„Ich bin nicht berühmt“ – die Produzentin Berta Zuckerkandl-Szeps
IRENE SUCHY
Writing, Erasing, Silencing – was über Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography1 als eine der vielen herausgeschriebenen Künstlerinnen gesagt wird, gilt noch viel mehr für die herausgeschriebenen Produzentinnen. Berta Zuckerkandl, die sich selbst ohne h und im Exil als Berthe schrieb, wurde als Mäzenin und Mittlerin wenig Anerkennung zuteil. Die Musikbranche ist ignorant gegenüber ihren Mäzeninnen, gönnt ihnen keine Teilhabe an der Wertschöpfung. Die Vermittlungsarbeit von Berta Zuckerkandl – die den zeitgenössischen Komponisten Maurice Ravel nach Wien einlud und hier persönlich betreute – steht in einer Tradition von Pauline Metternich, Fanny von Arnstein, Alma Mahler, Elsa Bienenfeld, Eugenie Schwarzwald oder Lilly Lieser. In der Wertschöpfungskette nicht enthalten, ist sie lange von der Musikwissenschaft geringgeschätzt worden. Der biographische Nachteil einer mangelnden Einschreibung in eine wirtschaftliche Beteiligung – an den Tantiemen, Verkauf, Vertrieb – wird noch mit Häme und Schmähungen vertieft. Die Vergehen der Mäzeninnen – seien es antisemitische Bemerkungen in privaten Briefen oder die falschen Freund*innen und Liebhaber*innen – wiegen in „His-Story“ schwerer als ihre Leistungen für die Zeitgenossen! Anstatt ihren Taten würdigend zu folgen, werden die Schmähungen ihrer Zeitgenoss*innen wörtlich genommen, His-Story folgt ungeprüft den abschätzigen Zeitgenoss*innen.
Die Musikbranche gönnt ihren Vermittler*innen, Agent*innen – wenn überhaupt – bloß eine Widmungszeile in der Partitur, klein gedruckt unter dem Titel, eine Information, die auf noch kleiner gedruckten Booklet-Seiten der Tonträgeralben gern übersehen wird. Fanny von Arnstein wurde bislang von der Musikwissenschaft hartnäckig ignoriert, die erste Roman-Biographie von Hilde Spiel bekam vernichtende Kritiken und bissige Bemerkungen aus der familiären Umgebung, tatsächliche „Ungenauigkeiten, beziehungsweise nur auf Gerüchten basierenden Gegebenheiten“ sind auch für Homa Jordis Antrieb für eine Dissertation, 2017 publiziert.2 Der Fakultät für Musikwissenschaft war die Mitbegründerin der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien wie auch der Gesellschaft der Musikfreunde keine Dissertationsforschung wert.3 Die erste Monographie über Fanny von Arnstein wurde nicht von einer musikwissenschaftlichen Fakultät, sondern vom Institut für Publizistik der Universität Wien initiiert. 2022 hat Homa Jordis eine wegweisende Monographie über Fanny von Arnstein publiziert,4 mit einer grundlegenden Begriffserklärung des Salons als institutionelle Plattform für Kommunikation. Jordis stellt fest, dass „Salons eine halböffentliche Plattform für Kommunikation auf gleicher Augenhöhe waren“5 , sie waren Plattformen der medialen Verbreitung, ohne den Risiken einer Veröffentlichung ausgesetzt zu sein, sei es Zensur oder Klagen, die ja – wie die Biographie von Zuckerkandls Vater Moritz Szeps zeigt – bis zum Gefängnis reichen konnten.6
Modellhaft ist die Analyse der Netzwerke, die von Arnstein begründete und in denen sie wirkte. Längst hat eine Frauen-zentrierte historische Forschung die Netzwerke als bedeutungsvoll erkannt, wie es die digitale Plattform Ariadne – Frauen in Bewegung aufzeigt.7 Jordis erkennt Fanny von Arnstein als Zentrum eines Netzwerks „zur jüdischen Frage“8 ; sie zeichnet ein „politisch-staatsmännisches Netzwerk“, in dem von Arnsteins Salon „als gewichtige jedoch inoffizielle Vermittlungsstelle“9 aufscheint. Ein Absatz ist ihrer Gründungsarbeit zur Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet, in dem sie vom langjährigen Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde „geistige Mutter“10 genannt wird. Wieder ein Titel abseits einer professionellen Berufsbezeichnung!
