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Schlagwort: Jedermann

  • Intro

    Intro zur Publikation „JederMann –KeineFrau?“

    Ein Bild, so sagt man, erzählt oft mehr als 1.000 Worte. Es ist eines der ersten offiziellen Fotos der Salzburger Festspiele. Ein Gruppenbild, nach einer Sitzung im Sommer 1919 aufgenommen, zeigt die Mitglieder der Direktion der Salzburger Festspielhausgemeinde. 14 Männer, allesamt Stützen der Salzburger und Wiener Gesellschaft, die voller Zuversicht in die Kamera blicken – überzeugt davon, dass Festspiele in Salzburg bald möglich sein werden. Frauen sucht man auf dem Bild und in dem Gremium vergeblich.

    Das Recht der Frauen, sich am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehen gleichberechtigt zu beteiligen, war vor 100 Jahren nicht selbstverständlich. Es musste mühsam erkämpft werden. Und es gibt – wie die Geschichte zeigt – auf dem Weg zur Gleichstellung nicht nur Fortschritte, sondern auch Rückschritte. Es ist gerade einmal 125 Jahre her, dass den Frauen in Österreich höhere und Hochschulen offenstehen. Und das Wahlrecht für Frauen ist nur wenig älter als die Festspiele selbst. Kein Wunder also, dass man auf den Schwaz-Weiß-Fotos aus den Anfangsjahren der Festspielhausgemeinde fast ausschließlich honorige Männer sieht und wir immer von den Gründervätern sprechen.

    Erst 1995, zum 75-Jahr-Jubiläum, wurde mit meiner Vorgängerin im Amt, Helga Rabl-Stadler, erstmals eine Frau Mitglied im Festspieldirektorium. Ich bin die Zweite in 104 Jahren. Damit stehen die Salzburger Festspiele aber nicht alleine da. Auch heute noch sind die Leitungspositionen vor allem in den großen und repräsentativen Kulturbetrieben überwiegend männlich besetzt. Von den bedeutendsten Wirtschaftsunternehmen des Landes ganz zu schweigen. In den umsatzstärksten 200 Unternehmen Österreichs wurden Anfang 2024 von 605 Geschäftsführerpositionen 531 Funktionen von Männern bekleidet. Noch deutlicher fällt die Unterrepräsentanz von Frauen in den Vorständen der börsennotierten Gesellschaften aus: Lediglich 11,7 % oder 26 von 223 Vorstandspositionen sind weiblich besetzt.

    Doch der Nachholbedarf im Kulturbetrieb ist für mich dabei besonders bitter. Wir, die wir gerne den Anspruch erheben, für Offenheit und den freien Geist zu stehen, wir, die wir den Anspruch erheben, Motor und Vorreiter gesellschaftlicher Diskurse und Veränderungen zu sein, wir zeigen das mit Blick auf die Gleichberechtigung noch viel zu wenig: Komponistinnen, Autorinnen, Regisseurinnen und Dirigentinnen sind auf den Spielplänen der großen Häuser und renommierten Orchester eklatant unterrepräsentiert. Intendantinnen findet man, falls überhaupt, vor allem an kleineren und mittleren Institutionen. Frauen allgemein sind in Kulturinstitutionen weniger sichtbar. Wir finden sie vor allem in zweiter Reihe – als Assistentinnen, Mitarbeiterinnen und gute Geister im Hintergrund.

    Doch wie lassen sich jahrhundertelang gewachsene Strukturen ändern? Bedarf es einer Quote oder greift diese in die Freiheit der Kunst ein? Müssen Strukturen verändert und angepasst werden, brauchen wir besondere Förderung für weiblichen Führungsnachwuchs, oder braucht es einfach Zeit, die Strukturen langsam zu durchbrechen? Sind es vielleicht die individuellen Entscheidungen einzelner Intendanten für bewusste Programmierungen mit Komponistinnen und Autorinnen, die den Status quo schneller verändern können?

    Für mich persönlich war es durch meine Erziehung eine absolute Selbstverständlichkeit, dass Frauen in unserer aufgeklärten Gesellschaft alles erreichen können und dieselben Chancen haben wie Männer. Die Realität war jedoch oftmals eine andere, und ich musste begreifen – die gläserne Decke existiert!

    Dennoch bin ich strikt gegen Quoten, sondern für Exzellenz. Es geht um Qualität und um nichts Anderes. Die Vorspiele für neu zu besetzende Orchesterstellen, die mittlerweile hinter einem Paravent stattfinden, sind ein gutes Beispiel und eine erste kluge Maßnahme.

    In jedem Fall benötigen wir frisches Denken und neue Strukturen, um weiblichen Führungsnachwuchs bewusst zu fördern. Wir müssen (alleinerziehenden) Müttern oder Wiedereinsteigerinnen neue Möglichkeiten eröffnen. Ich habe im Laufe meines beruflichen Weges immer wieder erlebt, welchen Einsatz und Loyalität man als Arbeitgeber zurückerhält, wenn man auf die Bedürfnisse dieser Frauen eingeht. Doch es geht auch um Vernetzung, um Austausch oder einfach das Stärken von Selbstbewusstsein. In den hunderten von Bewerbungsgesprächen, die ich in meinem Leben geführt habe, waren es zum Großteil Frauen, die sich etwas „nicht zutrauten“ oder auf eigene, „fehlende Kenntnisse“ hinwiesen.

    Und es gilt auch, die männlich dominierten Denkmuster zu hinterfragen. Frauen, die sehr selbstbewusst auftreten, werden leider immer noch als „schwierig“ oder „hysterisch“ tituliert. Ein Mann, der selbstbewusst seine Position verteidigt, gilt als „führungsstark“, eine Frau oft als „zu dominant“ oder sogar „zu männlich“. Dabei liegt der Vorteil, mehr Frauen zu rekrutieren, auf der Hand. Vielfalt führt zu einer breiteren Palette von Perspektiven und Erfahrungen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass weibliche Führungskräfte eine höhere Resilienz, eine bessere Kommunikation und ein effektiveres Krisenmanagement an den Tag legen, gepaart mit sozialer Verantwortung. Transformationale Führungseigenschaften wie Inspiration, Motivation und die Förderung der persönlichen Entwicklung der Mitarbeiter*innen liegen ihnen besonders am Herzen. Und gerade das ist es, das auch im Kulturbereich von besonderer Bedeutung sein sollte.

    Über Jahrhunderte standen Komponistinnen, Autorinnen und ihr Werk im Schatten männlicher Kollegen. Durch die maskuline Rezeptionsgeschichte und die von Männern geschriebenen Geschichtsbücher gelten ihre Werke vielfach auch heute noch als weniger wertvoll. Ihnen den Platz und die Anerkennung zu verschaffen, der ihnen zusteht, muss ein wichtiger Ansatz unserer Vermittlungstätigkeit sein. Was wir brauchen – nicht nur in der Kunst –, ist eine neue Wachheit, eine erhöhte Sensibilität. Je mehr wir ein Bewusstsein schaffen, je mehr Räume und Perspektiven wir allen eröffnen, umso besser kann Exzellenz gedeihen. Denn die künstlerische Qualität war und ist die eigentliche Festspiel-Idee.


    © Erika Mayer

    KRISTINA HAMMER

    Studium der Rechtswissenschaften. 1995-2000 Tätigkeit für die Gerngross Kaufhaus AG. 2007-09 Leitung des globalen Marketing Communication Teams von Mercedes-Benz in Stuttgart. 2009 Gründung der Beratungsfirma HammerSolutions. Als Executive Coach beriet sie zu den Themen Leadership und Change-Management und lehrte als Gastdozentin an der Universität St. Gallen sowie an der ETH Zürich. Sie war Mitglied des Vorstands der Freunde des Opernhauses Zürich. Seit 2022 Präsidentin der Salzburger Festspiele.

  • Ausbruch aus der Linearität

    Ausbruch aus der Linearität

    KAROLINE EXNER: Wir wurden vom Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek gebeten, uns im folgenden Gespräch Gedanken zu den Salzburger Festspielen zu machen. Im Vorfeld haben wir einen recht umfangreichen Fragenkatalog erhalten, in denen verschiedene Aspekte von Diversität und Queerness thematisiert werden. Das erscheint mir eine zunächst irritierende Auftragslage zu sein, da die Salzburger Festspiele nicht zu den Festivals gehören, die ich unbedingt mit diesen Begriffen in Verbindung bringen würde. Wenn du an die Salzburger Festspiele und Queerness denkst, woran denkst du?

    MAZLUM NERGIZ: Erstmal an gar nichts.

    KAROLINE EXNER: Wieso?

    MAZLUM NERGIZ: Auf den ersten Blick erscheint es mir absurd und abwegig, einer derart etablierten Institution, deren Kernprogramm sich vor allem in der Oper, in der klassischen Musik und im alljährlichen Spektakel des Jedermann verortet, mit queeren Überlegungen beizukommen. Die erste Frage, die sich mir stellt: Was heißt das überhaupt: Eine Institution „queeren“? Und wo sollen wir denn da bei den Salzburger Festspielen anfangen? Ein Vorschlag für einen möglichen, persönlicheren Anfang: Kannst du dich noch an deinen ersten Besuch bei den Salzburger Festspielen erinnern? Wie oft hast du die Festspiele besucht? Welche Entwicklungen und Kontinuitäten hast du im Laufe der Zeit beobachtet?

    KAROLINE EXNER: Meine ersten Begegnungen mit den Salzburger Festspielen haben zu meiner Studienzeit stattgefunden: Da war ich zwei Mal über ein Stipendienprogramm dort, und ich habe diese Sommer sehr positiv in Erinnerung. Insbesondere die Gespräche, die wir mit dem Geiger Gidon Kremer sowie mit der Komponistin Kaija Saariaho geführt haben, haben mich als junger Mensch nachhaltig beeindruckt. Bei Gidon Kremer bin ich sicherlich schon mit einer gewissen „Heldenverehrung“ in die Begegnung gegangen, da ich bereits als junger Mensch seine Einspielungen geliebt habe. Bei den Festspielen durften wir bei einer Probe mit dem Kammerorchester Kremerata Baltica zuhören und hatten anschließend ein Gespräch mit Gidon Kremer. Ich erinnere mich, dass es vor allem darum ging, dass er sich als Künstler in seiner Begegnung mit einem neuen Werk intensiv mit den Einspielungen anderer Interpretierenden auseinandersetzt. Wichtig sei ihm zu erforschen, ob es einen Aspekt gibt, den er den bereits vorhandenen Einspielungen hinzufügen möchte, denn die Welt brauche keine weitere Aufnahme eines Konzerts von ihm, wenn es allein darum ginge, dass es ihm gerade Spaß macht, dieses zu spielen. Diese Offenheit für die künstlerische Arbeit anderer hat mich in Bezug auf das Theater inspiriert. Denn während meines Studiums am Reinhardt Seminar habe ich diesen Gedanken, dass sich Kunst auf Kunst bezieht und gegenseitig befeuert, eher vermisst. Die Idee, dass es wichtig ist, vom Geniegedanken wegzukommen, wenn man ein Stück inszeniert oder spielen will, indem man sich mit den bereits vorhandenen Interpretationen eines Textes auseinandersetzt, gab es nicht. Dabei heißt es bei Clemens Brentano nicht umsonst: „Nur Spinnen und Dummköpfe produzieren aus sich selber heraus.“11 Bei Kaija Saariaho hat mich schon allein die Tatsache, dass wir mit L‘amour de loin ein Werk einer Opernkomponistin bei den Salzburger Festspielen hören werden, begeistert. Im Gespräch hat mich beeindruckt, wie ruhig und zurückhaltend sie in den Kontakt mit uns getreten ist: Als ein junger Student sie immer wieder mit Fragen bombardiert hat, hat sie ihn lächelnd aber bestimmt darauf hingewiesen, dass er so sicherlich keine schnellere Antwort erhalten werde, wenn er sie dermaßen bedrängt, da sie für jede Antwort eine gewisse Bedenkzeit brauche. Immer, wenn er erneut fragt, weil sie noch nicht geantwortet hat, würde sie sozusagen wieder von vorne anfangen müssen. Diese Ruhe und Klarheit haben nicht in das Bild gepasst, das ich damals von erfolgreichen Frauen im Kulturbetrieb hatte. Bis zu diesem Tag gab es für mich eigentlich nur Andrea Breth.

    Interessant ist, dass mir schon damals auffiel, dass es für mich zwei Seiten der Medaille bei den Salzburger Festspielen gibt: Die Begegnung der Künstler*innen untereinander (und zu denen habe ich mich als Reinhardt Seminar-Regiestudentin selbstverständlich dazu gezählt) und die öffentliche Seite: Das Publikum, die Politik, die Häppchen, Schnittchen und weißen Spritzer. Da gab es keinerlei Teilhabe für uns – mangels Finanz, mangels Position, mangels Interesse. Sobald es „wichtig“ wurde, blieben wir außen vor. Das war auch eine frustrierende Erfahrung, die bis heute eine gewisse Ablehnung zur Folge hat, mich im Sommer ins Salzburger Getümmel zu schmeißen (seitdem war ich nur noch einen weiteren Sommer dort), obwohl ich mittlerweile auch auf der anderen Seite der Absperrungen stehen könnte. Ich freue mich für alle unsere Studierenden, die dort Bühnenerfahrungen machen können, und selbstverständlich war ich stolz, dass Verena Altenberger so wenige Jahre nach ihrem Abschluss an der MUK zwei Sommer lang als Buhlschaft auf der Bühne stand. Letzten Sommer war ich dann zeitgleich wegen eines Vortrags in Salzburg. Die Vorstellung war zu dem Zeitpunkt bereits restlos ausverkauft. Dazwischen war ich nur einen weiteren Sommer dort, um Ulrike Folkerts als Tod mitzuerleben. Die Abstände sind zu groß, um aus eigener Erfahrung über Kontinuitäten sprechen zu können. Aber wenn ich hier schon Verena Altenberger erwähne: Als sie gemeinsam mit Lars Eidinger im Jedermann auf der Bühne stand, wurde in der Presse viel über die genderfluiden Kostüme diskutiert.

    MAZLUM NERGIZ: Ich habe mir den Spielplan der Schauspiel-Sektion von 2023 angesehen. Dort begegne ich mutigen Konzepten: Themen wie Fürsorge, Alter und Liebe, Wut und Radikalität aus feministischer Sicht scheinen verhandelt worden zu sein. Dies existiert in Gleichzeitigkeit mit dem Jedermann. Bisher wurde diese Rolle jedes Jahr von einem Mann gespielt, bisher wurde dieses Stück immer von Männern inszeniert. Über mehrere Jahre hinweg ja sogar derselbe Regisseur. Abweichlerische Fragen von Wiederholungszwang und -mustern und erzwungener Bemühung um Normalität könnten hier gestellt werden. Abweichlerisch deswegen, weil ich glaube, dass darin die Aufgabe besteht, wenn wir queer denken und handeln wollen; den Rahmen in Frage zu stellen, der uns definiert; den Blick umzukehren, der uns Begriffe und Handlungen vorsetzt, die Realität als heterosexuelle Normalität behaupten.

    Einer Institution wie den Salzburger Festspielen mit einem Blickwinkel zu begegnen, der von Aspekten der Queer Theory herrührt, bietet Impulse für neue Fragestellungen: Wie stellt eine solche Kulturinstitution Wirklichkeit her? Welche Ketten von Geschlechternormativität sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch innerhalb der Institution am Werk? Wie verbinden diese sich mit anderen sozialen Fliehkräften, die Aspekte von Klasse, Race und Mobilität berühren? Wie verstärken sie diese sogar? Welche Rolle spielen in diesem Prozess Kommunikation, Teilhabe und Umverteilung? Mich interessiert daher, wie ein queeres Denken nicht nur Abweichungen außerhalb etablierter Geschlechternormen erlaubt, sondern aufzeigt, wie verzweigt und ineinander verflochten Phänomene der Macht wirken. Eine Institution queer zu denken, bedeutet auch die Reformierung ihrer Strukturen ganzheitlicher zu denken.

    KAROLINE EXNER: Bevor wir den Begriff allzu schnell auf die Salzburger Festspiele umstülpen, ohne zu wissen, worüber wir sprechen: Wie würdest du den Begriff umreißen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich kann mich dem grundlegenden Gedanken anschließen, dass queer keine Identität ist, ja geradezu identitäres Denken unterläuft. Vielmehr ist queer eine ausdrücklich relationale Bewegung des Denkens, Sprechens und Handelns, die, wie Judith Butler schreibt, in eine ganz andere als die ausdrücklich anerkannte Richtung verläuft. Die Verbundenheit innerhalb einer ausgedachten Gemeinschaft, innerhalb eines reellen Bündnisses, innerhalb einer Beziehung ist dabei immer mitgedacht. Queer meint immer die Art und Weise, wie wir uns neu ins Verhältnis zueinander, zur Welt setzen können. Insofern ist der Begriff ebenfalls gut geeignet, wenn es darum geht, neue, unerwartete, überraschende Allianzen und Bündnisse einzugehen im Kampf für gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Auch diesen Gedanken formuliert Judith Butler, den sie in Anmerkung zu einer performativen Theorie der Versammlung präzisiert.

    KAROLINE EXNER: Vielleicht wäre es an dieser Stelle interessant, einen Blick in die internationale Festivalszene zu werfen. Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, hat 2019 die Frauenquote für das Festival eingeführt. In dem kürzlich erschienenen Buch Status Quote. Theater im Umbruch beschreibt sie in einem Interview, dass es Zuspruch, Ablehnung, Jubel gab. Es gab Stimmen, die die Kunstfreiheit beschädigt sahen, andere werteten die Frauenquote als Signal der Freiheit für die Kunst. Diese Pro- und Kontra-Positionen gäbe es bis heute und zwar geschlechterunabhängig, beschreibt sie in ihrem Resümee. Die abgedruckten Interviews mit den Regisseurinnen des Berliner Theatertreffens lassen schnell erkennen, dass die Frauenquote eine viel umfassendere Vielfalt mit sich gebracht hat als allein die Frage, ob nun mehr regieführende Frauen beim Festival vertreten sind: Sie sind unterschiedlichsten Alters, bringen auf Grund unterschiedlicher Lebensrealitäten unterschiedliche Ästhetiken mit, haben körperliche Beeinträchtigungen oder auch nicht. Einige von ihnen stehen der Quote kritisch gegenüber, da sie ein binäres Menschenbild bestätigt, und sie wird doch als wichtiger Zwischenschritt gesehen. Die Regisseurin Claudia Bauer vertritt in einem der abgedruckten Interviews die These, die Frauenquote sei eingeführt worden, damit sie in Folge wieder abgeschafft werden kann. Es scheint, als würde die Tatsache, dass einem Aspekt – nämlich der Teilhabe von Frauen in einem männerdominierten Regieberuf – mit Aufmerksamkeit begegnet wurde, auch auf andere Bereiche ausstrahlen. Vielleicht können verschiedene Theater die Hebel an unterschiedlichen Bereichen ansetzen? Könnte eine Quote im Sinne einer offen kommunizierten Selbstverpflichtung ein Mittel sein, um durch die Vielfalt der künstlerischen Teams auch mehr queerere Themen und Ästhetiken auf die Bühne zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich bin ein ausdrücklicher Befürworter der Quote. Seit der Spielzeit 2023/24 bin ich Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. Fünf von sieben Produktionen inszenieren Regisseurinnen. Eine Quote ist aber keine Garantie für einen queeren Spielplan. Diese Überlegungen erfordern einen umfassenderen Blick für strukturelle Prozesse und Ästhetiken, die mit einer Quote nicht vollständig erfüllt werden können.

    KAROLINE EXNER: Das stimmt. Das eine sind die künstlerischen Leitungsteams, das andere sind die Themen. In unserem bisherigen Gespräch sind wir bisher ausschließlich auf das Sprechtheater eingegangen, was sicherlich damit zu tun hat, dass wir beide auch aus diesem Bereich kommen. Die Salzburger Festspiele stehen in der Außenwahrnehmung aber vor allem für die Oper. Diese folgt, so meine Erfahrung, ihren eigenen Gesetzen und Argumentationen. Oft werden im Bereich des Musiktheaters die verschiedenen Herkunftsländer der Mitwirkenden betont. Da die Menschen auf der Bühne ebenso wie die Mitglieder des Orchesters aus unterschiedlichen Nationen kommen, ist die Frage nach der Teilhabe meist schnell vom Tisch. Der Debatte um Gendergerechtigkeit auf der Bühne wird mit dem Hinweis begegnet, die Besetzung ergebe sich aus der Stimmlage der Partien, und zudem sei die Oper immer schon sehr fortschrittlich gewesen, denn es gäbe ja die lange Tradition der Hosenrolle. Zu diesem Thema verweise ich auf ein Gespräch, das letzten Sommer im Rahmen des Interdisziplinären Symposiums Kapital.Geschlecht im Salzburger Literaturarchiv stattgefunden hat und auf der Homepage des Forschungsnetzwerks abgerufen werden kann. Unter dem Titel O mio babbino caro – Starke Stimmen von Frauen im Musiktheater hat Klaus Bertisch ein Gespräch mit Juliette Mars und Hanna Schwarz geführt, in dem die Sängerinnen der Tradition der Hosenrolle durchaus kritisch gegenüberstanden.

    MAZLUM NERGIZ: Interessant ist doch auch, dass niemand von der Oper das verlangt, was vom Schauspiel gefordert wird: Repräsentation und Relevanz. Die Oper ist eine derart archaische Form, dass es wohl trotz der sicherlich diversen, internationalen Zusammensetzung der Teilnehmenden im Diskurs eine allgemeine Übereinkunft darüber gibt, dass es ziemlich sinnlos wäre, zeitgenössisch relevante, gesellschaftspolitische Forderungen an diese Kunstform zu stellen oder eine ebenfalls sinnvolle Antwort zu erwarten. Die Antiquiertheit entbindet die Oper sozusagen von jedem Versuch der Legitimation, die vom Theater gefordert wird.

    Vielmehr als Legitimationsversuche interessieren mich auch die möglichen Organisationsformen von Gemeinschaft, mit denen sich Theater immer wieder aufs Neue auseinandersetzen muss, so wie Maria Kuberg in ihrem Buch Chor und Theorie schreibt. Der Versuch, die Art und Weise, wie wir Gesellschaft und Gemeinschaft permanent neu stiften, irritieren und befragen, ist in dieser Funktion eingeschrieben. In diesem Versuch einer kontinuierlichen Suche nach Veränderungen sozialer Rituale liegt das Potential, niemals eine Form als das „Original“ anzuerkennen. Welche Alternativen liegen noch vor, sind ungedacht, vielleicht auch desorientierend, vielleicht auch befreiend? Sicherlich auch interessante Fragen für den Jedermann.

    KAROLINE EXNER: Obwohl ich dieses Jahr nicht zu den Salzburger Festspielen gefahren bin, lese ich gerne die ORF-Topos-Kommentare zu den Produktionen. In seinem Kommentar zu Bohuslav Martinůs Oper The Greek Passion bezeichnet Gerald Heidegger das Auftauchen der Flüchtlinge auf der Bühne als „rechtschaffende Humanitätsfrömmelei“2: Das Festspielpublikum würde sich in eine moralische Erinnerung applaudieren und sagt schließlich wie der Chor: Amen. Ich komme deswegen darauf zu sprechen, weil genau dieser Vorgang leider immer wieder in den Institutionen zu beobachten ist: Da werden auf der Bühne gesellschaftspolitisch wichtige Themen verhandelt, die politischen Bekenntnisse haben jedoch keinerlei Auswirkungen auf eine Veränderung der Strukturen jenseits der Bühne.

    MAZLUM NERGIZ: Ich stimme zu. Diversität ist mitnichten erreicht, indem man ausschließlich visuell klar lesbare Zeichen einsetzt, um eine Illusion von Teilhabe oder Veränderung zu postulieren. Es ist nicht damit getan, wenn wir die komplexe, vielschichtige Frage von Organisationsformen im Theater – in dem ja auch noch mehr Menschen arbeiten als nur die, die wir auf der Bühne sehen – mit öffentlichkeitswirksamen visuellen Zeichen kurzschließen, die Diversität und politische Involviertheit vorgaukeln, und dabei interne Prozesse der Teilhabe, Machtverteilung und Barrierefreiheit nicht mitgedacht werden.

    KAROLINE EXNER: Die Frage nach der Herkunft, der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion, körperlichen Beeinträchtigung ist – für sich genommen – für die Bühne nicht relevant. Erst, wenn die Menschen in ihrer Vielfalt gesehen werden und teilhaben können, auch an der Hochkultur eines Landes, sowohl als Publikum als auch als Kunstschaffende selbst, können wir von einer gerechteren Gesellschaft sprechen. In seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2023 hat Alexander Van der Bellen das Bild einer Gesellschaft entworfen, an der die Einzelnen gerne teilnehmen, weil sie das Gefühl hätten, das sei auch ihre Gesellschaft. Er zeichnete mit seinen Worten den „Weg eines begründeten Optimismus“3 und vermittelte das Gefühl, das Ziel sei eigentlich schon erreicht: Jede und jeder könne in Österreich lieben, wen er will (mit dem kurzen Hinweis seinerseits, dass mit „er“ der Mensch gemeint sei), wir leben in einer liberalen Demokratie und seien dementsprechend frei!

    MAZLUM NERGIZ: Ich sperre mich schon gegen eine befriedende, harmonisierende Rahmenprogrammkultur mit kritischen Impulsen, die sich gegönnt wird, um weiterhin das zu tun, was man tut, anstatt grundlegende Veränderungsprozesse anzustoßen und auszuprobieren. Eine relativ simple Maßnahme, wie zum Beispiel den Jedermann mit einer Frau zu besetzen – oder vielleicht etwas weniger radikal: das Stück von einer Frau inszenieren zu lassen –, kann sicherlich einen künstlerisch und gesellschaftspolitisch interessanten Impuls setzen. Haben wir damit das Patriarchat aus den Festspielen ausgemerzt? Nein. Haben wir die Festspiele gequeert? Vielleicht. Je nach Ansatz und Perspektive. Und jetzt? Symbolstarke Maßnahmen wie diese können nicht ausreichen, um notwendige Transformationsprozesse anzustoßen, die gleichwohl Tradition und Erbe nicht vergessen.

    KAROLINE EXNER: Siehst du jetzt Potentiale, die Salzburger Festspiele mit Queerness in Verbindung zu bringen?

    MAZLUM NERGIZ: Ich sehe in prestigeträchtigen, renommierteren genauso wie in kleineren, unbekannteren Festivals die Möglichkeit des radikalen Bruchs mit unserer gewohnten Zeit und möchte den Theaterwissenschaftler José Esteban Muñoz zitieren, der queere Zeit als „stepping out of the linearity of straight time“4 beschreibt, was man ungefähr so übersetzen könnte: queere Zeit als Ausbruch aus der Linearität der heterosexuellen Zeit.

    Jedes Festspiel ist doch ein besonderes Ereignis und damit auch ganz zwangsläufig ein Bruch mit der gewohnten Zeit, mit der Zeit, wie wir sie normalerweise wahrnehmen. Allein dieser Tatsache müssen wir uns vergewissern. Und hier knüpfe ich auch an die Queer Theory an, die in meiner Lesart mindestens zwei wichtige Errungenschaften hervorgebracht hat: die Dekonstruktion eines Verständnisses einer diskreten, inselhaften Identität und die Dekonstruktion von Normativität, die sich als Natur maskiert.

    Ist das Fest nur zum Spiel, Spaß und Vergnügen da? Ich denke nicht. Es geht auch darum, die Untaten einer Gesellschaft zu benennen. Ein Festspiel ist auch dazu da, den vielen Schmerzen einer Gesellschaft Namen zu geben. Also: Die gewohnte (auch eine mögliche Übersetzung von „straight“, obgleich Muñoz ganz klar „heterosexuell“ meint, aber so weit auseinander liegen auf semantischer Ebene „gewohnt“ und „heterosexuell“ in der deutschen Sprache doch nicht) Zeit anzuhalten und sich zu erinnern, wer nicht mehr da ist, wer fehlt; körperlichen und gesellschaftlichen Wunden nachzugehen, vielleicht auch: sie zu heilen. Ein Festspiel bewegt sich von sich aus schon in queerer Zeitlichkeit, wenn es sie auch als solche wahrnimmt. Vielleicht gehen wir auch einen Schritt zurück und versuchen nochmal anders zu verstehen, woran wir uns annähern: Formen der Institutionskritik mit queeren Theorien von Zeitlichkeit miteinander zu verbinden.

    Die Künstlerin und Philosophin Hito Steyerl zeichnet in ihrem Essay Die Institution der Kritik in großen Bögen eine europäische Geschichte der Institutionskritik nach, um sich am Ende des Textes die Frage zu stellen, was heutzutage die Funktion der Institutionskritik sein könnte. Sie kommt immer wieder auf einen grundsätzlichen, ambivalenten Punkt der Kritik zu sprechen, den ein Subjekt (politisch, sozial, individuell) gegenüber einer Institution der Obrigkeit wie dem Staat einnimmt (oder in unserem Fall: dem Theater). Diese Ambivalenz liegt, genau gesprochen, in der bewussten Begrenztheit der Kritik.

    KAROLINE EXNER: Wie sieht diese Grenze aus?

    MAZLUM NERGIZ: Die Urszene der Geburt der Institutionskritik und damit auch der bürgerlichen Subjektivität sieht Steyerl, nicht überraschend und wie viele vor ihr auch, in der Aufklärung. „Sapere aude!“5 – Kants berühmte Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“6, die er in einem Text von 1784 in einer Zeitschrift formuliert hat, definiert die Aufklärung im Verhältnis zu einem Zustand der Unmündigkeit, in welchem die Menschheit – autoritärerweise – gehalten werde. Diese Unmündigkeit wird weiter spezifiziert. Sie ist eine Unfähigkeit, in der die Menschheit gehalten wird: die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, weil einerseits eine machtvolle Autorität die Menschheit in dem Zustand der Unmündigkeit hält, andererseits das Individuum selber als eines betrachtet wird, dem Mut und Entschlossenheit fehlt. Diese selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich zu lassen, hat durch einen Prozess der Kritik überhaupt erst eine bürgerliche Subjektivität gebildet.

    Kant berührt mit seiner Aufforderung abstrakte Bereiche des Lebens, die vor allem Fragen des Wissens aufwerfen: Weißt du auch, wie weit du wissen kannst? Es geht hier vor allem um Erkenntnis und ihre Grenzen, die ich mir nicht von einer höheren Autorität diktieren lassen muss, sondern von der ich mir selber eine richtige Idee zu machen habe. Ansprüche an das Wissen und die Lebensführung sollen sich nicht mehr dem Traditionellen unterordnen, sondern auf autonomer Subjektivität gegründet werden. Steyerl macht hier einen sehr interessanten Punkt: In diesem neuen Selbstbewusstsein war die Kritik an der Obrigkeit oder gar Widerstand nie vorgesehen, sondern die Grenzen der Erkenntnis, des Wissens zu (er)kennen. Steyerl schließt hier auch an Foucault an, der schreibt, dass bei Kant Autonomie keineswegs bedeutet, Gehorsam gegenüber den Souveränen aufzugeben.

    Durch diese Art von Kritik wird ein Subjekt erzeugt, so Steyerl, das ambivalent und regierbar ist. Kritik wird also auch zu einem Mittel der Regierung, genauso wie sie ein Mittel ist, um widerständige Gedanken zu formulieren, gar auf Erneuerung zu pochen, solange die allgemeine Form der Herrschaft dabei nicht angezweifelt wird. Die bürgerliche Klasse wurde also durch eine sozusagen begrenzte Institutionskritik produziert, wie Steyerl schreibt, und sie erhält und reproduziert sich auch durch diese Art der Institutionskritik. Und so wurde Kritik eine eigenständige Institution; ein Mittel der Regierung, das angepasste Subjekte herstellt. Oder wie Foucault Kritik allgemein als die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden, charakterisiert. Regiert werden ja, aber nicht dermaßen: Widerstand unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Grenzen.

