwart geprägt haben, die eingesperrt waren, und die gemeinsame Erfahrung, einem Theaterstück beizuwohnen, das Möglichkeiten anbietet, über eine Erfahrung der Ausgrenzung und Überforderung nachzudenken, die viele Zuseher*innen erlebt haben, war sicherlich ein Grund für diese Reaktion.

    MAZLUM NERGIZ: Solche Stoffe und Themen sind von größter Bedeutung, wenn wir darüber nachdenken, inwiefern ein Festspiel auch die vielfältigen Erfahrungswelten seiner Zuschauer*innenschaft reflektieren kann. Es gibt solche Impulse, die auf den Spielplan gesetzt werden können und eine starke Publikumsreaktion hervorrufen.

    Wir dürfen aber nicht aus den Augen verlieren, dass grundlegende Veränderungen auch Zeit brauchen. Das Stück Bühnenbeschimpfung von Sivan Ben Yishai wurde 2023 vom Magazin Theater heute zum „Stück des Jahres“ gewählt. Ich finde, dieses Stück ist eine Meditation darüber, wie viel Zeit und Kraft es braucht, genauso wie Expertise und Erfahrung von allen Beteiligten, um Veränderungen innerhalb von Institutionen (wie der Theaterbesuch ja selber eine Institution ist) anzustoßen. In drei Teilen zerlegt sie in dem Stück die Institution Theater in alle Einzelteile. Dies tut das Stück aber nicht, um in der Zerstörung zu verweilen, sondern um das Theater wieder aufzubauen. Zwischen den drei Teilen wird dafür auch ein anderer Weg ausgebreitet: Alle 20 Jahre wird der große Schrein Ise-jingū, das Heiligtum im Shintō-Glauben in Japan, vollständig abgebaut und in einem angrenzenden Gebiet wieder aufgebaut. Der Prozess gilt als abgeschlossen, wenn die Geister der Vorfahren vom alten in den neuen Schrein überführt sind. Diese Tradition von Tod und Erneuerung, Verfall und Wiederaufbau wird kontinuierlich in Szene gesetzt. Ich glaube, man kann nur kritisieren, was man liebt. Wie könnte man die Salzburger Festspiele voller Liebe neu aufbauen, wenn sie denn neu aufgebaut werden wollen? Was hieße es, wenn wir die Festspiele wie einen japanischen Schrein auseinandernehmen würden? Auf welchen Widerstand, auf welche Grenzen der Institutionskritik würden wir stoßen?

    KAROLINE EXNER: Wie du sagst: Wenn sie neu aufgebaut werden wollen. Ich habe den Eindruck, dass in Österreich diejenigen, die bereits teilhaben, gar kein Interesse daran haben, etwas an den Salzburger Festspielen zu verändern. Die Notwendigkeit dafür wird gar nicht wahrgenommen.

    MAZLUM NERGIZ: Wäre es interessant zu überlegen, die Festspiele wirklich mit der Stadt, mit der konkreten Nachbarschaft reden zu lassen und, beispielsweise, schmerzliche und drängende Fragen wie die der lokalen Wohnungspolitik zu verhandeln? Wie viele Femizide gab es in Salzburg in den letzten Jahren? Und warum? Wäre es interessant, die Salzburger Festspiele über die jüdische Geschichte Salzburgs arbeiten zu lassen? Welche Geschichten würden dabei herauskommen? Was hieße es, ein Stück bei den Festspielen zu haben, das sich mit dem Archiv des Uniklinikum Salzburg in der Zeit von 1938 bis 1945 auseinandersetzt? Was hieße es, diese Fragen auch noch von Künstler*innen aus dem globalen Süden bespiegeln zu lassen? Wie könnten die Festspiele über verschlungene, unbekannte Aspekte der österreichischen Kolonialgeschichte sprechen? Das sind keine Spielplanvorschläge. Mich würde einfach interessieren, inwiefern die Festspiele auch für die Stadt da sein könnten und nicht nur ausschließlich andersherum. Neben der Frage, wer die Geschichten auf der Bühne erzählt, geht es auch um die Details einer Erzählung und ihrer Perspektive innerhalb der Institution selber. Ich bin überzeugt, dass eine widerständige Vielfalt von Perspektiven, die auch stören und schmerzen müssen, zu jedem Festspiel dazu gehören. Queerness bedeutet nicht (nur) Freude.


