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Festredner*innen

Von den 60 Festredner*innen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele (1964-2025) waren fünf Frauen: Jeanne Hersch (1985), Barbara Frischmuth (1999), Elke Heidenreich (2008), Nina Chruschtschowa (2024), Anne Applebaum (2025):

1964 Salvador de Madariaga: Lob Salzburgs

1965 Gabriel Marcel: Die Musik als Heimat der Seele

1966 Clemens Holzmeister: Das Bauwerk der Salzburger Festspiele

1967 Bernhard Paumgartner: Die Aufgabe Salzburgs

1968 W. H. Auden: Worte und Noten

1969 Pietro Quaroni: Festspiele und Massenmedien

1970 Carl Zuckmayer: Über die musische Bestimmung des Menschen

1971 Helmuth Plessner: Das Geheimnis des Schauspielers

1972 Eugène Ionesco: Die bedrohte Kultur

1973 Giorgio Strehler: Max Reinhardt und heute

1974 Oscar Fritz Schuh: Zum 100. Geb. H. v. Hofmannsthals

1975 Carl Friedrich von Weizsäcker: Die geheimnisvolle Wirklichkeit des Schönen

1976 Heinz Politzer: Musikerlöste Dämonie

1977 Léopold Sédar Senghor: Österreich als Ausdruck der Weltkultur

1978 Josef Klaus: Salzburger Weltoffenheit

1979 Sir Karl Popper: Schöpferische Selbstkritik in Wissenschaft und Kunst

1980 Wolfgang Hildesheimer: Was sagt Musik aus?

1981 Hans-Georg Gadamer: Das Alte und das Neue

1982 Hermann Josef Abs: Mäzenatentum als Verpflichtung und Beglückung

1983 Leo Gabriel: Sprache und Gespräch – Schöpferische Weltgestaltung

1984 Gerd Bacher: Die Beifallsgesellschaft und ihre Medien

1986 Clemens August Andreae: Kunstwerke zwischen Ästhetik und Ökonomik

1987 Kurt Hübner: Festspiele als mythisches Ereignis

1988 Péter Hanák: Schöpferische Kraft und Pluralität in der mitteleuropäischen Kunst

1989 Maurice Schumann: 1789-1791. Vom aufsteigenden Licht einer Revolution zum Er­löschen eines Genies

1990 Václav Havel: Die Poesie ist zu Ende

1991 Wolfgang Rihm: Was ,sagt‘ Musik?

1992 Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama): Menschliches Mitgefühl und universelle Verant­wortung: Eine Grundlage des Glücks und des Friedens

1993 Árpád Göncz: Tükörszilánkban az egész

1994 George Steiner: Der Europa-Mythos

1995 Nikolaus Harnoncourt: Was ist Wahrheit? oder Zeitgeist und Mode

1996 Claudio Magris: Utopie und Entzauberung

1997 Christoph Ransmayr: Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer

1998 Franz König: Europa braucht ein neues geistiges Antlitz

2000 Jakob Kellenberger: Friede ist das Ergebnis harter Arbeit

2001 Peter Sloterdijk: Tau von den Bermudas

2002 Peter Ruzicka: Das Spiel vom Ende der Feste. Eine Antrittsrede

2003 Andrei Pleșu: Freude in Ost und West

2004 István Szabó: Wie ein Gefühl oder ein Gedanke entsteht

2005 keine Festrede

2006 keine Festrede

2007 Jürgen Flimm: Komm Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen

2009 Daniel Kehlmann: Die Lichtprobe

2010 Daniel Barenboim: Nicht warten, sondern auf den anderen zugehen

2011 Joachim Gauck: Auf die Mutigen wartete das Gefängnis

2012 Peter von Matt: Kunst, Verschwendung und Gerechtigkeit

2013 José Antonio Abreu: Kinder und Jugendliche in ein solidarisches Leben einführen

2014 Christopher Clark: Wie ein Gewitter aus heiterem Himmel

2015 Rüdiger Safranski: Revolution des Zeitregimes

2016 Konrad Paul Liessmann: Und mehr bedarf‘s nicht. Über Kunst in bewegten Zeiten

2017 Ferdinand von Schirach: Das Recht gegen die Macht stellen

2018 Philipp Blom: Wir sind alle Kinder der Aufklärung

2019 Peter Sellars: Listening to the Ocean: Planetary Change and Cultural Action – The meaning and urgency of ‚ecological civilization‘ in the next generation

