Inklusion versus Exklusion

Zu Programm und Publikum der Salzburger Festspiele

SARA LEITNER: Assoziieren Sie die Begriffe „Kulturbetrieb“ und „Diversität“ mit den Salzburger Festspielen?

AMÉLIE NIERMEYER: Nein, überhaupt nicht.

SARA LEITNER: Wofür stehen die Salzburger Festspiele für Sie im Kontext von Viel­falt, Diversität, Inklusion und Exklusion?

AMÉLIE NIERMEYER: Meine Studierenden würden sagen, dass die Salzburger Fest­spiele ein Ort sind, an dem alte weiße Männer alte Stücke inszenieren. Das ist vielleicht etwas vereinfacht formuliert, fasst die Tatsache im Großen und Ganzen aber gut zusammen – und zwar mit Blick sowohl auf das Musiktheater als auch auf das Schauspiel.

SARA LEITNER: Wie begründen Ihre Studierenden diese Außen-Wahrnehmung?

AMÉLIE NIERMEYER: Sie begründen sie mit der Auswahl der Personen, die Regie führen und deren Stücke gespielt werden. Bei den Salzburger Festspielen wird gespielt, was man kennt, und es inszenieren momentan hauptsächlich Regis­seure, die schon seit 30 Jahren die Bühnen bestimmen. Es gibt weder eine Zu­sammenarbeit mit der jüngeren Generation noch mit Personen, die nicht „weiß“ sind und die im Kulturbetrieb benachteiligt werden. Seit es das Young Directors Project nicht mehr gibt, gibt es auch kaum noch Diversität in der Altersrange. Es gibt keine „People of Color“, kaum Frauen und auch keine Newcomer in der Regie. Es wird all das gezeigt, was im Kulturbetrieb sowieso schon ganz oben ist, obwohl der Gedanke der Festspiele meiner Meinung nach ein anderer ist – näm­lich, dass man neue Strömungen sucht und versucht, innovativ zu denken. Ich finde, dass wenig von dem gezeigt wird, was im deutschsprachigen Raum und international wirklich von Relevanz ist.

SARA LEITNER: Findet die von Ihnen angesprochene Exklusion Ihrer Meinung nach ausschließlich bei der Auswahl der Mit­wirkenden oder auch bei der Gestal­tung des Programms statt?

AMÉLIE NIERMEYER: Die Mitwirkenden sowie die Ästhetik einer Inszenierung bestimmen – bis auf wenige Ausnah­men – die Regisseur*innen. 2018 gab es bei der Produktion La clemenza di Tito beispielsweise die Entscheidung, dass nur PoC-Solistinnen auf der Bühne ste­hen. Das war eine beeindruckende Arbeit von Peter Sellars. Abseits von diesem Beispiel ist aber im Musiktheater kein Versuch der Inklusion erkennbar – weder in Besetzungsfragen, noch bei der Auswahl der Autor*innen, Komponist*innen oder Regisseur*innen. Es ist schon ein Glücksfall, wenn die Kostümbildnerin eine Frau ist. Am Ende einer Premiere stehen zumeist Männer auf der Bühne und verbeugen sich. Von anderen – z.B. queeren – Personengruppen ganz zu schwei­gen. Obwohl wir in den letzten fünf Jahren eine Schauspieldirektorin hatten, ist leider auch in diesem Bereich wenig passiert.

SARA LEITNER: Werden gesellschaftspolitische Themen, die Diversität betreffen, bei den Salzburger Festspielen in irgendeiner Form aufgegriffen?

AMÉLIE NIERMEYER: Im letzten Projekt von Karin Henkel, Liebe (Amour), hat die Re­gisseurin versucht, Themen anzuspre­chen, die gesellschaftspolitisch relevant sind. Ich habe es noch nicht gesehen, finde aber, dass es nach einem interes­santen Vorgang klingt. Auch ein span­nender Theaterabend war das Projekt von Helgard Haug Der Kaukasische Krei­dekreis, wo Menschen mit Beeinträchti­gungen auf der Bühne standen. Beides tolle Frauen, aber Ausnahmen.

SARA LEITNER: Sind die Salzburger Fest­spiele überhaupt ein Ort, an dem eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen stattfinden kann?

