Pionierinnen, Führungspositionen oder Leerstellen?
Regisseurinnen, Dirigentinnen, Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen
IRIS SCHMIDINGER, ANNA SCHWEIGER
Die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen (hier auch R/D/C) bei den Salzburger Festspielen bildet eine Lehrveranstaltung mit Prof. Pia Janke, in deren Rahmen wir den Fragen nachgingen, inwiefern diese Rollen überhaupt weiblich besetzt waren und sind, wie sich die diesbezügliche öffentliche Sichtbarkeit (und die damit implizierte interne Aufarbeitung) gestaltet und welche weiteren Forschungsfragen bzw. Visionen sich daraus für die Salzburger Festspiele ergeben. Es folgt ein Überblick über unsere Arbeit und vorläufigen Ergebnisse.
Die zahlreichen Leerstellen in den bisherigen Untersuchungen zu den Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen fordern eine diesbezügliche Grundlagenarbeit. Zum einen gilt es also, die Daten zu 100+ Jahren Festspielbetrieb mit Fokus auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen zu sichten und die daraus hervortretenden Entwicklungslinien aufzubereiten. Zum anderen ist dieses Unterfangen nur dann sinnvoll, wenn es unter konkreten Fragestellungen passiert. Als roter Faden der Analyse kann grundsätzlich die Sichtbarkeit der Frauen in den untersuchten Rollen festgehalten werden. „Sichtbarkeit“ kann hier, zur begrifflichen Übersichtlichkeit, sowohl als Sichtbarkeit im quantitativen Sinne (= die Summe der Nennungen im statistischen Sinn) als auch im qualitativen Sinne (= der Kontext der Nennungen im inhaltlichen Sinn) verstanden werden. So stellen sich etwa im Zuge der quantitativen Sichtbarkeit die Fragen: Wie viele (verschiedene) Frauen finden sich in der Rolle der Regisseurin, Dirigentin oder Choreographin wieder? Wie oft wurden individuelle Frauen für Produktionen in diesen Rollen engagiert? Wann gab es die erste Regisseurin, Dirigentin und Choreographin? Gibt es über den Verlauf der Festspiele Phasen, in denen die weibliche Besetzung ansteigt, rückläufig ist oder andere Auffälligkeiten aufweist? Im Sinne der qualitativen Sichtbarkeit, die weiterführende Fragen zur adäquaten Darstellung der (Führungs-)Positionen der Frauen bei den Salzburger Festspielen im biographischen, institutionellen und strukturellen Sinn aufwirft, ergeben sich Fragestellungen wie: Wie sind die ermittelten Daten in unterschiedlichen Zusammenhängen einzuordnen und zu bewerten? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen unseren Beobachtungen/Recherchearbeiten und der allgemeinen Timeline bzw. den Phasen der Salzburger Festspiele? Was lässt sich außer den Namen noch zu den Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen finden? Inwiefern wurden die Tätigkeiten der Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen von den Salzburger Festspielen dokumentiert (z.B. kreative Entwürfe, Probenprotokolle, Besprechungsprotokolle, Korrespondenzen, Verträge usw.)? Gibt es Forschungs- oder Kunstprojekte zur Sichtbarmachung der Frauen seitens der Salzburger Festspiele und außerhalb der Institution? Aus diesen Sichtbarkeitsbegriffen sollen im Anschluss an die Datensichtung, Recherche und Analyse zudem weitere Forschungsinteressen und Impulse für die Salzburger Festspiele selbst abgeleitet werden.
Als Grundlage für die Datenerhebung kann die öffentliche Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele1 herangezogen werden, anhand derer die Präsenz von Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen im Festspielbetrieb von 1920 bis 2023 ermittelt werden sollte. Zur Eingrenzung des Themas wurden Schwerpunkte der Datenaufbereitung gesetzt. Diese liegen auf den Sparten Schauspiel und Oper sowie der seit 2017 bestehenden Sparte „Jung und Jede*r“, welche jährlich im Vorfeld der Sommerfestspiele stattfindet.