Das erste Netzwerk, in das Bertha – noch in dieser Schreibweise – eingetragen wurde, war das Geburtsbuch der Israelitischen Kulturgemeinde, jedoch, sie verlässt es: Schon die Trauung ist nicht nach jüdischem Ritual, für ihren Sohn Fritz wählt sie die evangelische Religion und Gemeinde. Das nächste Netzwerk: „Frei von jedem Schulzwang, wünschte mein Vater uns eine Art Hochschulerziehung im eigenen Heim zu geben.“11 Der Unterricht findet zwar zu Hause statt, jedoch kreiert sie ein Netzwerk nicht nur mit den führenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ihrer Zeit, mit deren Häusern, an denen sie leitende Funktionen inne haben, sondern auch mit den Lernkameradinnen, mit ihrer Schwester Sophie und der Cousine Mitzi Schlesinger, die wiederum Freundin und Reisebegleiterin von Katharina Schratt war.12 Zuckerkandl war gemeinsam mit ihrem Mann an der Förderung der Bewegung „Volksbildungswerk“ beteiligt sowie am Aufbau des Wiener Volksheims.13 Bildungsarbeit ist Friedensarbeit. „Sie wollen Ihre Zeitschrift das ,Wissen für Alle‘ nennen. Sie wird mithelfen zum ,Frieden für Alle‘“14, schreibt ihr Marcelin Berthelot anlässlich der Gründung einer populär-wissenschaftlichen Zeitschrift; Berthelot, der sich zu einer „Association Philotechnique“15 zählt, die „Hörer beiderlei Geschlechts“16 anspricht. Wissen für alle, die Zeitschrift, bestand von 1900 bis 1903, ein Jahr über den Tod des Vaters Moritz Szeps hinaus.
Eine Netzwerkforschung zu Berta Zuckerkandl ist ausständig. „Berta Zuckerkandl-Szeps ist in den Mitgliederlisten des VSKW17 nicht verzeichnet“18, wie Marianne Baumgartner bemerkt; und auch als Pazifistin und Streiterin für Humanismus und Menschenrechte wurde sie weder Mitglied der Internationalen Liga der Frauen für Frieden und Freiheit noch Mitglied des (Neuen) Wiener Frauenklubs, was keine thematische Abgrenzung war. Mit einzelnen Protagonistinnen war sie aktiv verbunden. Von ihrem Ehemann Emil Zuckerkandl wurde sie in den Anliegen der Frauen-Gleichstellung unterstützt, jener setzte sich für die Freigabe des Medizinstudiums für Frauen ein und eröffnete 1900 mit einigen gleichgesinnten Professoren eine Frauenakademie, die bis 1918 bestand. Für eine bedürftige Medizinstudentin wurde ein Zuckerkandl-Stipendium eingerichtet.19 In der Biographie einer ihrer „Schwestern“, Pauline Metternich, die ihre politische und künstlerische Kunst unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit für die Normen ihrer Gesellschaft „erträglich“ macht, ist Berta Zuckerkandl präsent. Die Wohltätigkeits-Veranstaltung erweitert den Salon aus dem Häuslichen in einen Raum der Vor-Öffentlichkeit: Frauen dürfen die ihnen zugeschriebenen Rollen überschreiten und austauschen.20 Bei einem von Pauline Metternich organisierten künstlerischen Gartenfest „zugunsten […] des Wiener Frauenklubs“21 in Weigls Dreher-Park an der Schönbrunner Strasse ist Berta Zuckerkandl am 6.6.1907 auf einem Foto zu sehen: bei der Lebzelten- und Bäckereibude.22 „Festfirma Pauline“ wird Metternich abwertend-ausschließend genannt23, und die mit ihr arbeitenden Frauen sind „treue“ „Patronessen“ und „Comitédamen“.24 Die Biographie Paulines erweist die Verbindungen Berta Zuckerkandls zur Wiener Werkstätte und zum Hagenbund. Im Mai 1906 organisiert ein Damenkomitee unter dem Vorsitz