Frauen als Urheberinnen – Uraufführungen und Schwerpunkte bei den Salzburger Festspielen
Uraufführungen von Werken von Frauen bei den Salzburger Festspielen
DORIS PRACHINGER
Zur Eingrenzung des Begriffs „Uraufführung“
Eine Uraufführung ist die „erste Aufführung eines neuen Werkes“1. Doch was gilt als neues Werk? Während die Salzburger Festspiele in ihren Aufzeichnungen großzügig auch Aufführungen neuer Fassungen von alten Werken als Uraufführungen ausweisen, werden derartige Aufführungen in diesem Beitrag nicht als Uraufführungen gewertet. Die diesem Beitrag zugrundeliegende Aufstellung, aus dem im Folgenden Zahlen genannt werden, ist grundsätzlich nach einem engeren Verständnis von „Uraufführung“ konzipiert: Werke, bei denen ein großer Teil, z.B. die Komposition, neu ist, sind enthalten. Falls nur das Libretto neu ist, ist das nicht ausreichend für eine Einstufung als Uraufführung. Wenn mehrere Musikstücke im Rahmen desselben Konzerts uraufgeführt wurden, dann wird jedes der Stücke einzeln als Uraufführung eingestuft.
Zur Quellenlage
Ich beziehe mich als Quelle auf das alte Online-Archiv der Salzburger Festspiele, wobei ich hier bei der Recherche den Filter „Uraufführungen“ nicht aktivierte, denn dieser lässt manche Einträge aus, wie etwa L’Amour de loin und er nicht als er (zu, mit Robert Walser) – dabei sind gerade diese Beispiele besonders wichtige Uraufführungen von Frauen.2 Aus diesem Grund wurde für diesen Beitrag jeder einzelne Eintrag des Online-Archivs auf eine Nennung des Begriffs „Uraufführung“ hin untersucht. Da das Online-Archiv nur Einträge bis 2018 liefert, wurden für die folgenden Jahre die benutzerunfreundliche neue Online-Seite der Salzburger Festspiele und die online verfügbaren Programmbücher der Jahre 2021-23 als Quellen benutzt.3 Sowohl das alte als auch das neue Online-Archiv sind unvollständig. Ich beziehe mich trotzdem darauf, da diese Online-Quellen die offiziellen Quellen des Archivs der Salzburger Festspiele sind. Der letzte mögliche Kontrollschritt wäre der langwierige Einblick in die gedruckten Programmhefte aller Veranstaltungen. Es wäre aber die Aufgabe der Bereitsteller*innen der Archiv-Seite, ihre Einträge mit jenen in den gedruckten Programmen abzugleichen und demnach zu vervollständigen.
Wären die schwerer zugänglichen Programmhefte das zugrunde liegende Quellenmaterial, so wäre ein ebenso fragwürdiger Datensatz das Resultat, da Ausfälle und Änderungen nach dem Druck dieser Programme nicht ausgewiesen sind. Dagegen hat das Online-Archiv den Vorteil, dass es Ausfälle und Änderungen von geplanten Veranstaltungen zumindest teilweise beinhaltet. Um eine Aufstellung möglichst vollständig zu machen, benötigt man bei der derzeitigen Situation des Online-Archivs also beides: Online-Daten und Programmhefte.
Da das Online-Archiv im Großen und Ganzen umfassend ist, präsentiere ich die folgenden Ergebnisse nicht mit einer Garantie auf Vollständigkeit, aber in der Überzeugung, dass sie ausreichend sind, um aussagekräftig zu sein. Zugleich ist die Unvollständigkeit des Online-Archivs der Salzburger Festspiele kritisch zu bewerten, eine Überarbeitung ist dringend nötig.
Auswertung der Daten
In den Jahren 1920-2023 gab es bei den Salzburger Festspielen 256 Uraufführungen. Davon waren 229 Werke von Männern, 18 Werke von Frauen und neun Werke von Teams, die sich aus mindestens einem Mann und mindestens einer Frau zusammensetzen. Somit waren bis dahin 89,5 % der Uraufführungen Werke von Männern, 7 % waren Werke von Frauen und 3,5 % waren Werke von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren.
