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KEINE INTENDANTIN

Intro zur Publikation „JederMann –KeineFrau?“

Ein Bild, so sagt man, erzählt oft mehr als 1.000 Worte. Es ist eines der ersten offiziellen Fotos der Salzburger Festspiele. Ein Gruppenbild, nach einer Sitzung im Sommer 1919 aufgenommen, zeigt die Mitglieder der Direktion der Salzburger Festspielhausgemeinde. 14 Männer, allesamt Stützen der Salzburger und Wiener Gesellschaft, die voller Zuversicht in die Kamera blicken – überzeugt davon, dass Festspiele in Salzburg bald möglich sein werden. Frauen sucht man auf dem Bild und in dem Gremium vergeblich.

Das Recht der Frauen, sich am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Geschehen gleichberechtigt zu beteiligen, war vor 100 Jahren nicht selbstverständlich. Es musste mühsam erkämpft werden. Und es gibt – wie die Geschichte zeigt – auf dem Weg zur Gleichstellung nicht nur Fortschritte, sondern auch Rückschritte. Es ist gerade einmal 125 Jahre her, dass den Frauen in Österreich höhere und Hochschulen offenstehen. Und das Wahlrecht für Frauen ist nur wenig älter als die Festspiele selbst. Kein Wunder also, dass man auf den Schwaz-Weiß-Fotos aus den Anfangsjahren der Festspielhausgemeinde fast ausschließlich honorige Männer sieht und wir immer von den Gründervätern sprechen.

Erst 1995, zum 75-Jahr-Jubiläum, wurde mit meiner Vorgängerin im Amt, Helga Rabl-Stadler, erstmals eine Frau Mitglied im Festspieldirektorium. Ich bin die Zweite in 104 Jahren. Damit stehen die Salzburger Festspiele aber nicht alleine da. Auch heute noch sind die Leitungspositionen vor allem in den großen und repräsentativen Kulturbetrieben überwiegend männlich besetzt. Von den bedeutendsten Wirtschaftsunternehmen des Landes ganz zu schweigen. In den umsatzstärksten 200 Unternehmen Österreichs wurden Anfang 2024 von 605 Geschäftsführerpositionen 531 Funktionen von Männern bekleidet. Noch deutlicher fällt die Unterrepräsentanz von Frauen in den Vorständen der börsennotierten Gesellschaften aus: Lediglich 11,7 % oder 26 von 223 Vorstandspositionen sind weiblich besetzt.

Doch der Nachholbedarf im Kulturbetrieb ist für mich dabei besonders bitter. Wir, die wir gerne den Anspruch erheben, für Offenheit und den freien Geist zu stehen, wir, die wir den Anspruch erheben, Motor und Vorreiter gesellschaftlicher Diskurse und Veränderungen zu sein, wir zeigen das mit Blick auf die Gleichberechtigung noch viel zu wenig: Komponistinnen, Autorinnen, Regisseurinnen und Dirigentinnen sind auf den Spielplänen der großen Häuser und renommierten Orchester eklatant unterrepräsentiert. Intendantinnen findet man, falls überhaupt, vor allem an kleineren und mittleren Institutionen. Frauen allgemein sind in Kulturinstitutionen weniger sichtbar. Wir finden sie vor allem in zweiter Reihe – als Assistentinnen, Mitarbeiterinnen und gute Geister im Hintergrund.

Doch wie lassen sich jahrhundertelang gewachsene Strukturen ändern? Bedarf es einer Quote oder greift diese in die Freiheit der Kunst ein? Müssen Strukturen verändert und angepasst werden, brauchen wir besondere Förderung für weiblichen Führungsnachwuchs, oder braucht es einfach Zeit, die Strukturen langsam zu durchbrechen? Sind es vielleicht die individuellen Entscheidungen einzelner Intendanten für bewusste Programmierungen mit Komponistinnen und Autorinnen, die den Status quo schneller verändern können?