    KAROLINE EXNER: Mich interessiert dieses Moment der begrenzten Institutionskritik im Hinblick auf die Salzburger Festspiele.

    MAZLUM NERGIZ: Wie viel Institutionskritik leisten wir uns wirklich? Wie und unter welchen Bedingungen wird sie umgesetzt, wenn sie überhaupt umgesetzt wird? Spulen wir einige Jahrhunderte vor. Wir sehen, dass Institutionskritik in Repräsentationskritik überführt worden ist, an die sich Forderungen nach demokratischeren Formen der Darstellung anknüpfen, die viel tiefgreifender sind als punktuelle, öffentlichkeitswirksame Zeichen. Längst kann es nicht nur darum gehen, ein sogenanntes diverses Ensemble zu gestalten und damit den Prozess der Institutionskritik als beendet zu erklären. Es müssen Faktoren auf und hinter der Bühne miteinbezogen werden, die genauso mit Diversität in Verbindung stehen: Teilhabe, Barrierefreiheit und Zugänglichkeit, architektonisch und sozial zugleich gedacht. Es geht nicht nur um die Fragen „Wer spricht hier?“ und „Wer ist hier?“, sondern auch um ihre Verneinung: „Wer spricht hier nicht?“ und „Wer ist hier nicht?“

    KAROLINE EXNER: Diese von dir genannten Appelle auf struktureller Ebene könnten wir als konkrete Impulse für die Salzburger Festspiele formulieren. Denn auf thematischer Ebene, das sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, hat die Schauspielintendantin der Festspiele Bettina Hering in den letzten Jahren bereits wichtige Akzente gesetzt. Wenn ich mir den Spielplan anschaue, gibt es auf jeden Fall mehr weibliche Themen als noch vor einigen Jahren. Von der diesjährigen Produktion Die Wut, die bleibt (nach einem Roman von Mareike Fallwickl) haben sich viele (insbesondere weibliche) Personen im Publikum angesprochen gefühlt. Der Schlussapplaus muss teilweise frenetisch gewesen sein. Ich kann nur spekulieren, aber ich nehme an, dass hier eine weibliche Erfahrungswelt erzählt wurde, mit der sich viele Zuseher*innen verbinden konnten: Gefühle wurden entfesselt, die ihre Vergangenheit und Gegenwart geprägt haben, die eingesperrt waren, und die gemeinsame Erfahrung, einem Theaterstück beizuwohnen, das Möglichkeiten anbietet, über eine Erfahrung der Ausgrenzung und Überforderung nachzudenken, die viele Zuseher*innen erlebt haben, war sicherlich ein Grund für diese Reaktion.

    MAZLUM NERGIZ: Solche Stoffe und Themen sind von größter Bedeutung, wenn wir darüber nachdenken, inwiefern ein Festspiel auch die vielfältigen Erfahrungswelten seiner Zuschauer*innenschaft reflektieren kann. Es gibt solche Impulse, die auf den Spielplan gesetzt werden können und eine starke Publikumsreaktion hervorrufen.

    Wir dürfen aber nicht aus den Augen verlieren, dass grundlegende Veränderungen auch Zeit brauchen. Das Stück Bühnenbeschimpfung von Sivan Ben Yishai wurde 2023 vom Magazin Theater heute zum „Stück des Jahres“ gewählt. Ich finde, dieses Stück ist eine Meditation darüber, wie viel Zeit und Kraft es braucht, genauso wie Expertise und Erfahrung von allen Beteiligten, um Veränderungen innerhalb von Institutionen (wie der Theaterbesuch ja selber eine Institution ist) anzustoßen. In drei Teilen zerlegt sie in dem Stück die Institution Theater in alle Einzelteile. Dies tut das Stück aber nicht, um in der Zerstörung zu verweilen, sondern um das Theater wieder aufzubauen. Zwischen den drei Teilen wird dafür auch ein anderer Weg ausgebreitet: Alle 20 Jahre wird der große Schrein Ise-jingū, das Heiligtum im Shintō-Glauben in Japan, vollständig abgebaut und in einem angrenzenden Gebiet wieder aufgebaut. Der Prozess gilt als abgeschlossen, wenn die Geister der Vorfahren vom alten in den neuen Schrein überführt sind. Diese Tradition von Tod und Erneuerung, Verfall und Wiederaufbau wird kontinuierlich in Szene gesetzt. Ich glaube, man kann nur kritisieren, was man liebt. Wie könnte man die Salzburger Festspiele voller Liebe neu aufbauen, wenn sie denn neu aufgebaut werden wollen? Was hieße es, wenn wir die Festspiele wie einen japanischen Schrein auseinandernehmen würden? Auf welchen Widerstand, auf welche Grenzen der Institutionskritik würden wir stoßen?

    KAROLINE EXNER: Wie du sagst: Wenn sie neu aufgebaut werden wollen. Ich habe den Eindruck, dass in Österreich diejenigen, die bereits teilhaben, gar kein Interesse daran haben, etwas an den Salzburger Festspielen zu verändern. Die Notwendigkeit dafür wird gar nicht wahrgenommen.

    MAZLUM NERGIZ: Wäre es interessant zu überlegen, die Festspiele wirklich mit der Stadt, mit der konkreten Nachbarschaft reden zu lassen und, beispielsweise, schmerzliche und drängende Fragen wie die der lokalen Wohnungspolitik zu verhandeln? Wie viele Femizide gab es in Salzburg in den letzten Jahren? Und warum? Wäre es interessant, die Salzburger Festspiele über die jüdische Geschichte Salzburgs arbeiten zu lassen? Welche Geschichten würden dabei herauskommen? Was hieße es, ein Stück bei den Festspielen zu haben, das sich mit dem Archiv des Uniklinikum Salzburg in der Zeit von 1938 bis 1945 auseinandersetzt? Was hieße es, diese Fragen auch noch von Künstler*innen aus dem globalen Süden bespiegeln zu lassen? Wie könnten die Festspiele über verschlungene, unbekannte Aspekte der österreichischen Kolonialgeschichte sprechen? Das sind keine Spielplanvorschläge. Mich würde einfach interessieren, inwiefern die Festspiele auch für die Stadt da sein könnten und nicht nur ausschließlich andersherum. Neben der Frage, wer die Geschichten auf der Bühne erzählt, geht es auch um die Details einer Erzählung und ihrer Perspektive innerhalb der Institution selber. Ich bin überzeugt, dass eine widerständige Vielfalt von Perspektiven, die auch stören und schmerzen müssen, zu jedem Festspiel dazu gehören. Queerness bedeutet nicht (nur) Freude.


    Anmerkungen

    1. Brentano, Clemens: Nur Dummköpfe und Spinnen produzieren aus sich selber heraus. https://www.gratis-spruch.de/sprueche/id/15885 (4.3.2024). ↩︎
    2. Heidegger, Gerald: „The Greek Passion“. Die Grenzen der Politoper. https://topos.orf.at/salzburgerfestspiele23-greekpassion100 (4.3.2024). ↩︎
    3. Van der Bellen, Alexander: Eröffnungsrede Salzburger Festspiele 2023. https://www.youtube.com/watch?v=jbOdoVrZYmM (4.3.2024). ↩︎
    4. Muñoz José Esteban: Cruising utopia : the then and there of queer futurity. New York: New York University Press 2019 (10th Anniversary Edition), S. 25. ↩︎
    5. N. N.: Sapere aude. https://wortwuchs.net/sapere-aude/ (4.3.2023). ↩︎
    6. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Dezember-Heft 1784, S. 481-494, zit. n.: Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? In: UTOPIE kreativ, H. 159 (Januar 2004), S. 5-10, S. 5. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf (4.3.2024). ↩︎

    © Jasmine Bannauer

    KAROLINE EXNER

    Studium der Germanistik und Philosophie sowie Regiestudium am Max Reinhardt Seminar. 2005-08 Dramaturgin am Landestheater Niederösterreich. 2009-13 Leitende Schauspieldramaturgin am Theater St. Gallen. Seit 2013 Leiterin des Studiengangs Schauspiel an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, seit 2014 Dekanin der Fakultät Darstellende Kunst. Seit 2018 Jurymitglied für das Wiener Dramatik-Stipendium. Stellvertretende Leiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

    © KerstinSchomburg

    MAZLUM NERGIZ

    Studium der Kulturanthropologie sowie der Literatur- und Religionswissenschaft und des Masterstudiengangs DAS Theatre der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten. Dramaturg und Autor. Verfasst Prosa, Essays und Theaterstücke, zuletzt u.a. 1000 Eyes (2023) und Am Fluss (2023). Seit der Spielzeit 2023/24 Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien. 2023 Graphic Novel KOMA, eine Illustration Leonie Otts seines 2021 mit dem Hans Gratzer-Stipendium ausgezeichneten Theaterstücks COMA.

  • „Ich bin nicht berühmt“ – die Produzentin Berta Zuckerkandl-Szeps

    „Ich bin nicht berühmt“ – die Produzentin Berta Zuckerkandl-Szeps

    Writing, Erasing, Silencing – was über Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography1 als eine der vielen herausgeschriebenen Künstlerinnen gesagt wird, gilt noch viel mehr für die herausgeschriebenen Produzentinnen. BERTA ZUCKERKANDL, die sich selbst ohne h und im Exil als Berthe schrieb, wurde als Mäzenin und Mittlerin wenig Anerkennung zuteil. Die Musikbranche ist ignorant gegenüber ihren Mäzeninnen, gönnt ihnen keine Teilhabe an der Wertschöpfung. Die Vermittlungsarbeit von BERTA ZUCKERKANDL – die den zeitgenössischen Komponisten Maurice Ravel nach Wien einlud und hier persönlich betreute – steht in einer Tradition von PAULINE METTERNICH, FANNY VON ARNSTEIN, ALMA MAHLER, ELSA BIENENFELD, EUGENIE SCHWARZWALD oder LILLY LIESER. In der Wertschöpfungskette nicht enthalten, ist sie lange von der Musikwissenschaft geringgeschätzt worden. Der biographische Nachteil einer mangelnden Einschreibung in eine wirtschaftliche Beteiligung – an den Tantiemen, Verkauf, Vertrieb – wird noch mit Häme und Schmähungen vertieft. Die Vergehen der Mäzeninnen – seien es antisemitische Bemerkungen in privaten Briefen oder die falschen Freund*innen und Liebhaber*innen – wiegen in „His-Story“ schwerer als ihre Leistungen für die Zeitgenossen! Anstatt ihren Taten würdigend zu folgen, werden die Schmähungen ihrer Zeitgenoss*innen wörtlich genommen, His-Story folgt ungeprüft den abschätzigen Zeitgenoss*innen.

    Die Musikbranche gönnt ihren Vermittler*innen, Agent*innen – wenn überhaupt – bloß eine Widmungszeile in der Partitur, klein gedruckt unter dem Titel, eine Information, die auf noch kleiner gedruckten Booklet-Seiten der Tonträgeralben gern übersehen wird. FANNY VON ARNSTEIN wurde bislang von der Musikwissenschaft hartnäckig ignoriert, die erste Roman-Biographie von HILDE SPIEL bekam vernichtende Kritiken und bissige Bemerkungen aus der familiären Umgebung, tatsächliche „Ungenauigkeiten, beziehungsweise nur auf Gerüchten basierenden Gegebenheiten“ sind auch für HOMA JORDIS Antrieb für eine Dissertation, 2017 publiziert.2 Der Fakultät für Musikwissenschaft war die Mitbegründerin der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien wie auch der Gesellschaft der Musikfreunde keine Dissertationsforschung wert.3 Die erste Monographie über Fanny von Arnstein wurde nicht von einer musikwissenschaftlichen Fakultät, sondern vom Institut für Publizistik der Universität Wien initiiert. 2022 hat Homa Jordis eine wegweisende Monographie über Fanny von Arnstein publiziert,4 mit einer grundlegenden Begriffserklärung des Salons als institutionelle Plattform für Kommunikation. Jordis stellt fest, dass „Salons eine halböffentliche Plattform für Kommunikation auf gleicher Augenhöhe waren“5 , sie waren Plattformen der medialen Verbreitung, ohne den Risiken einer Veröffentlichung ausgesetzt zu sein, sei es Zensur oder Klagen, die ja – wie die Biographie von Zuckerkandls Vater Moritz Szeps zeigt – bis zum Gefängnis reichen konnten.6

    Modellhaft ist die Analyse der Netzwerke, die von Arnstein begründete und in denen sie wirkte. Längst hat eine Frauen-zentrierte historische Forschung die Netzwerke als bedeutungsvoll erkannt, wie es die digitale Plattform Ariadne – Frauen in Bewegung aufzeigt.7 Jordis erkennt Fanny von Arnstein als Zentrum eines Netzwerks „zur jüdischen Frage“8 ; sie zeichnet ein „politisch-staatsmännisches Netzwerk“, in dem von Arnsteins Salon „als gewichtige jedoch inoffizielle Vermittlungsstelle“9 aufscheint. Ein Absatz ist ihrer Gründungsarbeit zur Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet, in dem sie vom langjährigen Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde „geistige Mutter“10 genannt wird. Wieder ein Titel abseits einer professionellen Berufsbezeichnung!

    Das erste Netzwerk, in das Bertha – noch in dieser Schreibweise – eingetragen wurde, war das Geburtsbuch der Israelitischen Kulturgemeinde, jedoch, sie verlässt es: Schon die Trauung ist nicht nach jüdischem Ritual, für ihren Sohn Fritz wählt sie die evangelische Religion und Gemeinde. Das nächste Netzwerk: „Frei von jedem Schulzwang, wünschte mein Vater uns eine Art Hochschulerziehung im eigenen Heim zu geben.“11 Der Unterricht findet zwar zu Hause statt, jedoch kreiert sie ein Netzwerk nicht nur mit den führenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ihrer Zeit, mit deren Häusern, an denen sie leitende Funktionen inne haben, sondern auch mit den Lernkameradinnen, mit ihrer Schwester Sophie und der Cousine Mitzi Schlesinger, die wiederum Freundin und Reisebegleiterin von Katharina Schratt war.12 Zuckerkandl war gemeinsam mit ihrem Mann an der Förderung der Bewegung „Volksbildungswerk“ beteiligt sowie am Aufbau des Wiener Volksheims.13 Bildungsarbeit ist Friedensarbeit. „Sie wollen Ihre Zeitschrift das ,Wissen für Alle‘ nennen. Sie wird mithelfen zum ,Frieden für Alle‘“14, schreibt ihr Marcelin Berthelot anlässlich der Gründung einer populär-wissenschaftlichen Zeitschrift; Berthelot, der sich zu einer „Association Philotechnique“15 zählt, die „Hörer beiderlei Geschlechts“16 anspricht. Wissen für alle, die Zeitschrift, bestand von 1900 bis 1903, ein Jahr über den Tod des Vaters Moritz Szeps hinaus.

    Eine Netzwerkforschung zu Berta Zuckerkandl ist ausständig. „Berta Zuckerkandl-Szeps ist in den Mitgliederlisten des VSKW17 nicht verzeichnet“18, wie Marianne Baumgartner bemerkt; und auch als Pazifistin und Streiterin für Humanismus und Menschenrechte wurde sie weder Mitglied der Internationalen Liga der Frauen für Frieden und Freiheit noch Mitglied des (Neuen) Wiener Frauenklubs, was keine thematische Abgrenzung war. Mit einzelnen Protagonistinnen war sie aktiv verbunden. Von ihrem Ehemann Emil Zuckerkandl wurde sie in den Anliegen der Frauen-Gleichstellung unterstützt, jener setzte sich für die Freigabe des Medizinstudiums für Frauen ein und eröffnete 1900 mit einigen gleichgesinnten Professoren eine Frauenakademie, die bis 1918 bestand. Für eine bedürftige Medizinstudentin wurde ein Zuckerkandl-Stipendium eingerichtet.19 In der Biographie einer ihrer „Schwestern“, Pauline Metternich, die ihre politische und künstlerische Kunst unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit für die Normen ihrer Gesellschaft „erträglich“ macht, ist Berta Zuckerkandl präsent. Die Wohltätigkeits-Veranstaltung erweitert den Salon aus dem Häuslichen in einen Raum der Vor-Öffentlichkeit: Frauen dürfen die ihnen zugeschriebenen Rollen überschreiten und austauschen.20 Bei einem von Pauline Metternich organisierten künstlerischen Gartenfest „zugunsten […] des Wiener Frauenklubs“21 in Weigls Dreher-Park an der Schönbrunner Strasse ist Berta Zuckerkandl am 6.6.1907 auf einem Foto zu sehen: bei der Lebzelten- und Bäckereibude.22 „Festfirma Pauline“ wird Metternich abwertend-ausschließend genannt23, und die mit ihr arbeitenden Frauen sind „treue“ „Patronessen“ und „Comitédamen“.24 Die Biographie Paulines erweist die Verbindungen Berta Zuckerkandls zur Wiener Werkstätte und zum Hagenbund. Im Mai 1906 organisiert ein Damenkomitee unter dem Vorsitz von Yella Hertzka, Friedensaktivistin, Leiterin wie Mitbegründerin des Cottage-Lyzeums für Mädchen in der Gymnasiumstrasse, ein Gartenfest im Park des Maria-Theresien-Schlössels. Mitglieder der Wiener Werkstätte bzw. der Künstler*innen-Gruppe Wiener Kunst im Hause – ein Zusammenschluss von Schülern und Schülerinnen Josef Hoffmanns, begründet 1901, tätig für Innenarchitektur und Mobiliar25 – steuern die Produkte für die Verkaufsbuden bei.26 Die Verbindung zur Wiener Werkstätte verstärkt sich im Gründungsjahr 1903, als Bertas Mutter für die Wiener Werkstätte verzierte Taschen und Lampenschirme mit Perlen kreiert. Die Gründer der zeitgenössischen künstlerischen Unternehmungen sind tätig im Freundes- und Familienkreis rund um Pauline Metternich und Berta Zuckerkandl und stellen ein „prägnantes Beispiel weiblichen Mäzenatentums“27 dar, wie Sophie Lillie erkennt. Dafür seien drei Aspekte wesentlich: die Ambition der Unternehmung, die beteiligten Proponentinnen und letztlich der künstlerische Output.28 Patronage müsste eigentlich Matronage heißen.

    Dass die großen und als vorbildlich gepriesenen Beschreibungen des Österreichs der Jahrhundertwende – von Willam Johnston 1983 oder Carl Schorske 1980 – Berta Zuckerkandl nicht in ihrer Bedeutung erkennen, wiegt schwer. Schon 1976 wurde Berta Zuckerkandl, die Journalistin, wissenschaftlich erfasst, als erste bedeutende Journalistin – neben Alice Schalek –, die regelmäßig, fast alltäglich, für die Wiener Presse arbeitet.29 Als Journalistin hat sie ihre künstlerischen Unternehmungen sichtbar gemacht, sie hat jenen den Frauen zugewiesenen Bereich des Privaten und Halböffentlichen überschritten und sich der öffentlichen Reflexion ausgesetzt.

    Berta Zuckerkandl war zwar auch Gastgeberin, Regisseurin und Dramaturgin der Events in der Auswahl der Gäste, der Sitzordnung, jedoch: sie war Aktivistin, sie war professionell, sie war Journalistin. In dieser Funktion hat sie künstlerische Neugründungen ausgewählt und hervorgehoben. Sie wurde um ihre prominente Stimme zur Eröffnung von Wiener Kulturinstitutionen gefragt. Anlässlich der Gründung des Kabarett Fledermaus lobt sie die „kraftvolle Originalität, die in der Wiener Schule steckt“30. Als Journalistin hat sie die Affäre Klimt, wie ihr erster Biograph Lucian Meysels schreibt, „in vorderster Kampflinie“31 begleitet.

    Die Zuckerkandl-Rezeption macht Leerstellen bewusst: In den Wandelhallen des Wiener Burgtheaters fehlt in der Gemälde- und Büstengalerie eine Zuckerkandl-Büste, von ihr, die über 100 Übersetzungen für das Burgtheater geleistet hat, u.a. drei Theaterstücke von Henri Lenormand aus dem Französischen ins Deutsche – ihr Enkel Emile erinnert sich an einen Salon zu Ehren von Henri Lenormand. Das Netzwerk des Burgtheaters, dem sie seit 1917 mit der Übersiedlung ihres Salons von der Nusswaldgasse in die Oppolzergasse auch räumlich nahe war, ist Ausgangspunkt für die gemeinsame Idee der Salzburger Festspiele. Cornelius Obonya hat im Gebäude ihres Salons, am Ort des Geschehens, in Landtmann’s Bel-Étage im Palais Lieben-Auspitz, Jedermann hautnah – auf den Spuren Berta Zuckerkandls gelesen. In der Tradition der Wohltätigkeit wurde diese Veranstaltung am 13.11.2013 zu Gunsten der Wiener Tafel organisiert. Zuckerkandl sollte als „Brückenbauerin“ erlebt werden.

    Als Journalistin hat Berta Zuckerkandl das „Friedenswerk Salzburger Festspiele“ als „Angelegenheit der europäischen Kultur und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung“, wie es Hugo von Hofmannsthal nennt, mit auf den Weg gebracht. „Gemeinsam mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal wurde Berta Zuckerkandl zur treibenden Kraft hinter der Gründung der Salzburger Festspiele“32, schreiben Theresia Klugsberger und Ruth Pleyer als Begründung für ihr Forschungsprojekt, der Herausgabe ihres Fluchttagebuchs. „Treibende Kraft“ hinter der Begründung des renommierten und wirtschafts- wie kulturpolitisch bedeutendsten Festival Österreichs genannt zu werden, zugleich eines der politischen Schaufenster unter den Sommerspielen Europas, macht die Biographie Zuckerkandls bedeutend für weitere Forschung, das Fluchttagebuch erschien als Begleitkatalog zu einer Ausstellung.

    Wenig Dank, wenig Erwähnung: In einer ORF-Radio-Serie Gedanken für den Tag, erzählt von Helga Rabl-Stadler, von 4. bis 9.9.2023, auf ORF Radio Ö1 jeweils von 6.55 bis 7.00 Uhr, wird sie nicht erwähnt. Rabl-Stadler schreibt begeistert vom Töchtervater und ehemaligen Präsidenten Heinrich Wiesmüller – die großen Töchter Österreichs sind dennoch vergessen. Die Salzburger Festspiele spielen eine zwiespältige Rolle in der Ehrung ihrer Mäzene und Mäzeninnen: Den aktuellen Sponsor*innen wird sehr viel Entgegenkommen gezeigt. Eine „Fördererlounge“ im ersten Stock des Großen Festspielhauses wurde eingerichtet, finanziert von Donald und Jeanne Kahn, ein Nestle-Café für den Sponsor Nestlé. Die Salzburger Festspiele haben in ihrer „Heldenverehrung“ keinen Platz für ihre „treibende Kraft“.

    Es fehlen Denkmäler in Wien für sie als Friedensaktivistin wie für ihre „Schwestern“ – sei es für Bertha von Suttner, der eine anonyme Figurengruppe einer Frau mit zwei Kindern gewidmet ist, oder für Yella Hertzka, der nicht einmal eine Gedenktafel gewidmet ist. Die Salzburger Festspiele haben ihr weder einen Ort, eine Tafel noch eine Büste gewidmet. Auch die Austrian Fashion Show lässt einen Zuckerkandl-Preis vermissen, ihr gewidmet, die nicht nur die ersten Modenschauen mit Kleidung tragenden Damen – bis dahin wurde neue Mode lediglich auf Kleiderstangen präsentiert – in Österreich initiierte, sondern auch der österreichischen Modekunst neue Bühnen, neue Sichtbarkeit – und sei es mit Skandalen – verschaffte. Und doch: Im öffentlichen Raum Wiens ist Berta Zuckerkandl in den letzten Jahren sichtbar geworden. 2009 wurde der Bertha-Zuckerkandl-Weg im 9. Bezirk nach der „Journalistin, Übersetzerin, Schriftstellerin und Salonnière“33 benannt. Eine Gedenktafel für Berta Zuckerkandl findet sich im 1. Bezirk, auf ihrer ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätte neben dem Burgtheater. Diese Erläuterungstafel nennt sie „Schriftstellerin“ und „Friedenskämpferin“34. Friedenskämpferin ist keine Berufsbezeichnung, Salonniere ebenso wenig, wenn auch – aus historischer Perspektive – der Salon weit über die Rolle der Gastgeberin hinaus einen professionellen Rahmen abbildet. Salonniere, der Begriff, hat zwar keine männliche Entsprechung, dennoch ist eine Abwertung des Begriffs zu relativieren.

    Der Begriff „Salon“ verbindet verschiedene architektonische, soziale und gesellige Bedeutungen, allein die architektonische Bedeutung ist geblieben. „Salons“ bezeichneten Kunstausstellungen im Louvre im 18. Jahrhundert bis zum Raum der Kunstkritik und zur literarischen Gesellschaft.35 „Salon“ bezeichnete ein Konzert mit Publikum, ähnlich der „Soiree“, unter „Salons“ verstand man in Paris Anfang des 19. Jahrhunderts Gesellschaften und unter „Soiréen“ Konzerte, zu denen Eintritt gezahlt werden musste.36 Salons waren, auch wenn kein Eintritt verlangt wurde, professionelle Orte der Darbietung und des Diskurses, die Gäste, falls sie nicht nahe bekannt waren, meldeten sich mit Visitenkarten an, es waren keine opulenten Gesellschaften – der Imbiss bei Berta Zuckerkandl war legendär asketisch –, die Gastgeberinnen der Salons waren musikalisch gebildet und versiert.

    Fanny von Arnstein, eine der berühmten „Schwestern“ und Vorgängerinnen Berta Zuckerkandls als Gastgeberin, spielte zeitgenössische Musik vierhändig37 – ein Klavier stand üblicherweise im Empfangsraum der Salons.38 Auch Berta Zuckerkandl war eine versierte Pianistin. Berta Zuckerkandl ist nicht in den Schülerlisten des Konservatoriums gelistet, sie bekam Klavierunterricht bei „Emilie Goldberger: Meine Klavierlehrerin, eine ehemalige Schülerin Anton Rubinsteins, eine ganz kleine, gebrechliche, ältliche Dame“39.

    Diese Erinnerung Zuckerkandls, stellt die akribisch recherchierende Musikwissenschafterin Susanne Wosnitzka fest, ist die bislang einzige Beschreibung davon, wie Emilie Goldberger ausgesehen haben mag.40 Die Pianistin Emilie Goldberger ist eine Virtuosin und ein Star, sie passt in das Lehrenden-Ensemble der Berta Zuckerkandl-Szeps. Die gebürtig aus Buda stammende Klaviervirtuosin Emilie Goldberger (1858-1942) hatte schon, wie Wosnitzka recherchierte, bestechende Examina am Wiener Konservatorium und glänzende Bühnenerfolge vorzuweisen, als sie von Herbst 1878 bis Ostern 1879 bei Clara Schumann in Frankfurt Unterricht nahm und damit zu den ersten zwölf Schülerinnen und Schülern Clara Schumanns nach Antritt ihrer Stellung als Klavierprofessorin am Hoch’schen Konservatorium gehörte. Von einem Auftritt oder einem Vorspiel der Berta Zuckerkandl ist nichts überliefert, ihr Verständnis für Musik ist ableitbar nicht nur von der prominenten Lehrenden, sondern auch durch die Tatsache, dass sie Gesprächspartnerin, Begleiterin und Förderin der berühmten komponierenden Zeitgenoss*innen war. Es liegt auf der Hand: Wenn Mäzen*innen und Produzent*innen der Musik ihren Geförderten Gesprächspartnerin sein wollen, dann müssen sie auch Kenntnisse des Metiers der Komposition und der Interpretation haben.

    Die aktuelle Zuckerkandl-Rezeption der letzten Jahre ist weniger auf wissenschaftlicher Seite als auf künstlerischer. Auch wenn ihr kein musikalisches Werk gewidmet ist – im Gegensatz dazu widmet ihr Paul Poiret Skizzen von Zeichnungen41 –, ein Schicksal, das sie mit den großen Mäzeninnen wie Lilly Lieser teilt, so gibt es doch „ihre“ Musik, die Musik der von ihr verehrten Zeitgenossen, unter denen Richard Wagner und Franz Liszt sind. Gottlieb Wallisch hat aus Lesungen mit der Schauspielerin Karin Lischka ein Musikprogramm mit Ravel, Liszt, Brahms, Leopold von Godowsky oder Zemlinsky zusammengestellt, das 2017 als Hörbuch im Mono Verlag erschien. Die künstlerische Beschäftigung führte zur weiteren Recherche: Gertrud Enderle-Burcel wurde damit die „Leerstelle Zuckerkandl“ bewusst, sie hat – davon ausgehend – den Briefwechsel von Zuckerkandl mit Gottfried Kunwald entdeckt und erarbeitet.42

    In Paulus Mankers Alma tritt Zuckerkandl nicht auf, obwohl sie doch die Gastgeberin ist, in deren Haus sich Alma und Gustav kennengelernt haben. Die neueste künstlerische Reflexion ist der Film EMILE von Rainer Frimmel, der am 21.9.2023 in die österreichischen Kinos kam.43 Darin erzählt Emile Zuckerkandl auch von seiner Großmutter, während er seine Tagebücher und Briefe in Kisten zusammenpackt, um sie nach Österreich zu bringen und der Österreichischen Nationalbibliothek zu übergeben.

    Meine Großmutter Berta. Die schönsten Erinnerungen. Sie war ungemein bedeutend für mich. Ich habe sie sehr geliebt. Und sie mich auch. Sie war wirklich eine ganz außerordentliche Frau. Ich bin in meiner Gymnasiumschulzeit – wir haben damals in Purkersdorf bei Wien gewohnt, meine Eltern und ich, aber ich bin jede Woche Samstag nach der Schule zu meiner Großmutter in der Oppolzergasse gefahren und habe mich dort immer auf ein wunderbares „dejeuner“ gefreut. Die Köchin meiner Großmutter, Marie, war eine große Künstlerin. Und dann war das, das ich „Marie-Hendl“ nannte, immer das Hauptgericht, wenn ich kam. Da war ein normales Brathendl, aber aus irgendwelchem Grund besser als irgendeines, das ich irgendwo gehabt hätte.

    Es war keine große Wohnung. Sie hatte vier Hauptzimmer. Und wenn ein Salon stattgefunden hat, waren alle Türe offen, so, dass diese vier Zimmer eine Einheit bildeten. Die Salons haben jede Woche stattgefunden. Ich weiß nicht so ganz sicher, ob es am Samstag war, scheint mir so. Das war nachmittags, manchmal auch am Abend, glaube ich. Zum Beispiel, als ich etwa zwölf Jahre war, habe ich plötzlich entschieden – ich sammle Autogramme. Ich habe mir ein Büchel gekauft und das habe ich noch, weil viele andere Sachen aus meinem Leben verschwunden sind in der Nazi-Zeit, und das beginnt mit der Gesellschaft bei meiner Großmutter Berta – ungefähr 50 Personen. Obwohl die Wohnung nicht groß war, waren doch viele Leute dort. Und da war eine Gesellschaft zu Ehren von Henri Lenormand. Meine Großmutter habe ich gebeten, sich als erste einzuschreiben und sie schrieb:

    „Ich bin nicht berühmt, aber ich habe dich so lieb, dass ich dieses Buch als erste zeichnen will. Die Omama Berta Zuckerkandl-Szeps“.

