Diversität, Identitätskonstruktion und Ausschlussmechanismen
Die Salzburger Festspiele als Ritual der „Kulturnation Österreich“?
GESPRÄCH MIT LEA SUSEMICHEL UND HELGARD HAUG, MODERIERT VON SARA LEITNER
SARA LEITNER: Wenn Sie die Begriffe „Kulturbetrieb“ und „Diversität“ hören, denken Sie an die Salzburger Festspiele?
LEA SUSEMICHEL: Nein, das wäre nicht meine erste Assoziation.
HELGARD HAUG: Als ich 2023 bei den Salzburger Festspielen tätig war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass versucht wurde, zumindest in den Schauspielsektor mehr Diversität zu bringen. In diesem Bereich gab es Bemühungen und auch die selbstkritische Erkenntnis, dass Diversität fehlt. Der Versuch zur Inklusion ist aber nicht der Grund, warum so viele Leute an den Festspielen teilnehmen und die Festspiele das Image haben, das sie haben.
SARA LEITNER: Können die Salzburger Festspiele überhaupt ein Ort sein, an dem gesellschaftspolitische Fragen diskutiert werden?
LEA SUSEMICHEL: Beim Jedermann-Konflikt im Herbst 2023 hat sich gezeigt, dass es nicht gelingt, in eine andere Richtung vorzustoßen bzw. dass sofort ein Riegel vorgeschoben wird, wenn es ein solches Bemühen gibt. Wie den Medienberichten zu entnehmen ist, hatte die Absetzung des Jedermann-Ensembles auch damit zu tun, dass es der Intendanz zu politisch wurde. Die Inszenierung versuchte, die Klimakatastrophe zu thematisieren, dann tauchte die Letzte Generation auf, aber dieses Durchbrechen der vierten Wand wurde unterbunden. Wenn das Theaterstück bzw. das Bühnengeschehen und gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse auf diese Weise zusammenspielen, könnte man das auch begrüßen. Das ist nicht geschehen. Offenbar will man nicht, dass sich bei den Salzburger Festspielen etwas ändert.
HELGARD HAUG: Wir müssen zunächst über den Begriff „Diversität“ sprechen, weil er in unterschiedliche Richtungen weisen kann. Sprechen wir von Diversität auf der Bühne in Bezug auf das Ensemble und der Frage, welche Rolle mit wem besetzt wird, wer im Scheinwerferlicht steht? Sprechen wir von Diversität auf der Produktionsebene? Oder von einer Diversität im Zuschauerraum? Das sind unterschiedliche Ebenen, auf die man unterschiedlich einwirken kann.
Ich habe 2023, als ich in Salzburg war, besser verstanden, was dort gesellschaftlich passiert und warum die Festspiele nicht mit anderen Festivals vergleichbar sind. Das hat sich daran gezeigt, welche Wichtigkeit die Wiederholbarkeit, die Absehbarkeit und die eigene Kenntnis über das, was man sieht, hat. Das fand ich auch deswegen interessant, weil ich mit meinen Projekten für das Experimentelle, das Ausprobieren und das radikale Verwerfen stehe. Ich habe mich gefragt, warum wir mit dem HORA-Ensemble nicht den Jedermann machen, weil das aus meiner Perspektive der richtigere Move gewesen wäre, anstatt in der SZENE Salzburg, also in einer Art Off-Bereich, auch mal was zu machen. Mir ist klar geworden, dass man hier noch nicht so weit ist und was für eine Kultur-Industrie die Festspiele sind, bei der es primär um Geld geht. Hier spielen andere Mächte und andere Kriterien bei der Auswahl eine Rolle, weshalb es hier auch so unbeweglich und starr ist.
LEA SUSEMICHEL: Es ist unmöglich, Bemühungen voranzutreiben, wenn sich Diversität nicht auch im Publikum spiegelt. Wenn ich es polemisch sagen darf: Die Salzburger Festspiele sind etwas, zu dem eine bestimmte Klientel geht, die sonst nicht ins Theater geht.