von Yella Hertzka, Friedensaktivistin, Leiterin wie Mitbegründerin des Cottage-Lyzeums für Mädchen in der Gymnasiumstrasse, ein Gartenfest im Park des Maria-Theresien-Schlössels. Mitglieder der Wiener Werkstätte bzw. der Künstler*innen-Gruppe Wiener Kunst im Hause – ein Zusammenschluss von Schülern und Schülerinnen Josef Hoffmanns, begründet 1901, tätig für Innenarchitektur und Mobiliar25 – steuern die Produkte für die Verkaufsbuden bei.26 Die Verbindung zur Wiener Werkstätte verstärkt sich im Gründungsjahr 1903, als Bertas Mutter für die Wiener Werkstätte verzierte Taschen und Lampenschirme mit Perlen kreiert. Die Gründer der zeitgenössischen künstlerischen Unternehmungen sind tätig im Freundes- und Familienkreis rund um Pauline Metternich und Berta Zuckerkandl und stellen ein „prägnantes Beispiel weiblichen Mäzenatentums“27 dar, wie Sophie Lillie erkennt. Dafür seien drei Aspekte wesentlich: die Ambition der Unternehmung, die beteiligten Proponentinnen und letztlich der künstlerische Output.28 Patronage müsste eigentlich Matronage heißen.
Dass die großen und als vorbildlich gepriesenen Beschreibungen des Österreichs der Jahrhundertwende – von Willam Johnston 1983 oder Carl Schorske 1980 – Berta Zuckerkandl nicht in ihrer Bedeutung erkennen, wiegt schwer. Schon 1976 wurde Berta Zuckerkandl, die Journalistin, wissenschaftlich erfasst, als erste bedeutende Journalistin – neben Alice Schalek –, die regelmäßig, fast alltäglich, für die Wiener Presse arbeitet.29 Als Journalistin hat sie ihre künstlerischen Unternehmungen sichtbar gemacht, sie hat jenen den Frauen zugewiesenen Bereich des Privaten und Halböffentlichen überschritten und sich der öffentlichen Reflexion ausgesetzt.
Berta Zuckerkandl war zwar auch Gastgeberin, Regisseurin und Dramaturgin der Events in der Auswahl der Gäste, der Sitzordnung, jedoch: sie war Aktivistin, sie war professionell, sie war Journalistin. In dieser Funktion hat sie künstlerische Neugründungen ausgewählt und hervorgehoben. Sie wurde um ihre prominente Stimme zur Eröffnung von Wiener Kulturinstitutionen gefragt. Anlässlich der Gründung des Kabarett Fledermaus lobt sie die „kraftvolle Originalität, die in der Wiener Schule steckt“30. Als Journalistin hat sie die Affäre Klimt, wie ihr erster Biograph Lucian Meysels schreibt, „in vorderster Kampflinie“31 begleitet.
Die Zuckerkandl-Rezeption macht Leerstellen bewusst: In den Wandelhallen des Wiener Burgtheaters fehlt in der Gemälde- und Büstengalerie eine Zuckerkandl-Büste, von ihr, die über 100 Übersetzungen für das Burgtheater geleistet hat, u.a. drei Theaterstücke von Henri Lenormand aus dem Französischen ins Deutsche – ihr Enkel Emile erinnert sich an einen Salon zu Ehren von Henri Lenormand. Das Netzwerk des Burgtheaters, dem sie seit 1917 mit der Übersiedlung ihres Salons von der Nusswaldgasse in die Oppolzergasse auch räumlich nahe war, ist Ausgangspunkt für die gemeinsame Idee der Salzburger Festspiele. Cornelius Obonya hat im Gebäude ihres Salons, am Ort des Geschehens, in Landtmann’s Bel-Étage im Palais Lieben-Auspitz, Jedermann hautnah – auf den Spuren Berta Zuckerkandls gelesen. In der Tradition der Wohltätigkeit wurde diese Veranstaltung am 13.11.2013 zu Gunsten der Wiener Tafel organisiert. Zuckerkandl sollte als „Brückenbauerin“ erlebt werden.
