Festspiele 2.0: Feminismus, Revolution und neue Ästhetik
Es braucht einen radikalen Wandel
SARAH HELD
Lydia Haider gibt der Buhlschaft in ihrem Text Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung ein eigenes Leben, eine Seele, die nicht an irgendeinen desolaten und alternden (scheinbar obligatorischen) männlichen Protagonisten geknüpft ist. In gewohnter Haider-Sprache schafft die Autorin somit eine in den Festspielen längst überfällige Allegorie für weibliche Selbstbestimmung. Kämpferisch, verwegen, wild, ungestüm, brutal, vulgär, martialisch – eine fantastisch aktive Buhlschaft mit durchsetzungsfähiger Argumentationslinie: „[…] hab meine waffe eh dabei, immer geschickt und parat, um meinem Wort Nachdruck zu verleihen zu jedem Tag und jeder Nacht schläft sie in meiner Hand nicht und ist meine Verlängerung und ich bin ihre Sprache“1 .
Das erinnert mich an Holes My Body, the Hand Grenade. In diesem Sinne entsteht in Haiders Text eine Buhlschaft aus dem „feminist gaze“. Ich verstehe Buhlschaft ganz klar in der Tradition von Courtney Loves Songtext. Denn ähnlich wie die Sujets der Band Hole erschafft Haider eine zeitgenössische Form von Weiblichkeit, die sich vom verkrusteten feminin konstruierten „Genderscript“ und tradierten Vorstellungen tugendhafter Weiblichkeit löst, die der Jedermann im Besonderen und die Salzburger Festspiele im Allgemeinen gleichermaßen perpetuieren und propagieren.
Haider gibt der Buhlschaft eine große Portion Emanzipation mit und zwar richtig „in your face“. Vor allem direkt in die hässliche Fratze des Bürgertums, also der Gesellschaftsschicht, die primär die Festspiele konsumiert und hervorbringt. Ein verbaler (Rundum-)Schlag in Richtung Kirche, Patriarchat und Staat.
Verfolgt man den Medienrummel um die Festspiele und das damit verbundene Standing des Jedermann-Schauspielers, gibt es scheinbar bahnbrechende Neuigkeiten. So spekulierte Michael Maertens im Standard-Interview (StandART 2023), dass er wohl die letzte cis-männliche Besetzung sei, die den Jedermann spiele.2 Das ist irgendwie süß. Als ob ein wenig „genderbending“ hier und ein bisschen stereotyper Rollentausch da den Karren aus dem Dreck ziehen könnten. Die Festspiele – und insbesondere der Jedermann – brauchen keine oberflächlichen pseudoreformistischen Ansätze. Es braucht einen radikalen Wandel und eine (queer-)feministische Zäsur. Das vermeintliche Korrektiv eines verstaubten Klüngels aus Konservatismus-Maskulismus-Katholizismus und Männerbündelei kann nur scheitern und wird zur leeren Oberflächenrhetorik. Die feministischen Leerstellen im Kanon können nicht gefüllt werden, wenn immerzu dieselbe patriarchale-konservative Kulturproduktion völlig redundant gespielt wird. Die Festspiele müssen der Realität ins Auge blicken und anerkennen, dass sie nicht in der Lage sind, sich ohne Hilfe von einer neuen Generation feministischer Autor*innen und Denker*innen weiterentwickeln zu können. Die Festspiele sollten daher Autor*innen wie Lydia Haider hofieren und sie bitten, sich ihrer anzunehmen.
Dein bin ich heut, nicht ewiglich!
Die Gewalt des kapitalen Patriarchats und seine postfeministischen Fallen
GABRIELE MICHALITSCH
Alljährlich spricht Hofmannsthals Jedermann die zu den Salzburger Festspielen Pilgernden frei. Ganz und gar katholisch gelten all die Sünden des reichen Mannes am Ende nichts, wenn er bloß in seiner Todesstunde bereut. Schützend verwehrt der Gottesglaube dann dem Teufel, was dieser längst zu besitzen meint: die Seele des Jedermann. Derart moralisch entlastet, verlässt das kulturbeflissene Publikum den Domplatz zur unbeschwerten Fortsetzung all jener Vergnügungen, die der eifrige Dienst am Mammon eröffnet. Dessen dunkle Seite darf bequem verdrängt bleiben.