AMÉLIE NIERMEYER: Das könnten sie sein. Ich glaube, dass das Publikum in diesem Punkt unterschätzt wird. Es wird immer gesagt, dass das Publikum ausschließ­lich nach „big names“ und einer bestimmten Ästhetik verlangt, wie z.B. nach je­ner von Christof Loy in der Oper. Es soll also alles so wie immer sein, gleichzeitig aber modern aussehen, was dazu führt, dass z.B. die Art und Weise, wie Frauen dargestellt werden, häufig stark veraltet ist. Ich glaube, dass die Zuschauenden sehr wohl offen gegenüber Neuerungen wären, weil sie sich aus kulturinteres­sierten Personen zusammensetzen. Natürlich wollen sie „big names“ im Musik­theater sehen, sie wollen aber auch an einem Festival teilnehmen, das am Puls der Zeit ist. Das sind die Festspiele aber nicht, was im Vergleich zur Ruhrtrien­nale und den Wiener Festwochen auffällt.

SARA LEITNER: Das Publikum war auch bei dem Gespräch, das ich mit Helgard Haug und Lea Susemichel geführt habe, ein Thema. In diesem hat Lea Susemichel auch Kritik am Publikum geübt.

AMÉLIE NIERMEYER: Die Intendanz der Festspiele muss den Spagat schaffen zwi­schen der Erwartungshaltung des Publikums, das die hochpreisigen Karten bezahlt, und den Erwartungen des Feuilletons, das das Besondere erhofft. Der jetzige Intendant fährt dadurch den Kurs, die Männer zu engagieren, die momentan überall an den großen Häu­sern zu sehen sind, und das gefällt dem Publikum und fordert es wenig. Die Personen würden aber auch nach Salzburg kommen, wenn sie mehr ge­fordert würden. Das konnte man beim großen Publikumserfolg bei der un­bekannten Oper The Greek Passion er­fahren. Ich glaube nicht, dass man die Zuschauenden verlieren würde, wenn man diverser aufgestellt wäre und ei­nem breiteren Publikum eine Teilnah­me ermöglichen würde. Letzteres ver­unmöglichen die hohen Ticketpreise. Personen, die nicht im künstlerischen Bereich tätig sind und die Möglichkeit haben, mithilfe von Kontakten an Gene­ralproben-Tickets zu gelangen, können sich eine Teilnahme an einer Aufführung der Salzburger Festspiele kaum leisten. Man könnte ein größeres Kontingent an Tickets für junge Menschen einführen oder bezahlbare Tickets, sodass auch die Besucher*innen diverser aufgestellt wären. Immerhin werden die Salzburger Festspiele auch von Staat und Land gefördert.

SARA LEITNER: Werden im Programm der Salzburger Festspiele Ihrer Meinung nach Themen wie globale Zusammenhänge bzw. Globalität generell, Kolonialismus oder Postkolonialismus aufgegriffen?

AMÉLIE NIERMEYER: Ich habe natürlich nicht jede Vorstellung gesehen, aber eine Auseinandersetzung mit diesen Themen ist mir nicht aufgefallen.

SARA LEITNER: In den Gründungsschriften zu den Festspielen von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal ist ein ganz bestimmter Kunstbegriff erkennbar. Die Kunst, die in Salzburg gezeigt werden soll, wird als etwas durch und durch Schönes und Freudebringendes verstanden. Die Salzburger Festspiele sollen ein Zufluchtsort sein. Denken Sie, dass dieses Kunstverständnis noch heute Einfluss auf den Umgang mit bestimmten Themen hat?