Die erste Uraufführung eines Werks einer Frau fand im Jahr 1996 statt. Bei der Betrachtung des Zeitraums, in dem es Uraufführungen von Werken von Frauen gab, 1996-2023, ergibt sich folgendes Bild: Es gab in diesem Zeitraum 145 Uraufführungen, davon waren 119 (82,1 %) von Werken von Männern, 18 (12,4 %) von Werken von Frauen und acht (5,5 %) von Werken von Teams, in denen beide Geschlechter vertreten waren. Abgesehen von einer Mitarbeit bei einem Libretto 1966 hatten Frauen auch in der Zusammenarbeit mit Männern in einem Verfasser*innen-Team vor 1996 keine Uraufführungen bei den Salzburger Festspielen.
Das prozentuale Verhältnis der Uraufführungen von Werken von Frauen zu den Uraufführungen von Werken von Männern wird in abgebildeten Diagrammen veranschaulicht.
Die genannten Zahlen zeigen, dass Frauen bei der Vergabe des Privilegs einer Uraufführung bei den Salzburger Festspielen bisher stark benachteiligt waren. Warum war das so?
Die Ursache ist der patriarchale, konservative Rahmen, in dem die Salzburger Festspiele gegründet wurden. Dieser Rahmen konnte sich über die Jahrzehnte hinweg als Tradition etablieren und stabil halten. Progressivere Ansichten konnten bisher nur wenig Eingang in die Salzburger Festspiele finden, sodass der Weg zu mehr Beteiligung von Frauen bei Uraufführungen bisher sehr langsam begangen wurde. Es war bis 2023 ein Weg, auf dem man immer nur ein, zwei Schritte vorwärts gehen konnte und dann vor einer roten Ampel warten musste, bis es wieder grünes Licht für Frauen gab. Diese Entwicklung wird durch ein weiteres Diagramm veranschaulicht.
Im direkten Vergleich der Jahre ist ersichtlich: 2023 waren die Salzburger Festspiele mit ihren Uraufführungen wieder da, wo sie bereits 1996 waren. In der Darstellung ist auch augenfällig, dass die Salzburger Festspiele im Zeitraum 1996-2023 kein kontinuierlich gleichbleibendes Verständnis von der Bedeutung von Uraufführungen hatten, sondern es Phasen gab, in denen Uraufführungen als unwichtig vernachlässigt wurden, und Phasen, in denen mehr Uraufführungen ins Programm aufgenommen und auch durch Auftragsvergaben gefördert wurden. So verhielt es sich bereits in früheren Zeiträumen. In den 1950er Jahren wurden elf Werke bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, in den 1960er Jahren gab es insgesamt nur fünf Uraufführungen, und in den 1970er Jahren fanden 20 Uraufführungen statt.
Die Intendanten der Salzburger Festspiele waren bis jetzt ausschließlich Männer. Natürlich müssten Männer nicht unbedingt Männer bevorzugen, die Daten und Fakten zeichnen aber genau dieses Bild. Die Intendanten vor Gerard Mortier ließen keine Uraufführung eines Werks einer Frau zu. Mortier begann 1991 als Intendant. 1996 wurde unter seiner Leitung zum ersten Mal ein Werk einer Frau bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.
Welchen Anteil hatten die Uraufführungen von Frauen in den Intendanzen seit Mortier? Das zeigt der prozentuale Vergleich der Uraufführungen von Frauen unter den verschiedenen Intendanten: Mortier (1991-2001): 6,1 % (49 UA, drei von Frauen); Ruzicka (2002-06): 16,7 % (42 UA, sieben von Frauen); Flimm (2007-10): 0 % (12 UA, keine von Frauen); Pereira (2012-14): 11,8 % (34 UA, vier von Frauen) und Hinterhäuser (2011, 2017-23): 15,8 % (19 UA, drei von Frauen). Das Diagramm stellt das auch bildlich dar.
Bei dieser Auflistung sticht Jürgen Flimm als ein weiterer Intendant, der keine Uraufführung von Werken von Frauen ermöglichte, hervor. Die Frage drängt sich auf: Wurden Frauen damals auch in anderen Bereichen der Salzburger Festspiele wieder zurückgedrängt?