2020 Alexander Kluge: Rede über das Jahrhundert

2021 Julian Nida-Rümelin: Eine humanistische Utopie

2022 Ilija Trojanow: Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens

2023 Anton Zeilinger: Wie kommt das Neue in die Welt?

2025 Anne Applebaum: Demokratie und Festspiele


Eine Rede über Musik zu halten, und das in Salzburg, wo jeder Stein, jeder Luftzug durchdrungen ist von Klängen und Namen, die leeres Geschwätz verbieten und überall auf der Welt andächtiges Schweigen bewirken, vor einer solchen Aufgabe kann man nur zittern. Trotzdem möchte ich für die vertrau­ensvolle Einladung, die mich freut und ehrt, herzlich danken. Bald werden statt meiner verwegenen Worte Stimmen und Instrumente erklingen. Die Zeit des Wartens wird vorbei sein und wir werden den Atem anhalten in der zeitlosen Zeit der Musik.

Was heißt „zeitlose Zeit“? Ganz offensichtlich entfaltet sich die Musik in der Zeit. Wie kann man denn sagen, sie sei zeitlos? – Lange haben wir auf ein be­stimmtes Konzert gewartet. Jetzt sitzen wir im Saal. Noch ein paar Minuten. Die Musiker stimmen ihre Instrumente. Meine Gedanken sind noch bei der Ar­beit, die auf meinem Schreibtisch liegt und die ich nachher wieder aufnehmen werde. Und plötzlich: Ruhe. Der Dirigent hebt den Stab. Die erste Note erklingt wie ein Kräuseln auf dem Wasser oder auf dem Grund der Seele. Die Zeit ist ver­schwunden. Eine andere, ganz anders geartete Zeit ist angebrochen. Sich ent­wickelnd, wickelt sie die Musik ein. Sie ist auf eigenartige Weise Abfolge und Gleichzeitigkeit auf einmal. Töne und Takte folgen einander und lösen sich auf, folgen einander, indem sie einander auflösen, und doch lösen sie sich nicht auf, weil jeder die vorangegangenen und die nachfolgenden irgendwie enthält und aus ihnen seinen Sinn bekommt. Sie lassen sich in ihrem Nebeneinander nicht festhalten wie eine Reihe von Bildern auf einem Film. Nein, sie bilden vielmehr ein Ganzes, dessen Anfang und Ende wie zufällig wirkt, eher störend. Natürlich muß es einen Anfang und ein Ende geben, aber das ist nur ein Zugeständnis an das Leben. Schließlich muß man in der Zeit danach zur Zeit davor zurückkehren, zur Zeit der liegengelassenen Aufgaben. Einmal zu Hause, hat im Gedächtnis die „Zeit des Konzerts“ überhaupt keine Dauer mehr. Irgendwo in mir lebe ich aus ihr auf eine Weise, wie ich sonst nicht zu leben vermag.

aus: Jeanne Hersch: Der Widerspruch in der Musik. In: Waitzbauer, Harald / Floimar, Ro­land (Hg.): Festlicher Sommer: das gesellschaftliche Ambiente der Festspiele von 1920 bis heute. Festreden seit 1964. Salzburg: Landespressebüro 1997, S. 295-301, S. 295. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1985, Beginn)


Die in Europa neuerlich um sich greifende Reethnisierung hat mit ei­nem handfesten Ungleichgewicht in dieser gegenseitigen Wahrneh­mung zu tun. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem auf der euro­päischen Opernbühne Selim Bassa nicht der einzige Türke sein wird, der auch menschliche Züge trägt. Wenn man immer nur die eigenen Normen in den Rang der Weltgeltung erhebt, nimmt man in Kauf, daß die Welt in vielerlei Welten zerfällt, die wiederum nur ihren eigenen Normen höchste Geltung zu verschaffen suchen. (Da wären wir also wieder beim Rechthaben angelangt, von dem schon Abdallahs König nicht allzuviel gehalten hat.)

