Der Fluss-Galopp
ELFRIEDE JELINEK
Bis dahin, und das war eine lange Zeit, hatte ich es oft für Heuchelei gehalten, daß ein der Tradition verhaftetes Festival wie die Salzburger Festspiele Avantgardekunst in ihr Programm aufgenommen hatte und das Bekenntnis zu ihr für den Ausdruck einer Einsatzbereitschaft, die mit der Hoffnung verbunden gewesen war, der Einsatzwagen müsse nie losfahren. Salzburg sagte immer: Du kannst ruhig eintreten, weil du vorher schon weißt, was dich erwartet, und wir, die wir Kunst anbieten, sind Diener des Zufalls, der aber immer nur den Ausgang dieses Unternehmens betrifft. Dieses Stück, jene Oper ist gut oder schlecht inszeniert, aber Stück und Oper sind je schon vorgegeben. Nur an den Verzierungen kann man noch arbeiten. Manchmal stehen sie vor vernichtend nach unten gestreckten Daumen, aber mehr kann ihnen nicht passieren, sie sind ja in Sicherheit, die Salzburg-Unternehmer, von den Wünschen des Publikums scheinbar gefangen. Sie können höchstens ab und zu, ganz plötzlich, wie nervöse Pferde, nach uns ausschlagen. Verletzen können sie uns nicht, denn unsere Wünsche nach dem Gewohnten haben sie lange ermächtigt. Das soll immer so weitergehen. Und plötzlich galoppiert da ein Zeitfluss durch diese Stadt, ich meine, er schäumt und braust nicht, er galoppiert, weil er angetrieben wird oder gut geführt wird (ein lebendes Wesen?), was man mit einem ordentlichen Fluß nicht machen könnte, der sucht sich schon sein Bett (oder man gräbt ihm das Wasser ab, was man mit dem Zeitfluss ja oft genug versucht hat, bis er endgültig irgendwohin verschickt wurde und – hoffentlich – irgendwo wieder ans Tageslicht kommen wird).
In Salzburg ist oft eine Macht bestimmend gewesen, die keine wirklichen Ziele hatte, außer denen, die man immer schon vorher kannte, es waren Ziele, die die Festspiele sich selbst gesteckt hatten, und die Gründer hatten sich damit selbst zu einer Autorität gemacht, über die lang niemand hinwegkommen konnte, bis sie selbst weggekommen waren, der eine Gründer ist sich selbst abhanden gekommen (und bleibt sich für immer fern, auch wenn seine Musik oft sehr in sich ruht, sie wird ja jetzt auch wieder öfter gespielt werden), der andre ist in eine andere Richtung gegangen, weit fort, weil er das mußte, und damit auf eine Reise, die sich für immer auch selbst wiederholen muß, weil man ihn, den zweiten Gründer, nie mehr zurückbekommen konnte. Und so wiederholte sich das Programm, jedes Jahr bekam man zurück, was man eingezahlt zu haben glaubte; auch Reisen bedeutet ja nicht, daß man sich einfach transportieren läßt, man erwartet ja ein Ziel, und das Ziel in Salzburg war vorgegeben und bekannt. Man hat auch noch ein paar Hotels und Geschäfte in den Boden gerammt, damit das Ziel ganz bestimmt nicht verfehlt werden kann. Und eines Tages habe ich dann, an jedem beliebigen Ort einsetzbar, wie ich bin, ausgerechnet in einer Kirche, und auch bei andren Gelegenheiten zum Beispiel Musik von Olga Neuwirth gehört, sogar mit einer Bearbeitung von Klaus-Nomi-Songs, und dieser Vorgang des zum Beispiel Olga-Neuwirth-Hörens war wie der ungehemmte Ausbruch aus einer Reise, die vielleicht wegen irgendeines Gebrechens im Triebwagen, der einen inmitten der Herde wo hintreibt und dann hinausschmeißt, und man glaubt, man sei immer zu Hause geblieben (und in Wirklichkeit ist man längst tot), nicht dort endet, wo es vorgesehen war. Was man da gehört hat – und immer öfter hören konnte, auch von anderen jungen Komponisten, war, als wäre es vor langem schon aus einem herausgebrochenen, und erst jetzt könnte man es vernehmen, während die andren, mit sich im besten Einvernehmen, noch was ganz andres hören, aber diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen, sind plötzlich viele geworden. Weinende Menschen, die draußenbleiben müssen, an den Kartenschaltern, Hunderte Plätze, alles ausverkauft, und plötzlich wird keine Entrüstung mehr gemacht, die Menschen sitzen auf einem für sie eigens aufgebauten Gerüst und wollen nicht irgendeinen kulturellen Besitz mehren, den sie erworben zu haben glauben, sie wollen das andere bekommen, und wäre es nur deshalb, weil sie es bisher noch nicht hatten und es ihnen ebenfalls zusteht, wie überhaupt alles. Jetzt endlich, mit ihrem Eintritt wollen sie den Lohn für Kämpfe, die sie nicht ausgefochten haben, na, egal, dann halt irgendeinen Lohn, irgendeine Gratifikation dafür, daß sie überhaupt da sind und sich in diesen Zeitfluss hineingeworfen haben, so mutig sind sie gewesen, und, sieh an, sie bekommen sie wirklich, ihre Belohnung, indem diese Musik, die eine junge Frau hervorgebracht hat (und dazu noch die Musiken etlicher anderer unziemlich junger Leute, die auch in den Zeitlfluss hineingekommen sind oder in die next generation, die vielleicht eher ein Netz ist als ein Fluß, und wo sich die bereits etwas größeren Fische dann fangen), plötzlich unentbehrlich geworden ist. Und während sie sich noch selbst für ihren Mut feiern (lassen) wollten, haben sie sich vorgebracht, wie ein Argument, das auch eine Antwort, auch Widerrede erträgt, und es damit aufgegeben, eine Macht zu sein, die bestimm, daß sich nichts ändern darf. Und sie haben sich in diese Musik einspannen lassen, nicht um etwas zu ziehen, sondern um sich einer anderen Macht zu entziehen, die immer alles besser weiß, die Menschen in die eigenen Ziele schleudert, nur damit sie sie vorher in ihre hausgemachten Zwecke eben: einspannen kann, wie einen Pfeil einen Bogen, der in durchdringender, kreischender Wirkungslosigkeit landet. Vielleicht ist nicht jeder Schuß hier ein Treffer, aber die Rate ist gut und für jeden erschwinglich.



