„Ermöglicherin und Mutmacherin“
Helga Rabl-Stadler im Gespräch mit Pia Janke
Pia Janke: Ich möchte mit dem Jahr 1995 beginnen, mit dem Jahr, in dem Sie Präsidentin der Salzburger Festspiele geworden sind. War es damals eine politische Setzung, dass Sie als Frau Präsidentin geworden sind, oder war das sogar hinderlich? Wollte man damit damals kulturpolitisch ein Zeichen setzen, oder war das eher ein Problem?
Helga Rabl-Stadler: Es war ein Riesenproblem – anfangs nicht für mich, weil ich
zuerst nicht durchschaut habe, dass es im Jahre 1995 noch von vielen geradezu als Übergriff gedeutet wurde, dass eine Frau ein so wichtiges Amt wie die Präsidentschaft der Salzburger Festspiele übernimmt. 1995 war auch das Jahr des EU-Beitritts Österreichs, und man hätte meinen können, wir wären schon viel weiter gewesen.
Ich arbeitete zunächst als Journalistin, dann wegen des mütterlichen Geschäftes als Unternehmerin und dazu wurde ich als Abgeordnete in den Nationalrat gewählt.
Ich hatte mannigfaltige Erfahrung mit den Vor- und Nachteilen, eine Frau zu sein.
Und trotzdem hat mich die Ablehnung unvermutet getroffen, denn ich hatte den naiven Glauben, in der Kunst gehe es vor allem darum, kreativ zu sein und/oder Kreation möglich zu machen und dass es gleichgültig sei, ob dieser jemand eine Frau oder ein Mann ist. Dem war aber nicht so. Bezeichnend dafür folgender Vorfall: Auf der Holztür des Präsidentenzimmers im Festspielhaus stand in Messinglettern „Präsident“.
Was lag näher, als zu sagen: bitte, wenn Sie noch ein „i“ und „n“ anfertigen könnten, damit „Präsidentin“ dasteht. Es wurde jedoch im Haus darüber diskutiert, ob sich das überhaupt auszahlt, weil sich eine Frau als Präsidentin ohnehin nicht lange halten wird.
Pia Janke: Als Politikerin sind Sie aus der ÖVP gekommen. Wie war damals das Frauenbild in dieser Partei? War es patriarchalisch geprägt, oder war das damals eine Zeit, in der es einen Aufbruch gab?
Helga Rabl-Stadler: Es gab damals einige starke Frauen, die einem patriarchalischen Frauenbild überhaupt nicht entsprachen: z.B. Marga Hubinek, die aus dem Wirtschaftsbund-Umfeld kam und für die Kaunertaler Gletscher kämpfte, oder die Frauen vorsitzende Marilies Flemming. Auf Seiten der SPÖ gab es Johanna Dohnal.
Ich bin in eine Zeit hineingeraten, in die ich als berufstätige Mutter gut hinein gepasst habe und in der bereits viele erkannt haben, dass es so nicht weitergehen kann.

Der damalige Vorsitzende der ÖVP, Alois Mock, hat gesagt: „Eine Frau ist mir zu wenig“ – woraufhin alle gelacht haben, denn beim heiligen Mock, der hervorragend verheiratet war, war das nichts Anzügliches.
Er meinte, eine Frau pro Gremium sei ihm zu wenig. Ich war vor meiner Zeit bei
den Salzburger Festspielen zunächst Vizepräsidentin und dann Präsidentin der
Salzburger Wirtschaftskammer – und damit, ebenfalls als erste Frau, Präsidentin einer Interessenvertretung. Das gab es weder bei der Arbeiterkammer noch beim ÖGB.
Ich sage immer, ich bin Vizepräsidentin geworden, weil ich eine Frau bin, und Präsidentin, obwohl ich eine Frau bin, denn die wirkliche Macht wollten sie keiner Frau geben. Ich bin eine große Befürworterin der Quote, was viele wundert.
Aber sonst geht es zu langsam, sonst bleibt die vorgestrige Gesinnung, dass eine Frau pro Gremium genügt, um der Emanzipation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Mit der Quote hat man ein ziemlich effektives Instrument in der Hand.
Pia Janke: Sie waren von 1995-2021, also 27 Jahre, Präsidentin der Salzburger Festspiele. Das ist eine lange Zeit, in der sich auch gesellschaftlich einiges geändert hat.