    Maria, Königin von Rumänien. Max Reinhardt. Und Moissi war der Schauspieler, den habe ich ganz besonders gern gehabt. Und Seitz, Bürgermeister von Wien. Mein Großvater Stekel: „Lass durch dieses Buch dich mahnen, bleibe würdig deiner Ahnen!“ Das zeigt auch, dass er in der Tat viel von sich selbst gehalten hat. Er hat sich in relativ frühere Zeit für Psychoanalyse zu interessieren begonnen und hat viele psychoanalytische Werke geschrieben und auch eine bedeutende Ordination als Arzt gehabt. Er war natürlich ein großer Anhänger Freuds, aber dann hat sich unabhängig von Freud weiterbetätigt und es ist zu einem Bruch mit Freud gekommen. Und da war nie eine Versöhnung. Als Freud im Sterben lag, ist Stekel nicht zu ihm gekommen.

    Meine Großmutter ist immer auf dem Divan gelegen, als ich zu ihr kam, immer zur Mittagszeit aus der Schule. Die Wohnung war von Josef Hoffmann gemacht. Meine Großmutter war von ungemeiner Intelligenz und Güte. Und diese beiden Eigenschaften kommen nicht oft in so einem Maße in einer Person zusammen. Sie war sehr geliebt von denen, die sie gekannt haben. Und ihr inneres Leben und ihr äußeres Leben war immer sehr aktiv und interessant. Sie war wahrscheinlich die besonderste aus allen Menschen, die um mich waren, als ich ein Kind war. „Wahr sein, gütig sein, gerecht sein. In frohen Tagen nicht übermütig, in traurigen Tagen nicht verzagt. Stark sein! Denn Schwäche zerstört das edelste Wollen. Deine Großmama Berta Zuckerkandl-Szeps, 10. Juli 1935“.

    Felix Weingartner, Joseph Roth, Henri Lenormand, Edmund Eisler, Kardinal Innitzer, Stefan Zweig, Alban Berg, Bruno Walter, Carl Moll, Alma Mahler war auch sehr oft dort. Ich habe sie als Charakter nicht besonders gern gehabt. Ich habe gefunden, dass meine Großmutter ihr gegenüber viel zu nachsichtlich war, sie hat sie nie kritisiert. Eine Rivalität konnte es für meine Großmutter überhaupt nicht geben, das war ihrer Natur absolut fremd. Und ich glaube, das hat gar keine Rolle in der Beziehung meiner Großmutter mit Alma gespielt.

    Und vielleicht der speziellste und größte Freund meiner Großmutter war Egon Friedell. Er hat wie viele Freunde meiner Großmutter sich später das Leben genommen. Meine Großmutter war damals bei meinen Eltern in Purkersdorf und ich erinnere mich noch an den Anruf, den meine Großmutter gehabt hat, wo ihr mitgeteilt wurde, dass ihr engster Freund Egon Friedell aus dem Fenster gesprungen war.

    Sie war sehr oft in Paris, hat dort viele politische Sachen erfahren, wie es andere Leute gar nicht so gut gewusst haben, und wusste vor dem Anschluss, dass so eine Gefahr bestand. Sie hat aus Paris geschrieben, dass wir alle eiligst nach Paris übersiedeln müssen. Aber als sie von dieser Reise zurück war, war ich vielleicht mitschuldig: Großmama, du übertreibst immer, das wird schon nicht so arg sein! Im Zug aus Wien, als meine Großmutter aus dem Fenster raus sah, als wir an Salzburg vorbeigefahren sind, und sie sagte – das werde ich niemals wieder sehen. Und sie hat leider recht gehabt.44


    Anmerkungen

    1. Johnson, Julie M.: Writing, Erasing, Silencing: Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography. Nineteenth century Art Worldwide. https://www.19thc-artworldwide.org/58-autumn05/autumn05article/208-writing-erasing-silencing-tina-blau-and-the-woman-artists-biography (20.9.2023). ↩︎
    2. Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäischer Machtpolitik. Erfahrungsräume, Netzwerke und Leitmotive der Fanny von Arnstein in der Zeit vor und während des Wiener Kongresses. Wien, Diss. 2017. ↩︎
    3. Vgl. Spiel, Hilde: Fanny von Arnstein oder die Emanzipation; ein Frauenleben an der Zeitenwende, 1758-1818. Frankfurt am Main: Fischer 1962. ↩︎
    4. Vgl. Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 59. ↩︎
    5. Ebd., S. 59. ↩︎
    6. Vgl.: Ebd., S. 55. ↩︎
    7. Vgl.: N. N.: Frauen in Bewegung. https://fraueninbewegung.onb.ac.at/node/2787 (20.9.2023). ↩︎
    8. Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 204-206. ↩︎
    9. Ebd., S. 194. ↩︎
    10. Ebd., S. 258. ↩︎
    11. Steinhäusl, Ulrike: Berta Zuckerkandl – „Hebamme der Wiener Moderne“. In: Plane-Sabaté, Dolors / Feijóo, Jaime (Hg.): Apropos Avantgarde: Neue Einblick nach einhundert Jahren. Berlin: Frank & Timme 2012, S. 81-97, S. 91. ↩︎
    12. Vgl.: Schlesinger, Moriz: Das verlorene Paradies: Ein improvisiertes Leben in Wien um 1900. Wien: Picus 1993, S. 106-109. ↩︎
    13. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S. 167. ↩︎
    14. Ebd., S. 168. ↩︎
    15. Ebd., S. 168. ↩︎
    16. Ebd., S. 168. ↩︎
    17. Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 168. ↩︎
    18. Baumgartner, Marianne: Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien (1885-1938). Wien: Böhlau 2015, S. 31. ↩︎
    19. Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928-1938. Wien: Böhlau: 2018, S. 20. ↩︎
    20. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 45. ↩︎
    21. Ebd., S. 47. ↩︎
    22. Vgl.: Ebd., S. 47 ↩︎
    23. Vgl.: Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“. In: Shapira, Elana / Rossberg, Anne-Katrin (Hg.): Gestalterinnen: Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit. Berlin: De Gruyter 2023, S. 33. ↩︎
    24. Ebd., S. 33. ↩︎
    25. Vgl.: N. N.: Bel Etage. https://www.beletage.com/de/objekte/moebel-einrichtungsgegenstaende/1749-moebelensemble-wiener-kunst-im-hause (20.9.2021). ↩︎
    26. Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 46. ↩︎
    27. Ebd., S. 33. ↩︎
    28. Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“, S. 33. ↩︎
    29. Vgl.: Wagener, Mary Louise: Pioneer Journalistinnen. Two early twentieth century Viennese cases: Berta Zuckerkandl and Alice Schalek. Ohio, Diss. 1976. ↩︎
    30. Buhrs, Michael / Lesak, Barbara / Trabitsch, Thomas (Hg.): Fledermaus Kabarett. 1907-1913. Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Wien: Christian Brandstätter 2008, S. 72; Wiener Allgemeine Zeitung, 19.10.1907. ↩︎
    31. Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 95. ↩︎
    32. Klugsberger, Theresia / Pleyer, Ruth (Hg.): Berta Zuckerkandl – Flucht! Von Bourges nach Algier im Sommer 1940. Wien: Czernin 2013, S. 8. ↩︎
    33. N. N.: Gedenktafel Berta Zuckerkandl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gedenktafel_Berta_Zu
      ckerkandl (19.10.2023). ↩︎
    34. Ebd. ↩︎
    35. Vgl.: Seibert, Peter: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart: Metzler 1993. S. 8-10. ↩︎
    36. Vgl.: Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Brief an seine Schwester Fanny, 9.5.1825. In: Hensel, Sebastian (Hg.): Die Familie Mendelssohn 1729-1847, Nach Briefen und Tagebüchern. Leipzig: Insel 1924, S. 171. ↩︎
    37. Vgl.: Reichardt, Johann Friedrich: 11. Brief, Wien, 30.11.1808. In: Reichardt, Johann Friedrich: Vertraute Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809. Amsterdam: Kunst- und Industrie-Comptoir 1810, S. 158. ↩︎
    38. Vgl.: Giesbrecht, Sabine: Orte 5. Salon. In: Kreutziger-Herr, Anette / Unseld, Melanie (Hg.): Lexikon Musik und Gender. Kassel: Bärenreiter 2010, S. 109-534, S. 407. ↩︎
    39. Trenkler, Thomas: Das Zeitalter der Verluste: Gespräche über ein dunkles Kapitel. Wien: Czernin 2013, S. 84. ↩︎
    40. Vgl.: N. N.: Emilie Goldberger (1858–1942). https://www.schumann-portal.de/emilie-goldberger.html
      (20.9.2023). ↩︎
    41. Vgl.: Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 130. ↩︎
    42. Vgl.: Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928–1938. Wien: Böhlau 2018, S. 7-9. ↩︎
    43. Frimmel, Rainer: Emile – Erinnerungen eines Vertriebenen. Dokumentarfilm. Wien: Vento Film 2023. ↩︎
    44. Ebd. ↩︎

    © Andreas Schlager

    IRENE SUCHY

    Studium der Germanistik und des Instrumentalstudiums für Violoncello. Musik- und Kulturwissenschaftlerin sowie Dramaturgin und Literatin. Seit 1990 Musikredakteurin bei Ö1. Lehrtätigkeiten u.a. an der FH St. Pölten, der KFU Graz, der Universität Wien und der Kunstuniversität Graz. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, u.a. zu Paul Wittgenstein, Otto M. Zykan und Friedrich Gulda. Seit 2018 Leiterin des EU Creative Culture Projekts MusicaFemina – women made music.

  • Zumutungen

    Zumutungen

    Die Wut, die bleibt. Mareike Fallwickls Roman, 2023 für die Bühne des Salzburger Landestheaters adaptiert,1 verhandelt ein brandaktuelles und zugleich sehr altes Thema: die Zumutungen, die eine patriarchale Gesellschaftsordnung für Frauen2 bereithält und vielfältige Formen des Widerstands dagegen. Nicht nur auf Salzburgs Bühnen, sondern weltweit sind Frauen und Transgenderpersonen gegenwärtig mit Diskriminierung, Überforderung, Ausbeutung und Gewalt konfrontiert und kämpfen auf vielfältige, oft originelle Weise gegen verschiedene Ausprägungen asymmetrischer Macht- und Geschlechterverhältnisse an. 

    In Salzburgs Straßen etwa machen seit 2020 bunte Kreidezeichen im öffentlichen Raum sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Transgenderpersonen sichtbar. Der Übergriff wird an dem Ort, an dem er stattfand, von Aktivist*innen mit Kreide in wenigen Worten beschrieben und gleichzeitig unter dem Hashtag #catcallsofsalzburg und #ankreiden in den sozialen Medien thematisiert. Es geht um sexualisierte Gewalt, um Belästigungen auf der Straße, die sich gemeinhin der öffentlichen Wahrnehmung entziehen und durch die Aktion vor Ort ins „Licht der Öffentlichkeit“ gerückt werden sollen. Zeitgleich wird mit der Aktion öffentliche Aufmerksamkeit in den sozialen Medien adressiert.3

    Öffentlichkeit und Privatheit haben sich im 21. Jahrhundert grundlegend verändert und ausdifferenziert. Damit haben sich auch die Formen patriarchaler Gewaltausübung und politischen Handelns gewandelt. Viele rechtliche und politische Diskriminierungen von Frauen konnten in langen Prozessen politischer Ausverhandlung während der letzten 200 Jahre beseitigt werden. Sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz, die Zuweisung aller Sorgepflichten an Frauen, Mehrfachbelastung, ungleiche Lohn- und Einkommensverhältnisse, Kriminalisierung von Abtreibung und die Normierung und Optimierung insbesondere des weiblichen Körpers sind im 21. Jahrhundert unter Chiffren wie „MeToo“, „Care-Arbeit“, „My Body my Choice“ oder „Gender-Pay Gap“ nach wie vor offene „Baustellen“ des Kampfes von Frauen in demokratischen und autokratischen Gesellschaften des globalen Nordens.

    Im Folgenden werde ich ausgewählte Schauplätze der zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogenannten „Frauenfrage“ skizzieren, wie sie sich für Salzburg in den 1920er Jahren darstellen. Mikro- und makrogeschichtliche Kontext-Splitter werden dabei mit ausgewählten Stimmen von historischen Akteur*innen kombiniert. Der Fokus liegt auf der Stadt Salzburg, deren gesellschaftliche Dynamiken mit jenen der Landgemeinden eng verbunden waren. Andererseits waren die regionalen Besonderheiten der Salzburger Landgemeinden für die Erfahrungen und Normierungen historischer Akteur*innen (z.B. Bäuer*innen, Kleinhäusler*innen, Dienstmägde) ebenfalls bedeutsam. Ich werde einige der im Titel meines Beitrages angesprochenen Zumutungen benennen und die oftmals erfolgreichen Kämpfe von Frauen für die Veränderung jener geschlechterpolitischen Verhältnisse beschreiben, die die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und damit auch das gesellschaftliche Klima der Gründungsphase der Festspiele prägten. 

    Die Salzburger Festspiele nahmen mit der Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal in der Regie von Max Reinhardt am 22.8.1920 ihren Betrieb auf. Ebenfalls im August 1920 trafen sich in Salzburg Nationalsozialist*innen des gesamten deutschen Sprachraums und erklärten das Hakenkreuz zum offiziellen Banner der NSDAP.4 Das Bürgertum in Salzburg war bereits seit dem 19. Jahrhundert stark deutschnational geprägt5. Der damit verbundene Antisemitismus wirkte auch in den frühen Jahren der Republik weiter, ja verschärfte sich nach Kriegsende ab 1918 noch deutlich. Der Antisemitismus war bereits im späten 19. Jahrhundert durchaus auch als kultureller Code wirksam, der deutlich machen sollte, welche ideologische, politische, moralische Position und Identität im gesellschaftlichen Leben eingenommen und repräsentiert werden sollte. Seit den 1880er Jahren kam es zum sukzessiven Ausschluss von Jüd*innen aus bürgerlichen Vereinen wie dem Deutschen Schulverein, dem Salzburger Turnverein oder dem Österreichischen Alpenverein. Mattsee oder St. Johann im Pongau bezeichneten sich 1921 als „judenfreie“ Tourismusgemeinden und versprachen sich damit wohl „Wettbewerbsvorteile“ in Hinblick auf die deutschnational eingestellten Gäste.6 Der „Sommerfrischen-Antisemitismus“ in Salzburg ähnelte dem „Bäder-Antisemitismus“ in vielen Badeorten an der Ost- und Nordsee7. Beides waren spezifische und von konkurrierenden Interessen und Akteur*innen getragene Formen des Antisemitismus, bei denen es um die räumliche Ausgrenzung von Jüd*innen im sozialen und wirtschaftlichen Feld des neu entstandenen touristischen Komplexes ging. Der in Salzburg überwiegend katholisch grundierte Antisemitismus traf die zumeist bürgerlichen, jüdischen Sommer-Gäste aus Wien ebenso wie die in Salzburg Stadt Lebenden (oft Assimilierten) oder die nach 1918 aus Galizien geflüchteten, großteils armen, orthodox und traditionell lebenden Jüd*innen. Die wenigen Wohlhabenderen unter ihnen lebten aufgrund der Anfeindungen und Ausschlüsse von der bürgerlichen Gesellschaft Salzburgs weitgehend isoliert.

    Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren für große Teile der Bevölkerung der jungen Republik und auch der Stadt Salzburg von Hungererfahrungen, Entbehrung und Mangel geprägt. Feindbilder waren nachgefragt und Vorurteile stark verbreitet. 1923 wurde eine Geburtstagsfeier für Sarah Bonyhadi, Präsidentin des Israelitischen Frauenvereins, in Salzburg aufgrund befürchteter Störaktionen vom Kurhaus ins Hotel Bristol verlegt. Die mehr als 100 Gäste des wohltätigen Israelitischen Frauenvereins wurden allerdings auch dort von einer Gruppe von Nationalsozialisten bedroht, die vergeblich versuchte, ins Hotel einzudringen.8 Sarah Bonyhadi, die mit dem wohlhabenden Lederhändler und Versicherungsagenten Daniel Bonyhadi verheiratet war, neben ihren vielfältigen sozialen und wohltätigen Aktivitäten auch zwei Söhne großzog und ihre Mutter im gemeinsamen Haushalt betreute, starb im Mai 1931 im 67. Lebensjahr in Salzburg. Sie ist das einzige Familienmitglied einer großen Salzburger Familie, dessen Grab sich heute auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen befindet.9

    Anfeindungen und antisemitische Ressentiments einer breiten Bevölkerungsschicht richteten sich in den frühen 1920er Jahren auch gegen die Salzburger Festspiele, die „mitten in den Nachkriegshunger hinein“ gegründet worden waren und verbreitet als antisemitisch aufgeladenes Sinnbild für Dekadenz und „Verkommenheit“ der Metropolen Wien und Berlin fungierten.10 Provinzialismus, Ressentiments und die Enge eines katholisch-religiös, national und antimarxistisch geprägten gesellschaftlichen Lebens in der Stadt Salzburg traf insbesondere Frauen, die ein autonomes Leben und Arbeiten anstrebten. Viele, denen es möglich war, verließen – das gilt seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart – Salzburg in Richtung Wien oder Berlin, um den Beschränkungen des Lebens in der provinziellen Kleinstadt zu entkommen. Die Schriftstellerin und bedeutende Vorkämpferin für Frauenrechte in Salzburg Irma von Troll-Borostyáni hatte das konservative gesellschaftspolitische Klima der Stadt in einem Brief vom 12.3.1892 an die spätere Mitbegründerin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins Auguste Fickert bereits Ende des 19. Jahrhunderts eindrücklich beschrieben: Sie sei gern bereit, einen frauenpolitischen Aufruf zu unterzeichnen, sehe aber wenig Chancen, dass dieser im redaktionellen Teil einer Salzburger Zeitung veröffentlicht würde, zudem fürchte sie auch, „dass unter den Kreisen der hiesigen Bevölkerung der Sache sehr wenig Interesse entgegengebracht werden dürfte. Die Salzburger Frauenwelt (ich verkehre mit niemandem, aber ich kenne sie) ist teils entschieden gegen die Frauenemanzipation teils furchtbar lethargisch“11.

    Drei Jahrzehnte nach Troll-Borostyáni verließ auch die aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Salzburg stammende Grete Weiskopf als 17-jähriges Mädchen die Stadt Salzburg zunächst nach Innsbruck, ging 1925 weiter nach Berlin, wo sie als Journalistin und Kinderbuchautorin unter dem Pseudonym Alex Wedding mit großem Erfolg publizierte, ein gewählter Künstler*innenname, der die Sehnsucht und Verbundenheit mit Berlin und der Arbeiter*innenschaft ausdrückte, die am Alexanderplatz und in Wedding ihre zentralen Orte fand.12 Als Jüdin und Kommunistin war Grete Weiskopfs Leben von politisch erzwungenen Emigrationen nach Prag, in die USA und schließlich 1953 nach Berlin-Ost geprägt.

    An sie erinnert, wie auch an Irma Troll-Borostyáni, eine von 17 Gedenktafeln, die als Projekt „Frauenspuren“ von dem Frauenbüro der Stadt Salzburg realisiert und 2021/22 von der Literaturwissenschafterin Christa Gürtler und der Historikerin Sabine Veits-Falk rekonfiguriert und erweitert wurde.13 Gedenken und öffentliche Sichtbarmachung von „bedeutenden“ Frauen sind in Salzburg weiterhin politische Praxis und bleiben in Bewegung. Auch symbolische Anerkennungsformen sind Produkt gesellschaftlicher und politischer Aushandlungsprozesse, jedenfalls aber auch das Ergebnis des langen und erfolgreichen Kampfes von Frauen unterschiedlicher politischer Orientierung um Anerkennung und Sichtbarkeit.

    Akteur*innen der Internationalen Frauenbewegungen haben seit dem 18. Jahrhundert über soziale Klassen und nationale Grenzen hinweg in vielen Bereichen der Gesellschaft sukzessive politische Rechte sowie ökonomische und juristische Gleichstellung erkämpft. Die Durchsetzung des Rechts auf politische Teilhabe, das „Frauenwahlrecht“ und die Erkämpfung des Rechts auf Bildung, der „Zugang zu Höheren Schulen und Universitäten“, lag zum Zeitpunkt der Gründung der Salzburger Festspiele nur wenige Jahre zurück. Der Prozess der langsamen Ausweitung der politischen Teilhabe war im Salzburger Landtag so wie auch auf gesamtstaatlicher Ebene seit Ende des 19. Jahrhunderts von paradoxen Entwicklungen gekennzeichnet.

    Während in der Monarchie die Teilhabe am politischen Entscheidungsprozess nicht grundsätzlich an das Geschlecht, sondern an Besitz und Steuerleistung gebunden war, also privilegierte Frauen in den drei Wählerklassen (Großgrundbesitz, Städte und Märkte, Landgemeinden) ab der Konstituierung der Landtage 1861 zur Stimmabgabe zugelassen waren, wurde mit der Erweiterung der politischen Mitbestimmung von Männern, im Sinne eines allgemeinen Wahlrechts, die Zulassung von Frauen zum Wahlrecht zunehmend beschnitten. Im Salzburger Landtag war, anders als in Oberösterreich oder Niederösterreich, die Stimmabgabe von sogenannten „Frauenspersonen“ ab 1868 nur durch einen Bevollmächtigten möglich.14 Mit der Einführung des „Allgemeinen Wahlrechts“ im Jahr 1907, das die sozialen Zugangsbeschränkungen aufhob und auf der Idee des Wahlrechts als Grundrecht für jedes Individuum gründete (das offensichtlich als männlich und weiß gedacht wurde), wurden Frauen auf Grund ihres Geschlechts generell vom Wahlrecht ausgeschlossen.15 Erst 1918/19 – und damit im Zuge der Konstituierung der Ersten Österreichischen Republik – waren alle Staatsbürger*innen wahlberechtigt. Ausgenommen blieben bis 1923 die Prostituierten, also eine Gruppe von Frauen, die seit dem 19. Jahrhundert im Mittelpunkt zahlreicher kultureller Mythisierungen und öffentlicher Debatten stand, aber gleichzeitig vielfachen Diskriminierungen ausgesetzt war. Staatliche, kirchliche, medizinische, literarische und auch frauenbewegte Diskurse verhandelten in der Prostitutionsdebatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sich wandelnde Vorstellungen von Sexualität, Intimität und Moral bzw. „Sittlichkeit“. Die Internationalen Frauenbewegungen nahmen seit dem 19. Jahrhundert, und das gilt auch für die sogenannten „Neuen Frauenbewegungen“ der 1960er und 1970er Jahre bis heute, zum Thema Prostitution durchaus kontroversielle ideologische Standpunkte ein, die von der Forderung nach einem Prostitutionsverbot bis hin zur gesellschaftlichen Anerkennung des Prostitutionsgewerbes reichen.16 In den 1920er Jahren jedenfalls wurde auch innerhalb der Frauenbewegungen noch primär „über“ und nicht „mit“ Prostituierten gesprochen. „Sexarbeiter*innen“, wie Prostituierte sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst nannten, waren in den 1920er Jahren in Österreich noch nicht über Vereine oder Interessensvertretungen organisiert. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts beanspruchte insbesondere der bürgerliche und radikale Flügel der Frauenbewegung – Irma Troll-Borostyáni war ein berühmtes Beispiel – für sich, die Interessen der zumeist aus sozial schwachen Schichten stammenden Frauen zu vertreten. In der Schrift Die Prostitution ist kein notwendiges Übel argumentierte Troll-Borostyáni bereits 1884 polemisch gegen ein von patriarchaler Doppelmoral gekennzeichnetes Weiblichkeitsbild, das Frauen in der Prostitutionsdebatte – aber auch darüber hinaus – kulturell und sozial in „Heilige“ und „Huren“ spaltete:

    Wenn ihr aber die Behauptung aufrechterhalten wollt, daß die durch moralischen Zwang vollendete Schändung der Frauen eine Bedingung für die Existenz des männlichen Geschlechts ausmacht, daß die Prostitution ein notwendiges Übel ist wie der Krieg und man käufliche Dirnen braucht wie Soldaten, dann existiert diese Notwendigkeit für alle, dann fordert die Gerechtigkeit, daß ihr Männer Euch bereit erklärt, Eure Mutter, Tochter, Schwester, Eure eigene Frau dieser Notwendigkeit zum Opfer zu bringen; dann müßt ihr eine allgemeine Prostitutionspflicht einführen für das weibliche Geschlecht, wie wir eine allgemeine Wehrpflicht haben für das männliche.17

    Die Prostitutionsdebatten zur Jahrhundertwende und in der Ersten Republik sind für Wien, aber auch für andere Städte der Monarchie und der Ersten Republik in der historischen Forschung bereits gut aufgearbeitet. Allen Studien gemeinsam ist, dass die Perspektive der Frauen, die als Prostituierte arbeiteten, in den Quellen – zum Beispiel in Gerichtsakten – nur sehr bedingt rekonstruierbar ist. Das privat geführte Prostitutionsgewerbe in Salzburg lag um 1900 vorwiegend in weiblicher Hand.18 Zum einen gab es überwiegend junge Frauen, die zuvor häufig als Dienstmädchen gearbeitet hatten oder nur zum Schein als Dienstbotinnen angestellt worden waren, zum anderen die sogenannten „Kupplerinnen“, die schon älter waren und meist zuvor selbst als Prostituierte tätig gewesen sind. Beide Gruppen gehörten häufig sozial und finanziell schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen der Stadt Salzburg an.19 Prostituierte waren jedenfalls bei den Landtagswahlen in Salzburg am 6.4.1919, bei denen Frauen* erstmals das unbeschränkte aktive und passive Wahlrecht ausüben konnten, von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Als neue Wählerinnen wurden Frauen* in den frühen 1920er Jahren von den wahlwerbenden Parteien auch in Salzburg intensiv umworben, zumindest zwei weibliche Abgeordnete waren nach der Wahl erstmals im Salzburger Landtag vertreten, eine Sozialdemokratin und eine Abgeordnete der Großdeutschen Volkspartei. Die stärkste Partei im Landtag und vermutlich auch bei der Gunst der Wählerinnen,20 die Christlich-Sozialen, blieb im Salzburger Landtag weiterhin frauenlos.21Die Beteiligung der Frauen an der Wahl zur Nationalversammlung am 16.2.1919 lag bei 82 %, und sie stellten mit 52 % die Mehrheit der Wähler*innen.

    100 Jahre später, am 8. und 9.3.2019, fand im Haus der Stadtgeschichte in Salzburg eine mit hochkarätigen Wissenschaftlerinnen besetzte Jubiläums-Tagung statt.22 Der gegenwärtigen Präsenz von Frauen im Wissenschaftsbetrieb ging ein langer Kampf der historischen Frauenbewegungen um Zugang zur Bildung voraus. In Österreich konnten Frauen erst seit 1896 ein Universitätsstudium an einer philosophischen Fakultät beginnen, der Zugang zu den anderen Fakultäten wie etwa zu den Technischen Hochschulen wurde ihnen erst nach dem Ersten Weltkrieg eröffnet. Mit Erlass vom 7.4.1919 durften Frauen endlich auch an Technischen Hochschulen inskribieren – allerdings nur, soweit sie „ohne Schädigung und Beeinträchtigung der männlichen Studierenden nach den vorhandenen räumlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen der einzelnen Hochschulen Platz finden können“23.

    Was seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als „Frauenfrage“ bezeichnet, als „Frauenemanzipation“ abgewertet oder auch propagiert wurde, prägte das gesellschaftliche und kulturelle Klima der 1920er Jahre entscheidend mit. Auch für die alltäglichen Erfahrungen von Frauen unterschiedlicher Herkunft, generationaler, sozialer, nationaler und religiöser Zugehörigkeit war die gesellschaftliche Teilung in öffentliche und private Räume, wenn auch in verschiedener Weise, wichtig. Die dichotomen Vorstellungen der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit hatten sich seit dem 18. Jahrhundert grundlegend mit normativen Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit verknüpft und bildeten damit ein wesentliches Fundament der patriarchalen Struktur des bürgerlichen Liberalismus. Die Zuständigkeit für die vielfältigen, alltäglichen Aufgaben, für die Haus- und Sorgeverantwortung wurde Frauen „wesensmäßig“ und naturrechtlich begründet zugeschrieben. Hausarbeit und ein großer Teil der Sorgearbeit wurde in diesem Prozess als Nicht-Arbeit und damit als nicht entlohnt definiert wie auch in ihrer systemrelevanten und wertschöpfenden Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft systematisch ausgeblendet.

    Mit der Herausbildung der kapitalistischen Industriegesellschaft und der Nationalökonomie als Wissenschaftsdisziplin setzte sich eine hierarchische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern durch und verankerte sich daraufhin in vielen gesellschaftlichen Feldern institutionell.24 Das bürgerliche Familienmodell („Mann – Ernährer“/ „Frau – Mutter und Hausfrau“) wirkte zunehmend sowohl als Idealbild wie auch als Norm, wenn auch ein großer Teil der Bevölkerung bis in die 1950er Jahre keineswegs nach diesem Modell oder seinen kleinbürgerlichen Varianten leben konnte oder wollte. In bürgerlichen Haushalten waren nach 1918 Dienstmädchen häufig nicht mehr leistbar. Bürgerliche Hausfrauen waren teilweise gezwungen, den Haushalt selbst zu übernehmen. Für Hausgehilfinnen bedeutete der Anstellungsverlust oft auch Wohnungslosigkeit (arbeitslose Dienstmädchen waren bis in die 1930er Jahre von der Sozialversicherung ausgeschlossen).25 Berta Pflanzl, die mit dreizehn Jahren als Vollwaise in Salzburg in den häuslichen Dienst treten musste, erinnert sich in ihrem Tagebuch an die patriarchal geprägte, bürgerliche Doppelmoral ihrer Dienstgeber:

    Die Männer sahen mich schon mit vielsagenden Blicken an und ich freute mich in meiner so großen Bescheidenheit und Armut, wenn sie mir sagten, ich sei hübsches Mädl und ich bräuchte nicht arbeiten, ich könnte ein schönes Leben bekommen etc. Viele wollten mich auf ihre Seite bekommen auf diese Art, diese Bestien glaubten, wenn man arm ist, kann man auch moralisch minderwertig sein, aber sie täuschten sich alle.26

    Die katholische Frauenbewegung engagierte sich bei der Gründung einer Interessensvertretung für die große Gruppe der weiblichen Hausangestellten, die mit nicht regulierten Arbeitsbedingungen häufig mit sexueller Gewalt und den täglichen Zumutungen ihrer Arbeitgeber*innen konfrontiert waren. Der Reichsverband der christlichen Hausgehilfinnen wurde 1909 gegründet und setzte sich für die Einführung eines Dienstvertrags für Hausgehilf*innen ein, was 1920 mit dem sogenannten „Hausgehilfengesetz“ auch gelang. Das Gesetz trug wesentlich zur rechtlichen Absicherung von ca. 400.000 mehrheitlich weiblichen Personen in Österreich bei (Entlohnung, Arbeitszeitregelung und Altersversorgung). Auch in Salzburg wurde etwa ein Heim für pensionierte Hausgehilf*innen errichtet. Die Arbeiterbewegung – insbesondere die sozialistische Frauenbewegung – versuchte sich, wenn auch eher halbherzig,27 an alternativen Wohn-Modellen, die zur „Befreiung der Frau von der Hausarbeit“ hätten führen können. Das Einküchenhaus, das auf die sozialistischen Akteur*innen der Frauenbewegung Lily Braun und Therese Schlesinger zurückging,28 war zunächst als Wohnform für berufstätige und alleinstehende Frauen projektiert. Während in Wien zwei Einküchenhaus-Projekte namens Heimhof realisiert wurden (das erste wurde von Auguste Fickert initiiert),29 gab es in Salzburg Stadt kein vergleichbares alternatives Wohnmodell.