Je hermetischer das Land, desto mehr öffne sich ihm die Sprache, meint der aus dem Iran zugewanderte, deutsch schreibende Dichter SAID, der auch zu jenen gehört, die Asyl in der neuen Schreibsprache gefunden ha­ben, und dem Deutschen Gedichte zufügt, die von der Bewunderung für, aber auch von der unvermeidlichen Enttäuschung durch Europa erzählen sowie von der schwarzen Melancholie der Erschöpfung, wenn die Hoff­nung, endgültig ins verlorene Land zurückkehren zu können, in neu­erliche Flucht mündet. Sein »Brief eines Emigranten« sagt das so: »Ich krieche mühsam hierher, / setze mich geräuschvoll hin, / strecke meine Gefühle von mir, / nehme viel Platz ein – / und werde nicht benötigt.«

Ein berührendes Ein-Satz-Gedicht, dessen letztes Glied ich dennoch an­zweifle, bin ich doch der festen Überzeugung, daß wir Poetenworte die­ser Art benötigen. Und sei es, um uns selbst besser zu verstehen. Wenn wir es schon verabsäumt haben, die Literatur jener, die aus unseren Län­dern vertrieben wurden, wieder bei uns heimisch zu machen, nehmen wir doch wenigstens zur Kenntnis, was Schriftstellern, die von anderswo vertrieben worden sind, zu sich, aber auch zu uns einfällt.

aus: Barbara Frischmuth: Das Heimliche und das Unheimliche. In: Frischmuth, Barbara: Das Heimliche und das Unheimliche. Drei Reden. Berlin: Aufbau-Verlag 1999, S. 7-30, S. 26-28. (Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1999)


Der Tod ist sehr viel entschiedener und endgültiger als die Liebe. Das diesjährige Pro­gramm der Festspiele kündet reichlich davon – nehmen wir nur einmal die Opern heraus und schauen uns kurz die Inhalte an:

Don Giovanni – alle Aufzählungen von Liebesabenteuern finden im Untergang dieses gar nicht lieben könnenden, immer nur erobernden Mannes ein Ende. Ein Toter – der Komtur – holt ihn ins Totenreich. Hans Neuenfels hat mal die Frage gestellt, ob der Kampf Don Giovannis mit dem Komtur nicht vielleicht die einzige große Leidenschaft war, die er je gefühlt hat. Alles Verführen führt zum Tod, den er auch noch herausfor­dern, verführen will und an dem er – endlich – scheitert.

Otello – rasende Eifersucht, Misstrauen, gesät von neidischen Feinden, zerstören die Liebe und verwandeln sie in Mord und Selbstmord.

Romeo und Julia – es gibt keine Erfüllung der Sehnsucht, Schlaf und Tod vermischen sich, die Liebe erliegt entsetzlichen Intrigen und Irrtümern und endet im Tod beider Liebenden.

Herzog Blaubarts Burg – Blaubarts geheimnisvolles Zimmer, das letzte Verlies, das niemand betreten darf, ist sein Herz. Da wohnt die Liebe, und wer sie herausfordert, dem blüht der Tod.

Rusalka – der Prinz stirbt im seligsten Augenblick seines Lebens, als die Nixe Rusalka ihn küsst. Liebe und Tod sind hier ein und dasselbe.

Schließlich:

Die Zauberflöte – eine der wenigen Opern, die „gut“ ausgehen, aber was ist gut? Die Oper erzählt von schweren Prüfungen und vom Kampf: Tag gegen Nacht, Mann ge­gen Frau, Mutter gegen Vater, ist es ein Sieg wenn hier einer gewinnt? Wenn zwei am Ende vereint sind auf den Trümmern des Krieges um sie herum? Pamina und Tamino kriegen sich, aber wir wissen, dass die Liebe oft gerade dann endet, wenn man sich kriegt.

Übrigens: es geht eh nur gut aus, weil es die ZAUBERFLÖTE gibt, diese Melodie, die Frieden stiftet, erinnern Sie sich bitte – die drei Damen, die dem verliebten Prinzen die Zauberflöte überreichen, singen am Anfang:

„Hiermit kannst du allmächtig handeln,

Der Menschen Leidenschaft verwandeln.

Der Traurige wird freudig sein,

den Hagestolz nimmt Liebe ein.“

Die Zauberkraft der Musik hat das Paar – vorerst – gerettet.

In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?

Und: Wer wären die Eltern?

aus: Elke Heidenreich: Festrede anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Salzburger Fest­spiele 2008. Salzburg: Land Salzburg 2008, S. 4-17, S. 4-5 (Festrede zur Eröffnung der Salzbur­ger Festspiele 2008)