Margarete Wallmann im Fotoarchiv des Theatermuseum Wien
Im Rahmen der Festspiel Academy 2025: Die Salzburger Festspiele. Frauen*.Spuren lesen – Frauen*.Spuren finden
FRANZ PICHORNER
Franz Pichorner (Direktor, Theatermuseum Wien) widmet sich in seinem Beitrag Margarete Wallmann, einer der bedeutenden, zugleich lange unzureichend gewürdigten Künstlerinnen der frühen Salzburger Festspielgeschichte. Ausgangspunkt ist ein Porträt des amerikanischen Fotografen Clarence Sinclair-Bull aus den 1930er Jahren, das sich in der Fotosammlung des Wiener Theatermuseums befindet. Es zeigt Wallmann als eine vielgestaltige Theaterpersönlichkeit: Tänzerin, Choreografin, Bühnenbildnerin, Bewegungsregisseurin und später international erfolgreiche Opernregisseurin.
Im Zentrum des Beitrags steht Wallmanns Wirken bei den Salzburger Festspielen ab 1931. Auf Empfehlung Bruno Walters kam die junge Künstlerin aus Berlin nach Salzburg, wo sie für Christoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice choreografische Aufgaben übernahm. Ihre dem Ausdruckstanz verpflichtete Ästhetik brachte eine neue Form körperlicher Gestaltung auf die Festspielbühne. Mit ihrem rund dreißig Personen umfassenden Tänzerkollektiv etablierte sie ein modernes, bühnenunabhängiges Ensemble, das den Tanz nicht als dekorative Ergänzung, sondern als autonome Ausdrucksform verstand.
Besondere Bedeutung kommt Wallmanns Tanzwerk Das jüngste Gericht zu, das 1931 im Festspielhaus uraufgeführt wurde. In diesem Mysterienspiel entfaltete sie ihr Konzept des chorischen Bewegungsdramas: Die große Gruppe wurde zum zentralen Gestaltungsmittel, Einzeltanz und kollektive Bewegung traten in spannungsvolle Beziehung. Unter Verwendung von Georg Friedrich Händels Concerti grossi verband Wallmann barocke Klangstrukturen mit expressionistischer Körperdramaturgie. Die zeitgenössische Kritik würdigte die Aufführung als künstlerisch innovativ, eindringlich und von hoher formaler Geschlossenheit. Damit wurde der Tanz bei den Salzburger Festspielen als eigenständige Kunstform sichtbar.
Der Beitrag zeichnet Wallmanns weitere Laufbahn als eine Geschichte künstlerischer Durchsetzung, aber auch politischer Gewalt nach. Nach ihrer Tätigkeit als Bewegungsregisseurin in Salzburger Schauspiel- und Opernproduktionen, darunter Max Reinhardts Faust, wurde sie 1934 Ballettmeisterin an der Wiener Staatsoper. Dort entwickelte sie den Versuch eines spezifisch österreichischen Ballettrepertoires. 1938 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen; ihre Eltern wurden in der Shoah ermordet. Das Exil führte Wallmann zunächst nach Buenos Aires, wo sie am Teatro Colón ein Ballettensemble aufbaute, später nach Mailand, wo sie an der Scala und an internationalen Opernhäusern als Choreografin und Regisseurin wirkte.
In der Nachkriegszeit kehrte Wallmann nur punktuell zu den Salzburger Festspielen zurück. Ihre internationale Karriere setzte sich jedoch mit großer Wirkung fort. Besonders ihre 1958 an der Wiener Staatsoper entstandene Inszenierung von Puccinis Tosca wurde zu einem außergewöhnlichen Dokument szenischer Kontinuität: Sie blieb über Jahrzehnte im Repertoire und prägt bis heute das Gedächtnis des Hauses.
Der Video-Beitrag macht Margarete Wallmann als Schlüsselfigur einer transdisziplinären Theatermoderne sichtbar. Ihre Arbeit überschritt die Grenzen zwischen Tanz, Oper, Schauspiel und Regie. Zugleich verweist ihre Biografie auf die Brüche des 20. Jahrhunderts: künstlerische Innovation, Exil, antisemitische Verfolgung und die nachträgliche Rekonstruktion einer nur teilweise erinnerten Karriere. Wallmann erscheint damit nicht nur als Pionierin des Ausdruckstanzes bei den Salzburger Festspielen, sondern als exemplarische Figur einer europäischen Theatergeschichte, deren weibliche Protagonistinnen noch immer neu zu entdecken sind.