AMÉLIE NIERMEYER: Es gibt viele Festivals, die vor 100 Jahren anders waren als heu­te. Ihre Funktion ist es aber, das gegenwärtige kulturelle Leben widerzuspiegeln und innovativ zu beeinflussen. Es wäre deshalb überfällig, Postkolonialismus bei den Salzburger Festspielen zu thematisieren, es fehlt eine globale Perspektive, der westliche Kanon wird stetig wiederholt. Ich glaube auch, dass Max Reinhardt die Funktion der Festspiele heute anders definieren würde. Die Festspiele wur­den in einer Zeit gegründet, die von einem anderen Denken geprägt war. Warum sollte man dieses Gedankengut übernehmen? Immerhin hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Wir als Kulturschaffende sind dafür verantwortlich, uns mit der gesellschaftlichen Realität auseinanderzusetzen oder Utopien zu schaffen. Wir sind nicht dazu da, etwas umzusetzen, das Max Reinhardt vor mehr als 100 Jahren gesagt hat. Das ist vor allem in Zeiten wie diesen wichtig, in denen die FPÖ weiter an Macht gewinnt und wir fürchten müssen, dass in vielen Bereichen in Österreich – gerade in der Kunst – ein „Backlash“ stattfindet.

SARA LEITNER: Helgard Haug hat in unserem Gespräch über das Kunstverständnis der Salzburger Festspiele auf Basis ihrer Erfahrungen nachgedacht und gemeint, dass zwischen den verschiedenen Bereichen – also Schauspiel, Oper und Konzert – differenziert werden muss. Wie nehmen Sie das wahr?

AMÉLIE NIERMEYER: Die Erwartungshaltung beim Musiktheater ist häufig etwas konservativer, weil die Kompositionen und Libretti immer gleich sind und nicht dekonstruiert werden dürfen. Dadurch kommt dem Schauspiel häufig die Funk­tion zu, verstörend und aufwühlend zu sein. Außerdem werden bei den Salzbur­ger Festspielen wenig zeitgenössische Opern und Uraufführungen gespielt. So muss es aber nicht sein. Es gibt viele Drei-Sparten-Häuser, die im Musiktheater etwas wagen und zumindest zwei zeitgenössische Werke pro Spielzeit auffüh­ren. Denn das Musiktheater kann progressiv sein – auch bei den Festspielen. Es gibt Dirigent*innen, die dazu bereit sind, in Opern einzugreifen und Libretti leicht anzupassen. Es hängt also davon ab, wen man für bestimmte Positionen aussucht. Ich stimme Helgard Haug zu, dass man bei den Festspielen vor allem beim Schauspiel eine progressivere Erzählung erwartet als die, die im Musik­theater anzutreffen ist. Diese Vorstellung entspricht aber nicht dem zeitgenös­sischen Narrativ der Sparten, sondern einer veralteten Erwartungshaltung der Zuschauer*innen.

SARA LEITNER: Es gibt also hier gewisse Stereotype?

AMÉLIE NIERMEYER: Auf jeden Fall. Ich kenne aber auch viele ältere Abonnent*innen, die – weil sie schon so viel erlebt haben und regelmäßig in die Oper gehen – sehr weltoffen sind. Älte­re Abonnent*innen wollen nicht immer altes Theater sehen.

SARA LEITNER: In den Gründungsschrif­ten der Salzburger Festspiele spielt die identitätsstiftende Funktion von Fest­spielen eine große Rolle. Nach Rein­hardt und Hofmannsthal sollen die Festspiele dabei helfen, die österreichi­sche Identitätskrise zu lösen. Folglich ist in diesen Schriften ein starker Eurozentrismus und auch (Deutsch-)Nationalis­mus erkennbar. Welche Funktion haben die Festspiele Ihrer Meinung nach? Geht es nach wie vor um Identitätsstiftung? Wenn ja, spielen Konzepte wie (Deutsch-)Nationalismus und Eurozentrismus auch heute noch eine Rolle?

