Festspiele – eine Spurensuche
SOPHIE REYER
Persönliches
Einen meiner ganz besonderen Besuche bei den Salzburger Festspielen hatte ich im Jahre 2008, als ich gerade meinen ersten Vertrag mit dem S. Fischer-Verlag unterschrieben habe. Und ich muss sagen: So sehr mich das schauspielerische Können der Darsteller*innen auf der Bühne faszinierte, so seltsam berührt war ich beim Anblick der Leute im Publikum. Reiche Männer, so kam es mir vor, zeigten ihre Frauen her – und die Frauen ihre Kleider. Daran hat sich, wie ich letzten Sommer feststellen musste, bei aller Qualität der Stücke – ich bin eine große Freundin der Archetypen in Hugo von Hofmannsthals Jedermann und finde seine Sprache wunderbar –, nicht viel geändert. Dass es hier ums Äußere geht, und das mehr denn je, und vor allem Frauen sehr schnell einen „Shitstorm“ ernten können, der sie vernichtet, wenn sie nicht in das gewünschte Bild passen, zeigt übrigens auch der Fall Mavie Hörbigers: Anstatt sich inhaltlich über die neue Inszenierung des Jedermann zu äußern, schrieben die Medien im Sommer 2022 hauptsächlich über die Nippel der Schauspielerin, die bei der Premiere durch das T-Shirt zu sehen waren. „Ein Jedermann, der zum JederGender verkommt!“1 hieß es beispielsweise im Kurier. Doch über inhaltliche Ebenen, den Geschlechter-Aspekt betreffend, die zum Beispiel in der Inszenierung selbst zu finden gewesen wären, wurde wieder einmal geschwiegen. Woran mag das liegen?
Die Basis Fangen wir bei der Basis an: Das Kernstück der Salzburger Festspiele war und ist zweifellos der Jedermann. Und das Wort „Mann“ steckt nicht nur im Titel selbst – auch der Autor des Textes war männlich. Dass der Text bereits seit rund 100 Jahren gespielt wird, macht es nicht unbedingt einfach, in der Inszenierung des Stückes neue und andere Aspekte des Begriffes „Gender“ zu etablieren. Sowohl die Struktur des Jedermann als auch die darin auftretenden Rollenbilder sind stark in alten Mann-Frau-Dichotomien verankert. Ohne diese propagieren zu wollen, werden in Hofmannsthals Jedermann antiquierte Archetypen dargestellt und hielten bzw. halten dem gesellschaftlichen System, in dem sie entstanden sind, einen Spiegel vor.
Die Zeiten haben sich geändert – die Inszenierungen des Jedermann ähnelten einander jedoch viele Jahre. Bemühungen, eine historische Herangehensweise an die Inszenierung zu wagen, sind mehrmals gescheitert – so etwa der Versuch der beiden Puppentheater- und Maskenspiel-Spezialisten Mertes und Crouch, andere theatrale Aspekte als die des klassischen Schauspiels einzusetzen. Das Publikum will, meint man, sich nicht so richtig auf eine Form des Neudenkens einlassen. Denn der Jedermann hat in Österreich mit Tradition zu tun – und Tradition bedeutet Sicherheit. Die Kehrseite dieser Sicherheit ist, dass sowohl Text als auch Aufführung mit der Zeit einen „musealen“ Charakter bekamen und die Beweglichkeit, mit der Kunst nahe am Leben bleiben kann, nach und nach verloren ging. So wurde beispielsweise Nicole Heesters vorgeworfen, ihre Buhlschaft sei „zu intellektuell“, und auch die raue und in ihrer „Kantigkeit“ unvergleichliche Sophie Rois versuchte man schon in ihren ersten Ansätzen, diese spezielle Rolle anders anzulegen, zu „glätten“.
Neue Gehversuche
Zum Glück ist die Inszenierung des Jedermann im Jahr 2023 ein Versuch, mit alten Bildern und Zuschreibungen zu brechen. So tritt beispielsweise Soap&Skin-Sängerin Anja Plaschg ohne Haare auf und der Teufel darf endlich mal von einer Frau, nämlich von Sarah Viktoria Frick, dargestellt werden. In den Jahren 2021 und 2022 ist die Buhlschaft erstmals nicht nur An- und Zuspielerin des Protagonisten – nein, Verena Altenberger stellt einen gleichwertigen Gegenpart zu Lars Eidinger dar, der in die Rolle des Jedermann schlüpft. Nun geht es, was das Paar betrifft, um Beziehung, um ein gegenseitiges sich Abreiben und aneinander Wachsen. Interessanterweise sind diese Aspekte, die die Inszenierung thematisiert, im ursprünglichen Jedermann-Text bereits angelegt. Ja, auch in der rund 100 Jahre alten Sprache und im Kontext des Archetypischen kann es gelingen, relevant und pointiert über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu reflektieren, wenn man ein begnadeter Dichter wie Hugo von Hofmannsthal ist, der seiner Zeit voraus ist!
Zum Glück hat der Jedermann viele Ebenen: Neue Bedeutungen können jederzeit aus dem Text herausgeschält werden, wenn man ihm Raum zum Atmen lässt und nicht alles als „gesetzt“ empfindet, bloß weil es immer so war. Doch man braucht auch die richtige Regie dafür. Aber bedeutet eine neue Herangehensweise an die Inszenierung schon, dass im Kontext der Festspiele kritisch mit dem Begriff „Gender“ umgegangen wird? Und abgesehen davon – der Jedermann ist ja nur eines von mehreren Stücken, die in Salzburg produziert werden. Wie sieht es mit anderen Produktionen aus? Sind die Salzburger Festspiele eine Plattform, die für Männer, Frauen und alle, die sich in einem Bereich dazwischen verortet fühlen, Möglichkeiten bietet?