HELGARD HAUG: Mir ist das auch in Salzburg klargeworden. Man sagt, dass die Gäste durchschnittlich zehn Tage in Salzburg bleiben, was enorm ist. Es geht nicht darum, dass sie sich hier eine Inszenierung anschauen, die sie interessiert, mit der sie sich beschäftigen wollen oder die sie sehen wollen, weil sie das künstlerische Team kennen. Man verbindet es mit einem Sommerurlaub und trifft Leute. Ich habe mir ein paar Mal vor dem Festspielhaus angesehen, wie sich die Leute verhalten. Das ist einzigartig. Das hat etwas mit dem roten Teppich in Cannes zu tun, aber dazu fehlen in Salzburg die Stars, die sich präsentieren. Letztendlich präsentiert sich das Publikum selbst. Folglich gibt es wenig Verständnis für die Avantgarde, und Versuche in diese Richtung scheitern. Ich habe mich auch gefragt, wieso man solche Versuche wagen sollte. Vielleicht ist es in Ordnung, dass in Salzburg eine traditionelle Inszenierung des Jedermann stattfindet. Vielleicht sollte man hier einfach in solchen Traditionen bleiben.
SARA LEITNER: Nehmen Sie in dieser Selbstpräsentation eine Form von „Bluewashing“ wahr, bzw. wird hier mit Diversität auch als einer Form von Kapital gespielt?
HELGARD HAUG: Mit dem, was ich mache – sei es mit dem Theater HORA oder mit Rimini Protokoll –, bilde ich einen anderen Theateransatz ab. Deswegen habe ich die Einladung, bei den Festspielen mitzuwirken, als ernst gemeint empfunden. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein Feigenblatt bin. Es gab das Anliegen, den Schauspielbereich zu öffnen. Es gab 2023 auch Frauen, die inszeniert haben, was für ein solches Festival ungewöhnlich ist. Das war ein großes und ernst gemeintes Anliegen von Bettina Hering. Darüber hinaus gab es von unserer Seite den Anspruch, einfache Sprache ins Programmheft zu nehmen, weil wir ein Ensemble hatten, das kognitiv beeinträchtigt ist. Dabei standen uns viele Türen offen. Wir haben die Vorstellung damit gestartet, dass wir erklärten, wie wir gearbeitet haben und wie man miteinander umgeht, um die Verunsicherung rauszunehmen, weil viele Leute wenig Berührungspunkte mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben. Wir wollten zunächst eine Situation schaffen, in der man Fragen stellen kann, was sehr gut aufgenommen wurde. Dennoch hätte man auch das gesamte Festival in einfacher Sprache gestalten können. Es ist also immer die Frage, wie weit die Bemühungen reichen.
LEA SUSEMICHEL: Aus der Außenperspektive betrachtet, war auch die Entscheidung, 2023 Die Wut, die bleibt zu inszenieren, als Bemühen erkennbar, bestimmte Inhalte aufzugreifen. Gleichzeitig kann ich von außen nicht beurteilen, wie „nischig“ das ist und ob auch versucht wird, ein Gesamt-Statement zu machen.