Positiv erscheint in diesem Vergleich hingegen Peter Ruzicka, unter dessen Leitung Uraufführungen von Frauen einen höheren Anteil hatten als je zuvor und danach. Allerdings gab es in den ersten drei Jahren seiner Intendanz (2002-04) auch eine Phase mit keiner Uraufführung eines Werks einer Frau.
Der aktuelle Intendant Markus Hinterhäuser hat den zweithöchsten Anteil der Uraufführungen von Werken von Frauen und den höchsten Anteil von Werken, die in der Kooperation mindestens eines Mannes und mindestens einer Frau geschaffen wurden, sodass die insgesamte Beteiligung von Frauen als (Mit-)Verfasserinnen an Uraufführungen in seiner Ära bis 2023 am höchsten und der Anteil der Uraufführungen rein von Männern am niedrigsten war. Niedriger als je zuvor, machte der Anteil der Uraufführungen rein von Männern aber immer noch mehr als zwei Drittel aus.
Auch den Orten, an denen die Uraufführungen stattfanden, kommt Bedeutung zu. Fünf der 18 Uraufführungen von Frauen – das sind 27,8 % – fanden auf den großen Bühnen mit über 1.000 Plätzen, also im Großen Festspielhaus oder in der Felsenreitschule, statt. Im Zeitraum 1996-2023 gab es auf diesen großen Bühnen 22 Uraufführungen von Werken von Männern, diese machten allerdings nur 18,5 % aller Uraufführungen von Werken von männlichen Verfassern in diesem Zeitraum aus. Die kleineren Bühnen wurden häufiger bespielt. Anhand dieser Daten kann der Verdacht, dass Frauen auch bei der Ortszuweisung für ihre Uraufführungen benachteiligt würden, für den Beobachtungszeitraum widerlegt werden. Aber tatsächlich gilt dieser Gegenbeweis nur bis zum Jahr 2006, denn seither gab es keine Uraufführung vom Werk einer Frau auf einer großen Bühne.
Ein weiterer Verdacht war, dass uraufgeführte Werke von Frauen häufiger Werke für Kinder waren. Allerdings gab es bisher nur eine Uraufführung für Kinder rein von Frauen. Insgesamt gab es erst sechs Uraufführungen von Werken für Kinder, diese Schiene ist noch nicht lange im Programm der Salzburger Festspiele. Hinter zwei dieser sechs Uraufführungen steht ein Team mit mindestens einem Mann und mindestens einer Frau, das sind aber noch zu wenige Daten, um ein Muster zu erkennen.
Innerhalb der Sparten der Salzburger Festspiele verteilten sich die Uraufführungen von Frauen folgendermaßen: acht Konzerte, drei Opern und sieben Theaterstücke. Die folgenden Anteile hatten die Uraufführungen von Frauen jeweils in den Sparten im Vergleich zu den Uraufführungen rein von Männern und mit männlicher Beteiligung im Beobachtungszeitraum 1996-2023: 8,7 % bei Konzerten, 21,4 % bei Opern und 17,9 % bei Schauspielen. Folgende Anteile haben die drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Frauen: 44,4 % Konzerte, 16,7 % Opern und 38,9 % Theaterstücke. Zum Vergleich die Anteile der drei Sparten an den Uraufführungen von Werken von Männern: 68,9 % Konzerte, 7,6 % Opern und 23,5 % Theaterstücke. Diese Daten zeigen, dass der Rückstand von Frauen als Verfasserinnen von Uraufführungen im Vergleich zu Männern als Verfassern im Bereich der Konzerte am größten ist.
Im Zeitraum seit 1996 gab es unter den 145 Uraufführungen 65 Auftragswerke der Salzburger Festspiele, davon waren 54 (83,1 %) von Männern, acht (12,3 %) von Frauen und drei (4,6 %) von einem Team aus Vertreter*innen beider Geschlechter. Diese prozentuale Aufteilung ist beinahe identisch mit jener von allen Uraufführungen im Beobachtungszeitraum. Die Abweichung ist aber nicht so gering, weil der Anteil der Auftragswerke fast die Gesamtheit der Uraufführungen umfasst, denn er macht mit 44,8 % weniger als die Hälfte aus. Stattdessen ist die geringe Abweichung wohl darauf zurückzuführen, dass bei der Vergabe von Aufträgen dieselben Verantwortlichen wie beim Einbezug von Uraufführungen allgemein zuständig waren und bevorzugt männliche Verfasser wählten.