Als Journalistin hat Berta Zuckerkandl das „Friedenswerk Salzburger Festspiele“ als „Angelegenheit der europäischen Kultur und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung“, wie es Hugo von Hofmannsthal nennt, mit auf den Weg gebracht. „Gemeinsam mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal wurde Berta Zuckerkandl zur treibenden Kraft hinter der Gründung der Salzburger Festspiele“32, schreiben Theresia Klugsberger und Ruth Pleyer als Begründung für ihr Forschungsprojekt, der Herausgabe ihres Fluchttagebuchs. „Treibende Kraft“ hinter der Begründung des renommierten und wirtschafts- wie kulturpolitisch bedeutendsten Festival Österreichs genannt zu werden, zugleich eines der politischen Schaufenster unter den Sommerspielen Europas, macht die Biographie Zuckerkandls bedeutend für weitere Forschung, das Fluchttagebuch erschien als Begleitkatalog zu einer Ausstellung.
Wenig Dank, wenig Erwähnung: In einer ORF-Radio-Serie Gedanken für den Tag, erzählt von Helga Rabl-Stadler, von 4. bis 9.9.2023, auf ORF Radio Ö1 jeweils von 6.55 bis 7.00 Uhr, wird sie nicht erwähnt. Rabl-Stadler schreibt begeistert vom Töchtervater und ehemaligen Präsidenten Heinrich Wiesmüller – die großen Töchter Österreichs sind dennoch vergessen. Die Salzburger Festspiele spielen eine zwiespältige Rolle in der Ehrung ihrer Mäzene und Mäzeninnen: Den aktuellen Sponsor*innen wird sehr viel Entgegenkommen gezeigt. Eine „Fördererlounge“ im ersten Stock des Großen Festspielhauses wurde eingerichtet, finanziert von Donald und Jeanne Kahn, ein Nestle-Café für den Sponsor Nestlé. Die Salzburger Festspiele haben in ihrer „Heldenverehrung“ keinen Platz für ihre „treibende Kraft“.
Es fehlen Denkmäler in Wien für sie als Friedensaktivistin wie für ihre „Schwestern“ – sei es für Bertha von Suttner, der eine anonyme Figurengruppe einer Frau mit zwei Kindern gewidmet ist, oder für Yella Hertzka, der nicht einmal eine Gedenktafel gewidmet ist. Die Salzburger Festspiele haben ihr weder einen Ort, eine Tafel noch eine Büste gewidmet. Auch die Austrian Fashion Show lässt einen Zuckerkandl-Preis vermissen, ihr gewidmet, die nicht nur die ersten Modenschauen mit Kleidung tragenden Damen – bis dahin wurde neue Mode lediglich auf Kleiderstangen präsentiert – in Österreich initiierte, sondern auch der österreichischen Modekunst neue Bühnen, neue Sichtbarkeit – und sei es mit Skandalen – verschaffte. Und doch: Im öffentlichen Raum Wiens ist Berta Zuckerkandl in den letzten Jahren sichtbar geworden. 2009 wurde der Bertha-Zuckerkandl-Weg im 9. Bezirk nach der „Journalistin, Übersetzerin, Schriftstellerin und Salonnière“33 benannt. Eine Gedenktafel für Berta Zuckerkandl findet sich im 1. Bezirk, auf ihrer ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätte neben dem Burgtheater. Diese Erläuterungstafel nennt sie „Schriftstellerin“ und „Friedenskämpferin“34. Friedenskämpferin ist keine Berufsbezeichnung, Salonniere ebenso wenig, wenn auch – aus historischer Perspektive – der Salon weit über die Rolle der Gastgeberin hinaus einen professionellen Rahmen abbildet. Salonniere, der Begriff, hat zwar keine männliche Entsprechung, dennoch ist eine Abwertung des Begriffs zu relativieren.