Bei der Vermarktung von Diversität ist Bluewashing etwas, das immer wieder passiert – auch im Kulturbereich, gerade wenn das so eine Kulturindustrie ist wie bei den Salzburger Festspielen, bei denen es nicht nur um das Image der Kulturnation Österreich, sondern auch um viel Geld geht. Da ist es mit der Experimentierfreude oft nicht soweit her, weil man Angst hat, das Publikum zu vergraulen. Wir haben in den letzten Jahren beim Jedermann gesehen, dass abrasierte Haare reichen, um das Publikum zu verschrecken. Es gibt auch das Buch von Stefanie Reinsperger, in dem sie über ihre Erfahrungen und das Shaming, das sie abbekommen hat, geschrieben hat. Sie hat erst, nachdem Verena Altenberger den an sie adressierten Hass-Brief und die Reaktionen darauf gepostet hat, öffentlich gemacht, was ihr passiert ist und was für eine gewaltige Welle an Hass es ausgelöst hat, dass es einmal eine nicht normschöne Buhlschaft gab. Das spricht Bände. In dem Moment, in dem es um viel Geld geht, gibt es auch das Bemühen, nicht den Anschluss zu verlieren. Die Salzburger Festspiele haben Angst, als verstaubt zu gelten. Also versuchen sie, ein bisschen Gender-Trouble als Sahnehäubchen draufzugeben und damit auch diejenigen zu bedienen, die bislang die Nase gerümpft haben. Aber das ist ein Balanceakt, der leicht nach hinten losgehen kann, weil das meist zu viel ist für die Zielgruppe.In Österreich sind diese Fragen noch relevanter, weil sich dieses Land als Kulturnation versteht und dieses Selbstverständnis immer mitverhandelt wird. Österreich hat klassische und legendäre Theaterskandale erlebt, die es in Deutschland in dieser Form nicht gab. Diese Art der Empörungsbereitschaft des Publikums existiert in anderen Ländern nicht, weil es dort diese starke Identifikation über das Theater nicht gibt. Wenn man z.B. an die Kampagne der Wiener Freiheitlichen denkt – „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk… oder Kunst und Kultur?“ –, zeigt sich, wie stark bestimmte Milieus beanspruchen, sich über Kultur zu identifizieren. Das spielt gerade bei einem Event wie den Salzburger Festspielen eine große Rolle.
SARA LEITNER: Identifikation, aber auch Eurozentrismus und Deutsch-Nationalismus waren in den Gründungsschriften der Salzburger Festspiele von Bedeutung. In diesen Schriften beschreiben Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt die Funktion der Salzburger Festspiele als Stiftung einer neuen Österreich-Identität. Man wollte den „bayrisch-österreichischen Stamm“ bei den Festspielen manifest werden lassen und ein Wir-Gefühl erzeugen. Spielt so ein Gedankengut auch heute noch eine Rolle bei den Festspielen? Geht es nach wie vor um die Stiftung von Identität?
HELGARD HAUG: Die Festspiele haben die Funktion einer Selbstversicherung. Es hat für ein Publikum etwas Beruhigendes, wenn man sagen kann: „Ich kenne das, ich kenne den Plot, ich kann sagen, wie es im letzten Jahr war etc.“. Die Idee, dass man ein Stück jedes Jahr wieder aufführt, könnte aber auch bedeuten, dass man es jedes Mal anders macht. Man könnte einmal einen Choreografen engagieren, jemanden mit einer komplett anderen Theatersprache oder jemanden, der aus einer anderen Tradition kommt und einen anderen Blick hat. Das könnte verstörend vielfältig sein – was auch mein Anspruch an das Theater ist. Wenn ich ins Theater gehe, will ich etwas Neues lernen und mit etwas in Kontakt kommen, das ich noch nicht kenne. Beim Publikum in Salzburg ist das aber genau andersherum: die Abweichung ist der Skandal. Es prägt eine Form von Wir-Gefühl, wenn man weiß: „So haben wir das hier, so wollen wir das auch.“ Diese Funktion haben die Salzburger Festspiele, und sie ist zurzeit auch gefragt, weil es laufend Erschütterungen gibt, die für viele Personen eine Identitätskrise zur Folge haben. Man muss sich aber infrage stellen lassen, sei es politisch oder die eigenen Lebensgewohnheiten betreffend. Wir sind alle permanent dazu aufgefordert, zu überdenken, wie wir leben.