Die Daten beweisen: Bei den Entscheidungsträger*innen ist die Annahme, dass Männer die besseren Kunstschaffenden wären, nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern auch im 21. Jahrhundert verankert.
Ein Überblick über alle Uraufführungen rein von Frauen verfasster Werke bis 2023
In der folgenden Tabelle ist in der Spalte „Sparte“ angegeben, in welcher der drei Sparten, in die die Salzburger Festspiele ihre Veranstaltungen einteilen, eine Aufführung angesiedelt war. Dabei steht aus Platzgründen K für Konzert, O für Oper und S für Schauspiel. Wenn ein Werk ein Teil einer größeren Veranstaltung war, wird der Titel der Gesamtveranstaltung in der fünften Spalte genannt. Wenn das Werk allein die Veranstaltung ausmacht, stehen in der fünften Spalte nur weitere Angaben.
| Jahr | Name der Verfasserin | Titel des Werks | Sparte | bei V: Teil d. Veranstaltung bei A: Untertitel, Angaben |
| 1996 | Kaija Saariaho | Chateau de lʼame | K | V: Kaija Saariaho 1 (Next Generation) |
| 1998 | Elfriede Jelinek | er nicht als er (zu, mit Robert Walser) | S | A: Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg |
| 2000 | Kaija Saariaho | LʼAmour de loin | O | A: Oper in fünf Akten, Libretto: Amin Maalouf, Gem. Auftragswerk u. Koproduktion: Théatre du Chatelet, Paris u. The Santa Fe Opera |
| 2005 | Chaya Czernowin | III. Water of Dissent (Fragment) | K | V: Heftige Landschaften (Passagen 7) |
| 2005 | Liza Lim | songs found in dream für Ensemble | K | V: Songs found in Dream (Passagen 6) |
| 2006 | Adriana Hölszky | Dämonen für Chor und Orchester | K | V: SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg |
| 2006 | Olga Neuwirth | …miramondo multiplo… für Trompete und Orchester | K | V: Pierre Boulez |
| 2006 | Chaya Czernowin | Adama | O | V: Wolfgang A. Mozart, Chaya Czernowin – Zaide – Adama A: Reaktion auf Zaide, Auftragswerk, Koproduktion: Theater Basel |
| 2006 | Meg Stuart | Itʼs not funny! | S | A: Meg Stuart = „Damaged Goods“ |
| 2006 | Barbara Weber | Viktor! Happiness is a warm gun | S | A: nach Motiven von Roger Vitrac, (Young Directors Project II), Zusammenarbeit: Theater Freiburg und HAU Berlin (Hebbel am Ufer) |
| 2012 | Princess Zinzi Mhlongo | Trapped | S | A: Young Directors Project, Tick Tock Productions/Südafrika |
| 2013 | Nina Šenk | zu „Gurken“ von Erwin Wurm | K | V: Salzburg contemporary – Scharoun Ensemble |
| 2013 | Olga Neuwirth | zu „Ziffern im Wald“ von Mario Merz | K | V: Salzburg contemporary – Scharoun Ensemble |
| 2014 | Suzanne Andrade | Golem | S | A: Nach Motiven von Gustav Meyrink, Koproduktion: 1927, Young Vic / London und Théâtre de la Ville / Paris |
| 2015 | Olga Neuwirth | Eleanor Suite für Bluessängerin, Schlagzeug und Ensemble | K | V: Salzburg contemporary – Boulez – Klangforum Wien II |
| 2019 | Theresia Walser | Die Empörten | S | A: Eine finstere Komödie, Koproduktion: Schauspiel Stuttgart |
| 2021 | Elisabeth Naske, Ela Baumann | Vom Stern, der nicht leuchten konnte | O | A: Oper für Kinder |
| 2023 | Mareike Fallwickl | Die Wut, die bleibt | S | A: Koproduktion: Schauspiel Hannover |
Bei vielen der Werke, die aus einer Kooperation von mindestens einem Mann und mindestens einer Frau entstanden sind, war der Beitrag der Frau lediglich der Text, während die Musik von einem Mann stammte. Es gibt hier zwei nennenswerte Theaterarbeiten:
2020: Everywoman. Von: Milo Rau, Ursina Lardi. Ausgehend vom Jedermann. Koproduktion: Schaubühne Berlin.