AMÉLIE NIERMEYER: Der Fokus liegt klar auf dem, was in Österreich und Deutsch­land als Kunst und Kultur definiert wird. Das hat sicher damit zu tun, dass in diesen Ländern mehr Geld in Kunst und Kultur gesteckt wird als in vielen ande­ren. Gerade in Österreich ist das so. Das kulturelle Leben hat in Österreich einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Dafür bin ich als Künstlerin dankbar, bemerke aber auch, dass diese Priorisierung mit dem Gedanken einhergeht, dass die Österreicher*innen wissen, was Kunst ausmacht. Identitätsstiftend ist oft ein Selbstbestätigungsritual westlicher Hochkultur. Die Festspiele sind meiner Mei­nung nach also kein Festival, das die Welt widerspiegelt und wenn, dann le­diglich den Eurozentrismus. Österreich und Deutschland sind postmigrantische Gesellschaften, und die europäischen Theater hätten die Mammutaufgabe, sich mit dem Kolonialismus auseinanderzusetzen. Für die Zuschauer*innen wäre es interessant, etwas zu erleben, das sie nicht kennen und das nicht unserem Ka­non entspricht. Aber mir scheint, dass zurzeit mehr Menschen ins Theater ge­hen, weil sie die globalen Krisen ausblenden wollen. Die Sehnsucht danach, kurz Ruhe zu haben, spürt man gerade überall. Die Menschen sind vor allem durch den Ausbruch zweier Kriege belastet.

SARA LEITNER: Helgard Haug hat etwas Ähnliches zur Aktualität von Identitäts­krisen gesagt. Glauben Sie auch, dass unterschiedliche Dinge der Gesellschaft Stabilität nehmen – wie z.B. der Krieg in der Ukraine, aber auch Debatten, die in­nerhalb der Gesellschaft geführt werden – und dazu führen, dass die Salzburger Festspiele tatsächlich die Funktion einnehmen, identitätsstiftend zu sein?

AMÉLIE NIERMEYER: Ich sehe das genauso wie Helgard Haug. Das zwingt die Salz­burger Festspiele aber nicht dazu, etwas ästhetisch Abgesichertes zeigen zu müs­sen. Sie könnten dennoch das troststiftende Element von Kunst ab und zu in den Vordergrund rücken und zeigen, dass man darin Ruhe finden kann. Menschen aus Israel haben gesagt, sie finden wieder Zugang zu ihren Gefühlen, weil sie z.B. Igor Levit spielen gehört haben. Das zeigt, welche Funktion Kunst einneh­men kann. Diese Funktion zu erfüllen, ist nicht unbedingt die Hauptaufgabe der Festspiele, sie ist aber ein Teilaspekt. Das haben wir nach Corona erlebt. Bei den Festspielen sollte man aufgewühlt und erschüttert werden, doch hier ärgert man sich höchstens, wenn etwas langweiliger ist, als erwartet. Man unterschätzt die Menschen – selbst in Anbetracht der jetzigen Krisenzeiten. Die Festspielhäuser und die Felsenreitschule sind Orte, die man kennt und an denen man sich wohl­fühlt. Diese Orte könnten dadurch ein Platz sein, wo man Aufwühlendes und Bewegendes erlebt.

SARA LEITNER: Helgard Haug hat in diesem Kontext den Begriff des Rituals einge­führt. Glauben Sie, dass die Salzburger Festspiele ein Ritual sind?

AMÉLIE NIERMEYER: Ja, die Besucher*innen kommen nach Salzburg und schlafen immer wieder in denselben Hotels oder fahren in ihre Wohnungen, die nur während der Festspielzeit genutzt werden. Sie wollen in Salzburg das Fest­spiel-Leben genießen und ihre Kleider ausführen. All diese ritualisierten Dinge sind Teil der Festspiele. Das Ritual können nur die praktizieren, die eingeweiht sind und den Code kennen. Interessant wäre es, neue Rituale einzuführen, wie z.B. den Festival Campus bei der Ruhrtriennale, der andere junge Menschen ansprechen würde. Es gab Intendanten, die mehr gewagt haben, wie zum Bei­spiel Gerard Mortier. Aber divers war es auch damals nicht. Das war es eigent­lich nie.

SARA LEITNER: Haben die Salzburger Festspiele einen identitätsstiftenden Charak­ter, weil sie in Österreich stattfinden? Ist die Kopplung von nationaler Identität mit Kunst ein österreichisches Spezifikum?