Wir haben uns dazu entschieden, vorerst öffentlich und digital zugängliche Daten auszuwerten, da deren relativ niedrigschwellige Zugänglichkeit bereits gewisse Rückschlüsse auf die Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung der Frauen erlaubt. Eine Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele ist zwar online frei verfügbar, zur präzisen Recherche ist diese jedoch nur bedingt geeignet. Gründe dafür sind etwa eingeschränkte Filterfunktionen, uneinheitliche Schlagwort-Verlinkungen in einzelnen Produktionen, fehlerhafte Verlinkungen und recht umständliche Nutzer*innen-Pfade auf der Website, was die Anfälligkeit für Fehler unweigerlich erhöht. In weiteren Forschungen wäre also eine zusätzliche Überprüfung etwa mit den internen digitalen und analogen Daten des Archivs der Salzburger Festspiele durchaus sinnvoll, um die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten zu gewährleisten. Insgesamt können anhand der vorliegenden Untersuchungen jedenfalls Tendenzen, Leerstellen und Fragestellungen adäquat formuliert und Forschungsimpulse sowie Visionen für die Salzburger Festspiele und deren Archiv gesetzt werden.
Pionierinnen, Entwicklungslinien und die große Lücke: Datensichtung und erste Beobachtungen
Zunächst zeigt die Erfassung der Produktionen mit R/D/C bei den Salzburger Festspielen von 1920 bis 2023 bisher 59 Regisseurinnen (bei 116 Produktionen), sieben Dirigentinnen (eine davon ist ein Co-Dirigat mit einem männlichen Kollegen; bei elf Produktionen) und 57 Choreographinnen (bei 169 Produktionen).2 Bereits im ersten Festspieljahr ist mit Hede Nilson-Schaffgotsch bei Hugo von Hofmannsthals Jedermann eine Choreographin vertreten. Die erste Regisseurin ist 1926 bei Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni Marie Gutheil-Schoder, die erste Dirigentin ist 1994 Anne Manson in Boris Godunow von Modest Mussorgski. Wer sich allerdings zur Annahme hinreißen lassen möchte, dass ab diesem Zeitpunkt die Dirigentinnen standardmäßig Einzug bei den Salzburger Festspielen halten, irrt – die nächste Dirigentin, Julia Jones, ist erst wieder zehn Jahre später in der Datenbank zu finden. Oder anders formuliert: Nach rund 80 Jahren Mozart-Produktionen bei den Salzburger Festspielen dirigiert im Jahr 2004 erstmals eine Frau Die Entführung aus dem Serail (digital version). Bei den Dirigentinnen ist zudem festzuhalten, dass drei der elf Produktionen im Rahmen von „Jung und Jede*r“ stattfanden (bei den Regisseurinnen sind es neun), also im Vorfeld der zentralen Sommerfestspiele.
Besonders markant hebt sich die Präsenz der Choreographinnen ab dem ersten Festspielsommer hervor. Dem gegenüber steht die Absenz von Dirigentinnen bis in die 1990er Jahre und die bis zum Festspielsommer 2023 verhältnismäßig übermächtige männliche Besetzung dieser Position. Im Bereich Regie wird ein sukzessiver Anstieg der weiblichen Regisseurinnen deutlich. Bis in die 1960er Jahre sind es mit Marie Gutheil-Schoder, Margarete Wallmann und Helene Thimig jedoch lediglich drei unterschiedliche Regisseurinnen in 20 Produktionen. Bis Ende der 1990er Jahre sind insgesamt acht Frauen in dieser Position. Ab der Jahrtausendwende sind Regisseurinnen, wenn auch die Besetzung im Vergleich mit den männlichen Kollegen nicht ausgeglichen ist, zumindest mit steigender Tendenz bei den Salzburger Festspielen im Einsatz.