2022: Reigen. Von: Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leïla Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Kata Wéber, Lukas Bärfuss, Hengameh Yaghoobifarah, Jonas H. Khemiri. Nach Arthur Schnitzler. Koproduktion: Schauspielhaus Zürich.
Die Verfasserinnen von bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Werken
Zu Elfriede Jelineks Präsenz bei den Salzburger Festspielen gibt es einen eigenen Beitrag, daher findet sie hier nur kurze Erwähnung.
Olga Neuwirth, von der drei Werke uraufgeführt wurden, war in den Jahren 1995-2015 in elf Konzerten mit ihren Kompositionen vertreten. 1998 hatte sie einen Beinahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Porträtkonzerten, also im selben Jahr des Schwerpunkts zu Elfriede Jelinek.
Von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho wurden in den Jahren 1996-2017 in sieben Veranstaltungen der Salzburger Festspiele Werke aufgeführt. Sie hatte 1996 ebenfalls einen Beinahe-Schwerpunkt mit zwei nach ihr betitelten Konzerten, beim ersten davon fand die Uraufführung von Chateau de l’ame statt. Von Chaya Czernowin wurden von 2005-13 fünf Werke bei Veranstaltungen der Salzburger Festspiele aufgeführt. Von Saariaho und Czernowin gab es jeweils zwei Uraufführungen bei den Salzburger Festspiele.
Mareike Fallwickl war mit einem Werk, Die Wut, die bleibt, bei den Salzburger Festspielen vertreten. Im Kontext ihrer Uraufführung führte sie das feministische Thema ihres Stücks aus, etwa beim TerrassenTalk der Salzburger Festspiele4 oder in einem Interview mit dem Standard, in dem sie Folgendes sagte: „Es freut mich, dass es ein Stoff wie meiner zu den Festspielen schafft. Ich bin die einzige Autorin im Schauspielprogramm, und ich lebe sogar noch. Mein Stück könnte eine Handgranate sein, die wir zünden, um Strukturen von innen aufzubrechen.“5
Schwerpunkte zu Frauen
Ein Überblick
Bei einer Definition von „Schwerpunkt“ als einer auch als solcher ausgewiesenen Reihe von mindestens drei Veranstaltungen innerhalb eines Jahres sind bei den Salzburger Festspielen bis 2023 nur drei Schwerpunkte zu je einer Frau als Komponistin oder Autorin zu finden. Die Schwerpunkte zu Männern im Vergleich konnten bislang noch nicht erfasst werden, doch bereits beim Überfliegen des Programms ist zu erkennen, dass viel mehr Schwerpunkte zu Männern stattfanden und darunter auch viele größere waren. Der mit Abstand umfassendste Schwerpunkt zu einer Frau – und der einzige große – war jener zu Elfriede Jelinek, der in den folgenden Beiträgen erörtert wird.
Einzelveranstaltungen sind noch kein Schwerpunkt, doch es gab in den letzten Jahren immerhin einige Randveranstaltungen mit feministischen Themen, die als honourable mentions genannt werden:
-2022: Kapital.Geschlecht. Dieses Symposium wurde vom Interuniversitären Forschungsverbund Elfriede Jelinek initiiert und hat in Kooperationen mit den Salzburger Festspielen und dem Literaturarchiv Salzburg stattgefunden.
– 2023: Recherche 2 Frauen Literatur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
– 2023: Lesung von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht
Auch eine Erwähnung wert ist ein kleiner Schwerpunkt zu einer Pianistin, der aus dem Programm hervorsticht: MITSUKO UCHIDA 1-3 im Jahr 1995. In den Jahren 1989-2023 hat Mitsuko Uchida den Online-Archiven zufolge in 21 Konzerten der Salzburger Festspiele gespielt und wurde auch im Titel von elf dieser Konzerte genannt.