AMÉLIE NIERMEYER: Ja, aber diese Kopp­lung ist meiner Meinung nach auch positiv zu bewerten. Den Menschen bedeutet Kunst, das Theater tatsächlich etwas. Das äußert sich in unterschied­lichen Bereichen – beispielsweise bei der Wohnungssuche. Wenn man in Wien sagt, man ist Schauspieler*in oder Regisseur*in, bekommt man sofort ein Angebot. In Deutschland ist das schon lange nicht mehr so. In Salzburg wieder­um – einem Ort, der nicht nur die schöne Altstadt feiern kann, sondern auch das schöne Umland – äußert sich diese positive Kopplung damit, dass das Schöne der Natur gemeinsam mit der Kunst wahrgenommen wird. Das ist genauso ein Markenzeichen von Salzburg wie die Mozartkugeln und die Kulisse der Berge.

SARA LEITNER: Lea Susemichel hat in diesem Kontext den Umstand beschrieben, dass die Identität in Österreich im Theater immer vom Publikum mitverhandelt wird, was sich mit Blick auf unterschiedliche Theaterskandale äußert. Kann man diese emotionale Involviertheit des Publikums nutzen, oder stellt sie einen Nach­teil dar?

AMÉLIE NIERMEYER: Die Presse nutzt diesen Umstand gerne aus. Das hat sich vor allem bei den Berichterstattungen um die Darstellerin der Buhlschaft gezeigt. Das war Sexismus pur. Ob die Zuschauer*innen genauso denken, weiß ich nicht. Sie werden jedenfalls stark von der Presse beeinflusst, die wiederum vorgibt, dass eine Buhlschaftsdarstellerin dem Bild entsprechen muss, das von alten Männern vorgegeben wird. Ob das der Realität entspricht, wage ich zu bezweifeln. Dass die Zuschauenden eine Meinung zu Kunst haben und diese auch lautstark äu­ßern, nehme ich positiv wahr. Das zeigt sich auch bei Publikumsdiskussionen. Die Menschen haben oft eine sehr deutliche Meinung und lieben es, diese deut­lich zu kommunizieren.

SARA LEITNER: Spielen Ausschlussmechanismen – so wie sie vor allem bei der Kons­truktion von Identität auftreten – bei den Salzburger Festspielen eine Rolle?

AMÉLIE NIERMEYER: Ja, die Personen, die es sich leisten können, an Veranstaltun­gen der Salzburger Festspiele teilzunehmen, sind die Reichen, die in ihrer eige­nen „bubble“ leben. Das äußert sich beispielsweise anhand von vermeintlichen Dresscodes. Einige meiner Studierenden wurden bei einer Vorstellung sofort ne­gativ beäugt, weil ihr Gewand nicht der Kleiderordnung entsprochen hat.

SARA LEITNER: Haben diese Ausschlussmechanismen auch Auswirkungen auf die Auswahl derjenigen, die aktiv an den Festspielen mitwirken können? Gibt es Verfahren oder Entscheidungen bei der Auswahl aller Mitwirkenden, die zeigen, dass bestimmte Personengruppen explizit ausgeschlossen werden und nicht mit­machen können?

AMÉLIE NIERMEYER: Nein. Es ist mittlerweile eine gewisse Weltoffenheit zu sehen, zumindest die Bemühung. Ich glaube, dass eine Bewegung und Versuche erkenn­bar sind, weil man bei den Festspielen weiß, dass es so nicht mehr weitergeht.

SARA LEITNER: Spielen Dinge wie (Deutsch-)Nationalismus und Eurozentrismus eine Rolle?

AMÉLIE NIERMEYER: Dass Nationalismus ein Problem ist, sieht man am Erstarken der FPÖ. Ich war erschrocken, dass der jetzige Intendant die Proteste gegen die FPÖ als übliche Erregungsrituale herabstufte. Das zeigt eine bestimmte Denk­weise. Die FPÖ hätte bei dem Programm, das zurzeit läuft, nämlich ohnehin kei­nen Grund, sich zu beschweren. Als ob sich die Gefahr der FPÖ auf die Einmi­schung in künstlerische Programme beschränken würde.

SARA LEITNER: Gibt es Bemühungen, bei der Auswahl der Mitwirkenden – vor allem mit Blick auf Menschen mit Beeinträchtigungen – inklusiver zu sein?