So leicht macht es Lydia Haider mit Die Buhlschaft in Herbert ihren Leser*innen nicht, brüllt sie diesen doch am Ende entgegen: „[…] wie viel finster ist es eigentlich bei dir, dass du das nicht siehst was hier geschieht, das frage ich dich und du weißt es natürlich nicht ja was weißt du denn überhaupt“3 . Die alltägliche brutale Gewalt – besonders gegen Frauen –, die die kapitalistisch-patriarchale Gesellschaft hervorbringt, ist es, vor der man gutbürgerlich die Augen verschließt. Da oft nicht erinnert oder nicht eingestanden, vermag auch die Wissenschaft „niemals das gesamte Ausmaß der Gewalt [zu] erfassen“4 . Dennoch berichten 57 % der Frauen und 61 % der Männer in Österreich von körperlichen sowie ein knappes Drittel der Frauen und knapp 10 % der Männer von sexuellen Gewalterfahrungen als Erwachsene.5 Frauen sind körperlicher Gewalt vor allem in Familie und Partnerschaft, Männer hingegen an öffentlichen Orten ausgesetzt.6 Die Täter sind in beiden Fällen überwiegend Männer. Öffentlich problematisiert werden seit Kurzem zwar Femizide, kaum aber die die gesamte Gesellschaft durchziehenden Gewaltstrukturen.
In drastischen Bildern führt Lydia Haiders Text vor Augen, was sich hinter solch kühler Gewalt-Diagnose verbirgt. Von der Buhlschaft seiner Ex-Frau besessen, von Herrschsucht, Eifersucht und Rachsucht getrieben, schwelgt Herbert, Haiders Jedermann, in Aggression, Hass und Zerstörungswut, die sich in orgiastischen Gewaltphantasien entladen: „[…] und bevor ich überhaupt etwas frage da nehme ich meine Faust ziehe meine Faust heran und schlage dir ins Gesicht so oft ich will und es ist oft, das sage ich dir“7. Die Raserei ungezügelter Gewalt richtet sich auch gegen Männer, vor allem aber gegen Herberts Ex-Frau, seine Mutter und jede Frau, die zufällig Herberts Weg kreuzt. Vergewaltigung darf dabei nicht fehlen: „[…] ich bin Herbert und mein Leib ist dein Leib, den ich dir gebe und du nimmst ihn gefälligst auch“8.
Nur in Herberts Tirade gegen seine Mutter wird auch der Schmerz offenbar, den die Gewalt verbirgt: „[…] da zeig ich der Mutter, die mich, ihre Erlösung, herausgelassen in mein Leben, wie es sich anfühlt, zu leben, und gebe ihr, was ihr gebührt und wie es zu sein hat, was das Leben ist, und das ist Schmerz und Blut und Not und Qual samt Pein und Dreck“9. Im „happy Paradies“ des Massenkonsums schließt man auch davor meist die Augen.
Die „Palliativgesellschaft“10 will keinen Schmerz kennen, weder den eigenen noch den der anderen. Unter „möglichst schmerzunempfindliche[n], permanent glückliche[n] Leistungssubjekte[n]“11 wird der Schmerz zum Makel, gilt er doch als Schwäche und Misserfolg, an dem in neoliberalen Zeiten stets das Individuum selbst die Schuld trägt. Wo alles zu einer Frage der Selbstverantwortung mutiert, bleibt jede Empathie aus. Selbst Krankheit wird dann zum Zeichen defizitärer Lebensführung erklärt und der Tod zumindest für verschiebbar.12
Solcherart menschlich geworden, nimmt der Tod Herberts Gestalt an. Als Beschützer, Richter und Erlöser tritt er, von einer ganzen Industrie entsprechend gerüstet, an Gottes Stelle: „[…] damit ich Waffen habe zu schützen und zu richten, denn ich bin der Richter dieser Welt, wozu ich viele Waffen brauche“13. Haiders Text ist folglich nicht nur Femizid-Variation und Todesarten-Zyklus von Messer bis Pistole, von Würgegriff bis Baseballschläger, sondern vor allem eine Parabel auf die Destruktivität der westlichen Gesellschaft, die den Krieg nicht erklärt, sondern fortsetzt, und Wachstum nur als Vernichtung menschlicher Lebensgrundlagen kennt. Anders als Sarah Held sehe ich in Haiders Text keinerlei „zeitgenössische Form von Weiblichkeit“14 und auch keinerlei Emanzipation, sondern eine blutige Anklage kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse mit einem wiedererstarkenden Männlichkeitsbild, für das die Verleugnung von Schmerz und die Ausübung von Gewalt elementar sind. Vor allem seit Krieg wieder als Sache der Gerechtigkeit und der Wunsch nach Frieden als Verbrüderung mit dem Feind gilt, verblasst das die letzten Jahrzehnte dominierende unternehmerische Ideal der ökonomischen Konkurrenz zusehends neben dem Helden des Schlachtfelds.