Eine verpasste Chance für einen Schwerpunkt soll an dieser Stelle auch angeführt werden: 2005-06 war Chaya Czernowin „Composer in Residence“ der Salzburger Festspiele.6 Werke von ihr wurden im Jahr 2005 bei drei Konzerten gespielt, von denen eines ein Porträtkonzert war. Hier hätten die Salzburger Festspiele in ihrem Programm für 2005 nur mehr einen Zusammenhang über die Komponistin ausweisen brauchen, und es wäre bereits genug für einen ausbaufähigen Schwerpunkt gewesen. Stattdessen haben sie das nicht gemacht und auch nirgends auf der Homepage oder im gedruckten Programm von 2005 vermerkt, dass Czernowin in diesem Jahr „Composer in Residence“ war.
Christa Wolf 2003 – Die vergessene Dichterin zu Gast
Christa Wolf war im Jahr 2003 als Dichterin zu Gast in der Reihe Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen. Das wird im 2003-Eintrag der Timeline der Salzburger Festspiele erwähnt, und im alten Online-Archiv existiert ein Eintrag, der nur aus der Überschrift Dichter zu Gast CHRISTA WOLF besteht.7 Auf der Homepage der Salzburger Festspiele finden sich keine weiteren Angaben zu diesem Schwerpunkt. Die Informationen zu den Programmpunkten sollten eigentlich im Online-Archiv zu finden sein. Ihr Fehlen dort bis ins Jahr 2024 ist ein Versäumnis. Nur im gedruckten Programmheft zum Schwerpunkt sind die Angaben dazu noch zu finden, aber dafür muss man ein solches Programmheft erst einmal auftreiben.8
Der Schwerpunkt gliederte sich in die folgenden drei Programmpunkte, die alle im Salzburger Landestheater stattfanden:
– Sonntag, 17.8.2003, 11 Uhr: Christa Wolf liest Christa Wolf: Leibhaftig
– Montag, 18.8.2003, 19.30 Uhr: „Hero(i)sches Testament“. Texte von Inge Müller, Brigitte Reimann, Maxie Wanderer und Irmtraud Morgner ausgewählt von Christa Wolf
Jutta Hoffmann liest aus: Inge Müller, Daß ich nicht ersticke am Leisesein. Maxie Wanderer, Leben wär‘ eine prima Alternative und Guten Morgen, du Schöne. Johanna Schall liest aus: Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand. Irmtraud Morgner, Das heroische Testament
– Mittwoch, 20.8.2003, 22 Uhr: Performance nach Medea. Stimmen von Christa Wolf. Text – Musik – Malerei. Livepainting am Overheadprojektor. Mit Christa Wolf, Helge Leiberg (Overheadprojektion, Live-Painting), Lothar Fiedler (Gitarre, Live-Elektronik, Tapes) und Heiner Reinhardt (Bassklarinette, Sopransaxophon)
Mit dem Programmheft zum Schwerpunkt haben dessen Gestalterinnen um die Redakteurin Ulli Stepan – ein rein weibliches Team – eine bemerkenswerte Publikation geschaffen, die weit mehr als die Basisinformationen zu den Veranstaltungen beinhaltet. Es umfasst 40 Seiten zu Christa Wolf und ihrem Programm (und acht Seiten Werbung) und inkludiert viele Zitate aus Werken der Autorin sowie je einen Ausschnitt aus den Werken der von ihr für ihre Favoritenlesung ausgewählten Autorinnen. Außerdem gibt es darin Texte von Christa Wolf: den Essay Assoziationen in Blau, den kurzen Text Verletzt. im Kontext der Lesung ihres Romans Leibhaftig, den Begleittext Hero(i)sches Testament zur gleichnamigen Veranstaltung sowie im Kontext der Performance nach dem Roman Medea. Stimmen die Begleittexte Medea. Stimmen und Von Kassandra zu Medea. Die Autorin hat damit einen großen Teil zu diesem Programmheft beigetragen. Neben den Texten Wolfs und der anderen gelesenen Autorinnen beinhaltet es noch Biografien und Bilder zu allen am Schwerpunkt beteiligten Künstler*innen, eine Rezension zu Leibhaftig von Therese Hörnigk und den Klappentext dieses Romans sowie eine alte Laudatio für Wolf von Günter Grass.