    Anmerkungen

    1. Brentano, Clemens: Nur Dummköpfe und Spinnen produzieren aus sich selber heraus. https://www.gratis-spruch.de/sprueche/id/15885 (4.3.2024). ↩︎
    2. Heidegger, Gerald: „The Greek Passion“. Die Grenzen der Politoper. https://topos.orf.at/salzburgerfestspiele23-greekpassion100 (4.3.2024). ↩︎
    3. Van der Bellen, Alexander: Eröffnungsrede Salzburger Festspiele 2023. https://www.youtube.com/watch?v=jbOdoVrZYmM (4.3.2024). ↩︎
    4. Muñoz José Esteban: Cruising utopia : the then and there of queer futurity. New York: New York University Press 2019 (10th Anniversary Edition), S. 25. ↩︎
    5. N. N.: Sapere aude. https://wortwuchs.net/sapere-aude/ (4.3.2023). ↩︎
    6. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Dezember-Heft 1784, S. 481-494, zit. n.: Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? In: UTOPIE kreativ, H. 159 (Januar 2004), S. 5-10, S. 5. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf (4.3.2024). ↩︎

    © Jasmine Bannauer

    KAROLINE EXNER

    Studium der Germanistik und Philosophie sowie Regiestudium am Max Reinhardt Seminar. 2005-08 Dramaturgin am Landestheater Niederösterreich. 2009-13 Leitende Schauspieldramaturgin am Theater St. Gallen. Seit 2013 Leiterin des Studiengangs Schauspiel an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, seit 2014 Dekanin der Fakultät Darstellende Kunst. Seit 2018 Jurymitglied für das Wiener Dramatik-Stipendium. Stellvertretende Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

    © KerstinSchomburg

    MAZLUM NERGIZ

    Studium der Kulturanthropologie sowie der Literatur- und Religionswissenschaft und des Masterstudiengangs DAS Theatre der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten. Dramaturg und Autor. Verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke, zuletzt u.a. 1000 Eyes (2023) und Am Fluss (2023). Seit der Spielzeit 2023/24 Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. 2023 Graphic Novel KOMA, eine Illustration Leonie Otts seines 2021 mit dem Hans Gratzer-Stipendium ausgezeichneten Theaterstücks COMA.

  • Diversität, Identitätskonstruktion und Ausschlussmechanismen

    Diversität, Identitätskonstruktion und Ausschlussmechanismen

    Die Salzburger Festspiele als Ritual der „Kulturnation Österreich“?

    SARA LEITNER: Wenn Sie die Begriffe „Kulturbetrieb“ und „Diversität“ hören, denken Sie an die Salzburger Festspiele?

    LEA SUSEMICHEL: Nein, das wäre nicht meine erste Assoziation.

    HELGARD HAUG: Als ich 2023 bei den Salzburger Festspielen tätig war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass versucht wurde, zumindest in den Schauspielsektor mehr Diversität zu bringen. In diesem Bereich gab es Bemühungen und auch die selbstkritische Erkenntnis, dass Diversität fehlt. Der Versuch zur Inklusion ist aber nicht der Grund, warum so viele Leute an den Festspielen teilnehmen und die Festspiele das Image haben, das sie haben.

    SARA LEITNER: Können die Salzburger Festspiele überhaupt ein Ort sein, an dem gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden?

    LEA SUSEMICHEL: Beim Jedermann-Konflikt im Herbst 2023 hat sich gezeigt, dass es nicht gelingt, in eine andere Richtung vorzustoßen bzw. dass sofort ein Riegel vorgeschoben wird, wenn es ein solches Bemühen gibt. Wie den Medienberichten zu entnehmen ist, hatte die Absetzung des Jedermann-Ensembles auch damit zu tun, dass es der Intendanz zu politisch wurde. Die Inszenierung versuchte, die Klimakatastrophe zu thematisieren, dann tauchte die Letzte Generation auf, aber dieses Durchbrechen der vierten Wand wurde unterbunden. Wenn das Theaterstück bzw. das Bühnengeschehen und gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse auf diese Weise zusammenspielen, könnte man das auch begrüßen. Das ist nicht geschehen. Offenbar will man nicht, dass sich bei den Salzburger Festspielen etwas ändert.

    HELGARD HAUG: Wir müssen zunächst über den Begriff „Diversität“ sprechen, weil er in unterschiedliche Richtungen weisen kann. Sprechen wir von Diversität auf der Bühne in Bezug auf das Ensemble und der Frage, welche Rolle mit wem besetzt wird, wer im Scheinwerferlicht steht? Sprechen wir von Diversität auf der Produktionsebene? Oder von einer Diversität im Zuschauerraum? Das sind unterschiedliche Ebenen, auf die man unterschiedlich einwirken kann.