Der Begriff „Salon“ verbindet verschiedene architektonische, soziale und gesellige Bedeutungen, allein die architektonische Bedeutung ist geblieben. „Salons“ bezeichneten Kunstausstellungen im Louvre im 18. Jahrhundert bis zum Raum der Kunstkritik und zur literarischen Gesellschaft.35 „Salon“ bezeichnete ein Konzert mit Publikum, ähnlich der „Soiree“, unter „Salons“ verstand man in Paris Anfang des 19. Jahrhunderts Gesellschaften und unter „Soiréen“ Konzerte, zu denen Eintritt gezahlt werden musste.36 Salons waren, auch wenn kein Eintritt verlangt wurde, professionelle Orte der Darbietung und des Diskurses, die Gäste, falls sie nicht nahe bekannt waren, meldeten sich mit Visitenkarten an, es waren keine opulenten Gesellschaften – der Imbiss bei Berta Zuckerkandl war legendär asketisch –, die Gastgeberinnen der Salons waren musikalisch gebildet und versiert.
Fanny von Arnstein, eine der berühmten „Schwestern“ und Vorgängerinnen Berta Zuckerkandls als Gastgeberin, spielte zeitgenössische Musik vierhändig37 – ein Klavier stand üblicherweise im Empfangsraum der Salons.38 Auch Berta Zuckerkandl war eine versierte Pianistin. Berta Zuckerkandl ist nicht in den Schülerlisten des Konservatoriums gelistet, sie bekam Klavierunterricht bei „Emilie Goldberger: Meine Klavierlehrerin, eine ehemalige Schülerin Anton Rubinsteins, eine ganz kleine, gebrechliche, ältliche Dame“39.
Diese Erinnerung Zuckerkandls, stellt die akribisch recherchierende Musikwissenschafterin Susanne Wosnitzka fest, ist die bislang einzige Beschreibung davon, wie Emilie Goldberger ausgesehen haben mag.40 Die Pianistin Emilie Goldberger ist eine Virtuosin und ein Star, sie passt in das Lehrenden-Ensemble der Berta Zuckerkandl-Szeps. Die gebürtig aus Buda stammende Klaviervirtuosin Emilie Goldberger (1858-1942) hatte schon, wie Wosnitzka recherchierte, bestechende Examina am Wiener Konservatorium und glänzende Bühnenerfolge vorzuweisen, als sie von Herbst 1878 bis Ostern 1879 bei Clara Schumann in Frankfurt Unterricht nahm und damit zu den ersten zwölf Schülerinnen und Schülern Clara Schumanns nach Antritt ihrer Stellung als Klavierprofessorin am Hoch’schen Konservatorium gehörte. Von einem Auftritt oder einem Vorspiel der Berta Zuckerkandl ist nichts überliefert, ihr Verständnis für Musik ist ableitbar nicht nur von der prominenten Lehrenden, sondern auch durch die Tatsache, dass sie Gesprächspartnerin, Begleiterin und Förderin der berühmten komponierenden Zeitgenoss*innen war. Es liegt auf der Hand: Wenn Mäzen*innen und Produzent*innen der Musik ihren Geförderten Gesprächspartnerin sein wollen, dann müssen sie auch Kenntnisse des Metiers der Komposition und der Interpretation haben.
Die aktuelle Zuckerkandl-Rezeption der letzten Jahre ist weniger auf wissenschaftlicher Seite als auf künstlerischer. Auch wenn ihr kein musikalisches Werk gewidmet ist – im Gegensatz dazu widmet ihr Paul Poiret Skizzen von Zeichnungen41 –, ein Schicksal, das sie mit den großen Mäzeninnen wie Lilly Lieser teilt, so gibt es doch „ihre“ Musik, die Musik der von ihr verehrten Zeitgenossen, unter denen Richard Wagner und Franz Liszt sind. Gottlieb Wallisch hat aus Lesungen mit der Schauspielerin Karin Lischka ein Musikprogramm mit Ravel, Liszt, Brahms, Leopold von Godowsky oder Zemlinsky zusammengestellt, das 2017 als Hörbuch im Mono Verlag erschien. Die künstlerische Beschäftigung führte zur weiteren Recherche: Gertrud Enderle-Burcel wurde damit die „Leerstelle Zuckerkandl“ bewusst, sie hat – davon ausgehend – den Briefwechsel von Zuckerkandl mit Gottfried Kunwald entdeckt und erarbeitet.42
In Paulus Mankers Alma tritt Zuckerkandl nicht auf, obwohl sie doch die Gastgeberin ist, in deren Haus sich Alma und Gustav kennengelernt haben. Die neueste künstlerische Reflexion ist der Film EMILE von Rainer Frimmel, der am 21.9.2023 in die österreichischen Kinos kam.43 Darin erzählt Emile Zuckerkandl auch von seiner Großmutter, während er seine Tagebücher und Briefe in Kisten zusammenpackt, um sie nach Österreich zu bringen und der Österreichischen Nationalbibliothek zu übergeben.