Was hat sich in dieser Zeit in Hinblick auf Frauen bei den Salzburger Festspielen geändert? Ich möchte hier auf verschiedenen Ebenen fragen.
Zunächst auf der strukturellen Ebene: hat sich in dieser Zeit etwas in den Hierarchien des
Betriebes geändert, sind etwa mehr Frauen Abteilungsleiterinnen geworden?
Wenn man sich die Salzburger Festspiele ansieht, stellt man fest, dass es hier
Frauen vor allem in der zweiten Reihe gibt. Sind die Salzburger Festspiele immer noch ein Betrieb, der sehr stark von Männern in Führungspositionen bestimmt wird?
Helga Rabl-Stadler: In dieser Hinsicht darf ich mich ein bisschen selbst loben, weil
ich viele Frauen in Führungspositionen gebracht habe. Die oberste Ebene der Festspiele ist das Direktorium, das aus einem Intendanten, einem kaufmännischen Direktor und einem Präsidenten – oder eben einer Präsidentin – besteht. Das Direktorium wird ausgeschrieben und vom Kuratorium, dem Aufsichtsrat, bestimmt, in dem Bürgermeister, Landeshauptmann, Vertreter des Bundesministeriums für Finanzen, des Bundesministeriums für Kunst usw. sitzen. Seltsamerweise ist erstmals 1995 eine Frau in das Direktorium gekommen. Es hat mich geschockt, als ich gesagt habe, dass nach mir wieder eine Frau Präsidentin werden muss, die Antwort kam: „Das war jetzt doch ohnehin 27 Jahre lang eine Frau!“ Es zeigt die Gesinnung. Bei der zusätzlichen Wahl einer Frau zum kaufmännischen Direktor oder zum Intendanten würde man hingegen sagen:
„Na, wir haben ohnehin schon eine Frau.“ Warum nicht zwei Frauen und ein Mann? Das kommt von der Politik, aber ich glaube, in dieser Hinsicht tun sie sich heute schwerer als früher. Die zweite Ebene konnten wir selbst bestimmen.
Dort haben wir im Präsidium einfach die Besten genommen – und das waren
Frauen. Ich habe eine gute Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Frauen. Frauen sind zudem lebenslang lernbereiter. Ich sage immer frech: Weil wir nie so gescheit waren wie die Männer, können wir ohne Prestigeverlust zugeben, dass wir weiterlernen wollen.
Ich freue mich über alles, was ich durch andere lerne. Nach meiner Erfahrung sind Frauen sehr loyal, wenn sie sich einmal für ein Ziel entschlossen haben.
Das Schöne bei den Festspielen war, dass einfach alle alles gemacht haben und sich jeder für alles verantwortlich gefühlt hat. Denn eigentlich waren wir ein viel zu kleines Team, um die größten Festspiele der Welt zu führen. Wir haben Frauen an Schlüsselstellen gehabt. Margarethe Lasinger, die Chefin unseres Archivs ist gleichzeitig die Chefin der Dramaturgie, und es gibt keine Drucksorte der Festspiele, die nicht durch ihre Hände gegangen ist. Ulla Kalchmair, unsere Pressechefin, die ich wieder zurückgeholt habe, bestimmt den Weg der Presseabteilung. Wir haben für die Vermittlungstätigkeit eine Frau geholt, die selbst ein kleines Kind hat und weiß, wie schwer es ist, wenn man jemanden für die Kinderbetreuung braucht. Lange Zeit hatten wir eine Frau als Kostümchefin, das macht mittlerweile ein Mann. In der Konzertabteilung gibt es neben dem Konzertchef fast nur Frauen. Frauen haben bei den Festspielen einen großen Einfluss. Und meinen Erfolg als Präsidentin verdanke ich entscheidend meinen beiden
Mitarbeiterinnen Caroline Werhahn und Katharina Lindsberger.
Pia Janke: Sie haben sich einmal als „Außenministerin“ der Festspiele bezeichnet.
Ist es nicht bezeichnend, dass eine Frau als Präsidentin die Außenwirkung prägt,
aber der Intendant und der kaufmännische Leiter Männer sind? Und das waren
sie bei den Festspielen durchwegs.