LEA SUSEMICHEL: Ich sehe diese Selbstvergewisserung als eine Funktion, die die Festspiele von Beginn an hatten – vor allem in einem nationalen Sinn, der ein österreichisches Spezifikum ist. Institutionen wie die Salzburger Festspiele sind im Selbstverständnis von Österreich als Kulturnation so bedeutend, weil man hier Identifikation über Kultur schafft. Das erkennt man auch an dem Vorwurf der Nestbeschmutzung, den ich anderswo nicht sehe und der sofort laut wird, wenn von der Tradition abgewichen wird. Trotzdem müsste es darum gehen, zu verstören, zu verunsichern sowie Diversität bzw. Andersartigkeit sichtbar zu machen und auf die Bühne zu bringen. Das gelingt bisher hier nicht. Es gibt eher einen Backlash. Michael Maertens hat ja in einem Interview gesagt, dass er glaubt, er wäre der letzte Jedermann und dass es ab jetzt eine Jederfrau geben wird.
HELGARD HAUG: Hat er das als gut bewertet?
LEA SUSEMICHEL: Ja, es klang zumindest so. Aber daran schließen sich größere Fragen an wie z.B., warum wir diesen Kanon haben und warum man 100 Jahre dasselbe Stück spielt. Was hat es noch zu erzählen, und auf welche Art und Weise kann man es immer und immer wieder re-inszenieren? Die Salzburger Festspiele stellen sich diese Frage nicht.
HELGARD HAUG: Vielleicht muss man die Inszenierung des Jedermann als Ritual sehen. Wir haben Rituale, und sie haben eine Funktion. Wir feiern auch Weihnachten auf eine gewisse Weise und Ostern auf eine andere. Das hat auch etwas Schönes. Vielleicht muss man sich die Inszenierung dieses Stücks nicht als Kunst- oder Theatererlebnis angucken, sondern als Ritual. Rituale haben die Funktion, dass sie beruhigen. Sie grenzen aber auch immer nach außen ab und schließen aus.
LEA SUSEMICHEL: Gerade im Kulturbereich spielt das aggressive Abgrenzen und Ausschließen eine große Rolle. Wenn man es mit Bourdieu analysiert, handelt es sich dabei um eine Klassendistinktion: Wir sind die Elite, die mit diesem Theaterbesuch ein Ritual manifestiert, das uns als Elite bestätigt, sodass wir weiterhin vorgeben, was guter und was kein guter Geschmack ist.
SARA LEITNER: Spielt Nationalismus bei der Zusammensetzung der Mitwirkenden der Salzburger Festspiele eine Rolle? Erkennen Sie hier Ausschlussmechanismen, die auf Eurozentrismus basieren?
HELGARD HAUG: Auf der künstlerischen Ebene nicht. Die Kolleg*innen kommen von überall her und werden aus unterschiedlichen Kontexten eingeladen. Vor allem im Bereich der Musik ist es sehr international. Das Gefühl hatte ich zumindest bei den Konzerten, die ich besucht habe und die hochkarätig international besetzt waren. Ein Phänomen der Salzburger Festspiele ist, dass alles von außen hereingeholt werden muss, weil die Stadt selbst nur eine minimale Struktur aufweist. Für die Festspiele bläst sich hier alles zu einem ballonartigen Riesen-Monster auf.
SARA LEITNER: Sie haben im Sommer mit der Schauspielgruppe HORA bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Hier gibt es den Versuch, unterschiedliche Menschen als Mitwirkende zu integrieren. Gleichzeitig bleibt die Frage: Wird die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen in Zukunft nach wie vor nur in bestimmten Bereichen möglich sein, oder wird sie auch außerhalb stattfinden können?
HELGARD HAUG: Ich glaube, dass es geht. Es ist das Ziel, dass es selbstverständlich wird, dass ein Ensemble divers aufgestellt ist, dass Leute mit Beeinträchtigungen ein normaler Bestandteil eines Ensembles sind, nicht nur Teil der Spielenden, sondern auch Teil der Verwaltung, der künstlerischen Leitung etc. Es gibt bereits Häuser wie z.B. die Münchner Kammerspiele, die das versuchen, oder jemanden wie Florentina Holzinger, die ganz selbstverständlich Menschen mit Beeinträchtigungen z.B. als Tänzerinnen in ihrem Ensemble hat.