    Ich habe 2023, als ich in Salzburg war, besser verstanden, was dort gesellschaftlich passiert und warum die Festspiele nicht mit anderen Festivals vergleichbar sind. Das hat sich daran gezeigt, welche Wichtigkeit die Wiederholbarkeit, die Absehbarkeit und die eigene Kenntnis über das, was man sieht, hat. Das fand ich auch deswegen interessant, weil ich mit meinen Projekten für das Experimentelle, das Ausprobieren und das radikale Verwerfen stehe. Ich habe mich gefragt, warum wir mit dem HORA-Ensemble nicht den Jedermann machen, weil das aus meiner Perspektive der richtigere Move gewesen wäre, anstatt in der SZENE Salzburg, also in einer Art Off-Bereich, auch mal was zu machen. Mir ist klar geworden, dass man hier noch nicht so weit ist und was für eine Kultur-Industrie die Festspiele sind, bei der es primär um Geld geht. Hier spielen andere Mächte und andere Kriterien bei der Auswahl eine Rolle, weshalb es hier auch so unbeweglich und starr ist.

    LEA SUSEMICHEL: Es ist unmöglich, Bemühungen voranzutreiben, wenn sich Diversität nicht auch im Publikum spiegelt. Wenn ich es polemisch sagen darf: Die Salzburger Festspiele sind etwas, zu dem eine bestimmte Klientel geht, die sonst nicht ins Theater geht.

    HELGARD HAUG: Mir ist das auch in Salzburg klargeworden. Man sagt, dass die Gäste durchschnittlich zehn Tage in Salzburg bleiben, was enorm ist. Es geht nicht darum, dass sie sich hier eine Inszenierung anschauen, die sie interessiert, mit der sie sich beschäftigen wollen oder die sie sehen wollen, weil sie das künstlerische Team kennen. Man verbindet es mit einem Sommerurlaub und trifft Leute. Ich habe mir ein paar Mal vor dem Festspielhaus angesehen, wie sich die Leute verhalten. Das ist einzigartig. Das hat etwas mit dem roten Teppich in Cannes zu tun, aber dazu fehlen in Salzburg die Stars, die sich präsentieren. Letztendlich präsentiert sich das Publikum selbst. Folglich gibt es wenig Verständnis für die Avantgarde, und Versuche in diese Richtung scheitern. Ich habe mich auch gefragt, wieso man solche Versuche wagen sollte. Vielleicht ist es in Ordnung, dass in Salzburg eine traditionelle Inszenierung des Jedermann stattfindet. Vielleicht sollte man hier einfach in solchen Traditionen bleiben.

    SARA LEITNER: Nehmen Sie in dieser Selbstpräsentation eine Form von „Bluewashing“ wahr, bzw. wird hier mit Diversität auch als einer Form von Kapital gespielt?

    HELGARD HAUG: Mit dem, was ich mache – sei es mit dem Theater HORA oder mit Rimini Protokoll –, bilde ich einen anderen Theateransatz ab. Deswegen habe ich die Einladung, bei den Festspielen mitzuwirken, als ernst gemeint empfunden. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein Feigenblatt bin. Es gab das Anliegen, den Schauspielbereich zu öffnen. Es gab 2023 auch Frauen, die inszeniert haben, was für ein solches Festival ungewöhnlich ist. Das war ein großes und ernst gemeintes Anliegen von BETTINA HERING. Darüber hinaus gab es von unserer Seite den Anspruch, einfache Sprache ins Programmheft zu nehmen, weil wir ein Ensemble hatten, das kognitiv beeinträchtigt ist. Dabei standen uns viele Türen offen. Wir haben die Vorstellung damit gestartet, dass wir erklärten, wie wir gearbeitet haben und wie man miteinander umgeht, um die Verunsicherung rauszunehmen, weil viele Leute wenig Berührungspunkte mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben. Wir wollten zunächst eine Situation schaffen, in der man Fragen stellen kann, was sehr gut aufgenommen wurde. Dennoch hätte man auch das gesamte Festival in einfacher Sprache gestalten können. Es ist also immer die Frage, wie weit die Bemühungen reichen.

    LEA SUSEMICHEL: Aus der Außenperspektive betrachtet, war auch die Entscheidung, 2023 Die Wut, die bleibt zu inszenieren, als Bemühen erkennbar, bestimmte Inhalte aufzugreifen. Gleichzeitig kann ich von außen nicht beurteilen, wie „nischig“ das ist und ob auch versucht wird, ein Gesamt-Statement zu machen.