Neben den bereits erwähnten Beobachtungen, die sich primär auf die Anfangsjahre der Salzburger Festspiele und auf die Zeit ab den 1990er Jahren beziehen, stechen nun auch die Jahre zwischen etwa 1970 und 1990 hervor. Besonders auffällig wird die Leerstelle von weiblich besetzten Regiepositionen zu dieser Zeit, aber auch bei den Choreographinnen zeigt sich eine deutliche Abnahme der Engagements. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, womit diese Lücke bzw. der Rückgang zusammenhängen könnte. Einen Ansatz zur Untersuchung der Kausalitäten bietet die (vorerst ledigliche) Korrelation zwischen den jeweiligen Intendanten3 und Produktionsteams des bisherigen Festspielbetriebs.
Herbert von Karajan und die Absenz der Frauen in (künstlerischen) Leitungspositionen
Blickt man auf die Jahre zwischen 1970 und 1990, so wird deutlich, dass Herbert von Karajan diesen Zeitraum mit seiner langjährigen Intendanz prägte. Beginnend im Jahr 1957 hatte er bis ins Jahr 1989 die künstlerische Leitung der Festspiele inne.4 In Bezug auf die Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen geht aus der Datensichtung hervor, dass unter Karajan nur wenige bis gar keine Frauen in diesen Bereichen zum Zug kamen. So gab es zwar einige Choreographinnen, jedoch nur Margarete Wallmann und Helene Thimig in insgesamt acht Produktionen als Regisseurinnen (beide waren bereits vor Karajan in dieser Rolle bei den Festspielen etabliert) und keine einzige Dirigentin. Die Aufarbeitung dieser Umstände ist kaum oder gar nicht vorhanden. Grundsätzlich lässt sich aber die These argumentieren, dass unter Karajan persönliche, strukturelle und institutionelle Ungleichstellungen und Diskriminierungen gegenüber weiblichen Künstlerinnen aufrechterhalten und verstärkt wurden, die sich – aufgrund mangelnder Aufarbeitung – auch in den heutigen Strukturen der Salzburger Festspiele nachweisen lassen. In Hinblick auf Karajans langjährige Intendanz und seine bis in die zeitgenössische Festspielkultur reichende Rolle als eine der Identifikationsfiguren der Salzburger Festspiele wäre es also in weiterer Folge interessant, seine Rolle in den heutigen Strukturen innerhalb der Festspiele zu erforschen; zudem – auch dieser Zusammenhang scheint uns relevant – wie die Aufarbeitung und Reflexion des „Vermächtnis Karajan“ der Salzburger Festspiele gestaltet wird.
In diesem Zusammenhang seien noch die Herbert von Karajan Young Conductors Awards genannt. Sie sind einerseits ein Beispiel für die nach wie vor deutliche Präsenz Karajans bei den Salzburger Festspielen, in diesem Fall in der Nachwuchsförderung. Gleichzeitig ist auffällig, dass die achtköpfige Jury der Young Conductors Awards aus sieben Männern und nur einer Frau besteht. Auch die Auszeichnungen werden größtenteils an männliche Künstler vergeben.5 Die Gründe dafür mögen im Kontext der (klassischen) Musikbranche vielfältig sein – jedoch kann thesenhaft von der fehlenden Reflexion und Aufarbeitung der diskriminierenden Besetzungspolitik Karajans (und anderen Aspekten seines Wirkens) als relevanter Faktor ausgegangen werden.
Entsprechend gilt es für die Salzburger Festspiele in Zukunft Maßnahmen zu setzen, die einerseits die Zeit und Rückstände der „Ära Karajan“ kritisch aufarbeiten und die andererseits konkrete Schwerpunkte zur Förderung und Sichtbarmachung insbesondere von Dirigentinnen, aber auch von Regisseurinnen und Choreographinnen setzen. Im Fall der Herbert von Karajan Young Conductors Awards ergibt sich die Forderung nach Diversifizierung in allen Bereichen (Jury, Preisträger*innen etc.).