LEA SUSEMICHEL: Diese Bemühungen kommen immer von Off-Produktionen und nie aus dem Mainstream. Die Pionier*innen kommen nicht von den großen Tankern, obwohl diese die eigentlichen Strukturen hätten. Es sind immer Bemühungen, die langwierig sind und die sehr hartnäckig sein müssen. Irgendwann gibt es dann Zäsuren wie die, dass es einen NESTROY-Preis für so eine Bemühung gibt. Trotzdem sind wir noch weit davon entfernt, dass diese Form der Inklusion normal ist.
HELGARD HAUG: Solche Setzungen kommen auf vielerlei Ebenen aus der freien Szene. Sie beziehen sich letztendlich auf alles, auch auf den Umgang mit Ressourcen, wie beim Versuch, klimaneutral zu produzieren. Diese Entwicklungen werden lange dauern, aber ein paar Türen stehen schon offen. Trotzdem wurden die HORAs auf der Straße in Salzburg angefeindet. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie in bestimmten Restaurants nicht bedient wurden. Das sind alltägliche Erfahrungen, die sie in unserer Gesellschaft machen. So ein großes Event ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, die Menschen haben wenig Toleranz und wenig Verständnis für andere.
LEA SUSEMICHEL: Das ist ein Umstand, der skandalisiert werden sollte. Es herrscht ein gesellschaftliches Klima, das so diskriminierend und voller Hass ist, das allem entgegenläuft, was man mit den Produktionen erreichen will, bei denen man den Finger in die Wunde legt. Ich finde es wichtig – als Journalistin, weniger als Kulturschaffende –, dass man sich nicht auf die Bühne beschränkt, sondern öffentlich machen soll, was drumherum stattfindet. Es passiert auch in anderen aufgeschlosseneren Kontexten, dass etwas beklatscht wird, solange es auf der Bühne passiert, aber im Lokal sieht die Welt anders aus.
HELGARD HAUG: Man könnte die ganze Zeit aufschreien, und gleichzeitig gibt es auch andere Erlebnisse. Nach den Erfahrungen des Ensembles in dem Restaurant haben die Techniker*innen gesagt: „Esst doch bei uns.“ Sie haben ein Feuerwehrauto in die Seitengasse gestellt und selber gekocht. Das war eine familiäre, tolle Atmosphäre. Es war großartig, wie das Team mit dem Ensemble umgegangen ist. Ich habe es als authentisch, interessiert und auf Augenhöhe mit den HORA-Spieler*innen wahrgenommen. Trotzdem spiegelt die Diskriminierung, der das HORA-Ensemble ausgesetzt war, die Erfahrungen wider, die auch in der Schweiz und in Berlin Alltag sind. Das ist nichts Salzburg-Spezifisches.
SARA LEITNER: Sie haben erwähnt, dass Die Wut, die bleibt im Sommer inszeniert wurde und aktuelle Themen aufgriff. Wie ist das bei anderen Themen, die gesellschaftspolitische Relevanz haben und sich z.B. mit unterschiedlichen Formen von Vielfalt beschäftigen? Findet das in Salzburg statt? Werden Themen wie Globalität, neue globale Zusammenhänge und Postkolonialismus im Programm aufgegriffen?
LEA SUSEMICHEL: Das glaube ich nicht.
HELGARD HAUG: Nein, das zeichnet sich im Programm nicht ab.
SARA LEITNER: Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal haben die Salzburger Festspiele als Ort der Heilung und Erlösung entworfen. Sie propagierten damit einen Kunstbegriff, der vorgab, dass nur „schöne“ Dinge bei den Festspielen stattfinden sollten. Ist dieses Ziel nach wie vor etwas, das die Salzburger Festspiele prägt und das Programm mitbestimmt?