Historische Aufarbeitung
Ich denke, wenn man sich mit dem Bereich „Gender“ bei den Salzburger Festspielen auseinander setzt, dann muss man mit der Aufarbeitung der Wurzeln beginnen und fragen: Wo sind die Frauen in der Geschichte der Salzburger Festspiele versteckt? Dass das besondere Festival, das sich eines über 100-jährigen Bestehens erfreuen darf, von Männern gegründet wurde, ist freilich klar. Aber welche weiblichen Energien standen hinter diesen spannenden Individuen? Ihnen ein Gesicht, eine Stimme zu geben, wäre der erste Schritt, um sich überhaupt neuen Ideen moderner Geschlechts- und Rollenentwürfe nähern zu können.
Heute wissen wir: Auch der Erfolg eines Richard Strauss, so genial er gewesen sein mag, wäre ohne seine Frau undenkbar gewesen. Pauline Maria Strauss-de Ahna trat ihr Leben lang als Sängerin auf und feierte große Erfolge auf großen Musikbühnen – und sie inspirierte und stützte ihren Ehemann Zeit seines Lebens. Doch nicht nur hinter Richard Strauss verbirgt sich eine eigenwillige und ganz und gar unkonventionelle Gattin. Nein, auch Max Reinhardt war mit einer sehr aktiven Frau verheiratet. Die Rede ist hier von Else Heims-Reinhardt, einer Tischlerstochter und damals sehr bekannten Schauspielerin, die nach der Trennung von ihrem Mann das Land verließ. Setzt man sich mit diesen beiden Gründern des Festivals auseinander, dann ist eines sicher: Die Salzburger Festspiele wären undenkbar ohne Else Heims-Reinhardt und Pauline Strauss-de Ahna gewesen. Dass diese Frauen einen großen Teil zur künstlerischen Entwicklung ihrer Männer beigetragen haben, wird gern vergessen – und dass sie selbst große Künstlerinnen waren, davon ist überhaupt nicht die Rede.
Andere Themen
Womit wir schon beim Thema wären: In einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft sind die Themen, ist das, worüber verhandelt wird, andersartig gelagert als es das im Moment bei den Salzburger Festspielen ist. Ich würde mir in diesem Rahmen beispielsweise eine Art Stationendrama wünschen – möglicherweise in Form von Installationen im öffentlichen Raum und für „Jedermann“ und „Jedefrau“ begehbar –, das die Biographien all jener vergessenen Frauen, die Teil der riesigen Maschinerie der Festspiele waren, erfahrbar macht.
Andere Sprachstrukturen
Doch nun zum „Wie“: Welche Struktur muss eine Theater-Sprache haben, die reflektiert mit dem Begriff „Gender“ umgeht? Ich denke dabei besonders an Schriftsteller*innen, die sich in ihrer Sprachbehandlung von dem im Moment vorherrschenden Prosastil des Mainstreams abheben, mit semantischen Strukturen brechen und neue Formen des Ausdrucks suchen. Ein Beispiel hierfür wäre Héléne Cixous, die in ihrer Écriture feminine eine Art des Schreibens betreibt, das sich viel eher am Klang der Sprache entlang tastet, als dass es sich an einem stimmigen Gesamtkonzept abarbeitet oder eine traditionelle Form bedient. Durch so eine Herangehensweise wird die Produktionsmaschinerie nicht einfach beliefert; vielmehr kommt es zur Auslotung neuer Bereiche und Möglichkeiten, Sprache zu denken.2 Die Salzburger Festspiele bräuchten meiner Meinung nach also (Theater-)Texte, die in diesem Duktus geschrieben sind.
Ausblick
Dass sich das gesellschaftliche Denken jenseits klassischer Dichotomien nur langsam verändern wird, ist klar. Doch es ist notwendig, in einen neuen Bereich aufzubrechen, in dem alte, festgefahrene Rollenbilder hinterfragt werden können und müssen. Dabei muss auch nicht auf alte Texte wie den Jedermann, der mich immer noch sehr berührt, verzichtet werden – im Gegenteil. Wer weitergehen will, muss seine Wurzeln kennen. Er muss sie analysieren – aber auch mit einer gewissen Distanz und im historischen Kontext betrachten können. Eine neue Form des Umgangs wäre, Etabliertes zu hinterfragen, ohne es zu idealisieren, es aber auch nicht zu verteufeln, ja, eine Plattform für Austausch zuzulassen, die unterschiedliche Formen der Rezeption bestehen lässt und denen, die aufgrund der Geschichte nur an den Rändern vorkamen – nämlich den Frauen – endlich medial ein Gesicht zu geben.
Anmerkungen
- N. N.: Salzburger Festspiele: Warum ein fehlender BH für Aufregung sorgt. In: Kurier, 28.7.2022. ↩︎
- Vgl.: Stützl, Wolfgang: Aktivistische Brieftauben. Medienaktivismus und Wissen im Zeitalter der Biomacht. In: Barberi, Alessandro (Hg.): Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 2012-2013. Wien: new academic press 2014, S. 76-88, S. 81. ↩︎

SOPHIE REYER
Studium der Germanistik in Wien und der Komposition in Graz sowie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Promotion an der Universität für angewandte Kunst Wien. Freischaffende Autorin, Lyrikerin und Komponistin. Zuletzt u.a. Nach den Gesichtern (2023). 2019 Nominierung ihres Romans Mutter brennt für die Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Seit 2020 Lehrende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich an der Abteilung Elementarpädagogik. 2024 Uraufführung ihres Theaterstücks Sisi im Theater im Keller in Graz.


