Lilli Lehmann im Stadtarchiv Salzburg

Festspiel Academy 2025: Die Salzburger Festspiele. Frauen*.Spuren lesen – Frauen*.Spuren finden

Der Beitrag von Lukas Fallwickl (Stadtarchiv Salzburg), stellvertretend vorgetragen von Irene Brandenburg, stellt eine besondere Archivalie aus dem Stadtarchiv Salzburg in den Mittelpunkt: das Ehrenbürgerdenkbuch der Stadt Salzburg mit dem Eintrag zu LILLI LEHMANN. Ausgehend von diesem Dokument entfaltet sich ein kulturhistorischer Blick auf eine Künstlerin, deren Bedeutung weit über ihre internationale Karriere als Sängerin hinausreicht. Lilli Lehmann erscheint hier nicht nur als gefeierte Interpretin, auch zeigt sie sich als strategisch handelnde Kulturakteurin, Mäzenin, Regisseurin, Pädagogin und Wegbereiterin jener Festspielidee, die Salzburg im frühen 20. Jahrhundert nachhaltig prägen sollte.

Geboren 1848 in Würzburg, erlangte Lehmann als Opern- und Konzertsängerin europaweite und transatlantische Anerkennung, insbesondere als Interpretin der Werke Richard Wagners und Wolfgang Amadeus Mozarts. Für Salzburg wurde sie ab 1901 zu einer prägenden Persönlichkeit. Bei den Salzburger Musikfesten, die als wichtige Vorläufer der späteren Salzburger Festspiele gelten, trat sie zunächst als Sängerin hervor, übernahm jedoch zunehmend auch programmatische, organisatorische und künstlerisch leitende Funktionen. Damit überschritt sie jene Rollenzuschreibungen, die Frauen im Musik- und Theaterbetrieb ihrer Zeit gewöhnlich zugewiesen wurden.

Besondere Verdienste erwarb sich Lehmann um die Mozartpflege in Salzburg. Ihr Engagement galt dem Ausbau des Mozarteums, dem Ankauf von Mozarts Geburtshaus sowie der Etablierung von Kursen, Aufführungen und institutionellen Strukturen, die Salzburg als Mozartstadt international sichtbar machten. In ihrer Autobiografie Mein Weg reflektierte sie dieses Wirken als praktische, künstlerisch begründete Verantwortung gegenüber dem kulturellen Erbe Mozarts. Der Beitrag macht damit deutlich, dass Lehmanns Wirken auch kulturpolitisch zu verstehen ist: Sie gestaltete Bedingungen, Räume und Institutionen musikalischer Erinnerung.

Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft am 4. Oktober 1920 markiert einen außergewöhnlichen Akt öffentlicher Anerkennung. Lilli Lehmann wurde damit zur ersten Ehrenbürgerin der Stadt Salzburg. Die im Ehrenbürgerdenkbuch dokumentierte Würdigung ihrer Verdienste um das Mozarteum und um die Pflege des Mozartkultes verweist auf eine bemerkenswerte historische Konstellation: Eine Frau wurde in einer Zeit, in der gesellschaftliche und politische Handlungsspielräume für Frauen noch eng begrenzt waren, mit der höchsten kommunalen Auszeichnung geehrt.

Zugleich eröffnet der Beitrag eine kritische Perspektive auf städtische Erinnerungskultur. Dass nach Lilli Lehmann bis heute nur wenige Frauen in die Reihe der Ehrenbürgerinnen Salzburgs aufgenommen wurden, macht ein dauerhaftes Ungleichgewicht sichtbar. Das Ehrenbürgerdenkbuch wird damit zum Spiegel historischer Machtverhältnisse: Es zeigt, wem öffentliche Anerkennung zuteilwurde, welche Leistungen erinnerungswürdig erschienen und welche Formen weiblicher Kulturarbeit lange randständig blieben.

Die heutigen Erinnerungsorte – darunter die Gedenktafel im Rahmen des Projekts Frauenspuren, die Lehmann-Linde im Garten des Mozarteums und die Lilli-Lehmann-Gasse in Salzburg-Parsch – schreiben diese Anerkennung in den öffentlichen Raum ein. Sie machen eine Künstlerin sichtbar, deren Einfluss auf Salzburgs Musikleben, auf die Mozartpflege und auf die Vorgeschichte der Salzburger Festspiele kaum überschätzt werden kann.