HELGARD HAUG: Man muss zwischen Schauspiel, Konzert und Oper differenzieren. Alles, was ich auf der Konzertebene mitbekommen habe, knüpft an Traditionen und das „Schöne“ an. Die Erfahrung, die ich 2023 gemacht habe, war, dass man hier das Schöne und das Virtuose will – erkennbar auch daran, wie sich das Publikum gibt, wenn es in ein Konzert geht – trotz des teilweise jungen Alters. Hier geht es um Selbstvergewisserung: man will tolle Musiker, tolle Kompositionen in tollen Räumen, in tollen Kostümen. Beim Schauspiel ist das anders. Dort kommt es durchaus zu innovativen Versuchen.
LEA SUSEMICHEL: Bestimmt tue ich manchen Akteur*innen Unrecht, aber aus meiner Außenperspektive geht es in Salzburg um Kunstgenuss. Man soll nicht verstört oder aufgeschreckt werden, sondern Kunst in einer Form genießen, die man kennt. Das hat mit einem antiquierten Kunst- und Ästhetikbegriff zu tun. Es gibt noch die Vorstellung vom ästhetischen Urteil und vom Erhabenen, von dem man durch das große Spektakel angerührt werden soll. Es geht nicht um Episches Theater oder um eine Vorstellung von Kunst, die politisch sein möchte, die etwas über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse aussagen oder etwas anstoßen und verändern will.
Die Gesamtstruktur der Salzburger Festspiele finanziert sich meines Wissens zu 80 % über Ticketeinnahmen, was im Vergleich zu geförderten Einrichtungen wie Stadt- und Staatstheater hoch ist. Deshalb sind die Tickets so teuer, und deshalb ist es so wichtig, die Kundschaft nicht zu vergraulen. Man kann nicht einfach sagen, wir setzen jetzt zwei Jahre eine Revolution durch, bis sich ein anderes Publikum einfindet, weil so viel dranhängt wie Gastronomie und Hotels. Man kann die Salzburger Festspiele nicht isoliert „nur“ als Kunst und Kultur betrachten.
SARA LEITNER: Werden die Salzburger Festspiele noch heute für ein bestimmtes Publikum gemacht und finden deshalb in dieser Form statt?
HELGARD HAUG: Ja.
LEA SUSEMICHEL: Ja, auch der Tourismusfaktor darf dabei nicht unterschätzt werden.
SARA LEITNER: Spielt Diskriminierung beim Publikum eine Rolle?
LEA SUSEMICHEL: Wer kann sich die Tickets leisten? Das ist die Frage. Wer wird von diesem Programm, von dieser Art der Inszenierung angesprochen? Wer findet die eigenen Themen und das eigene Leben auf der Bühne wieder? Diskriminierung bedeutet nicht zwangsläufig, zu sagen: „Du darfst hier nicht rein“. Es sind Ausschlusskriterien, die sich über die genannten Aspekte ergeben. Insofern findet eine Form von struktureller Diskriminierung statt.
HELGARD HAUG: Es geht nicht nur darum, wie teuer die Tickets sind, sondern auch um das Verfahren, wie man Tickets erwerben kann. Man muss am Anfang Wünsche deponieren, weil der Freundeskreis der Salzburger Festspiele Vorrang hat. Das sind quasi Co-Produzent*innen der Festspiele. Sie geben einen Betrag und haben deshalb ein Vorkaufsrecht. Es gibt auch keine Produktionstickets. Ich musste Wünsche deponieren, um für meine eigene Produktion Tickets zu bekommen. Diese Tickets mussten wir kaufen, wenn auch zu etwas vergünstigten Konditionen. Das ist anders als in anderen Theatern, in denen klar ist, dass man sich seine eigene Produktion anschauen kann. Man könnte ein Modell der Patenschaft einführen, dass Leute, die sich ein zusätzliches Ticket leisten können, zwei Mal zahlen und dadurch anderen Menschen ermöglichen, eine Vorstellung zu besuchen. Das findet aber nicht statt, weil es Teil des Hypes ist, dass man zeigt, dass man es sich leisten kann. Wenn man eine Woche in Salzburg ist, heißt das, dass man ein paar 1.000 Euro investiert hat, wenn man die Unterkunft, das Essen usw. miteinberechnet, was in dieser Zeit unfassbar teuer ist.