    Gegenwärtig hingegen haben die hohen Mietpreise in der Stadt Salzburg wohl nicht nur zum Wahlerfolg der Kommunistischen Partei mit einem zweistelligen Ergebnis im April 2023 beigetragen, sondern auch zur Realisierung der Wohnfabrik, eines alternativen und kollektiven Wohnprojektes unter dem Dachverband habiTat geführt, der auch in Innsbruck, Linz und Wien seit einigen Jahren selbstorganisierte Wohnformen jenseits traditioneller Familienmodelle und des kapitalisierten Wohnungsmarktes betreibt. Die Wohnfabrik in Salzburg ist kein dezidiertes Wohnmodell für Frauen, auf der Homepage wird jedoch transparent gemacht, dass die Auswahl der Mitbewohner*innen von der De-Privilegierung weißer, heterosexueller Männer geprägt ist.30

    Zur Gründungzeit der Salzburger Festspiele in den frühen 1920er Jahren war die Ehe als Versorgungsmodell wohl das Idealbild eines Großteils aller in Österreich lebenden Frauen. 1934 allerdings lebten, wie Ellmauer und Kirchmayr anhand der Volkszählung aufgezeigt haben, nur 45,7 % der weiblichen Bevölkerung im heiratsfähigen Alter im gesamten Land Salzburg in einer ehelichen Beziehung.31 In den 1920er Jahren war es für Katholik*innen, anders als für Jüd*innen und Protestant*innen, nach wie vor nicht möglich, eine reine Zivilehe nach dem ABGB zu schließen. Eine „Trennung von Tisch und Bett“ war von der Kirche geduldet, die Scheidung einer ehelichen Verbindung hingegen nicht.

    Die Einspruchsmöglichkeiten der Kirche machten eine Wiederverheiratung nach einer Trennung von Tisch und Bett unmöglich. Der sozialistische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever, versuchte unter Ausnutzung einer Gesetzeslücke des ABGB, diese Situation zu umgehen und so geschiedenen KatholikInnen eine Wiederverheiratung möglich zu machen. Als Landeshauptmann hatte er laut ABGB die Möglichkeit, eine Dispensation – also eine Freisprechung – von bestehenden Ehehindernissen auszusprechen. Was diese Ehehindernisse sein können, war im ABGB nicht näher definiert, Sever fasste auch ein bestehendes katholisches Eheband darunter. Er konnte die Dispense allerdings nur für Bürger der Länder aussprechen, in denen er Landeshauptmann war – Salzburger und Salzburgerinnen, die eine so genannte „Sever-Ehe“ schließen wollten, mussten zuvor nach Wien oder Niederösterreich übersiedeln.32

    Das kirchlich dominierte Eherecht wurde also in der Ersten Republik regional durchaus unterschiedlich gehandhabt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Eherecht modernisiert und vereinheitlicht. Die Scheidung wurde legalisiert, allerdings regelten die Nürnberger Rassengesetze die eheliche Partnerwahl nach rassistischem Prinzip, Ehen zwischen so genannten „arischen“ und „nichtarischen“ Personen waren damit ab 1938 verboten. In der Zweiten Republik haben sozialdemokratisch geprägte Eherechtsreformen der 1970er und 1990er Jahre die Rechte von Frauen in ehelichen Beziehungen zunehmend ausgebaut und den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Seit 1.1.2019 können auch gleichgeschlechtliche und queere Paare in Österreich standesamtlich heiraten.

    Erst ab den späten 1920er bis in die 1950er Jahre hatte sich das kleinbürgerliche Familienmodell langsam verbreitert und wurde in unterschiedlichen politischen und sozialen Kontexten und Regionen unterschiedlich wirksam. Die Zumutung der Doppelbelastung von Beruf, Haushalt und Familie traf damit im 20. Jahrhundert zunehmend den überwiegenden Teil aller Frauen*, die in Österreich leben.

    Anfang des 21. Jahrhunderts ist „Vollzeit-Mann“ / „Teilzeit-Frau“ das statistisch dominierende Modell der Arbeitsaufteilung bei heterosexuellen Paaren mit Kindern in Österreich, was sich nicht mehr primär dem Ernährer-Modell, sondern dem „gender pay gap“ und der anhaltenden Zuständigkeit von Frauen für alle Formen der Sorge-Arbeit verdankt.

    Der weibliche Körper war und ist – so auch in den 1920er Jahren – Austragungsort staatlicher, ideologischer, religiöser und kultureller Normierungen und Zumutungen, aber auch ein Schauplatz von Rebellion, Eigensinn und Widerstand von Frauen. Der soziale und moralische Druck der katholischen Kirche auf ledige Mütter war insbesondere am Land, gerade im konservativ-katholischen Salzburg besonders hoch, wie die Erinnerungen einer Dienstmagd, Jahrgang 1907, belegen:

    Damals ist auch noch der Brauch gewesen, dass man nicht in die Kirche hinein hat dürfen, wenn man ein lediges Kind gehabt hat. Sobald man vom Wochenbett aufgestanden ist, am Sonntag drauf hat man in die Kirche gehen müssen „Virisegnen“. Und da hat man vor der Kirchentüre niederknien müssen – da ist so ein Steinpflaster gewesen – und warten, bis der Pfarrer kommt, dich segnen. Dann hast du erst in die Kirche reingehen dürfen […] Ich hab mich so geschämt. Ich hab mir überhaupt nirgends hinzuschauen getraut. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich bin nicht die einzige mit einem ledigen Kind, die da vor der Kirche warten muss, bis sie wieder reingehen darf.33

    Die Erinnerungen dokumentieren die Zumutungen, aber auch den Mut und das zumindest innere Aufbegehren von ledigen Müttern. Wenn Frauen ungewollt schwanger wurden, galt auch in den 1920er Jahren noch immer der Paragraph §144 des Strafgesetzbuches aus dem Jahr 1852, der Abtreibung als Verbrechen klassifizierte. Frauen fanden Wege, illegale Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen und riskierten dabei ihre psychische und physische Gesundheit, oftmals ihr Leben. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Einführung des Frauenwahlrechts wurde die Abtreibung zum politisch heftig diskutierten Thema. Die Liberalisierung oder Aufhebung des Abtreibungsverbots war eine Forderung sozialdemokratischer und kommunistischer Frauenorganisationen, aber auch der autonomen bürgerlichen Frauenbewegungen. Der Bund für Mutterschutz etwa, Teil des Bundes österreichischer Frauenvereine, in dessen Gründungskomitee sowohl Rosa Mayreder wie auch Sigmund Freud vertreten waren, setzte sich für die Verbesserung der Lage unehelicher Mütter und ihrer Kinder ein und kritisierte auch das strenge Abtreibungsverbot.34 Der jahrzehntelange Kampf von sozialistischen, kommunistischen und autonomen Frauenbewegungen um eine Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs – ein Kampf, der nur durch den Nationalsozialismus unterdrückt und unterbrochen wurde – führte 1975 im Rahmen der Strafrechtsreform zur Fristenregelung, die bis heute in Kraft ist. Die Fristenregelung stellt den Schwangerschaftsabbruch auf Verlangen der schwangeren Frau durch Ärzt*innen innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei. Die praktische Umsetzung der Fristenlösung wurde von der katholischen Kirche, von einigen Bundesländern und verschiedenen Vereinen seither immer wieder behindert oder in Frage gestellt.

    Sexualität und die Frage der Reproduktion, also des Gebärens und der Betreuung von Kindern, blieb auch das gesamte 20. Jahrhundert über ein zentraler Schauplatz kirchlicher, staatlicher, medizinischer Politiken, Zugriffe und Zumutungen. In vielen gesellschaftlichen Bereichen war spätestens nach dem Ersten Weltkrieg, und das gilt auch für die Gründungsjahre der Salzburger Festspiele, die erkämpfte Ausweitung individueller Handlungsspielräume von Frauen gleichzeitig mit einer Zunahme an Kontrolle, Disziplinierung und Normierung ihrer Körper und ihrer täglichen Arbeit zu Hause und an den Orten ihrer beruflichen Arbeit verbunden. Widersprüche und Ambivalenzen in den Transformationsprozessen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit waren und sind entlang intersektionaler Positionierungen sehr unterschiedlich ausgeprägt gewesen und erfahren worden.

    Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8.3. vergibt das Frauenbüro der Stadt Salzburg und die Stabsstelle für Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und Frauenförderung des Landes Salzburg seit 1995 den Troll-Borostyáni-Preis an Frauen oder Projekte, die sich für „Verbesserungen der Lebensbedingungen und Rechte von Frauen und Mädchen in Land und Stadt Salzburg engagieren, regional nachhaltig und erfolgreich wirken und Zivilcourage zeigen“35. 1998 ging der Preis etwa an die renommierte Salzburger Historikerin Helga Embacher oder an Jeanette Moore, die Gründerin des Frauenhauses Pinzgau Land. 2010 führte die Nominierung der Salzburger Landeskliniken, in der es für Frauen* aus Salzburg seit 2005 möglich ist, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, für den Preis zu einer aufgeregten öffentlichen Diskussion, die das Weiterwirken jahrzehntelanger gesellschaftlicher Konflikte um die Frage der Abtreibung reartikulierte. Das in Österreich und vielen Staaten erkämpfte Recht auf einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper gründet keineswegs auf einem unbestrittenen gesellschaftlichen Konsens. Das emotionalisierende Thema wurde, darauf hat die Historikerin Maria Mesner immer wieder hingewiesen, historisch mehrfach für parteipolitische Taktiken instrumentalisiert, die häufig wenig mit der Autonomie oder dem Wohl von Frauen im Umgang mit ihrem Körper, sondern mit bevölkerungspolitischen, eugenischen oder ideologischen Interessen zu tun hatten.36 Liberalisierungstendenzen der Abtreibungsgesetzgebung – wie zuletzt in einigen afrikanischen Staaten – korrespondieren im 21. Jahrhundert mit legistischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Re-Illegalisierung – wie in den USA oder in Polen. Der Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch für alle Bürger*innen wird, wenn er überhaupt landesweit möglich ist, auch gegenwärtig immer wieder und mit unterschiedlichen Strategien in der Kombination von Motivforschung, Evidenzproduktion und rechtlichen Verschärfungen in Frage gestellt.

    Erkämpfte Rechte und Räume, so zeigt sich, sind in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verteidigen, auch das Recht von Frauen, sich für oder gegen ein Leben als Mutter zu entscheiden. Die Komplexität der Zumutungen, die Fallwickls Stück 2023 auf die Salzburger Bühne der Festspiele brachte, potenziert sich gerade jetzt vor dem Hintergrund der von Krieg und Gewalt geprägten politischen Situation der Gegenwart. Die Wut, die bleibt.


    Anmerkungen:

    1. Nach der Premiere des Stücks in Salzburg hält Stephan Hilpold in der Tageszeitung Der Standard den öffentlichen Diskurs eines gesellschaftlichen Konflikts im kulturellen Feld am Laufen: „Wohl noch nie wurde Wokeness bei den Salzburger Festspielen auf eine derart explizite Weise thematisiert, noch nie hat man hier die Themen Mutterschaft und Care-Arbeit, MeToo und Frauen-Solidarität mit einer derart expliziten Botschaft zu einem Theaterabend verrührt.“ Hilpold, Stephan: „Die Wut, die bleibt“ als grober Feminismus-Infight in Salzburg. In: Der Standard, 19.8.2023. Wie auch immer die Aufführung ästhetisch zu bewerten sein mag, es amüsiert, dass ein Kultur-Journalist in seiner polemisierenden Wortwahl die Regisseurin* implizit zu einer Köchin macht, die aus der Perspektive des männlich gelesenen Kritikers „Frauenthemen“ wie in einem Kochtopf verrührt. ↩︎
    2. Universalisierend von „den“ Frauen zu sprechen, ist schwierig, das haben Jahrzehnte postkolonialer und queer-feministischer Erkenntnisproduktion deutlich gemacht. Die gelegentliche Schreibweise mit „*“ im Text drückt Distanz von der scheinbaren Evidenz der Zweigeschlechtlichkeit aus und soll den historischen Bedeutungswandel des Begriffs markieren. Ich versuche, relatioale, differente und intersektionale Aspekte, Erfahrungen und Normierungen von Frauen* zur Gründungszeit der Salzburger Festspiele aus ihrer gegenwartsrelevanten Bedeutung in den Blick zu nehmen. Aus queer-feministischer Perspektive ist es unabdingbar, wenn auch herausfordernd, das Verhältnis von Geschlecht und Sexualität, von Zweigeschlechtlichkeit, hierarchischer Geschlechterdifferenz und normativer Heterosexualität wieder kritisch zu reflektieren und in konkreten historischen Kontexten empirisch zu situieren. Vgl.: Engel, Antke: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Frankfurt am Main: Campus 2002. ↩︎
    3. Vgl.: Instagram-Account catcallsofsalzburg. https://www.instagram.com/catcallsofsalzburg/?hl=de (27.9.2023) ↩︎
    4. Vgl.: Ellmauer, Daniela / Embacher, Helga / Lichtblau, Albert (Hg.): Geduldet, Geschmäht und Vertrieben. Salzburger Juden erzählen. Salzburg: O. Müller 1998. ↩︎
    5. Vgl.: Embacher, Helga: Die Salzburger jüdische Gemeinde von ihrer Neugründung im Liberalismus bis zur Gegenwart. In: Embacher, Helga (Hg.): Juden in Salzburg. History, Cultures, Fates. Salzburg: Pustet 2002, S. 38-66; Erker, Linda / Rosecker, Michael (Hg.): Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit. Zur Bedeutung informeller Machtstrukturen für die politische Radikalisierung in Österreich. Wien: Karl-Renner-Institut 2023. ↩︎
    6. Vgl.: Lichtblau, Albert: Domplatz statt Synagoge. Festspiele. Sommerfrische und Antisemitismus.
      In: Jüdisches Museum Wien (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. Salzburg: Re
      sidenz 2021, S. 76-85; Mühlbacher, Sybille: Von Gästen und Geächteten. Sommerfrische-Idyll und
      Antisemitismus am Mattsee (1860–1920)
      . In: historioPLUS 5 (2018), S. 94-117. ↩︎
    7. Vgl.: Bajohr, Frank: „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert.
      Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2003. ↩︎
    8. Vgl.: Wachsender Antisemitismus bis zum Nationalsozialismus. https://www.stadt-salzburg.at/stadtarchiv/juedische-geschichte-salzburgs/wiederansiedlung-1867-bis-vertreibung-1938/wachsenderantisemitismus-bis-zum-nationalsozialismus/ (12.8.2023). ↩︎
    9. Vgl.: Kerschbaumer, Gert: Familie Bonyhadi. https://www.stolpersteinesalzburg.at/stolperstein/bonyhadi_ruth/ (27.10.2023). (Stolperstein verlegt am 25.9.2018 in Salzburg, Rainerstraße 4) ↩︎
    10. Vgl.: Jüdisches Museum Wien (Hg.): Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. ↩︎
    11. Gürtler, Christa (Hg.): Irma von Troll-Borostyáni. Ungehalten. Vermächtnis einer Freidenkerin. Salzburg: O. Müller 1994, S.40. ↩︎
    12. Vgl.: Grete Weiskopf (Alex Wedding). https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/greteweiskopf-alex-wedding/ (27.10.2023). ↩︎
    13. Vgl.: Projekt Frauenspuren. https://www.stadt-salzburg.at/index.php?id=59890 (27.10.2023). ↩︎
    14. Vgl.: Bauer, Ingrid: Frauenwahlrecht und Geschlechterdemokratie in Landtagen – Das Beispiel Salz
      burg in Geschichte und Gegenwart.
      https://www.stadt-salzburg.at/fileadmin/landingpages/stadtge
      schichte/frauengeschichte/tagung_zu_100_jahre_frauenwahlrecht/bauer.pdf (27.10.2023). (Vortrag im Rahmen der Tagung 100 Jahre Frauenwahlrecht in Salzburg und Österreich im europäischen Vergleich); Bauer, Ingrid: Eine maßgebende Ressource der Demokratie – Frauen im Salzburger Landesparlament. In: Kriechbaumer, Robert / Voithofer, Richard (Hg.): Politik im Wandel. Der Salzburger Landtag im Chiemseehof 1868-2018. Wien: Böhlau 2018, S.139-151. ↩︎
    15. Vgl.: Bader-Zaar, Birgitta: Die Demokratisierung des Wahlrechts. In: Kriechbaumer, Robert u.a. (Hg.): Die junge Republik. Österreich 1918/19. Wien: Böhlau 2018, S. 101-112. ↩︎
    16. Vgl.: Bock, Jessica: Die Prostitutionsdebatte innerhalb der Neuen Frauenbewegung. https://www.
      digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-prostitutionsdebatte-innerhalb-der-neuen-frauen
      bewegung (27.10.2023). ↩︎
    17. Troll-Borostyáni, Irma von: Die Prostitution ist kein notwendiges Übel. In: Gürtler, Christa (Hg.): Irma von Troll-Borostyáni. Ungehalten. Vermächtnis einer Freidenkerin. Salzburg: O. Müller 1994, S. 188-189. ↩︎
    18. Vgl.: Kronsteiner, Bianca: Zwischen Pragmatismus, Verurteilung und Verdrängung – Blicke von „au
      ßen“ auf die Prostitution in Salzburg um 1900
      . In: historioPLUS 2 (2015), S. 28-52, S. 32. ↩︎
    19. Vgl.: Ebd., S. 33. ↩︎
    20. Erst 1920 wurde eine nach Geschlechtern getrennte Stimmauszählung vorgenommen, wodurch
      deutlich wurde, dass eine Mehrheit der Frauen christlich-sozial gewählt hatte. Vgl.: Blaustrumpf Ahoi! (Hg.): „Sie meinen es politisch!“. 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung. Wien: Löcker 2019. ↩︎
    21. Vgl.: Bauer, Ingrid: Eine maßgebende Ressource der Demokratie – Frauen im Salzburger Landespar
      lament
      , S.139-151. ↩︎
    22. Vgl.: Frauenwahlrecht am Beispiel Salzburg: Gemeinderat und Salzburg. https://www.stadt-sal
      zburg.at/stadtarchiv/frauen-und-geschlechtergeschichte/tagung-zu-100-jahre-frauenwahlrecht/
      (27.10.2023). ↩︎
    23. Mikoletzky, Juliane: Frauenspuren GESTERN. https://www.tuwien.at/tu-wien/organisation/zentralebereiche/genderkompetenz/frauenspuren/frauenspuren-gestern (27.10.2023). ↩︎
    24. Vgl.: Meier-Gräwe, Uta: Wirtschaft neu ausrichten. Wege in eine care-zentrierte Ökonomie. ht
      tps://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/care-arbeit-2020/317855/wirtschaft-neu-ausrichten/
      (27.10.2023). ↩︎
    25. Vgl.: Hauch, Gabriella: Frauen bewegen Politik: Österreich 1848-1938. Innsbruck: Studienverlag
      2009. ↩︎
    26. Pflanzl, Berta: Tagebucheintrag, 24.1.1952. In: Mazohl-Wallnig, Brigitte u.a. (Hg.): Die andere Ge
      schichte. Eine Salzburger Frauengeschichte von der ersten Mädchenschule (1695) bis zum Frauen
      wahlrecht (1918). Salzburg: Pustet 1995, S. 233; Vgl.: Pflanzl, Robert H. (Hg): Berta Pflanzl – vom
      Dienstmädchen zur gnädigen Frau. Salzburger Tagebücher 1893-1953.
      Wien: Böhlau 2008. ↩︎
    27. In der Parteielite des „Roten Wiens“ überwog die Kritik an der Einküchenhaus-Idee. Im Sitzungsprotokoll der Gemeinderatssitzung vom 9.3.1923 heißt es: „Es ist ein Unsinn, wenn eine Familie in einem solchen Einküchenhaus wohnt. Es ist auch aus sittlichen Gründen nicht anzuraten, der Hausfrau alle Sorgen für den Haushalt abzunehmen. Die junge Hausfrau soll sich nur sorgen, sie soll wirtschaften und sparen lernen, das wird ihr für die Zukunft nur von Nutzen sein.“ N. N.: Das Einküchenhaus: Der Heimhof. http://www.bezirksmuseum.at/de/bezirksmuseum_15/bezirksgeschichte/das_einkuechen
      haus/ (27.10.2023). ↩︎
    28. Das Forschungskollektiv „Einküchenhaus. Verein zur Erforschung emanzipatorischer Wohnprojekte“ (bestehend aus zwei Historikerinnen und einer Urbanistin: Katrin Pilz, Marie-Noelle Yazdnapanah, Christine Schraml) erforscht seit 2021 ausgehend von den historischen Wiener Einküchenhaus-Projekten, Historiografien und Potentiale des kollektiven und emanzipatorischen Wohnens. ↩︎
    29. Auguste Fickert gründete 1909 mit „Heimhof“ die erste gemeinnützige Bau- und Wohnungsgenos
      senschaft für Frauen, 1911 wurde das erste Einküchenhaus in Wien für alleinstehende, berufstätige
      Frauen in der Peter-Jordan-Straße 32-34 im 19. Bezirk eröffnet. Der Heimhof für Ehepaare und Fa
      milien im 15. Bezirk war die von der Gemeinde Wien getragene Fortsetzung dieser Initiative in den
      1920er Jahren. ↩︎
    30. „Bei unserer Auswahl neuer Mitbewohner_innen haben alle, die keine Cis-Männer sind, den Vorzug.“ Wir suchen weitere neue Mitbewohner*innen! https://wohnfabrik.at/ (15.9.2023). ↩︎
    31. Vgl.: Ellmauer, Daniela / Kirchmayr, Birgit: Zwischen den Kriegen: Frauenleben in Salzburg 1918 bis 1938. In: Thurher, Erika / Stranzinger, Dagmar (Hg.): Die andere Geschichte. Eine Salzburger Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts. Salzburg: Pustet 1996, S. 13-66, S. 34. ↩︎
    32. Fuchs, Sabine: Hochzeit und Scheidung. https://www.brauch.at/folge03/ch02s19.html (27.10.2023). ↩︎
    33. Zit. n.: Thurner, Erika / Stranzinger, Dagmar (Hg.): Die andere Geschichte. Eine Salzburger Frauengeschichte des 20. Jahrhunderts, S. 34. ↩︎
    34. Vgl.: Mesner, Maria: Der §144 und die Frauenbewegung in Österreich. https://www.digitales
      deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/144-und-die-frauenbe
      wegung-in-oesterreich (27.10.2023). ↩︎
    35. Irma von Troll-Borostyáni-Preis. https://www.stadt-salzburg.at/frauen/irma-von-troll-borostyani-preis/(27.10.2023). ↩︎
    36. Vgl.: Mesner, Maria: Von der (Un-)Gunst der Stunde und der Kunst, sie zu erkennen. In: Kreisky, Eva/ Niederhuber, Margit (Hg.): Johanna Dohnal. Eine andere Festschrift. Wien: Milena 1998, S. 78-82. ↩︎

    © Barbara Mair

    MONIKA BERNOLD

    Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie. Zeithistorikerin, Kultur- und Medienwissenschaftlerin. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. zu feministischer Biographieforschung sowie zu Konsum- und Mediengeschichte. 2014 Gastprofessur für Gender Studies an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 2016 Senior Lecturer am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Seit 2022 Vertretungsprofessur für Kulturgeschichte audiovisueller Medien am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

  • Festspiele – eine Spurensuche

    Festspiele – eine Spurensuche

    Persönliches

    Einen meiner ganz besonderen Besuche bei den Salzburger Festspielen hatte ich im Jahre 2008, als ich gerade meinen ersten Vertrag mit dem S. Fischer-Verlag unterschrieben habe. Und ich muss sagen: So sehr mich das schauspielerische Können der Darsteller*innen auf der Bühne faszinierte, so seltsam berührt war ich beim Anblick der Leute im Publikum. Reiche Männer, so kam es mir vor, zeigten ihre Frauen her – und die Frauen ihre Kleider. Daran hat sich, wie ich letzten Sommer feststellen musste, bei aller Qualität der Stücke – ich bin eine große Freundin der Archetypen in Hugo von Hofmannsthals Jedermann und finde seine Sprache wunderbar –, nicht viel geändert. Dass es hier ums Äußere geht, und das mehr denn je, und vor allem Frauen sehr schnell einen „Shitstorm“ ernten können, der sie vernichtet, wenn sie nicht in das gewünschte Bild passen, zeigt übrigens auch der Fall Mavie Hörbigers: Anstatt sich inhaltlich über die neue Inszenierung des Jedermann zu äußern, schrieben die Medien im Sommer 2022 hauptsächlich über die Nippel der Schauspielerin, die bei der Premiere durch das T-Shirt zu sehen waren. „Ein Jedermann, der zum JederGender verkommt!“1 hieß es beispielsweise im Kurier. Doch über inhaltliche Ebenen, den Geschlechter-Aspekt betreffend, die zum Beispiel in der Inszenierung selbst zu finden gewesen wären, wurde wieder einmal geschwiegen. Woran mag das liegen?

    Die Basis Fangen wir bei der Basis an: Das Kernstück der Salzburger Festspiele war und ist zweifellos der Jedermann. Und das Wort „Mann“ steckt nicht nur im Titel selbst – auch der Autor des Textes war männlich. Dass der Text bereits seit rund 100 Jahren gespielt wird, macht es nicht unbedingt einfach, in der Inszenierung des Stückes neue und andere Aspekte des Begriffes „Gender“ zu etablieren. Sowohl die Struktur des Jedermann als auch die darin auftretenden Rollenbilder sind stark in alten Mann-Frau-Dichotomien verankert. Ohne diese propagieren zu wollen, werden in Hofmannsthals Jedermann antiquierte Archetypen dargestellt und hielten bzw. halten dem gesellschaftlichen System, in dem sie entstanden sind, einen Spiegel vor.

    Die Zeiten haben sich geändert – die Inszenierungen des Jedermann ähnelten einander jedoch viele Jahre. Bemühungen, eine historische Herangehensweise an die Inszenierung zu wagen, sind mehrmals gescheitert – so etwa der Versuch der beiden Puppentheater- und Maskenspiel-Spezialisten Mertes und Crouch, andere theatrale Aspekte als die des klassischen Schauspiels einzusetzen. Das Publikum will, meint man, sich nicht so richtig auf eine Form des Neudenkens einlassen. Denn der Jedermann hat in Österreich mit Tradition zu tun – und Tradition bedeutet Sicherheit. Die Kehrseite dieser Sicherheit ist, dass sowohl Text als auch Aufführung mit der Zeit einen „musealen“ Charakter bekamen und die Beweglichkeit, mit der Kunst nahe am Leben bleiben kann, nach und nach verloren ging. So wurde beispielsweise Nicole Heesters vorgeworfen, ihre Buhlschaft sei „zu intellektuell“, und auch die raue und in ihrer „Kantigkeit“ unvergleichliche Sophie Rois versuchte man schon in ihren ersten Ansätzen, diese spezielle Rolle anders anzulegen, zu „glätten“.

    Neue Gehversuche

    Zum Glück ist die Inszenierung des Jedermann im Jahr 2023 ein Versuch, mit alten Bildern und Zuschreibungen zu brechen. So tritt beispielsweise Soap&Skin-Sängerin Anja Plaschg ohne Haare auf und der Teufel darf endlich mal von einer Frau, nämlich von Sarah Viktoria Frick, dargestellt werden. In den Jahren 2021 und 2022 ist die Buhlschaft erstmals nicht nur An- und Zuspielerin des Protagonisten – nein, Verena Altenberger stellt einen gleichwertigen Gegenpart zu Lars Eidinger dar, der in die Rolle des Jedermann schlüpft. Nun geht es, was das Paar betrifft, um Beziehung, um ein gegenseitiges sich Abreiben und aneinander Wachsen. Interessanterweise sind diese Aspekte, die die Inszenierung thematisiert, im ursprünglichen Jedermann-Text bereits angelegt. Ja, auch in der rund 100 Jahre alten Sprache und im Kontext des Archetypischen kann es gelingen, relevant und pointiert über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu reflektieren, wenn man ein begnadeter Dichter wie Hugo von Hofmannsthal ist, der seiner Zeit voraus ist!

    Zum Glück hat der Jedermann viele Ebenen: Neue Bedeutungen können jederzeit aus dem Text herausgeschält werden, wenn man ihm Raum zum Atmen lässt und nicht alles als „gesetzt“ empfindet, bloß weil es immer so war. Doch man braucht auch die richtige Regie dafür. Aber bedeutet eine neue Herangehensweise an die Inszenierung schon, dass im Kontext der Festspiele kritisch mit dem Begriff „Gender“ umgegangen wird? Und abgesehen davon – der Jedermann ist ja nur eines von mehreren Stücken, die in Salzburg produziert werden. Wie sieht es mit anderen Produktionen aus? Sind die Salzburger Festspiele eine Plattform, die für Männer, Frauen und alle, die sich in einem Bereich dazwischen verortet fühlen, Möglichkeiten bietet?

    Historische Aufarbeitung

    Ich denke, wenn man sich mit dem Bereich „Gender“ bei den Salzburger Festspielen auseinander setzt, dann muss man mit der Aufarbeitung der Wurzeln beginnen und fragen: Wo sind die Frauen in der Geschichte der Salzburger Festspiele versteckt? Dass das besondere Festival, das sich eines über 100-jährigen Bestehens erfreuen darf, von Männern gegründet wurde, ist freilich klar. Aber welche weiblichen Energien standen hinter diesen spannenden Individuen? Ihnen ein Gesicht, eine Stimme zu geben, wäre der erste Schritt, um sich überhaupt neuen Ideen moderner Geschlechts- und Rollenentwürfe nähern zu können.

    Heute wissen wir: Auch der Erfolg eines Richard Strauss, so genial er gewesen sein mag, wäre ohne seine Frau undenkbar gewesen. Pauline Maria Strauss-de Ahna trat ihr Leben lang als Sängerin auf und feierte große Erfolge auf großen Musikbühnen – und sie inspirierte und stützte ihren Ehemann Zeit seines Lebens. Doch nicht nur hinter Richard Strauss verbirgt sich eine eigenwillige und ganz und gar unkonventionelle Gattin. Nein, auch Max Reinhardt war mit einer sehr aktiven Frau verheiratet. Die Rede ist hier von Else Heims-Reinhardt, einer Tischlerstochter und damals sehr bekannten Schauspielerin, die nach der Trennung von ihrem Mann das Land verließ. Setzt man sich mit diesen beiden Gründern des Festivals auseinander, dann ist eines sicher: Die Salzburger Festspiele wären undenkbar ohne Else Heims-Reinhardt und Pauline Strauss-de Ahna gewesen. Dass diese Frauen einen großen Teil zur künstlerischen Entwicklung ihrer Männer beigetragen haben, wird gern vergessen – und dass sie selbst große Künstlerinnen waren, davon ist überhaupt nicht die Rede.

    Andere Themen

    Womit wir schon beim Thema wären: In einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft sind die Themen, ist das, worüber verhandelt wird, andersartig gelagert als es das im Moment bei den Salzburger Festspielen ist. Ich würde mir in diesem Rahmen beispielsweise eine Art Stationendrama wünschen – möglicherweise in Form von Installationen im öffentlichen Raum und für „Jedermann“ und „Jedefrau“ begehbar –, das die Biographien all jener vergessenen Frauen, die Teil der riesigen Maschinerie der Festspiele waren, erfahrbar macht.

    Andere Sprachstrukturen

    Doch nun zum „Wie“: Welche Struktur muss eine Theater-Sprache haben, die reflektiert mit dem Begriff „Gender“ umgeht? Ich denke dabei besonders an Schriftsteller*innen, die sich in ihrer Sprachbehandlung von dem im Moment vorherrschenden Prosastil des Mainstreams abheben, mit semantischen Strukturen brechen und neue Formen des Ausdrucks suchen. Ein Beispiel hierfür wäre Héléne Cixous, die in ihrer Écriture feminine eine Art des Schreibens betreibt, das sich viel eher am Klang der Sprache entlang tastet, als dass es sich an einem stimmigen Gesamtkonzept abarbeitet oder eine traditionelle Form bedient. Durch so eine Herangehensweise wird die Produktionsmaschinerie nicht einfach beliefert; vielmehr kommt es zur Auslotung neuer Bereiche und Möglichkeiten, Sprache zu denken.2 Die Salzburger Festspiele bräuchten meiner Meinung nach also (Theater-)Texte, die in diesem Duktus geschrieben sind.

