Berta Zuckerkandl am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Festspiel Academy 2025: Die Salzburger Festspiele. Frauen*.Spuren lesen – Frauen*.Spuren finden

Arnhilt Inguglia-Höfles (Stv. Leiterin, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek) Beitrag „Berta Zuckerkandl am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek“ eröffnet einen wissenschaftlich-kuratorischen Blick auf den Nachlass Bertha Zuckerkandls. Im Zentrum steht nicht nur die Rekonstruktion einer außergewöhnlichen Biografie, sondern auch die Frage, wie Archive Geschichte formen, sichtbar machen oder über lange Zeiträume unsichtbar halten.

Bertha Zuckerkandl erscheint als vielgestaltige Akteurin der österreichischen Kulturgeschichte: als Salonnière, Kultur- und Politikjournalistin, Übersetzerin, Theatervermittlerin, Diplomatin in patriotisch-pazifistischer Mission und Mitbegründerin der Salzburger Festspiele. Ihre Bedeutung erschließt sich nicht über einen geschlossenen Nachlass, sie wird vielmehr in mehreren Teilbeständen, die erst zwischen 2012 und 2025 in das Literaturarchiv gelangten, sichtbar. Diese fragmentarische Überlieferung verweist unmittelbar auf die Brüche des 20. Jahrhunderts: Flucht, Exil, Verlust und die zerstörerischen Folgen des Nationalsozialismus haben deutliche Spuren in den erhaltenen Materialien hinterlassen.

Arnhilt Inguglia-Höfle macht sichtbar, dass Archivbestände keine neutralen Speicherorte sind. Vielmehr werden sie als Orte der Macht, der Auswahl und der Wissensproduktion lesbar. Gerade die Überlieferung von Frauen ist in Kulturarchiven historisch unterrepräsentiert. Am Beispiel Zuckerkandls wird deutlich, wie weibliche kulturelle Arbeit – etwa Netzwerkarbeit, Übersetzung, journalistische Vermittlung oder salonkulturelle Praxis – häufig als sekundär, marginal oder „klein“ klassifiziert wurde, obwohl sie zentrale Funktionen im kulturellen Leben erfüllte.

Besonders eindrucksvoll sind die im Video gezeigten Dokumente, Fotografien, Visitenkarten, Briefe und Autografenbücher. Sie verweisen auf Zuckerkandls internationale Vernetzung ebenso wie auf die fragile Materialität biografischer Erinnerung. Die Korrespondenz mit Hugo von Hofmannsthal, nur noch in Abschriften und Kopien überliefert, steht exemplarisch für die Umwege, Verluste und nachträglichen Rekonstruktionen, durch die dieser Nachlass heute zugänglich wird. Auch die Autografenbücher ihres Enkels Emil Zuckerkandl werden als historische Zeugnisse eines weitreichenden kulturellen Netzwerks vorgestellt.