    Bei der Vermarktung von Diversität ist Bluewashing etwas, das immer wieder passiert – auch im Kulturbereich, gerade wenn das so eine Kulturindustrie ist wie bei den Salzburger Festspielen, bei denen es nicht nur um das Image der Kulturnation Österreich, sondern auch um viel Geld geht. Da ist es mit der Experimentierfreude oft nicht soweit her, weil man Angst hat, das Publikum zu vergraulen. Wir haben in den letzten Jahren beim Jedermann gesehen, dass abrasierte Haare reichen, um das Publikum zu verschrecken. Es gibt auch das Buch von Stefanie Reinsperger, in dem sie über ihre Erfahrungen und das Shaming, das sie abbekommen hat, geschrieben hat. Sie hat erst, nachdem VERENA ALTENBERGER den an sie adressierten Hass-Brief und die Reaktionen darauf gepostet hat, öffentlich gemacht, was ihr passiert ist und was für eine gewaltige Welle an Hass es ausgelöst hat, dass es einmal eine nicht normschöne Buhlschaft gab. Das spricht Bände. In dem Moment, in dem es um viel Geld geht, gibt es auch das Bemühen, nicht den Anschluss zu verlieren. Die Salzburger Festspiele haben Angst, als verstaubt zu gelten. Also versuchen sie, ein bisschen Gender-Trouble als Sahnehäubchen draufzugeben und damit auch diejenigen zu bedienen, die bislang die Nase gerümpft haben. Aber das ist ein Balanceakt, der leicht nach hinten losgehen kann, weil das meist zu viel ist für die Zielgruppe.In Österreich sind diese Fragen noch relevanter, weil sich dieses Land als Kulturnation versteht und dieses Selbstverständnis immer mitverhandelt wird. Österreich hat klassische und legendäre Theaterskandale erlebt, die es in Deutschland in dieser Form nicht gab. Diese Art der Empörungsbereitschaft des Publikums existiert in anderen Ländern nicht, weil es dort diese starke Identifikation über das Theater nicht gibt. Wenn man z.B. an die Kampagne der Wiener Freiheitlichen denkt – „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk… oder Kunst und Kultur?“ –, zeigt sich, wie stark bestimmte Milieus beanspruchen, sich über Kultur zu identifizieren. Das spielt gerade bei einem Event wie den Salzburger Festspielen eine große Rolle.

    SARA LEITNER: Identifikation, aber auch Eurozentrismus und Deutsch-Nationalismus waren in den Gründungsschriften der Salzburger Festspiele von Bedeutung. In diesen Schriften beschreiben Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Funktion der Salzburger Festspiele als Stiftung einer neuen Österreich-Identität. Man wollte den „bayrisch-österreichischen Stamm“ bei den Festspielen manifest werden lassen und ein Wir-Gefühl erzeugen. Spielt so ein Gedankengut auch heute noch eine Rolle bei den Festspielen? Geht es nach wie vor um die Stiftung von Identität?

    HELGARD HAUG: Die Festspiele haben die Funktion einer Selbstversicherung. Es hat für ein Publikum etwas Beruhigendes, wenn man sagen kann: „Ich kenne das, ich kenne den Plot, ich kann sagen, wie es im letzten Jahr war etc.“. Die Idee, dass man ein Stück jedes Jahr wieder aufführt, könnte aber auch bedeuten, dass man es jedes Mal anders macht. Man könnte einmal einen Choreografen engagieren, jemanden mit einer komplett anderen Theatersprache oder jemanden, der aus einer anderen Tradition kommt und einen anderen Blick hat. Das könnte verstörend vielfältig sein – was auch mein Anspruch an das Theater ist. Wenn ich ins Theater gehe, will ich etwas Neues lernen und mit etwas in Kontakt kommen, das ich noch nicht kenne. Beim Publikum in Salzburg ist das aber genau andersherum: die Abweichung ist der Skandal. Es prägt eine Form von Wir-Gefühl, wenn man weiß: „So haben wir das hier, so wollen wir das auch.“ Diese Funktion haben die Salzburger Festspiele, und sie ist zurzeit auch gefragt, weil es laufend Erschütterungen gibt, die für viele Personen eine Identitätskrise zur Folge haben. Man muss sich aber infrage stellen lassen, sei es politisch oder die eigenen Lebensgewohnheiten betreffend. Wir sind alle permanent dazu aufgefordert, zu überdenken, wie wir leben.