    Ausblick

    Dass sich das gesellschaftliche Denken jenseits klassischer Dichotomien nur langsam verändern wird, ist klar. Doch es ist notwendig, in einen neuen Bereich aufzubrechen, in dem alte, festgefahrene Rollenbilder hinterfragt werden können und müssen. Dabei muss auch nicht auf alte Texte wie den Jedermann, der mich immer noch sehr berührt, verzichtet werden – im Gegenteil. Wer weitergehen will, muss seine Wurzeln kennen. Er muss sie analysieren – aber auch mit einer gewissen Distanz und im historischen Kontext betrachten können. Eine neue Form des Umgangs wäre, Etabliertes zu hinterfragen, ohne es zu idealisieren, es aber auch nicht zu verteufeln, ja, eine Plattform für Austausch zuzulassen, die unterschiedliche Formen der Rezeption bestehen lässt und denen, die aufgrund der Geschichte nur an den Rändern vorkamen – nämlich den Frauen – endlich medial ein Gesicht zu geben.


    Anmerkungen

    1. N. N.: Salzburger Festspiele: Warum ein fehlender BH für Aufregung sorgt. In: Kurier, 28.7.2022. ↩︎
    2. Vgl.: Stützl, Wolfgang: Aktivistische Brieftauben. Medienaktivismus und Wissen im Zeitalter der Biomacht. In: Barberi, Alessandro (Hg.): Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 2012-2013. Wien: new academic press 2014, S. 76-88, S. 81. ↩︎

    © Konstantin Reyer

    SOPHIE REYER

    Studium der Germanistik in Wien und der Komposition in Graz sowie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Promotion an der Universität für angewandte Kunst Wien. Freischaffende Autorin, Lyrikerin und Komponistin. Zuletzt u.a. Nach den Gesichtern (2023). 2019 Nominierung ihres Romans Mutter brennt für die Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Seit 2020 Lehrende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich an der Abteilung Elementarpädagogik. 2024 Uraufführung ihres Theaterstücks Sisi im Theater im Keller in Graz.

  • Diversität, Identitätskonstruktion und Ausschlussmechanismen

    Diversität, Identitätskonstruktion und Ausschlussmechanismen

    Die Salzburger Festspiele als Ritual der „Kulturnation Österreich“?

    SARA LEITNER: Wenn Sie die Begriffe „Kulturbetrieb“ und „Diversität“ hören, denken Sie an die Salzburger Festspiele?

    LEA SUSEMICHEL: Nein, das wäre nicht meine erste Assoziation.

    HELGARD HAUG: Als ich 2023 bei den Salzburger Festspielen tätig war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass versucht wurde, zumindest in den Schauspielsektor mehr Diversität zu bringen. In diesem Bereich gab es Bemühungen und auch die selbstkritische Erkenntnis, dass Diversität fehlt. Der Versuch zur Inklusion ist aber nicht der Grund, warum so viele Leute an den Festspielen teilnehmen und die Festspiele das Image haben, das sie haben.

    SARA LEITNER: Können die Salzburger Festspiele überhaupt ein Ort sein, an dem gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden?

    LEA SUSEMICHEL: Beim Jedermann-Konflikt im Herbst 2023 hat sich gezeigt, dass es nicht gelingt, in eine andere Richtung vorzustoßen bzw. dass sofort ein Riegel vorgeschoben wird, wenn es ein solches Bemühen gibt. Wie den Medienberichten zu entnehmen ist, hatte die Absetzung des Jedermann-Ensembles auch damit zu tun, dass es der Intendanz zu politisch wurde. Die Inszenierung versuchte, die Klimakatastrophe zu thematisieren, dann tauchte die Letzte Generation auf, aber dieses Durchbrechen der vierten Wand wurde unterbunden. Wenn das Theaterstück bzw. das Bühnengeschehen und gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse auf diese Weise zusammenspielen, könnte man das auch begrüßen. Das ist nicht geschehen. Offenbar will man nicht, dass sich bei den Salzburger Festspielen etwas ändert.

    HELGARD HAUG: Wir müssen zunächst über den Begriff „Diversität“ sprechen, weil er in unterschiedliche Richtungen weisen kann. Sprechen wir von Diversität auf der Bühne in Bezug auf das Ensemble und der Frage, welche Rolle mit wem besetzt wird, wer im Scheinwerferlicht steht? Sprechen wir von Diversität auf der Produktionsebene? Oder von einer Diversität im Zuschauerraum? Das sind unterschiedliche Ebenen, auf die man unterschiedlich einwirken kann.

    Ich habe 2023, als ich in Salzburg war, besser verstanden, was dort gesellschaftlich passiert und warum die Festspiele nicht mit anderen Festivals vergleichbar sind. Das hat sich daran gezeigt, welche Wichtigkeit die Wiederholbarkeit, die Absehbarkeit und die eigene Kenntnis über das, was man sieht, hat. Das fand ich auch deswegen interessant, weil ich mit meinen Projekten für das Experimentelle, das Ausprobieren und das radikale Verwerfen stehe. Ich habe mich gefragt, warum wir mit dem HORA-Ensemble nicht den Jedermann machen, weil das aus meiner Perspektive der richtigere Move gewesen wäre, anstatt in der SZENE Salzburg, also in einer Art Off-Bereich, auch mal was zu machen. Mir ist klar geworden, dass man hier noch nicht so weit ist und was für eine Kultur-Industrie die Festspiele sind, bei der es primär um Geld geht. Hier spielen andere Mächte und andere Kriterien bei der Auswahl eine Rolle, weshalb es hier auch so unbeweglich und starr ist.

    LEA SUSEMICHEL: Es ist unmöglich, Bemühungen voranzutreiben, wenn sich Diversität nicht auch im Publikum spiegelt. Wenn ich es polemisch sagen darf: Die Salzburger Festspiele sind etwas, zu dem eine bestimmte Klientel geht, die sonst nicht ins Theater geht.

    HELGARD HAUG: Mir ist das auch in Salzburg klargeworden. Man sagt, dass die Gäste durchschnittlich zehn Tage in Salzburg bleiben, was enorm ist. Es geht nicht darum, dass sie sich hier eine Inszenierung anschauen, die sie interessiert, mit der sie sich beschäftigen wollen oder die sie sehen wollen, weil sie das künstlerische Team kennen. Man verbindet es mit einem Sommerurlaub und trifft Leute. Ich habe mir ein paar Mal vor dem Festspielhaus angesehen, wie sich die Leute verhalten. Das ist einzigartig. Das hat etwas mit dem roten Teppich in Cannes zu tun, aber dazu fehlen in Salzburg die Stars, die sich präsentieren. Letztendlich präsentiert sich das Publikum selbst. Folglich gibt es wenig Verständnis für die Avantgarde, und Versuche in diese Richtung scheitern. Ich habe mich auch gefragt, wieso man solche Versuche wagen sollte. Vielleicht ist es in Ordnung, dass in Salzburg eine traditionelle Inszenierung des Jedermann stattfindet. Vielleicht sollte man hier einfach in solchen Traditionen bleiben.

    SARA LEITNER: Nehmen Sie in dieser Selbstpräsentation eine Form von „Bluewashing“ wahr, bzw. wird hier mit Diversität auch als einer Form von Kapital gespielt?

    HELGARD HAUG: Mit dem, was ich mache – sei es mit dem Theater HORA oder mit Rimini Protokoll –, bilde ich einen anderen Theateransatz ab. Deswegen habe ich die Einladung, bei den Festspielen mitzuwirken, als ernst gemeint empfunden. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein Feigenblatt bin. Es gab das Anliegen, den Schauspielbereich zu öffnen. Es gab 2023 auch Frauen, die inszeniert haben, was für ein solches Festival ungewöhnlich ist. Das war ein großes und ernst gemeintes Anliegen von Bettina Hering. Darüber hinaus gab es von unserer Seite den Anspruch, einfache Sprache ins Programmheft zu nehmen, weil wir ein Ensemble hatten, das kognitiv beeinträchtigt ist. Dabei standen uns viele Türen offen. Wir haben die Vorstellung damit gestartet, dass wir erklärten, wie wir gearbeitet haben und wie man miteinander umgeht, um die Verunsicherung rauszunehmen, weil viele Leute wenig Berührungspunkte mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben. Wir wollten zunächst eine Situation schaffen, in der man Fragen stellen kann, was sehr gut aufgenommen wurde. Dennoch hätte man auch das gesamte Festival in einfacher Sprache gestalten können. Es ist also immer die Frage, wie weit die Bemühungen reichen.

    LEA SUSEMICHEL: Aus der Außenperspektive betrachtet, war auch die Entscheidung, 2023 Die Wut, die bleibt zu inszenieren, als Bemühen erkennbar, bestimmte Inhalte aufzugreifen. Gleichzeitig kann ich von außen nicht beurteilen, wie „nischig“ das ist und ob auch versucht wird, ein Gesamt-Statement zu machen.

    Bei der Vermarktung von Diversität ist Bluewashing etwas, das immer wieder passiert – auch im Kulturbereich, gerade wenn das so eine Kulturindustrie ist wie bei den Salzburger Festspielen, bei denen es nicht nur um das Image der Kulturnation Österreich, sondern auch um viel Geld geht. Da ist es mit der Experimentierfreude oft nicht soweit her, weil man Angst hat, das Publikum zu vergraulen. Wir haben in den letzten Jahren beim Jedermann gesehen, dass abrasierte Haare reichen, um das Publikum zu verschrecken. Es gibt auch das Buch von Stefanie Reinsperger, in dem sie über ihre Erfahrungen und das Shaming, das sie abbekommen hat, geschrieben hat. Sie hat erst, nachdem Verena Altenberger den an sie adressierten Hass-Brief und die Reaktionen darauf gepostet hat, öffentlich gemacht, was ihr passiert ist und was für eine gewaltige Welle an Hass es ausgelöst hat, dass es einmal eine nicht normschöne Buhlschaft gab. Das spricht Bände. In dem Moment, in dem es um viel Geld geht, gibt es auch das Bemühen, nicht den Anschluss zu verlieren. Die Salzburger Festspiele haben Angst, als verstaubt zu gelten. Also versuchen sie, ein bisschen Gender-Trouble als Sahnehäubchen draufzugeben und damit auch diejenigen zu bedienen, die bislang die Nase gerümpft haben. Aber das ist ein Balanceakt, der leicht nach hinten losgehen kann, weil das meist zu viel ist für die Zielgruppe.In Österreich sind diese Fragen noch relevanter, weil sich dieses Land als Kulturnation versteht und dieses Selbstverständnis immer mitverhandelt wird. Österreich hat klassische und legendäre Theaterskandale erlebt, die es in Deutschland in dieser Form nicht gab. Diese Art der Empörungsbereitschaft des Publikums existiert in anderen Ländern nicht, weil es dort diese starke Identifikation über das Theater nicht gibt. Wenn man z.B. an die Kampagne der Wiener Freiheitlichen denkt – „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk… oder Kunst und Kultur?“ –, zeigt sich, wie stark bestimmte Milieus beanspruchen, sich über Kultur zu identifizieren. Das spielt gerade bei einem Event wie den Salzburger Festspielen eine große Rolle.

    SARA LEITNER: Identifikation, aber auch Eurozentrismus und Deutsch-Nationalismus waren in den Gründungsschriften der Salzburger Festspiele von Bedeutung. In diesen Schriften beschreiben Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Funktion der Salzburger Festspiele als Stiftung einer neuen Österreich-Identität. Man wollte den „bayrisch-österreichischen Stamm“ bei den Festspielen manifest werden lassen und ein Wir-Gefühl erzeugen. Spielt so ein Gedankengut auch heute noch eine Rolle bei den Festspielen? Geht es nach wie vor um die Stiftung von Identität?

    HELGARD HAUG: Die Festspiele haben die Funktion einer Selbstversicherung. Es hat für ein Publikum etwas Beruhigendes, wenn man sagen kann: „Ich kenne das, ich kenne den Plot, ich kann sagen, wie es im letzten Jahr war etc.“. Die Idee, dass man ein Stück jedes Jahr wieder aufführt, könnte aber auch bedeuten, dass man es jedes Mal anders macht. Man könnte einmal einen Choreografen engagieren, jemanden mit einer komplett anderen Theatersprache oder jemanden, der aus einer anderen Tradition kommt und einen anderen Blick hat. Das könnte verstörend vielfältig sein – was auch mein Anspruch an das Theater ist. Wenn ich ins Theater gehe, will ich etwas Neues lernen und mit etwas in Kontakt kommen, das ich noch nicht kenne. Beim Publikum in Salzburg ist das aber genau andersherum: die Abweichung ist der Skandal. Es prägt eine Form von Wir-Gefühl, wenn man weiß: „So haben wir das hier, so wollen wir das auch.“ Diese Funktion haben die Salzburger Festspiele, und sie ist zurzeit auch gefragt, weil es laufend Erschütterungen gibt, die für viele Personen eine Identitätskrise zur Folge haben. Man muss sich aber infrage stellen lassen, sei es politisch oder die eigenen Lebensgewohnheiten betreffend. Wir sind alle permanent dazu aufgefordert, zu überdenken, wie wir leben.

    LEA SUSEMICHEL: Ich sehe diese Selbstvergewisserung als eine Funktion, die die Festspiele von Beginn an hatten – vor allem in einem nationalen Sinn, der ein österreichisches Spezifikum ist. Institutionen wie die Salzburger Festspiele sind im Selbstverständnis von Österreich als Kulturnation so bedeutend, weil man hier Identifikation über Kultur schafft. Das erkennt man auch an dem Vorwurf der Nestbeschmutzung, den ich anderswo nicht sehe und der sofort laut wird, wenn von der Tradition abgewichen wird. Trotzdem müsste es darum gehen, zu verstören, zu verunsichern sowie Diversität bzw. Andersartigkeit sichtbar zu machen und auf die Bühne zu bringen. Das gelingt bisher hier nicht. Es gibt eher einen Backlash. Michael Maertens hat ja in einem Interview gesagt, dass er glaubt, er wäre der letzte Jedermann und dass es ab jetzt eine Jederfrau geben wird.

    HELGARD HAUG: Hat er das als gut bewertet?

    LEA SUSEMICHEL: Ja, es klang zumindest so. Aber daran schließen sich größere Fragen an wie z.B., warum wir diesen Kanon haben und warum man 100 Jahre dasselbe Stück spielt. Was hat es noch zu erzählen, und auf welche Art und Weise kann man es immer und immer wieder re-inszenieren? Die Salzburger Festspiele stellen sich diese Frage nicht.

    HELGARD HAUG: Vielleicht muss man die Inszenierung des Jedermann als Ritual sehen. Wir haben Rituale, und sie haben eine Funktion. Wir feiern auch Weihnachten auf eine gewisse Weise und Ostern auf eine andere. Das hat auch etwas Schönes. Vielleicht muss man sich die Inszenierung dieses Stücks nicht als Kunst- oder Theatererlebnis angucken, sondern als Ritual. Rituale haben die Funktion, dass sie beruhigen. Sie grenzen aber auch immer nach außen ab und schließen aus.

    LEA SUSEMICHEL: Gerade im Kulturbereich spielt das aggressive Abgrenzen und Ausschließen eine große Rolle. Wenn man es mit Bourdieu analysiert, handelt es sich dabei um eine Klassendistinktion: Wir sind die Elite, die mit diesem Theaterbesuch ein Ritual manifestiert, das uns als Elite bestätigt, sodass wir weiterhin vorgeben, was guter und was kein guter Geschmack ist.

    SARA LEITNER: Spielt Nationalismus bei der Zusammensetzung der Mitwirkenden der Salzburger Festspiele eine Rolle? Erkennen Sie hier Ausschlussmechanismen, die auf Eurozentrismus basieren?

    HELGARD HAUG: Auf der künstlerischen Ebene nicht. Die Kolleg*innen kommen von überall her und werden aus unterschiedlichen Kontexten eingeladen. Vor allem im Bereich der Musik ist es sehr international. Das Gefühl hatte ich zumindest bei den Konzerten, die ich besucht habe und die hochkarätig international besetzt waren. Ein Phänomen der Salzburger Festspiele ist, dass alles von außen hereingeholt werden muss, weil die Stadt selbst nur eine minimale Struktur aufweist. Für die Festspiele bläst sich hier alles zu einem ballonartigen Riesen-Monster auf.

    SARA LEITNER: Sie haben im Sommer mit der Schauspielgruppe HORA bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Hier gibt es den Versuch, unterschiedliche Menschen als Mitwirkende zu integrieren. Gleichzeitig bleibt die Frage: Wird die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen in Zukunft nach wie vor nur in bestimmten Bereichen möglich sein, oder wird sie auch außerhalb stattfinden können?

    HELGARD HAUG: Ich glaube, dass es geht. Es ist das Ziel, dass es selbstverständlich wird, dass ein Ensemble divers aufgestellt ist, dass Leute mit Beeinträchtigungen ein normaler Bestandteil eines Ensembles sind, nicht nur Teil der Spielenden, sondern auch Teil der Verwaltung, der künstlerischen Leitung etc. Es gibt bereits Häuser wie z.B. die Münchner Kammerspiele, die das versuchen, oder jemanden wie Florentina Holzinger, die ganz selbstverständlich Menschen mit Beeinträchtigungen z.B. als Tänzerinnen in ihrem Ensemble hat.

    LEA SUSEMICHEL: Diese Bemühungen kommen immer von Off-Produktionen und nie aus dem Mainstream. Die Pionier*innen kommen nicht von den großen Tankern, obwohl diese die eigentlichen Strukturen hätten. Es sind immer Bemühungen, die langwierig sind und die sehr hartnäckig sein müssen. Irgendwann gibt es dann Zäsuren wie die, dass es einen NESTROY-Preis für so eine Bemühung gibt. Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, dass diese Form der Inklusion normal ist.

    HELGARD HAUG: Solche Setzungen kommen auf vielerlei Ebenen aus der freien Szene. Sie beziehen sich letztendlich auf alles, auch auf den Umgang mit Ressourcen, wie beim Versuch, klimaneutral zu produzieren. Diese Entwicklungen werden lange dauern, aber ein paar Türen stehen schon offen. Trotzdem wurden die HORAs auf der Straße in Salzburg angefeindet. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie in bestimmten Restaurants nicht bedient wurden. Das sind alltägliche Erfahrungen, die sie in unserer Gesellschaft machen. So ein großes Event ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, die Menschen haben wenig Toleranz und wenig Verständnis für andere.

    LEA SUSEMICHEL: Das ist ein Umstand, der skandalisiert werden sollte. Es herrscht ein gesellschaftliches Klima, das so diskriminierend und voller Hass ist, das allem entgegenläuft, was man mit den Produktionen erreichen will, bei denen man den Finger in die Wunde legt. Ich finde es wichtig – als Journalistin, weniger als Kulturschaffende –, dass man sich nicht auf die Bühne beschränkt, sondern öffentlich machen soll, was drumherum stattfindet. Es passiert auch in anderen aufgeschlosseneren Kontexten, dass etwas beklatscht wird, solange es auf der Bühne passiert, aber im Lokal sieht die Welt anders aus.

    HELGARD HAUG: Man könnte die ganze Zeit aufschreien, und gleichzeitig gibt es auch andere Erlebnisse. Nach den Erfahrungen des Ensembles in dem Restaurant haben die Techniker*innen gesagt: „Esst doch bei uns.“ Sie haben ein Feuerwehrauto in die Seitengasse gestellt und selber gekocht. Das war eine familiäre, tolle Atmosphäre. Es war großartig, wie das Team mit dem Ensemble umgegangen ist. Ich habe es als authentisch, interessiert und auf Augenhöhe mit den HORA-Spieler*innen wahrgenommen. Trotzdem spiegelt die Diskriminierung, der das HORA-Ensemble ausgesetzt war, die Erfahrungen wider, die auch in der Schweiz und in Berlin Alltag sind. Das ist nichts Salzburg-Spezifisches.

    SARA LEITNER: Sie haben erwähnt, dass Die Wut, die bleibt im Sommer inszeniert wurde und aktuelle Themen aufgriff. Wie ist das bei anderen Themen, die gesellschaftspolitische Relevanz haben und sich z.B. mit unterschiedlichen Formen von Vielfalt beschäftigen? Findet das in Salzburg statt? Werden Themen wie Globalität, neue globale Zusammenhänge und Postkolonialismus im Programm aufgegriffen?

    LEA SUSEMICHEL: Das glaube ich nicht.

    HELGARD HAUG: Nein, das zeichnet sich im Programm nicht ab.

    SARA LEITNER: Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal haben die Salzburger Festspiele als Ort der Heilung und Erlösung entworfen. Sie propagierten damit einen Kunstbegriff, der vorgab, dass nur „schöne“ Dinge bei den Festspielen stattfinden sollten. Ist dieses Ziel nach wie vor etwas, das die Salzburger Festspiele prägt und das Programm mitbestimmt?

    HELGARD HAUG: Man muss zwischen Schauspiel, Konzert und Oper differenzieren. Alles, was ich auf der Konzertebene mitbekommen habe, knüpft an Traditionen und das „Schöne“ an. Die Erfahrung, die ich 2023 gemacht habe, war, dass man hier das Schöne und das Virtuose will – erkennbar auch daran, wie sich das Publikum gibt, wenn es in ein Konzert geht – trotz des teilweise jungen Alters. Hier geht es um Selbstvergewisserung: man will tolle Musiker, tolle Kompositionen in tollen Räumen, in tollen Kostümen. Beim Schauspiel ist das anders. Dort kommt es durchaus zu innovativen Versuchen.

    LEA SUSEMICHEL: Bestimmt tue ich manchen Akteur*innen Unrecht, aber aus meiner Außenperspektive geht es in Salzburg um Kunstgenuss. Man soll nicht verstört oder aufgeschreckt werden, sondern Kunst in einer Form genießen, die man kennt. Das hat mit einem antiquierten Kunst- und Ästhetikbegriff zu tun. Es gibt noch die Vorstellung vom ästhetischen Urteil und vom Erhabenen, von dem man durch das große Spektakel angerührt werden soll. Es geht nicht um Episches Theater oder um eine Vorstellung von Kunst, die politisch sein möchte, die etwas über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse aussagen oder etwas anstoßen und verändern will.

    Die Gesamtstruktur der Salzburger Festspiele finanziert sich meines Wissens zu 80 % über Ticketeinnahmen, was im Vergleich zu geförderten Einrichtungen wie Stadt- und Staatstheater hoch ist. Deshalb sind die Tickets so teuer, und deshalb ist es so wichtig, die Kundschaft nicht zu vergraulen. Man kann nicht einfach sagen, wir setzen jetzt zwei Jahre eine Revolution durch, bis sich ein anderes Publikum einfindet, weil so viel dranhängt wie Gastronomie und Hotels. Man kann die Salzburger Festspiele nicht isoliert „nur“ als Kunst und Kultur betrachten.

    SARA LEITNER: Werden die Salzburger Festspiele noch heute für ein bestimmtes Publikum gemacht und finden deshalb in dieser Form statt?

    HELGARD HAUG: Ja.

    LEA SUSEMICHEL: Ja, auch der Tourismusfaktor darf dabei nicht unterschätzt werden.

    SARA LEITNER: Spielt Diskriminierung beim Publikum eine Rolle?

    LEA SUSEMICHEL: Wer kann sich die Tickets leisten? Das ist die Frage. Wer wird von diesem Programm, von dieser Art der Inszenierung angesprochen? Wer findet die eigenen Themen und das eigene Leben auf der Bühne wieder? Diskriminierung bedeutet nicht zwangsläufig, zu sagen: „Du darfst hier nicht rein“. Es sind Ausschlusskriterien, die sich über die genannten Aspekte ergeben. Insofern findet eine Form von struktureller Diskriminierung statt.

    HELGARD HAUG: Es geht nicht nur darum, wie teuer die Tickets sind, sondern auch um das Verfahren, wie man Tickets erwerben kann. Man muss am Anfang Wünsche deponieren, weil der Freundeskreis der Salzburger Festspiele Vorrang hat. Das sind quasi Co-Produzent*innen der Festspiele. Sie geben einen Betrag und haben deshalb ein Vorkaufsrecht. Es gibt auch keine Produktionstickets. Ich musste Wünsche deponieren, um für meine eigene Produktion Tickets zu bekommen. Diese Tickets mussten wir kaufen, wenn auch zu etwas vergünstigten Konditionen. Das ist anders als in anderen Theatern, in denen klar ist, dass man sich seine eigene Produktion anschauen kann. Man könnte ein Modell der Patenschaft einführen, dass Leute, die sich ein zusätzliches Ticket leisten können, zwei Mal zahlen und dadurch anderen Menschen ermöglichen, eine Vorstellung zu besuchen. Das findet aber nicht statt, weil es Teil des Hypes ist, dass man zeigt, dass man es sich leisten kann. Wenn man eine Woche in Salzburg ist, heißt das, dass man ein paar 1.000 Euro investiert hat, wenn man die Unterkunft, das Essen usw. miteinberechnet, was in dieser Zeit unfassbar teuer ist.

    SARA LEITNER: Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit ein vielfältigeres Publikum erreicht wird?

    HELGARD HAUG: Man muss sich die Frage stellen, ob das Festspiel-Publikum überhaupt will, dass mehr Menschen ermöglicht wird, an Vorstellungen teilzunehmen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich glaube, dass es eher abträglich wäre. Diese Leute wollen nicht neben Menschen sitzen, die das Ticket zum Sozialtarif bekommen haben. Das ist eine Eliteveranstaltung, und das ist auch der Spaß daran. Deswegen geht man hin.

    SARA LEITNER: Wenn Sie einen Appell an die Salzburger Festspiele formulieren könnten, welcher Appell wäre das?

    HELGARD HAUG: Natürlich wäre es toll zu sagen: „Gebt das Festspielhaus dem HORA-Ensemble!“ Bevor ich nach Salzburg gegangen bin, hätte ich das gesagt, aber heute sehe ich, dass das verkürzt gedacht, naiv und gleichzeitig an dem, was die Festspiele sind, vorbei argumentiert ist. Ich finde es schwierig, zu sagen, was man konkret machen sollte, weil man dann alles ändern und das gesamte System infrage stellen müsste. Man müsste z.B. auch einen Campingplatz in die Stadt stellen. Es ist zu komplex, als dass man sagen könnte, ihr braucht eine Quote oder ihr müsst die Ticketpreise runtersetzen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich würde radikaler auftreten und fordern, dass sich in Österreich Kunst- und Kulturinstitutionen darüber klar werden sollten, dass sie eine gesellschaftspolitische Verantwortung haben. Es ist nicht so, dass sie sich dafür entscheiden könnten, unpolitisches Theater zu machen und Genuss und Freizeitvergnügen zu produzieren. Man kann sich nicht für den rein ästhetischen Genuss entscheiden, der unbehelligt von allen anderen Bereichen stattfindet. In dem Moment, in dem öffentliche Gelder vorhanden sind – auch wenn die Salzburger Festspiele ein Sonderfall sind, weil sie wirtschaftlich so gut funktionieren –, muss klar sein, dass es eine gesellschaftspolitische Verantwortung gibt. Man muss einfordern, dass virulente Fragen diskutiert werden und dass es eine Öffnung geben muss. Wir leben in einer Gegenwart, in der es auf der ganzen Welt brennt und alles am Abgrund steht – sei es klimapolitisch oder in Bezug auf die Bedrohung durch Rechtspopulist*innen. Es gibt in allen diesen Bereichen dringenden Handlungsbedarf. Institutionen wie die Salzburger Festspiele müssen sich ihrer Verantwortung stellen und ermöglichen, dass solche Themen auf der Bühne verhandelt werden. Deswegen wäre meine Forderung, dass genau das Gegenteil von dem passiert, was jetzt passiert: man muss sich öffnen, und man muss bereit sein, sich zu verändern und neuen Positionen Raum zu geben. Die Instrumente dafür sind auch Publikumsgespräche, das Bestreben, einen Austausch zu ermöglichen sowie Sorge dafür zu tragen, dass die Festspiele kein abgeschlossenes Event sind, sondern etwas bewirken.

    SARA LEITNER: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Veranstaltung bei den Salzburger Festspielen so zu gestalten, wie Sie wollen, und die einzige Vorgabe wäre, dass es um das Thema „Vielfalt“ gehen soll: Wie würde diese Veranstaltung aussehen? Wer wären die Mitwirkenden? Vor bzw. mit welchem Publikum würde die Veranstaltung stattfinden?

    HELGARD HAUG: Früher hätte ich gesagt, dass ich den Jedermann inszenieren will, aber davon bin ich, seit ich dort war, abgerückt. Was ich spannend fände, wäre eine Inszenierung über den Jedermann und all das, was an ihr hängt. Es gibt irrsinnige Geschichten, die die Verzahnung von Geld, Kunst, Wirtschaft und die Macht des Publikums abbilden. Das könnte man in einer Inszenierung zeigen, indem man alles von innen nach außen stülpt. Alle dürften kommen.

    LEA SUSEMICHEL: Ich würde auch den Jedermann thematisieren. Ich würde ihn Jedermensch nennen und nur die Sogkraft behalten. Die Texte könnte man wegnehmen und nur die Institution Jedermann als Gerüst benutzen und sie völlig entkernen und auch den Titel verändern. Aber gerne mit dem Originalpublikum. Ich fände es gut, etwas ganz Wildes zu machen. Aber ich bin kein Theatermensch, es wäre dann wahrscheinlich ein politisches Pamphlet.

    HELGARD HAUG: Es gibt nur wenige Kulturveranstaltungen, an denen schon im Vorfeld so viele Menschen teilnehmen wie die Präsentation des neuen Jedermann-Darstellers. Das muss man den Salzburger Festspielen positiv zugutekommen lassen. Es ist irre, wie viel Aufmerksamkeit das bekommt. Andere Kulturinstitutionen würden sich für einen Bruchteil dieser Anteilnahme bedanken. Dieses Kapital könnte man nutzen und drehen – deshalb, weil es so eine Wirkung aus dem künstlerischen Feld hinaus in die Gesellschaft hat. Wenn darüber diskutiert wird, ob Reinsperger ein bestimmtes Kleid tragen kann oder nicht, erkennt man, wie durchlässig die Grenzen zwischen der Bühne und dem Rest der Welt sind. Das könnte man nutzen, wenn man es auf eine andere Art und Weise aufgreift und die Salzburger Festspiele selbst zum Politikum macht, darüber reflektiert und es vor- und nachbereitet.


    HELGARD HAUG

    Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen. 2000 Gründung von Rimini Protokoll gemeinsam mit Stefan Kaegi und Daniel Wetzel. 2012 Berufung von Rimini Protokoll auf die erste Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Neben ihrer künstlerischen Arbeit Tätigkeit als Jurorin und Dozentin. Lehrtätigkeiten u.a. an der Universität Bochum, der Zürcher Hochschule für Künste, der BAS in Norwegen und der luav University of Venice. 2023 Inszenierung von Brechts Kaukasischem Kreidekreis bei den Salzburger Festspielen mit dem Theater HORA.

    SARA LEITNER

    Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

    LEA SUSEMICHEL

    Studium der Philosophie und Gender Studies in Wien. Als Autorin, Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende arbeitet sie vor allem zu den Themen feministische Theorie und Bewegung und Medienpolitik. Seit 2006 leitende Redakteurin von an.schläge. Das feministische Magazin. Zahlreiche Publikationen, darunter Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken (2018) sowie Unbedingte Solidarität (2021) gemeinsam mit Jens Kastner.