AMÉLIE NIERMEYER: Das Projekt von Helgard Haug ist das einzige, das mir be­kannt ist. Bei uns am Mozarteum wurden auch Schauspiel- und Regiestudierende mit Beeinträchtigung aufgenommen. Das gab es vorher nicht. Das Thomas Bernhard Institut am Mozarteum ist insgesamt sehr divers aufgestellt und ist auch dafür sehr bekannt. Anders als die restlichen Theater, die sich bei mir nach Studierenden erkundi­gen, die nicht der Norm entsprechen, haben die Festspiele bisher kein Interesse daran gezeigt, diese zu inkludieren.

SARA LEITNER: Lea Susemichel hat die Funk­tion der Festspiele wie folgt zusammenge­fasst: „Hier ist die High Society, ihr geht es um Sekt und Selfies. Es handelt sich dabei nicht um Bildungsbürger*innen. Bei diesem Theaterbesuch geht es – um es mit Bourdieu zu sagen – um Distink­tionsgewinn, darum, eine bestimmte kulturelle Elite sein zu wollen, die mit den Salzburger Festspielen eine Geschmacksdistinktion demonstrie­ren will.“

AMÉLIE NIERMEYER: Das beschreibt ei­nen Teil des Publikums sehr gut. Ich behaupte aber, dass diese Gruppe nur 20 % des Publikums ausmacht. Sie stellt ein Spezifikum von Fest­spielen dar und gibt es überall bei großen Opern-Events. Im Publikum der Festspiele findet sich aber auch ein großer Teil von Menschen, die sich wirk­lich für Kunst interessieren und viel Geld investieren, um zu den Festspielen kommen zu können. Genauso gibt es viele Menschen, die sich gerne etwas anschauen würden, es sich aber einfach nicht leisten können. In den Auffüh­rungen des Jedermann sieht man z.B. andere Zuschauer*innen als in anderen Vorstellungen.

SARA LEITNER: Lea Susemichel hat in diesem Kontext festgestellt, dass die Salzbur­ger Festspiele eine Eliteveranstaltung sind und man deswegen hingeht. Schlie­ßen Sie sich dieser Aussage an?

AMÉLIE NIERMEYER: Die Salzburger Festspiele sind ein Ort, an dem man Gleichge­sinnten begegnet und diese jährlich wiedertrifft. Das ist eine bestimmte kulturinteressierte „Rich-people-Blase“. Ob diese beweisen muss, dass sie Geld hat, bezweifle ich. Das hat diese Personengruppe vermutlich nicht nötig. Und Sie fi­nanzieren diese Hochkultur, das schätze ich an ihnen. Diese „very rich people“ gehen dann auch am Nachmittag in bestimmte Galerien, in denen man fast eine Million für ein Bild ausgibt.

SARA LEITNER: Sind die Salzburger Festspiele nicht nur eine Bühne für die Inszenie­rungen, sondern auch eine Bühne für das Publikum?

AMÉLIE NIERMEYER: Ja, aber auch im guten Sinne. Außerdem muss man hier zwi­schen bestimmten Veranstaltungen und Branchen unterscheiden. Bei manchen Opernpremieren kann davon gesprochen werden, dass sie eine Bühne für das Publikum darstellen. Beim Jedermann ist das anders, die Preise sind auch mo­derater. Es gibt also nicht nur die, die von Helgard Haug und Lea Susemichel beschrieben werden, sondern auch eine andere Personengruppe, die an den Fest­spielen teilnimmt, Familien aus dem Umland. Auch bei den Generalproben ist ein anderes Publikum als bei den Vorstellungen oder bei den Premieren zu beob­achten. Und das Jugendprogramm „Jung und Jede*r“ erreicht mit einem viel zu kleinen Etat sogar die Schulklassen. Diese neue Einrichtung sollte man bei den Festspielen deutlich mehr unterstützen.

SARA LEITNER: Wenn Sie einen Appell an die Salzburger Festspiele richten könnten, in dem es um den gesellschaftlichen Anspruch der Vielfalt bzw. die Inklusion bestimmter Personengruppen geht, wie würde er lauten?