Im Begleittext zu der Lesung der von ihr gewählten Texte anderer Autorinnen schrieb Christa Wolf: „Ich habe Texte von diesen vier Kolleginnen ausgewählt, weil sie es verdienen, im Gedächtnis bewahrt zu werden und weil ich der Gefahr entgegenarbeiten möchte, daß auch sie und ihr Werk, wie so vieles, in den Strudel des Vergessens gerissen wird.“9 Die Autorin warnte hier vor dem Vergessen als einer Gefahr, der sie dann selbst zum Opfer fiel. Ihr Anspruch, dagegen zu wirken, wurde zwar abgedruckt, aber von den Verantwortlichen für die Archivierung bei den Salzburger Festspielen nicht respektiert, da die Veranstaltungen des Schwerpunkts bisher nicht in das große Gedächtnis, als das das Online-Archiv fungiert, aufgenommen wurden, sodass das Zitat von Wolf im Jahr 2024 eine traurige Ironie darstellt.
Galina Ustwolskaja 2018 – „Zeit mit Ustwolskaja“
Der Schwerpunkt gliederte sich in fünf Konzerte, bei denen insgesamt 16 Kompositionen von Galina Ustwolskaja gespielt wurden.
Am 21.7. um 21.30 Uhr in der Kollegienkirche wurde die Symphonie Nr. 5 „Amen“ für Sprecher, Oboe, Trompete, Tuba, Violine und Holzwürfel aufgeführt.
Am 22.7. um 18 Uhr wurden zwei Stücke von Ustwolskaja gespielt: Sonate für Violine und Klavier und Duett für Violine und Klavier. Im Anschluss fand im Großen Saal um 22 Uhr die Veranstaltung Klaviersonaten – Hinterhäuser statt, bei der Markus Hinterhäuser die Sonaten für Klavier Nr. 1-6 spielte.
Am 23.7. um 20.30 Uhr wurden in der Kollegienkirche drei Kompositionen von Ustwolskaja aufgeführt: Komposition 1 „Dona nobis pacem“ für Piccoloflöte, Tuba und Klavier, Komposition 2 „Dies irae“ für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier und Komposition 3 „Benedictus, qui venit“ für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier.
Am 24.7. um 18 Uhr wurden die folgenden vier Stücke gespielt: Trio für Klarinette, Violine und Klavier, Symphonie Nr. 2 „Wahre, ewige Seligkeit” für Orchester und Solostimme, Oktett für zwei Oboen, vier Violinen, Pauken und Klavier und Symphonie Nr. 3 „Jesus Messias, errette uns!“ für Sprechgesang und Orchester.
Bei drei von den fünf Konzerten wurden auch Stücke von anderen Komponist*innen gespielt. Die zweite Veranstaltung am 22.7.2023 und die Veranstaltung am 24.7. wurden von Ustwolskaja alleine bespielt.
Im alten Online-Archiv der Salzburger Festspiele gibt es eine Suchmaske, über die man Einträge mit den Namen von Personen suchen kann. Dem Suchergebnis zufolge wurden Stücke von Galina Ustwolskaja bereits vorher bei sieben Veranstaltungen der Salzburger Festspiele gespielt, zum ersten Mal 1995. Kompositionen von ihr, die bei diesen Konzerten aufgeführt wurden, wurden im Rahmen des Schwerpunkts wiedereingesetzt. Dabei handelt es sich um die Musikstücke, die am 21.7., 22.7. und 23.7. gespielt wurden. Es wurde also wiederholt, was sich bereits bewährt hatte.
Nach dem Schwerpunkt gab es 2021 noch eine Aufführung von ihr. Beim Blick auf alle Aufführungen von Werken der russischen Komponistin bei den Salzburger Festspielen ist eine Verbindung zu Markus Hinterhäuser, der (nicht nur) 2018 der Intendant war, erkennbar: Er war als Pianist bei vier der früheren Veranstaltungen – zwei davon nach ihm benannt – dabei und spielte auch bei Konzerten des Schwerpunkts.