  • Festspiele 2.0: Feminismus, Revolution und neue Ästhetik

    Festspiele 2.0: Feminismus, Revolution und neue Ästhetik

    Es braucht einen radikalen Wandel

    Lydia Haider gibt der Buhlschaft in ihrem Text Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung ein eigenes Leben, eine Seele, die nicht an irgendeinen desolaten und alternden (scheinbar obligatorischen) männlichen Protagonisten geknüpft ist. In gewohnter Haider-Sprache schafft die Autorin somit eine in den Festspielen längst überfällige Allegorie für weibliche Selbstbestimmung. Kämpferisch, verwegen, wild, ungestüm, brutal, vulgär, martialisch – eine fantastisch aktive Buhlschaft mit durchsetzungsfähiger Argumentationslinie: „[…] hab meine waffe eh dabei, immer geschickt und parat, um meinem Wort Nachdruck zu verleihen zu jedem Tag und jeder Nacht schläft sie in meiner Hand nicht und ist meine Verlängerung und ich bin ihre Sprache“1 .

    Das erinnert mich an Holes My Body, the Hand Grenade. In diesem Sinne entsteht in Haiders Text eine Buhlschaft aus dem „feminist gaze“. Ich verstehe Buhlschaft ganz klar in der Tradition von Courtney Loves Songtext. Denn ähnlich wie die Sujets der Band Hole erschafft Haider eine zeitgenössische Form von Weiblichkeit, die sich vom verkrusteten feminin konstruierten „Genderscript“ und tradierten Vorstellungen tugendhafter Weiblichkeit löst, die der Jedermann im Besonderen und die Salzburger Festspiele im Allgemeinen gleichermaßen perpetuieren und propagieren.

    Haider gibt der Buhlschaft eine große Portion Emanzipation mit und zwar richtig „in your face“. Vor allem direkt in die hässliche Fratze des Bürgertums, also der Gesellschaftsschicht, die primär die Festspiele konsumiert und hervorbringt. Ein verbaler (Rundum-)Schlag in Richtung Kirche, Patriarchat und Staat.

    Verfolgt man den Medienrummel um die Festspiele und das damit verbundene Standing des Jedermann-Schauspielers, gibt es scheinbar bahnbrechende Neuigkeiten. So spekulierte Michael Maertens im Standard-Interview (StandART 2023), dass er wohl die letzte cis-männliche Besetzung sei, die den Jedermann spiele.2 Das ist irgendwie süß. Als ob ein wenig „genderbending“ hier und ein bisschen stereotyper Rollentausch da den Karren aus dem Dreck ziehen könnten. Die Festspiele – und insbesondere der Jedermann – brauchen keine oberflächlichen pseudoreformistischen Ansätze. Es braucht einen radikalen Wandel und eine (queer-)feministische Zäsur. Das vermeintliche Korrektiv eines verstaubten Klüngels aus Konservatismus-Maskulismus-Katholizismus und Männerbündelei kann nur scheitern und wird zur leeren Oberflächenrhetorik. Die feministischen Leerstellen im Kanon können nicht gefüllt werden, wenn immerzu dieselbe patriarchale-konservative Kulturproduktion völlig redundant gespielt wird. Die Festspiele müssen der Realität ins Auge blicken und anerkennen, dass sie nicht in der Lage sind, sich ohne Hilfe von einer neuen Generation feministischer Autor*innen und Denker*innen weiterentwickeln zu können. Die Festspiele sollten daher Autor*innen wie Lydia Haider hofieren und sie bitten, sich ihrer anzunehmen.

    Dein bin ich heut, nicht ewiglich!

    Die Gewalt des kapitalen Patriarchats und seine postfeministischen Fallen

    Alljährlich spricht Hofmannsthals Jedermann die zu den Salzburger Festspielen Pilgernden frei. Ganz und gar katholisch gelten all die Sünden des reichen Mannes am Ende nichts, wenn er bloß in seiner Todesstunde bereut. Schützend verwehrt der Gottesglaube dann dem Teufel, was dieser längst zu besitzen meint: die Seele des Jedermann. Derart moralisch entlastet, verlässt das kulturbeflissene Publikum den Domplatz zur unbeschwerten Fortsetzung all jener Vergnügungen, die der eifrige Dienst am Mammon eröffnet. Dessen dunkle Seite darf bequem verdrängt bleiben.

    So leicht macht es Lydia Haider mit Die Buhlschaft in Herbert ihren Leser*innen nicht, brüllt sie diesen doch am Ende entgegen: „[…] wie viel finster ist es eigentlich bei dir, dass du das nicht siehst was hier geschieht, das frage ich dich und du weißt es natürlich nicht ja was weißt du denn überhaupt“3 . Die alltägliche brutale Gewalt – besonders gegen Frauen –, die die kapitalistisch-patriarchale Gesellschaft hervorbringt, ist es, vor der man gutbürgerlich die Augen verschließt. Da oft nicht erinnert oder nicht eingestanden, vermag auch die Wissenschaft „niemals das gesamte Ausmaß der Gewalt [zu] erfassen“4 . Dennoch berichten 57 % der Frauen und 61 % der Männer in Österreich von körperlichen sowie ein knappes Drittel der Frauen und knapp 10 % der Männer von sexuellen Gewalterfahrungen als Erwachsene.5 Frauen sind körperlicher Gewalt vor allem in Familie und Partnerschaft, Männer hingegen an öffentlichen Orten ausgesetzt.6 Die Täter sind in beiden Fällen überwiegend Männer. Öffentlich problematisiert werden seit Kurzem zwar Femizide, kaum aber die die gesamte Gesellschaft durchziehenden Gewaltstrukturen.

    In drastischen Bildern führt Lydia Haiders Text vor Augen, was sich hinter solch kühler Gewalt-Diagnose verbirgt. Von der Buhlschaft seiner Ex-Frau besessen, von Herrschsucht, Eifersucht und Rachsucht getrieben, schwelgt Herbert, Haiders Jedermann, in Aggression, Hass und Zerstörungswut, die sich in orgiastischen Gewaltphantasien entladen: „[…] und bevor ich überhaupt etwas frage da nehme ich meine Faust ziehe meine Faust heran und schlage dir ins Gesicht so oft ich will und es ist oft, das sage ich dir“7. Die Raserei ungezügelter Gewalt richtet sich auch gegen Männer, vor allem aber gegen Herberts Ex-Frau, seine Mutter und jede Frau, die zufällig Herberts Weg kreuzt. Vergewaltigung darf dabei nicht fehlen: „[…] ich bin Herbert und mein Leib ist dein Leib, den ich dir gebe und du nimmst ihn gefälligst auch“8.

    Nur in Herberts Tirade gegen seine Mutter wird auch der Schmerz offenbar, den die Gewalt verbirgt: „[…] da zeig ich der Mutter, die mich, ihre Erlösung, herausgelassen in mein Leben, wie es sich anfühlt, zu leben, und gebe ihr, was ihr gebührt und wie es zu sein hat, was das Leben ist, und das ist Schmerz und Blut und Not und Qual samt Pein und Dreck“9. Im „happy Paradies“ des Massenkonsums schließt man auch davor meist die Augen.

    Die „Palliativgesellschaft“10 will keinen Schmerz kennen, weder den eigenen noch den der anderen. Unter „möglichst schmerzunempfindliche[n], permanent glückliche[n] Leistungssubjekte[n]“11 wird der Schmerz zum Makel, gilt er doch als Schwäche und Misserfolg, an dem in neoliberalen Zeiten stets das Individuum selbst die Schuld trägt. Wo alles zu einer Frage der Selbstverantwortung mutiert, bleibt jede Empathie aus. Selbst Krankheit wird dann zum Zeichen defizitärer Lebensführung erklärt und der Tod zumindest für verschiebbar.12

    Solcherart menschlich geworden, nimmt der Tod Herberts Gestalt an. Als Beschützer, Richter und Erlöser tritt er, von einer ganzen Industrie entsprechend gerüstet, an Gottes Stelle: „[…] damit ich Waffen habe zu schützen und zu richten, denn ich bin der Richter dieser Welt, wozu ich viele Waffen brauche“13. Haiders Text ist folglich nicht nur Femizid-Variation und Todesarten-Zyklus von Messer bis Pistole, von Würgegriff bis Baseballschläger, sondern vor allem eine Parabel auf die Destruktivität der westlichen Gesellschaft, die den Krieg nicht erklärt, sondern fortsetzt, und Wachstum nur als Vernichtung menschlicher Lebensgrundlagen kennt. Anders als Sarah Held sehe ich in Haiders Text keinerlei „zeitgenössische Form von Weiblichkeit“14 und auch keinerlei Emanzipation, sondern eine blutige Anklage kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse mit einem wiedererstarkenden Männlichkeitsbild, für das die Verleugnung von Schmerz und die Ausübung von Gewalt elementar sind. Vor allem seit Krieg wieder als Sache der Gerechtigkeit und der Wunsch nach Frieden als Verbrüderung mit dem Feind gilt, verblasst das die letzten Jahrzehnte dominierende unternehmerische Ideal der ökonomischen Konkurrenz zusehends neben dem Helden des Schlachtfelds.

    Gleichsam an seiner Seite zitiert Haiders Stimme der namenlosen Buhlschaft, der entpersonalisierten und verdinglichten Liebelei, die nie zur Liebe wird, Hofmannsthals Text. Repetitiv hallt sie in Herbert wider, ehe sie verklingt: „[…] ich bin bei dir, sieh doch auf mich, dein bin ich heut und ewiglich.“15 Das Versprechen ewiger Unterwerfung erfüllt sich schließlich nur im Tod.

    „Dein bin ich heut und ewiglich“, so könnte man wohl auch das Verhältnis von Jedermann zu Österreich charakterisieren, ist Hofmannsthals Werk doch nach über 100 Jahren – nicht zuletzt dank anhaltenden medialen Getöses – zu „dem“ österreichischen Identitätsstück avanciert. Haiders „Herbert-Jedermann“ am Domplatz, das wäre eine Revolution, die die Festspiel-Macher*innen wohl ihre überaus lukrativen Jobs kosten würde. Schließlich galten in Salzburg schon Kurzhaarschnitt und Hosenanzug der Buhlschaft samt eher dezenten Absätzen des Jedermann-Schuhwerks als „genderfluid“16 – anno 2021!

    In malerischen Dirndl-Kulissen finden nun einmal keine Revolutionen statt, die könnten nicht nur dem Ruf der „Salzburger Festspiele als Weltmarke“ und „als bedeutendstem Kulturfestival der Welt“17 schaden, sondern vor allem dem Geschäft. Schließlich verkauft man in Salzburg überaus einträglich nicht nur die erhabenen Darbietungen der – laut Selbst-Darstellung – „besten und renommiertesten Künstler aus aller Welt“, sondern auch „das wunderbare Umland“, in dem „die Seen des Salzkammerguts zu Ausflügen und Golfpartien ein[laden]“18, und selbstverständlich all das, was einst als Todsünde galt: Luxuria (Wollust, Genusssucht), Superbia (Eitelkeit, Hochmut) und Gula (Völlerei) – samt Absolution, sollte es derer noch bedürfen. Dafür gab schon 2015 ein*e Festspielbesucher*in im Schnitt – neben den insgesamt 550 Euro für Festspielkarten – 319 Euro pro Tag aus.19 Solch Urlaubsbörserl, keineswegs bei jedem Mann und noch weniger bei jeder Frau derart prall gefüllt, brachte Salzburg 2015, wie die Wirtschaftskammer vorrechnet, 183 Millionen Euro, sicherte rund 2.800 Salzburger Arbeitsplätze und ließ mit 77 Millionen an Steuern und Abgaben zudem die Staatskassa klingeln.20

    Wo der Dienst am Mammon stets präsent, die Kunst als „Exzellenz-Infusion“21 Standortfaktor und exklusive Tradition jenseits der Zeitläufte Teil des Programms ist, scheint für Feminismus wenig Platz. Als Hort bürgerlicher Selbst-Bestätigung würde Salzburg, konservativ-katholisch geprägt und derzeit weit rechts regiert, wohl bestenfalls postfeministische Einsprengsel ertragen, ein bisschen Gleichstellung, ein paar Künstlerinnen mehr, etwas queeres Kostümspiel, einen Hauch von weiblichem Eigensinn, gelegentlich selbst ein widerborstig-feministisches Schauspiel. Doch Feminismus als radikale Gesellschaftskritik und kühnen anti-bürgerlichen Zukunftsentwurf wird man sich in Salzburg trotz eines Festspielbudgets von 67 Millionen Euro 2023 wohl kaum leisten. Eine für rechte Aufreger sorgende Prise davon mag Weltoffenheit, Pluralität und Liberalität demonstrieren – nicht zuletzt zwecks zeitgemäß optimierter Vermarktung. Feministische Salzburger Festspiele aber sind, da stimme ich Sarah Held zu, ein Widerspruch in sich. Feminismus ist eben niemals hübsches Feigenblatt, sondern immer Revolution. Sie mag auf sich warten lassen, aber auch Jedermann holt am Ende der Tod – wie ihn Helmut Qualtinger bereits 1957 besingt:

    Der Tod: Komm, Mister Jedermann, gemma bissel stearbn

    (Briaderl kumm, deine Stundn san um!)

    Der Tod: Wenn auch dagegen sind die Hofmansthalschen Erben!

    (Briaderl kumm, deine Stundn san um!) […]

    Der Tod: Jeda-Jedarmann

    (Hast für Salzburg genug getan!)

    Der Tod: Je-S hot a je-, hot a je-, hot a je-, hot a je-, hot a jeda scho gnua!

    (Sperr‘ ma endlich den Domplotz zua!) 22

    Erb*innen der Hochkultur

    Jeder Mensch braucht Kultur

    Culture rejected us, so we rejected culture. 23

    Die Salzburger Festspiele sind ein Erbe, dies ist ein Privileg und ein Fluch. Im August gehört die Stadt den Festspielen. Zu diesem Zeitpunkt schauen alle auf die kleine Stadt, sie kommen und bringen Geld und genießen die Hochkultur, für die wir verantwortlich sind. Mit dieser Ansicht bin ich im Land Salzburg aufgewachsen. Wir, die das ganze Jahr da waren, sahen dann den aktuellen Jedermann-Schauspieler auf den Plakaten der Salzburg-Land-Werbung. Die großen Werbeplakate hingen immer an der Einfahrt zu meinem kleinen Dorf. Eine Erinnerung daran, was richtige Kultur ist und, dass sie nichts mit uns zu tun hat. Wir lasen in den Zeitungen, wer die Buhlschaft-Schauspielerin ist und welches Kleid sie trägt. Auf dem Domplatz habe ich die beiden in dieser Zeit nie gesehen – der war abgesperrt für die, die kommen und Geld bringen. Ich habe gelernt, auf etwas stolz zu sein, das nicht für mich gedacht ist, wozu ich nicht eingeladen bin und das sich auch niemand in meiner Umgebung leisten konnte. Die Kinder des Land Salzburgs sind die Erb*innen dieser Hochkultur, die nicht für sie gedacht ist.

    Gabriele Michalitsch fasst die Zahlen zusammen und zeigt sehr gut, in welcher Finanzlage das Publikum sein muss, um überhaupt teilzunehmen. Auch zeigt sie den Zusammenhang, der immer und immer wieder als Damoklesschwert über alles gehängt wird. Die Festspiele sichern Arbeitsplätze!24 Mit diesem Argument werden alle Versuche, die Erbschaft zu aktualisieren und dem Zeitgeist anzupassen, abgewürgt. Lydia Haider lässt sich bekanntlich nicht abschrecken, so auch in ihrem Text Die Buhlschaft in Herbert. Wie Sarah Held schreibt, schlägt Haider „direkt in die hässliche Fratze des Bürgertums, also die Gesellschaftsschicht, die primär die Festspiele konsumiert und hervorbringt“. Weiters gebe ich Gabriele Michalitsch recht: „[…] die blutige Anklage kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse mit einem wiedererstarkenden Männlichkeitsbild“ ist der zentrale Punkt des Textes. Dennoch spüre ich eine zeitgenössische Form von Weiblichkeit, wie Sarah Held sie beschreibt. Der Text stellt nicht die Weiblichkeit an sich aus, sondern die Weiblichkeit hält der Männlichkeit einen Spiegel vor. Es geht also nicht um die Darstellung einer zeitgenössischen Form von Weiblichkeit an sich, sondern um eine zeitgenössische weibliche Perspektive auf eine Männlichkeit. Dass es mehr als diese zwei Pole gibt, darauf komme ich später noch zu sprechen. Der Blick der feministischen Autorin beschreibt und führt die Männlichkeit vor. Wenn ich hier von Männlichkeit schreibe, meint das ein gesellschaftliches Konstrukt, das eine Art der Männlichkeit als Idealbild definiert und dieses gleichzeitig als Rechtfertigung für Verhaltensweisen nimmt.

    […] nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss und sammle mir die Waffen, damit ich Waffen habe zu schützen und zu richten, denn ich bin der Richter dieser Welt […].25

    Diese Umkehrung des Blicks ist besonders spannend, da seit über 100 Jahren nichts anderes mit der Buhlschaft passiert. Die Buhlschaft erzählt etwas über Weiblichkeit aus männlicher Perspektive. Es ging immer um den männlichen Blick auf eine Rolle, in die das vermeintlich Weibliche eingeschrieben ist. Innerhalb dieses engen Rahmens wurde in den letzten Jahren versucht, Platz zu machen für einen etwas weiteren Begriff der Weiblichkeit. Haider dreht den ganzen Prozess um. Wer sich darauf einlässt, erfährt viel über beide Perspektiven.

    Ein klassischer Punkt an Hofmannsthals Jedermann ist in etwa „der Tod betrifft uns alle, auch die Reichen“, dieser wird in Dauerschleife aufgegriffen in der Kritik gegen die Festspiele, da sie eben nicht uns alle einbeziehen, sondern trotz der Bühnenbotschaft nur die, die es sich leisten können oder geladen werden. Haider nimmt den Grundsatz „der Tod betrifft uns alle“ und drückt auf die offenen Wunden des Landes, um zu zeigen, dass der Tod „sie“ mehr betrifft als „ihn“: „[…] und alle sterben sie und sie zuerst, das sag ich ihr und benenn die Sache, wie sie nicht geschieht, dann ist es nicht so […].26

    Damit gibt sie dem alten Stoff einen aktuellen gesellschaftlichen und politisch relevanten Aspekt. Warum ist es utopisch, dass der Domplatz-Jedermann sich in gegenwärtige Debatten einmischt? Sollte ein so viel Aufmerksamkeit bekommender Theaterabend nicht gerade Diskussionen auslösen?

    Susan Sontag schrieb: „Wenn Jedermann (wie das Pronomen ‚man‘) tatsächlich für jedermann steht – wie man den Frauen ja ständig erzählt –, dann braucht Jedermann nicht von einem Mann gespielt zu werden.“27 Das habe ich als junge Frau gelesen und gedacht, es ist nur eine Frage der Zeit. Immerhin schreibt es Susan Sontag, es wird sich herumsprechen. Ich dachte, wenn „Jedermann“ wirklich „jeder Mensch“ bedeutet, dann „könnte“ die Rolle nicht nur von einer Frau gespielt werden, dann „muss“ sie verschieden besetzt werden. (Das Wort divers war mir damals noch nicht bekannt.) Sontags Zitat stammt aus dem Jahr 2001. Wir sind hier in Österreich, alles kommt 30 Jahre später, bald sind auch wir so weit.

    Obwohl ich mich immer noch freuen würde, eine Frau in der Hauptrolle zu sehen, wünsche ich es mir nicht mehr. Es wäre zu wenig. Es würde nur ein Symptom behandeln, anstatt das System zu verändern. Es würde eine Perspektive hinzufügen, obwohl so viele fehlen. Dementsprechend stimme ich Sarah Held zu, dass die Festspiele keine „oberflächlichen pseudoreformistischen Ansätze“28 brauchen. Denn wir würden dann alle wissen, dass eine Frau im Mittelpunkt steht. Aber die, die das ganze Jahr dort sind, würden nur das Salzburg-Land-Werbeplakat mit einer Frau sehen und hören, dass sie Jedermann ist. In den Zeitungen würden sie lesen, was diese „JederFrau“ anhat und ob das dem Bild einer „Frau“ entspricht.

    Es braucht ein Stück Zerstörung, um Neues bauen zu können. Es braucht Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem schweren Erbe. Diese Menschen braucht es als Autor*innen, Theatermacher*innen und Publikum!

    Salzburg braucht einen „JederMensch“ jenseits der Frage nach Weiblichkeit und Männlichkeit. Und der JederMensch braucht einen Domplatz für alle. Den Festspielen könnte es auch nicht schaden.

    Raus aus dem Kanon!

    Quod(non)libet: Frei zu sein für das, was gefällt und nicht gefällt.

    Anita Buchart kommt als meine direkte „Vorschreiberin“ zum Schluss: „Es braucht ein Stück Zerstörung, um Neues bauen zu können. Es braucht Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem schweren Erbe. Diese Menschen braucht es als Autor*innen, Theatermacher*innen und Publikum!

     Ich könnte an dieser Stelle mein Schreiben kurzfassen, denn: sie spricht mir aus der Seele! Die Dauerschleife, die sie im Falle des Jedermann so schonungslos benennt, läuft seit knapp über 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen. Auch Sarah Held stellt fest: „Die feministischen Leerstellen im Kanon können nicht gefüllt werden, wenn immerzu dieselbe patriarchale-konservative Kulturproduktion völlig redundant gespielt wird.“29 Die Redundanz der Kulturproduktion ist für eine Komponistin wie mich, und wohl auch zahlreiche meiner Kolleg*innen, die sich ebenfalls dem Schaffen neuer Kunst verpflichtet fühlen, ein sehr unbefriedigender Zustand. Darüber hinaus ist dies aber auch aus einer feministischen und diversen Perspektive ein sehr unbefriedigender Zustand; auch für das Publikum. Denn jede Wiederaufnahme eines Stückes aus dem Kanon bedeutet, dass ein neues Stück, das potenziell auch die von Sarah Held benannte feministische Leerstelle im Kanon füllen könnte, nicht gespielt werden kann. Zum traditionellen Kanon gehört weibliches Kunstschaffen, v.a. in der Musik, bislang nicht. Man führe sich jene Zahlen vor Augen, die ein anderes wichtiges Festival, die Wiener Festwochen, in seiner aktuellen Ausschreibung vom November 2023 zum Wettbewerb für die Akademie Zweite Wiener Moderne publiziert: 2 % der Werke in Abonnementkonzerten stammen von Frauen, maximal 9 % Komponistinnen kommen im Bereich der zeitgenössischen Musik vor.30 Immerhin, die Wiener Festwochen zeigen Bewusstsein für die Schieflage und schreiben mit der Akademie Zweite Wiener Moderne einen Wettbewerb für die zahlreichen Komponistinnen aus, die schon seit vielen Jahren an den Musikuniversitäten dieser Welt ausgebildet werden und bislang konsequent von den Tempeln der Hochkultur übersehen werden. Doch Wettbewerbe dienen meist der gezielten Förderung nach bestimmten Kriterien (sehr häufig aufgrund des Alters im Sinne einer Nachwuchsförderung) und sind höchstens eine Ergänzung für eine nachhaltige, diversitätsgeleitete Programmierung, aber kein Ersatz.

    Nur um es mit Zahlen zu untermauern: Es gäbe ausreichend Komponistinnen, deren Werke gespielt werden könnten. Allein an der weltweit größten Musikausbildungsinstitution, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, gab es 2021 rund ein Drittel weiblicher Absolventinnen im Bereich Komposition und rund ein Viertel Professorinnen.31 Und das betrifft nur das aktuelle Musikschaffen. Auch in Archiven findet man zuhauf Partituren von Komponistinnen.

    Gabriele Michalitsch verweist auf die sehr hohen Kosten pro Kopf für einen Jedermann-Besuch und streicht damit heraus, welch ein exklusives Vergnügen so ein Theaterabend bei den Festspielen für das Publikum ist sowie von welcher Wirtschaftsleistung man hier sprechen muss.32 Mindestens noch einmal exklusiver ist es, als Autor*in oder Komponist*in einen der begehrten Aufträge eines Festivals oder großen Hauses zu ergattern, denn die Ressourcen für Aufführungen neuer und/oder unbekannter bzw. wiederentdeckter Werke sind begrenzt.

    Die Festivals und großen Häuser gehen nicht gerne wirtschaftliche Risiken ein, wie sich im Vorwort der Festspielleitung der Salzburger Festspiele des Sommerprogramms 2023 in Form einer, quasi für Publikumserfolg bürgenden, „NameDropping“-Tirade ablesen lässt. Genannt werden ausschließlich verstorbene Männer: Shakespeare, Verdi, Mozart, Lessing, Martinů, Berlioz, Purcell, Gluck, Ligeti, Schumann, Reinhardt und Sartre.33 Da gibt es keine Frau, die bereits im Vorwort erwähnenswert wäre; im Übrigen auch keine lebenden Zeitgenoss*innen, denn der Jüngste, György Ligeti, ist 2006 verstorben und hätte 2023 seinen 100. Geburtstag gefeiert.

    Wer jetzt glaubt, dass die oben erwähnten 9 % Komponistinnen im Bereich der zeitgenössischen Musik automatisch bedeuteten, dass die Szene für zeitgenössische Musik mehr Raum für Diversität und Feminismus böte als die kanonorientierte Programmierung der Salzburger Festspiele, der*die werfe einen Blick auf die Ehrenmitgliederliste der ISCM (International Society of Contemporary Music), die fast zeitgleich mit Ligeti ihr Zentenarium feierte: Unter 75 komponierenden Ehrenmitgliedern sind nur zwei weibliche Komponistinnen (Kaija Saariaho und Sofia Gubaidulina) gelistet.34 Ich glaube nicht, dass wir in 100 Jahren eine signifikante Annäherung oder Steigerung sehen, wenn sich nicht etwas Grundlegendes ändert. Ich frage deswegen provokant: Ist nicht der Kanon selbst die Grunderkrankung und die feministische Leerstelle ein daraus sich nährendes Dauersymptom, dessen medizinische Versorgung nicht die Wurzel des Übels heilt? Wie kommt man raus aus dem Kanon? Wie kann man Platz machen für Neues?

    Dafür braucht es nicht mehr nur Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem Erbe, sondern es sich zunutze machen und damit spielen; aus der genauen Kenntnis des Erbes ihre Schlüsse ziehen und ihre kreativen Lösungen im Dialog mit der Vergangenheit suchen, um diese zu überwinden. „Quodlibet.“ Wie es gefällt. Johann Sebastian Bach schrieb in seinen Goldberg-Variationen statt eines weiteren Kanons ein Quodlibet, um aus dem Zyklus seiner Variationenkette, die kompositorisch ewig weitergeführt werden könnte, aussteigen zu können. Mit viel Witz werden zwei Volkslieder gleichzeitig kontrapunktisch verarbeitet: Ich bin so lang nicht bei dir g‘west, ruck her, ruck her ruck her! und Kraut und Rüben haben mich vertrieben. In diesen beiden Volksliedern zeigt sich das Aufsuchen von Altem und gleichzeitig die Flucht nach vorne.35

    Das Quodlibet als Gattung steht auch in enger Tradition mit dem Alt-Wiener Volkstheater, das Hugo von Hofmannsthal ja auch nicht komplett fremd gewesen sein dürfte, und ermöglicht im Sinne einer Forttreibung der Handlung auf einer musikalischen Ebene ebenfalls einen (parodistischen) Weg aus etwas Bekanntem in etwas Unbekanntes. Ich bin mir sicher, dass es noch weitere künstlerische Ansätze gäbe, eine eingefahrene Dauerschleife zu durchbrechen und in den nächsten 100 Jahren viel Platz für neue Ideen zu schaffen: Den Kanon spielerisch zu nutzen, sich aber nicht von ihm einfangen zu lassen. Frei zu sein für all das, was gefällt und nicht gefällt. Quod(non)libet.


    Anmerkungen

    1. Haider, Lydia: Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung. oder: Wie die Buhlschaft als Buhlgas in Herbert lieb Herbert vergast. Eine Heimbringung/Heimdrehung. In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – Keine Frau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024, S. 202-209, S. 204. (DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 27) ↩︎
    2. Vgl.: Hilpold, Stephan / Müller, Andreas / Fischer, Christian: Michael Maertens: „Werde der letzte männliche Jedermann sein“. https://www.derstandard.at/story/2000145656624/michael-maertens
      werde-der-letzte-maennliche-jedermann-sein (3.7.2023). ↩︎
    3. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 209. ↩︎
    4. Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien (ÖIF) (Hg.): Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern. Wien: Universität Wien 2011, S. 34. ↩︎
    5. Vgl.: Ebd., S. 58-59. ↩︎
    6. Vgl.: Ebd., S. 30. ↩︎
    7. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 209. ↩︎
    8. Ebd., S. 204. ↩︎
    9. Ebd., S. 203. ↩︎
    10. Han, Byung-Chul: Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Berlin: Matthes & Seitz 2021. ↩︎
    11. Ebd., S. 9. ↩︎
    12. Vgl.: Fach, Wolfgang: Selbstverantwortung. In: Bröckling, Ulrich / Krasmann, Susanne / Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 228-235, S. 231; Michalitsch, Gabriele: Regierung der Freiheit. In: grundrisse. zeitschrift für linke theorie & debatte 46(2013), S. 46-51, S. 48. ↩︎
    13. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 203. ↩︎
    14. Sarah Held: Es braucht einen radikalen Wandel. Weiter oben im vorliegenden Beitrag. ↩︎
    15. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 206. ↩︎
    16. Pressebüro der Salzburger Festspiele: Jedermanns Kostüm-Werkstatt. In: Presseaussendung der Salzburger Festspiele zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann 2021. https://www.salzburgerfestspiele.at/cms/wp-content/uploads/2021/07/ 2021_07_25_presse aussendung_khne-verlngerung.pdf
      (22.7.2023). ↩︎
    17. Wirtschaftskammer Salzburg: Salzburger Festspiele. Motor für die Wirtschaft, Exzellenz-Infusion für den Standort. Salzburg: offset5020 2017, S. 2. ↩︎
    18. Homepage der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/ueber-uns (22.7.2023). ↩︎
    19. Vgl.: Wirtschaftskammer Salzburg: Salzburger Festspiele. S. 18. ↩︎
    20. Vgl.: ebd., S. 25-26. ↩︎
    21. Ebd., S. 25-26. ↩︎
    22. Qualtinger, Helmut: Der Jedermann-Kollapso. https://www.youtube.com/watch?v=BQgn yAeLG-s (22.7.2023). ↩︎
    23. Louis, Édouard: The Suspension of Freedom. In: Geest, Kaatje de / Hornbostel, Carmen / Rau, Milo: Why Theater? NT Gent Golden Book V. Berlin: Verbrecher 2020, S. 166-168, S. 166. ↩︎
    24. Vgl.: Michalitsch, Gabriele: Dein bin ich heut, nicht ewiglich! Weiter oben im vorliegenden Beitrag. ↩︎
    25. Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 202-203. ↩︎
    26. Ebd., S. 202. ↩︎
    27. Sontag, Susan: Worauf es ankommt. Frankfurt am Main: Fischer 2007, S. 394. ↩︎
    28. Held, Sarah: Es braucht einen radikalen Wandel. ↩︎
    29. Ebd. ↩︎
    30. Vgl.: N. N.: Ausschreibung: Akademie Zweite Moderne. https://www.festwochen.at/ausschreibungakadmie-zweite-moderne (12.11.2023). ↩︎
    31. Vgl.: Brandl, Elisabeth: Geschlechterverteilung an der mdw 2021. https://www.mdw.ac.at/upload/MDWeb/akg/downloads/Statistik_2021.pdf (12.11.2023).x ↩︎
    32. Vgl.: Michalitsch, Gabriele: Dein bin ich heut, nicht ewiglich! ↩︎
    33. Vgl.: Hammer, Kristina / Hinterhäuser, Markus / Crepaz, Lukas: Vorwort. In: Programm der Salzburger Festspiele 2023. ↩︎
    34. Vgl.: N. N.: Honorary Members. https://iscm.org/about-us/honorary-members/ (12.11.2023). ↩︎
    35. Vgl.: Werner-Jensen, Arnold: Johann Sebastian Bach. Goldberg-Variationen. Bärenreiter: Kassel 2013, S. 137. ↩︎

    © Joana Pinka

    SARAH HELD

    Kulturwissenschaftlerin und Kunstschaffende. Als PostDoc an der Akademie der bildenden Künste sowie als Lektorin für Fashion und Gender Studies an der Kunstuniversität Linz tätig. Promotion an der Universität Frankfurt am Main. Forscht zu Interventionsstrategien gegen die Herrschaftskategorien class, gender und race. Kuratiert und arbeitet performativ zum queer-feministischen pornotopia revised (2022). Mitglied des Aktionskollektivs Aufstand der Schwestern, das gegen Femizide im öffentlichen Raum interveniert.