    LEA SUSEMICHEL: Ich sehe diese Selbstvergewisserung als eine Funktion, die die Festspiele von Beginn an hatten – vor allem in einem nationalen Sinn, der ein österreichisches Spezifikum ist. Institutionen wie die Salzburger Festspiele sind im Selbstverständnis von Österreich als Kulturnation so bedeutend, weil man hier Identifikation über Kultur schafft. Das erkennt man auch an dem Vorwurf der Nestbeschmutzung, den ich anderswo nicht sehe und der sofort laut wird, wenn von der Tradition abgewichen wird. Trotzdem müsste es darum gehen, zu verstören, zu verunsichern sowie Diversität bzw. Andersartigkeit sichtbar zu machen und auf die Bühne zu bringen. Das gelingt bisher hier nicht. Es gibt eher einen Backlash. Michael Maertens hat ja in einem Interview gesagt, dass er glaubt, er wäre der letzte Jedermann und dass es ab jetzt eine Jederfrau geben wird.

    HELGARD HAUG: Hat er das als gut bewertet?

    LEA SUSEMICHEL: Ja, es klang zumindest so. Aber daran schließen sich größere Fragen an wie z.B., warum wir diesen Kanon haben und warum man 100 Jahre dasselbe Stück spielt. Was hat es noch zu erzählen, und auf welche Art und Weise kann man es immer und immer wieder re-inszenieren? Die Salzburger Festspiele stellen sich diese Frage nicht.

    HELGARD HAUG: Vielleicht muss man die Inszenierung des Jedermann als Ritual sehen. Wir haben Rituale, und sie haben eine Funktion. Wir feiern auch Weihnachten auf eine gewisse Weise und Ostern auf eine andere. Das hat auch etwas Schönes. Vielleicht muss man sich die Inszenierung dieses Stücks nicht als Kunst- oder Theatererlebnis angucken, sondern als Ritual. Rituale haben die Funktion, dass sie beruhigen. Sie grenzen aber auch immer nach außen ab und schließen aus.

    LEA SUSEMICHEL: Gerade im Kulturbereich spielt das aggressive Abgrenzen und Ausschließen eine große Rolle. Wenn man es mit Bourdieu analysiert, handelt es sich dabei um eine Klassendistinktion: Wir sind die Elite, die mit diesem Theaterbesuch ein Ritual manifestiert, das uns als Elite bestätigt, sodass wir weiterhin vorgeben, was guter und was kein guter Geschmack ist.

    SARA LEITNER: Spielt Nationalismus bei der Zusammensetzung der Mitwirkenden der Salzburger Festspiele eine Rolle? Erkennen Sie hier Ausschlussmechanismen, die auf Eurozentrismus basieren?

    HELGARD HAUG: Auf der künstlerischen Ebene nicht. Die Kolleg*innen kommen von überall her und werden aus unterschiedlichen Kontexten eingeladen. Vor allem im Bereich der Musik ist es sehr international. Das Gefühl hatte ich zumindest bei den Konzerten, die ich besucht habe und die hochkarätig international besetzt waren. Ein Phänomen der Salzburger Festspiele ist, dass alles von außen hereingeholt werden muss, weil die Stadt selbst nur eine minimale Struktur aufweist. Für die Festspiele bläst sich hier alles zu einem ballonartigen Riesen-Monster auf.

    SARA LEITNER: Sie haben im Sommer mit der Schauspielgruppe HORA bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Hier gibt es den Versuch, unterschiedliche Menschen als Mitwirkende zu integrieren. Gleichzeitig bleibt die Frage: Wird die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen in Zukunft nach wie vor nur in bestimmten Bereichen möglich sein, oder wird sie auch außerhalb stattfinden können?

    HELGARD HAUG: Ich glaube, dass es geht. Es ist das Ziel, dass es selbstverständlich wird, dass ein Ensemble divers aufgestellt ist, dass Leute mit Beeinträchtigungen ein normaler Bestandteil eines Ensembles sind, nicht nur Teil der Spielenden, sondern auch Teil der Verwaltung, der künstlerischen Leitung etc. Es gibt bereits Häuser wie z.B. die Münchner Kammerspiele, die das versuchen, oder jemanden wie Florentina Holzinger, die ganz selbstverständlich Menschen mit Beeinträchtigungen z.B. als Tänzerinnen in ihrem Ensemble hat.

    LEA SUSEMICHEL: Diese Bemühungen kommen immer von Off-Produktionen und nie aus dem Mainstream. Die Pionier*innen kommen nicht von den großen Tankern, obwohl diese die eigentlichen Strukturen hätten. Es sind immer Bemühungen, die langwierig sind und die sehr hartnäckig sein müssen. Irgendwann gibt es dann Zäsuren wie die, dass es einen NESTROY-Preis für so eine Bemühung gibt. Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, dass diese Form der Inklusion normal ist.