Helga Rabl-Stadler: Ja, die Festspiele waren sehr patriarchalisch. Ich bin gekommen, als der legendäre Gerard Mortier Intendant war. Mit ihm hatte ich schreckliche Kämpfe, obwohl ich ihn bei seinem künstlerischen Wollen unterstützt habe.
Aber für ihn war es offensichtlich ein großes Problem, dass eine Frau Präsidentin
ist, was den Eindruck erwecken könnte, eine Frau wäre die Chefin. Er war der Intendant, aber diesen Titel gab es vor ihm nicht. Den hat man für ihn erfunden.
Im Festspielgesetz von 1950 steht, dass das Festspieldirektorium durch einen Präsidenten geführt wird, der die künstlerische und organisatorische Leitungder Festspiele innehat. Ich habe mich nie so verhalten, als hätte ich diese Leitung inne. Das wäre auch falsch, denn ich bin, weil ich ein unternehmerischer Mensch bin und eine journalistische Ausbildung habe, als Managerin geholt worden.
Natürlich hatte ich nach so vielen Jahren auch eine Meinung dazu, wer die Don
na Anna am besten singt, aber ich hätte mich in Besetzungen nie eingemischt.
Ich habe mich immer als Ermöglicherin gefühlt, um finanziell und bei der Akzeptanz beim Publikum das durchzusetzen, was der Intendant künstlerisch für
wünschenswert gehalten hat.
Pia Janke: Wir sehen uns in den Vorarbeiten zu unserem Forschungsprojekt die
Programmgestaltung der Festspiele an, wann Stücke von Frauen uraufgeführt
und gespielt wurden, wann es Schwerpunkte zu Frauen gegeben hat, und machen auch Statistiken zu Künstlerinnen als Regisseurinnen und als Dirigentinnen.
Der Befund ist, dass das erst am Ende der 1990er Jahre begonnen hat. Das ist, auch im Verhältnis zu anderen Kulturinstitutionen, spät. Es ist auch seither nicht sehr viel passiert – es hat eine Uraufführung von Kaija Saariaho gegeben, und ein paar Uraufführungen im Schauspiel-Bereich. Wie bewerten Sie es, dass Frauen bei den Salzburger Festspielen sehr spät als Schöpferinnen präsent werden konnten?
Helga Rabl-Stadler: Frauen als Schöpfende in den Vordergrund zu stellen, war
nicht prioritär. Ich habe zwar auch angeregt, den Kompositionsauftrag einer Frau zu geben, aber offensichtlich bin ich nicht entschlossen genug gewesen. Es gab immer tolle Programme, und dann wurde gesagt: „Na gut, was möchtest du streichen, damit du Platz dafür hast?“ Es war uns allen nicht bewusst, wie wichtig es gewesen wäre, ganz klar zu sagen: Frauen haben das Gleiche in der Kunst geleistet und wollen es auch weiter leisten. Peter Ruzicka hatte beispielsweise für das Mozartjahr 2006 Olga Neuwirth einen der wenigen Kompositionsaufträge gegeben, aber Sie werden richtig einwenden, eine Neuwirth macht noch keinen Emanzipationsfrühling.
Pia Janke: Wir haben festgestellt, dass in der Zeit unter Karajan die Anzahl von Frauen im Bereich des Künstlerischen, also als Regisseurinnen oder Choreographinnen, sogar noch zurückgegangen ist. Ist es so, dass das traditionelle Frauenbild, das in dieser Zeit vorgeherrscht hat und mit Karajan – als dem Inbegriff eines männlichen Genies –verbunden war, auch weiterhin wirkt und diese Zeit in keiner Weise aufgearbeitet wurde? Kann es sein, dass diese Zeit bis heute wie ein Schatten auf den Festspielen liegt?
Helga Rabl-Stadler: Nein, diesen Eindruck habe ich nicht, denn Mortier hat ganz klar eine Zäsur zwischen der Karajan-Zeit vor ihm und seiner Zeit gemacht.