    GEBRIELE MICHALITSCH

    Studium der Politikwissenschaft und der Fächerkombination Philosophie, Spanisch und Publizistik. Politikwissenschafterin und Ökonomin. Lehrtätigkeiten an der Universität Wien, in Peking, Budapest und Istanbul. 2002-05 Vorsitzende der Expert*innengruppe des Europarats zu Gender Budgeting (Straßburg). Zahlreiche Publikationen zu den Themen Politische Ökonomie, politische Theorien und feministische Ökonomik, darunter Das Patriarchat rüstet zum Kampf – Waffenbrüder: Neoliberalismus, Militarisierung und Maskulinismus (2024).

    © ApolloniaTheresa Bitzan

    ANITA BUCHART

    Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaft an der Universität Wien. 2014-17 Tätigkeit als Regieassistentin am Landestheater Niederösterreich. Seit 2018 Dramaturgin bei makemake produktionen, u.a. bei den Inszenierungen von Muttersprache Mameloschn, Von den Wilden Frauen, Das große Heft und weiter leben. Gemeinsam mit der Illustratorin Lili Mossbauer hat sie die Kinderbücher Iwein und Laudine. Ein Ritter:innen-Epos (2022) und Was uns der Wind erzählt (2023) veröffentlicht.

    JULIA PURGINA

    Studium der Viola und Komposition, Slowakistik und Germanistik, Spezialisierung im Bereich der zeitgenössischen Komposition und Musik. 2008-16 leitete sie gemeinsam mit Roland Freisitzer das Ensemble Reconsil. Ab 2016 Studiengangsleiterin für Saiteninstrumente und Professorin an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Seit 2022 Vizerektorin für Kunst und Lehre an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz. Kompositionsaufträge von namenhaften Orchestern, Ensembles und Festivals. Mitglied des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

  • Gründungsideen der Salzburger Festspiele zwischen Geschlecht, Politik und Kunst

    Gründungsideen der Salzburger Festspiele zwischen Geschlecht, Politik und Kunst

    In einem Wort zum Mozart-Festspielhaus in Salzburg von 1919 kommentiert Bertha Zuckerkandl einen abgerückten und zugleich bemerkenswerten Plan. Inmitten des Chaos, das der Krieg hinterlassen habe, wolle Österreich zuerst ein Festspielhaus für Mozart bauen. Inmitten von Elend und Ungewissheit leuchte der Traum des Friedens. Nichts Bestehendes bleibe in alten Kreisen, und aus diesem Chaos solle zuerst ein „Wahrzeichen unverwüstbarer Wesensart“1 hervorgehen. Das mutete Zuckerkandl positiv legendenhaft an: Inmitten von Hunger und Hass suchten „Männer und Frauen des ganzen Landes und dieser Stadt einen Ausweg aus allem Jammer“2 .

    Das Festspielhaus sollte ein Zufluchtsort sein. Doch für wen war er gedacht? Und meinte Zuckerkandl wirklich Männer und Frauen? Aus Sicht der Verantwortlichen für Deutschösterreichs erste Tat ist davon kaum die Rede. Bei der Gründung der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde am 15.5.1918 erhielt keine Frau eine leitende Funktion. Der Vorstand, der Finanzvorstand und der Kunstrat waren männlich besetzt. Von der „Gemeinde, von hochgemuten Männern geführt“3, ist 1917 die Rede. „Kunstbegeisterte Männer“4 hätten sich zusammengefunden, so ein Memorandum von 1919, und sich das herrliche Werk eines Festspielhauses zum Ziel gesetzt. Und die Gesellschaft unter sich spricht einander als „hochverehrte“, „sehr geehrte Herren“5 an. Männer konnten offenbar genügend Mäzene gewinnen, internationale Kunstschaffende und Publikum begeistern. Männer hielten auch in den Festreden auf sich, und bis zum heutigen Tag finden sich in der langen Liste nur drei weibliche Ausnahmen.6

    Wie aus den Quellen und Dokumenten der Gründungsgeschichte hervorgeht, wurde allerdings die Organisation der Ortsgruppen in Frauenhände gelegt, die ein Renommee vorweisen konnten. Dazu gehörten die US-amerikanische Opernsängerin Lucille Marcel-Weingartner und die Wiener Schauspielerin Erika Striedy-Wagner.7 Die künstlerische Leitung des Schauspiels der Festspiele übernahm 2017 erstmals eine Frau. Eine große Lücke spannt sich folglich über ein Jahrhundert, obgleich österreichische Frauen ab dem Beginn der 1920er Jahre eine enorme künstlerische Produktivität entwickelten. Der November 1918 war für die Frauenbewegung in Österreich ein Fest. Der jahrzehntelange Kampf um das Wahlrecht für Frauen war endlich erfolgreich. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ging ins Gesetz ein. Am 16.2.1919 konnten Frauen ab 20 Jahren erstmals an Nationalen Wahlen in Österreich teilnehmen. Die Sozialdemokratin Adelheid Popp legte größte Hoffnungen in sie: „In euren Händen liegt unser, euer künftiges Schicksal. Ihr seid gleichberechtigt geworden. Damit seid ihr mitverantwortlich für die Zukunft.“8 Durch die wachsende Massenpresse entstanden nach dem Ersten Weltkrieg neue Berufsmöglichkeiten. Die Tages- und Wochenzeitungen, Partei- und Wohlfahrtsblätter, Satiren und Fachmagazine suchten Nachwuchs. Bühnen, das Kino und Revues öffneten ihre Tore. Aufbruchsstimmung war da, Dramatikerinnen, Erzählerinnen und Romanautorinnen veröffentlichten erste Werke.9 Expressionistisches Pathos wechselte mit einem sachlichen Blick auf eine vom Krieg zerrüttete Wirklichkeit. Viele österreichische Autorinnen, Schauspielerinnen und Künstlerinnen gingen nach Berlin, das als pulsierende Metropole mit fast vier Millionen Einwohner*innen und als eine der führenden Zeitungs- und Verlagsstädte der Welt eine besonders große Anziehung ausübte. Inwiefern in der Gründungszeit der Salzburger Festspiele Frauen miteinbezogen waren, soll im Folgenden vor dem Hintergrund der Emanzipationsbestrebungen untersucht werden. Dabei sind die Geschlechterbeziehungen in der Mozart-Stiftung und Festspiel-Gemeinde auf ihre Normsetzungen hin kritisch zu hinterfragen wie auch die ideologischen Voraussetzungen und künstlerischen Konzepte im historisch-politischen Kontext zu rekonstruieren.

    Die soziale Konstruktion des Geschlechts war in der österreichischen Kultur der Moderne, wie Europa insgesamt, durch seine binäre Verteilung festgeschrieben, woran klare Rollenerwartungen verknüpft waren. Die patriarchalischen Strukturen wurden gelebt, geglaubt und als natürlich angesehen, sodass für die Frau die Zurückdrängung in die Privatheit, ihre Beschränkung auf die häusliche Sphäre, vorgesehen war. Für das „Österreich der Jahrhundertwende“, folgerte Jacques Le Rider, sei „der Antifeminismus sowohl in der Bourgeoisie als auch im proletarischen Milieu eine Selbstverständlichkeit“10 gewesen. Dessen wesentliche Kennzeichen waren das Festhalten am traditionellen Familienbild – trotz der Umbruchszeit – und die Niedrigstellung der Frau in den wirtschaftlichen und sozialen Lebensbereichen. Die männliche Mythisierung der Frau prägte die Literatur. Trotz der feministischen Bewegung, die die Arbeiter- und bürgerlichen Schichten erfasste, reproduzierten Autoren wie auch österreichische Autorinnen männliche Literatur, oder sie entwickelten eine Gegenideologie, während nur wenige Frauen, so Le Rider, „frei imaginierten“11.

    Wie Le Rider zeigen konnte, verbanden sich Antifeminismus und Antisemitismus im patriarchalischen Denken. Der vorliegende Aufsatz knüpft an diese Ergebnisse an. Zu ziegen ist, dass die Ideologien innerhalb der bürgerlichen Eliten dennoch weit auseinander liegen, sodass der Antifeminismus unterschiedliche Bedeutungen gewann. Die feministische Forschung hat gezeigt, dass die hierarchischen Strukturen sich in den sozialen Praktiken ausbilden, die der Reflexion oft vorangehen und daher erst nachträglich einer Kritik unterzogen werden können. Sie sind Teil einer Ideologie, die Machtverhältnisse verfestigt, so Haslanger: „Eine Ideologie ist eine Kulturtechnik – das Netz von Bedeutungen, Symbolen, Skripten und dergleichen, das dazu dient, ungerechte soziale Beziehungen zu schaffen oder zu stabilisieren.“12 Um die Kulturtechnik um 1918 in ihren sprachlichen Manifestationen zu untersuchen, dienen uns die veröffentlichten Briefquellen aus den Gründerjahren, in denen Klassifizierungen von Mann und Frau auf unterschiedliche Weise vorgenommen werden. Die Strukturen der sozialen Unter- und Überordnung hängen zudem davon ab, wie stark oder schwach die sozialen Praktiken ausgeprägt sind, die das kollektive Bewusstsein beeinflussen:

    Eine Unterscheidung ist schwach pragmatisch konstruiert, wenn soziale Faktoren unseren Gebrauch der Unterscheidung nur teilweise bestimmen. / Eine Unterscheidung ist stark pragmatisch konstruiert, wenn soziale Faktoren unseren Gebrauch der Unterscheidung gänzlich bestimmen und sie keine „Tatsache“ abbildet.13

    Mit diesen wichtigen Graden der Unterscheidung verdeutlicht Haslanger, dass es keine „Tatsachen“14 gibt, sondern Annäherungen an das, was bestimmte Gruppen mehr oder weniger für wirklich halten und wodurch sie entsprechend antifeministische Überzeugungen tradieren. Anhand der Kommunikationsweisen können Formen des Antifeminismus eruiert werden, wie das folgende Beispiel zeigen soll.

    Im Frühjahr 1916 flammte das Projekt, ein Festspielhaus in Salzburg zu bauen, erstmals deutlich auf, und es schien im Herbst desselben Jahres schon endgültig begraben zu sein. Denn zu groß waren die unterschiedlichen Vorstellungen davon, unter wessen Leitung und mit welcher Ausrichtung die Kultur in der Stadt während des Krieges gefördert werden sollte. Der Vorstand des bereits vorhandenen Mozarteums zog den Ankauf des Geburtshauses von Mozart vor. Eine weitere Baustelle schien den anderen abwegig, weil sich die Initiatoren des Festspielhauses auf eigene Faust um die Ausrichtung bemüht hatten und in ihren Vorstellungen nicht dem entsprachen, was das vorhandene Stiftungs-Kuratorium des Mozarteums wollte. Es hatten sich zwei Lager herausgebildet, die sich nicht grün waren, obwohl sie das gleiche Ziel zu verfolgen schienen. Denn Mozarts Werk schwebte über der Musikstadt als Werk eines Genies, das eines Wallfahrtsortes würdig sein sollte, zu dem man pilgern konnte und höchsten Kunstgenuss erfahren sollte. Es ging den Kulturschaffenden in Salzburg auf beiden Seiten darum, eine herausragende Kulturstätte zu schaffen, die sich von minderwertigen Gastspielen abheben und höchsten Kunstgenuss versprechen sollte. Mozarts Werk in „Muster-Aufführungen“ zu bringen, darüber waren sich die Förderer der Festspielhaus-Idee einig.15 Doch was verstanden die Akteur*innen unter herausragender Kunst? Hier lassen sich zwei Richtungen unterscheiden, die die Gründungsgeschichte prägten. Der Mozartkult hatte sich schon seit dem 19. Jahrhundert in Salzburg verbreitet, und es fanden die ersten Musikfeste statt, die sich, wie Robert Hoffmann dargelegt hat, ab den 1880er Jahren Bayreuth als Vorbild nahmen.16 Ab 1901 hatte sich Lilli Lehmann als eine der renommiertesten Opernsängerinnen Deutschlands der Mozartfestspiele angenommen und sich gegen die opulente Ausstattung in Bayreuth‘scher Manier gewendet. Lehmann setzte sich über zwei Jahrzehnte für die Verbreitung von Mozarts Werk und die Etablierung der Festspiele ein. Sie trat als Sängerin der Donna Anna in Don Giovanni in Erscheinung, war Regisseurin und künstlerische Leiterin zahlreicher Aufführungen. Sie betrachtete das Werk Mozarts als „Maßstab“ für „vollendete Musik, die Menschen erhebt und beglückt“17. Lehmann pflegte die „Vorstellung eines intimen Aufführungsstils“, der, ihrer Auffassung nach, Mozarts Opern viel eher entsprach.18 Sie war damit nicht allein, denn auch andere Mozart-Interpretinnen betonten die Notwendigkeit eines kleineren Baus, um den musikalischen Feinheiten zu entsprechen.19 Lehmann spendete für den Musikfestfonds, setzte ihre Netzwerke zugunsten der Mozartstadt ein und stellte ab 1904 ihre Festspiele mit internationaler Besetzung auf die Beine. Ohne selbst dem Kuratorium des Mozarteums anzugehören, bot sie ihren künstlerischen Rat und wurde zur Ehrenpräsidentin ernannt. Aus einer künstlerischen Perspektive lehnte Lehmann große Räume ab, da sie auf der Bühne vor allem Individuen singend, tanzend, sich bewegend und darstellend erleben wollte. „Jede Rolle ist auf der Bühne der Ausdruck eines bestimmten Individuums, sie ist so gedacht und muss so zur Geltung kommen.“20 Durch Gesten der Übertreibung – wie pompöse Kleidung – sah sie das Miterleben und Fühlen auf Seiten des Publikums gefährdet. An ein Massenpublikum dachte sie nicht, sondern sie befürchtete vielmehr den Verlust des Künstlerischen durch den Größenwahn der Bühnenbauer und Dirigenten.

    In einem Aufsatz über das Moderne Theater von 1907 betont Lehmann das „Maßhalten“ als erstes Gesetz und die „Gesetzesform der Kunst und aller großen Meister“21. Die Individualität dürfe nicht verkümmern und die Entwicklung der Künste dürfe die seelische Entwicklung nicht zurücklassen. Durch Richard Wagner sah sie einen unheilvollen Einfluss auf die Gesangskunst gegeben, da er Spektakel und Lärm ohne Herz und Gefühl erzeuge. Anstelle von melodischen Ensembles sei die Musik nur noch Nervenquälerei. Bemerkenswert ist an Lehmanns Aufsatz, dass sie dem gewünschten Fortschritt nicht entgegenstand, aber auf den Verlust zentraler menschlicher Eigenschaften hinwies wie des individuellen Spiels und der Stimmbegabung. Die menschliche Stimme könne nicht mehr bewältigen, „was in den Köpfen maßlos erregter Komponisten entsteht, deren wahnsinnige Harmonien für Orchester von 100 bis 120 Mann und mehr wie musikalische Automobile an unserem Gehör vorbeisausen, nicht Ruh noch Rast dem erschreckten Zuhörer gönnen“22. Den Wandel zur großen Bühne bezeichnete Lehmann sogar als „Vernichtungskrieg“23 und setzte sich dafür ein, die menschliche Stimme, den Gesang, „den edelsten Ausdruck unseres Gefühlslebens“24, zu beschützen. Sie regte zum weltweiten Schutz der Stimme an, um die wichtigsten Eigenschaften der Kunst mit in die Zukunft zu nehmen. Man solle dem Zerstörungswerk „ein gebieterisches Halt“25 entgegensetzen.

    Aufgrund ihrer Vorrangstellung in Salzburg erlaubte sich Lehmann denn auch 1916 einen scharfen Brief, als Friedrich Gehmacher, der den Vorsitz des Mozarteums innehatte, plötzlich hervortrat und ein Festspielhaus errichten wollte. Sie sah darin eine Abwertung von Mozarts Größe und Würde und kritisierte das Vorhaben als „elende Geschäftshoferei ohne Sinn und Verstand“26. Der Name „Festspiel“ verursachte ihr in den Händen der Ideengeber besonderes Unwohlsein, da sie deren Vorhaben als „Parodie“27 verstand. Sie verbot der Stiftung, den Begriff zu verwenden, und hatte Erfolg, denn auch ihr Gewährsmann in der Stiftung, Rudolf von Lewicki, teilte ihre Meinung. Beide waren sich einig, dass sie Mozarts Werk einen würdevollen Rahmen geben wollten, dass der Fokus zudem auf höchste künstlerische Ansprüche gerichtet war und jede Form von Werbung und Massenspektakel dem Ansinnen widersprach. Entweder bleibe die Salzburger Sache „rein und groß oder sie soll gar nicht sein“28. Damit war ein Verständnis von Kunst formuliert, das die Würde und Intimität des Musikfestes hoch verankerte und auch an „ihrer patriarchalisch-würdevollen Durchführung“29 interessiert war, wie es die Gegenseite formulierte. Lehmanns Taten mögen sich durch Starallüren auszeichnen, denn sie fällte auch abschätzige Urteile über Gehmacher und Damisch, denen sie keinen Kunstverstand zutraute. Direkt korrespondierten beide fast nie.30 Die Kunst im begrenzten Raum entsprach jedoch auch der aufklärerischen Tradition des Theaters, die die Figuren auf der Bühne nahbar werden ließ, ihre Emotionen und Beziehungen zum Ausdruck brachte.

    Friedrich Gehmacher, der die Festspielhausidee ins Leben rief, war seit 1899 im Kuratorium des Mozarteums engagiert. Sein Kunstbegriff war, wie die Quellen und Studien zeigen, deutschnational ausgerichtet, und er fand in Heinrich Damisch jenen Musikredakteur und Mitstreiter aus Wien, der auch seinen politisch geprägten Kunstgeschmack teilte. Gehmachers Entwurf zur Errichtung des Festspielhauses enthält die Berufung auf „eine künstlerische und eine patriotische Pflicht“31. Denn die künstlerischen Glanzleistungen sollten nicht nur in besserem Rahmen fortgesetzt werden, sondern auch zum Ruhm Österreichs beitragen. In sachlicher Hinsicht sollten Würde und Intimität der Aufführungen ebenfalls erhalten bleiben, die musikalischen Aufführungen jedoch um Theateraufführungen ergänzt und ein breiteres Spektrum angeboten werden. Gehmacher und Damisch verbanden mit der deutschnationalen auch eine antisemitische Lebenseinstellung, über die sie sich mit wechselseitigen Heils-Grüßen und einschlägigen Äußerungen verständigten. Damisch litt zudem an Geldnot und war an den Erträgen durch die „Kriegsgewinnler“32 durchaus interessiert.

    Lehmann gerät in der Korrespondenz Gehmachers in die Opposition.33 Er unterstellt ihr fehlende Haltung und Vernunft und wertet ihre Leistungen ab. Lehmann sei Lehmann, und das Festspielhaus könne nur ohne sie oder gar nicht entstehen. Er hält ihre Meinung für beinflussbar und zweifelhaft, nimmt ihre Argumente nicht ernst und versucht, sie zu übergehen. Eine Fortsetzung ihrer Festspiele mit anderen Mitteln zieht er gar nicht in Erwägung.34 In einem ersten Entwurf vom 4.9.1916 wird Lehmann zwar noch als einzig denkbare Leitung erwähnt,35 doch kann laut Gehmacher „infolge der intransingenten Haltung der Frau Lehmann über die Festspiele […] nicht mehr vernünftig gesprochen werden.“36 Damit sind eine Reihe von antifeministischen Argumenten platziert, mit denen sich Gehmacher allerdings auch unbeliebt machte. Die Korrespondenz zwischen Gehmacher und Damisch enthält einen entsprechend kämpferisch geprägten, hierarchischen, antisemitischen und antifeministischen Ton. Sie benennen Feinde und wählen eine propagandistische Rhetorik – „Kämpfe“, „Hetze“, „Agitation“, „Ausschaltung“, „Propaganda“, „Machtgruppe“, „Sühneopfer“ werden erwähnt; zudem sehen sie sich auch selbst als Zielscheibe von Attacken und stilisieren sich zu Opfern.37 Als günstig empfindet Gehmacher wiederum die Mitarbeit von Ausschussmitgliedern „von deutscher Schneid und Gründlichkeit“38. Er eckte durch sein herrisches Benehmen in der Stiftung an, verhielt sich, als sei er im Krieg mit seinen Kollegen, bereitete sich auf Kämpfe vor und identifizierte Feinde. Andere Meinungen bezeichnete er als „Revolution“39. Das Kuratorium schätzte Gehmacher daher zeitweise sogar als „pathologisch“40 und gefährlich ein. Er sei rücksichtslos, illoyal, „ein Gewaltsmensch und Intrigant“41. Sein Interesse wurde vor allem darin erkannt, die Festspiele groß zu machen, um ausländisches Publikum anzulocken und Geld zu verdienen. Die Festspielhaus-Aktion trete „immer mehr als rein geschäftliche Sache in Erscheinung“, während die „künstlerische Schädigung“42 massiv sei. Gegen Gehmacher und Damisch hatte die Mehrheit der Stiftung Mozarteum folglich mobilgemacht. Für zu falsch und linkisch wurden die Manöver gehalten,43 sodass die Festspielinitiative nicht vom Mozarteum unterstützt wurde und damit begraben schien. Die Freund/Feind-Unterscheidung ist in Bezug auf Haslangers soziale Konstruktionen der Wirklichkeit sehr deutlich stark pragmatisch konstruiert, weil sie auf einem Ausschlussdenken basiert. Das bedeutet, dass die Umsetzung der Festspielidee laut Gehmacher nur ohne die Beteiligung Lehmanns zu denken war. Seine ideologischen Vorstellungen unterschieden sich elementar von ihren. Das betrifft auch den schriftlichen Bezug auf Lehmann, da Gehmacher sie weitestmöglich ignorierte. Für Lehmann blieb der beschlossene Verzicht auf ein Festspielhaus ein Pyrrhussieg, denn kurz darauf trennte sich die Festspielhaus-Gemeinde von der Stiftung Mozarteum und wurde unabhängig. Was beide Seiten unter herausragender Kunst verstanden, blieb somit trotz der geteilten, patriarchalisch-weihevollen Absichten durch die Geschlechterunterscheidung Gehmachers völlig verschieden.

    Dessen Fronten verdeutlichen, wie stark die soziale Ausgrenzung Lehmanns verfolgt wurde. Das bezog sich nicht zuletzt auch auf ihr Kunstverständnis. Gehmacher war überzeugt „von der Notwendigkeit der Größe des Raumes und der Modernität der Bühne, einer österreichischen Konkurrenz zu Bayreuth […]“44, und er verknüpfte entschieden die Sphären der Politik und Kunst miteinander. Als er sich entschied, seine Pläne unabhängig vom Mozarteum fortzuführen, war es aus seiner deutschnationalen Überzeugung heraus geschehen. Die Zukunft des Festspielhauses war zu einer Männersache geworden. Kunst und Vermarktung, räumliche Kleinheit und Größe, Bürgertheater und deutschnationale Repräsentation, Frau und Mann standen sich feindlich gegenüber.45

    Die Fronten zeigen auch, wie weit sich die bürgerlichen Eliten in ihrer Kulturauffassung ausdifferenziert hatten. Robert Kriechbaumer zufolge betraf die Differenzierung des Bürgertums in Salzburg ab dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur ökonomische und ideologische Trennlinien, sondern auch die kulturelle Binnenstruktur. Lehmann habe das „bildungsbürgerlich-aristokratisch-nobilitierte kulturelle Milieu“ dominiert, während Gehmacher von der „dominant materialistischen Gesinnung des kapitalistischen Bürgertums“46 geprägt worden sei. Dessen stark pragmatisch ausgeprägte antifeministische Ideologie wird in der Korrespondenz deutlich. Damit lässt sich festhalten, dass es nicht an Lehmanns künstlerischen Ideen der Intimität und Schonung der Stimme lag, das Festspielhaus nicht zu bauen, sondern dass der Antifeminismus und die Ideologie Gehmachers dazu beitrugen, sie aus der weiteren Umsetzung fernzuhalten.

    Mit einem Blick auf die politischen Verhältnisse in Salzburg hat Johannes Hofinger bereits deutlich gemacht, dass nach dem Krieg zunächst die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren, die Industrie anzukurbeln und der Tourismus auszubauen waren.47 Die Arbeitslosenzahlen stiegen, ohne dass der Staat ausreichend Unterstützung gewährleistete. Bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen regierte die Christlichsoziale Partei, gefolgt von der Sozialdemokratischen Partei. Die national gesinnte Großdeutsche Volkspartei blieb mit 10 bis 20 % in den 1920er Jahren ein stabiler Teil des Bürgerstands. Ab 1932 verlor sie ihre Stimmen an die NSDAP und wurde bedeutungslos. 1920 trafen sich erstmals die österreichischen nationalsozialistischen Gruppierungen in Salzburg. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus waren Programm. Bei einer inoffiziellen Abstimmung von 1921 im Bundesland Salzburg waren 99 % für den „Anschluss“ des Rumpfstaates Österreich an Deutschland. Dass sich die Festspielpläne zudem in einer für Österreich besonders schwierigen Zeit entwickelten, zeigen die Hungersnöte in Salzburg von 1917, die auch zu Fremdenhass in der Bevölkerung führten. Gehmacher stellte fest: „Verpflegung ist recht gut hier, die Abwesenheit der Fremden macht sich wirklich günstig fühlbar, Mittelständler hatten doch nicht unrecht“48. Anstelle einer Friedensidee, wie sie von Reinhardt 1917 formuliert worden war und bis heute als Leuchtturmprojekt verteidigt wird,49 überwog die Hoffnung auf einen Zufluchtsort in einem großdeutschen Verständnis.

    Es ist daher als eine Ironie des Schicksals anzusehen, dass sich inmitten der Pläne vor Ort die künstlerisch geprägte, ihrer Herkunft nach jüdische High Society einbrachte und der Salzburger Festspiel-Gemeinde erst ihre wohlfeile Idee und Ausrichtung gab. Politik und Kunst gingen in den Gründerjahren eine durchaus enge Verbindung ein. So brachten die Mitwirkenden auch ihre unterschiedlichen Ideologien ein, die ein unterschiedliches Frauenbild beinhalteten.

    Gehmacher zeigte sich entsprechend entsetzt, als er von den Plänen Reinhardts hörte, nach Salzburg zu kommen. Er fürchtete nun von Reinhardt, dessen jüdische Herkunft ihm nicht passte, eine allzu massentaugliche Form der Geldhuberei.50 Als er einsah, dass er es nicht verhindern konnte, hoffte Gehmacher, Reinhardt ins Freilufttheater abschieben zu können und ihn als Publikumsmagnet zu nutzen, um genügend Gäste für ein deutsches Kulturprogramm nach seinen Vorstellungen im Festspielhaus zu gewinnen. Der Plan ging nicht auf. Gehmacher blieb im Hintergrund, da er sich dem übergroßen Theatermacher Reinhardt nicht in den Weg stellen konnte, obgleich er dennoch alles tat, um ihm nicht die Herrschaft zu überlassen. Damisch hatte von Anfang an die Beteiligung Max Reinhardts an den Festspielen befürchtet. Seine Vorstellungen rührten aus der musikalischen Sozialisierung in den Burschenschaften, denen er einen höheren Weiheort vermitteln wollte. Zwischen 1921 und 1938 schrieb Damisch als Kulturredakteur für die Deutschösterreichische Tages-Zeitung. 1932 trat er der NSDAP bei und sollte 1938 eine Schrift gegen den Kultureinfluss von jüdischen Musikern und Regisseuren wie Max Reinhardt verfassen. Dazwischen lagen seine Erblindung und die Ablösung der Leitungsfunktion, die ihn veränderten. Antisemitisch äußerte er sich aber schon während der Gründerzeit.51 Der Werdegang von Heinrich Damisch weist seine Radikalisierung in den 1920er Jahren und die Positionierung gegenüber der Musik als nationale Angelegenheit auf, die sich in Fantasien eines Großösterreichs und antisemitischen Hetzreden äußerte.52

    Die Verschränkung der antisemitischen und antifeministischen Haltungen führte zu einer doppelten Abwertung, die in den Schriften von Schopenhauer und Nietzsche vorgeprägt war und historisch bereits in der Zeit um 1900 untersucht worden ist.53 Ähnlichkeiten boten sich durch Ideologeme, eingeschliffene Diskursformen und Stereotype. Der Schein der Natürlichkeit führte zur Homogenisierung der ausgeschlossenen Gruppen und der Definitionen der Andersheit. Praxen der Verdinglichung bereiteten schließlich den Weg zu Diskriminierung und Ausschluss, Mord und Gewalt. Im wilhelminischen Deutschland konnte Ute Planert den antifeministischen Diskurs durch die Zurückdrängung der Frauenbewegung und gezielte Maßnahmen zur Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben nachweisen.54 Die Institutionen, die sich für die Frau am Herd stark machten und den Emanzipationsbestrebungen ein Ende bereiten wollten, waren vorwiegend Organisationen des konservativ-nationalistischen und völkisch politischen Spektrums.55 Die Verbindung der Gründerväter zum aufkommenden Nationalsozialismus hat die neuere Geschichtsschreibung dokumentiert.56

    In Österreich prägte Otto Weiningers Studie Geschlecht und Charakter (1903) den Antifeminismus. Weininger hatte eine psychologische Analyse der Geschlechterunterschiede vorgenommen und ging zum Schluss in metaphysische Spekulationen über. Er unterschied zwischen der männlichen Substanz des Geistes und der weiblichen Substanz des Stoffes, erörterte die moralische Schwachsinnigkeit der Frau und die männliche Überlegenheit. Das Buch erfuhr eine breite Rezeption und stellte die Fronten der antifeministischen Ideologie klar, die auch in Gehmachers Urteil über Lehmann wiederkehrt. U.a. durch die Vermittlung von Karl Kraus wurde Weiningers Werk als Klassiker der Epoche gehandelt. Weininger zieht in seinem Werk auch eine Parallele der unterworfenen Frau zum Judentum und stellt sich damit in die philosophische Tradition des 19. Jahrhunderts. Damit machte er Phantasmen des Bösen deutlich, auf deren Unterdrückung und Ausschluss es Weininger ankam. Anhand der rigiden Ausschlussfantasien wird der starke Pragmatismus der Schrift deutlich. Eine weitere Konkretisierung von Phantasmen zeigt sich in Weiningers Selbstbeschreibung als „präfaschistischer Charakter“, der seine Konturen durch die Verherrlichung männlicher Disziplin, rassischer Ordnung und heroischem Individualismus gewinnt.57 Weiningers Frauenhass war bekanntermaßen ebenfalls sehr ausgeprägt, der als Hass auf die eigene, „nicht überwundene Sexualität“58 lesbar wurde.