SARA LEITNER: Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit ein vielfältigeres Publikum erreicht wird?
HELGARD HAUG: Man muss sich die Frage stellen, ob das Festspiel-Publikum überhaupt will, dass mehr Menschen ermöglicht wird, an Vorstellungen teilzunehmen.
LEA SUSEMICHEL: Ich glaube, dass es eher abträglich wäre. Diese Leute wollen nicht neben Menschen sitzen, die das Ticket zum Sozialtarif bekommen haben. Das ist eine Eliteveranstaltung, und das ist auch der Spaß daran. Deswegen geht man hin.
SARA LEITNER: Wenn Sie einen Appell an die Salzburger Festspiele formulieren könnten, welcher Appell wäre das?
HELGARD HAUG: Natürlich wäre es toll zu sagen: „Gebt das Festspielhaus dem HORA-Ensemble!“ Bevor ich nach Salzburg gegangen bin, hätte ich das gesagt, aber heute sehe ich, dass das verkürzt gedacht, naiv und gleichzeitig an dem, was die Festspiele sind, vorbei argumentiert ist. Ich finde es schwierig, zu sagen, was man konkret machen sollte, weil man dann alles ändern und das gesamte System infrage stellen müsste. Man müsste z.B. auch einen Campingplatz in die Stadt stellen. Es ist zu komplex, als dass man sagen könnte, ihr braucht eine Quote oder ihr müsst die Ticketpreise runtersetzen.
LEA SUSEMICHEL: Ich würde radikaler auftreten und fordern, dass sich in Österreich Kunst- und Kulturinstitutionen darüber klar werden sollten, dass sie eine gesellschaftspolitische Verantwortung haben. Es ist nicht so, dass sie sich dafür entscheiden könnten, unpolitisches Theater zu machen und Genuss und Freizeitvergnügen zu produzieren. Man kann sich nicht für den rein ästhetischen Genuss entscheiden, der unbehelligt von allen anderen Bereichen stattfindet. In dem Moment, in dem öffentliche Gelder vorhanden sind – auch wenn die Salzburger Festspiele ein Sonderfall sind, weil sie wirtschaftlich so gut funktionieren –, muss klar sein, dass es eine gesellschaftspolitische Verantwortung gibt. Man muss einfordern, dass virulente Fragen diskutiert werden und dass es eine Öffnung geben muss. Wir leben in einer Gegenwart, in der es auf der ganzen Welt brennt und alles am Abgrund steht – sei es klimapolitisch oder in Bezug auf die Bedrohung durch Rechtspopulist*innen. Es gibt in allen diesen Bereichen dringenden Handlungsbedarf. Institutionen wie die Salzburger Festspiele müssen sich ihrer Verantwortung stellen und ermöglichen, dass solche Themen auf der Bühne verhandelt werden. Deswegen wäre meine Forderung, dass genau das Gegenteil von dem passiert, was jetzt passiert: man muss sich öffnen, und man muss bereit sein, sich zu verändern und neuen Positionen Raum zu geben. Die Instrumente dafür sind auch Publikumsgespräche, das Bestreben, einen Austausch zu ermöglichen sowie Sorge dafür zu tragen, dass die Festspiele kein abgeschlossenes Event sind, sondern etwas bewirken.