Aber z.B. kam Ursel Herrmann als Regisseurin bei Mortier nicht, weil Mortier ein Frauen-Statement setzen wollte, sondern weil er mit den Herrmanns bei den
Opern in Brüssel so viel Erfolg hatte. Es war eher zufällig, was sich in seiner Zeit Frauen betreffend abgespielt hat. ANDREA BRETH war einfach so gut, dass man an
ihr nicht vorbeikonnte, aber sie war kein Statement für eine Frau. Vielleicht sehe ich das zu subjektiv, aber gerade in der Kunst sind die Netzwerke so stark, und es sind lauter männliche Netzwerke gewesen, bei Karajan wie bei Mortier. Man hat einfach auf den nächsten im eigenen Netzwerk zurückgegriffen. Das halte ich nach wie vor für uns Frauen für das Problematische. Heute verunsichert es viele Männer, dass es auf einmal weibliche Netzwerke gibt und eine Regisseurin z.B. sagt, dass sie als Licht-Designerin die Frau X haben möchte und nicht den Herrn Y. Deswegen ist es auch so wichtig, dass eine Frau die andere empfiehlt. Sowohl in der Politik als auch in der Kunst haben viele Frauen den Fehler gemacht, dass es ihnen ganz gut gefallen hat, dass sie die einzigen waren.
Wenn man Generaldirektorin ist und unter sich nur männliche Direktoren hat, dann besteht keine Gefahr, dass so schnell wieder eine Frau kommt. Ich fühle mich durch Ihre Fragestellung berührt, weil mir das Frauenthema ein wichtiges war. Dadurch, dass ich dem Intendanten nicht mit Vorschlägen in die Quere kommen wollte, weil ich mich als Ermöglicherin seiner Vorschläge gesehen habe, war ich wahrschein lich zu wenig wagemutig in der Frauenfrage.
Pia Janke: Um das Bild zurechtzurücken, muss man sagen, dass es 1998 einen großen Jelinek-Schwerpunkt gegeben hat und im Jahr 2000 die Uraufführung von Kaija Saariahos L‘amour de loin. Das waren schon Statements, die auch gegen Widerstände durchgesetzt wurden.
Helga Rabl-Stadler: Der Jelinek-Schwerpunkt, den ich entscheidend mitgetragen
habe – ich habe Geld dafür aufgetrieben – kam von Hans Landesmann, dem Konzertchef, weil er, in die österreichische Politik eingebettet, gemerkt hat, welche Gefahr für die Freiheit der Kunst von Rechts droht. Das wurde dann auch von allen mitgetragen.
Pia Janke: Ivan Nagel war für den Jelinek-Schwerpunkt auch sehr wichtig.
Helga Rabl-Stadler: Ja, genau.
Pia Janke: Wie haben Sie die Kulturpolitik über diese lange Zeit wahrgenommen? Waren unsere Fragestellungen bei Gesprächen mit Politiker*innen auch ein Thema? Hat man sich dafür interessiert, hier etwas bei den Festspielen zu ändern?
Helga Rabl-Stadler: Das war weder bei den Festspielen noch beim Burgtheater ein
Thema. Es hat niemand die Anforderungen gestellt, dass es mehr Frauen geben soll.
Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen. Ich weiß auch nicht, was wir Frauen dabei falsch gemacht haben, denn gerade meine Generation – ich bin Jahrgang 1948 – hat sich viel erkämpft. Warum haben wir in dieser Hinsicht nicht mehr erkämpft? Haben wir Angst gehabt, dass wir die Freiheit der Kunst bedrohen, wenn wir sagen, dass es mehr Frauen sein müssen? Es ist hochinteressant, wie sich Ö1 unter der wunderbaren Irene Suchy heute den Komponistinnen widmet. Auf einmal kommt alles hervor. Warum haben wir nicht früher gesagt: Schluss mit dem Vergessen, das muss jetzt beforscht werden.
Pia Janke: Was ich bis heute nicht sehe, ist ein Statement der Festspiele, also dass man, auch im Sinne einer grundlegenden Programmatik, eine Genderbewusstheit offensiv nach außen trägt und so etwas bewusst als zentrales Anliegen kommuniziert.
Helga Rabl-Stadler: Wir hatten ein Programm, das sich Young Directors Project
genannt hat, und in diesem Rahmen hat Sven-Eric Bechtolf einmal eine ganze Saison nur Frauen präsentiert. Es wurde wenig bemerkt oder gar gelobt. In diesem Bereich hat sich glücklicherweise viel geändert. Immer mehr Institutionen setzen Frauen-Schwerpunkte. Vergangenes Jahr hat etwa das Brucknerhaus ausschließlich Frauen als Interpretinnen eingeladen, das empfand ich als starkes Zeichen.