Die fünf Veranstaltungen des Schwerpunkts sind alle im Online-Archiv eingetragen. Auch der Zusammenhang als „Zeit mit Ustwolskaja“ ist dort ersichtlich, allerdings erst als Zusatznotiz unten auf der Seite, und eine Verlinkung durch den Schwerpunkt ist nicht gegeben. Im gedruckten Programm ist der Schwerpunkt besser ausgewiesen.10
Schlussworte
Das war es auch schon mit Uraufführungen von Werken von Frauen und den Schwerpunkten zu Frauen in der mehr als hundertjährigen Geschichte der Salzburger Festspiele bis 2023. Es gibt also einen großen Aufholbedarf. Ein komplettes, übersichtliches und zuverlässig filterbares Online-Archiv ist ebenso wünschenswert.
Reihe „Dichter*in zu Gast“ 1998-2010
JAHR DICHTER*IN
1998 Elfriede Jelinek
1999 Hans Magnus Enzensberger
2000 Christoph Ransmayr
2001 Imre Kertész, Péter Nádas, Péter Esterházy
2002 Robert Gernhardt
2003 Christa Wolf
2004 Tankred Dorst
2005 António Lobo Antunes, John M. Coetzee, Elfriede Jelinek
2007 Jeffrey Eugenides, Richard Ford
2008 Dimitré Dinev, Orhan Pamuk
2009 Daniel Kehlmann
2010 Claudio Magris
Anmerkungen
- N. N.: Uraufführung, die. https://www.dwds.de/wb/Urauff%C3%BChrung (14.01.2024); N. N.: Uraufführung, die. https://www.duden.de/rechtschreibung/Urauffuehrung (14.01.2024). ↩︎
- Vgl.: SALZBURGER FESTSPIELE ARCHIV. https://archive.salzburgerfestspiele.at/archiv (29.03.2024). ↩︎
- Vgl.: Homepage der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/archiv/programm (29.03.2024); Programm der Salzburger Festspiele 2021; Programm der Salzburger Festspiele 2022; Programm der Salzburger Festspiele 2023. ↩︎
- Vgl.: Pressetext zum TerrassenTalk „Die Wut, die bleibt“. „Veränderungen können auch im Kleinen beginnen.“ https://www.salzburgerfestspiele.at/cms/wp-content/uploads/2023/07/pressetext-tt-wut.pdf (11.4.2024). ↩︎
- Tasi, Gyöngyi: Autorin Mareike Fallwickl: „Mein Stück könnte eine Handgranate sein“. https://www.derstandard.at/story/3000000181773/mein-st252ck-k246nnte-eine-handgranate-sein, datiert mit 5.8.2023 (9.4.2024). ↩︎
- Vgl. N. N.: CHAYA CZERNOWIN. https://www.schott-music.com/de/person/index/index/urlkey/chaya-czernowin (4.4.2024). ↩︎
- Vgl.: 26. Juli bis 31. August. https://www.salzburgerfestspiele.at/geschichte/26-juli-bis-31-august (3.4.2024); Dichter zu Gast CHRISTA WOLF; https://archive.salzburgerfestspiele.at/archive_detail/programid/457/id/0/j/2003 (3.4.2024). ↩︎
- Vgl.: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
- Wolf, Christa: Hero(i)sches Testament. In: Programmheft der Salzburger Festspiele zu Christa Wolf. Dichterin zu Gast, 2003. ↩︎
- Vgl.: Programm der Salzburger Festspiele 2018. ↩︎

DORIS PRACHINGER
Studium der Deutschen Philologie und der Austrian Studies an der Universität Wien. Im
Wintersemester 2023 Teilnahme an Pia Jankes Konservatorium NdL: Jedermann – keine Frau? Frauen bei den Salzburger Festspielen. 2023 Praktikum beim Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sowie 2023-24 bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. 2023 Volontariat und 2024-25 Mitarbeit am Interuniversitären Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek.