Gleichsam an seiner Seite zitiert Haiders Stimme der namenlosen Buhlschaft, der entpersonalisierten und verdinglichten Liebelei, die nie zur Liebe wird, Hofmannsthals Text. Repetitiv hallt sie in Herbert wider, ehe sie verklingt: „[…] ich bin bei dir, sieh doch auf mich, dein bin ich heut und ewiglich.“15 Das Versprechen ewiger Unterwerfung erfüllt sich schließlich nur im Tod.
Wider niedlichen Postfeminismus
„Dein bin ich heut und ewiglich“, so könnte man wohl auch das Verhältnis von Jedermann zu Österreich charakterisieren, ist Hofmannsthals Werk doch nach über 100 Jahren – nicht zuletzt dank anhaltenden medialen Getöses – zu „dem“ österreichischen Identitätsstück avanciert. Haiders „Herbert-Jedermann“ am Domplatz, das wäre eine Revolution, die die Festspiel-Macher*innen wohl ihre überaus lukrativen Jobs kosten würde. Schließlich galten in Salzburg schon Kurzhaarschnitt und Hosenanzug der Buhlschaft samt eher dezenten Absätzen des Jedermann-Schuhwerks als „genderfluid“16 – anno 2021!
In malerischen Dirndl-Kulissen finden nun einmal keine Revolutionen statt, die könnten nicht nur dem Ruf der „Salzburger Festspiele als Weltmarke“ und „als bedeutendstem Kulturfestival der Welt“17 schaden, sondern vor allem dem Geschäft. Schließlich verkauft man in Salzburg überaus einträglich nicht nur die erhabenen Darbietungen der – laut Selbst-Darstellung – „besten und renommiertesten Künstler aus aller Welt“, sondern auch „das wunderbare Umland“, in dem „die Seen des Salzkammerguts zu Ausflügen und Golfpartien ein[laden]“18, und selbstverständlich all das, was einst als Todsünde galt: Luxuria (Wollust, Genusssucht), Superbia (Eitelkeit, Hochmut) und Gula (Völlerei) – samt Absolution, sollte es derer noch bedürfen. Dafür gab schon 2015 ein*e Festspielbesucher*in im Schnitt – neben den insgesamt 550 Euro für Festspielkarten – 319 Euro pro Tag aus.19 Solch Urlaubsbörserl, keineswegs bei jedem Mann und noch weniger bei jeder Frau derart prall gefüllt, brachte Salzburg 2015, wie die Wirtschaftskammer vorrechnet, 183 Millionen Euro, sicherte rund 2.800 Salzburger Arbeitsplätze und ließ mit 77 Millionen an Steuern und Abgaben zudem die Staatskassa klingeln.20
Wo der Dienst am Mammon stets präsent, die Kunst als „Exzellenz-Infusion“21 Standortfaktor und exklusive Tradition jenseits der Zeitläufte Teil des Programms ist, scheint für Feminismus wenig Platz. Als Hort bürgerlicher Selbst-Bestätigung würde Salzburg, konservativ-katholisch geprägt und derzeit weit rechts regiert, wohl bestenfalls postfeministische Einsprengsel ertragen, ein bisschen Gleichstellung, ein paar Künstlerinnen mehr, etwas queeres Kostümspiel, einen Hauch von weiblichem Eigensinn, gelegentlich selbst ein widerborstig-feministisches Schauspiel. Doch Feminismus als radikale Gesellschaftskritik und kühnen anti-bürgerlichen Zukunftsentwurf wird man sich in Salzburg trotz eines Festspielbudgets von 67 Millionen Euro 2023 wohl kaum leisten. Eine für rechte Aufreger sorgende Prise davon mag Weltoffenheit, Pluralität und Liberalität demonstrieren – nicht zuletzt zwecks zeitgemäß optimierter Vermarktung. Feministische Salzburger Festspiele aber sind, da stimme ich Sarah Held zu, ein Widerspruch in sich. Feminismus ist eben niemals hübsches Feigenblatt, sondern immer Revolution. Sie mag auf sich warten lassen, aber auch Jedermann holt am Ende der Tod – wie ihn Helmut Qualtinger bereits 1957 besingt:
Der Tod: Komm, Mister Jedermann, gemma bissel stearbn
(Briaderl kumm, deine Stundn san um!)