Neben der Intendanz von Herbert von Karajan erscheint auch eine genauere Beobachtung und Analyse anderer Intendanten als sinnvoll und unumgänglich für eine aussagekräftige Beschäftigung mit der Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in künstlerisch leitenden Positionen bei Produktionen der Salzburger Festspiele. Da es den Rahmen dieses in erster Linie grundlagenbasierten und überblicksschaffenden Beitrags jedoch sprengen würde, lassen sich hier lediglich die Vision und Forderung nach einer solchen Beschäftigung und Herangehensweise zu dem Thema Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen formulieren und in Aussicht stellen.
Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen: Führungsperson oder schmückendes Beiwerk?
Wirft man einen Blick auf die erhobenen Daten, wird deutlich, dass der Bereich Choreographie von Anfang an überwiegend von Frauen ausgeübt wurde und nach wie vor wird. Besonders auffällig ist, dass es bereits seit Beginn der Salzburger Festspiele im Jahr 1920 Choreographinnen in den Produktionsteams gab. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass hinter den Choreographinnen in den Anfangsjahren der Salzburger Festspiele nur wenig Wechsel und Diversität in Bezug auf (verschiedene) Frauen stand.
Während verhältnismäßig viele Produktionen mit weiblich besetzter Choreographie aufgeführt wurden, wird hier sichtbar, dass es wenige unterschiedliche Choreographinnen sind, die einen Großteil der Produktionen übernahmen. Darunter sind zwischen 1920 und 1969 vor allem Margarete Wallmann, Hede Nilson-Schaffgotsch und Grete Wiesenthal hervorzuheben.
In der Datenbank des Archivs der Salzburger Festspiele werden jene Produktionsteams, denen auch die Choreographinnen angehören, durchgängig unter dem Begriff „Leading Team“ angeführt, was eine gewisse Hierarchielosigkeit innerhalb der Produktionsteams impliziert. Ausgehend von der These, dass im künstlerischen Betrieb ebenso wie in nahezu allen strukturell männlich dominierten Bereichen einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Gesellschaft die Positionierung von Frauen in Führungspositionen das Ergebnis eines jahrzehnte- bzw. jahrhundertelangen Aktivismus ist, stellt sich an dieser Stelle folgende weiterführende Forschungsfrage: Nehmen Choreographinnen angesichts ihrer Häufigkeit im Vergleich zu den Regisseurinnen und Dirigentinnen bei den Salzburger Festspielen eine Vorreiterinnenstellung in Bezug auf weiblich besetzte Führungspositionen bei den Produktionen der Salzburger Festspiele ein?
Geht man davon aus, dass eine solche Hierarchielosigkeit – wie sie der Begriff des „Leading Teams“ suggeriert – tatsächlich vorhanden war bzw. ist, so müsste die Antwort lauten: Ja. Ob diese Annahme jedoch für die Choreographinnen bzw. für das Verhältnis von Choreographin und (meist männlich besetzter) Regie in der Praxis haltbar ist, ist durchaus fraglich. Andrea Amort deutet die Gewichtung der Rollen innerhalb der Produktionsteams allein durch den Titel ihres Beitrags im vorliegenden Band an: Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele.6 Die Choreographie ist damit ein Teil der Inszenierung von Max Reinhardt. Schließlich wird der tänzerische und choreographische Erfolg der Künstlerinnen in Salzburg stets in Zusammenhang mit Max Reinhardts „genialer“ Besetzungspolitik erwähnt.7 So schreibt Amort u.a.:
Diese frühen Jahre der Festspiele scheinen, bewegungstechnisch gesehen, der Vision Max Reinhardts von einem bewegten Ganzen zu entsprechen. Der Regisseur, der theatrales Geschehen grenzüberschreitend inszenierte, scheint immer dann nach einem hilfreichen tänzerischen Gestus gesucht zu haben, wenn er das zur idealen Umsetzung und zur Vervollkommnung seiner brausenden Ideen brauchte.8