SARA LEITNER: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Veranstaltung bei den Salzburger Festspielen so zu gestalten, wie Sie wollen, und die einzige Vorgabe wäre, dass es um das Thema „Vielfalt“ gehen soll: Wie würde diese Veranstaltung aussehen? Wer wären die Mitwirkenden? Vor bzw. mit welchem Publikum würde die Veranstaltung stattfinden?
HELGARD HAUG: Früher hätte ich gesagt, dass ich den Jedermann inszenieren will, aber davon bin ich, seit ich dort war, abgerückt. Was ich spannend fände, wäre eine Inszenierung über den Jedermann und all das, was an ihr hängt. Es gibt irrsinnige Geschichten, die die Verzahnung von Geld, Kunst, Wirtschaft und die Macht des Publikums abbilden. Das könnte man in einer Inszenierung zeigen, indem man alles von innen nach außen stülpt. Alle dürften kommen.
LEA SUSEMICHEL: Ich würde auch den Jedermann thematisieren. Ich würde ihn Jedermensch nennen und nur die Sogkraft behalten. Die Texte könnte man wegnehmen und nur die Institution Jedermann als Gerüst benutzen und sie völlig entkernen und auch den Titel verändern. Aber gerne mit dem Originalpublikum. Ich fände es gut, etwas ganz Wildes zu machen. Aber ich bin kein Theatermensch, es wäre dann wahrscheinlich ein politisches Pamphlet.
HELGARD HAUG: Es gibt nur wenige Kulturveranstaltungen, an denen schon im Vorfeld so viele Menschen teilnehmen wie die Präsentation des neuen Jedermann-Darstellers. Das muss man den Salzburger Festspielen positiv zugutekommen lassen. Es ist irre, wie viel Aufmerksamkeit das bekommt. Andere Kulturinstitutionen würden sich für einen Bruchteil dieser Anteilnahme bedanken. Dieses Kapital könnte man nutzen und drehen – deshalb, weil es so eine Wirkung aus dem künstlerischen Feld hinaus in die Gesellschaft hat. Wenn darüber diskutiert wird, ob Reinsperger ein bestimmtes Kleid tragen kann oder nicht, erkennt man, wie durchlässig die Grenzen zwischen der Bühne und dem Rest der Welt sind. Das könnte man nutzen, wenn man es auf eine andere Art und Weise aufgreift und die Salzburger Festspiele selbst zum Politikum macht, darüber reflektiert und es vor- und nachbereitet.

HELGARD HAUG
Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen. 2000 Gründung von Rimini Protokoll gemeinsam mit Stefan Kaegi und Daniel Wetzel. 2012 Berufung von Rimini Protokoll auf die erste Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Neben ihrer künstlerischen Arbeit Tätigkeit als Jurorin und Dozentin. Lehrtätigkeiten u.a. an der Universität Bochum, der Zürcher Hochschule für Künste, der BAS in Norwegen und der luav University of Venice. 2023 Inszenierung von Brechts Kaukasischem Kreidekreis bei den Salzburger Festspielen mit dem Theater HORA.

SARA LEITNER
Studium der Kunstgeschichte und der Deutschen Philologie mit Spezialisierung im Fachbereich Sprachwissenschaft. Masterarbeit über die soziale Bedeutung von Sprache bei der Vermittlung von Kunst im musealen Ausstellungskontext. 2015-23 Mitarbeiterin beim ORF Niederösterreich u.a. als Archivarin. 2019-24 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 Mitarbeiterin des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.

LEA SUSEMICHEL
Studium der Philosophie und Gender Studies in Wien. Als Autorin, Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende arbeitet sie vor allem zu den Themen feministische Theorie und Bewegung und Medienpolitik. Seit 2006 leitende Redakteurin von an.schläge. Das feministische Magazin. Zahlreiche Publikationen, darunter Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken (2018) sowie Unbedingte Solidarität (2021) gemeinsam mit Jens Kastner.