AMÉLIE NIERMEYER: Da gäbe es viel zu sagen. Die Salzburger Festspiele müss­ten die Themen widerspiegeln, die junge internationale Autor*innen und Komponist*innen beschäftigen. Auch die Altersrange müsste diverser sein und der Frauenanteil auf 50 % erhöht werden. Es müsste in jeder Hinsicht diverser sein – auch, was die Einbindung von quee­ren Personen und People of Color betrifft. Die Stoffe müssten im Bezug zu dem stehen, was gerade in dieser Welt passiert, und sich dazu deutlich verhalten. Ein Festival, das auf diese großen finanziellen Mittel zurück­greifen kann, die den Festspielen zur Ver­fügung stehen, hat nicht nur die Aufgabe, sondern auch die Verantwortung, auf Strö­mungen zu reagieren, die gerade entstehen und diese künstlerisch zu verarbeiten. Die Festspiele dürfen nicht stagnieren, sondern müssten sich immer wieder neu erfinden.

SARA LEITNER: Wenn Sie die Möglichkeit hät­ten, eine Veranstaltung bei den Salzburger Festspielen zu gestalten und die einzige Vorgabe wäre, dass das Thema Vielfalt auf­gegriffen wird – welche Veranstaltung würden Sie planen, wer wären die Mit­wirkenden und vor bzw. mit welchem Publikum würde sie stattfinden?

AMÉLIE NIERMEYER: Ich würde ein Projekt zur Demokratie machen. Am Mozar­teum gab es eine Veranstaltung mit Studierenden und Theaterschaffenden aus Budapest, die wegen Viktor Orbán in Ungarn nicht mehr im Theater tätig sein können und die aufgezeigt haben, was passiert, wenn ein politisches System kei­ne Demokratie mehr zulässt. Da uns diese Entwicklung auch in Österreich be­vorstehen könnte, müssen wir uns klarmachen, was Demokratie sein kann und sein muss. Ich würde deshalb ein Projekt machen, in dem die Frage im Fokus steht, wie wir in Österreich die Demokratie retten können und wie Demokratie anders gelebt werden kann. Das würde ich mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern machen, würde aber vor allem Personen aus Ländern des früheren Ost­blocks einbinden.

SARA LEITNER: Wer wäre das Publikum?

AMÉLIE NIERMEYER: Wir alle. Ich würde mir ein Publikum wünschen, das genauso divers ist wie die Geschehnisse auf der Bühne. Deshalb sollten natürlich auch „rich people“ im Publikum vertreten sein. Es ist immer leicht, diese Perso­nengruppe zu kritisieren, sie sind aber diejenigen, die Festspiele finanzieren. Salzburg könnte wieder zu einem spannenden Kulturschauplatz wer­den.

Ein kurdischer Flüchtling, der sich für einen Studienplatz am Mozarteum be­worben hat, wurde von uns gefragt, warum er in Salzburg studieren will. Er meinte, seine Mutter habe gesagt: „Geh nach Salzburg, da kam Mozart her, der so schöne Musik gemacht hat.“ Ich empfinde es als großes Kompliment, dass sich jemand, der von so weit her­kommt, am Mozarteum bewirbt, weil er in der Geburtsstadt von Mozart studie­ren will. Es ist ein Geschenk, dass wir diese Geschichte haben und auch, dass Max Reinhardt in Salzburg gewirkt hat. Wir haben die Verantwortung, gut da­mit umzugehen, indem wir versuchen, uns stetig weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Ich empfinde es deshalb auch als Ehre, in Salzburg lehren und dort das Thomas Bernhard Institut leiten zu dürfen. Damit geht aber die Verant­wortung einher, Salzburg in der zeitgenössischen Theaterszene zu verankern. Das Ziel, dieser Verantwortung nachzukommen, ist auch der Grund, warum wir Thomas Bernhard als Stifter ausgewählt haben. Er hat Widerstand geleistet. Das müssten die Festspiele auch tun.