Der Tod: Wenn auch dagegen sind die Hofmansthalschen Erben!
(Briaderl kumm, deine Stundn san um!) […]
Der Tod: Jeda-Jedarmann
(Hast für Salzburg genug getan!)
Der Tod: Je-S hot a je-, hot a je-, hot a je-, hot a je-, hot a jeda scho gnua!
(Sperr‘ ma endlich den Domplotz zua!) 22
Erb*innen der Hochkultur
Jeder Mensch braucht Kultur
ANITA BUCHART
Culture rejected us, so we rejected culture. 23
Die Salzburger Festspiele sind ein Erbe, dies ist ein Privileg und ein Fluch. Im August gehört die Stadt den Festspielen. Zu diesem Zeitpunkt schauen alle auf die kleine Stadt, sie kommen und bringen Geld und genießen die Hochkultur, für die wir verantwortlich sind. Mit dieser Ansicht bin ich im Land Salzburg aufgewachsen. Wir, die das ganze Jahr da waren, sahen dann den aktuellen Jedermann-Schauspieler auf den Plakaten der Salzburg-Land-Werbung. Die großen Werbeplakate hingen immer an der Einfahrt zu meinem kleinen Dorf. Eine Erinnerung daran, was richtige Kultur ist und, dass sie nichts mit uns zu tun hat. Wir lasen in den Zeitungen, wer die Buhlschaft-Schauspielerin ist und welches Kleid sie trägt. Auf dem Domplatz habe ich die beiden in dieser Zeit nie gesehen – der war abgesperrt für die, die kommen und Geld bringen. Ich habe gelernt, auf etwas stolz zu sein, das nicht für mich gedacht ist, wozu ich nicht eingeladen bin und das sich auch niemand in meiner Umgebung leisten konnte. Die Kinder des Land Salzburgs sind die Erb*innen dieser Hochkultur, die nicht für sie gedacht ist.
Gabriele Michalitsch fasst die Zahlen zusammen und zeigt sehr gut, in welcher Finanzlage das Publikum sein muss, um überhaupt teilzunehmen. Auch zeigt sie den Zusammenhang, der immer und immer wieder als Damoklesschwert über alles gehängt wird. Die Festspiele sichern Arbeitsplätze!24 Mit diesem Argument werden alle Versuche, die Erbschaft zu aktualisieren und dem Zeitgeist anzupassen, abgewürgt. Lydia Haider lässt sich bekanntlich nicht abschrecken, so auch in ihrem Text Die Buhlschaft in Herbert. Wie Sarah Held schreibt, schlägt Haider „direkt in die hässliche Fratze des Bürgertums, also die Gesellschaftsschicht, die primär die Festspiele konsumiert und hervorbringt“. Weiters gebe ich Gabriele Michalitsch recht: „[…] die blutige Anklage kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse mit einem wiedererstarkenden Männlichkeitsbild“ ist der zentrale Punkt des Textes. Dennoch spüre ich eine zeitgenössische Form von Weiblichkeit, wie Sarah Held sie beschreibt. Der Text stellt nicht die Weiblichkeit an sich aus, sondern die Weiblichkeit hält der Männlichkeit einen Spiegel vor. Es geht also nicht um die Darstellung einer zeitgenössischen Form von Weiblichkeit an sich, sondern um eine zeitgenössische weibliche Perspektive auf eine Männlichkeit. Dass es mehr als diese zwei Pole gibt, darauf komme ich später noch zu sprechen. Der Blick der feministischen Autorin beschreibt und führt die Männlichkeit vor. Wenn ich hier von Männlichkeit schreibe, meint das ein gesellschaftliches Konstrukt, das eine Art der Männlichkeit als Idealbild definiert und dieses gleichzeitig als Rechtfertigung für Verhaltensweisen nimmt.
[…] nun denn ist mein Weg auch weit und lang, so sind doch meine Taten echt und recht in mir und aus mir gehe ich, Herbert, hin und tue, wie, wären die mir auch bekannt, wie werden diese denn genannt was getan werden muss und sammle mir die Waffen, damit ich Waffen habe zu schützen und zu richten, denn ich bin der Richter dieser Welt […].25
Diese Umkehrung des Blicks ist besonders spannend, da seit über 100 Jahren nichts anderes mit der Buhlschaft passiert. Die Buhlschaft erzählt etwas über Weiblichkeit aus männlicher Perspektive. Es ging immer um den männlichen Blick auf eine Rolle, in die das vermeintlich Weibliche eingeschrieben ist. Innerhalb dieses engen Rahmens wurde in den letzten Jahren versucht, Platz zu machen für einen etwas weiteren Begriff der Weiblichkeit. Haider dreht den ganzen Prozess um. Wer sich darauf einlässt, erfährt viel über beide Perspektiven.