    HELGARD HAUG: Solche Setzungen kommen auf vielerlei Ebenen aus der freien Szene. Sie beziehen sich letztendlich auf alles, auch auf den Umgang mit Ressourcen, wie beim Versuch, klimaneutral zu produzieren. Diese Entwicklungen werden lange dauern, aber ein paar Türen stehen schon offen. Trotzdem wurden die HORAs auf der Straße in Salzburg angefeindet. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie in bestimmten Restaurants nicht bedient wurden. Das sind alltägliche Erfahrungen, die sie in unserer Gesellschaft machen. So ein großes Event ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, die Menschen haben wenig Toleranz und wenig Verständnis für andere.

    LEA SUSEMICHEL: Das ist ein Umstand, der skandalisiert werden sollte. Es herrscht ein gesellschaftliches Klima, das so diskriminierend und voller Hass ist, das allem entgegenläuft, was man mit den Produktionen erreichen will, bei denen man den Finger in die Wunde legt. Ich finde es wichtig – als Journalistin, weniger als Kulturschaffende –, dass man sich nicht auf die Bühne beschränkt, sondern öffentlich machen soll, was drumherum stattfindet. Es passiert auch in anderen aufgeschlosseneren Kontexten, dass etwas beklatscht wird, solange es auf der Bühne passiert, aber im Lokal sieht die Welt anders aus.

    HELGARD HAUG: Man könnte die ganze Zeit aufschreien, und gleichzeitig gibt es auch andere Erlebnisse. Nach den Erfahrungen des Ensembles in dem Restaurant haben die Techniker*innen gesagt: „Esst doch bei uns.“ Sie haben ein Feuerwehrauto in die Seitengasse gestellt und selber gekocht. Das war eine familiäre, tolle Atmosphäre. Es war großartig, wie das Team mit dem Ensemble umgegangen ist. Ich habe es als authentisch, interessiert und auf Augenhöhe mit den HORA-Spieler*innen wahrgenommen. Trotzdem spiegelt die Diskriminierung, der das HORA-Ensemble ausgesetzt war, die Erfahrungen wider, die auch in der Schweiz und in Berlin Alltag sind. Das ist nichts Salzburg-Spezifisches.

    SARA LEITNER: Sie haben erwähnt, dass Die Wut, die bleibt im Sommer inszeniert wurde und aktuelle Themen aufgriff. Wie ist das bei anderen Themen, die gesellschaftspolitische Relevanz haben und sich z.B. mit unterschiedlichen Formen von Vielfalt beschäftigen? Findet das in Salzburg statt? Werden Themen wie Globalität, neue globale Zusammenhänge und Postkolonialismus im Programm aufgegriffen?

    LEA SUSEMICHEL: Das glaube ich nicht.

    HELGARD HAUG: Nein, das zeichnet sich im Programm nicht ab.

    SARA LEITNER: Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal haben die Salzburger Festspiele als Ort der Heilung und Erlösung entworfen. Sie propagierten damit einen Kunstbegriff, der vorgab, dass nur „schöne“ Dinge bei den Festspielen stattfinden sollten. Ist dieses Ziel nach wie vor etwas, das die Salzburger Festspiele prägt und das Programm mitbestimmt?

    HELGARD HAUG: Man muss zwischen Schauspiel, Konzert und Oper differenzieren. Alles, was ich auf der Konzertebene mitbekommen habe, knüpft an Traditionen und das „Schöne“ an. Die Erfahrung, die ich 2023 gemacht habe, war, dass man hier das Schöne und das Virtuose will – erkennbar auch daran, wie sich das Publikum gibt, wenn es in ein Konzert geht – trotz des teilweise jungen Alters. Hier geht es um Selbstvergewisserung: man will tolle Musiker, tolle Kompositionen in tollen Räumen, in tollen Kostümen. Beim Schauspiel ist das anders. Dort kommt es durchaus zu innovativen Versuchen.

    LEA SUSEMICHEL: Bestimmt tue ich manchen Akteur*innen Unrecht, aber aus meiner Außenperspektive geht es in Salzburg um Kunstgenuss. Man soll nicht verstört oder aufgeschreckt werden, sondern Kunst in einer Form genießen, die man kennt. Das hat mit einem antiquierten Kunst- und Ästhetikbegriff zu tun. Es gibt noch die Vorstellung vom ästhetischen Urteil und vom Erhabenen, von dem man durch das große Spektakel angerührt werden soll. Es geht nicht um Episches Theater oder um eine Vorstellung von Kunst, die politisch sein möchte, die etwas über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse aussagen oder etwas anstoßen und verändern will.