Meine Großmutter Berta. Die schönsten Erinnerungen. Sie war ungemein bedeutend für mich. Ich habe sie sehr geliebt. Und sie mich auch. Sie war wirklich eine ganz außerordentliche Frau. Ich bin in meiner Gymnasiumschulzeit – wir haben damals in Purkersdorf bei Wien gewohnt, meine Eltern und ich, aber ich bin jede Woche Samstag nach der Schule zu meiner Großmutter in der Oppolzergasse gefahren und habe mich dort immer auf ein wunderbares „dejeuner“ gefreut. Die Köchin meiner Großmutter, Marie, war eine große Künstlerin. Und dann war das, das ich „Marie-Hendl“ nannte, immer das Hauptgericht, wenn ich kam. Da war ein normales Brathendl, aber aus irgendwelchem Grund besser als irgendeines, das ich irgendwo gehabt hätte.
Es war keine große Wohnung. Sie hatte vier Hauptzimmer. Und wenn ein Salon stattgefunden hat, waren alle Türe offen, so, dass diese vier Zimmer eine Einheit bildeten. Die Salons haben jede Woche stattgefunden. Ich weiß nicht so ganz sicher, ob es am Samstag war, scheint mir so. Das war nachmittags, manchmal auch am Abend, glaube ich. Zum Beispiel, als ich etwa zwölf Jahre war, habe ich plötzlich entschieden – ich sammle Autogramme. Ich habe mir ein Büchel gekauft und das habe ich noch, weil viele andere Sachen aus meinem Leben verschwunden sind in der Nazi-Zeit, und das beginnt mit der Gesellschaft bei meiner Großmutter Berta – ungefähr 50 Personen. Obwohl die Wohnung nicht groß war, waren doch viele Leute dort. Und da war eine Gesellschaft zu Ehren von Henri Lenormand. Meine Großmutter habe ich gebeten, sich als erste einzuschreiben und sie schrieb:
„Ich bin nicht berühmt, aber ich habe dich so lieb, dass ich dieses Buch als erste zeichnen will. Die Omama Berta Zuckerkandl-Szeps“.
Maria, Königin von Rumänien. Max Reinhardt. Und Moissi war der Schauspieler, den habe ich ganz besonders gern gehabt. Und Seitz, Bürgermeister von Wien. Mein Großvater Stekel: „Lass durch dieses Buch dich mahnen, bleibe würdig deiner Ahnen!“ Das zeigt auch, dass er in der Tat viel von sich selbst gehalten hat. Er hat sich in relativ frühere Zeit für Psychoanalyse zu interessieren begonnen und hat viele psychoanalytische Werke geschrieben und auch eine bedeutende Ordination als Arzt gehabt. Er war natürlich ein großer Anhänger Freuds, aber dann hat sich unabhängig von Freud weiterbetätigt und es ist zu einem Bruch mit Freud gekommen. Und da war nie eine Versöhnung. Als Freud im Sterben lag, ist Stekel nicht zu ihm gekommen.
Meine Großmutter ist immer auf dem Divan gelegen, als ich zu ihr kam, immer zur Mittagszeit aus der Schule. Die Wohnung war von Josef Hoffmann gemacht. Meine Großmutter war von ungemeiner Intelligenz und Güte. Und diese beiden Eigenschaften kommen nicht oft in so einem Maße in einer Person zusammen. Sie war sehr geliebt von denen, die sie gekannt haben. Und ihr inneres Leben und ihr äußeres Leben war immer sehr aktiv und interessant. Sie war wahrscheinlich die besonderste aus allen Menschen, die um mich waren, als ich ein Kind war. „Wahr sein, gütig sein, gerecht sein. In frohen Tagen nicht übermütig, in traurigen Tagen nicht verzagt. Stark sein! Denn Schwäche zerstört das edelste Wollen. Deine Großmama Berta Zuckerkandl-Szeps, 10. Juli 1935“.