Ein klassischer Punkt an Hofmannsthals Jedermann ist in etwa „der Tod betrifft uns alle, auch die Reichen“, dieser wird in Dauerschleife aufgegriffen in der Kritik gegen die Festspiele, da sie eben nicht uns alle einbeziehen, sondern trotz der Bühnenbotschaft nur die, die es sich leisten können oder geladen werden. Haider nimmt den Grundsatz „der Tod betrifft uns alle“ und drückt auf die offenen Wunden des Landes, um zu zeigen, dass der Tod „sie“ mehr betrifft als „ihn“: „[…] und alle sterben sie und sie zuerst, das sag ich ihr und benenn die Sache, wie sie nicht geschieht, dann ist es nicht so […].26
Damit gibt sie dem alten Stoff einen aktuellen gesellschaftlichen und politisch relevanten Aspekt. Warum ist es utopisch, dass der Domplatz-Jedermann sich in gegenwärtige Debatten einmischt? Sollte ein so viel Aufmerksamkeit bekommender Theaterabend nicht gerade Diskussionen auslösen?
Susan Sontag schrieb: „Wenn Jedermann (wie das Pronomen ‚man‘) tatsächlich für jedermann steht – wie man den Frauen ja ständig erzählt –, dann braucht Jedermann nicht von einem Mann gespielt zu werden.“27 Das habe ich als junge Frau gelesen und gedacht, es ist nur eine Frage der Zeit. Immerhin schreibt es Susan Sontag, es wird sich herumsprechen. Ich dachte, wenn „Jedermann“ wirklich „jeder Mensch“ bedeutet, dann „könnte“ die Rolle nicht nur von einer Frau gespielt werden, dann „muss“ sie verschieden besetzt werden. (Das Wort divers war mir damals noch nicht bekannt.) Sontags Zitat stammt aus dem Jahr 2001. Wir sind hier in Österreich, alles kommt 30 Jahre später, bald sind auch wir so weit.
Obwohl ich mich immer noch freuen würde, eine Frau in der Hauptrolle zu sehen, wünsche ich es mir nicht mehr. Es wäre zu wenig. Es würde nur ein Symptom behandeln, anstatt das System zu verändern. Es würde eine Perspektive hinzufügen, obwohl so viele fehlen. Dementsprechend stimme ich Sarah Held zu, dass die Festspiele keine „oberflächlichen pseudoreformistischen Ansätze“28 brauchen. Denn wir würden dann alle wissen, dass eine Frau im Mittelpunkt steht. Aber die, die das ganze Jahr dort sind, würden nur das Salzburg-Land-Werbeplakat mit einer Frau sehen und hören, dass sie Jedermann ist. In den Zeitungen würden sie lesen, was diese „JederFrau“ anhat und ob das dem Bild einer „Frau“ entspricht.
Es braucht ein Stück Zerstörung, um Neues bauen zu können. Es braucht Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem schweren Erbe. Diese Menschen braucht es als Autor*innen, Theatermacher*innen und Publikum!
Salzburg braucht einen „JederMensch“ jenseits der Frage nach Weiblichkeit und Männlichkeit. Und der JederMensch braucht einen Domplatz für alle. Den Festspielen könnte es auch nicht schaden.
Raus aus dem Kanon!
Quod(non)libet: Frei zu sein für das, was gefällt und nicht gefällt.
JULIA PURGINA
Anita Buchart kommt als meine direkte „Vorschreiberin“ zum Schluss: „Es braucht ein Stück Zerstörung, um Neues bauen zu können. Es braucht Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem schweren Erbe. Diese Menschen braucht es als Autor*innen, Theatermacher*innen und Publikum!