Für mich persönlich war es durch meine Erziehung eine absolute Selbstverständlichkeit, dass Frauen in unserer aufgeklärten Gesellschaft alles erreichen können und dieselben Chancen haben wie Männer. Die Realität war jedoch oftmals eine andere, und ich musste begreifen – die gläserne Decke existiert!

Dennoch bin ich strikt gegen Quoten, sondern für Exzellenz. Es geht um Qualität und um nichts Anderes. Die Vorspiele für neu zu besetzende Orchesterstellen, die mittlerweile hinter einem Paravent stattfinden, sind ein gutes Beispiel und eine erste kluge Maßnahme.

In jedem Fall benötigen wir frisches Denken und neue Strukturen, um weiblichen Führungsnachwuchs bewusst zu fördern. Wir müssen (alleinerziehenden) Müttern oder Wiedereinsteigerinnen neue Möglichkeiten eröffnen. Ich habe im Laufe meines beruflichen Weges immer wieder erlebt, welchen Einsatz und Loyalität man als Arbeitgeber zurückerhält, wenn man auf die Bedürfnisse dieser Frauen eingeht. Doch es geht auch um Vernetzung, um Austausch oder einfach das Stärken von Selbstbewusstsein. In den hunderten von Bewerbungsgesprächen, die ich in meinem Leben geführt habe, waren es zum Großteil Frauen, die sich etwas „nicht zutrauten“ oder auf eigene, „fehlende Kenntnisse“ hinwiesen.

Und es gilt auch, die männlich dominierten Denkmuster zu hinterfragen. Frauen, die sehr selbstbewusst auftreten, werden leider immer noch als „schwierig“ oder „hysterisch“ tituliert. Ein Mann, der selbstbewusst seine Position verteidigt, gilt als „führungsstark“, eine Frau oft als „zu dominant“ oder sogar „zu männlich“. Dabei liegt der Vorteil, mehr Frauen zu rekrutieren, auf der Hand. Vielfalt führt zu einer breiteren Palette von Perspektiven und Erfahrungen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass weibliche Führungskräfte eine höhere Resilienz, eine bessere Kommunikation und ein effektiveres Krisenmanagement an den Tag legen, gepaart mit sozialer Verantwortung. Transformationale Führungseigenschaften wie Inspiration, Motivation und die Förderung der persönlichen Entwicklung der Mitarbeiter*innen liegen ihnen besonders am Herzen. Und gerade das ist es, das auch im Kulturbereich von besonderer Bedeutung sein sollte.

Über Jahrhunderte standen Komponistinnen, Autorinnen und ihr Werk im Schatten männlicher Kollegen. Durch die maskuline Rezeptionsgeschichte und die von Männern geschriebenen Geschichtsbücher gelten ihre Werke vielfach auch heute noch als weniger wertvoll. Ihnen den Platz und die Anerkennung zu verschaffen, der ihnen zusteht, muss ein wichtiger Ansatz unserer Vermittlungstätigkeit sein. Was wir brauchen – nicht nur in der Kunst –, ist eine neue Wachheit, eine erhöhte Sensibilität. Je mehr wir ein Bewusstsein schaffen, je mehr Räume und Perspektiven wir allen eröffnen, umso besser kann Exzellenz gedeihen. Denn die künstlerische Qualität war und ist die eigentliche Festspiel-Idee.


© Erika Mayer

KRISTINA HAMMER

Studium der Rechtswissenschaften. 1995-2000 Tätigkeit für die Gerngross Kaufhaus AG. 2007-09 Leitung des globalen Marketing Communication Teams von Mercedes-Benz in Stuttgart. 2009 Gründung der Beratungsfirma HammerSolutions. Als Executive Coach beriet sie zu den Themen Leadership und Change-Management und lehrte als Gastdozentin an der Universität St. Gallen sowie an der ETH Zürich. Sie war Mitglied des Vorstands der Freunde des Opernhauses Zürich. Seit 2022 Präsidentin der Salzburger Festspiele.