Demnach gehe es also in erster Linie um Reinhardts Vorstellungen. Die Ideen und die künstlerischen Leistungen der Choreographinnen stehen (wenn überhaupt) an zweiter Stelle. Amort stellt diesbezüglich auch die Frage nach einem konkreten Bild der Arbeitsbereiche, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Verortung innerhalb möglicher Produktionshierarchien der Rolle Choreographie in den Raum: „Offen bleibt die Frage, wie sehr sich die Künstlerinnen während der Kreation einbringen und durchsetzen konnten.“9
Im Kontext des Memorandums des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 202010 wird eine solche Frage nach Arbeitsbedingungen und -umständen wesentlich, nachdem sich die Festspiele hier explizit zu jenen Grundsätzen, die bereits in der Vergangenheit gegolten haben und auch für die Zukunft der Salzburger Festspiele gelten sollen, bekennen. Im vierten Grundsatz heißt es demnach: „Die Salzburger Festspiele bekennen sich weiterhin zum Dreispartenbetrieb (Oper, Schauspiel, Konzert) sowie entschieden zur Qualität, der sie den Vorrang vor der Kommerzialität geben. Die Salzburger Festspiele leben das Bekenntnis zu höchster Qualität als zentralen Schlüssel zum Erfolg.“11 Hier wird deutlich: Tanz war nie und wird auch zukünftig keine eigens angestrebte Sparte in der Programmierung der Salzburger Festspiele werden. Entsprechend findet sich in den bisherigen 103 Jahren Salzburger Festspielbetrieb lediglich eine einzige eigens als Tanzperformance ausgewiesene und von einer Frau choreographierte Produktion: Into The Hairy aus dem Sommer 2023.12 Anders als in sämtlichen anderen Produktionen ist die Choreographin, Sharon Eyal, hier keiner Regie unterstellt, und so ist anzunehmen, dass es sich bei der Rolle der Choreographie in diesem Ausnahmefall wohl wirklich um eine „Leading“-, also um eine Leitungsposition handelt. Es bleibt zu beobachten, ob Into The Hairy eine solche Ausnahme bleiben wird oder – obwohl Tanz nicht als eigene Sparte bei den Salzburger Festspielen vorgesehen ist – weitere Choreographinnen in Leitungspositionen folgen werden.
Diesen Ergebnissen zufolge kann zumindest die These geäußert werden, dass die Position der Choreographie hierarchisch unter jener der Regie zu verorten ist und sich an dieser Ordnung vermutlich auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Auf die Frage, ob Choreographinnen eine Vorreiterinnenstellung als weibliche Führungspersonen bei den Salzburger Festspielen einnehmen, lautet die Antwort also: Es ist anzunehmen, dass es sich – zumindest in den klassischen drei Sparten Oper, Schauspiel und Konzert – bei der Rolle der Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wohl nicht um eine produktionsleitende, künstlerische Führungsfunktion handelt. Choreographinnen haben also, wenn sie auch bereits seit Beginn der Festspiele eine nicht zu schmälernde Rolle innerhalb der Produktionen einnehmen, keine Vorreiterinnenstellung als weibliche Führungspersonen inne.
Weitere Forschungsinteressen und Visionen für die Salzburger Festspiele
Abschließend bleibt eine Reihe an offenen Fragen und Impulsen für weitergehende Forschungsvorhaben bezüglich der Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bei den Salzburger Festspielen wie auch Forderungen und Visionen mit dem Ziel, eine umfassende Gleichstellung von Frauen und Männern bei den Salzburger Festspielen zu ermöglichen und umzusetzen.