Ich könnte an dieser Stelle mein Schreiben kurzfassen, denn: sie spricht mir aus der Seele! Die Dauerschleife, die sie im Falle des Jedermann so schonungslos benennt, läuft seit knapp über 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen. Auch Sarah Held stellt fest: „Die feministischen Leerstellen im Kanon können nicht gefüllt werden, wenn immerzu dieselbe patriarchale-konservative Kulturproduktion völlig redundant gespielt wird.“29 Die Redundanz der Kulturproduktion ist für eine Komponistin wie mich, und wohl auch zahlreiche meiner Kolleg*innen, die sich ebenfalls dem Schaffen neuer Kunst verpflichtet fühlen, ein sehr unbefriedigender Zustand. Darüber hinaus ist dies aber auch aus einer feministischen und diversen Perspektive ein sehr unbefriedigender Zustand; auch für das Publikum. Denn jede Wiederaufnahme eines Stückes aus dem Kanon bedeutet, dass ein neues Stück, das potenziell auch die von Sarah Held benannte feministische Leerstelle im Kanon füllen könnte, nicht gespielt werden kann. Zum traditionellen Kanon gehört weibliches Kunstschaffen, v.a. in der Musik, bislang nicht. Man führe sich jene Zahlen vor Augen, die ein anderes wichtiges Festival, die Wiener Festwochen, in seiner aktuellen Ausschreibung vom November 2023 zum Wettbewerb für die Akademie Zweite Wiener Moderne publiziert: 2 % der Werke in Abonnementkonzerten stammen von Frauen, maximal 9 % Komponistinnen kommen im Bereich der zeitgenössischen Musik vor.30 Immerhin, die Wiener Festwochen zeigen Bewusstsein für die Schieflage und schreiben mit der Akademie Zweite Wiener Moderne einen Wettbewerb für die zahlreichen Komponistinnen aus, die schon seit vielen Jahren an den Musikuniversitäten dieser Welt ausgebildet werden und bislang konsequent von den Tempeln der Hochkultur übersehen werden. Doch Wettbewerbe dienen meist der gezielten Förderung nach bestimmten Kriterien (sehr häufig aufgrund des Alters im Sinne einer Nachwuchsförderung) und sind höchstens eine Ergänzung für eine nachhaltige, diversitätsgeleitete Programmierung, aber kein Ersatz.
Nur um es mit Zahlen zu untermauern: Es gäbe ausreichend Komponistinnen, deren Werke gespielt werden könnten. Allein an der weltweit größten Musikausbildungsinstitution, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, gab es 2021 rund ein Drittel weiblicher Absolventinnen im Bereich Komposition und rund ein Viertel Professorinnen.31 Und das betrifft nur das aktuelle Musikschaffen. Auch in Archiven findet man zuhauf Partituren von Komponistinnen.
Gabriele Michalitsch verweist auf die sehr hohen Kosten pro Kopf für einen Jedermann-Besuch und streicht damit heraus, welch ein exklusives Vergnügen so ein Theaterabend bei den Festspielen für das Publikum ist sowie von welcher Wirtschaftsleistung man hier sprechen muss.32 Mindestens noch einmal exklusiver ist es, als Autor*in oder Komponist*in einen der begehrten Aufträge eines Festivals oder großen Hauses zu ergattern, denn die Ressourcen für Aufführungen neuer und/oder unbekannter bzw. wiederentdeckter Werke sind begrenzt.
Die Festivals und großen Häuser gehen nicht gerne wirtschaftliche Risiken ein, wie sich im Vorwort der Festspielleitung der Salzburger Festspiele des Sommerprogramms 2023 in Form einer, quasi für Publikumserfolg bürgenden, „NameDropping“-Tirade ablesen lässt. Genannt werden ausschließlich verstorbene Männer: Shakespeare, Verdi, Mozart, Lessing, Martinů, Berlioz, Purcell, Gluck, Ligeti, Schumann, Reinhardt und Sartre.33 Da gibt es keine Frau, die bereits im Vorwort erwähnenswert wäre; im Übrigen auch keine lebenden Zeitgenoss*innen, denn der Jüngste, György Ligeti, ist 2006 verstorben und hätte 2023 seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Wer jetzt glaubt, dass die oben erwähnten 9 % Komponistinnen im Bereich der zeitgenössischen Musik automatisch bedeuteten, dass die Szene für zeitgenössische Musik mehr Raum für Diversität und Feminismus böte als die kanonorientierte Programmierung der Salzburger Festspiele, der*die werfe einen Blick auf die Ehrenmitgliederliste der ISCM (International Society of Contemporary Music), die fast zeitgleich mit Ligeti ihr Zentenarium feierte: Unter 75 komponierenden Ehrenmitgliedern sind nur zwei weibliche Komponistinnen (Kaija Saariaho und Sofia Gubaidulina) gelistet.34 Ich glaube nicht, dass wir in 100 Jahren eine signifikante Annäherung oder Steigerung sehen, wenn sich nicht etwas Grundlegendes ändert. Ich frage deswegen provokant: Ist nicht der Kanon selbst die Grunderkrankung und die feministische Leerstelle ein daraus sich nährendes Dauersymptom, dessen medizinische Versorgung nicht die Wurzel des Übels heilt? Wie kommt man raus aus dem Kanon? Wie kann man Platz machen für Neues?