    Die Gesamtstruktur der Salzburger Festspiele finanziert sich meines Wissens zu 80 % über Ticketeinnahmen, was im Vergleich zu geförderten Einrichtungen wie Stadt- und Staatstheater hoch ist. Deshalb sind die Tickets so teuer, und deshalb ist es so wichtig, die Kundschaft nicht zu vergraulen. Man kann nicht einfach sagen, wir setzen jetzt zwei Jahre eine Revolution durch, bis sich ein anderes Publikum einfindet, weil so viel dranhängt wie Gastronomie und Hotels. Man kann die Salzburger Festspiele nicht isoliert „nur“ als Kunst und Kultur betrachten.

    SARA LEITNER: Werden die Salzburger Festspiele noch heute für ein bestimmtes Publikum gemacht und finden deshalb in dieser Form statt?

    HELGARD HAUG: Ja.

    LEA SUSEMICHEL: Ja, auch der Tourismusfaktor darf dabei nicht unterschätzt werden.

    SARA LEITNER: Spielt Diskriminierung beim Publikum eine Rolle?

    LEA SUSEMICHEL: Wer kann sich die Tickets leisten? Das ist die Frage. Wer wird von diesem Programm, von dieser Art der Inszenierung angesprochen? Wer findet die eigenen Themen und das eigene Leben auf der Bühne wieder? Diskriminierung bedeutet nicht zwangsläufig, zu sagen: „Du darfst hier nicht rein“. Es sind Ausschlusskriterien, die sich über die genannten Aspekte ergeben. Insofern findet eine Form von struktureller Diskriminierung statt.

    HELGARD HAUG: Es geht nicht nur darum, wie teuer die Tickets sind, sondern auch um das Verfahren, wie man Tickets erwerben kann. Man muss am Anfang Wünsche deponieren, weil der Freundeskreis der Salzburger Festspiele Vorrang hat. Das sind quasi Co-Produzent*innen der Festspiele. Sie geben einen Betrag und haben deshalb ein Vorkaufsrecht. Es gibt auch keine Produktionstickets. Ich musste Wünsche deponieren, um für meine eigene Produktion Tickets zu bekommen. Diese Tickets mussten wir kaufen, wenn auch zu etwas vergünstigten Konditionen. Das ist anders als in anderen Theatern, in denen klar ist, dass man sich seine eigene Produktion anschauen kann. Man könnte ein Modell der Patenschaft einführen, dass Leute, die sich ein zusätzliches Ticket leisten können, zwei Mal zahlen und dadurch anderen Menschen ermöglichen, eine Vorstellung zu besuchen. Das findet aber nicht statt, weil es Teil des Hypes ist, dass man zeigt, dass man es sich leisten kann. Wenn man eine Woche in Salzburg ist, heißt das, dass man ein paar 1.000 Euro investiert hat, wenn man die Unterkunft, das Essen usw. miteinberechnet, was in dieser Zeit unfassbar teuer ist.

    SARA LEITNER: Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit ein vielfältigeres Publikum erreicht wird?

    HELGARD HAUG: Man muss sich die Frage stellen, ob das Festspiel-Publikum überhaupt will, dass mehr Menschen ermöglicht wird, an Vorstellungen teilzunehmen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich glaube, dass es eher abträglich wäre. Diese Leute wollen nicht neben Menschen sitzen, die das Ticket zum Sozialtarif bekommen haben. Das ist eine Eliteveranstaltung, und das ist auch der Spaß daran. Deswegen geht man hin.

    SARA LEITNER: Wenn Sie einen Appell an die Salzburger Festspiele formulieren könnten, welcher Appell wäre das?

    HELGARD HAUG: Natürlich wäre es toll zu sagen: „Gebt das Festspielhaus dem HORA-Ensemble!“ Bevor ich nach Salzburg gegangen bin, hätte ich das gesagt, aber heute sehe ich, dass das verkürzt gedacht, naiv und gleichzeitig an dem, was die Festspiele sind, vorbei argumentiert ist. Ich finde es schwierig, zu sagen, was man konkret machen sollte, weil man dann alles ändern und das gesamte System infrage stellen müsste. Man müsste z.B. auch einen Campingplatz in die Stadt stellen. Es ist zu komplex, als dass man sagen könnte, ihr braucht eine Quote oder ihr müsst die Ticketpreise runtersetzen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich würde radikaler auftreten und fordern, dass sich in Österreich Kunst- und Kulturinstitutionen darüber klar werden sollten, dass sie eine gesellschaftspolitische Verantwortung haben. Es ist nicht so, dass sie sich dafür entscheiden könnten, unpolitisches Theater zu machen und Genuss und Freizeitvergnügen zu produzieren. Man kann sich nicht für den rein ästhetischen Genuss entscheiden, der unbehelligt von allen anderen Bereichen stattfindet. In dem Moment, in dem öffentliche Gelder vorhanden sind – auch wenn die Salzburger Festspiele ein Sonderfall sind, weil sie wirtschaftlich so gut funktionieren –, muss klar sein, dass es eine gesellschaftspolitische Verantwortung gibt. Man muss einfordern, dass virulente Fragen diskutiert werden und dass es eine Öffnung geben muss. Wir leben in einer Gegenwart, in der es auf der ganzen Welt brennt und alles am Abgrund steht – sei es klimapolitisch oder in Bezug auf die Bedrohung durch Rechtspopulist*innen. Es gibt in allen diesen Bereichen dringenden Handlungsbedarf. Institutionen wie die Salzburger Festspiele müssen sich ihrer Verantwortung stellen und ermöglichen, dass solche Themen auf der Bühne verhandelt werden. Deswegen wäre meine Forderung, dass genau das Gegenteil von dem passiert, was jetzt passiert: man muss sich öffnen, und man muss bereit sein, sich zu verändern und neuen Positionen Raum zu geben. Die Instrumente dafür sind auch Publikumsgespräche, das Bestreben, einen Austausch zu ermöglichen sowie Sorge dafür zu tragen, dass die Festspiele kein abgeschlossenes Event sind, sondern etwas bewirken.