Felix Weingartner, Joseph Roth, Henri Lenormand, Edmund Eisler, Kardinal Innitzer, Stefan Zweig, Alban Berg, Bruno Walter, Carl Moll, Alma Mahler war auch sehr oft dort. Ich habe sie als Charakter nicht besonders gern gehabt. Ich habe gefunden, dass meine Großmutter ihr gegenüber viel zu nachsichtlich war, sie hat sie nie kritisiert. Eine Rivalität konnte es für meine Großmutter überhaupt nicht geben, das war ihrer Natur absolut fremd. Und ich glaube, das hat gar keine Rolle in der Beziehung meiner Großmutter mit Alma gespielt.
Und vielleicht der speziellste und größte Freund meiner Großmutter war Egon Friedell. Er hat wie viele Freunde meiner Großmutter sich später das Leben genommen. Meine Großmutter war damals bei meinen Eltern in Purkersdorf und ich erinnere mich noch an den Anruf, den meine Großmutter gehabt hat, wo ihr mitgeteilt wurde, dass ihr engster Freund Egon Friedell aus dem Fenster gesprungen war.
Sie war sehr oft in Paris, hat dort viele politische Sachen erfahren, wie es andere Leute gar nicht so gut gewusst haben, und wusste vor dem Anschluss, dass so eine Gefahr bestand. Sie hat aus Paris geschrieben, dass wir alle eiligst nach Paris übersiedeln müssen. Aber als sie von dieser Reise zurück war, war ich vielleicht mitschuldig: Großmama, du übertreibst immer, das wird schon nicht so arg sein! Im Zug aus Wien, als meine Großmutter aus dem Fenster raus sah, als wir an Salzburg vorbeigefahren sind, und sie sagte – das werde ich niemals wieder sehen. Und sie hat leider recht gehabt.44
Anmerkungen
- Johnson, Julie M.: Writing, Erasing, Silencing: Tina Blau and the (Woman) Artist‘s Biography. Nineteenth century Art Worldwide. https://www.19thc-artworldwide.org/58-autumn05/autumn05article/208-writing-erasing-silencing-tina-blau-and-the-woman-artists-biography (20.9.2023). ↩︎
- Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäischer Machtpolitik. Erfahrungsräume, Netzwerke und Leitmotive der Fanny von Arnstein in der Zeit vor und während des Wiener Kongresses. Wien, Diss. 2017. ↩︎
- Vgl. Spiel, Hilde: Fanny von Arnstein oder die Emanzipation; ein Frauenleben an der Zeitenwende, 1758-1818. Frankfurt am Main: Fischer 1962. ↩︎
- Vgl. Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 59. ↩︎
- Ebd., S. 59. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 55. ↩︎
- Vgl.: N. N.: Frauen in Bewegung. https://fraueninbewegung.onb.ac.at/node/2787 (20.9.2023). ↩︎
- Vgl.: Jordis, Homa: Fanny von Arnstein – Eine Saloniere als Mediatorin europäische Machtpolitik, S. 204-206. ↩︎
- Ebd., S. 194. ↩︎
- Ebd., S. 258. ↩︎
- Steinhäusl, Ulrike: Berta Zuckerkandl – „Hebamme der Wiener Moderne“. In: Plane-Sabaté, Dolors / Feijóo, Jaime (Hg.): Apropos Avantgarde: Neue Einblick nach einhundert Jahren. Berlin: Frank & Timme 2012, S. 81-97, S. 91. ↩︎
- Vgl.: Schlesinger, Moriz: Das verlorene Paradies: Ein improvisiertes Leben in Wien um 1900. Wien: Picus 1993, S. 106-109. ↩︎
- Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“. Stockholm: Bermann-Fischer 1939, S. 167. ↩︎
- Ebd., S. 168. ↩︎
- Ebd., S. 168. ↩︎
- Ebd., S. 168. ↩︎
- Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 168. ↩︎
- Baumgartner, Marianne: Der Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien (1885-1938). Wien: Böhlau 2015, S. 31. ↩︎
- Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928-1938. Wien: Böhlau: 2018, S. 20. ↩︎
- Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 45. ↩︎
- Ebd., S. 47. ↩︎
- Vgl.: Ebd., S. 47 ↩︎
- Vgl.: Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“. In: Shapira, Elana / Rossberg, Anne-Katrin (Hg.): Gestalterinnen: Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit. Berlin: De Gruyter 2023, S. 33. ↩︎
- Ebd., S. 33. ↩︎
- Vgl.: N. N.: Bel Etage. https://www.beletage.com/de/objekte/moebel-einrichtungsgegenstaende/1749-moebelensemble-wiener-kunst-im-hause (20.9.2021). ↩︎
- Vgl.: Szeps-Zuckerkandl, Berta: „Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte“, S. 46. ↩︎
- Ebd., S. 33. ↩︎
- Lillie, Sophie: „Fürstin Paulines Frühlingsfeste. Weibliche Wohltätigkeit auf dem Weg zur Wiener Moderne“, S. 33. ↩︎
- Vgl.: Wagener, Mary Louise: Pioneer Journalistinnen. Two early twentieth century Viennese cases: Berta Zuckerkandl and Alice Schalek. Ohio, Diss. 1976. ↩︎
- Buhrs, Michael / Lesak, Barbara / Trabitsch, Thomas (Hg.): Fledermaus Kabarett. 1907-1913. Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Wien: Christian Brandstätter 2008, S. 72; Wiener Allgemeine Zeitung, 19.10.1907. ↩︎
- Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 95. ↩︎
- Klugsberger, Theresia / Pleyer, Ruth (Hg.): Berta Zuckerkandl – Flucht! Von Bourges nach Algier im Sommer 1940. Wien: Czernin 2013, S. 8. ↩︎
- N. N.: Gedenktafel Berta Zuckerkandl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gedenktafel_Berta_Zu
ckerkandl (19.10.2023). ↩︎ - Ebd. ↩︎
- Vgl.: Seibert, Peter: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart: Metzler 1993. S. 8-10. ↩︎
- Vgl.: Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Brief an seine Schwester Fanny, 9.5.1825. In: Hensel, Sebastian (Hg.): Die Familie Mendelssohn 1729-1847, Nach Briefen und Tagebüchern. Leipzig: Insel 1924, S. 171. ↩︎
- Vgl.: Reichardt, Johann Friedrich: 11. Brief, Wien, 30.11.1808. In: Reichardt, Johann Friedrich: Vertraute Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809. Amsterdam: Kunst- und Industrie-Comptoir 1810, S. 158. ↩︎
- Vgl.: Giesbrecht, Sabine: Orte 5. Salon. In: Kreutziger-Herr, Anette / Unseld, Melanie (Hg.): Lexikon Musik und Gender. Kassel: Bärenreiter 2010, S. 109-534, S. 407. ↩︎
- Trenkler, Thomas: Das Zeitalter der Verluste: Gespräche über ein dunkles Kapitel. Wien: Czernin 2013, S. 84. ↩︎
- Vgl.: N. N.: Emilie Goldberger (1858–1942). https://www.schumann-portal.de/emilie-goldberger.html
(20.9.2023). ↩︎ - Vgl.: Meysels, Lucian: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit. Wien: Edition INW 1997, S. 130. ↩︎
- Vgl.: Enderle-Burcel, Gertud (Hg): Berta Zuckerkandl – Gottfried Kunwald. Briefwechsel 1928–1938. Wien: Böhlau 2018, S. 7-9. ↩︎
- Frimmel, Rainer: Emile – Erinnerungen eines Vertriebenen. Dokumentarfilm. Wien: Vento Film 2023. ↩︎
- Ebd. ↩︎

IRENE SUCHY
Studium der Germanistik und des Instrumentalstudiums für Violoncello. Musik- und Kulturwissenschaftlerin sowie Dramaturgin und Literatin. Seit 1990 Musikredakteurin bei Ö1. Lehrtätigkeiten u.a. an der FH St. Pölten, der KFU Graz, der Universität Wien und der Kunstuniversität Graz. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, u.a. zu Paul Wittgenstein, Otto M. Zykan und Friedrich Gulda. Seit 2018 Leiterin des EU Creative Culture Projekts MusicaFemina – women made music.