Dafür braucht es nicht mehr nur Menschen, die nicht ehrfürchtig zurückschrecken vor dem Erbe, sondern es sich zunutze machen und damit spielen; aus der genauen Kenntnis des Erbes ihre Schlüsse ziehen und ihre kreativen Lösungen im Dialog mit der Vergangenheit suchen, um diese zu überwinden. „Quodlibet.“ Wie es gefällt. Johann Sebastian Bach schrieb in seinen Goldberg-Variationen statt eines weiteren Kanons ein Quodlibet, um aus dem Zyklus seiner Variationenkette, die kompositorisch ewig weitergeführt werden könnte, aussteigen zu können. Mit viel Witz werden zwei Volkslieder gleichzeitig kontrapunktisch verarbeitet: Ich bin so lang nicht bei dir g‘west, ruck her, ruck her ruck her! und Kraut und Rüben haben mich vertrieben. In diesen beiden Volksliedern zeigt sich das Aufsuchen von Altem und gleichzeitig die Flucht nach vorne.35
Das Quodlibet als Gattung steht auch in enger Tradition mit dem Alt-Wiener Volkstheater, das Hugo von Hofmannsthal ja auch nicht komplett fremd gewesen sein dürfte, und ermöglicht im Sinne einer Forttreibung der Handlung auf einer musikalischen Ebene ebenfalls einen (parodistischen) Weg aus etwas Bekanntem in etwas Unbekanntes. Ich bin mir sicher, dass es noch weitere künstlerische Ansätze gäbe, eine eingefahrene Dauerschleife zu durchbrechen und in den nächsten 100 Jahren viel Platz für neue Ideen zu schaffen: Den Kanon spielerisch zu nutzen, sich aber nicht von ihm einfangen zu lassen. Frei zu sein für all das, was gefällt und nicht gefällt. Quod(non)libet.
Anmerkungen
- Haider, Lydia: Die Buhlschaft in Herbert. Eine Heimführung. oder: Wie die Buhlschaft als Buhlgas in Herbert lieb Herbert vergast. Eine Heimbringung/Heimdrehung. In: Janke, Pia (Hg.): JederMann – Keine Frau? Die Salzburger Festspiele in Diskussion. Wien: Praesens 2024, S. 202-209, S. 204. (DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 27) ↩︎
- Vgl.: Hilpold, Stephan / Müller, Andreas / Fischer, Christian: Michael Maertens: „Werde der letzte männliche Jedermann sein“. https://www.derstandard.at/story/2000145656624/michael-maertens
werde-der-letzte-maennliche-jedermann-sein (3.7.2023). ↩︎ - Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 209. ↩︎
- Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien (ÖIF) (Hg.): Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern. Wien: Universität Wien 2011, S. 34. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 58-59. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 30. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 209. ↩︎
- Ebd., S. 204. ↩︎
- Ebd., S. 203. ↩︎
- Han, Byung-Chul: Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Berlin: Matthes & Seitz 2021. ↩︎
- Ebd., S. 9. ↩︎
- Vgl.: Fach, Wolfgang: Selbstverantwortung. In: Bröckling, Ulrich / Krasmann, Susanne / Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 228-235, S. 231; Michalitsch, Gabriele: Regierung der Freiheit. In: grundrisse. zeitschrift für linke theorie & debatte 46(2013), S. 46-51, S. 48. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 203. ↩︎
- Sarah Held: Es braucht einen radikalen Wandel. Weiter oben im vorliegenden Beitrag. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 206. ↩︎
- Pressebüro der Salzburger Festspiele: Jedermanns Kostüm-Werkstatt. In: Presseaussendung der Salzburger Festspiele zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann 2021. https://www.salzburgerfestspiele.at/cms/wp-content/uploads/2021/07/ 2021_07_25_presse aussendung_khne-verlngerung.pdf
(22.7.2023). ↩︎ - Wirtschaftskammer Salzburg: Salzburger Festspiele. Motor für die Wirtschaft, Exzellenz-Infusion für den Standort. Salzburg: offset5020 2017, S. 2. ↩︎
- Homepage der Salzburger Festspiele. https://www.salzburgerfestspiele.at/ueber-uns (22.7.2023). ↩︎