Memorandum Zitate

Festspiele werden morgen noch mehr als heute als Wissensvermittler und Weltgedächtnis, als Archiv unserer Welt­erkenntnis fungieren müssen. Oder – um es mit Robert Musil zu sagen – dem Wirk­lichkeitssinn einen „Möglichkeitssinn“ zur Seite stellen: den Sinn für das, was sein könnte oder geschehen müsste.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

Die Salzburger Festspiele wurden vor 100 Jahren nach den entsetzlichen Erfahrun­gen des Ersten Weltkriegs in einer Zeit von Not, bitterer Armut, aber auch politischer Ra­dikalität gegründet, um die Kraft des Geistes und die menschliche Kreativität als das Ver­bindende zwischen Menschen unterschiedli­cher Nationalitäten, Identitäten, Religionen und ethnischer Zugehörigkeit in den Mittel­punkt zu stellen. So stand von Anfang an der Gedanke von Versöhnung und Frieden im Zentrum der Festspiel-Programmatik.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspielfonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Fest­spiele am 22. August 2020.

Max Reinhardts und Hugo von Hof­mannsthals Idee eines Festspiels ist noch immer ein Modell für die künstleri­sche Inspiration einer Gesellschaft, die zu­nehmend ratloser ist als sie sich eingesteht und zunehmend empfangsbereiter als ihr zugestanden wird.

Die Salzburger Festspiele bekennen sich ausdrücklich zu dieser zentralen künst­lerischen und politischen Funktion: ein Friedensprojekt zu sein, das im Geiste der Toleranz und Humanität unterschiedliche Sichtweisen, Interpretationen und Zugän­ge zulässt und fördert und niemanden von der Festspielidee ausschließt.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

Die Geschichte Europas wurde in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder auch von Leid und Zerstörung ge­prägt, verursacht durch radikales nationa­listisches Denken. Die Salzburger Festspie­le begreifen Kunst als ein Geschenk an die gesamte Menschheit.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

Salzburg liegt nicht nur geografisch in der Mitte Europas, das heißt: Die Salzburger Festspiele sind in erster Linie ein europäisches Festival und innerhalb Europas — ungeachtet ihrer Weltgel­tung — ein österreichisches, um nicht zu sagen: Salzburger Festspiel. Die Salzbur­ger Festspiele sind aber in ihrer Strahl­kraft und in ihrer Wirkungsmacht welt­weit konkurrenzlos und unbestritten.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

Die Salzburger Festspiele fühlen sich der Pflege der Werke der europäischen Kultur verpflichtet. Sie sehen eine beson­dere Aufgabe auch darin, der zeitgenössi­schen Kunst, zeitgenössischen Komponis­tinnen und Komponisten sowie Autorinnen und Autoren eine Bühne zu bieten und ihnen beste Aufführungsbedingungen zu ermöglichen.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Fest­spiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salz­burger Festspiele am 22. August 2020.

Die Salzburger Festspiele fühlen sich in Stadt und Land Salzburg fest ein­gebettet: Neben ihrer primären kulturel­len Aufgabe ist den Salzburger Festspie­len auch ihre wirtschaftliche Bedeutung für Stadt und Land wohl bewusst.

Die Salzburger Festspiele wollen weiter­hin kultureller und künstlerischer Impuls­geber und bedeutender wirtschaftlicher Motor in Salzburg sein und für Einkom­men und Beschäftigung sorgen.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Festspiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele am 22. August 2020.

Für den Salzburger Festspielfonds und das Festspiel-Direktorium sind 100 Jahre Salz­burger Festspiele ein freudiges Jubiläum und zugleich Auftrag und Verpflichtung, weiter­hin daran zu arbeiten, dass die Salzburger Festspiele ihre weltweite Bedeutung erhal­ten, ausbauen und vertiefen.

aus: MEMORANDUM des Salzburger Festspiel­fonds und des Direktoriums der Salzburger Fest­spiele aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Salz­burger Festspiele am 22. August 2020.


© Christian Schneider

AMÉLIE NIERMEYER

Studium der Regie, Germanistik und Theaterwissenschaften. 1988-90 Regieassistentin am Bayerischen Staatsschauspiel München. 2006-11 Regisseurin und Generalintendantin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit 2011 Regieprofessorin am Mozarteum Salzburg und Leiterin des dortigen Thomas Bernhard Instituts für Schauspiel und Regie. Sie arbeitet parallel als Regisseurin für Oper und Schauspiel, u.a. in München am Residenztheater und an der Bayrischen Staatsoper, am Theater an der Wien und am Theater in der Josefstadt.

SARA LEITNER

Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.