    SARA LEITNER: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Veranstaltung bei den Salzburger Festspielen so zu gestalten, wie Sie wollen, und die einzige Vorgabe wäre, dass es um das Thema „Vielfalt“ gehen soll: Wie würde diese Veranstaltung aussehen? Wer wären die Mitwirkenden? Vor bzw. mit welchem Publikum würde die Veranstaltung stattfinden?

    HELGARD HAUG: Früher hätte ich gesagt, dass ich den Jedermann inszenieren will, aber davon bin ich, seit ich dort war, abgerückt. Was ich spannend fände, wäre eine Inszenierung über den Jedermann und all das, was an ihr hängt. Es gibt irrsinnige Geschichten, die die Verzahnung von Geld, Kunst, Wirtschaft und die Macht des Publikums abbilden. Das könnte man in einer Inszenierung zeigen, indem man alles von innen nach außen stülpt. Alle dürften kommen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich würde auch den Jedermann thematisieren. Ich würde ihn Jedermensch nennen und nur die Sogkraft behalten. Die Texte könnte man wegnehmen und nur die Institution Jedermann als Gerüst benutzen und sie völlig entkernen und auch den Titel verändern. Aber gerne mit dem Originalpublikum. Ich fände es gut, etwas ganz Wildes zu machen. Aber ich bin kein Theatermensch, es wäre dann wahrscheinlich ein politisches Pamphlet.

    HELGARD HAUG: Es gibt nur wenige Kulturveranstaltungen, an denen schon im Vorfeld so viele Menschen teilnehmen wie die Präsentation des neuen Jedermann-Darstellers. Das muss man den Salzburger Festspielen positiv zugutekommen lassen. Es ist irre, wie viel Aufmerksamkeit das bekommt. Andere Kulturinstitutionen würden sich für einen Bruchteil dieser Anteilnahme bedanken. Dieses Kapital könnte man nutzen und drehen – deshalb, weil es so eine Wirkung aus dem künstlerischen Feld hinaus in die Gesellschaft hat. Wenn darüber diskutiert wird, ob Reinsperger ein bestimmtes Kleid tragen kann oder nicht, erkennt man, wie durchlässig die Grenzen zwischen der Bühne und dem Rest der Welt sind. Das könnte man nutzen, wenn man es auf eine andere Art und Weise aufgreift und die Salzburger Festspiele selbst zum Politikum macht, darüber reflektiert und es vor- und nachbereitet.


    HELGARD HAUG

    Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen. 2000 Gründung von Rimini Protokoll gemeinsam mit Stefan Kaegi und Daniel Wetzel. 2012 Berufung von Rimini Protokoll auf die erste Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Neben ihrer künstlerischen Arbeit Tätigkeit als Jurorin und Dozentin. Lehrtätigkeiten u.a. an der Universität Bochum, der Zürcher Hochschule für Künste, der BAS in Norwegen und der luav University of Venice. 2023 Inszenierung von Brechts Kaukasischem Kreidekreis bei den Salzburger Festspielen mit dem Theater HORA.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

    LEA SUSEMICHEL

    Studium der Philosophie und Gender Studies in Wien. Als Autorin, Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende arbeitet sie vor allem zu den Themen feministische Theorie und Bewegung und Medienpolitik. Seit 2006 leitende Redakteurin von an.schläge. Das feministische Magazin. Zahlreiche Publikationen, darunter Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken (2018) sowie Unbedingte Solidarität (2021) gemeinsam mit Jens Kastner.