- Vgl.: Wirtschaftskammer Salzburg: Salzburger Festspiele. S. 18. ↩︎
- Vgl.: ebd., S. 25-26. ↩︎
- Ebd., S. 25-26. ↩︎
- Qualtinger, Helmut: Der Jedermann-Kollapso. https://www.youtube.com/watch?v=BQgn yAeLG-s (22.7.2023). ↩︎
- Louis, Édouard: The Suspension of Freedom. In: Geest, Kaatje de / Hornbostel, Carmen / Rau, Milo: Why Theater? NT Gent Golden Book V. Berlin: Verbrecher 2020, S. 166-168, S. 166. ↩︎
- Vgl.: Michalitsch, Gabriele: Dein bin ich heut, nicht ewiglich! Weiter oben im vorliegenden Beitrag. ↩︎
- Haider, Lydia / Hofmannsthal, Hugo von: Die Buhlschaft in Herbert, S. 202-203. ↩︎
- Ebd., S. 202. ↩︎
- Sontag, Susan: Worauf es ankommt. Frankfurt am Main: Fischer 2007, S. 394. ↩︎
- Held, Sarah: Es braucht einen radikalen Wandel. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Vgl.: N. N.: Ausschreibung: Akademie Zweite Moderne. https://www.festwochen.at/ausschreibungakadmie-zweite-moderne (12.11.2023). ↩︎
- Vgl.: Brandl, Elisabeth: Geschlechterverteilung an der mdw 2021. https://www.mdw.ac.at/upload/MDWeb/akg/downloads/Statistik_2021.pdf (12.11.2023).x ↩︎
- Vgl.: Michalitsch, Gabriele: Dein bin ich heut, nicht ewiglich! ↩︎
- Vgl.: Hammer, Kristina / Hinterhäuser, Markus / Crepaz, Lukas: Vorwort. In: Programm der Salzburger Festspiele 2023. ↩︎
- Vgl.: N. N.: Honorary Members. https://iscm.org/about-us/honorary-members/ (12.11.2023). ↩︎
- Vgl.: Werner-Jensen, Arnold: Johann Sebastian Bach. Goldberg-Variationen. Bärenreiter: Kassel 2013, S. 137. ↩︎

SARAH HELD
Kulturwissenschaftlerin und Kunstschaffende. Als PostDoc an der Akademie der bildenden Künste sowie als Lektorin für Fashion und Gender Studies an der Kunstuniversität Linz tätig. Promotion an der Universität Frankfurt am Main. Forscht zu Interventionsstrategien gegen die Herrschaftskategorien class, gender und race. Kuratiert und arbeitet performativ zum queer-feministischen pornotopia revised (2022). Mitglied des Aktionskollektivs Aufstand der Schwestern, das gegen Femizide im öffentlichen Raum interveniert.

GEBRIELE MICHALITSCH
Studium der Politikwissenschaft und der Fächerkombination Philosophie, Spanisch und Publizistik. Politikwissenschafterin und Ökonomin. Lehrtätigkeiten an der Universität Wien, in Peking, Budapest und Istanbul. 2002-05 Vorsitzende der Expert*innengruppe des Europarats zu Gender Budgeting (Straßburg). Zahlreiche Publikationen zu den Themen Politische Ökonomie, politische Theorien und feministische Ökonomik, darunter Das Patriarchat rüstet zum Kampf – Waffenbrüder: Neoliberalismus, Militarisierung und Maskulinismus (2024).

ANITA BUCHART
Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaft an der Universität Wien. 2014-17 Tätigkeit als Regieassistentin am Landestheater Niederösterreich. Seit 2018 Dramaturgin bei makemake produktionen, u.a. bei den Inszenierungen von Muttersprache Mameloschn, Von den Wilden Frauen, Das große Heft und weiter leben. Gemeinsam mit der Illustratorin Lili Mossbauer hat sie die Kinderbücher Iwein und Laudine. Ein Ritter:innen-Epos (2022) und Was uns der Wind erzählt (2023) veröffentlicht.

JULIA PURGINA
Studium der Viola und Komposition, Slowakistik und Germanistik, Spezialisierung im Bereich der zeitgenössischen Komposition und Musik. 2008-16 leitete sie gemeinsam mit Roland Freisitzer das Ensemble Reconsil. Ab 2016 Studiengangsleiterin für Saiteninstrumente und Professorin an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Seit 2022 Vizerektorin für Kunst und Lehre an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz. Kompositionsaufträge von namenhaften Orchestern, Ensembles und Festivals. Mitglied des Interuniversitären Forschungsnetzwerks Elfriede Jelinek.