Pia Janke: Es gibt ab heuer auch bei den Wiener Festwochen eine Plattform, die
sich Akademie Zweite Moderne nennt, in der Komponistinnen präsentiert werden.
Ich vermisse so etwas bei den Salzburger Festspielen. Das bedeutet nicht, dass
man nur Frauen spielen muss, aber dass es ein Thema oder eine Fragestellung ist.
Und zwar, dass Frauen nicht nur in einer Nebenschiene oder im Jugendtheater
etwas tun dürfen, sondern im Zentrum, in der Oper oder im Konzertbereich, und
dass das auch als Anliegen explizit so formuliert wird.
Helga Rabl-Stadler: Immerhin hatten wir 2020 wegen der Pandemie nur zwei Opern, und eine davon wurde von einer Frau dirigiert.
Pia Janke: Das war das erste Mal.
Helga Rabl-Stadler: Und im Schauspiel darf man BETTINA HERING nicht Unrecht tun, die sich sehr für Frauen eingesetzt hat.
Pia Janke: Ja schon, aber im Schauspiel ist der Frauenanteil auch in anderen Häusern seit 20-30 Jahren höher. Es geht mir um eine programmatische Setzung, ein grundsätzliches Statement, und ich denke, dass das nicht schwierig zu machen wäre.
Helga Rabl-Stadler: Da müssen Sie mit dem Intendanten reden.
Pia Janke: Ich möchte noch auf einen Faktor eingehen, der in Salzburg auch wichtig ist, und zwar auf die Kirche, die schon bei der Gründung eine wichtige Rolle
gespielt hat.
Helga Rabl-Stadler: Damals war sie ein positiver Faktor.
Pia Janke: Die Kirche hat den Jedermann am Domplatz ermöglicht, und es gibt auch
andere kirchliche Orte, an denen Aufführungen gespielt wurden. Wie war Ihr Erfahrung, hat die Kirche bei unseren Fragen eine Rolle gespielt?
Helga Rabl-Stadler: Nein, gar nicht. Dank des Erzbischofs Rieder konnte 1920
trotz des fehlenden Festspielhauses der Jedermann aufgeführt werden. Die ein zige Sache, bei der ich mit der Kirche zu tun hatte, war die Kollegienkirche, weil wir sie als Festspielort wollten. Das hatte Markus Hinterhäuser vorangetrieben, und es gab einige Konflikte, weil die Kirche den Raum nur sakral genützt haben wollte. Ich habe es aber durchsetzen können, zu aller anderen Freude, und heute gibt es auch andere Kulturinstitutionen, die Kirchenräume für Performances nützen. Die Kirche mischt sich inhaltlich nicht ein. Mir wäre mehr Dialog mit der Kirche, beispielsweise mehr Vorschläge, was sie an altem Notenmaterial haben, durchaus willkommen gewesen.
Pia Janke: Beim Jelinek-Schwerpunkt 1998 hat es Protest von Erzbischof Laun gegeben.
Helga Rabl-Stadler: Es ist meinem glücklichen Temperament zuzuschreiben, dass
ich mich an ihn nicht mehr erinnert habe, ich habe damals selbstverständlich zur Frau Jelinek gehalten. Und Laun stand mit seiner Haltung auch in der Kirche sehr einsam da.
Pia Janke: Haben Sie sich als Frau auch als Vorbild verstanden? Sind Sie bewusst im Betrieb selbst und nach außen als ein solches aufgetreten?
Helga Rabl-Stadler: Ich betone immer, nicht Vorbild sein zu wollen, weil mir das
zu einengend für die Frauen ist, die mir folgen sollen. Ich möchte eine Ermöglicherin und eine Mutmacherin sein. Mein bis zum Umfallen propagierter Spruch:
„Trau dir etwas zu, dann traut man dir etwas zu“ ist wahnsinnig wichtig. Ich war immer eine Frau, die sich etwas zugetraut hat, weil ich so von zu Hause erzogen wurde. Wenn man etwas wirklich will, dann kann man es. Ich habe mir zugetraut, eine gute Journalistin zu sein, eine gute Unternehmerin zu sein, eine gute Festspielpräsidentin zu sein. Ich glaube auch, bei den Festspielen, in einem ursprünglich sehr hierarchischen Haus, gezeigt zu haben, dass man mit Teamarbeit viel mehr weiter bringt. Wir Frauen können, wenn wir wollen, viel besser Teamarbeit. Es gibt ein köstliches Statement von John Naisbitt, einem Megatrend-Forscher um die Jahrtausendwende: Frauen seien die besseren Manager, weil sie von der Familie her gut mit heterogenen Situationen umgehen können. Wer den pubertierenden Sohn, den grantigen Mann und die lästige Tante zum Sonntag-Mittagessen ohne Mord und Totschlag vereinen kann, der kann spielend eine heterogene Situation am Arbeitsplatz steuern.