Im Rahmen unserer Recherche und Analyse wurde deutlich, dass die Datenlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit beispielsweise den Intendanten der Salzburger Festspiele wie auch der Rolle der Frauen bei den Festspielen im historischen Kontext weitgehend Lücken aufweist. Da eine solche Aufarbeitung jedoch besonders relevant für die Untersuchung von struktureller und institutioneller Ungleichstellung von Frauen bei den Salzburger Festspielen erscheint, ergibt sich als erste grundlegende Forderung jene nach einer öffentlich zugänglichen, vollständigen bzw. transparenten Datenbank mit dem Fokus auf Sichtbarkeit und Sichtbarmachung von Frauen, z.B. in Form adäquater Filteroptionen, Verlinkungen zu den Künstler*innen-Profilen auf der Webseite der Salzburger Festspiele und Kontextualisierungen in Form von bereitgestellten Artikeln, Rezensionen etc. zu Produktionen und Beteiligten.
Die Bereitstellung von Quellen und Datenmaterial kann auch eine zukünftige Auseinandersetzung mit der „Timeline“ der Salzburger Festspiele erleichtern. Fragen nach Zusammenhängen zwischen den in der Datensichtung beobachteten Trends und den Phasen der Festspiele können somit quellenbasiert analysiert und beantwortet werden.
Die Datensichtung hat außerdem gezeigt, dass etwa der Bereich Choreographie von Anfang an vorherrschend mit Frauen besetzt war und nach wie vor ist. Gleichzeitig lässt sich für die Bereiche Regie und Dirigat ein eher schwerfälliger Trend in Richtung einer weiblichen Besetzung beobachten – von einem gleichberechtigten Standard kann nicht die Rede sein. Auch in dem 2020 erschienenen Memorandum zum 100-jährigen Jubiläum der Festspiele treten die konkreten Maßnahmen zur Sichtbarmachung und Gleichberechtigung von Frauen bei den Salzburger Festspielen als Leerstelle auf. Das heißt im Rückschluss nicht unbedingt, dass es keine Maßnahmen gibt, eine proaktivere Herangehensweise und transparente Kommunikation wären jedoch wünschenswert. Dementsprechend lässt sich ein weiterführendes Forschungsinteresse formulieren, welches das (historische) Entstehen von „Frauen-“ und „Männerdomänen“ in Bezug auf die Salzburger Festspiele kritisch reflektiert, etwaige Ungleichheitsstrukturen aufarbeitet und in weiterer Folge proaktiv dekonstruiert. In diesem Kontext sind die Salzburger Festspiele konkret gefordert, ein explizites Gegensteuern der „klassischen“ Rollenverteilung, eventuell durch entsprechende Projekte, Schwerpunkte oder auch den Einsatz von Entscheidungsträger*innen oder Personen in leitenden Funktionen zur Fokussierung auf Gleichberechtigungsagenden zu ermöglichen und schließlich auch zu realisieren.
In Bezug auf die Frauen als Regisseurinnen, Dirigentinnen und Choreographinnen bleiben letztlich auch einige Fragen unbeantwortet, welche für zukünftige Forschungsvorhaben als interessant und relevant erscheinen. So drängt sich vor allem die Frage auf, ob (und falls ja, warum) Frauen in künstlerisch leitenden Funktionen vor allem in Produktionen in „Randveranstaltungen“ zu finden sind. Konkret wären das beispielsweise das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ oder Produktionen an kleineren Spielstätten im Gegensatz zu den großen, für die Selbstdarstellung der Festspiele zentralen Bühnen: Wo werden die Produktionen, an denen Frauen beteiligt sind, hauptsächlich gezeigt? Auch eine Auseinandersetzung mit den Pfingstfestspielen, welche seit 2012 von einer Frau, Cecilia Bartoli, geleitet werden, erscheint interessant.
Es bleiben also viele Themen unbehandelt und zahlreiche Fragen offen, mit denen es sich in Zukunft zu beschäftigen gilt. Die Forschung rund um die Frauen bei den Salzburger Festspielen hat damit viel zu tun. So auch die Festspiele selbst.