    Dass sich nicht nur die Salzburger Festspiel-Gemeinde, sondern auch namentlich Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Richard Strauss, Alfred Roller und Franz Schalk deutsch-national motiviert zeigten und ihre ideologischen und politischen Zielsetzungen einem großösterreichischen Hegemonialgedanken verpflichtet waren, ist ein Befund der jüngeren Forschung: Hofmannsthal hat, so Norbert Christian Wolf, einer „dezidiert antirationalistischen, betont konservativen und zudem latent deutschtümelnd ausgerichteten Konzeption der Salzburger Festspiele“59 das Wort geredet. Angeregt durch die Ausführung der Massenfestspiele in der Provinz habe Hofmannsthal auch eine antimoderne und antidemokratische Stoßrichtung verfolgt.60

    In der Tat ist zunächst eine vergleichbare Zielrichtung der künstlerischen Vorstellungen festzuhalten: Besonders einig waren sich die Gründer, wie aus den Briefen und Schriften deutlich wird, über den Führungsanspruch in der Kunst, der hierarchisch organisiert war. Die anvisierte Größe der Festspiele war allen Gründern ein wichtiges Anliegen. Reinhardt war durch die Inszenierungen im Zirkus Schumann auf eine neue Riesen-Arena bedacht. Er beanspruchte die alleinige Handlungsmacht gegenüber der Festspiel-Gemeinde und wollte eine Massenwirkung erreichen. Hofmannsthal wurde von Rudolf Pannwitz ermutigt, „dass man über Salzburg Sie fast dictatorisch bestimmen liess“61. Den künstlerischen Führungsanspruch vertrat Hofmannsthal durch seine schriftstellerische Autorität, wobei er sich durch die Wahl der Stücke Jedermann und Das Salzburger Große Welttheater auch als Nachgeborener zeigte. Messen lassen sollten sich die Stücke nicht an der Fähigkeit der Bühnendarsteller*innen, worauf Lehmann insistierte, sondern an der Wirkung: Eine Zuhörerschaft von 2.000 Menschen sollte das Festspielhaus immerhin vereinen.62 In den 1930er Jahren folgte eine Kollaboration der Leitung mit dem NS-Regime, deren Manipulation der Massen in der Salzburger Ästhetik der Massenfestspiele vorgeprägt war.63 Die Kollaboration wurde nach dem Zweiten Weltkrieg verleugnet, wie Oliver Rathkolb nachwies.64 Eine ideologiekritische Aufarbeitung der Festspiel-Gemeinde setzte erst in den 1990er Jahren ein, wobei die ideologische Selbstpositionierung nach wie vor umstritten ist.65

    Dennoch, und das ist für die weitere Argumentation entscheidend, gehen die ideologischen Einstellungen innerhalb der Gründerriege auch deutlich auseinander. Und das zeigt der Umgang mit Antisemitismus und Antifeminismus sehr deutlich. Hofmannsthal und Reinhardt waren von Beginn an auch antisemitischen Ressentiments ausgesetzt. Die heftigen Beschimpfungen seit der ersten Aufführung des Jedermann sind ausführlich dokumentiert: Antisemitische Ressentiments wandten sich vor allem gegen die drei großen Vertreter Hofmannsthal, Reinhardt und Alexander Moissi (dessen ausländischer Name zur Verunglimpfung ausreichte) und wurden öffentlich gemacht.66 Sie hatten die Ausschlusspraktiken der deutschnationalen Politik folglich selbst erfahren. Dass Hofmannsthal nicht besonders hoch von der provinziellen Festspielhaus-Gemeinde dachte, ist ebenfalls belegt. Norbert Christian Wolf folgerte über Hofmannsthals Salzburger Schriften: „Die ‚nationale‘ Komponente erscheint […] einmal mehr als bloßes Zugeständnis an ein reaktionäres Milieu und einen Zeitgeist […].“67 Es seien Lippenbekenntnisse gewesen, die die Antisemiten in Salzburg bereits geahnt hätten und sich daher nicht blenden lassen wollten. Rückblickend lassen die Lippenbekenntnisse auf Hofmannsthals Absichten gegenüber ideologischen Verfestigungen schließen. Sein „Slalom zwischen widersprüchlichen Ambitionen“, wie Gerard Mortier schrieb, macht deutlich, dass die Unterscheidung der homogenen Gruppierungen bei Hofmannsthal schwach pragmatisch strukturiert war, d.h., dass Juden und Nicht-Juden nicht deutlich voneinander unterschieden waren und keine radikalen Konsequenzen daraus entstanden sind. Das bedeutet im Klartext, dass auf der Seite der Kunstschaffenden keine Verfestigung und Verhärtung der Ideologien beobachtet werden kann.

    Das Gleiche ist für die Unterscheidung von Mann und Frau zu beobachten, denn auch hier verfangen keine radikalen Ausschlusspraktiken. Vielmehr ergab sich für die Beteiligung von Frauen in den Gründerjahren der Salzburger Festspiele durch Reinhardt und Hofmannsthal eine Öffnung. Reinhardt holte zahlreiche Stars des Theaters mit jüdischer Provenienz nach Salzburg: Schauspielerinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen und Opernsängerinnen, deren Wirkungskreise und Lebenswege erst in Ansätzen eruiert wurden, konnten aufgrund ihrer breiten Kontakte und dem Austausch bis in die höchsten Kreise produktiv zur Festspielhausidee beitragen.68 Bertha Zuckerkandl förderte die Festspiele ideell, und Irene Hellmann trat als Sponsorin auf. Jüdische Sängerinnen der Wiener Staatsoper wie Rosette Anday, Claire Born und Elisabeth Schumann wurden engagiert. Der Tanz wurde durch Tilly Losch und Margarete Wallmann präsentiert. Reinhardt nahm seine Entourage an Kulturmanager*innen und künstlerischen Stars mit in die Provinz, wozu Helene Thimig, Frieda Richard, Marianne Walla, Paula Wessely, Lili Darvas, Gisela Werbezirk, Else Wohlgemuth und Sybille Binder zählten. Dazu kamen zahlreiche jüdische Tänzerinnen, die unter der Leitung von Margarete Wallmann arbeiteten. Auch unter den Musikerinnen konnte auf die Sopranistinnen nicht verzichtet werden, die zu einem großen Teil jüdisch waren. 1922 „stechen eine Vielzahl von Sängerinnen jüdischer Herkunft ins Auge“69 – Anna von Mildenburg, Elisabeth Schumann, Rosetta Anday, Claire Born, Rose Pauly Margit Bokor und Fritzy Massary. Unter 13 Komponist*innen der Salzburger Kammermusiktage, die bereits 1922 stattfanden, befand sich mit Ethel Smith ebenfalls eine Frau. Daraus ist ein Umgang mit Frauen zu folgern, der sich von einer radikal misogynen Haltung unterscheidet. Frauen wurden ebenfalls zu allen möglichen Rollen und Funktionen innerhalb der Festspiele berufen. Von einer Gleichstellung kann allerdings nicht vollständig die Rede sein, denn der Antifeminismus war anders kodiert und strukturiert, wie abschließend nur angedeutet werden kann.

    Um die Unterscheidung der Geschlechter bei Hofmannsthal und Reinhardt besser zu erfassen, sind nicht zuletzt die Stücke und Aufführungen ausschlaggebend, in denen sich die künstlerischen Ideologeme festgeschrieben haben. Jedermann und Das Salzburger Große Welttheater waren aus Vorlagen entstanden, in deren Dienst sich Hofmannsthal stellte und damit auch einen Kunstbegriff vertrat, der der Kunst eine Epigonenstellung gegenüber dem Religiösen zuerkannte. Für die Salzburger Neuinszenierung des Jedermann hat die Forschung den Aspekt der Rekatholisierung bereits als dominant hervorgehoben.70 Daher ist die Imagination der Frau auch in den Kontext der katholischen Erneuerungsbewegung Renouveau catholique zu stellen, die Hofmannsthal in Salzburg aktiv unterstützte. Damit ist ein anderes Frauenbild verbunden, das ebenfalls hierarchisch geordnet ist, aber nicht die gleichen Inhalte vertritt. Einige abschließende Andeutungen mögen zu weiteren Forschungen in dieser Richtung anregen.

    Die Rollenverteilung bleibt im Jedermann eigentümlich statisch, was traditionell streng vorgeprägt ist. Der männliche Hauptcharakter wird von stereotypen Rollenmustern umgeben, wozu Jedermanns Mutter, des Schuldknechts Weib, die Buhlschaft und etliche junge Fräulein gehören. Die Werke, der Glaube und die Engel werden auch von Schauspielerinnen gespielt. Für Jedermanns Selbstauseinandersetzung bilden die Rollen wertvolle Ergänzungen, bleiben jedoch stets auf die Hauptfigur bezogen und stehen nicht für sich allein. Die Geschlechter sind zwar voneinander getrennt und bilden ein Kraftfeld, in dessen Mitte jedoch ausschließlich Jedermann steht, der folglich nicht als Mensch an sich, sondern als ein Mann erscheint. Die Bedeutung der Männlichkeit ist in der Jedermann-Figur nicht zu unterschätzen. Er dominiert die Szenerie, protzt und prahlt, kauft sich die Welt, wie es keiner einzigen Frau in der Literaturgeschichte jemals zugedacht wurde. Mit seinem Handeln steht er schließlich allein da und muss erkennen, dass er sein Leben verfehlt hat. Nach Hofmannsthal ist das Ziel, dass er durch das Schöpfungsgeheimnis wieder zurück in die Gemeinschaft kehren soll. Den Weg zeigen ihm mitunter die Frauen.

    In der katholischen Erneuerungsbewegung Renouveau catholique werden die Frauenfiguren erst einige Jahre später von Gertrud von le Fort als Teile eines „mysterium caritatis“ reformuliert, womit das geistige Wirken in einen Zusammenhang der Kräfte von Mann und Frau gestellt wird.71 Von le Fort zeigt die göttliche Ordnung als Polarität der Geschlechter, die sich anziehen und gegenseitig ergänzen. Um als andere Hälfte des Seins zu bestehen, könne die Frau nicht nur ein Anhängsel sein, sondern müsse sich auch in ihren geistigen Gaben als Gefährtin des Mannes erweisen. Sie taucht als „sponsa“, „virgo“ und „mater“ auf. Die Frau trägt wie der Mann auch in der Liebesbeziehung die „geistige Verantwortung des einen für den andern auf dem Weg zu Gott“72. Bildung, Verantwortung, Arbeit, aber auch Jungfräulichkeit und Kinderlosigkeit gehören in den Bereich des katholisch geprägten weiblichen Selbstverständnisses. Die Frau erhält somit einen festen Platz im religiösen Kontext, der Hofmannsthals Rollenverteilung sehr nahekommt. Wie auch andere Schriften zeigen, ist der Autor zunehmend, auch über den Jedermann hinaus, katholisch geprägt.

    Dass die Frau als Figur von einem emanzipatorischen Fortschritt genauso weit entfernt ist wie die deutschnational abwertenden Frauenbilder, liegt auf der Hand, denn sie verharrt in der Ordnung des katholischen Glaubens auf einer niederen Stufe. Von le Fort schrieb erst in den 1930er Jahren zum Frauenbild, wobei eine umfassendere Einbindung von Hofmannsthals Texten in die Bewegung des Renouveau catolique mehr Aufschluss über die Frauenfiguren im Einzelnen geben könnte. Von den einschlägigen Frauengestalten wäre ganz gewiss auch eine stärkere symbolische Zuspitzung in dem Sinne zu erwarten, in dem Hofmannsthal die Jedermann-Inszenierung verfasst hatte.

    Heutige Inszenierungen müssten sich entsprechend zur Geschlechterproblematik des Jedermanns verhalten, wenn sie die antifeministischen Vorstellungen nicht ungeteilt übernehmen wollen. Dass Jedermann bisher alles gewesen sei, nur keine Frau, bemerkte Joachim Lange in einem in der taz veröffentlichten Artikel am Ende der Saison 2023.73 Sie könnten zum Beispiel auf Distanz zu der katholischen Hierarchie gehen, die im Stück angelegt ist. Die hierarchische Achse Mann/Frau und die ihr zugeordneten Wertvorstellungen könnten sie im gegenwärtigen Kontext als symbolisch kraftlos zeigen. Sie könnten dies erreichen, indem sie die Geschlechterrollen wechseln und Jedermann selbst zu einer sexuell schillernden Figur werden lassen, die sich Machtpositionen aneignet und sich auch für keine Macht- und Grenzüberschreitung zu schade ist. Er könnte Mensch werden in einem vollumfänglichen Sinn, der zwischen den Geschlechtern changiert, ohne sie von Beginn an zu unterscheiden und eines abzuwerten. Nach Sally Haslanger wäre die Unterscheidung der Geschlechter in dieser Form schwach pragmatisch konstruiert, was auch dem Anspruch an ein divers orientiertes Gesellschaftsverständnis nahekommt. Eine andere Form des Umgangs mit den Geschlechterrollen im Text wäre es, ihre Funktion weiter zu übertreiben und die Folgen von antifeministischen Weltsichten aufzuzeigen – die heillos verkümmerten Familienmitglieder und die Buhlschaft wären dann Ausgeburten eines explizit männlichen Wahnsinns, bei dem sich der Mann aufgrund seiner Geschlechtlichkeit für etwas Besseres hält. Hierbei ginge es um die Konstruktion von stark pragmatisch konstruierten Geschlechterunterscheidungen, die nationalistisch und misogyn oder religiös katholisch gestaltet sind.

    Abschließend ist an den Aufbruch der Autorinnen zu erinnern, die sich ab den frühen Zwanzigerjahren verstärkt öffentlich äußerten. Dass Hofmannsthal und Reinhardt nicht auf zeitgenössische Stücke österreichischer Autorinnen im Programm zurückgegriffen haben, ist aus heutigem Verständnis ein Versäumnis. Auch hierauf könnten die heutigen Festspiele mit Inszenierungen von Anna Gmeyner, Gina Kaus und vielen anderen bis hin zu Elfriede Jelinek reagieren und ideologischen Verfestigungen entgegenwirken. Es ist daher nicht überraschend zu erkennen, wie sehr der Antifeminismus auch innerhalb der FestspielGemeinde zugegen war. Zu zeigen waren die unterschiedlichen antifeministischen Rollenvorstellungen und die Frage, inwiefern sie sich ergänzten, aufeinanderprallten und für das heutige Publikum auch problematisiert werden können.

    Wurden Sinn und Aufgabe, wie Hugo von Hofmannsthal sie für die Salzburger Festspiele formulierte, je zur Tradition? Die sogenannte Hofmannsthalsche Ideologie war ein Slalom zwischen widersprüchlichen Ambitionen und deren programmatischer Umsetzung; zwischen sakralisierter Kunst und Theater als festlicher, freudenspendender Anstalt; zwischen dem von Hofmannsthal hochstilisierten „bayrisch-österreichischen Stamm“ und Lilli Lehmanns Sorge um einen Salzburger Mozart; zwischen Wiener Kolonisationsbedürfnis und Salzburger Selbstverständnis; zwischen Richard Strauss und Bernhard Paumgartner; zwischen Träumen von einer Stadt als Bühne und klerikaler Kleinkariertheit.

    aus: Gerard Mortier: „OMBRA FELICE“. In: Mortier, Gerard / Kathrein, Karin (Hg.): Salzburger Festspiele 1992-2001. Bd. 1. Wien: Zsolnay 2001, S. 9-21, S. 10-11.

    Wenn schon Festspiele, warum gerade in Salzburg? Der bayrisch-österreichische Stamm war von je der Träger des theatralischen Vermögens unter allen deutschen Stämmen. Alles, was auf der deutschen Bühne lebt, wurzelt hier, so das dichterische Element, so das schauspielerische.

    aus: Hugo von Hofmannsthal: „Die Salzburger Festspiele“. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 543-548, S. 546.

    Ingenieur Schurich ist Donnerstag in Wien. Ich werde ihn Mittag 1 Uhr zum Kummer schicken, damit Du mit ihm Fühlung bekommst, er ist ein sehr fleißiges Ausschussmitglied, zwar etwas einseitig in seinen Anschauungen, aber von deutscher Schneid und Gründlichkeit.

    aus: Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 22. Jänner 1918. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 336.

    Es kann niemals der Nachfrage nach Plätzen auch nur annähernd genügt werden und die Folge des kleinen Fassungsraumes ist auch die Unmöglichkeit der Abgabe billiger Plätze, so daß das in der Wertung einer künstlerischen Darbietung so wichtige Publikum aus dem Mittelstande von diesen einzig dastehenden Musteraufführungen geradezu ausgeschlossen ist. Hier Wandel zu schaffen, ist eine künstlerische und eine patriotische Pflicht.

    aus: Friedrich Gehmacher: Entwurf eines Promemorias. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 152-155, S. 152.

    Schritt für Schritt verfolgt auch heute noch diese Gemeinde, von hochgemuten Männern geführt, ihre edlen Zwecke und hat große Ziele erreicht […]

    aus: Heinrich Damisch: „Ein Festspielhaus in Salzburg“ [1. November 1917]. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 300-305, S. 300.

    Verehrtester Herr Direktor, spielen wir nicht Verstecken wie die kleinen Kinder, sondern sprechen wir offen, wie Männern es allein geziemt.

    aus: Rudolf von Lewicki an Friedrich Gehmacher, 2. Oktober 1917. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913- 1920. Wien: Böhlau 2020, S. 290-294, S. 291.

    Es ist eine Reihe von gutwilligen, höchstachtbaren und braven Männern daran, in der gegenwärtig wirklich nicht rosigen Zeit die Werbepropaganda für unser Unternehmen in uneigennütziger und selbstloser Weise zu betreiben.

    aus: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 17. Jänner 1918. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 329-330, S. 330.

    24.8.1916, abds.
    Die Ortsgruppe ist jetzt schon gesichert. Bis heute sind beigetreten: […] Frau Maria Mayer und Frau Nikita Gorlitzer (für weibl. Propaganda).

    aus: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 24.8.1916. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 146-147.

    Frau L [Lilli Lehmann] scheint ganz die Contenance verloren zu haben, schickt ein dringendes Telegramm um das andere, Briefe schwirren nur so durch die Luft, und die Anhänger patriarchalisch-beschaulicher Tätigkeit sind ganz aus der Ruhe gebracht.

    aus: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 3.10.1916. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 219.

    Lieber Freund,
    von zurücktreten kann keine Rede sein. Du mußt den Kampf aufnehmen. Viel eher müßten Frau Lehmann samt Herrn v. Lewicki abdanken. Dann wäre sicher Ruhe. Und nur dann! Außer die Salzburger wollen zu Marionetten herabsinken. Also Glückauf! Heil und Gruß an alle, die mit uns sind. Dein Damisch

    aus: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 10./10.1916.In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Band 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 231.


    Anmerkungen

    1. Zuckerkandl, Bertha: Das Erste. Ein Wort zum Mozart-Festspielhaus in Salzburg. Wien, 25.1.1919. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg. Quellen und Materialien zur Gründungsgeschichte. Bd. 1: 1913-1920. Wien: Böhlau 2020, S. 459-460, S. 460. ↩︎
    2. Ebd., S. 460. ↩︎
    3. Damisch, Heinrich: Ein Festspielhaus in Salzburg, 1.11.1917. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg, S. 300-305, S. 300. ↩︎
    4. Memorandum der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde [ca. Anfang 1919]. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 445-446, S. 446. ↩︎
    5. Bericht über die Finanz-Enquete vom 21.1.1919. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg, S. 447-459; Memorandum der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde, S. 445-446. ↩︎
    6. Festredner der Salzburger Festspiele. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Festredner_der_Salzburger_Festspiele (1.10.2023). ↩︎
    7. Vgl.: Heinrich Damisch an den Zweigverein Salzburg, 17.11.[19]19. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 511-513, S. 511. ↩︎
    8. Popp, Adelheid: Der 16. Februar. In: Die Wählerin, 6.2.1919. ↩︎
    9. Vgl.: Gisbertz, Anna-Katharina / Nieberle, Sigrid (Hg.): Die Zukunft gehört uns! Autorinnen der Weimarer Republik. Wien: Praesens 2025 (in Vorbereitung, geplant für Oktober). ↩︎
    10. Le Rider, Jacques: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. Wien: Löcker 1985, S. 164. ↩︎
    11. Ebd., S. 168. ↩︎
    12. Haslanger, Sally: Der Wirklichkeit widerstehen. Soziale Konstruktion und Sozialkritik. Berlin: Suhrkamp 2021, S. 225. ↩︎
    13. Ebd., S. 27. ↩︎
    14. Ebd., S. 27. ↩︎
    15. Rudolf von Lewicki an Ludwig Sedlitzky, 12.5.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 135-136, S. 135. ↩︎
    16. Vgl. Hoffmann, Robert: Abriss der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 17-104, S. 25-26. ↩︎
    17. Lehmann, Lilli: Mein Weg. Leipzig. Hirzel 1920, S. 428-429. Zit. n.: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 17-104, S. 40; zu Lehmanns Kampf gegen das Festspielhaus vgl. auch: Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“ Lilli Lehmann und die Salzburger Musikfeste. Wien: Böhlau 2021, S. 84-96. ↩︎
    18. Vgl.: Hoffmann, Robert: Abriss der Gründungsgeschichte der Salzburger Festspiele. In: Hoffmann, Robert: Festspiele in Salzburg, S. 17-104, S. 41. ↩︎
    19. Vgl.: Lola Artot de Padilla und Hermine Bosetti zit. n.: Stimmen zum Salzburger Festspielhause, 9.3.1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 367-370, S. 369. ↩︎
    20. Lehmann, Lilli: Vom Modernen Theater und allem, was Kunst und Künstler dabei verlieren. In: Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“, S. 136-144, S. 138. ↩︎
    21. Ebd., S. 142. ↩︎
    22. Ebd., S. 144. ↩︎
    23. Ebd., S. 144. ↩︎
    24. Ebd., S. 144. ↩︎
    25. Ebd., S. 144. ↩︎
    26. Lilli Lehmann an Rudolf von Lewicki, 15.5.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 137. ↩︎
    27. Ebd., S. 137. ↩︎
    28. Rudolf von Lewicki an Lilli Lehmann, 22.5.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 141-42, S. 142; Vgl. auch Lehmanns Brief vom 6.9.1916, in dem sie sich ganz deutlich von einem Vergleich der Festspiele mit Bayreuth abgrenzt: „Mozart kann u darf nur in kleinem Rahmen gegeben werden, damit alle Schönheiten und Feinheiten seines himmlisch reinen Genius, seiner Musik u Idealen so recht eindringlich dem Zuhörer nahe gelegt werden können.“ Lilli Lehmann an Rudolf von Lewicki, 6.9.1916, S. 161. ↩︎
    29. Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 28.8.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 148-150, S. 149. Die weiteren Gründe, warum die Festspielhausidee abgelehnt wurde, waren, dass der Erwerb von Mozarts Geburtshaus Vorrang haben sollte und Sorge bestand, wie die hohen Ausgaben zu decken seien. ↩︎
    30. Laut Kriechbaumer führten Gehmacher und Lehmann immerhin ein persönliches Gespräch über die Festspielhausidee. Vgl.: Kriechbaumer, Robert: Politiker und Impresario. Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl und die Salzburger Festspiele. Wien: Böhlau 2021, S. 30. ↩︎
    31. Gehmacher, Friedrich: Entwurf eines Promemorias. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 152-155, S. 152. ↩︎
    32. Vgl.: Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 3.4.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 259-260, S. 259. ↩︎
    33. Vgl.: Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 16.1.1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 327-328. ↩︎
    34. Vgl.: Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 13.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 177-217, S. 178; Vgl. die Gegenposition: Rudolf von Lewicki an Ludwig Sedlitzky, 16.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 186-190, S. 186. ↩︎
    35. Vgl.: Heinrich Damisch an die Mozartgemeinde des Mozarteums, 4.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 147-159, S. 158. ↩︎
    36. Friedrich Gehmacher an Rudolf von Lewicki, 29.9.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 288-290, S. 289. ↩︎
    37. Vgl. z.B. folgende Briefe: Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 6.10.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 294-295, S. 295; Friedrich Gehmacher an Arthur Schey, 21.12.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 314-315, S. 314; Heinrich Damisch an Friedrich Gehmacher, 10.10.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 295-296, S. 295; Ebd. S. 340-350. ↩︎
    38. Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 22.1.1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 335-337, S. 336. ↩︎
    39. Rudolf von Lewicki an Ludwig Sedlitzky, 14.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 181-185, S. 183; Ebd., S. 186.; Gehmacher gibt sich selbst die Blöße: „Ich bin seit Jahren auf meine Gegnerschaft trainiert und versehe mich eines Angriffes zu jeder Zeit.“ Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 209-210, S. 209. ↩︎
    40. Rudolf von Lewicki an Lilli Lehmann, 27.9.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 207-208, S. 208; Vgl. auch die Wiederholung der Behauptung, Ebd., S. 225. ↩︎
    41. Rudolf von Lewicki an Ludwig Sedlitzky. 1.6.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 270-271. ↩︎
    42. Rudolf von Lewicki an Friedrich Gehmacher, 29.12.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 320-322, S. 321. ↩︎
    43. Vgl.: Rudolf von Lewicki an Lilli Lehmann, 5.10.1916. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 222. ↩︎
    44. Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“, S. 90. ↩︎
    45. Zu den verschiedenen Formen der Abwertung und Unterordnung als manifester Ausdruck einer misogynen Einstellung vgl.: Manne, Kate: Down Girl. Die Logik der Misogynie. Berlin: Suhrkamp 2019, S. 128. ↩︎
    46. Kriechbaumer, Robert: „Salzburg hat seine Cosima.“, S. 92. ↩︎
    47. Vgl.: Hofinger, Johannes: Nationalsozialismus in Salzburg. Opfer, Täter, Gegner. Innsbruck: Studien Verlag 1916, S. 21-30. ↩︎
    48. Friedrich Gehmacher an Heinrich Damisch, 6.10.1917. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 294-295, S. 295. ↩︎
    49. Vgl.: Rabl-Stadler, Helga: Festspiele als Antwort auf den Ersten Weltkrieg: Jedermann für ein Friedensprojekt. In: Fischer, Ilse / Rabl-Stadler, Helga (Hg.): Festspieldialoge. Salzburg: Pustet 2020, S. 374-381. ↩︎
    50. Vgl.: Friedrich Gehmacher an Viktor Freiherr von Ehmig. Anfang Februar 1918. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 346-347. ↩︎
    51. Vgl. Kriechbaumer, Robert: Politiker und Impresario. Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl und die Salzburger Festspiele. Wien: Böhlau 2021, S. 32. ↩︎
    52. Eine Quelle dazu bietet: Damisch, Heinrich: Die Verjudung des österreichischen Musiklebens. In: Weltkampf 15 (1938), S. 255-261. ↩︎
    53. Vgl.: Stögner, Karin: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos 2014; Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e. V. (Hg.): Antisemitismus. Antifeminismus. Ausgrenzungsstrategien im 19. und 20. Jahrhundert. Roßdorf: Ulrike Helmer 2019. ↩︎
    54. Vgl.: Planert, Ute: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998. ↩︎
    55. Planert hatte sie im nördlichen Teil Deutschlands untersucht und ihre konfessionelle Bindung unterstrichen: „De facto […] war die antifeministische Liga ein im Kern protestantischer Verband.“ Planert, Ute: Antifeminismus im Kaiserreich, S. 140. ↩︎
    56. Vgl.: Kriechbaumer, Robert: Zwischen Österreich und Großdeutschland: Eine politische Geschichte der Salzburger Festspiele 1933-44. Wien: Böhlau 2013. Ob Salzburg als Ort des Widerstands gegen den Nationalsozialismus gelten kann, wie Kriechbaumer behauptet, oder nicht, hinterfragt Fritz Trümpi mit Bezug auf Andreas Novaks einschlägige Studie, vgl.: Trümpi, Fritz: R. Kriechbaumer: Zwischen Österreich und Großdeutschland. https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-20136
      (1.9.2023). ↩︎
    57. Vgl.: Ebd., S. 218-219. ↩︎
    58. Ebd., S. 219. ↩︎
    59. Wolf, Norbert Christian: Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg: Jung und Jung 2014, S. 81. ↩︎
    60. Vgl. ebd., S. 87. ↩︎
    61. Rudolf Pannwitz an Hugo von Hofmannsthal, 4.11.1929. In: Hoffmann, Robert (Hg.): Festspiele in Salzburg, S. 507-508, S. 507. ↩︎
    62. Vgl.: Hofmannsthal, Hugo von: Die Salzburger Festspiele. In: Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke. Reden und Aufsätze II 1914-1924. Hg. von Bernd Schoeller. Frankfurt am Main: Fischer 1979, S. 258-263, S. 258. ↩︎
    63. Zur politischen Bedeutung der Massenfestspiele in Österreich, vgl.: Janke, Pia: Politische Massenfestspiele in Österreich zwischen 1919 und 1938. Wien: Böhlau 2010. ↩︎
    64. Die „Säuberungspolitik“ bei den Salzburger Festspielen und der Einsatz deutscher Künstler*innen wurde von Salzburger*innen mitgetragen, vgl.: Rathkolb, Oliver: Trends in der Geschichtsschreibung über die Salzburger Festspiele seit 1945. In: Hochleitner, Martin / Lasinger, Margarethe (Hg.): Grosses Welttheater. Katalog zur Landesausstellung 100 Jahre Salzburger Festspiele. Wien: Residenz Verlag 2021, S. 53-57, S. 53-54.x ↩︎
    65. Einschlägig sind hierzu die Forschungsergebnisse von Michael P. Steinberg, der auf die Zerrissenheit der Festspielgründer zwischen österreichischem und kosmopolitischem Kunstverständnis eingeht. Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgt bei Andreas Novak. Kriechbaumer behauptet eine Annäherung an Mussolini, nicht an die Nationalsozialisten, vgl.: Steinberg, Michael P.: The Meaning of the Salzburg Festival: Austria as Theater and Ideology, 1890–1939. Ithaca: Cornell University Press 1990; Trümpi, Fritz: R. Kriechbaumer: Zwischen Österreich und Großdeutschland.
      https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-20136 (1.9.2023).x ↩︎
    66. Vgl.: Patka, Marcus G. / Fellner, Sabine (Hg.): Jedermanns Juden. Wien: Residenz Verlag 2021. ↩︎
    67. Ebd., S. 230. ↩︎
    68. Vgl. im Folgenden den Bezug auf die einzelnen Kapitel in: Patka, Marcus G. / Fellner, Sabine (Hg.): Jedermanns Juden. ↩︎
    69. Gruber, Gerold / Haas, Michael: „Wir haben ihn Prospero getauft.“ Musiker jüdischer Herkunft bei den Salzburger Festspielen. In: Patka, Marcus G. / Fellner, Sabine (Hg.): Jedermanns Juden. S. 180-203, S. 189. ↩︎
    70. Vgl.: Janke, Pia: Politische Massenfestspiele in Österreich zwischen 1919 und 1938, S. 203. ↩︎
    71. Vgl.: Le Fort, Gertrud von: Die Frau in der Zeit. In: Le Fort, Gertrud von: Die ewige Frau. Die Frau in der Zeit. Die zeitlose Frau. München: Kösel 1934, S. 55. ↩︎
    72. Ebd., S. 56. ↩︎
    73. Vgl.: Lange, Joachim: Störung mit Ansage. In: taz, 23.7.2023. ↩︎

    ANNA-KATHARINA GISBERTZ

    Studium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Komparatistik. Seit 2021 Professorin an der Universität Mannheim. Seit 2011 Vorstandsmitglied der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft. Mehrere Gastdozenturen u.a. in Sarajevo, Ljubljana und Tilburg sowie Gastprofessuren an der Universität Wien und der Technischen Universität Dortmund. Forschungen zu ästhetischen, narrativen und gendertheoretischen Fragen, zur Literatur der Wiener Moderne, den 1920er Jahren und zur Gegenwartsliteratur.