Ich habe vorgelebt, dass man im Ton verbindlich, aber in der Sache hart bleiben kann.
Ich habe gesagt: „Meine Lieben, nicht weinen, weinen tut man, wenn die Mutter stirbt oder das Kind schwer krank ist, aber nicht, weil man sich gegenüber einem Kollegen nicht
durchgesetzt hat. Da hat man andere Waffen.“ Mir ist in dieser Hinsicht viel Anerkennung entgegengekommen, und auch andere Frauen haben gesagt, dass ich
ihnen geholfen habe. In der #MeToo-Frage wurde mir nahegelegt, eine eigene Abteilung dafür zu begründen. Aber ich halte es für eine wichtige Führungsaufgabe, damit umzugehen. Ich habe eine große Versammlung bei uns im Haus gemacht und gesagt:
„Ich glaube, ich kenne mich im Festspielhaus gut aus, weil ich, mit wenig Urlaub, lange hier bin und überall hineingeschaut habe. Ich glaube, dass bei uns wenig bis nichts vorgefallen ist, weil es hier ein stark familiäres Umfeld gibt. Sagt mir, wenn ich etwas übersehen habe. Ihr könnt mir anonym schreiben, ihr könnt zu mir kommen, ihr könnt tun, was ihr wollt, aber bitte behaltet es nicht für euch, wenn ihr an etwas leidet.“ Es gab ein paar Fälle, die aber nichts mit #MeToo zu tun hatten, sondern anders gelagert waren. Es hat gezeigt, dass die Menschen den Mut hatten, mit mir über ihre Probleme zu reden. Auch das können wir Frauen ganz gut, die Ohren und das Herz aufmachen, wenn jemand Probleme hat.
Pia Janke: Sehen Sie aktuell eine Rückentwicklung, einen Backlash, was Frauen im
Kulturbereich betrifft? Bei den Besetzungen der großen Kulturinstitutionen in Wien, vor allem der Theater, gibt es erneut Männer in den Führungspositionen, noch dazu von Frauen entschieden, einer Kunststaatssekretärin und einer Kulturstadträtin. Muss man nicht achtsam sein, dass es wieder zurückgehen könnte?
Bei den Salzburger Festspielen gibt es eine Präsidentin – auf eine Intendantin wartet man aber seit mehr als 100 Jahren.
Helga Rabl-Stadler: Es macht keinen Sinn, einen guten Intendanten auszutauschen. Markus Hinterhäuser hat eine tolle künstlerische und ökonomische Bilanz vorgelegt, und er hat Fantasie für weitere zehn Jahre – warum hätte man ihn aus tauschen sollen? Aber ich teile Ihre Meinung, dass man auf der Hut sein sollte. Beim Thema Frauen bekommt man schnell das Gefühl, wenn man bereits eine Museumsdirektorin hat, kann man wieder drei Männer nehmen. Sind Sie vielleicht ein bisschen milder mit der Frau Stadträtin und der Frau Staatssekretärin, sie haben beide viele Frauen in Positionen gehievt, und ich möchte auch nicht, dass Männer keine Chancen mehr haben. Aber die Arbeit ist nicht getan, und in Wahrheit ist das Einsetzen für die Rechte der Frauen ein ähnlicher, nie enden dürfender Prozess wie das Einsetzen für die Demokratie und für die Menschenrechte insgesamt. Jeder, ob Mann oder Frau, kann und muss zur Verwirklichungechter Gleichberechtigung beitragen. Ein wichtiger Schritt ist nach wie vor die Verstärkung und Ausweitung weiblicher Netzwerke und andere Frauen aufzufordern: „Du kannst das, melde dich, ich helfe Dir!“