Ein Blick auf das Festspiel-Programm für den Sommer 2024 zeigt, ohne konkrete und verbindliche Zielsetzungen und Maßnahmen geht es nicht. Regisseurinnen, Choreographinnen und Dirigentinnen kommen in unterschiedlichen (wenn auch wenigen) Produktionen vor, eine radikale Veränderung bleibt aus. Das Memorandum 2020 schließt mit den Worten ab: „Die Salzburger Festspiele müssen nicht immer neu geträumt oder erfunden werden. Sie müssen aber immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden, und diese neue Gegenwart kann nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit heraus entstehen.“13 Fast zynisch liest sich dieser Abschluss angesichts der dargestellten grundlegenden Leerstellen in der (historischen) Aufarbeitung und der offensichtlichen Ungleichheitsstrukturen, die nicht den Ansprüchen des Jahres 2024 entsprechen. Abschließend kann gesagt werden: Es geht keineswegs darum „immer neu zu träumen“, sondern darum, endlich zu handeln.
Anmerkungen
- Archiv der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/kalender (26.3.2024). ↩︎
- Zu beachten ist, dass hier nach jetzigem Erhebungsstand der Begriff „Produktionen“ nicht zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen unterscheidet. Erfasst wurden lediglich die unterscheidbaren Programmpunkte pro Jahr, weshalb etwa die Produktion des Jedermann in den Jahren 1920 und 1921 mit der Choreographie von Hede Nilson-Schaffgotsch als zwei Produktionen gewertet werden, obwohl es sich wohl um eine Wiederaufnahme handelt. Die individuellen Aufführungen in einem Festspieljahr, etwa sechs Aufführungen des Jedermann im Jahr 1920, werden als eine Produktion angegeben. In weiteren inhaltlichen Untersuchungen wäre es also sinnvoll, die einzelnen Produktionen genauer zu untersuchen und festzuhalten, was sich aus der Unterscheidung zwischen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen ergibt. ↩︎
- Zu gendern ist hier hinfällig, da es sich um eine bisher ausschließlich von Männern ausgeübte künstlerische Leitungsposition handelt. ↩︎
- Bayrischer Rundfunk: Salzburger Festspiele. Intendanten von Karajan bis heute. https://www.br-klassik.de/themen/salzburger-festspiele/intendanten-salzburger-festspiele-100.html (26.3.2024), datiert mit 20.7.2017. ↩︎
- N. N.: Herbert von Karajan Young Conductors Awards. https://www.salzburgerfestspiele.at/yca#preistrgerinnen (26.3.2024). ↩︎
- Amort, Andrea: Choreografinnen und Tänzerinnen prägten die Salzburger Festspiele. Max Reinhardts Leidenschaft für Bewegung wird zur Plattform der Tanz-Moderne. Im vorliegenden Band, S. 110-120, S. 110. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 115-116. ↩︎
- Ebd., S. 115. ↩︎
- Ebd., S. 116. ↩︎
- MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- N. N.: Into The Hairy. https://www.salzburgerfestspiele.at/p/into-the-hairy-2023 (27.3.2024). ↩︎
- MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020. ↩︎

IRIS SCHMIDINGER
Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kinder- und Jugendliteratur. Weiterbildungen und ehrenamtliche Tätigkeiten im Bereich Kinder- und Jugendliteratur sowie Kulturmanagement im Bereich Chormusik. 2016-18 Mitarbeiterin bei den Wiener Festwochen. Seit 2021 Leiterin des Veranstaltungsbereichs des Österreichischen Buchklubs der Jugend sowie redaktionelle Mitarbeit.

ANNA SCHWEIGER
2019-23 Bachelorstudium Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch mit Spezialisierungen in den Fachbereichen Linguistik und Deutsch als Fremdsprache bzw. Zweitsprache mit Fokus auf Critical digital Discourse Analysis bzw. Kritische Diskursanalyse medialer Berichterstattung. Seit 2023 Master Austrian Studies und Master Lehramt der Unterrichtsfächer Deutsch und Englisch an der Universität Wien.


